CSI Miami - Dreams - completed

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    • CSI Miami - Dreams - completed

      Autor: Steph Ackles
      Rating: [IMG:http://i1024.photobucket.com/albums/y306/StephAckles/fsk16.gif]
      Genre: Love/Romance
      Serie: CSI: Miami/NY Crossover
      Pairing: Ryan/Haley
      Spoiler: Nein
      Disclaimer: Ryan gehört nicht mir, alles andere ist meinem Kopf entsprungen.
      Kurzer Inhalt: Wie immer das Übliche... Junge trifft Mädchen usw.


      Dreams


      Kapitel 1

      24.August 1998

      Haley


      Heute war es soweit. Mein erster Tag. Mein erster Tag am College. Da stand ich nun. Allein. Nein, nicht allein. Ich hatte schließlich meinen Koffer dabei. Ein schwacher Trost, ich weiß. Ich kramte in meiner Tasche um nach dem Zettel zu suchen, den ich vom College bekam. Darauf stand, wo ich hin sollte und an wen ich mich wenden musste. Da stand ich nun immer noch. Vor dem großen Gebäude des Boston College. Ich war im Mai 19 Jahre alt geworden und musste schon mein zu Hause verlassen. Klar, alle mussten es tun, ich war nicht die Einzige. Aber ich fühlte mich gerade so einsam. Ich war noch nie von zu Hause weg. Ich sah noch einmal auf den Zettel. Ich sollte mich bei Leslie Duncan melden. Leslie? Hoffentlich war es ein Mädchen. Nicht, dass ich keine Jungs mögen würde, aber ich kam mit Mädchen eben besser klar. In der Highschool war es auch schon so. Ich hatte nie viele männliche Freunde. Eigentlich hatte ich keine männlichen Freunde. Bis auf einen. Jonathan Parks. Er war nicht nur mein einziger männlicher Freund, zudem war er auch mein bester Freund, den ich sehr vermissen würde, hier in Boston. Meine Eltern sagten mir, ich solle in New York studieren, aber nein... Haley Carol Taylor, das bin ich, wollte natürlich meinen Willen durchsetzen und tun, was ich wollte. Und was ich wollte, war weg von zu Hause. Weg von meinen Eltern, weg von meinen wenigen Freunden und weg von Jon. Nein, von ihm wollte ich nicht weg. Nicht wirklich. Jonathan war etwas ganz besonderes. Wir waren sogar zusammen auf dem Abschlussball. Ein perfektes Paar wurden wir genannt. Doch das stimmte nicht. Wir waren nie zusammen gewesen und würden es auch nie werden. Jon war schwul und daher nur ein Freund. Ich liebte ihn vom ganzen Herzen, aber eben nur freundschaftlich. Er wusste immer, was er sagen oder tun musste, wenn es mir schlecht ging. Ja, ihn würde ich sehr vermissen. Aber gut, das ist nicht das Thema, ich weiß. Ich war nach wie vor auf der Suche nach Leslie. Ich entschloss mich zunächst nach dem Sekretariat zu suchen. Die würden mir sicher sagen können, wo Leslie zu finden sein würde.
      Während ich suche kann ich euch ja noch ein wenig von mir erzählen, sofern ihr es wollt. Wenn nicht, überspringt einfach den nächsten Teil.
      Mein Name ist, wie oben schon erwähnt, Haley Carol Taylor. Geboren wurde ich in Deutschland, kann mich aber gar nicht an Deutschland erinnern. Mein Vater ist New Yorker, hat aber meine Mum in Deutschland geheiratet und wohnte mit ihr etwa drei Jahre dort. Meine Eltern siedelten nach New York über, als ich zwei Jahre alt war. Mein Dad bekam dort einen Job in der Partnerkanzlei der Firma, wo er in Deutschland gearbeitet hatte. Seitdem lebten wir hier und sind auch auf dem Papier Amerikaner. Mein Dad, Jack Taylor, ist Anwalt und für ihn wäre es das Größte, wenn ich ebenfalls Anwältin werden würde. Er träumt von der Kanzlei „Taylor und Taylor“, aber diesen Wunschtraum werde ich ihm nicht erfüllen. Ich bin nun einmal nicht an Jura interessiert. Meine Mum, Katrin Taylor, hier nur Kat genannt, war einmal Hotelfachfrau, aber nach dem ich kam, wurde sie Hausfrau und Mutter. Noch etwas, was mir nicht zusagte. Den ganzen Tag zu Hause sein, kochen, putzen und sich ums Kind kümmern, das wäre nichts für mich. Aber hey, ich wollte euch etwas von mir und nicht von meinen Eltern erzählen.
      Ich besuchte in New York den Kindergarten, die Junior Highschool und die Highschool. Meine Noten waren immer gut, und meine Eltern immer stolz auf mich. Ich war das, was man eine gute Tochter nannte. Manchmal nervte es mich, dass ich immer nur die Gute war. Hier im College sollte sich alles ändern. Ich wollte Partys feiern, mal über die Strenge schlagen und vielleicht auch mit einem süßen Typen zusammen sein. Ja genau. Das waren meine Ziele. Klar, ein weiteres Ziel war natürlich das Lernen und meinen Collegeabschluss zu machen. Aber erst einmal galt meinem Ziel, diese oder diesen Leslie zu finden. Ich trat also ins Sekretariat ein und sah dort eine Sekretärin sitzen. Oh mein Gott. Genauso wie ich sie mir in den schlimmsten Träumen vorgestellt hatte. Dick, Brille, eine dicke Brille, wohlgemerkt, Die Haare zu einem strengen Dutt zusammen gebunden und kein Lächeln auf den Lippen. Na wunderbar. Und mit der Person sollte ICH jetzt auch noch reden.
      Ich trat näher. Die dicke Frau sah mich mürrisch an.
      „Ja, bitte?“, bellte sie.
      Na klasse. Nette Frau. Wahrscheinlich schimpfte sie sich auch noch Pädagogin. Ein wunderbarer Start ins Collegeleben.
      „Äh... Guten Tag... ich.. ich suche... ich suche Leslie Duncan. Wissen Sie, wo ich ihn oder sie finden kann?“ Warum ich ihn oder sie gesagt habe, wusste ich nicht. Ich war mir immer noch unsicher, was Leslie wirklich war.
      Bevor die Frau antworten konnte, hörte ich hinter mir eine nette freundliche Frauenstimme, die sagte:
      „Ich bin Leslie.“
      Ich drehte mich um und vor mir stand eine dünne, quirlige, junge Frau mit schwarzen, langen Haaren und grünen Augen. Sie war fast zwei Köpfe größer als ich, aber das war auch kein Wunder. Ich selber war ja auch kaum größer als ein Maggie-Würfel. 1,60 Meter, um genau zu sein. Freundlich sah sie auf mich runter.
      „Du musst Haley sein, richtig? Ich bin deine Tutorin und werde dir helfen, dich hier einzuleben. So schlimm ist es hier gar nicht, man muss sich einfach nur daran gewöhnen, aber das tust du sicher sehr schnell. Jeder lebt sich schnell hier ein. Das kannst du mir glauben“, rasselte sie hinunter ohne auch nur einmal Luft zu holen.
      „Äh... ja... gut“, stammelte ich. Am Liebsten hätte ich sie gefragt, ob sie durch heimliche Kiemen Luft holte, um so schnell reden zu können. Aber als gut erzogenes Mädchen tat ich es natürlich nicht. Man müsste glauben, ich hätte ein loses Mundwerk, weil ich aus New York City stammte, aber dem war nicht so. Ich konnte sehr höflich sein. Das hatte ich meiner Mum zu verdanken. Sie achtete immer darauf, wie ich mich ausdrückte. Meinem Dad merkte man schon eher an, dass er New Yorker ist. Aber ich schweife schon wieder ab. Leslie nahm ganz unbefangen meine Hand und schleifte mich durch das Gebäude.
      „Hier sind die Hörsäle und die Naturwissenschaftsräume sind da drüben“, erklärte sie und zeigte einmal nach links und dann wieder nach rechts. Naturwissenschaft. Das hörte sich doch gut an. Mathematik, Biologie, Chemie, Physik. Meine Fächer. In der Highschool schon hatte ich in diesen Fächern eine eins. Okay, in den anderen auch, ich sagte ja, ich war und bin immer noch eine Streberin. Allerdings war ich nicht so, wie man sie aus Filmen kannte. Ich trug zwar eine Brille, aber eine dünne mit kleinen Gläsern. Außerdem trug ich, na ich nenne es mal, normale Kleidung. Die Streber, die man aus dem Fernsehen kannte, trugen ja meistens unmoderne Latzhosen oder Kleider, in denen man aussah, als sei man 90 Jahre alt. Das tat ich nicht. Ich ging zwar nicht immer mit der Mode, aber das musste ja auch nicht sein. Hey, ich schweife schon wieder ab. Warum sagt denn nicht mal jemand: Stopp! Konzentrier dich auf das Wesentliche? Danke Leute. Echt nett, dass ihr mich nicht ausbremst...
      Leslie und ich waren jedenfalls gerade aus dem Gebäude rausgegangen und standen auf dem Campusgelände.
      Leslie zeigte auf ein kleineres Gebäude und erklärte:
      „Da sind die Speisesäle. Frühstück, Mittagessen und Abendessen. Eine genaue Liste mit den Zeiten dürfte bei dir im Zimmer liegen. Und da gehen wir jetzt hin. Da vorne“, sie zeigte auf ein Haus „schlafen die Jungs. Und hier“, sie zeigte wieder auf ein anderes Haus „schlafen wir. Komm mit.“
      Die letzten zwei Worte hätte sie sich auch sparen können, da sie mich quasi an der Hand mitzog. Zwei verschiedene Schlafsäle? Na, das war mal was. Meine Eltern würden begeistert sein.
      „Nun komm endlich“, drängelte Leslie. Scheinbar war sie aufgeregter als ich, dabei war sie schon im dritten Jahr, also im 5. Semester. Das stand ebenfalls auf meinem Zettel, daher wusste ich es so genau.
      Abrupt blieb Leslie stehen. Vor einer Tür an der die Zahlen 345 in goldenen Lettern angebracht waren.
      „Das ist dein Zimmer. Ich schlafe gegenüber in 340. Nur für den Fall, dass du etwas brauchst. Komm, wir gehen rein“, hieß sie mir und öffnete einfach die Tür.
      Ich trat einen Schritt herein. Es war ein großes Zimmer mit einem Bett an der einen und einem weiteren Bett an der anderen Wand. In der Mitte einer Wand war ein großes Fenster und davor stand ein großer Schreibtisch mit einem Computer davor. Auf dem Bett an der linken Wand (wenn man reinkam, so gesehen) lagen schon Koffer und einige Kleidungsstücke. Scheinbar hatte ich eine Mitbewohnerin, die auch gerade einziehen wollte.
      „Also, ich lass dich dann mal alleine. Wenn du etwas brauchst, meine Zimmernummer kennst du ja.“
      Leslie schnappte sich einen Zettel und schrieb zwei Nummern auf.
      „Das ist meine Zimmer-Telefonnummer und das da unten ist die Mobilnummer. Ruf einfach an, wenn du etwas brauchst.“
      Bevor ich etwas sagen konnte, war sie weg. Ich seufzte und ließ mich erst einmal auf mein Bett fallen.


      **************************************************************

      Ryan

      Die Semesterferien waren vorbei. Ich war wieder auf dem Weg ins College. Mein 5. Semester sollte heute beginnen. Heute... ausgerechnet heute. Also der Tag an sich war okay, Montag... aber die Woche war schlecht gewählt. Morgen ist mein Geburtstag. Mein 21. wohlgemerkt. Ich konnte nicht einmal feiern, was nicht nur mir nicht gefiel. Mein Bruder Matt nervte mich auch bereits. Er war 23 Jahre alt und ist der Meinung, ich müsste genau so eine große Party haben, wie er, als er 21 wurde. Leider ging das aber nicht. Nicht dieses Jahr. Letztes Jahr wäre es gegangen, aber nun gut. Ich beschwer mich nicht. Im Gegenteil. Ich freute mich, wieder aufs College zu gehen. Nein, nicht weil ich gerne lernte, sondern weil ich es bald hinter mir hatte. Noch 2 Jahre, dann würde ich fertig sein. Zumindest mit dem Biologie und Chemie-Studium. Wie es weitergehen würde, weiß ich natürlich noch nicht. Ich hatte meine Ziele, aber ob ich die auch wirklich erreichen würde, das wussten nur die Sterne und Gott, sofern es ihn überhaupt gibt.
      Doch nun fing erst einmal mein drittes Jahr an. Meine Eltern, Geschwister und Freunde konnten bis heute nicht verstehen, warum ich mich dazu entschlossen habe, Chemie und Biologie zu studieren. Das mussten sie auch nicht. Mir gefiel es und es machte Spaß. Abgesehen davon, waren dies in der Schule bereits meine besten Fächer. Was? Oh, tut mir leid. Ich bin Ryan. Ryan Wolfe. Meine Freunde nennen mich Ry oder Wölfchen, aber das auch nur, wenn sie mich ärgern wollen. Ich hasse Wölfchen, was meine Freunde auch dummerweise wissen. Ich bin hier in Boston aufgewachsen und wohne zur Zeit immer noch bei meinen Eltern. Nun ja... wohnen ist vielleicht das falsche Wort, da ich dort eigentlich nur noch zum Schlafen oder Duschen hingehe. Ich bin viel unterwegs. Wenn ich nicht gerade studiere, arbeite ich nebenbei in dem Plattenladen hier in Boston. Irgendwie musste ich mir ja mein Studium finanzieren. Meine Eltern? Klar, die bezahlten auch, aber ich bin ein guter Sohn und versuche sie zu entlasten. Eine Eigenschaft, die Matt nie hatte. Wie gesagt, ich bin ein guter Sohn. Aber das war nicht das Thema. Wo war ich? Ach ja... morgen war mein Geburtstag. Nein, ich hatte nicht vor, eine Party zu machen. Wie denn auch? Ich musste schließlich sofort wieder lernen, arbeiten, Ordnung in mein chaotisches zu Hause reinbringen (ich bin zwangsneurotisch veranlagt, aber dazu komme ich sicher noch irgendwann einmal zurück), und was noch? Ach ja... einen Erstsemester bekam ich auch noch, für den ich Tutor spielen musste. Oder soll ich besser sagen Babysitter. Hoffentlich war mein Schützling dieses Jahr besser, als der vom letzten Jahr. Jonah Hunter. Er ähnelte von Aussehen und vom Charakter zwar eher an Mork als an einen Jonah, aber na ja... ich hatte ihn überlebt, schlimmer kann es nicht mehr kommen. Wie bitte? Wer Mork ist? Kennt ihr die Serie nicht mehr? Mork vom Ork mit Robin Williams als Mork. Ich weiß nicht, wie alt die Serie ist, aber die gibt es und als Kind habe ich sie sogar gesehen. Nun gut, ist ja auch egal.
      Jetzt war ich zumindest auf den Weg zu Miss Franklin, der Sekretärin. Zu ihr selber musste ich zum Glück nicht, ich musste dort lediglich auf meinen neuen Schützling warten. Miss Franklin mag ich nicht, aber das beruht wahrscheinlich auf Gegenseitigkeit. Das ist ja auch kein Wunder, denn ich glaube, Miss Franklin mag weder Kinder, noch Jugendliche und Erwachsene schon gar nicht. Sie mag scheinbar nur sich selber, was meines Erachtens auch schon wieder schwer sein musste.
      Wolfe! Du wirst schon wieder voreingenommen, ermahnte ich mich selber.
      Als ich gerade den Campus zur Hälfe überquert hatte, klingelte mein Handy.
      „Wolfe?“, meldete ich mich wie immer und wurde auch gleich lautstark begrüßt.
      „Ryan, Alter! Bist du schon im College??“
      Es war mein älterer, nerviger und leicht idiotischer Cousin Eric. Leicht idiotisch ist hier natürlich nett gemeint, denn er ist auch noch ein sehr guter Freund, nicht nur nervige Verwandtschaft. Eric Cunningham ist gerade 23 Jahre alt und studierte am Caroll College in Wisconsin, wo er auch aufgewachsen ist. Eric nennt sich Schauspieler, er hatte sogar schon eine Rolle in der Fernsehserie „Das Netz.“ Merkwürdigerweise wurde er nicht verurteilt, weil er Schauspieler werden wollte, aber ich wurde ständig ermahnt, dass Biologie und Chemie nichts für mich sei. Meine Mum sagt immer zu mir: „Dein Gesicht ist viel zu hübsch, als dass es in einem Labor versteckt werden muss.“ Aber wer sagt denn, dass man nur in einem Labor arbeiten konnte? Na, egal. Ich telefonierte hier schließlich mit Eric.
      „Was willst du?“
      „Was ist mit morgen, Ry?“
      „Nichts ist morgen.“
      „Man, Alter! Du wirst morgen zu einem richtigen Mann, ist dir das eigentlich klar?“
      Zum Mann werden? Wenn man es genau nehmen will, bin ich es schon lange geworden, aber das sind unkeusche Gedanken, die nicht hier her gehören.
      „Eric, ich kann nicht feiern. Es gibt keine Party.“
      „Bitte? Der 21. Geburtstag ist etwas ganz besonderes. Den kannst du nicht ausfallen lassen.“
      „Eric, wer redet denn vom ausfallen lassen? Ich kann nur keine Party schmeißen. Ich muss morgen arbeiten, ich kriege wieder einen Schützling und am Donnerstag steht schon die erste Klausur an. Es geht einfach nicht. Am Wochenende werde ich etwas machen und hoffe, du schaffst es dann, zu mir zu kommen.“
      „Mensch, Wölfchen. Was glaubst du denn? Natürlich komme ich. Die Party lasse ich mir nicht entgehen.“
      „Klasse. Du, ich ruf dich nachher noch mal an. Ich muss weiter.“
      Bevor er noch was sagen konnte, beendete ich das Gespräch. Handys... wer hat die Dinger nur erfunden?
      Endlich war ich im Sekretariat angekommen. Miss Franklin blickte wie immer ernst drein, man könnte glatt Angst bekommen. Wenn ich ehrlich war, hatte ich auch immer eine gewisse Angst, sie könnte uns irgend etwas antun.
      Ich hatte einen Zettel bekommen, auf dem der Name des Jungen stand, den ich betreuen sollte.
      „Hey, Miss Franklin. Wie geht es Ihnen. Die Ferien haben Ihnen sichtlich gut getan“, schleimte ich sie voll.
      Kein Danke, kein ‚schleim nicht rum’, nichts! Rein gar nichts, außer den ernsten Blick.
      „Ach egal. Sagen Sie Paul Davis bitte, dass ich dort auf ihn warte, wenn er nach mir fragt?“
      Sie nickte nur.
      Sehr freundlich. Mal wieder sehr freundlich. Und so etwas schimpft sich Pädagogin...
      Ich wartete etwa fünf Minuten, als ein Junge reinkam, der im Gegensatz zu Jonah vom letzten Jahr nicht so verängstigt und tollpatschig wirkte. Ich hörte, dass er Miss Franklin seinen Namen sagte, diese darauf hin nur in meine Richtung zeigte. Der arme Junge. Gleich am ersten Tag musste er so einen Schock zu erleben. Das war schrecklich. Mir ging es vor zwei Jahren nicht anders. Mein Tutor war George Finch. Ein netter Mensch, der allerdings nur Football im Hirn hatte.
      „Ryan Wolfe?“, fragte Paul.
      „Ja. Der bin ich.“
      Er stellte sich mir mit Handschlag vor und ich fragte erst einmal:
      „Willst du erst einmal deine Sachen in dein Zimmer bringen, oder soll ich gleich mit dem Rundgang anfangen?“
      „Das Zimmer wäre schon klasse für den Anfang“, antwortete er mir.
      Also gingen wir los und waren wenig später im Jungen-Schlaf-Haus angekommen.
      Nachdem Paul seine Sachen abgestellt hatte, wollte er natürlich auch den Rest sehen. Wir gingen wieder nach draußen. Von Weitem sah ich Leslie. Sie war eine Freundin von mir. Sie schien auch schon ihren Schützling zu haben. Immerhin war sie in Begleitung eines kleinen, von hier aus süß aussehenden, jungen Mädchens. Das Mädchen tat mir jetzt schon leid. Leslie war nett, ließ aber niemanden richtig zu Wort kommen, weil sie selber immer etwas zu erzählen hatte, und das tat sie dann auch. Ohne Punkt oder Komma. Nichts desto trotz wollte ich nachher noch einen Kaffee mit Les trinken gehen. Natürlich würden unsere Schützlinge dabei sein.

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    • Teil 2

      Hailey

      Da saß ich nun. In meinem neuen Zimmer, meinem neuen zu Hause. Allein. Ich war wieder allein. Ich fühlte mich wieder ziemlich verloren und klein. Aber zumindest war Leslie ein Mädchen. Das beruhigte mich schon sehr. Was mach ich nun? Sollte ich meinen Stundenplan schon zusammen stellen? Welche Fächer ich machen wollte, wusste ich immerhin schon. Ich wollte Chemie und Biologie studieren. Meine Eltern waren zwar dagegen, weil mein Dad ja wollte, dass ich Jura studiere, aber mir war es egal. Also Stundenplan! Oder doch noch nicht?
      Auspacken wäre gut. Ja, genau. Ich fange damit an. Meine Eltern würde ich später anrufen. Ich sollte sie anrufen, wenn ich auf meinem Zimmer wäre. Sie mussten schließlich alles erfahren, was hier so vor sich ginge. Doch das mache ich, wie gesagt, später.
      Sie haben mich hergefahren und waren jetzt sicher noch nicht wieder zu Hause. Wahrscheinlich lief es wieder so ab, dass Dad zu schnell fuhr und Mom ihn anmeckerte, so dass er einfach irgendwo angehalten hat, sie sich stritten und dann wieder weiterfahren würden. So lief es immer ab mit den beiden, das nervte mich gewaltig. Letzten Sommer hatte ich die Dreistigkeit zu sagen, dass sie sich nicht streiten sollten, während der Fahrt. Das Ende vom Lied war, dass ich fahren durfte. Und das ist wahrlich kein Zuckerschlecken, wenn Dad neben mir ständig sagte, was ich zu tun und zu lassen hatte und Mom von hinten ständig zeterte, er solle mich in Ruhe fahren lassen.
      Aber egal. An meine Eltern wollte ich jetzt nicht denken. Ich fing an, meinen Koffer nach und nach auszupacken. Ich hatte gerade die T-Shirts draußen, als ich eine Mädchenstimme hörte: „Hey, ich bin Laura.“
      „Hi. Ich bin Haley. Wohnst du hier?“
      „Ja. Das ist mein Zimmer. Nun ja... nun wohl unser Zimmer.“
      Ich reichte ihr die Hand, die sie annahm.
      „Nett, dich kennen zu lernen. Du bist also die Neue.“
      „Ja, leider.“
      „Wieso leider?“
      „Ich bin ungern die Neue.“
      „Geht mir auch so. Du fängst heute also hier an? Wo kommst du her?“, wollte Laura wissen.
      „Aus New York.“
      „Wow. Ich bin aus Ohio!“
      „Auch nicht schlecht. Ohio soll schön sein.“
      „Ist es auch. Aber ich bin froh, endlich von zu Hause weg zu sein. Meine Eltern und Geschwister sind einfach nur nervig. Kennst du das auch?“
      Sind alle hier im College sofort so freundlich und plappern wie die Niagara-Fälle? Ich fand es einerseits schön, andererseits war es einfach nur verwirrend. Wahrscheinlich müsste ich mich nur daran gewöhnen.
      „Meine Eltern nerven auch“, antwortete ich, während ich meine Tasche weiter auspackte.
      „Deine Geschwister nicht? Meine sind so nervig. Ich bin die Älteste und habe noch 4 jüngere Geschwister.“
      „Ich bin Einzelkind“, erläuterte ich.
      „Wow, das muss toll sein“, bemerkte Laura.
      „Nicht wirklich. Einerseits ja, aber andererseits ist man automatisch immer schuld an allem, was passiert.“
      „Stimmt. Ich schiebe auch immer alles auf meinen jüngsten Bruder. Er ist gerade mal 5 Jahre alt.“
      „Wie fies. Tja, ich hatte das Vergnügen leider nie.“
      Ich wollte immer Geschwister haben, aber da ich von Geburt an einen Herzfehler hatte, wollten meine Eltern keine weiteren Kinder. Sie waren eigentlich immer für mich da und nur für mich. Seit einigen Jahren habe ich meine Eltern soweit, dass sie mich nicht mehr in Watte packten und ich für mich selber entscheiden durfte. Als ich noch klein war, war es am Schlimmsten. Nichts durfte ich allein tun und nirgends durfte ich alleine hin. Sich Sorgen machen ist die eine Sache, aber beglucken ist eine andere Sache. Vermutlich ist das auch ein Grund, warum ich damals nie viele Freunde hatte. Ich durfte ja nichts.
      Nun ja. Jetzt bin ich 19 Jahre alt, im College und ich kann tun und lassen was ich will.
      Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen, als Leslie in der Tür stand und mit Laura um die Wette quatschte.
      „Hey, wo warst du mit deinen Gedanken?“, fragte Leslie mich.
      „Nicht hier, jedenfalls. Was gibt es denn?“
      „Kommt ihr mit, einen Kaffee trinken? Oder Cola, Pepsi, Saft... egal. Was ihr wollt.“
      „Wo denn?“, wollte ich wissen.
      „Na, hier am Campus. Wir nehmen uns den Kaffeebecher mit und setzen uns auf die Wiese. Noch geht es ja, wenn es kalt wird, werden wir froh sein, drin bleiben zu dürfen“, erklärte Leslie mir, uns, wie auch immer.
      „Na was nun? Kommt ihr jetzt mit, oder nicht?“, fragte Leslie erneut, als keine von uns beiden etwas sagte.
      „Ich komme mit“, sagte Laura und nun sahen beide mich an.
      Ich überlegte. Lust hatte ich eigentlich keine, mit mir wildfremden Menschen auf einer Wiese zu hocken und dumme Gespräche zu führen. Doch andererseits, wenn ich ein neues Leben haben wollte und endlich neue Freunde finden wollte, musste ich einfach mitgehen. Also antwortete ich:
      „Sicher, ich muss mich nur schnell umziehen.“
      Ich hatte mir heute Morgen nur schnell eine Bluse angezogen, aber es war so warm, dass diese schon mehr oder weniger durchgeschwitzt war. Also zog ich mir schnell ein weißes T-Shirt mit einem leichten Ausschnitt über. Meine Narbe, die den Brustkorb zierte, sah man nur ansatzweise. Es störte mich nicht mehr. Früher störte es mich, aber heute war es mir egal. Es war ein Teil von mir und man musste mich einfach so akzeptieren. Abgesehen davon, sah die Narbe sehr gut aus. Es war eine schöne Narbe, wie ich immer sagte.
      Ich kämmte mir auch meine Haare durch und verließ das kleine Badezimmer, welches direkt an unser Zimmer grenzte.
      Als ich raus kam, telefonierte Leslie gerade mit ihrem Handy. Ich hörte nur noch, wie sie sagte: „Nerv nicht, Ry! Wir kommen gleich.“
      Dann legte sie auf.
      „Können wir?“, fragte sie und Laura und ich nickten.
      Wir holten uns einen Automatenkaffee und traten hinaus in die Augustsonne, die über dem Campus brütete.

      **************************************************************

      Ryan

      Paul erwies sich als ein superlieber Kerl. Er hatte was im Kopf, und zwar mehr als nur Sport und Frauen. Viel mehr. Er wollte Politik studieren, so sagte er mir. Warum nur? Politik war doch so was von langweilig. Aber gut, musste ja jeder selber wissen. Mir wird ja schließlich auch immer gesagt, dass Biologie und Chemie langweilig wären. Wobei meine Cousins der Meinung sind, dass es sich bei Biologie nur um Fortpflanzung und Sex handelte. Was wissen die denn schon? Klar lernten wir das auch, allerdings nur die Theorie, aber das war bei Weitem nicht alles, was Biologie beinhaltete. Mich interessierte vor allem die Genetik. Doch nun gut davon, was mein Umfeld davon hält, habe ich ja bereits gesagt.
      Was aber das Beste an Paul war, war die Tatsache, dass er so ganz anders als Jonah war. Das war echt klasse. Endlich ein Mensch, der mich nicht nervt. Neben meiner nervigen Verwandtschaft brauche ich einfach normale Menschen um mich herum. Wie schon gesagt, ich liebe meine Verwandtschaft und wenn ich sie hier als nervig betitle, ist das sicher nicht böse gemeint.
      Nun gut, ich zeigte Paul wo die Zimmer waren. Ich hatte eigentlich gedacht, er würde erst mal in seinem Zimmer bleiben wollen, was aber nicht der Fall war.
      „Wo ist dein Zimmer?“, fragte Paul mich, als er aus seinem neuen Zimmer wieder draußen war.
      „Ich habe hier keins. Meine Eltern wohnen hier in der Nähe. Ich bin also demnach zu Hause.“
      „Cool. Bist du also hier auch geboren?“
      Na toll. Auch noch neugierig. Neugierig aber nett.
      „Ja, so ist es.“
      Paul sah auf das Buch, was ich noch in der Hand hatte.
      „Chemie?“
      „Mh... ich habe Donnerstag schon die erste Klausur und müsste eigentlich noch lernen.“
      „Oh und ich nerve dich auch noch.“
      „Quatsch. Das war klar, dass du heute kommst, von daher. Ich habe meinen Tag schon durchgeplant. Jetzt zeige ich dir das Gelände und die einzelnen Räume. Das wird so ungefähr anderthalb Stunden dauern. Danach wollte ich mich noch für eine Stunde mit einer Freundin treffen. Wenn du willst, kannst du mit gehen. Wir treffen uns auf der Campuswiese. Ja und dann gehe ich nach Hause und lerne ein wenig, bis ich zur Arbeit muss.“
      „Wow. Richtig durchorganisiert, was?“
      „Ja, das ist eine... na sagen wir mal, Marotte von mir.“
      „Schadet ja nicht.“
      „Sehe ich auch so. Aber nun komm. Sonst schaffe ich es nicht im Zeitplan zu bleiben“, sagte ich grinsend zu Paul und wir machten uns auf den Weg zur Campusbesichtigung. Ich zeigte ihm nur das Wesentliche. Die Vorlesungsräume, die Cafeteria und das Mädchenwohnheim. Ja, das gehörte auch zu den wesentlichen Dingen. Es wurde mal Zeit, dass ich mich dort mal genauer umsah. Mir wird immer wieder gesagt, dass ich endlich eine Freundin bräuchte. Meine Schwester sagt es mir am häufigsten. Wahrscheinlich will sie nur, dass ich mich ablenke. Aber wovon? Sie sagt, ich brauche eine Frau um meine Neurosen zu vergessen. Ich habe keine Neurosen, ich bin nur leicht neurotisch veranlagt. Abgesehen davon schafft es keine Frau mich von meinen Neurosen, die ja nicht vorhanden sind, abzulenken. Was wusste meine Schwester schon? Sie war drei Jahre jünger als, ging noch mehr schlecht als recht zur Highschool und konnte froh sein, wenn sie den Abschluss schaffen würde. Auf meine Angebote, ihr beim Lernen zu helfen, ging Beverly, so heißt meine Schwester, nie ein. Nun ja, was soll’s? Mehr als anbieten konnte ich mich auch nicht. Wer nicht will, der hat schon, sagt meine Mom immer.
      Nachdem ich Paul alles nötige gezeigt hatte, fragte ich: „Und? Hast du nun Lust mit zu kommen? Du wirst meine Freundin Leslie lieben“, grinste ich.
      „Nun ja. Ich komme mit, aber ich weiß nicht, warum ich deine Freundin lieben sollte.“
      „Oh nein. Sie ist nicht MEINE Freundin, nur meine Freundin. Meine gute Freundin“, erklärte ich ihm schnell.
      So sehr ich Leslie auch mochte, aber mit der Quasseltante würde ich ungern den Rest meines Lebens verbringen wollen. Dennoch rief ich sie an.
      „Hey, Ryan hier. Treffen wir uns gleich? So in 10 Minuten?“
      „Klar. Wie immer?“
      „Wie immer! Bis gleich.“
      Wir legten wieder auf.
      „Wow, das ging schnell“, bemerkte Paul.
      „Na ja. Wir machen das ja immer, daher brauchen wir nicht so viele Worte. Komm, wir holen uns einen Kaffee“, sagte ich und wir gingen zum Automaten. Ich liebte Kaffee. Ich konnte gar nicht mehr ohne Kaffee wach werden, geschweige denn leben.
      An den Automaten ging es dann recht schnell. Immerhin mochte kaum jemand diesen Kaffee so wirklich gern, aber mir war es egal. Hauptsache dunkel, stark und aufputschend. Im Laufe der letzten zwei Jahre habe ich Unmengen Kaffee vernichtet. Während der Klausurwochen habe ich mich ausschließlich damit wachgehalten. Wirklich nur mit Kaffee, auch wenn einige von euch das vielleicht nicht glauben können.
      Nun gut, nachdem ich meine Droge hatte, gingen wir auf den Campus und warteten. Leslie würde sicher noch ihren neuen Schützling mitbringen. Sehr gut, je mehr desto besser. Letztes Jahr machten wir das auch, da gefielen uns nur unsere Schützlinge nicht. Leslies Schützling war genau wie Jonah nervig, aufdringlich und sie trug übertrieben viel und übertrieben buntes Make-up.
      Wie Leslie und ich uns kennen gelernt haben? Ach, das ist schnell erzählt. Wir fingen im selben Jahr hier am College an und hatten dieselbe anfängliche Angst vor dem Drachen, der sich Sekretärin nennt. Irgendwie verstanden wir uns sofort und wurden schnell gute Freunde. Seitdem sehen wir uns fast täglich, gehen zusammen aus und retten uns gegenseitig von schrecklichen Freunden und Freundinnen. Muss ich noch kurz darauf eingehen? Na gut, ein kleines Beispiel gebe ich euch.
      Vor etwa einem halben Jahr hatte ich eine Freundin, die mich, nachdem ich mich von ihr getrennt hatte, immer noch nervte. Sie wusste, dass ich keine neue Freundin hatte, daher war sie der Meinung, sie könnte mich stalken. Tja und irgendwann traf sie mich an, als ich gerade mit Les unterwegs war. Leslie merkte, dass ich genervt war und stellte sich meiner Ex als neue Freundin von mir vor und um es echt wirken zu lassen, knutschte sie mich auch noch ab. Nun ja... seltsame Situationen erfordern seltsame Mittel, nicht wahr? Im Gegenzug dazu durfte ich dann auch ihren Freund mimen, als sie mich brauchte. Klingt komisch, ich weiß, aber effektiv.
      Nun gut. Ich wartete mit Paul nun schon 15 Minuten, als ich noch einmal bei Les anrief.
      „Wo bleibst du denn?“, fragte ich, nachdem sie abhob.
      „Nerv nicht, Ry! Wir kommen gleich“, war alles, was sie sagte. Danach legte sie auf.
      Na, wenn das mal stimmte. Pünktlichkeit war noch nie Leslies Stärke gewesen. Nun ja. Paul und ich machten es uns jedenfalls schon unter der großen Eiche gemütlich. Sobald das Kaffeekränzchen hier beendet wurde, würde ich mich auf den Weg nach Hause machen und meine Jeans in die Waschmaschine zu packen. Wie konnte ich nur so dämlich sein, und eine Decke vergessen?
      Nun ja, nun war es egal.
      Endlich kam Leslie und hatte zwei weitere Mädels im Schlepptau.
      „Hey, da bist du ja“, begrüßte Leslie mich, während sie mir um den Hals fiel.
      „Hi. Wie geht es dir?“
      „Prima.“
      „Der Sommer hat dir gut getan“, sagte ich ihr.
      „Schleim nicht rum, Wolfe!“
      „Okay. Dann eben nicht.“
      Ich stellte ihr Paul vor und sie stellte mir ihre beiden Begleiterinnen vor. Ihr Schützling war in diesem Jahr Haley.
      „Hi, ich bin Ryan“, begrüßte ich erst Laura und dann Haley und reichte ihr die Hand. Sie nahm sie und antwortete: „Hi. Ich bin Haley.“

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    • Teil 3

      Ryan

      Das war also Leslies neuer Schützling. Mh, nicht schlecht. Sie schien allerdings ein wenig nervös zu sein. Warum, wusste ich auch nicht. Wir waren doch alle ganz nett. Ich zumindest. Ja, nicht dass hier wieder Gerüchte aufkommen, dass ich eingebildet und arrogant bin, das bin ich nicht, aber nett bin ich auf jeden Fall.
      Nachdem wir uns alle auf die Wiese gesetzt hatten, musterte ich sie. Natürlich heimlich und mehr aus den Augenwinkeln. Sie war schüchtern, aber das war eigentlich auch verständlich.
      Make-up: Vorhanden, aber dezent.
      Erscheinung: Wie gesagt, schüchtern, aber niedlich.
      Sie war recht klein, hatte lange dunkelblonde bis hellbraune Haare, könnte auch aschblond sein. Ich hab keine Ahnung. Aber ihre Augen... die waren braun. Definitiv braun.
      Nach nur 5 Minuten mit ihr wusste ich, dass sie tausendmal besser war, als die vom letzten Jahr. Wie hieß sie doch gleich? Sindy, mit S! So ein Quatsch, wie ich damals fand und immer noch finde.
      Nun konnte ich inständig hoffen, dass Haley, wenn das Eis so richtig gebrochen war, nicht auch so eine Nervensäge ist, wie Sindy damals. Aber ich glaube nicht, dafür war sie von Anfang an viel zu schüchtern.
      Nun ja, Leslie und ich fingen nun erst einmal an, uns gegenseitig zu erzählen, was wir in den Semesterferien gemacht hatten. Wie erwartet hatte sie einen neuen Freund gehabt, der nun auch wieder ihr neuer Ex-Freund war. So war sie nun mal. Ferienflirts. Quatsch! Wer braucht so etwas denn schon? Leslie, ich weiß. Ich weiß aber auch, dass das, was wir gerade tun, ein wenig unhöflich ist.

      **************************************************************

      Haley

      Leslie, Laura und ich kamen an der Wiese an. Dort standen schon zwei Jungen. Einer stellte sich mir als Paul Davis vor, der andere war Ryan Wolfe. Er war wie Leslie schon im dritten Jahr, zumindest hatte Les es mir vorher noch gesagt.
      Paul sah sehr nett aus mit seinen blonden Haaren und den dunkelblauen Augen. Mein Typ war er nicht, aber er war nett. Ryan war recht groß. Wahrscheinlich auch nicht, aber in meinem Fall (1,55m) war doch so ziemlich jeder groß. Er hatte braune Haare, die sich an einigen Stellen zu Wirbeln drehten. Niedlich, mehr kann ich dazu nicht sagen. Seine Augen waren braun-grün, das sah ich sofort. Ich hatte die Angewohnheit, den Menschen immer erst in die Augen zu schauen, wenn ich jemanden neu kennen lerne und warum sollte es bei Ryan anders sein?
      Wir setzten uns jedenfalls alle hin. Ryan und Leslie fingen an, über die Semesterferien zu reden. Ein wenig unhöflich, aber verständlich. Scheinbar sind die beiden richtig gute Freunde.
      Ich sah mehr meinen Kaffeebecher an, als alles andere. Zwischendurch schweifte mein Blick über den Campus. Hier also ist nun mein neues zu Hause für die nächsten vier Jahre.
      Ich war ganz in Gedanken versunken, als ich Leslies Stimme hörte: „Haley? Hey. Was meinst du? Kommst du mit?“
      „Was? Bitte? Wohin?“
      „Morgen Nachmittag ins Maxx?“
      „Was ist das?“
      „Unsere Stammbar in die wir Studenten dürfen. Für unter 21-jährige gibt es keinen Alkohol und Rauchen ist dort verboten.“
      Ich überlegte. Gleich am ersten Tag neue Menschen kennen lernen und am zweiten Tag ausgehen? Wieso eigentlich nicht?
      „Klar. Ich komme mit.“

      **************************************************************

      Ryan

      Das war typisch Leslie. Ich wollte doch nicht feiern. Nur am Wochenende. Klar, wenn ich sie jetzt fragen würde, würde sie sagen, wir gehen nur aus um Spaß zu haben und nicht, um meinen Geburtstag zu feiern. Ich musste gleich noch arbeiten bis um halb zehn, lernen musste ich auch noch und dann sollte ich morgen ins Maxx? Aber blieb mir eine andere Wahl? Wer Leslie kannte, wusste, dass ich keine Wahl hatte. Na ja. An sich fand ich die Idee ja gut. Wir mussten ja nicht so lange weg bleiben.
      Ich sah auf die Uhr. Mist, wir saßen hier schon fast 2 Stunden. Ich musste dringend los. Für Paul schrieb ich noch meine Handynummer auf, bevor ich sagte: „Leute, ich muss gehen. Paul? Du kommst hier klar, denke ich. Wenn etwas ist, dann ruf mich an.“
      „Wie? Du gehst?“, fragte Leslie.
      „Zeitplan, Les“, war meine Antwort.
      Sie kannte meine Neurosen zu gut und wusste, was ich damit meinte.
      „Man, bist du immer noch so neurotisch?“, fragte sie.
      „Du kennst mich. Ein Sommer ändert daran nichts“, grinste ich.
      Mir machten meine Neurosen nichts aus, aber ich wusste, dass ich andere damit manchmal zur Verzweiflung bringen konnte.
      „Also, ich geh dann mal.“
      Ich wandte mich an Laura und verabschiedete mich. Zu Haley sagte ich noch: „War nett, dich kennen gelernt zu haben. Wir sehen uns. Bye.“
      Dann ging ich nach Hause. Ich musste noch duschen und mich umziehen.

      **************************************************************

      Haley

      Nachdem Ryan weg war, rutschte Leslie noch näher an uns heran und fing an zu flüstern. Warum sie das tat, wusste ich nicht. Es hörte uns ja eh keiner zu.
      „Was macht ihr heute Abend? So gegen 23.00 Uhr?“, fragte sie uns.
      „Schlafen?“, fragte Laura ironisch und auch Paul nickte zustimmend.
      „Nein. Wir gehen alle zu Ryan“, beschloss sie.
      „Wieso denn das?“, fragte ich sie.
      „Ryan hat morgen Geburtstag und ich weiß, dass er nur am Wochenende feiert. Deswegen wollte ich auch morgen ins Maxx. Aber ich finde, wir müssen einfach reinfeiern. Immerhin wird er 21 und das wird man ja auch nur einmal im Leben. Also was ist? Kommt ihr mit, bitte? Ryan freut sich sicher“, erklärte sie uns und verfiel wieder in ihren schnellen Tonfall, in den keiner mehr eingreifen konnte, wenn er zu Wort kommen wollte.
      „Klar, ich komme mit“, antwortete Paul.
      „Ich auch“, sagte Laura.
      „Aber? Aber gibt es hier nicht so was wie einen Zapfenstreik?“, wollte ich wissen. War ja klar, dass wieder mal das brave Mädchen aus mir herauskam. Mist, wieso konnte ich nicht einmal was riskieren? Vielleicht, weil ich nicht gleich am ersten Tag ärger kriegen wollte.
      „Doch, den gibt es. Aber das wird keiner merken. Ich bin da Expertin. Vertrau mir einfach“, meinte Leslie und sah mich aufmunternd an.
      „Na gut. Aber ich habe kein Geschenk.“
      „Ist egal. Wir wollen ja nur eine Kleinigkeit bei ihm trinken. Geschenke kriegt er dann später. Außerdem erwartet er von euch sicher kein Geschenk. Also was ist? Abgemacht?“ Um 23.00 Uhr am Tor?“
      Wir drei nickten. Gut, dass ich mir mit Laura das Zimmer teilte. Dann konnten wir gemeinsam abhauen und ich hätte nicht ganz so viel Angst, erwischt zu werden.
      „Also gut. Dann ist das geklärt und nun machen wir uns ans Studieren“, grinste Leslie und wir trennten uns alle, um die Collegeangelegenheiten zu regeln, die noch zu regeln waren.
      Um 23.00 Uhr trafen wir uns wie verabredet am Tor des Unigeländes. Leslie war schon dort, als Laura und ich ankamen.
      Sie führte uns hinaus und wir gingen erst mal in einen Laden, wo Leslie noch Alkohol kaufte. Sie war ja schon 21 Jahre alt.
      Nun ging es weiter zu Ryan nach Hause.

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    • Teil 4

      25.08.1998

      Ryan


      Die Arbeit war lang und stressig. Nach der Arbeit ging ich nach Hause. Ich hatte eine kleine Wohnung über der Garage meiner Eltern. Es war sehr klein, aber praktisch. Ich brauchte nicht kochen und keine Miete zahlen. Aber meine Wohnung sauber halten. Das war mir sowieso viel lieber, als wenn Mom es machen würde. Sie übersieht immer eine Kleinigkeit. Sei es irgendwo ein wenig Staub oder sie ließ hier und da mal was auf dem Boden liegen. Das machte mich eben wahnsinnig, und nachdem Mom zwei Mal meine Wohnung aufgeräumt hatte, (ich hatte nicht gesagt, dass sie es tun sollte), hatte ich irgendwann die Faxen dicke und Mom durfte es nicht mehr tun.
      Um 23.30 Uhr lag ich endlich im Bett. Gelernt hatte ich auch nichts. Na klasse. Das fing ja schon wieder super an. Aber es war mir jetzt erst mal egal. Ich hatte noch 2 Tage Zeit bis zur Klausur. Und eigentlich war ich eh schon gut in Chemie. Na ja. Ich würde die Klausur schon nicht vermasseln.
      Ich lag nun endlich im Bett. Ich war so müde, dass ich einfach nur schlafen wollte.
      Doch mit Schlafen war nicht sehr viel. Um Punkt Mitternacht klopfte es an meiner Tür.
      „Ne, oder?“, sagte ich leise zu mir, als ich wieder aufstand und zur Tür ging. Zum Glück war ich kein Mensch, der am liebsten nackt schlief. Sonst hätte es noch viel länger gedauert, bis ich die Tür aufmachen konnte.
      Ich öffnete und vor mir standen Leslie, Haley, Laura und Paul. Leslie fing sofort an „Happy Birthday“ zu singen.

      **************************************************************

      Haley

      Ryan sah alles andere als begeistert aus, als wir bei ihm vor der Tür standen. Ich wusste schon, warum ich nicht mitgehen wollte. Aber ich musste mich ja unbedingt wie ein ungehorsamer Teenager benehmen. Wenn meine Eltern das wüssten, dass ich mich gleich am ersten Tag vom Campus geschlichen habe, würden sie durchdrehen. Oder noch schlimmer. Dad würde mir elektronische Fußfesseln verpassen. Ja das würde mein Dad tun.
      „Was macht ihr denn hier?“, fragte Ryan, immer noch sichtlich wenig erfreut darüber, dass wir mitten in der Nacht bei ihm vor der Tür standen.
      „Wir wollen etwas feiern!“, antwortete Leslie und hob die Flasche Sekt an, die sie vorher gekauft hatte. Ohne zu warten, was Ryan dazu sagt, ging Leslie in die Wohnung.
      „Hey! Wenn du mich schon überfällst, dann halte dich bitte auch an die Regeln“, sagte Ryan schon wieder besser gelaunt. Scheinbar freute er sich doch, dass wir da waren.
      Regeln? Der Mann hatte Regeln?
      „Mensch, Ryan! Werd mal lockerer.“
      „Leslie! Du kennst mich. Also bitte!“
      Ohne etwas zu sagen fing Leslie an sich die Schuhe auszuziehen. Ah, ein Mann der Ordnung! Leslie hatte ja heute Nachmittag schon was von Neurosen gefaselt. Aber es war doch nicht neurotisch, wenn man die Schuhe vor der Tür stehen lassen soll.
      Paul, Laura und ich taten es Leslie gleich und traten in Ryans Wohnung, der sich nun doch über uns freute und Gläser für uns alle holte.

      **************************************************************

      Ryan

      Leslie mal wieder. Im ersten Moment war ich schon etwas sauer, dass sie einfach so vor der Tür stand. Aber im Nachhinein war ich eigentlich froh und fand es lieb, dass sie daran gedacht hatte. Die Tatsache, dass sie Laura, Paul und Haley mitgebracht hatte, machte die Sache schon viel angenehmer. Allerdings glaube ich, dass Leslie die drei vom Campusgelände geschleust hatte. Es war nicht ganz rechtens, aber nicht das erste Mal, dass sie so etwas gemacht hat.
      Ich holte erst einmal Gläser, nachdem ich meinen Besuch angewiesen hatte, sich die Schuhe auszuziehen. Wie schon vorher einige Male bemerkt, bin ich neurotisch veranlagt. Ich hasse Schmutz und Bakterien. Und der meiste Schmutz sitzt nun mal unter den Schuhen.
      „Setzt euch“, sagte ich als guter Gastgeber.
      „Nein. Erst einmal richtig. Herzlichen Glückwunsch, Ry!“, sagte Leslie und umarmte mich.
      „Danke sehr. Auch für die... na, ich nenne es mal, Party.“
      Paul, Laura und Haley gratulierten mir auch.
      „Geschenke gibt es aber erst Samstag“, verkündete Leslie.
      „Ach was. Ich will gar keine Geschenke.“
      Ich war eher bescheiden und freute mich einfach, wenn die Leute da waren. Auch ohne Geschenke. Andererseits... wenn schon Geschenke, warum dann nicht gleich? Ich hatte jetzt Geburtstag, nicht erst Samstag. Aber na gut. Ich bin ja bescheiden.
      Nachdem wir auf meinen Geburtstag angestoßen hatten, klingelte mein Telefon.
      „Entschuldigt mich kurz“, sagte ich und ging ans Telefon. Es war einer meiner verrückten Cousins.

      **************************************************************

      Haley

      Ryan ging also ans Telefon. Mitternächtlicher Geburtstagsanruf, dachte ich mir. Kenne ich. Bekam ich auch hin und wieder. Meist nur von Jonathan, aber das war egal.
      Ich sah mich in der kleinen Wohnung um. Sie war sauber. Sogar sehr sauber. Fast schon steril. Die Bücher in seinem Regal waren ordentlich aufgereiht. Der einzige Platz, wo ein bisschen Chaos herrschte, war auf seinem Schreibtisch. Dort lagen zwei aufgeschlagene Bücher herum. Scheinbar wollte er heute noch lernen, denn es waren Collegebücher, wie ich feststellte. Chemie- und Biologiebücher. Studierte er etwa das Gleiche wie ich?
      Nein, das konnte doch nicht sein. Das wäre ja ein zu großer Zufall, oder?
      Ich sah mich weiter in dem kleinen Raum um. Da es eine Garagenwohnung war, war diese auch recht klein. Ein Raum, den er zum Schlaf- und Wohnraum umgestaltet hatte und einen hinteren Teil, wo scheinbar Bad und eventuell eine Küche oder dergleichen sein mussten. Ich wollte aber nicht schnüffeln, da Ryan in den hinteren Teil zum Telefonieren gegangen ist.
      Nach wenigen Minuten kam er zurück.
      Nach einigen weiteren Telefonaten hatten wir irgendwann Ryans volle und ungeteilte Aufmerksamkeit.
      „Wo sind deine Eltern?“, fragte Leslie ihn.
      „Die schlafen. Es hat ja niemand mit einer Überraschungsparty gerechnet“, antwortete er leicht ironisch bissig.
      Nach einer ganzen Weile unterhielten wir alle uns recht angeregt und auch ich wurde lockerer. Ich vermag nicht zu sagen, ob es an den netten Menschen lag oder an dem Sekt. Ich bin mir bis heute nicht sicher.

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      Ryan

      Mein anderer Cousin Greg rief mich an, danach noch meine Cousins Brett und Rob. Die vier, mit Eric zusammen, sind alles Brüder. Zur Erklärung: Greg und Eric sind die Ältesten. Sie sind Zwillinge. Danach kam Rob und dann Brett. Ich frage mich heute noch, wie meine Tante Elaine sich nach den Zwillingen zu weiteren Kindern getraut hat. Die beiden sind doch schon mehr als verrückt. Aber das nach Brett definitiv Schluss war, leuchtete mir ein. Mit seinen gerade mal 17 Jahren war er eindeutig der Bekloppteste in der ganzen Familie. Vermutlich musste er das auch sein mit drei großen Brüdern. Aber nun gut. Ich ziehe schon viel zu viel über meine Cousins her, die ich im Grunde doch alle sehr gern hatte.
      Der restliche Abend, oder besser gesagt, Nacht, verlief recht ruhig. Paul und Laura waren sehr amüsant und sogar Haley taute endlich auf und fing an zu erzählen. Sie trug ein Shirt mit einem recht großen Ausschnitt, so dass ich ihre Narbe am Brustkorb sehen konnte. Ich würde zu gern wissen, was das war. Also nur aus reiner Neugier, versteht sich. Irgendwann einmal würde ich sie danach fragen, wenn wir uns besser kennen.
      Im Laufe des Abends, Entschuldigung, Nacht erzählte sie mir, dass sie im Begriff war, genau wie ich, Chemie und Biologie zu studieren. Obwohl ich es gern machte, riet ich ihr davon ab.
      „Es ist verdammt schwierig und trocken. Überleg es dir.“
      „Ich dachte, es würde Spaß machen“, antwortete sie.
      „Tut es ja auch. Ich würde es jederzeit wieder machen, aber es ist eben sehr trocken.“
      „Lass sie das doch selber herausfinden“, mischte Leslie sich ein.
      „Tu ich ja.“
      „Egal. Ich mach es jedenfalls. Schon alleine, um meine Eltern zu ärgern“, übernahm Haley wieder das Wort und grinste schelmisch.
      „Aha, gutes Argument.“
      „Na ja… Ich soll Jura studieren. Mein Dad versteht einfach nicht, dass ich das nicht will. Als er hörte, dass ich Chemie studieren will, fand er das gar nicht gut.“
      „Aha. Und wieso nicht?“
      Jetzt wurde ich doch neugierig und stellte die dümmsten Fragen. Obwohl? Waren sie wirklich dumm? Außerdem zwingt sie auch keiner, mir zu antworten, oder?
      „Ach, na ja… Er träumt davon, seine Kanzlei bald umbenennen zu können in ‚Taylor und Taylor!’ Außerdem ist er der Meinung, dass Chemie viel zu gefährlich sei. Die ganzen Dämpfe und wenn die Labore in die Luft fliegen. So ein Quatsch.“
      „Also du kannst ihm sagen, dass das sicher nicht passiert. Ich bin jetzt im dritten Jahr und habe noch kein einziges Labor in die Luft gejagt.“
      „Du bist ja auch ein Streber“, fiel mir Leslie ins Wort, die sich doch eigentlich mit Paul und Laura unterhalten hatte.
      „Und wie gesagt: Es ist alles ziemlich trocken und besteht fast nur aus Theorie“, ignorierte ich Leslie einfach.
      „Gut, ich werde es ihm ausrichten.“
      „Aber… Taylor und Taylor? Hört sich doch eigentlich nicht schlecht an, oder?“
      „Ja schon. Aber Jura? Mal abgesehen davon, müsste ich wieder nach New York zurück und ich bin momentan ziemlich froh darüber, nicht in New York sein zu müssen.“

      **************************************************************

      Haley

      War ich wirklich froh, nicht in New York sein zu müssen? Nun ja, doch! Ich liebte meine Heimatstadt, aber dort wäre ich jetzt brav und lieb in meinem Bett und würde schlafen. Boston hatte durchaus seine Vorzüge.
      „Na gut. Das kann ich nachvollziehen. Jura wäre auch nichts für mich“, holte Ryan mich wieder aus meinen Gedanken.
      „Na, da sind wir uns wenigstens einig.“
      Der Abend, nein, besser gesagt, die Nacht war ganz toll, auch wenn ich es nicht gewohnt war, etwas zu trinken, aber das machte nichts. Zum Glück habe ich nach dem zweiten Glas Sekt aufgehört mit dem Alkohol und bin zu Wasser übergegangen. Ich hatte an meinem ersten Tag schon genug erlebt und sämtliche Campusregeln gebrochen, da musste ich es mit dem Alkohol nicht gleich übertreiben.
      So gegen 3 Uhr in der Früh machten wir uns dann auf den Weg zum Campus. Ryan erinnerte Leslie noch an die Party am Samstag und lud Paul, Laura und mich auch gleich ein. Leider hatten Laura und Paul schon etwas anderes vor. Wie konnten sie schon etwas anderes vor haben, wenn sie doch zur selben Zeit hier angekommen sind, wie ich? War ich so Menschenscheu, dass ich keine Freunde finden konnte? Ich verstand es nicht, sagte aber Ryan fröhlich für seine Party zu. Vielleicht fand ich dort ja ein paar Freunde.
      Da es jetzt schon so spät geworden war, entschlossen wir uns, am Abend nicht mehr ins Maxx zu gehen. Ryan musste lernen und ich wollte mich ausgiebig mit meinen Kursen beschäftigen.
      Wir verabschiedeten uns von Ryan und gingen dann. Es war ein Fußweg von ca. 20 Minuten, aber da Leslie mehr Sekt getrunken hatte, als wir anderen, dauerte es fast doppelt so lange und so lag ich gegen 4 Uhr in der Früh in meinem Bett. Na super. Ich musste gleich wieder aufstehen, da mein erster Kurs um 8.30 Uhr anfing.

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    • Teil 5

      29.08.1998

      Haley


      Die erste Woche am College war geschafft. Der Tag nach Ryans Überraschungsparty war so was von für den A***. Ich kam zwar pünktlich aus dem Bett und zum Kurs, aber nach meinen Kursen und allen Formalität-Sachen, ging ich sofort wieder auf mein Zimmer und schlief. Noch nie hatte ich solche Kopfschmerzen. Oh mein Gott. Das war dann wohl mein erster Kater. Wenn sich das immer so anfühlt, will ich gar nicht erwachsen werden. Aber soviel Alkohol hatte ich doch gar nicht getrunken. Allerdings hatte ich vorher noch nie Alkohol getrunken. Wie gesagt, ich war eben gut behütet.
      Als meine Eltern mich anriefen und ich wach wurde, fragten sie gleich besorgt, warum ich denn geschlafen habe. Ich sagte schnell, dass es mir nicht gut ginge. Die Aufregung, die neuen Eindrücke, die hätten mich einfach geschafft. Was denn? Hätte ich ihnen die Wahrheit sagen sollen? ‚Mom! Dad! Ich war letzte Nacht bei einem mir fremden und älteren Mann und habe Alkohol getrunken.’ Wäre keine tolle Idee gewesen.
      Doch nun war die erste Woche vorbei. Was mit mir und Ryan in der Woche war? Gar nichts. Ich hab ihn kaum gesehen. Stattdessen habe ich mir Gedanken darüber gemacht, was ich ihm am Samstag schenken könnte. Leslie meinte, ich bräuchte ihm nichts schenken, aber ich finde es unhöflich, ohne Geschenk zu einem Geburtstag zu gehen. Also schlug Leslie mir vor, dass sie eine Flasche von dem Sekt kaufen würde, den wir am Montag schon getrunken hatten. Ich würde ihr das Geld wieder geben und ich hatte ein Geschenk für Ryan.

      **************************************************************

      Ryan

      An meinem Geburtstag passierte leider nicht mehr viel, außer, dass ich vor Müdigkeit und Kopfschmerzen beinahe gestorben wäre. Meine Familie kam zusammen zum traditionellen Kaffee und Kuchen, aber sie hatten leider nicht viel von mir. Immerhin musste ich studieren und wieder arbeiten. Zwischendurch musste ich auch noch die Party am Samstag vorbereiten. Aber ohne die nötige Zeit war das äußerst schwierig. Doch zum Glück hatte ich meine Mom und meine Schwester. Die machten das schon.
      Am Donnerstag dann schrieb ich die erste Chemieklausur in diesem Semester. Sie lief wie erwartet ganz gut. War ich wirklich ein Streber, wie Leslie sagte? Ach was soll’s. Wenigstens würde ich einen guten Abschluss machen.
      Am Freitag kam dann meine Familie an. Also die Familie, die nicht in der Nähe wohnte. Meine Cousins, meine Onkel und Tanten, einfach alle. Ich freute mich richtig, auch wenn ich wusste, dass die Familie sehr anstrengend sein konnte, aber hey! Wessen Familie ist geballt keine Anstrengung?
      Am Abend des Freitags quatschten wir alle recht lang und gingen dann spät in der Nacht todmüde alle ins Bett.
      Samstag wurde dann ganz hektisch. Es musste echt alles noch gemacht werden. Der Raum musste dekoriert werden (jedenfalls wollten meine Schwester und meine Mom das), Getränke mussten angekarrt werden und Musik musste auch noch in den Raum. Meine Eltern hatten eine Bar gemietet. Was für ein Aufwand. Und das nur mir zu ehren.
      Nach einigen Stunden Arbeit war alles fertig und die Party könnte eigentlich los gehen.

      **************************************************************

      Haley

      Gegen 19.30 Uhr machten wir uns auf den Weg. Leslie und ich. Irgendwie war ich nervös. Warum nur? Es lag wahrscheinlich daran, dass ich außer Leslie und Ryan niemanden kannte, und auch Ryan kannte ich ja nicht mal richtig. Ich hatte nur ein paar Stunden mit ihm verbracht. Konnte man da von ‚kennen’ sprechen? Ich glaube nicht. Nun ja, Ryan hatte Leslie eine Adresse gegeben, wo wir hin gehen sollten.
      Gefeiert wurde im „The Fours“. Scheinbar wurde die Bar gemietet, denn an der Tür war ein Schild ‚geschlossene Gesellschaft’ angebracht.
      Wir gingen also in die Bar. Die Hütte war voll. Sehr voll. Zu voll. Habe ich erwähnt, dass ich nicht gern unter so vielen Menschen bin? Ich weiß, das klingt merkwürdig, in Anbetracht, dass ich doch neue Menschen und neue Freunde kennen lernen wollte, aber so war das nun mal. Viele Menschen auf einmal machen mich nervös. Besonders, wenn sie neu und fremd sind. Nun ja. ‚Du wolltest neue Leute kennen lernen, jetzt musst du da durch’, dachte ich.
      Kaum waren wir in der Bar, kam Ryan auf uns zu.
      „Hey, da seid ihr ja“, begrüßte er uns.

      **************************************************************

      Ryan

      Meine Familie war schon bei der Vorbereitung am Feiern und am Trinken. Obwohl ich gern mal was trinke, finde ich es schon ein wenig heftig, wenn meine Leute schon am Anfang der Party betrunken, bzw. angetrunken waren. Und das alles noch vor Kindern. Meine Groß-Groß-Cousine Katja war ja erst 13 Jahre alt. Okay, wenn die Party richtig los geht, würde sie eh im Bett liegen und brav schlafen, wie es sich für ein gutes Kind gehörte.
      Gegen 20.00 Uhr kamen noch Leslie und Haley. Normale Menschen, dachte ich nur. Als die beiden in die Bar kamen, begrüßte ich die beiden. Von Leslie bekam ich ein Buch über Alkohol. Wie passend. Ich fand es lieb von ihr.
      Haley brachte mir eine Flasche Sekt mit. Ich sah sie fragend an.
      „Leslie hat sie besorgt“, gestand sie mir grinsend.
      „Danke dir. Das ist echt lieb“, sagte ich, da ich echt nicht damit gerechnet hatte, dass sie mir was schenkte.
      „Nichts zu danken“, antwortete sie.
      „Kommt mit. Ich stelle euch mal meine Familie vor“, sagte ich und ging voraus ins Innere der Bar.

      **************************************************************

      Haley

      Ryan schien sich über das Geschenk zu freuen. Es war zwar nicht wirklich viel oder ausgefallen, aber immerhin eine Kleinigkeit.
      Er führte Leslie und mich zu seinen anderen Partygästen. Scheinbar war es fast nur Familie. Er stellte mir seine Eltern Sheila und Mike vor und seine Geschwister Matt und Beverly. Matt war zwei Jahre älter und Beverly drei Jahre jünger als Ryan. Dann stellte er mir seine Onkel, Tanten und seine vier Cousins, Eric, Greg, Rob und Brett vor. Greg und Eric waren Zwillinge, das war nicht zu übersehen, obwohl Eric platinblonde Haare hatte und Greg dunkelblond war. Er hatte blonde Strähnchen drin und die Haare standen in alle Richtungen. Herrgott! Hat der Mann noch nie was von Kamm und Fön gehört? Rob hatte schwarze Haare und Brett hellblonde, die allerdings von Natur aus, was bei Eric offensichtlich nicht der Fall war. Kaum zu glauben, dass die vier Brüder sein sollten.
      Als letztes stellte er mir seine Cousine um drei Ecken oder so vor. Ich hatte mich schon gefragt, was ein Kind dort zu suchen hatte, aber da sie mit Ryan verwandt war, hatte ich meine Erklärung. Sie hieß Catriona, wurde von allen aber nur Katja genannt und war erst 13 Jahre alt. Wie Ryan mir sagte, wurde sie im nächsten Monat 14 und war schon sehr reif für ihr Alter.
      „Den Rest lernst du im Laufe der Zeit kennen“, sagte er mir, nachdem ich bemerkt hatte, dass er mir noch nicht alle Gäste vorgestellt hatte. Ergänzend fügte er grinsend hinzu:
      „Außerdem kennst du mich. Das sollte ja reichen.“
      „Ja, da hast du recht“, grinste ich zurück.
      Dann fing die Party richtig an. Ich hielt mich mehr oder weniger bei Leslie auf. Doch im Laufe des Abends unterhielt ich mich auch mit anderen Menschen, was mir auch sehr gut gefiel. Sie waren alle sehr nett und immer, wenn einer der Jungs, die dort waren, zu mir kamen, brachten sie mir ein Bier mit. Was sollte ich tun? Ich trank es natürlich. Es wäre doch unhöflich gewesen, es abzulehnen. Meine Eltern würden die Hände über den Kopf schlagen. Wollten sie doch immer Sex, Drogen und Alkohol von mir fernhalten. Egal. Ich war auf einer Party, mit netten Menschen und guter Musik. Ich trank brav mein Bier, und hatte einfach meinen Spaß. Ich wusste gar nicht, wie schön eine Party sein konnte.
      Doch irgendwann konnte ich nicht mehr. Ich hatte viel getrunken, wenig gegessen und noch mehr getanzt. Irgendwann setzte ich mich auf einen der Stühle und wollte mich kurz ausruhen. Ich saß 5 Minuten, dann kam er auf mich zu.

      [tbc...]
    • Teil 6

      Haley


      Da kam er nun. Zu mir? Was wollte er nur von mir? Er setzte sich neben mich.
      „Hi“, sagte er.
      Er wollte tatsächlich zu mir.
      „Hi. Äh… Brett, richtig?“
      „Stimmt genau. Warum sitzt du hier so allein?“
      „Ich bin gar nicht allein. Ich warte nur auf Leslie, die mir eigentlich ein Bier mitbringen wollte.“
      Was war nur los mit mir? Ich redete mit ihm. Ich brauchte sonst immer total lange, bis ich mit jemandem redete. Besonders, wenn es sich dabei um einen Jungen handelte. Es war sicher das Unterbewusstsein, dass aus mir heraus sprach. Mein Unterbewusstsein wollte mir sicher so mitteilen, dass ich nun endlich mein neues Leben beginnen sollte und nicht mehr das brave Mädchen sein sollte.
      „Also wenn du willst, dann hole ich dir das Bier“, schlug Brett vor.
      „Ach was. Leslie wird schon kommen und wenn nicht, dann trinke ich halt später etwas.“
      „Bist du sicher?“
      „Ja. Vielen Dank.“
      Dann unterhielten wir uns eine Weile. Brett war der Jüngste der vier Brüder. Er war erst 17, aber das war ja nicht schlimm. Er war nett und warum sollte ich mich nicht mit ihm unterhalten?
      „Magst du tanzen?“, fragte er mich nach etwa einer halben Stunde.“
      „Klar. Gerne.“
      Leslie kam mit dem Bier eh nicht mehr. Wahrscheinlich hatte sie mich total vergessen. Dies bestätigte sich mir, als ich sie mit einem Kumpel von Ryan entdeckte. Joey hieß er, glaube ich. Ich ging mit Brett also auf die Tanzfläche.

      **************************************************************

      Ryan

      „Na, Alter! Jetzt spielst du in unserer Liga“, sagte Eric irgendwann zu mir, nachdem er schon das hundertelfzigste Bier intus hatte. Hundertelfzig? Gibt es das? Nun ja, soll ja auch nur sinnbildlich gesprochen sein.
      „Wenn du meinst! Nur bist du noch älter als ich“.
      „Ja, ärger mich ruhig. Halt mir vor, dass ich alt werde.“
      „Eric! Mit 23 ist man nicht alt.“
      Ich erinnerte mich, wie ich mit 5 Jahren meine Babysitterin gefragt hatte, wie alt sie sei. Als sie mir sagte, sie sei 23, erwiderte ich nur staunend: „Bohr, so alt schon!“ Als Krönung hatte ich sie dann auch gefragt, ob sie schon Oma sei. Meine Mom liebt diese Geschichte, mir hingegen war sie schon etwas peinlich. Aber mit 5 war ich nun mal unwissend und musste alles hinterfragen.
      Heute wusste ich es besser. 23 war nicht alt.
      „Ach nein? Ich erinnere mich an die Geschichte, in der Klein-Ryan zur 23 jährigen Babysittern meinte, sie sei alt“, grinste er schelmisch.
      „Halt die Klappe, Eric! Das ist lange her.“
      Ja, ganze 16 Jahre.“
      „Halt die Klappe, Eric!“
      Der Typ raubte mir noch den letzten Nerv. Irgendwann, da war ich mir sicher. Aber hey, ich durfte nichts tun, dass ihn gegen mich aufbringen würde. Wer weiß, was noch alles passieren würde und möglicherweise bräuchte ich ihn noch.
      Ich sage es zur Sicherheit noch einmal. Ich liebe meine Familie und mach doch nur ein bisschen Spaß.
      Die Party jedenfalls war ein voller Erfolg. Als ich mich irgendwann einmal umsah, blieb mein Blick an Haley heften. Ich glaube, wir könnten noch sehr gute Freunde werden. Aber halt! Was war das? Sie tanzte mit Brett. Mit meinem Cousin! Vor allem: Brett und Tanzen in einem Satz war schon merkwürdig. Wie schaffte sie es nur? Ich wollte es später mal hinterfragen.

      **************************************************************

      Haley

      Es machte echt Spaß mit Brett zu tanzen. Wirklich. Überhaupt. Die ganze Party machte Spaß. Ich weiß, das klingt jetzt etwas kindisch, aber ich kannte das alles einfach nicht.
      Während eines etwas langsameren Tanzes passierte es dann. Brett küsste mich einfach. Warum er das tat, wusste ich nicht. Ich selber hielt mich für nicht so attraktiv oder cool. Also warum küsste ein mir quasi fremder Junge mich? Allerdings musste ich auch sagen, dass der Kuss mir gefiel. Nein, es war nicht mein erster Kuss, das nicht. Aber es war mein erster Kuss, der mir auch gefiel. Den ersten Kuss bekam ich damals mit 15 von einem Jungen aus der Schule der Dean hieß. Und der Kuss erinnerte mich eher an die Schlecktiraden meiner damaligen Hündin Caramel (den Namen hatte Dad sich ausgesucht). Caramel, oder Cari, wie ich sie immer nannte, starb aber schon vor drei Jahren. Doch das ist jetzt nicht das Thema. Mir gefiel der Kuss mit Brett und ich blöde Kuh hatte nichts besseres zu tun, als nach dem Kuss zu fragen: „Was war das denn jetzt?“
      „Na, wonach hat es sich angefühlt?“
      „Ja, schon klar! Aber... aber warum?“
      „Warum nicht? Ich kann noch viel mehr“, antwortete er und küsste mich erneut. Doch diesmal ließ er auch seine Hände an mir herum wandern. Ich glaubte zu wissen, worauf er hinaus wollte, aber ich wollte dies nicht. Das sagte ich ihm auch.
      „Wieso denn nicht?“, fragte er.
      „Brett. Ich... ich kann nicht“, erwiderte ich und drehte mich von ihm weg.
      „Na komm schon. Bitte.“
      Hatte ich es nötig mich anbetteln zu lassen? Nein. Ich ging und suchte Leslie, doch die war nirgends aufzufinden. Also ging ich zu Ryan.

      **************************************************************

      Ryan

      Was war das denn? Bedrängte mein jüngster Cousin etwa meine Haley? Halt! Meine? Spinne ich denn? Ich mochte sie, das ist richtig, aber meine? Meine ist sie nicht und wird es auch nie sein. Höchsten meine gute Freundin, mehr aber auch nicht. Nichts desto trotz behielt ich sie und Brett im Auge. Doch gerade, als ich dazwischen gehen wollte, und Brett in seine Schranken weisen wollte, entkam Steph ihm. Zum Glück. Morgen, wenn wir alle nüchtern waren, wollte ich mit Brett darüber reden. Er war erst 17 und kann doch unmöglich Haley anbaggern.
      Ich sah ihr nach. Scheinbar suchte sie Leslie. War diese nicht vorhin mit Joey abgehauen?
      Haley kam auf mich zu.
      „Ryan? Hast du Leslie gesehen?“
      „Äh ja... Sie ist gegangen.“
      „Gegangen? Ohne mich?“
      „Mit Joey.“
      „Na klasse. Tolle Freundin. Wir wollten zusammen nach zum Campus gehen.“
      „Mist. Aber leider ist Leslie so.“
      „Hätte sie es mir nicht vorher sagen können? Dann hätte ich mir etwas einfallen lassen können.“
      „Stimmt. Aber so ist sie leider. Du kannst froh sein, dass du nicht mit ihr gegangen bist. Sie ist wohl gerade dabei mit Joey zu schlafen.“
      „Na prima.“
      „Hey, wenn du willst, dann kannst du bei mir bleiben.“
      Skeptisch sah sie zu Brett.
      „Er schläft im Haus meiner Eltern. Du kommst in meine Wohnung, okay? Normalerweise würde ich dir anbieten, dich nach Hause zu bringen, aber nicht heute“, grinste ich.
      „Verständlich“, antwortete sie und sah grinsend auf meine Bierflasche. Übrigens auch schon meine hundertelfzigste ;)
      „Also was sagst du?“
      „Ich habe ja wohl auch keine andere Wahl, oder?“
      „Nein, hast du nicht“, grinste ich und diesmal führte ich sie zur Tanzfläche.

      [tbc...]
    • Teil 7

      Ryan


      Was hätte ich denn tun sollen? Ich konnte Haley ja schlecht alleine durch Boston laufen lassen, oder? Also bot ich ihr an, bei mir zu übernachten. Das war das Mindeste, was ich für die Kleine tun konnte, nachdem Leslie sie so fies versetzt hatte.
      Aber noch war es nicht soweit. Jetzt erst mal hatte ich sie zum Tanzen entführt. Ich tanze eigentlich nicht gerne, aber hey... was tut man nicht alles für ein Mädchen, das gerade von meinem Cousin angemacht wurde und von ihrer besten Freundin versetzt wurde?
      Der Abend wurde noch toll und so gegen 4 Uhr in der Früh machten wir uns auf nach Hause. Die meisten Gäste waren schon weg und nur noch ein kleiner Teil meiner Familie war noch da. Aufräumen müssten wir morgen noch. Auch wenn ich es am Liebsten gleich machen würde. Aber auch Neurotiker sind ja mal müde. Also schnappte ich mir Haley und ging mit ihr in meine Wohnung.

      **************************************************************

      Haley

      Gegen 4.20 Uhr waren wir bei Ryan in de Wohnung. Er ging sofort zu seinem Schrank und holte ein T-Shirt raus.
      „Hier bitte. Zieh das an. Ist gemütlicher, als deine Jeans“, sagte er grinsend.
      „Danke. Das ist lieb von dir.“
      Er zeigte mir das Bad. Auch dieses war klein. Aber sauber.
      „Eine zweite Zahnbürste habe ich leider nicht. Ich hoffe, du kommst auch so zurecht?“
      Machte er sich etwa Sorgen um mich?
      „Klar. Ich komme zurecht.“
      Er war wirklich lieb. Ich dachte plötzlich an meine Eltern. Sie hätten jetzt gepredigt, dass ich niemals zu einem Fremden in die Wohnung sollte. Aber was sollte schon passieren? Ryan würde mich schon nicht vergewaltigen oder so. Abgesehen davon, wollte ich einfach nur schlafen. Egal wie und egal wo. Leslie würde morgen noch was von mir zu hören kriegen.
      Ich machte mich so gut es ging fertig. Eine Zahnbürste wäre jetzt echt nicht das Verkehrteste, aber nun ja. Ich hatte ja auch nicht damit gerechnet, bei Ryan zu übernachten.
      Daher spülte ich meinen Mund einfach mit Wasser und etwas Zahnpasta aus, zog mir Ryans rotes T-Shirt an, welches mir um einiges zu groß war, und ging wieder zu Ryan zurück.
      Er hatte neben seinem Bett ein Kissen und eine Decke hingelegt.
      „Keine Angst, das ist mein Schlafplatz für heute Nacht“, grinste er mich an, als er mich gesehen hatte.
      „Was? Du willst auf dem Boden schlafen?“
      „Ja. Du bekommst das Bett.“
      „Das ist lieb von dir.“
      „So bin ich. Außerdem ist es egal, wo ich schlafe, Hauptsache, ich schlafe überhaupt“, sagte er und kroch unter die Decke.
      Ich kroch in sein Bett. Es war warm, weich und unglaublich gemütlich. Ich hörte noch ein leises „Gute Nacht“, von Ryan, dann waren wir auch schon eingeschlafen.

      **************************************************************

      Ryan

      Am nächsten Tag wurde ich gegen Mittag wach. Ich setzte mich langsam auf. Himmel! Mein Nacken tat höllisch weh. Die Nachwirkungen von schlechtem Schlaf auf dem Boden. Nun ja, ich war und bin immer noch ein Gentleman. Da nehme ich auch einen steifen Nacken in Kauf. Mein Kopf tat auch weh. Dämlicher Kater. Scheiß Alkohol. Langsam erhob ich mich. Ganz langsam, sehr langsam. Ich sah zum Bett. Haley schlief noch. Ich suchte mir eine Jeans und ein Shirt, zog es an und ging erst mal zu meinen Eltern in die Küche. Ich hatte Hunger und ich war mir sicher, dass Haley, wenn sie aufwachte ebenfalls Hunger haben würde.
      In der Küche saß schon mein Dad und trank seinen Kaffee.
      „Na hallo! Schon wach?“, fragte er mich.
      „Schon ist gut. Immer noch, schon wieder. Wie auch immer.“
      Ich fing an, ein paar Sachen zusammen zu suchen für ein einfaches, kleines Frühstück.
      „Schlecht geschlafen, Junge?“
      „Ja. Ich hab doch Haley mitgenommen und habe auf dem Boden geschlafen.“
      „Das ist mein Sohn! Gentleman durch und durch.“
      „Danke Dad.“
      Bevor mein Vater noch etwas sagen konnte, verzog ich mich wieder nach oben. Zur Erklärung: Die Treppe zu meinem kleinen Garagenappartement lag quasi hinter der Küche, so dass ich nur die Treppe runter und in die Küche durch die Glastür gehen konnte.

      **************************************************************

      Haley

      Ich erwachte langsam. Ich hatte himmlisch geschlafen. Ich streckte mich und spürte meinen Kopf, der ziemlich laut dröhnte. Mist, schon wieder Kater. 19 Jahre lang war ich ohne Alkohol ausgekommen und nun hatte ich in einer Woche gleich zwei mal einen Kater.
      Ich sah nach unten. Ryan war nicht da. Na toll. Was mach ich jetzt? Ich entschied mich dafür, langsam aufzustehen und in meine Klamotten zu schlüpfen. Aber ich schaffte es nicht mal aus dem Bett, denn in dem Moment, wo ich aus dem Bett schlüpfen wollte, kam Ryan zur Tür herein. Er hatte Brötchen dabei und Marmelade, Nutella und wie ich erkennen konnte, eine Kaffeekanne und zwei Tassen. Er trug es auf einem Tablett, denn auch Ryan hatte nur zwei Arme.
      „Wow. Du warst beim Bäcker?“, fragte ich erstaunt.
      „Nein. Supermarkt Wolfe“, grinste er und ergänzte:
      „Ich war unten und habe die Küche meiner Eltern geplündert. Ich hoffe, du hast Hunger.“
      „Klar. Und wie.“
      Ryan stellte das Tablett ab und verzog das Gesicht.
      „Was ist los?“, fragte ich.
      „Mein Nacken tut weh.“
      „Tut mir leid. Und ich bin schuld daran.“
      „Blödsinn. Wenn überhaupt, hat Leslie schuld, weil sie dich einfach allein gelassen hat“, grinste er mich an.
      „Gut. Das sage ich ihr auch.“
      Ryan wollte sich gerade wieder auf den Boden niederlassen. Doch ich stoppte ihn.
      „Nichts da. Zum Frühstücken kommst du doch wohl auch aufs Bett, oder?“
      „Mh... Na gut. Ich mag es ja eigentlich nicht, im Bett zu essen, aber okay.“
      „Ich sauge das Bett auch für dich ab“, versprach ich grinsend. Mittlerweile hatte ich begriffen, warum Leslie ihn ärgerte. Er war wirklich zwangsneurotisch.
      „Ich komme gern darauf zurück“, lachte er.

      **************************************************************

      Ryan

      Ich setzte mich also zu ihr auf das Bett. Es war gemütlicher und wir konnten uns besser unterhalten. Normalerweise esse ich nie im Bett. Ich habe halt eine Phobie gegen Krümel und Dreck, aber wenn sie mir schon anbot, alles abzusaugen, ließ ich es mir nicht entgehen.
      „Bist du eigentlich sehr sauer auf Leslie?“, fragte ich, nachdem jeder von uns ein Brötchen hatte.
      „Ja. Nein, ach ich weiß nicht. Ist sie denn immer so?“
      „Ich sage es mal so. Bei der nächsten Party wäre es ratsam eine Zahnbürste mitzubringen.“
      „Danke für den Tipp.“
      „Keine Ursache. Sie ist nun mal leider so. Aber hey. Wenn es mal wieder vorkommt, du weißt ja, wo ich wohne. Du kannst jederzeit herkommen.“
      „Danke. Das ist lieb von dir.“
      Das war es in der Tat. Warum tat ich es eigentlich? Ich kannte sie doch kaum. Na egal. Jedenfalls meinte ich es ernst.
      Als wir zu ende gefrühstückt hatten, fragte sie mich nach dem Studium etwas aus. Richtig, sie fing ja auch an, Chemie und Biologie zu studieren. Bereitwillig beantwortete ich alle ihre Fragen.
      Zu meiner Überraschung fing sie nach dem späten Frühstück an, meinen Nacken zu massieren.
      „Hey, danke. Das tut gut“, murmelte ich.
      „Ich weiß. Und wenn du schon meinetwegen Schmerzen hast, will ich es wieder gut machen.“
      Ich glaube, sie massierte eine gute halbe Stunde, bis sie auf die Uhr sah.
      Es war bereits 15.00 Uhr durch, als Haley aufstand und fragte:
      „Also. Wo ist dein Staubsauger?“
      „Ach, lass nur. Ich mach das nachher.“
      „Sicher? Ich habe es dir doch versprochen.“
      „Na, so weit kommt es noch, dass mein Besuch hier saugen muss.“
      „Na gut, dann mach ich mich mal fertig und gehe so langsam.“
      Ich nickte nur. Ich wollte aber nicht, dass sie ging. Mit ihr konnte ich mich wirklich prima unterhalten. Und ihre Massagen waren himmlisch. Na ja, wir würden uns ja sowieso wiedersehen.

      **************************************************************

      Haley

      Nach dem wunderbaren Frühstück wollte ich noch durchsaugen, wie ich es versprochen habe. Aber da Ryan dies nicht zuließ, suchte ich meine Sachen zusammen. In dem Moment klingelte mein Handy, welches meine Eltern mir geschenkt hatten. Sie wollten mich eh nur kontrollieren, daher war ich schon genervt, als es klingelte. Dennoch ging ich ran. Zu meiner Überraschung war es Leslie.
      „Haley! Mein Gott! Wo bist du? Ich mache mir Sorgen. Ich dachte, du wärst tot!“
      „Nein, ich bin nicht tot. Aber du nachher.“
      „Was? Warum?“
      „Es ist schade, dass du es nicht weißt. Ich bin gleich da, dann erklär ich es dir.“
      Damit legte ich auf.
      „Les?“, hörte ich Ryan fragen.
      Ich nickte nur.
      „Sei nicht zu hart zu ihr, ja? Also bitte nicht umbringen“, grinste er schelmisch und schaffte es damit, dass ich auch grinste.
      „Ja, ich werde es versuchen.“
      Dann verschwand ich endlich im Bad. Im Studentenwohnheim würde ich mir erst einmal die Zähne putzen, das war sicher.
      Als ich fertig war, hatte Ryan das, ich nenne es mal Wohnzimmer, schon aufgeräumt.
      „Wow, du bist schnell“, bemerkte ich.
      „Mh. Reine Routine.“
      „Alles klar. Ich verstehe. Aber Ry? Ich geh dann mal, okay?“
      Ry? Wie kam ich dazu, ihn Ry zu nennen? Wahrscheinlich hatte ich es gestern auf der Party von jemandem aufgeschnappt. Ihn jedenfalls schien es nicht zu stören.
      „Ja, gut. Wenn du willst.“
      Er brachte mich runter in den Hinterhof.
      „Wir sehen uns?“, fragte ich.
      „Klar. Ruf einfach an, ja?“
      „Würde ich ja, aber ich hab deine Nummer noch nicht.“
      „Stimmt. Warte.“
      Ryan rannte noch einmal nach oben und kam wenig später mit einem Zettel wieder.
      „Hier bitte. Ruf mich an.“
      „Mach ich. Bis dann, Ryan!“
      Er umarmte mich zum Abschied, dann ging ich.

      [tbc...]
    • Teil 8

      Haley


      Ich war gerade die Auffahrt runtergelaufen, da hörte ich schon wieder meinen Namen, der hinter mir von jemandem gerufen wurde. Ich drehte mich um und sah Brett. >Was will der denn?<, dachte ich genervt.
      „Was ist?“, fragte ich so freundlich es ging.
      „Ich... also wegen gestern...“
      „Ja? Was?“
      „Also wegen gestern. Es tut mir leid. Ganz ehrlich.“
      „Schon okay, Brett. Ist ja nichts passiert.“
      „Na ja, ich habe dich geküsst. Dabei kennen wir uns gar nicht und ich bin auch noch jünger als du.“
      „Brett. Das Alter spielt doch nun wirklich keine Rolle. Und deine Entschuldigung nehme ich an. Sagen wir einfach, der Alkohol war schuld, okay?“
      „Das ist aber keine Entschuldigung“, grinste er.
      „Normalerweise nicht. Aber wir tun einfach mal so, okay?“
      „Okay. Noch mal: Es tut mir leid.“
      „Schwamm drüber. Ich muss jetzt gehen. Bye!“
      Damit ging ich zurück zum Wohnheim.

      **************************************************************

      Brett

      Ich musste mich entschuldigen. Es ging nicht anders. Bereits nach der Party, als ich mit Eric, Greg und Rob in Ryans altem Zimmer waren, hatte Eric mich angemeckert, dass ich doch nicht einfach so mit einem fremden Mädchen knutschen konnte. Nachdem Greg auch meinte, ich müsse mich bei ihr entschuldigen, tat ich es auch. Es tat mir ja auch leid, dass ich sie einfach so überrumpelt hatte. Eigentlich bin ich ja nicht so der Typ, der sich gut entschuldigen kann, aber na ja. Was will man machen? Es muss ja sein.
      Zum Glück nahm sie mir mein Verhalten nicht übel. Sie wollte sogar den Alkohol als Entschuldigung nehmen. Mom sagt aber immer, Alkohol ist keine Entschuldigung, doch ich war damit erst mal zufrieden. Muss Mom ja nicht erfahren.
      Nachdem ich mich entschuldigt hatte, und sie die Entschuldigung angenommen hatte, ging sie. Als sie aus der Auffahrt weg war, ging ich wieder ins Haus.

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      Haley

      Brett war schon süß, dachte ich, als ich zum Campus lief. Plötzlich kam mir ein anderer Gedanke. Warum habe ich Ryan nicht einfach gefragt, ob er mich fährt? Er hätte es bestimmt gemacht. Aber nein. So dreist bin ich nicht. Meine Eltern hatten mich auch nie irgendwo hin gefahren. Ich war selbstständig. Das war das Paradoxe an der Erziehung meiner Eltern. Mich irgendwo hin lassen wollten sie mich nicht, aber wenn ich mal weg wollte, fuhren sie mich nicht. Ich konnte ja den Bus nehmen. Wenn das keine Doppelmoral war, dann weiß ich auch nicht. Ich würde meine Kinder überall hinfahren, wenn sie mich fragen würden.
      Was sage ich denn da? Kinder? Nein! Ich will keine Kinder haben und zu Hause putzen und am Herd stehen. Ich sah mich bereits in einem renommierten Labor und von morgens bis abends arbeiten. Mein Leben lang!

      **************************************************************

      Ryan

      Nachdem Haley gegangen war, war ich wieder in meine Wohnung gegangen. Als ich wenig später aus dem Fester sah, sah ich, dass Brett mit ihr redete. Was wollte er noch von ihr? Ich würde es nachher schon raus finden. Ich weiß ja nicht warum, aber ich mochte sie. Na ja, ich weiß schon warum. Sie war süß und lieb und sie war anders als andere Mädchen. Ich dachte nicht mehr darüber nach und machte einfach mit dem Aufräumen weiter. Krümel im Bett. Ich wusste es. Gut, Haley wollte es ja wegmachen, aber das erlaube ich nicht. Zum einen gehört es sich nicht, dass die Gäste sauber machen sollten und zum anderen lasse ich nur ungern andere Leute bei mir aufräumen. Die machen dann immer mehr durcheinander, als sie aufräumen würden. Außerdem habe ich für jeden Gegenstand einen festen Platz, den nur ich kenne.
      Während ich mich in dem kleinen Zimmer umsah, kam mir mal wieder der Gedanke, dass ich bald in eine größere Wohnung ziehen sollte. Zum einen brauchte ich einfach mehr Platz und zum anderen wollte ich nicht ewig über der Garage meiner Eltern leben. Abgesehen davon, dass ich beim Lernen ständig von meinem Bruder oder meiner Schwester genervt werde.
      Plötzlich fiel mir ein, dass ich doch ein Idiot war. Ja, ich weiß. Einige von euch werden jetzt sagen, dass sie es schon wissen würden. Dafür schon mal Danke ;) Aber mal ehrlich... Da war ich den ganzen Abend und heute so ein Gentleman und dann fahr ich sie nicht mal heim. Wie blöd ist das denn? Nun gut. Kann man nun jetzt nicht ändern. Sie wird schon nicht böse sein. Und wenn, dann krieg ich das auch noch hin. Nun ging ich, nachdem ich aufgeräumt hatte, erst mal unter die Dusche und dann ging es zum Aufräumen in den Club.

      **************************************************************

      Haley

      Ich kam am Campus an. Leslie wartete bereits am Tor. Als sie mich sah, stürmte sie auch mich zu und drückte mich.
      „Mensch, Süße! Wo warst du die ganze Nacht?“
      „Bei Ryan“, antwortete ich kühl.
      „Dann bin ich beruhigt. Ich hab mir Sorgen gemacht, als ich gemerkt habe, dass du die ganze Nacht nicht da warst.“
      „Ach? Hast du das?“
      „Ja. Nun komm erst mal. Wir gehen mal rein.“
      Ich ging mit ihr mit, sagte aber noch nichts. Ich war immer noch sauer.
      In meinem Zimmer lag Laura.
      „Hey, wo warst du?“, fragte sie mich. Sie wusste ja von nichts, da sie gestern nicht mit dabei war.
      „Bei Ryan.“
      „Okay, Haley. Was ist los?“, fragte Leslie scheinheilig.
      „Nichts. Ich bin nur ein bisschen pissig auf dich. Du lässt mich einfach alleine. Du weißt genau, dass ich hier keinen kenne und du ziehst einfach mit Joey ab. Das war ganz schön fies von dir. Ich hätte das nie gemacht.“
      „Hey, du hast es doch nicht übel gehabt. Bei Ryan war es doch sicher nicht unangenehm.“
      „Darum geht es doch gar nicht. Das war einfach fies. Zumindest hättest du mir ja Bescheid sagen können, dass du weg gehst.“
      Leslie sah mich lange an.
      „Ja, du hast recht. Es tut mir leid. Das war nicht nett von mir.“
      „Ja, okay. Schwamm drüber. Ich guck jetzt noch was in meine Bücher.“
      Damit war das Thema gegessen und Leslie ging, nachdem sie mir sagte, dass ich morgen mit ihr Kaffee trinken gehen würde.

      [tbc...]
    • Teil 9

      23.11.1998

      Ryan


      Es war nun drei Tage vor Thanksgiving. Ich hatte schon eine Klausuren geschrieben, die ich natürlich alle mit Bravour bestanden habe. Wie auch sonst? Ich war ja ein Streber.
      Die letzten beiden Monate bestanden für mich eigentlich nur aus Lernen und Arbeiten. Zwischendurch habe ich mich immer wieder mit Leslie, Haley und Paul getroffen. Laura war immer seltener dabei, da sie das College schon verlassen wollte. Sie brauchte eine Auszeit, sagte sie. Nun ja. Diese Auszeit hätte ich mir nach der High School auch nehmen können, aber ich wollte nicht, da ich schnell mit dem College fertig sein wollte.
      Aber das ist nicht das Thema. Ich war gerade dabei, meine Bude aufzuräumen, da ich über Thanksgiving in Wisconsin sein würde.
      Ich war gerade dabei, ein paar Sachen zu packen, die ich für das Thanksgiving-Wochenende brauchte, als mein Handy klingelte.

      **************************************************************

      Haley

      Ich brütete schon wieder über meine Chemieaufgaben. Ich wusste echt nicht, wie schwer das war. So würde ich das College nie schaffen. Vielleicht sollte ich doch besser zu Jura wechseln. Oder nein! Besser nicht. Diese Genugtuung würde ich meinem Dad nicht geben. Aber was sollte ich machen? Ich konnte ja schließlich unmöglich von morgens bis Abends lernen.
      Kaffee. Ich brauchte einen Kaffee. Leslie war schon weg. Sie ließ einfach einige Lesungen sausen, so dass sie am Freitag schon zu ihren Eltern gefahren war. Also rief ich Ryan an, mit dem ich seit seinem Geburtstag viel zusammen war.
      Ich wählte seine Nummer und nach zwei mal klingeln nahm er ab.
      „Wolfe?“
      „Ryan? Haley hier. Hast du Lust einen Kaffee trinken zu gehen?“
      „Mh... Eigentlich hätte ich ja keine Zeit, aber ich hab große Lust auf Kaffee.“
      „Ich nehme das als ja!“
      „Klar. Zu ‚Barneys’?“
      „Klar. Wie immer.“
      Wir legten auf und ich zog mir meine Jacke an. Es war November und hier in Boston schon ziemlich kalt. An sich hatte ich mich gut eingelebt und kannte mich in Boston schon sehr gut aus. Nun ja, zu ‚Barneys’ kam ich allemal.
      Wenig später war ich dort angekommen. Ryan war schon da und wartete vor der Tür auf mich.

      **************************************************************

      Ryan

      Haley hatte angerufen und ich machte mich sofort auf den Weg zu ‚Barneys’. Dort gab es den besten Kaffee der ganzen Stadt. Am Telefon machte sie mir einen müden Eindruck.
      Bei ‚Barneys’ angekommen, musste ich auf sie warten. Das tat ich draußen, damit sie mich auch nicht übersehen konnte. Allerdings war es schweinekalt mittlerweile. Doch da kam sie auch schon.
      „Hi. Schön, dass du gekommen bist“, begrüßte sie mich.
      „Gern geschehen“, antwortete ich, während ich sie umarmte.
      Wir gingen rein und setzten uns an unseren Stammplatz, den wir mittlerweile hatten.
      Wir bestellten uns jeder einen Zimtkaffee und warteten, bis der Kaffee kam. Als wir ihn hatten, fragte ich:
      „Was ist los?“
      „Was? Wie kommst du darauf, dass was los ist?“
      „Haley! Süße! Ich kenne dich doch mittlerweile. Ich höre es dir doch an, dass du etwas hast.“
      Sie seufzte und atmete tief ein.

      **************************************************************

      Haley

      Er war echt lieb. Er wusste sofort, dass mir etwas auf dem Herzen lag. Ich seufzte schwer.
      „Ach, ich weiß nicht.“
      „Was weißt du nicht?“
      „Na ja... Ich weiß nicht, wie ich das Studium schaffe, wenn der Stoff jetzt schon so schwer ist. Ich weiß nicht, wie ich es meinen Eltern sagen soll und ich weiß nicht, ob mein Dad mit Jura vielleicht doch nicht unrecht hatte.“
      Er sah mich die ganze Zeit dabei an und lächelte auf einmal.
      „Süße! Willst du Jura studieren?“
      Ich schüttelte den Kopf.
      „Willst du Chemie und Biologie studieren?“
      „Ja, ich glaube schon.“
      „Okay. Warum fragst du mich denn nicht?“
      „Was soll ich dich fragen?“
      „Ob ich dir helfen würde. Deinen Eltern brauchst du ja gar nichts sagen. Wir lernen eine Weile zusammen und wenn es nicht besser wird, dann kannst du immer noch aufhören.“
      „Das würdest du tun?“
      „Klar. Hätte ich es dir sonst angeboten?“
      „Danke. Du bist echt ein Schatz.“
      „Wie war denn die letzte Klausur?“
      „Schlecht. Na ja, okay. Es war eine 3.“
      „Na, das geht doch. Aber ich verhelfe dir zu einer 2 oder sogar zu einer 1.“
      „Das wäre toll.“

      **************************************************************

      Ryan

      Die Kleine! müht sich mit dem Stoff ab, kommt aber nicht auf die Idee zu fragen, ob ich ihr helfe. Irgendwie süß. Nachdem das geklärt war, sagte ich: „Wir fangen nach Thanksgiving an, okay?“
      „Klar. Wo feierst du?“
      „In Wisconsin. Bei der Familie. Soll ich Brett von dir grüßen?“, fragte ich schelmisch grinsend.
      „Blödmann“, grinste sie zurück.
      „Ich nehme das als ‚ja’.“
      Für diese Aussage bekam ich einen Stupser in die Rippen.
      „Was machst du denn an Thanksgiving?“, fragte ich, um das Thema zu wechseln. Zumindest teilweise zu wechseln.
      „Ich bin in New York. Ich werde mich von meinem besten Freund auf den neuesten Stand bringen lassen, was in New York los war und von meinen Eltern werde ich mir wohl wieder einiges anhören dürfen, wie toll Jura ist. Ansonsten werde ich mich langweilen.“
      „Wenn sie dich zu sehr nerven, dann ruf mich einfach an, okay?“
      „Mach ich.“
      Wir blieben noch eine Weile sitzen, bis ich wieder nach Hause musste.
      „Ich muss noch etwas packen. Wir fliegen ja schon am Mittwoch.“
      „Ja gut. Ich muss auch los.“
      Wir verabschiedeten uns mit einer dicken Umarmung und einem Kuss auf die Wange und dann gingen wir jeder nach Hause. Der Kuss? So verabschieden wir uns immer. In den letzten Monaten haben wir uns ja fast täglich gesehen und sind echt gute Freunde geworden.
      Daheim machte ich mich dran, wieder den Koffer zu packen und mich seelisch auf meine Familie vorzubereiten.

      [tbc...]
    • Teil 10

      25.11.1998 – 29.11.1998 (Thanksgiving)

      Haley


      Heute war Mittwoch und ich machte mich auf dem Weg nach New York. Ich freute mich darauf. Nicht unbedingt darauf, dass meine Eltern mir wieder auf die Nerven fallen würden, aber ich freute mich auf Jonathan. Ich war gespannt darauf zu hören, was alles in den letzten beiden Monaten zu Hause passiert war.
      In New York am LaGuarda-Airport angekommen, holten mich meine Eltern ab. Sie freuten sich mich zu sehen, auch wenn meine Mom sofort sagte, dass ich zu dünn sei.
      „Iss dich mal richtig satt“, sagte sie zu mir. Als würde ich in Boston nichts essen. Natürlich aß ich und das nicht zu knapp.
      Im Auto fragte Dad mich: „Und? Was macht das Studium?“
      Seinen leicht abfälligen Ton hatte ich natürlich nicht überhört, aber ich ignorierte diesen einfach.
      „Es macht Spaß, Dad.“
      Dies entsprach momentan nicht so ganz der Wahrheit, aber ich wollte es ihm und Mom einfach nicht sagen, dass mir das Studium schwer fiel. Es würde sich ja eh bald ändern, mit Ryan als Lehrer.

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      Ryan

      Heute Morgen flogen wir recht früh. Sehr lange flogen wir nicht gerade, aber der Stress am Flughafen war nervenaufreibend. Habe ich erwähnt, dass ich nicht gerne fliege? Ich meine, ich habe keine Flugangst oder so, aber ich fliege einfach nicht gern. Aber mal eben ca. 1170 Meilen mit dem Wagen fahren, wären doch ein wenig lang. Und mit Dad als Beifahrer war es auch echt ätzend. Der meckert ja eh nur an dem Fahrstil anderer rum. Gerade an dem Fahrstil von Matt, Beverly und mir. Von daher war es ganz angenehm zu fliegen.
      Wenige Stunden später kamen wir in Wisconsin an. Onkel Don holte uns ab. Schließlich sollten wir alle bei ihm und Tante Elaine im Haus übernachten. Es würde Spaß machen. Matt, Greg, Eric, Rob, Brett und ich. Nur Beverly fand es nicht so toll, als einziges Mädchen zwischen uns Jungs zu sein.
      „Und? Wie war der Flug?“, fragte Don, als wir alle irgendwie in seinem Wagen unterkamen.
      „Ganz gut. Ziemlich ruhig“, antwortete mein Vater. Er hatte recht. Nicht einmal Beverly ging mir und Matt wie sonst auf den Keks. Ihr wisst ja, wie kleine Schwestern sind. Nervig bis zum geht nicht mehr.
      Im Haus meiner Tante begrüßte diese uns wie immer überschwänglich mit Umarmungen und Küssen. Immer diese Knutscherei von den Verwandten. Wenn mich mal ein hübsches Mädchen küssen würde, wäre ich glücklicher. Doch das gehört nicht hierhin.
      „Wo sind Rob, Brett und die Zwillinge?“, hörte ich Matt die Frage fragen, die mir auch schon auf der Zunge lag.
      „Die habe ich noch mal losgeschickt zum Einkaufen. Zumindest die beiden Kleinen und Greg. Eric ist ja noch nicht da.“
      Die beiden Kleinen. Dass Elaine das immer noch sagte, fand ich süß. Nach der Geburt von Brett hieß es bei uns immer nur, wenn wir von den Jungs redeten, die Zwillinge und die beiden Kleinen. Das hatte sich so eingebürgert, dass wir es heute immer noch sagten.
      Wir machten uns erst mal auf, um unsere Sachen in die jeweiligen Zimmer zu verstauen. Mittlerweile waren wir schon so oft zu Besuch gewesen, dass wir von alleine wussten, wo unsere Zimmer waren. Auspacken würde meine Familie erst später. Ich hingegen wollte sofort damit anfangen.

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      Haley

      Zu Hause angekommen, ging ich erst mal in mein altes Zimmer. Meine Eltern haben es genauso gelassen, wie ich es verlassen hatte. Es war ein schönes Gefühl, wieder nach Hause zu kommen. Ich ging in mein Zimmer, schloss die Tür und sah mich um. Es hatte mir tatsächlich gefehlt, auch wenn ich es nicht zugeben wollte. In Boston wollte ich erwachsen sein und fühlte mich freier, aber hier? Im Haus meiner Eltern? Da war wieder alles anders. Ich war wieder das wohlbehütete kleine Mädchen meiner Eltern. Merkwürdigerweise gefiel mir das Gefühl sogar. Ich war schon komisch, oder? Einerseits war ich froh von meinen Eltern wegzukommen, andererseits war ich froh wieder daheim zu sein.
      Bevor ich weiter darüber nachdachte, klopfte es an meiner Tür.
      „Ja, bitte?“, rief ich, wie ich es immer tat.
      Meine Mom steckte den Kopf zur Tür.
      „Das Essen ist in 10 Minuten fertig. Kommst du dann runter, Schatz?“, fragte sie.
      „Sicher. Ich bin gleich da.“
      Als meine Mom die Tür geschlossen hatte, machte ich mich daran, meine Sachen auszupacken. Ich wollte zwar nicht lange bleiben, aber ich hatte mal wieder sehr viel eingepackt. Neben den täglichen Klamotten und meinem Waschzeug hatte ich auch 3 Romane mit, die ich wahrscheinlich sowieso nicht lesen konnte, da ich außerdem meine Studienbücher mitgenommen hatte. Kurz nach Thanksgiving, am 02.12. musste ich ein Referat über den menschlichen Blutkreislauf halten. Das College erwartete natürlich mehr, als meine High School, in der ich ein 15-minütiges Referat über die Niere und deren Funktion halten musste. Dieses Referat sollte mindestens 30 Minuten dauern und auf ungefähr 20 Seiten festgehalten werden. Bisher hatte ich nur 7 Seiten fertig. Mein Biologieprofessor hatte gesagt, dass nicht alle ihr Referat halten könnten. Aber jeder musste die 20 Seiten auf ca. 5 zusammenfassen, damit man die vortragen kann, wenn man dran kam. Also würde ich nicht viel lesen, bis auf meine Studienbücher und wenn ich wieder in Boston bin, würde ich Ryan fragen, ob er mir eventuell auch bei dem Referat helfen würde.
      Doch nun ging ich erst einmal runter zum Essen.

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      Ryan

      Ich hatte gerade meine Sachen in „mein“ Zimmer gepackt, als die Tür aufflog. Die drei Chaoten waren also da.
      „Hey, Ryan. Was machst du denn da? Komm runter in den Garten. Wir wollen Football spielen“, begrüßte Brett mich sofort lautstark.
      „Hi. Ich finde es auch schön, euch zu sehen“, gab ich als Antwort.
      Greg und Rob begrüßten mich dann auch und Brett fragte sofort wieder: „Was ist jetzt? Football?“
      „Ja, ich komm gleich.“
      „Okay. Wir sind dann schon unten.“
      Die Drei gingen. Football... Dann musste ich mich noch schnell umziehen. Gesagt, getan. Zum Glück hatte ich meine Sportklamotten eingepackt. Nicht auszudenken, wenn ich die vergessen hätte. Ja, ich gebe zu, ich bin neurotisch.
      Nachdem ich mich umgezogen hatte, ging ich auch endlich runter.
      „Na, du Neurotchen. Hast du alles fertig?“, fragte Brett.
      „Halt die Klappe, okay?“, erwiderte ich nur und ging mit den Jungs in den Garten. Ich hasste es, wenn sie mich Neurotchen nannten. Klar, sie hatten recht, aber die tun immer so, als würde ich mit Absicht so überordentlich sein. Aber das stimmt nicht. Manchmal nervte es mich selber, aber ich kann nichts dagegen tun. Wenn irgendwo was rum lag, wo es nicht hingehörte, machte es mich wahnsinnig. Aber was wussten die denn schon? Gar nichts.
      Im Garten bildeten wir kleine Teams. Rob, Brett und Greg in einem Team, Matt und ich im Anderen. Damit es gleich aufgeteilt ist, mussten wir Beverly auch mit ins Team nehmen. Sie selbst freute sich, dass wir sie überhaupt beachten würden. Letztes Jahr hatten wir Greg im Team und Eric war im Anderen. Aber da Eric sich ja rar machte, ging es leider nicht anders.
      Doch genau wie jedes Jahr, machte das Footballspielen Spaß und Matt, Bev und ich gewannen sogar.
      Wir hatten gerade ein Spiel zu ende gespielt, als Elaine uns zum Essen rief.

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      Haley

      Beim Essen erwartete mich eine Überraschung. Jonathan Parks. Er war wirklich da und wollte mit uns essen. Ich freute mich so sehr, ihn wieder zu sehen. Wir umarmten uns lange, bis wir uns endlich hinsetzten und uns über das Essen hermachten. Meine Mom hat mein Lieblingsgericht gekocht. Spaghetti Bolognese. Ich wusste, sie und Dad mochten es nicht gern, aber ich fand es lieb, dass sie es für mich machten.
      Während des Essens erzählte Jonathan mir von seinem neuen Freund. Er geriet richtig ins Schwärmen. Ich fand es jedes Mal einfach nur süß, wenn er verliebt war.
      „Und meine Eltern lieben ihn auch“, waren seine letzten Worte, bevor er sich eine weitere Gabel Nudeln in den Mund steckte.
      „Na, dann muss ich ihn ja auch mal kennen lernen“, erwiderte ich.
      Jonathans Eltern waren sehr tolerant. Seit er 15 war, wussten sie, dass er schwul ist und anders als andere Eltern haben sie es akzeptiert und auch seine jeweiligen Freunde aufgenommen, als wären es ihre eigenen Kinder. Das war einfach nur lieb. Jonathan konnte sich glücklich schätzen, Christa und Tom Parks als Eltern zu haben.
      „Mh... wenn du willst, und deine Eltern nichts dagegen haben, bringe ich Damon morgen zum Thanksgiving-Essen mit“, sagte er und sah meine Eltern an, die einfach nur nickten.
      Die nächste Überraschung wartete auf mich nach dem Essen. Allerdings war sie weniger schön.
      „Mom? Was machen wir eigentlich Weihnachten?“
      „Was du machst, weiß ich nicht. Aber dein Vater und ich fahren weg.“
      Mir stockte im ersten Moment der Atem. Weihnachten war in 4 Wochen und meine Eltern sagten mir erst jetzt etwas davon.
      „Wie? Ihr fahrt weg? Und ich?“
      „Du bist doch jetzt erwachsen. Du wirst schon etwas finden.“
      Da war sie wieder... die Doppelmoral. Als ich noch zur Highschool ging, durfte ich nicht einmal einen Tag vor Weihnachten zu Jonathan, weil Weihnachten ein Fest der Familie ist, und nun sollte ich ganz alleine feiern? Na, merry Christmas, dachte ich nur.
      Jonathan hatte meine Enttäuschung bemerkt und sagte: „Meine Eltern fahren auch weg. Weißt du, was wir machen? Ich komme zu dir nach Boston, wir mieten uns ein süßes, kleines, schnuckliges Hotelzimmer und machen uns ein ruhiges Weihnachten.“
      „Und was ist mit Damon?“
      „Der ist bei seinen Eltern. Außerdem hab ich schon mit ihm geredet.“
      „Also gut. Dann eben so.“
      Ich war aber immer noch sauer auf meine Eltern. Da wollte ich nach Hause kommen und durfte nicht. Das war gemein.

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      Ryan

      Der Rest des Abends war recht ruhig. Eric rief an und sagte, dass er morgen früh erst kommen würde und am Freitag schon wieder wegfahren musste. Ich fand es schade, aber er wollte ja unbedingt nach Los Angeles und Schauspieler werden.
      Der nächste Morgen war recht stressig. Eric kam auch bei uns an und wir quasselten erst einmal eine Weile. Danach waren die Frauen in der Küche und bereiteten das große Essen vor und wir Männer... wir saßen auf der Couch und sahen uns das Footballspiel an. In diesem Jahr spielten die Pittsburgh Steelers gegen die Detroit Lions. Die Steelers verloren 10 zu 20 gegen Detroit. Aber mir war es recht. Ich war zwar ein Boston Fan, aber die spielten ja nicht.
      Nach dem Spiel hieß es aber auch für uns Männer, dass wir in der Küche helfen mussten. Sogar unser großer Schauspieler Eric musste sich eine Schürze umbinden und beim Süßkartoffelauflauf helfen.
      Während ich dabei war, die Äpfel für den Apfelauflauf zu schälen und schneiden, fiel mir Haley wieder ein. Daher sagte ich zu Brett:
      „Hey, Brett. Ich soll dir schöne Grüße bestellen.“
      „Echt? Von wem?“
      „Von Haley!“
      Ich musste ein wenig grinsen, denn eigentlich sollte ich es ja nicht wirklich tun.
      „Wirklich? Hat sie was gesagt?“
      „Nein, du Trottel! Was hast du denn erwartet?“
      „Ach... nichts...“, sagte Brett kleinlaut und Eric fragte:
      „Hast du dich etwa in die Kleine verknallt? Denk dran, sie ist 2 Jahre älter als du.“
      „Ich bin nicht verknallt“, meckerte er Eric an und wandte sich dann wieder an mich.
      „Meinst du, sie würde sich mal bei mir melden?“
      „Das glaube ich nicht, Brett!“
      „Frag sie doch mal.“
      „Wenn du dann Ruhe gibst, frag ich sie.“
      Ich hatte nicht vor, sie zu fragen, aber ich wollte meine Ruhe vor ihm haben. Wer hätte den ahnen können, dass er so ernst auf meinen Spaß reagiert.
      Nach einer Weile war das Essen endlich fertig und nachdem wir unsere Tradition vollzogen haben und jeder von uns seinen Dank für die verschiedensten Dinge ausgesprochen haben, fingen wir an zu essen. Ich liebe Thanksgiving. Das hat sich bis heute nicht geändert. Es war ein wunderbares Wochenende und die gesamte Familie kam zusammen.
      Nach dem Essen gingen wir „Kinder“ wieder in den Garten und trainierten die Kalorien in Form von Footballspielen ab.
      Der Rest des Wochenendes war dann noch recht ruhig. Allerdings ging das Wochenende viel zu schnell vorbei und so saß ich Sonntagmittag wieder in Flieger nach Boston zurück. Morgen würde wieder der Ernst des Lebens weitergehen.

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      Haley

      Für den Rest des Wochenendes ließ ich mir nicht anmerken, dass ich enttäuscht war.
      Stattdessen lernte ich am nächsten Tag Damon kennen. Jonathan hatte recht. Er war sehr nett. Ich mochte ihn auch. Außerdem war er sehr hübsch. Wieder so ein Fall von „Schade für die Frauenwelt!“ Mit seinen schwarzen Haaren und den strahlend blauen Augen sah er aus wie ein Model. Und er hatte einen Mund... Kein Wunder, dass Jonathan ihn so gern küsste. Hach, warum mussten nur alle netten Männer schwul sein?
      Am Thanksgiving-Day kamen meine Großeltern zu Besuch. Gemeinsam machten wir das Essen fertig. Meine Mum hatte mal wieder einen viel zu großen Truthahn gekauft.
      „Wenn etwas übrig bleibt, mache ich dir ein Truthahnsandwich“, versprach sie mir. Ich liebte ihre Truthahnsandwiches und hoffte so sehr, dass etwas übrig blieb. Aber das dürfte kein Problem sein, denn das Vieh war überdimensionalgroß!
      Das Wochenende war wirklich toll. Ich hatte sehr viel Spaß. Ich hatte es sogar geschafft, mein Referat fast zu ende zu schreiben. Den Rest würde ich Sonntag im Wohnheim machen.
      Am Sonntag musste ich dann wieder zurück. Vorher machte ich mit Jonathan aus, dass es bei Weihnachten bleiben würde. Damon wollte zu Silvester nach kommen. Es konnte ja nicht angehen, dass er ins neue Jahr ohne seinen Geliebten geht. Die beiden waren einfach nur süß. Mist, ich wollte doch noch fragen, ob Damon einen Heterobruder hatte. Hatte ich dann natürlich vergessen. Na was soll’s. Andere Mütter hatten auch schöne Söhne und wer weiß? Vielleicht findet sich ja auch einer mal für mich.
      Als ich Sonntag in Boston ankam und wieder in meinem Studentenwohnheim ankam, merkte ich in meinem Zimmer sofort, dass etwas anders war. Aber was?

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    • Teil 11

      Haley


      Das ganze Zimmer sah anders aus. Nein, halt. Nur das halbe Zimmer. Meine Hälfte des Zimmers war so, wie ich es verlassen hatte. Doch Lauras Hälfte sah so anders aus.
      Ein Mädchen mit langen schwarzen Haaren kam ins Zimmer.
      „Hallo?“, fragte sie misstrauisch.
      „Wer bist du?“, kam noch hinterher.
      >Das könnte ich dich fragen?<, dachte ich, sagte aber: „Haley. Das ist mein Zimmer. Und du bist...?“
      „Scarlett O’Hara. Und nein, mein Freund heißt nicht Rhett Butler“, antwortete sie mir. Wahrscheinlich hatte sie den Witz schon zu oft gehört.
      „Das wollte ich gar nicht sagen. Aber was machst du hier?“
      „Ich wohne hier.“
      „Und... und was ist mit Laura?“
      „Die hat wohl aufgehört zu studieren. Keine Ahnung warum. Aber jetzt bin ich ja da. Wo kommst du her?“
      Ich war perplex. Etwas schockiert setzte ich mich auf mein Bett. Ich wusste, dass Laura Schwierigkeiten mit dem Studium hatte, aber dass sie gleich aufhören würde? Das hätte ich nie gedacht.
      „Ich... ich bin aus New York“, antwortete ich, während ich Scarletts Zimmerhälfte betrachtete. Es war komplett in rosa gestrichen und das Bett hatte einen quietsch-rosa Himmel. Eigentlich war alles rosa. Ich mochte rosa, aber nur in Maßen. Das war einfach zuviel rosa. Und hier sollte ich schlafen?!
      „Ich komme aus Louisiana“, sagte Scarlett.
      Es war nicht zu überhören, dass sie aus den Südstaaten kam. Vermutlich waren ihre Eltern Fans von „Vom Winde verweht.“
      Bevor wir uns weiter unterhalten konnten, klingelte mein Handy.

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      Ryan

      Wir waren schon lange zu Hause und ich hatte das Bedürfnis, mich mit jemandem zu treffen und zu quatschen. Aber weder Leslie noch Tim noch Paul hatten Zeit bzw. waren nicht da. Daher rief ich Haley an. Wir wollten uns ja eh noch zusammen setzen wegen ihrem Lernstoff.
      Es klingelte zweimal, als sie sich mit ihrer süßen Engelsstimme meldete.
      „Hi, Ryan!“
      Sie hatte meine Nummer gespeichert, daher wusste sie, dass ich es war.
      „Hey! Na, bist du wieder da oder noch bei deinen Eltern?“
      „Ich bin wieder da. Was gibt es denn?“
      „Nichts. Na ja, doch... ich wollte fragen ob du Lust auf einen Kaffee hast?“
      „Gern. Bei dir oder bei Barneys?“
      „Du kannst gern her kommen. Ich mach dann schon mal Kaffee.“
      „Okay. Bis gleich.“
      Wir legten auf und ich ging in meine kleine Küche und bereitete den Kaffee vor.
      Es dauerte nicht lange, bis es an meiner Tür klopfte. Ich öffnete und begrüßte Haley.
      „Hi, komm rein“, sagte ich.
      Sie streifte sich ihre Turnschuhe ab und kam in die Wohnung.
      „Wie geht’s?“, fragte sie.
      „Gut. Thanksgiving war anstrengend.
      „Ja. Bei mir auch.“
      „Ist wohl immer so. Warte kurz, ich hol den Kaffee.“
      Sie setzte sich auf mein Bett, während ich den Kaffee holte. Als ich wieder bei ihr war, fragte ich:
      „Nun erzähl doch mal. Wie war es bei deinen Eltern?“

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      Haley

      „Nun ja. Es war okay. Ich hatte meinen Spaß.“
      „Na, ganz glücklich klingt das aber nicht“, bemerkte er. Also erzählte ich ihm, dass ich Weihnachten nicht bei meinen Eltern verbringen würde.
      „Wie bitte? Die fahren einfach weg?“
      „Ja. Aber hey, Jonathan kommt ja her und wir machen uns ein paar ruhige Tage.“
      „Das klingt doch auch ganz gut.“
      Ich nickte nur.
      Er sah mich an, während er mir den gefüllten Kaffeebecher in die Hand drückte.
      „Ist sonst noch was? Du schaust so traurig.“
      „Nein. Na ja, Laura ist weg und ich hab ne neue Mitbewohnerin.“
      „Wirklich? Wie ist sie denn so?“
      „Ich weiß nicht recht. Wir hatten nicht so viel Gelegenheit gehabt, zu reden. Aber sie heißt Scarlett und kommt aus Louisiana. Mal sehen, wie es wird.“
      „Ach so. Na, das wird schon. Aber sag mal, wann wollen wir denn mit der Nachhilfe anfangen?“
      „Mh... gute Frage. Ich muss am Mittwoch noch ein Bio-Referat halten.“
      „Worüber denn?“, fragte Ryan mich.
      „Der menschliche Blutkreislauf.“
      „Darüber musste ich auch schreiben. Willst du meine Aufzeichnungen haben? Aber schreib sie bitte nicht wortwörtlich ab.“
      Ich lachte auf.
      „Nein, danke. Ich bin ja schon fast fertig. Aber das finde ich lieb von dir.“
      „Okay. Wie du magst. Aber nicht, dass du das Referat versemmelst.“
      „Und wenn, dann musst du mir auch in Bio Nachhilfe geben“, grinste ich.
      „Klar, kein Problem.“
      Ryan und ich quatschten noch ganz lange. Er erzählte mir, dass er Weihnachten hier verbringen würde mit seinen Eltern und seinen Geschwistern.
      „Ach so. Was machst du denn Silvester? Ist Jonathan dann immer noch bei dir?“
      Ich nickte.
      „Dann kommt doch einfach her. Meine Eltern machen eine kleine Feier im Rahmen der Familie und ich hab ehrlich gesagt keine Lust nur mit meiner Familie ins neue Jahr zu gehen.“
      „Das klingt gut. Aber du sagst doch, dass es im Rahmen der Familie sein soll. Ich gehöre doch nicht zur Familie. Und Jonathan schon gar nicht. Außerdem wird Jonathans neuer Freund auch über Silvester hier sein. Was soll ich dem denn sagen?!“
      „Kleines! Ihr könnt alle drei kommen. Meine Eltern haben nichts dagegen. Wirklich. Jonathan ist schwul?“, fragte Ryan aus dem Zusammenhang heraus.
      „Ja. Habe ich dir das nicht erzählt?“
      Er schüttelte den Kopf.
      „Ist doch nicht schlimm, oder? Er ist so süß mit Damon. Damon ist sein Freund.“
      „Quatsch. Natürlich ist das nicht schlimm. Du hast es nur nie erwähnt und so dachte ich, dass du und Jonathan...“
      „Oh nein!“, unterbrach ich ihn.
      „Wir lieben uns, aber nicht so.“
      „Ach so!“, kam von Ryan.

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      Ryan

      Man, bin ich blöd. Schon wieder ein Fettnäpfchen. Nun ja, sie scheint es nicht gemerkt zu haben. Daher wechselte ich das Thema.
      „Am Mittwoch hast du dein Bio-Referat?“, fragte ich.
      Sie nickte.
      „Dann schlage ich vor, dass wir Samstag mit der Nachhilfe anfangen. Und dann jeden Samstag und vor Prüfungen noch mal eine Extrastunde.“
      „Das klingt gut. Aber ich kann nicht von dir verlangen, dass du deine Samstage für mich opferst.“
      „Doch, kannst du. Ich mache das doch gerne.“
      „Wirklich?“
      Ich nickte nur lächelnd, woraufhin sie mir um den Hals fiel.
      „Du bist echt ein Schatz, Ryan! Weißt du das?“
      Daraufhin bekam ich noch ein Küsschen auf die Wange.
      „Mh. So schön hat es mir noch keiner gesagt“, erwiderte ich.
      „Tja. Einmal ist immer das erste Mal“, grinste sie mich an bevor sie fortfuhr:
      „Aber Ryan? Ich geh mal wieder zurück. Ich habe noch ein bisschen zu tun.“
      „Okay. Soll ich dich wegbringen?“
      „Lieber nicht. Wir verquatschen uns doch nur wieder und ich komm zu nichts.“
      Ich musste lachen.
      „Ja, stimmt.“
      Haley stand auf, ging zur Tür, zog ihre Jacke und Schuhe an und sagte:
      „Danke für den Kaffee, Ryan. Und danke, dass du mir zugehört hast.“
      „Kein Ding. Mach ich doch gern. Also denk dran. Spätestens Samstag Nachhilfe.“
      „Klar. Wo denn eigentlich?“
      „Na, ich würde sagen, hier, oder? Hier haben wir auf jeden Fall mehr Ruhe als bei dir oder in einem Cafe.“
      „Stimmt. Ich ruf dich Mittwoch noch an und sage dir, wie mein Referat verlaufen ist.“
      „Mach das.“
      Wir verabschiedeten uns mit der obligatorischen Umarmung und einem Küsschen, dann war sie auch schon wieder weg. Auch wenn ich sie gern länger bei mir gehabt hätte, war es okay so. Ich musste gleich noch was lernen und heute Abend hatte ich einen Probearbeitsabend bei „Barney’s.“ Ja, ich wollte noch einen Job haben. Von nichts kommt eben nichts.

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    • Teil 12

      24.12.1998 (Weihnachten)

      Haley


      Die Zeit verging wie im Fluge. Ich hatte mein Referat sehr gut gemacht. Zum Glück musste ich es nicht vortragen, aber mein Biologie-Professor war sehr zufrieden. Also brauchte ich mit Ryan nicht auch noch Bio zu lernen.
      Den Samstag darauf haben wir dann angefangen, mit der Chemie-Nachhilfe. Es lief sehr gut und meine Noten verbesserten sich und ich konnte es endlich mal verstehen. Ryan war wirklich ein guter Lehrer.
      Für das neue Jahr hatte ich mir vorgenommen, einen Job anzunehmen. Meine Eltern zahlten zwar das Studium, aber ich wollte dennoch mein eigenes Geld verdienen. Nicht zuletzt, weil ich seit Scarletts Einzug immer mehr den Wunsch hegte, eine eigene Wohnung zu haben. Sie nervte mich vom ersten Tag an. Als ich damals von Ryan wieder zurückgekommen war, hatte sie das Zimmer noch mehr umdekoriert. Überall standen Kerzen und Blumen, was ich an sich nicht schlimm fand, denn ich liebe Kerzen und Blumen, aber die Kerzen waren alle rosa. Die Frau hatte eindeutig eine abartige Affinität zu der Farbe rosa. Mir wollte sie auch einreden, dass ich meine Hälfte auch in rosa dekorieren sollte. Aber nein, ich blieb bei meinem blau. Ja ich weiß! Rosa und blau in einem Zimmer... Aber dafür kann ich doch nichts. Aber das Schlimmste war, dass sie ständig mit ihrem Freund, Wyatt, telefonierte und wenn er sie besuchte, hatten die nichts Besseres zu tun, als es immer und überall zu treiben. Ich hatte so die Nase voll. Wenn die beiden nachts zugange waren, war ich immer zu Ryan oder Leslie geflüchtet.
      Aber egal... ich beschwerte mich nicht. Stattdessen packte ich meine Sachen. Es war Heiligabend und Jonathan musste jeden Moment bei mir auftauchen. Dann wollten wir in ein kleines Hotel und uns ein paar schöne Weihnachtstage machen.

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      Ryan

      Ruhiges Weihnachten? Fehlanzeige. Neben meinen Geschwistern und meinen Eltern waren auch meine Großeltern anwesend. Sie sind lieb und süß, aber auch anstrengend. Ihr kennt das doch. >Mei, bist du groß geworden...< Ich glaube, meine Großeltern haben es immer noch nicht geschnallt, dass ich nicht mehr wachse und schon erwachsen und nicht mehr 12 Jahre alt bin. Doch zum Glück geht es meinen Geschwistern genauso. Bitte nicht falsch verstehen. Ich liebe meine Großeltern, aber sie sind so anstrengend manchmal.
      Bereits am 23.12. kamen meine Großeltern Steven und Rebecca Wolfe und Jonah und Rose Carson bei uns an. Wer zu meinem Dad gehört und wer zu Mom das ist doch wohl offensichtlich, oder? Wenn nicht, dann sag ich es noch mal. Steven und Rebecca sind Dads Eltern und Jonah und Rose Mums Eltern.
      Wie dem auch sei. Gleich beim Hereinkommen durfte ich mir wieder anhören, wie groß ich denn geworden wäre.
      „Grandma! Ich bin genauso groß, wie sonst auch immer“, antwortete ich.
      „Nein, nein! Du bist gewachsen, mein Junge.“
      „Ja, okay. Dann bin ich eben gewachsen“, gab ich klein bei, um endlich das Thema hinter mir lassen zu können.
      Die gleiche Diskussion hatte ich dann auch noch mit Grandma Carson.
      Am Heiligen Abend holten wir den Weihnachtsbaum ins Haus und schmückten ihn gemeinsam. Ja, so richtig familiär. Doch dafür ist Weihnachten doch da, oder etwa nicht?
      Mein Bruder Matt wollte mal wieder Tonnen von rotem Lametta draufwerfen, aber ich hatte entschieden etwas dagegen.
      „Das geht nicht, Matt. Der arme Baum kippt ja noch um vor lauter Lametta“, protestierte ich.
      „Blödsinn. Du hast doch keine Ahnung.“
      „Hey, das ist alles eine Frage der Schwerkraft.“
      „Hör mir mit dem Scheiß auf“, meckerte Matt.
      „Jungs! Hört endlich auf. Jedes Jahr das gleiche Theater wegen eurem blöden Lametta. Am Besten packt ihr da gar keins drauf“, sagte Mom leicht wütend.
      „Tschuldigung, Mom“, kam von uns beiden gleichzeitig.
      Also einigten wir uns auf ein bisschen Lametta und der Rest des Baumes erstrahlte nach einer Stunde in den Farben rot und gold. An der Spitze hatten wir einen großen Stern, der hellrot leuchtete.
      Am Weihnachtsmorgen war wie jedes Jahr Geschenkeauspacken angesagt. Als wir noch klein waren, artete das immer in einem riesengroßen Chaos aus. Früher schon hatte ich meinen Müll immer sofort weggeräumt und weggeworfen, aber an sich hat mich das Weihnachtschaos nie wirklich gestört. Heute bin ich froh, dass es nicht mehr so ist. Meine Geschwister räumten auch immer alles weg und kleine Kinder hatten wir hier nicht mehr. Unwillkürlich fragte ich mich, ob ich irgendwann mal wieder Chaos dulden würde, wenn ich selber Kinder hätte? Eigene Kinder und damit Chaos, Unordnung und Durcheinander lagen aber noch in weiterer Ferne.
      Weihnachtsgeschenke waren aber bei uns immer noch an der weihnachtlichen Tagesordnung. Meine Geschwister bekamen von mir nur eine Kleinigkeit. Mein Bruder ein Videospiel und meine Schwester ein Gutschein für den Buchladen. Meine Eltern und Großeltern bekamen mein Versprechen, dass ich am nächsten Thanksgiving etwas kochen würde. Ja, ich kann kochen. Sehr gut sogar.
      Mein Bruder und meine Schwester hatten sich für mich was Besonderes einfallen lassen. Ich bekam ein Chemiebaukasten und das, obwohl ich das Studium fast beendet hatte. Zu allem Überfluss war es ein Kinder-Baukasten. Sehr witzig, dachte ich nur. Aber so sind halt meine Geschwister. Wenn ich die verkaufen wollte, müsste ich noch was draufzahlen, um die loszuwerden.
      Meine Eltern schenkten mir eine neue Kaffeemaschine. Meine war mir vor zwei Wochen kaputt gegangen und ich hatte noch nicht die Gelegenheit gehabt mir eine neue zu kaufen.
      Meine Großeltern schenkten mir Geld, da sie alle das Klischee vertraten, dass alle Studenten chronisch pleite wären. Bei manchen war das auch so, aber bei mir nicht. Dennoch freute ich mich natürlich über das Geld. Wer würde das nicht?
      Der Rest des Weihnachtsfestes blieb allerdings ruhig und so bereitete meine Mom schon mal langsam alles für die anstehende Silvesterparty vor.

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      Haley

      Ich war ja anfangs nicht sehr begeistert von der Idee, nicht daheim mit Mom und Dad Weihnachten zu feiern. Aber im Laufe der Weihnachtstage fand ich es immer besser.
      Jonathan und ich begaben uns am 24.12. sofort in unser Hotelzimmer. Der Portier wollte uns die Honeymoonsuite geben, weil wir doch so ein hübsches Paar seien. Warum denkt nur jeder, Jonathan und ich wären ein Paar? Erst Ryan und dann die Pfeife von Portier. Ich musste mein Leben im nächsten Jahr grundlegend ändern, fiel mir auf. Mir war nach einem richtigen Freund, mit dem ich alt werden, drei bis vier Kinder haben und mein Leben in einem Häuschen mit weißem Gartenzaun verbringen würde. Jaja... es waren die üblichen Mädchenträumereien und die Betonung lag auf Träumereien. Manchmal hatte ich das Gefühl, ich würde nie einen Mann abkriegen, schon gar nicht für ein ganzes Leben. Andererseits war ich erst 19 Jahre alt. Ich war doch noch jung.
      Aber nun genug vom Selbstmitleid. Es war schließlich Weihnachten und ich wollte es genießen.
      Wir gingen nun jedenfalls in unser Zimmer.
      Unser Hotelzimmer war mit einem King-Size-Bett und einem Fernseher ausgestattet. Eine Tür in der Wand an der das Bett stand, führte uns in ein kleines Badezimmer mit Dusche und Badewanne.
      „Wow! Es ist großartig hier“, freute Jonathan sich.
      „Ja. Und das bei dem geringen Budget, das wir haben“, stimmte ich ihm zu.
      Ich warf mich voller Vorfreude auf das Bett, machte mich breit und rief übermütig und ein wenig kindisch:
      „Mein Bett!“
      „Ja, Pustekuchen! Unser Bett!“, konterte Jonathan und warf sich ebenfalls auf das Bett zu mir.
      „Na gut. Ich teile mit dir“, grinste ich schelmisch. Ich legte mich richtig aufs Bett, damit Jonathan sich vernünftig neben mich legen konnte.
      „Ich glaube, dieses Weihnachten wird etwas ganz besonderes“, sagte Jonathan nach einer Weile.
      „Ich glaube auch.“
      Im Zimmer neben dem Fernseher stand ein kleiner, geschmückter Weihnachtsbaum. Ich stand auf und schaltete die bunte Lichterkette ein.
      „Ja, ja... jetzt fehlen nur noch die vielen Kerzen, dann wäre es für dich perfekt, was?“, kommentierte Jonathan mein tun.
      „Na, ich dachte du kennst mich?“, fragte ich und zog meinen Rucksack zu mir. Ich zog einen mittelgroßen Gefrierbeutel aus dem Rucksack. Darin hatte ich ganz viele Teelichter, die ich nun nach und nach im Zimmer verteilte und anzündete.
      Es war wirklich romantisch. Als wir uns später fürs Bett fertig machten, kuschelte ich mich an Jonathan und schlief ein.
      Am nächsten Morgen machten wir Bescherung. Jonathan bekam von mir den Film Titanic als Video und sein Lieblings-After-Shave. Er freute sich wie ein kleines Kind darüber.
      „Den Film gucken wir nachher“, verkündete er strahlend, während er aufstand und mich in den Arm nahm.
      „Hach, ich liebe dich, Kleines.“
      „Ja, ja. Ich dich auch, du Mädchen“, grinste ich.
      Das war keineswegs böse gemeint, diesen Dialog hatten wir öfter und gehörte einfach zu uns wie unsere Vornamen.
      Dann gab er mir mein Geschenk. Es war eine Holzkiste mit Glasdeckel in der ganz viele Teelichter und kleine Duftkerzen waren. Ich freute mich so sehr, da ich Kerzen über alles liebte.
      „Danke, Jonathan. Du weißt, wie du mich glücklich machen kannst“, grinste ich und gab ihm ein Küsschen auf die Nase.
      Wir hatten gerade das Geschenkpapier weggeräumt, als mein Handy klingelte. Jonathan sah drauf.
      „Schatz! Da ruft dich ein Ryan an. Wer ist das? Dein neuer Freund?“, grinste er.
      „Nein. Ist er nicht. Warte kurz.“
      Ich nahm ab.
      „Hallo?“
      „Haley?“
      „Ne. Die Frau im Mond. Wen hast du denn angerufen?“
      „Witzig, Kleines. Und dabei wollte ich dir nur frohe Weihnachten wünschen“, sagte er gespielt beleidigt.
      „Armer Hase. Ich wünsche dir auch frohe Weihnachten.“
      „Danke. Ach ja, und ich wollte fragen, ob ihr jetzt zu Silvester rüber kommt?“
      „Ich hab das noch nicht besprochen. Ich melde mich später oder morgen bei dir, okay?“
      „Ist okay. Dann wünsche ich euch noch einen schönen Tag und nochmals frohe Weihnachten.“
      „Danke. Dir auch. Bis dann.“
      Wir legten auf.
      „Und? Wer ist das jetzt?“, fragte Jonathan sofort.
      „Das war Ryan. Er hilft mir mit dem Studium. Und er hat uns zu Silvester eingeladen. Hast du Lust?“
      „Klar. Damon sicher auch. Das wird lustig.“
      Den Rest des Tages verbrachten wir mit Titanic gucken und später gingen wir raus und machten einen Spaziergang durch Boston. Es lag Schnee und so kam es, dass Jonathan und ich uns eine Schneeballschlacht lieferten.
      Im Hotel gingen wir baden (jeder einzeln, obwohl er schwul war) und danach kuschelten wir im Bett, aßen Popcorn und Bratäpfel und genossen Weihnachten. Meine Eltern riefen zwischendurch an und wünschten frohe Weihnachten.
      Und so ging Weihnachten vorüber und Silvester konnte, nachdem Damon hier angekommen und einverstanden war, kommen.

      [tbc...]
    • Teil 13

      31.12.1998 – 01.01.1999 (Silvester)

      Ryan


      Wir waren im Silvester-Vorbereitungs-Stress. Meine Eltern hatten nichts dagegen, dass Haley, Jonathan und Damon kommen würden. Allerdings führte das zu Protest bei Beverly und Matt und so durften auch die besten Freunde meiner Geschwister kommen. Das waren zum Glück nur zwei. Matts bester Kumpel Oliver und Beverlys beste Freundin Teresa. Aber so hatte ich wenigstens Ruhe vor meiner Schwester. Allerdings konnte es mit Matt und Oliver lustig werden. Große Brüder sind ja sooooo cool ;)
      Wir hatten eine kleine Feier geplant. Zu Essen gab es ganz traditionell Chicken Wings, Maisbrot, Honigschinken und natürlich Sekt, Bier und Pepsi. Unsere Gäste brachten auch jeder eine Kleinigkeit mit, was sie allerdings nicht zwingend gebraucht hätten.
      Um 20.00 Uhr kamen dann Teresa und Oliver. Kamen die tatsächlich zusammen oder hatten die sich nur an der Tür getroffen? Mh... wer weiß das schon? Ja, klar! Oliver und Teresa, aber mir war es egal.
      Wenig später klingelte es auch schon wieder an der Tür. Ich öffnete schnell und davor standen natürlich Hailey und zwei junge Typen, die etwa in ihrem Alter waren.
      „Hi, Ryan!“, begrüßte sie mich und redete gleich weiter: „Das ist mein New York-Hasi Jonathan und sein Freund Damon.“
      Dabei zeigte sie auf die jeweiligen Jungs. Jonathan war ziemlich groß, hatte blonde Haare. Damon war das Gegenteil von ihm. Etwa einen Kopf kleiner und hatte dunkle Haare. Beide Jungs gaben mir die Hand und drückten mir jeder eine Flasche Sekt in die Hand.
      „Wir dachten, wir bringen was mit, wenn wir schon unbekannt einfach herkommen.“
      „Danke. Das ist nett, wäre aber nicht nötig gewesen. Kommt doch endlich rein.“
      Ich führte die Drei ins Wohnzimmer, wo die anderen schon warteten. Ich stellte meinen Eltern meinen Besuch vor und nun konnte die Party endlich losgehen.

      **************************************************************

      Haley

      Ryans Familie kannte ich ja bereits. Für Jon und Damon war das alles neu. Doch scheinbar hatten beide kein Problem damit, neue Menschen kennen zu lernen. Von Jonathan wusste ich es ja bereits, aber Damon kannte ich ja noch nicht wirklich.
      Allerdings überraschte Damon mich, weil er sofort auf Ryans Eltern und Geschwister zuging und denen Romane erzählte.
      Nachdem alle Höflichkeitsfloskeln ausgetauscht und sich jeder jedem vorgestellt wurde, wollte Mrs. Wolfe, die allen sofort das Du angeboten und darauf bestanden hatte, dass man sie Sheila nannte, mit dem Essen anfangen.
      Obwohl das Meiste schon vorbereitet war, gab es noch ein wenig zu tun. Sheila bat Beverly ihr zu helfen, diese weigerte sich aber strikt. Also bot ich mich an.
      „Warten Sie. Ich helfe mit.“
      „Höre ich noch einmal dieses böse Wort, gibt es Ärger“, sagte sie grinsend zu mir, während wir in die Küche gingen.
      „Welches böses Wort?“
      „SIE!“
      „Oh, tut mir leid. Ich bin es nicht gewöhnt, Eltern meiner Freunde zu duzen. Ich hoffe, du verzeihst mir.“
      „Na gut. Wenn es nicht noch mal vorkommt, ja.“
      Sie war nett. Wirklich nett. Ich mochte Sheila und war wirklich gern bereit, ihr zu helfen. So viel war es ja nicht mehr. Wir holten die letzten Sachen aus der Küche, stellten sie ins Wohnzimmer und fingen, nachdem alle etwas zu trinken hatten, an zu essen.

      **************************************************************

      Ryan

      Ich fand es so mies von Beverly, dass sie Mom nicht geholfen hatte. Gut, eigentlich hätte ich Haley auch nicht gehen lassen sollen. Als guter Sohn hätte ich geholfen, aber Mom und Haley waren schneller in der Küche, als ich etwas sagen konnte.
      Als Mom und Haley wieder da waren, machte ich mich daran, die Getränke zu verteilen. Meine Schwester und ihre Freundin bekamen Cola, während wir anderen (außer Jonathan und Damon) Bier wollten. Ich sah Jonathans Blick, als er hörte, dass Haley Bier haben wollte. Wenn er wüsste, was die Kleine so alles verpacken konnte. Klar wusste ich, dass sie in New York nie Alkohol getrunken hatte, aufgrund ihrer Krankheit (von der ich mittlerweile auch alles wusste), aber hier in Boston hatte sich das geändert. Na ja, nachdem sie mir mal von ihrer Krankheit erzählt hatte, habe ich ihr gesagt, dass sie vielleicht weiterhin nichts trinken sollte. Doch nachdem sie mich angemeckert hatte, ich würde mich anhören wie ihre Eltern, sagte sie, dass sie sich gut fühlte und es sicher nichts ausmachen würde, wenn sie auf Partys was trinken würde. Von daher war das Thema für mich dann erledigt.
      Ich gab Haley also ihr Bier, während Jonathan und Damon auch erst mal nur Cola wollten.
      „Du trinkst Bier? Seit wann denn das?“, fragte Jonathan, nachdem Haley die ersten Schlucke aus der Flasche genommen hatte.
      „Wenn ich ehrlich sein soll, seit ich in Boston bin. Und bevor du noch was sagst. Nein, ich betrinke mich nicht regelmäßig und wenn ich was trinke, dann nur in Gesellschaft und in Maßen.“
      Ich musste grinsen. Wenn das, was Haley trinkt, in Maßen war, was bitte war dann bei ihr betrinken? Aber ich sagte nichts, sondern grinste nur vor mich her.
      „Schon gut, schon gut. Ich bin ja schon still“, gab Jonathan ebenfalls mittlerweile grinsend zur Antwort.
      Irgendwann kam mein Bruder auf die Idee, dass Bundesstaatenspiel zu spielen. Es geht darum, die Bundesstaaten alphabetisch aufzuzählen, einer nach dem anderen. Der jenige, der länger als 5 Sekunden überlegen muss, oder eine falsche Antwort gibt, muss einen Schnaps trinken. Meine Schwester und Teresa mussten sich mit Apfelsaft begnügen.
      Nachdem wir bereits drei Runden gespielt hatten, war ich froh, dass ich ein Streber war. Ich hatte nicht einmal verloren, dafür aber meine Eltern und meine Schwester. Haley und ihre beiden Freunde schlugen sich auch wacker und Jonathan verlor in der vierten Runde. Die fünfte Runde haben alle durchgestanden. Danach hatten wir irgendwie keine Lust mehr, da es allmählich auf Mitternacht zuging.

      **************************************************************

      Haley

      Das Spiel, das Matt vorgeschlagen hatte, machte echt Spaß und zum ersten Mal in meinem Leben war ich froh, in Geographie so gut aufgepasst zu haben. Was ich allerdings beschloss, war, dass dieses Spiel auf keiner Party mehr fehlen durfte.
      Nun ging es auf Mitternacht zu. Irgendwie wurde ich leicht nervös, da es mein erstes Silvester ohne meine Eltern war. Aber ich überstand Weihnachten ohne sie, da würde Silvester doch ein Kinderspiel werden. Abgesehen davon, war ich in Gesellschaft meiner beiden besten Freunde und ganz lieben Menschen, die mich allesamt zu mögen schienen.
      Um Punkt 0.00 Uhr stießen wir alle mit Sekt an. Sogar Beverly und Teresa durften ein Glas Sekt mit Orangensaft trinken. Immerhin waren die beiden ja schon 18 Jahre alt und in Gegenwart der Eltern.
      Nachdem Jonathan und Damon uns ein frohes neues Jahr gewünscht hatten, widmeten sie sich einander zu. Sie sahen so glücklich und zufrieden aus.
      „Hey, ich wünsche dir auch ein frohes neues Jahr“, hörte ich Ryan neben mir.
      „Hey. Ich dir auch“, antwortete ich und umarmte ihn. Er gab mir sogar einen Kuss. Diesmal auf den Mund. Es war nur ein kurzer Kuss, aber ich habe ihn genossen. Es tat so gut, jemanden in meiner Nähe zu haben, der mich mochte. Unwillkürlich sah ich wieder zu Jon und Damon.
      „Sollen wir dazwischen gehen, bevor die sich auffressen?“, fragte Ryan grinsend.
      „Nein. Lass sie doch, die knutschen nur.“
      Gerade, als ich noch etwas trinken wollte, klingelte mein Mobiltelefon.
      „Ja bitte?“
      „Hey, ich bin es. Mom. Ich wünsche dir ein frohes neues Jahr.“
      „Hey! Danke Mom. Das wünsche ich euch auch“, erwiderte ich und hoffte, dass sie es mir nicht anhörte, dass ich getrunken hatte. Doch Mom wäre nicht Mom, würde sie es nicht merken.
      „Hast du getrunken?“
      „Nein. Nur etwas Sekt zum Anstoßen. Ist doch jetzt auch egal. Was macht Dad?“
      „Der sitzt neben mir und lässt Grüße ausrichten.“
      „Danke. Sag ihm, er braucht nicht mit mir selber reden“, sagte ich leicht ironisch.
      Haley. Bitte. Lass uns das Thema wechseln.“
      „Du hast recht. Aber ich schlage vor, wir telefonieren morgen.“
      „Ist gut. Mach’s gut, mein Schatz. Bye bye.“
      Wir legten auf.
      „Deine Eltern?“, fragte Ryan, der immer noch neben mir stand.
      „Nein. Es war nur eine Bekannte, die ich Mom nenne“, antwortete ich wieder mal ironisch.
      „Du spinnst“, grinste Ryan.

      Wir saßen noch etwa bis um vier Uhr in der Nacht bei Ryan und seinen Eltern. Sheila schlug vor, dass wir alle dort übernachten sollten. Immerhin war es spät und wir waren alle müde. Das ließen wir uns nicht zwei Mal sagen. Oliver schlief bei Matt im Zimmer, Teresa bei Beverly und Jonathan und Damon bekam das Gästezimmer. Ryan und ich gingen in seine Wohnung hoch – wie immer.

      **************************************************************

      Ryan

      Meine Eltern waren klasse. Sogar um vier Uhr in der Nacht machten sie das Gästezimmer fertig. Freiwillig.
      Haley und ich gingen rauf in meine Wohnung, wo ich das Bett fertig machte. Mittlerweile waren wir soweit, dass wir uns mein Bett teilten.
      Um halb fünf lagen wir beide also im Bett und ich war überglücklich, endlich liegen zu können. Auch wenn ich es mir nicht eingestehen wollte, Silvester war einfach anstrengend.
      „Was glaubst du, machen Jonathan und Damon jetzt?“, fragte ich sie. Warum ich das fragte, wusste ich nicht.
      „Ich will es gar nicht wissen.“
      „Auch wieder wahr.“
      „Hast du gemerkt, wie glücklich die beiden sind?“, fragte sie mich nach einer Weile.
      „Ja. Das ist doch gut.“
      „Mhhhh“, kam nur von ihr. Diese Reaktion veranlasste mich dazu, dass ich das Licht wieder anschaltete.
      „Ist alles okay, Süße?“
      „Ach ich weiß auch nicht. Ich hatte gehofft, dass sich mein Leben von Grund auf ändert, wenn ich hier in Boston lebe, aber dem ist nicht so. Abgesehen davon will ich auch endlich mal eine feste Beziehung haben.“
      „Aber Süße! Du bist doch noch gar nicht so lange hier. Es kann noch viel passieren.“
      „Ja, ich weiß. Aber weißt du, ich habe die ganze Zeit nicht darüber nachgedacht, aber als ich vorhin Jon und Damon gesehen habe, wurde ich schon ein wenig traurig. Wenn das nämlich so weitergeht mit mir, krieg ich nie den richtigen Mann ab.“
      Ich nahm sie in den Arm und drückte sie an mich.
      „Hey, weißt du was? Ich mache dir einen Vorschlag. Wenn wir beide mit 35 immer noch nicht verheiratet sind, heiraten wir beide einfach, okay?“
      Sie musste lachen.
      „Du hast einen Knall, kann das sein?“
      „Möglich.“
      Ich grinste zurück.
      „Mh... na gut. Ich nehme den Vorschlag an. Wenn wir 35 sind. Wenn du 35 bist, oder wenn ich 35 bin?“
      „Wenn du 35 bist.“
      „Du spinnst wirklich“, grinste sie, gab mir einen kleinen Kuss auf die Wange und legte sich hin.
      „Mach das Licht jetzt aus. Ich bin müde:“
      Das tat ich dann auch und schlief auch ziemlich schnell ein.

      [tbc...]
    • Teil 14

      Haley


      Am nächsten Tag schliefen wir recht lange. Als ich aufwachte, spürte ich Ryans Arm um meine Hüfte. Er hatte mich in der Nacht doch tatsächlich umarmt. Nicht, dass es mir unangenehm war, aber ich war ein wenig überrascht, uns so in seinem Bett liegen zu sehen.
      Langsam versuchte ich mich aus seiner Umarmung zu befreien. Ich wollte ihn nicht wecken, er sah doch so süß aus, wenn er schlief. Doch gerade, als ich aufstehen wollte, ließ ich mich seufzend wieder ins Bett fallen.
      „Hey, alles okay?“, fragte Ryan müde, der nun wegen mir wach war.
      „Ja. Mein Kopf... mein Kopf tut weh.“
      „Meiner auch.“
      „Nie wieder Alkohol! Das schwöre ich dir, Ryan.“
      „Mh...“, murmelte er und machte mir den Eindruck, als würde er mir nicht glauben. Ich konnte es ihm nicht verübeln. Ich konnte mir selber ja auch nicht glauben.
      „Darf ich dich nach der nächsten Party daran erinnern?“, fragte er und grinste auch noch frech.
      „Ja ja... Lass mich bloß in Ruhe.“
      „Auch noch frech werden. Das hab ich gern.“
      Bevor ich was sagen konnte, hatte ich auch schon sein Kissen im Gesicht.
      „Hey, das tut weh“, sagte ich und grinste auch.
      „Gut. Böse Mädchen müssen bestraft werden.“
      „Spinner“, entgegnete ich und stand nun endlich auf.
      „Wo willst du hin?“
      „Ins Bad. Anziehen.“
      „Kannst du doch auch hier machen.“
      „Nichts gibt’s. Hättest du wohl gern“, grinste ich ihn an und verschwand im Bad. Er und mich nackt sehen? Niemals. Ryan würde sicher nicht in den Genuss kommen, immerhin ist er mein bester Freund und nicht mein Liebhaber.
      Beim Anziehen und Zähneputzen ließ ich mir diesmal mehr Zeit als sonst.

      **************************************************************

      Ryan

      Als Haley im Bad fertig war, ging ich auch dorthin. Immerhin wollten wir gleich auch noch runter zu meinen Eltern. Sie veranstalteten auch dieses Jahr das alljährliche Neujahrstagfrühstück. Meine Mom machte sogar die Brötchen selber.
      „So. Sollen wir runter?“, fragte ich Haley, als auch ich fertig war. Ich war noch schnell duschen und danach ging es meinem Kopf auch besser.
      „Klar. Ich hab einen Mordshunger.“
      „Ich auch.“
      Wir gingen runter, wo Mom, Dad, Jonathan und Damon schon in der Küche waren.
      „Hey, schon wach?“, fragte Dad.
      „Wie du siehst. Wo ist der Rest?“
      „Dein Bruder ist duschen, Oliver wartet auf ihn und deine Schwester und Teresa wollen einfach nicht aufstehen. Na, haben sie Pech gehabt.“
      „Das glaube ich nicht Mom. So wie ich Beverly kenne, kommt sie runter, wenn das Frühstück fertig ist, nur um nicht helfen zu müssen.“
      „Ryan! Sie ist deine Schwester.“
      „Na und? Er hat doch recht“, stimmte Dad mir zu, widmete sich dann wieder Haley.
      „Möchtest du einen Kaffee?“
      „Nichts lieber als das.“
      „Oder ein Bier?“, fragte Dad grinsend.
      „Äh... nein danke. Mir ist schon schlecht.“
      „Wohl etwas zu viel getrunken, was?“, fragte Jonathan.
      „Halt die Klappe. Das war nicht zu viel Alkohol“, gab sie murrend zurück.
      Wie ich vorher gesagt hatte, kamen Beverly und Teresa gerade die Treppe herunter, als das Frühstück auf dem Tisch stand. Meine Schwester konnte ja so unglaublich faul sein. Aber egal. Das Frühstück gestaltete sich jedenfalls als sehr schön und lustig. So könnte es öfter sein. Doch schon nach dem Frühstück war das große Krabbeln im Gange. Zu Englisch: Jonathan, Damon und Haley machten sich auf den Weg, da die Jungs noch packen mussten. Sie wollten heute noch zurück nach New York fliegen.
      Wir verabschiedeten uns von den Jungs ich sagte noch zu Haley: „Ich rufe dich morgen an, okay?“
      „Klar. Mach das. Bis morgen.“
      Nach der obligatorischen Umarmung und dem obligatorischen Abschiedskuss ging sie mit den Jungs von dannen.

      **************************************************************

      Haley

      Nachdem ich die Jungs zum Flughafen begleitet hatte, ging ich ins Wohnheim zurück. Dort traf mich allerdings der Schlag. Das Zimmer sah aus wie ein Saustall. Zwar ein rosa Saustall, aber ein Saustall. Überall lagen Luftschlange, Konfetti und leere Flaschen. Außerdem auch noch Pappbecher, die mehr voll als leer umgestoßen wurden. Nicht einmal vor meiner Zimmerhälfte hatte das rosa Monster halt gemacht. Und inmitten dieses Chaos lag Scarlett in ihrem Bett mit einem Jungen, der definitiv nicht ihr Freund Wyatt war.
      „Scarlett!“, rief ich aus.
      „W...was? Oh, Haley! Was machst du denn hier?“
      „Ich wohne hier. Und wer ist das? Wo ist mein Zimmer?“
      „Schrei nicht so. Was willst du?“
      „Was ich will? Ich will in mein Zimmer. Ich will Ordnung haben und ich will, dass dieser Kerl geht“, antwortete ich und zeigte auf den Jungen, der zwar wirklich nett aussah, aber an meiner Laune nun auch nichts mehr änderte. Dieser stand langsam auf und sagte: „Ich geh dann mal.“
      Dann war er auch weg.
      „Seit wann bist du so spießig?“
      „Ich bin nicht spießig, Scarlett. Ich hasse nur Unordnung. Und das hier ist ja wohl mehr als Unordnung.“
      „Ist ja gut. Ich räum schon auf.“

      Die nächsten acht Wochen waren nach der Sache für mich nicht gerade leichter. Scarlett war so rücksichtslos wie es nur ging. Nur die Samstage, in denen ich mit Ryan lernte, lenkten mich ab. Natürlich auch die weiteren Nachmittage, die ich mit ihm verbrachte und meine Vorlesungen. Allerdings war es auch nicht leicht zu lernen, wenn in meinem Zimmer ein rosa Püppchen lebte. Ich hatte so die Schnauze voll. Anfang März war ich wieder mit Ryan verabredet.

      **************************************************************

      Ryan

      „Kann ich bei dir einziehen?“, waren Haleys ersten Worte, die ich von ihr zu hören bekam, als sie vor meiner Tür stand. Wir waren zum Mittagessen bei mir verabredet und ich hatte gekocht.
      „Was?“, fragte ich, als sie in meiner kleinen Wohnung war und auf meinem Bett saß.
      „Kann ich bei dir einziehen? Ryan, ich meine es ernst.“
      „Süße! Ich würde jederzeit zusagen, aber sieh dich doch um. Die kleine Wohnung ist selbst für mich fast zu klein. Erzähl mir doch erst einmal, was passiert ist?“
      „Ach, Scarlett. Ich kann mit dieser Frau nicht zusammen leben.“
      „Was hat sie denn nun schon wieder gemacht?“
      „Immer das gleiche, Ryan! Immer das gleiche. Aber ich krieg echt langsam die Krise.“
      „Ach, Kleines. Sieh es mal positiv. Es sind nur noch dreieinhalb Jahre.“
      „Ja, dreieinhalb Jahre der Hölle.“
      Ich nahm sie in den Arm und strich ihr über den Rücken. Ihr schien die Wohnsituation wirklich zu schaffen zu machen.
      „Lass uns erst einmal essen. Dann sehen wir weiter.“
      „Okay. Aber kann ich wenigstens heute Nacht bei dir bleiben?“
      „Sicher, Kleines. Kein Problem.“
      „Ich hab gehofft, dass du es sagst, von daher habe ich auch schon was mitgebracht“, grinste sie mich an.
      „Das dachte ich mir. Mach es dir gemütlich. Du kennst dich hier ja schon aus.“
      „Okay. Was gibt es denn zum Essen?“
      „Na ja... Spaghetti Bolognese.“
      „Was? Du kannst doch so gut kochen und machst Nudeln?“
      „Ging am Schnellsten. Willst du etwa meckern?“
      „Nein. Mit dir würde ich es mir nicht verscherzen wollen. Du bist doch mein einziger Zufluchtsort, wenn ich von der rosa Barbie flüchten muss.“
      „Na, das ist mal ein nettes Kompliment“, grinste ich.
      „Das sollte es auch sein.“
      Ich servierte das Essen und als wir am Tisch saßen, kam mir eine Idee.
      „Haley? Du arbeitest doch auch nebenbei, oder?“
      „Ja. Seit kurzem arbeite ich im Labor mit, warum?“
      „Das gibt doch auch Geld.“
      „Klar. Glaubst du, ich arbeite für umsonst? Aber worauf willst du hinaus?“
      „Nun ja... Ich habe zwei Jobs, du einen... da müsste doch neben den Studienkosten noch genug Geld übrig bleiben, um eine kleine Wohnung anzumieten.“
      „Mag sein, aber ich weiß immer noch nicht, was du sagen willst.“
      „Na ja... du musst raus aus deiner Wohnsituation und ich möchte raus. Was hältst du davon, wenn wir uns zusammen eine Wohnung mieten?“
      „Du willst mit mir zusammenziehen?“
      „Sicher. Als kleine WG und jeder kriegt sein eigenes Zimmer zum Zurückziehen. Was sagst du?“

      **************************************************************

      Haley

      Was ich dazu sagte, wollte er wissen.
      „Was ich dazu sage? Ich finde die Idee grandios.“
      „Wirklich?“
      „Ja, sicher. Ich habe schon länger über eine kleine Wohnung nachgedacht, aber alleine wäre es mir einfach zu teuer.“
      „Eben. So geht es mir ja auch. Dann würde ich sagen, wenn wir am Samstag Chemie gelernt haben, gehen wir die Wohnungsanzeigen durch, okay?“
      „Gern. Vielleicht finden wir ja schon was und dann können wir es ja auch zusammen ausrechnen, wie viel Geld wir zusammen kriegen.“
      „Genau. Das machen wir. Aber jetzt essen wir erst einmal auf und vergessen dein Barbiepüppchen, okay?“, schlug Ryan vor und ich stimmte zu. Auf die Idee wäre ich nie gekommen, aber sie war gut. Ich hoffte so sehr, dass es klappen würde. Was konnte mir denn besseres passieren? Ich wäre von Scarlett und dem dazu gehörigen Chaos weg. Ich bräuchte nicht die komplette Miete zahlen. Ich hätte meine eigene Wohnung und noch dazu mit meinem besten Freund, der alles andere als chaotisch war. Ich selber war zwar nicht so neurotisch, wie Ryan, aber auch ich hasste Chaos und Dreck.
      Den Rest des Tages verbrachten wir zusammen in seiner kleinen Wohnung. Am Abend sahen wir noch ein wenig fern, bis wir auch todmüde ins Bett fielen und sofort einschliefen.

      [tbc...]
    • Teil 15

      Vier Monate später (01.04.1999)

      Haley


      Nachdem Ryan und ich im Januar beschlossen hatten zusammen zu ziehen, suchten wir uns so schnell wie es ging eine Wohnung. Leider erwies sich dies als nicht so einfach wie wir gedacht hatten. Oft wurden wir abgelehnt, weil viele Vermieter auf das Klischee hörten, dass Studenten ja nur Partys machen würden, lange schlafen würden und nie arbeiten gehen, und demnach auch die Miete nicht pünktlich zahlen konnten. Doch dann, als wir schon alle Hoffnungen aufgegeben hatten, bekamen wir doch eine Wohnung. Das lag nicht zuletzt daran, dass ich nun zwei Jobs hatte. Zum einen arbeitete ich am Wochenende in einer Bar als Kellnerin. Das Trinkgeld durften wir auch behalten und das war nicht gerade wenig. Zum anderen bekam ich einen Job in unserem Chemielabor. Es tat mir in zweierlei Hinsicht gut. Zuerst einmal wurde der Job bezahlt. Nicht übermäßig gut, aber immerhin. Des Weiteren konnte ich dadurch eine Menge lernen und war nicht mehr so oft auf Ryans Hilfe angewiesen.
      Ryan hingegen hatte seinen Job im Plattenladen aufgegeben. Nun ja, genau genommen wurde er entlassen, aufgrund wirtschaftlicher Veränderungen, was soviel heißt wie, dass der Laden sich keine Mitarbeiter mehr leisten konnte. Es war nun nur noch eine Frage der Zeit, wann der Laden endgültig zumachen würde. Aber Ryan hatte schon einen neuen Job. Kein sehr guter, aber immerhin wurde er gut bezahlt. Er durfte Asbest entsorgen.
      Nun, wie dem auch sei. Heute war es endlich soweit und wir durften in unsere erste, gemeinsame Wohnung ziehen. Endlich war ich der rosaroten Hölle entkommen.

      **************************************************************

      Ryan

      Die neue Wohnung war perfekt. Sie war bereits renoviert und auch sauber. Das war mitunter das Wichtigste. Die Wohnung war klein, aber dennoch ausreichend für uns. Sie bestand aus einem kleinen Wohnzimmer, einer winzigen Küche, einem hellen Badezimmer und zwei Schlafzimmern, Nun ja, der Vermieter nannte eines der Zimmer „Kinderzimmer“, aber dieses Zimmer sollte nun mein Zimmer werden. Es war kleiner, als das andere Zimmer, aber mir reichte es. Ich hatte ohnehin wenig Kram, und das was ich hatte, hatte einen angestammten Platz, den mein Kram auch weiterhin beibehalten würde.
      Zum Glück waren die Farben der Wohnung recht neutral und hell gehalten. Wir mussten keines der Räume umstreichen oder tapezieren. Nicht auszudenken, was das noch für Dreck gegeben hätte. Mein Zimmer war weiß gestrichen und Haleys Zimmer hatte einen hellgelben Ton. Immerhin viel besser als schweinchenrosa hatte Haley gesagt, als wir das erste Mal in dieser Wohnung waren.
      Heute war er also da, der Tag des Umzuges. Meine Eltern fanden die Idee einerseits ganz gut, da ich nun endlich auf eigenen Beinen stehen musste, wie sie sagten. Doch auf der anderen Seite war besonders meine Mom nicht gerade begeistert von der Idee, dass ich weggehen würde. Als Matthew ausgezogen war hatte sie auch schon Rotz und Wasser geheult. Ich hatte die Befürchtung, dass sie es auch bei mir tat, obwohl ich nur zwei Strassen weiterziehen würde. Doch das änderte nichts. Matt war auch nur einen Block entfernt und den wollte sie auch nicht gehen lassen. Nach einer langen Verabschiedungsarie, (man könnte meinen, ich würde den Bundesstaat verlassen), durfte ich endlich mein Zeug packen und zum Wagen gehen. Meine Schwester verabschiedete sich mit den Worten, dass sie meine Dachwohnung übernehmen würde. Von mir aus. Ich machte mich auf den Weg zu Haley, um sie abzuholen.

      **************************************************************

      Haley

      „So, du gehst also wirklich?“, fragte Scarlett mich, als ich meine wenigen Habseeligkeiten zusammenpackte.
      „Ja, ich gehe wirklich“, war meine Antwort.
      „Und was mache ich jetzt?“
      „Du tust ja gerade so, als wären wir die besten Freundinnen gewesen.“
      „Na ja… wir hätten es werden können. Aber egal. Weißt du, wer nun hier einziehen wird?“
      „Hoffentlich eine mit einem knallrot-tick. Dann beißen sich die Wände“, gab ich gehässiger von mir, als ich es eigentlich wollte.
      Noch bevor Scarlett etwas antworten konnte, klopfte es an der Tür. Ich öffnete sie und vor mir stand natürlich Ryan.
      „Na, Süße. Fertig?“
      „Nicht ganz. Komm rein. Ich bin gleich soweit.“
      Er kam ins Zimmer und begrüßte Scarlett mit einem knappen Kopfnicken. Er tat es mehr aus Höflichkeit, das wusste ich.
      „Leslie und Paul kommen auch gleich um zu helfen.“
      „Ich weiß. Leslie ist ganz aus dem Häuschen und fragte mich vorhin, warum wir es nicht öffentlich bekannt gemacht haben“, sagte ich.
      „Das wir umziehen?“
      „Nein. Unsere Beziehung.“
      „Haben wir denn eine Beziehung?“
      „Wenn es nach Leslie geht, ja. Jedenfalls habe ich ihr gesagt, dass wir nur Freunde sind und wir nur zusammenziehen um uns gegenseitig zu helfen.“
      „Stimmt ja auch.“
      Ich packte meinen Teddy, den Dad mir zu meiner Geburt geschenkt hatte, in die Tasche und war damit auch fertig. Ich liebte diesen Teddy über alles und würde ihn unter gar keinen Umständen irgendwo vergessen oder gar abgeben. Die einzige Person, die diesen Teddy jemals von mir bekommen würde, war mein eigenes Kind. Irgendwann mal.
      Ich ging noch schnell ins Bad rüber um mich zu vergewissern, dass ich auch nichts vergessen hatte.
      Nachdem ich wirklich nichts mehr im Zimmer hatte, verabschiedete ich mich schnell von Scarlett und ging mit Ryan hinaus.
      „Hoffentlich kriegt sie eine Mitbewohnerin, die Rot am Liebsten hat. Dann beißen sich die Wände“, sagte Ryan, als wir draußen waren. Ich war wieder einmal verblüfft, wie ähnlich wir und unsere Gedanken sind.
      „Das Gleiche habe ich ihr auch vorhin gesagt“, antwortete ich.
      „Nein? Wirklich?“
      „Ja. Ich sagte zwar knallrot, aber der Sinn ist der Selbe.“
      Ryan grinste vor sich hin während wir in sein Auto einstiegen. Wenig später waren wir vor dem Wohngebäude. Leslie und Paul warteten bereits. Der Möbeltransport war ebenfalls da. Wir mussten die Wohnung auch neu einrichten und hatten uns im Möbelmarkt auf die Suche nach schönen, aber günstigen Möbeln gemacht. Wir hatten ein paar schöne Dinge gefunden, die nun geliefert wurden.
      Mit Hilfe von Leslie, Paul und den Möbelpackern war innerhalb zwei Stunden alles in der Wohnung und in den jeweiligen Zimmern drin. Es musste lediglich noch aufgebaut werden, aber dafür brauchten wir die Möbelpacker nicht.

      **************************************************************

      Ryan

      Als wir am Abend fertig waren, musste ich auch leider wieder los. Die Arbeit rief. Haley brauchte heute nicht arbeiten. Immerhin war Donnerstag und soweit ich wusste, arbeitete sie montags, dienstags und mittwochs im Labor und freitags, samstags und sonntags in der Bar.
      „Ich bin dann mal weg“, sagte ich zu ihr, die gerade dabei war, ihr Zimmer noch ein bisschen herzurichten.
      „Ist gut. Ich wünsche dir viel Spaß“, sagte sie grinsend, da sie wusste, dass ich diesen neuen Job nicht mochte.
      „Na, vielen Dank. Schließ hinter mir ab, wenn ich raus bin, okay?“
      Ich hatte das Schloss geprüft und wusste, dass ich auch reinkam, wenn die Tür von innen verschlossen wurde.
      „Mach ich.“
      Ich ging also und hörte noch, wie Haley die Tür verschloss. Danach machte ich mich an meine Arbeit. So richtig mochte ich diesen Job nicht, aber was will man machen? Irgendetwas muss man tun.
      Nachdem meine Schicht beendet war, fuhr ich nach Hause. Aus Gewohnheit bog ich falsch ab und war auf dem Weg zu meinen Eltern, als ich merkte, dass ich ja total falsch war. Nicht das zu Hause, mein neues zu Hause, rief ich mir ins Gedächtnis. Aber man muss Nachsicht walten lassen. Ich hatte so vieles im Kopf rumschwirren, dass es nicht verwunderlich war, wenn ich mal etwas vergaß.
      Zu Hause angekommen war alles dunkel und ruhig. Entweder war Haley weg oder sie schlief schon. Doch ihre Schlüssel steckten im Schloss. Also schlief sie schon. Als ich zur Tür reinkam, drehte ich die Schlüssel wieder um und machte im Wohnzimmer Licht. Haley hatte das Wohnzimmer auch schon angefangen einzurichten. Der Fernseher war angeschlossen und ihr alter Videorecorder ebenfalls. Auf dem kleinen Glastisch stand ein kleiner Teller mit Süßigkeiten und an jedem Ende jeweils eine kleine Kerze. Teelichter, um genau zu sein. Das liebte ich so an Haley! Ihre Liebe zum Detail. Es besaß nicht jeder so eine Liebe für Kleinigkeiten, doch Haley hatte sie.
      Ich ging in die Küche. In der Spüle stand ein Glas. Ich holte mir ein Glas Apfelsaft aus dem Kühlschrank, den ich heute Morgen schon besorgt hatte. Ich meine den Saft, nicht den Kühlschrank. Die Küche war bereits so in der Wohnung drin.
      Nachdem ich meinen Saft ausgetrunken hatte, spülte ich die beiden Gläser ab und stellte sie auf den Tisch. Haley hatte die Gläser und Tassen und Teller noch nicht eingeräumt. Aber das erwartete ich gar nicht. Kurz überlegte ich. Nein, wenn etwas auf dem Tisch stand, konnte ich nicht schlafen. Also räumte ich noch schnell den Tisch leer und ging dann auch schlafen.

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    • Teil 16

      Zwei Wochen später (16.04.1999)

      Ryan


      Wir hatten uns gut in der Wohnung eingelebt. Wenn wir abends mal zusammen frei hatten, machten wir es uns gemütlich, sahen fern oder lernten zusammen. Das Zusammenleben mit Haley war toll. Wer jetzt denkt, dass wir schon einige Partys geschmissen hätten, der irrt sich. Seit Silvester hatten wir keine Party mehr und Haley hatte ihren Schwur, keinen Alkohol mehr zu trinken, nicht gebrochen. Zumindest bis jetzt nicht. So recht glaubte ich ihr immer noch nicht, dass sie nie wieder etwas trinken würde.
      Nun war Freitag und sowohl Haley als auch ich konnten uns ein freies Wochenende ergattern. Irgendwann brauchten wir das und es war reiner Zufall, dass wir beide das gleiche Wochenende frei hatten. Während ich Haleys Nagellackfläschchen nach Farbe und Größe sortierte, bereite sie eine Pizza für uns vor. Wir hatten uns ein Video ausgeliehen und wollten es uns mit Pizza und Unmengen von Pepsi ansehen.
      „Ryan? Kommst du?“, fragte sie mich, als sie wenig später ins Bad kam.
      „Ja, gleich.“
      „Was tust du da?“
      „Ich sortiere deinen Nagellack.“
      „Der Farbe nach?“
      „Ja. Und der Größe nach.“
      „Du bist verrückt, ist dir das eigentlich klar? Warum machst du so was?“
      „Weil es mich wahnsinnig macht, wenn es nicht so geordnet ist. Das weißt du doch.“
      „Stimmt. Aber nun hör auf und komm essen.“
      „Warte. Noch zwei Fläschchen, dann bin ich fertig.“
      Ich sah, dass Haley beim Hinausgehen den Kopf schüttelte. Ich nahm es ihr nicht übel. Sie kannte zwar meine Zwänge, konnte es aber nicht verstehen. Niemand kann das verstehen, der es nicht selber hat. Und wenn ich ehrlich bin, versteh ich mich manchmal selber nicht. Jeder denkt, ich bin aus Spaß so, aber das bin ich nicht. Allerdings bin ich froh, dass Haley wenigstens so tut, als würde sie es verstehen und vor allem akzeptieren. Sie war schon eine tolle Frau.
      Jedenfalls ging ich ins Wohnzimmer, wo Haley schon die Pizza auf Tellern verteilt hatte. Zwei Gläser standen auf den Untersetzern auf dem Tisch und die Flasche Pepsi stand auf dem Boden. Das Video war eingeschoben und der Fernseher lief. Es konnte also losgehen.
      Doch gerade, als Haley die Play-taste drücken wollte, klingelte es an der Tür.

      **************************************************************

      Haley

      „Oh bitte nicht“, murmelte ich, stand auf und sah nach, wer an der Tür war.
      Ich öffnete die Tür und vor mir stand eine Frau, die um einiges größer war als ich. Sie hatte lange blonde Haare und einen Ausschnitt, der meiner Meinung nach verboten gehörte.
      „Ja, bitte?“, fragte ich leicht argwöhnisch.
      „Hi. Ich bin April Tanner. Ich wohne gleich gegenüber. Ich wollte mich vorstellen, da wir ja Nachbarn sind. Ich weiß, ich bin etwas spät, denn ich habe gehört, Sie wohnen schon eine Weile hier, aber ich war im Urlaub. Aber jetzt bin ich da“, plapperte sie drauf los. Ich musterte sie. Sie sah nicht aus, als wäre irgendetwas an ihr echt. Mein Eindruck war: Falsche Lippen, falsche Fingernägel (wenn auch sehr Schöne) und falsche Brüste.
      „Hallo“, sagte ich anschließend und Ryan kam ebenfalls endlich zur Tür.
      „Hi. Ryan Wolfe. Kommen Sie doch herein“, bat er sie so freundlich, wie ich ihn nur selten erlebe. Na toll. Da kommt mal eben eine Barbiepuppe angedackelt und er benimmt sich wie… wie ein Mann!
      „Nett haben Sie es“, antwortete April, während sie sich bei uns umsah. Dann wandte sie sich an mich.
      „Und Sie sind dann bestimmt Mrs. Wolfe.“
      Aus irgendeinem Grund wollte ich ihr nicht widersprechen. Aber das tat Ryan ja dann auch.
      „Nein. Haley und ich sind nicht verheiratet. Wir sind nur Freunde.“
      Na klasse. Nur Freunde. Im Grunde hatte er ja Recht, aber irgendwie störte mich die Art, wie er es vor ihr aussprach. Das klang so wie >Nur ein zugelaufener Hund<. Vielleicht bildete ich es mir aber auch nur ein. Mist… war ich etwa eifersüchtig auf das Püppchen? Wenn ja, warum denn? Wie Ryan sagte: Wir sind nur Freunde. Ich bin nur seine Freundin, nicht seine FREUNDIN!
      Ich nahm wahr, dass er ihr etwas zu trinken anbot, was sie natürlich nicht abschlug. Soviel also zum Thema: Gemütlicher Abend zu zweit mit Pizza, Pepsi und Penn. Wir wollten eigentlich „The Game“ mit Sean Penn sehen.
      Bevor ich mich versah, hatte sie auch schon ein Stück Pizza in der Hand und plapperte munter drauf los. Sie war nur eine Nachbarin. Ich musste sie zum Glück nicht jeden Tag ertragen. Doch Ryan sah sie an, als würde er sie jeden Moment anspringen wollten. Vermutlich wollte er es auch. Verübeln konnte ich es ihm auch nicht wirklich. Ich konnte ja nicht erwarten, dass er abstinent lebt und seine Zeit nur mit mir verbringt. Aber er musste jemand anderes nehmen. Nicht die! Doch halt! Was rede ich denn da? Wir hatten sie doch gerade erst kennen gelernt. Konzentrier dich auf sie, Haley! Vielleicht wird es ja doch noch ein netter Abend.

      **************************************************************

      Ryan

      Wow. Was war das? Sie sollte unsere Nachbarin sein? Diese Frau war unglaublich. Schön, witzig und sie war auch nicht dumm. Im Gegenteil. Sie erzählte mir, dass sie Neurochirurgin werden wollte Warum ist sie mir vorher nicht aufgefallen? Sie ging auf das gleiche College wie ich. >Man, Wolfe! Scheinbar warst du die ganze Zeit über blind<, dachte ich. Mir war klar, dass diese Frau meine Frau werden sollte. Die Mutter meiner Kinder. Ich war einfach hin und weg von dieser Frau. Habe ich schon erwähnt, dass sie wunderschön war? Ja, doch, oder?
      Sie war gerade 22 Jahre alt geworden, demnach ein paar Monate älter als ich. Sie studierte, wie schon gesagt, Medizin und hatte einen kleinen West-Highland-White-Terrier, den sie Charlie genannt hatte. Diese Hunde werden auch Westie genannt. Oder auch Cesar-Hunde, weil so eine Rasse aus der Cesar-Hundefutterwerbung ist. Das hatte April mir jedenfalls erzählt. Charlie wartete wohl bei ihr zu Hause.
      Wir redeten jedenfalls sehr lange und als April gegen zwei Uhr morgens gehen wollte, fragte ich sie nach einem Date. Wir verabredeten uns für den Sonntag zum Frühstück. Nicht bei uns oder bei ihr in der Wohnung, sondern in einem Cafe. Also bei Barneys.
      Als April weg war, sah ich Haley an. Sie war merkwürdigerweise sehr ruhig. Normalerweise ist sie nicht so. Doch seit April da war, war sie anders.
      „Sie ist nett, oder?“, fragte ich.
      „Oh ja. Sehr nett“, antwortete sie, doch hörte ich aus ihrer Stimme eine Spur misstrauen heraus. Mochte sie April vielleicht nicht? Nein, das kann nicht sein. Zum einen kannte sie April doch nicht richtig und zum anderen war April doch einfach toll. Abgesehen davon war Haley ein Mensch, der mit jeder Sorte Mensch klar kam.
      „Alles in Ordnung?“, fragte ich noch einmal nach.
      „Ja. Alles bestens. Ich bin müde. Gute Nacht“, sagte sie und ging.
      „Gute Nacht“, rief ich ihr hinterher.
      Was hat sie bloß? fragte ich mich, während ich das Wohnzimmer aufräumte. Gut, ich gebe zu, ich hätte Haley fragen sollen, ob es ihr recht war, April einfach so zu bitten, mit uns zu essen. Ich weiß ja, dass Haley sich auf den Abend heute gefreut hatte. Ich werde mich auch gleich, nachdem ich mich auch bettfertig gemacht hätte, bei ihr entschuldigen. Aber ich hatte so das Gefühl, dass das nicht alles war.
      Nachdem das Wohnzimmer und die Küche aufgeräumt waren, ging ich zu Haley und klopfte an ihre Tür.

      **************************************************************

      Haley

      Ich hatte mir bereits meinen Pyjama angezogen und mir die Zähne geputzt. Ich lag im Bett und las ein Buch. Obwohl es spät war, konnte ich nicht schlafen. Mir ging diese April nicht mehr aus dem Kopf. Warum wollte er nur mit ihr frühstücken? Ich gebe zu, sie war hübsch und auch klug, aber das kann ja wohl nicht alles sein, oder?
      Während ich darüber nachdachte und die Buchstaben aus meinem Buch nur verschwommen wahrnahm, klopfte es an meiner Tür.
      „Wer ist da?“, fragte ich dämlicher Weise.
      „Na, wer schon?“, antwortete mir Ryan und ich hörte ein leichtes Grinsen aus seiner Stimme heraus. Er hatte ja recht. Wer sonst würde mitten in der Nacht an meine Tür klopfen?
      „Komm rein“, gab ich von mir.
      „Hey, Süße“, sagte er, während er sich zu mir aufs Bett setzte. Auch er war bereits fertig zum Schlafengehen.
      „Was ist?“, fragte ich schroffer als ich gewollt habe.
      „Na ja, eigentlich nichts. Ich wollte mich nur entschuldigen.“
      „Was? Wofür?“
      Zum Glück klang ich wieder normal.
      „Wegen dem heutigen Abend. Ich weiß, du wolltest allein sein und ich hol die Nachbarin zu uns ohne vorher zu fragen.“
      „Erstens wollte ich nicht allein sein. Ich wollte MIT DIR allein sein und zweitens hast du sie ja gar nicht zu uns geholt. Sie hat doch geklingelt.“
      „Ja, das schon. Aber…“
      „Kein aber. Lassen wir das. Du hast dich doch normal verhalten.“
      Er sah mich fragend an.
      „Na, wie Männer sich eben verhalten, wenn sie eine schöne Frau sehen“, grinste ich ihn nun an.
      „Ja. Mag sein. Aber wenn du nicht willst, dann treffe ich mich auch nicht mit ihr.“
      „Ryan! Ich bin doch nicht deine Frau. Du hast es doch selber gesagt. Wir sind nur Freunde. Geh mit ihr aus. Vielleicht ist sie ja doch ganz nett. Aber sei vorsichtig. Sollte was aus euch werden, pass auf, dass du dich nicht zu Tode erschreckst, wenn sie morgens kein Make-up aufgelegt hat.“
      „Du kleines, hinterhältiges Biest“, grinste er und schlug mir leicht das Kissen ins Gesicht.
      „Hey, nicht gewalttätig werden.“
      „Dir gegenüber nie. Das weißt du doch. Aber ich glaube, wir sollten jetzt schlafen.“
      Ich nickte und fragte dann:
      „Ryan? Kannst du heute bei mir bleiben?“
      „Sicher kann ich das.“
      Ich legte mein Buch zur Seite und er kroch zu mir unter die Decke. Wie in der Silvesternacht schliefen wir gemeinsam ein, nachdem ich das Licht meiner Nachttischlampe ausgeschaltet hatte.

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    • Teil 17

      Ryan


      In den kommenden Wochen traf ich mich immer öfter mit April und am 15.06.1999 wurde sie dann endlich meine Freundin. Es wurde auch langsam Zeit, dass ich mal wieder eine Frau hatte. Nach einiger Zeit Single wollte ich nichts lieber, als eine Beziehung. Natürlich war uns von Anfang an klar, dass wir wenig Zeit hatten, doch das würde sich ändern, sobald wir mit dem Studium fertig sein würden. Zumindest hoffte ich dies. Mit der Zeit fand Haley April auch nicht mehr so schlimm und verstand sich sogar ganz gut mit ihr. Das war mir auch sehr wichtig. Ich konnte und wollte eben nicht zulassen, dass meine beiden Lieblingsfrauen sich nicht ausstehen könnten.
      Wie dem auch sei. Ich fühlte mich wieder so richtig gut. Nicht nur, dass ich mein Studium im nächsten Jahr abschließen konnte, ich hatte auch noch die perfekte Frau an meiner Seite. Allerdings hatte die Beziehung zu April zur Folge, dass ich oft bei ihr in der Wohnung übernachtet habe. Einfach, damit Haley ungestört blieb bei einigen Dingen, die April und ich taten. Nachdem ich mit April zusammen kam, wusste ich, dass Haley auch eine Beziehung wollte und ich wollte sie nicht noch trauriger machen, indem ich mit meiner Freundin in unserer Wohnung blieb.
      April und ich stritten eher selten. Und wenn, dann ging es nur darum, dass wir nicht soviel Zeit füreinander hatten. Sie verstand leider nicht so recht, dass ich nebenbei arbeiten musste. Sie hatte reiche Eltern, die sich das College leisten konnten. Ich nicht. Aber das war auch das einzige Streitthema bei uns.
      Im Juli hatten wir zum Glück Semesterferien. In dieser Zeit hatte ich endlich mehr Zeit für meine Freundin, meine Familie, meine Freunde und natürlich auch für mich. Und als ich eines Abends nach Hause kam, erwartete mich eine Überraschung.

      **************************************************************

      Haley

      Heute Vormittag ist mir was passiert. Ich saß im Park und las mal wieder ein Buch. Auf einmal traf mich ein Ball und ein netter Junge holte ihn sich wieder. Total klischeehaft, ich weiß. Aber er war süß. Wir kamen ins Gespräch und er verriet mir, dass er Nick hieß. Noch in derselben Stunde verabredeten wir uns für den Abend. Ich hatte also tatsächlich ein Date. Ich rief Jonathan in New York an um es ihm zu erzählen. Ryan war ja mal wieder nicht da. Jonathan, der im Übrigen immer noch mit Damon zusammen war, freute sich total und als ich ihm Nick beschrieben hatte, geriet sogar er ins Schwärmen. Nick war groß, gut durchtrainiert (er spielt Football) und hatte blaue Augen und dunkelblonde Haare.
      Nachdem ich mit Jonathan telefoniert hatte, fing ich an, mich zu Recht zu machen. Ich entschied mich für einen blauen Rock und ein schwarzes Trägertop und dazu offene, schwarze Absatzschuhe. Es war immerhin Juli und sehr warm. Gerade als ich dabei war, mir die Haare zu machen, kam Ryan nach Hause.
      „Na, hallo! Du siehst ja klasse aus. Was ist der Anlass?“
      „Ein Date mit einem total süßen Jungen.“
      „Du hast ein Date?“
      „Ja! Ist das so abwegig?“, fragte ich leicht schroff.
      „Nein. So war das ja gar nicht gemeint. Ich meinte nur, du hast nie was von einem Jungen erzählt.“
      „Ich habe ihn ja auch heute erst kennen gelernt.“
      „Aha. Und du gehst sofort mit ihm aus? Du kennst ihn doch gar nicht.“
      „Du kanntest April doch auch nur ein paar Stunden, bevor du mit ihr ausgegangen bist.“
      „Das ist was anderes.“
      „Nein, Ryan! Das ist sexistisch. Ihr Männer dürft, was wir Frauen nicht dürfen, oder wie denkst du darüber?“
      „Das meinte ich doch gar nicht.“

      **************************************************************

      Ryan

      Oh, man! Klasse, Wolfe! Da manövrierst du dich mal wieder geradewegs in ein Fettnäpfchen, dachte ich so bei mir, als ich merkte, dass ich mich mehr und mehr in eine Diskussion einließ.
      „Du sagst heute aber viel, was du nicht meinst. Was ist denn so schlimm daran, wenn ich mit Nick, so heißt er übrigens, ausgehe?“
      „Gar nichts. Ich freue mich ja auch für dich. Aber… was ist, wenn er ein Psychopath ist?“
      „Du guckst zu viele Kriminalserien, mein Lieber. Es ist nicht gleich jeder ein Psychopath. Abgesehen davon, hätte April genau so gut eine Psychopathin sein können. Auch Frauen sind manchmal krank.“
      „Da hast du vermutlich auch wieder recht.“
      „Danke. Ich muss mich mal eben schminken gehen.“
      „Ja gut.“
      Es dauerte nicht lang, da hörte ich Haley aus dem Badezimmer rufen.
      „Wo ist April denn heute?“
      „Die ist übers Wochenende bei ihren Eltern.“
      „Ach so. Sie hat dich nicht mitgenommen?“
      Ich hatte keine Lust zu schreien und ging zu ihr ins Bad.
      „Nein. Das ging nicht.“
      „Bist ihr wohl nicht gut genug, um dich ihren Eltern vorzustellen, was?“, fragte sie. Normalerweise wäre ich über so eine Bemerkung ziemlich wütend geworden, aber bei Haley nicht.
      „Ich weiß nicht.“
      „Ach komm, Ryan! Sie erzählt ständig, dass ihre Eltern in Geld schwimmen und ihr das Studium ermöglichen. Sie ist beleidigt, wenn sie hier anruft oder herkommt und du arbeiten musst. Findest du das nicht ein wenig anmaßend, oberflächlich und dumm?“
      „Mag sein. Aber was soll ich machen? Ich liebe sie.“
      Haley sah mich überrascht an.
      „Du… du liebst sie? Hast du ihr das schon gesagt?“
      Leicht schüttelte ich den Kopf. Ich kann einer Frau nicht so schnell sagen, dass ich sie liebe. Und bei April kommt es mir auch nicht über die Lippen, obwohl ich so fühle.
      „Wieso hast du es ihr nicht gesagt?“
      „Ach, ich weiß auch nicht. Ich kann so etwas nicht gut, ohne dass es total kitschig klingt. Ich will erst sehen, wie es mit uns weitergeht und wie sie zu mir steht.“
      „Ryan? Hase? Wenn du schon so darüber denkst, solltest du lieber daran denken, mit ihr Schluss zu machen. Was willst du mit einer hübschen und klugen Frau, die dich ihren Eltern nicht vorstellt, weil du nicht Rockefeller heißt? Du hast etwas Besseres verdient, mein Schatz!“
      Ich sagte nichts darauf hin. Stattdessen überlegte ich. April war nicht so oberflächlich. Das hatte jetzt nur alles den Anschein, weil Haley ihre schlechten Seiten hervorgehoben hatte. Die guten Seiten an April hatte sie außer acht gelassen. Ich gebe zu, einige dieser guten Seite kannte Haley gar nicht… Bevor ich was sagen konnte, klingelte es.
      „Oh, das ist Nick. Ich muss los“, sagte Haley. Sie gab mir ein Küsschen auf die Wange und war weg.

      **************************************************************

      Haley

      Ich öffnete die Tür und Nick stand davor. Er hatte sich ebenfalls sommerlich und sportlich angezogen. Nachdem wir uns begrüßt hatten, gab er mir eine Rose, die er mir mitgebracht hatte.
      „Danke. Das ist aber lieb“, sagte ich.
      „Warte kurz. Ich bring die Blume nur schnell ins Wasser.“
      Ich verschwand kurz in der Küche, in der Ryan mittlerweile saß.
      „Hey. Ich dachte du gehst.“
      „Tu ich auch. Ich wollte nur schnell eine Vase suchen.“
      „Geh du nur. Ich mach das schon.“
      „Danke. Du bist ein Schatz“, sagte ich und küsste ihn erneut auf die Wange. Dann ging ich wieder ins Wohnzimmer.
      „So, von mir aus können wir.“
      „Okay. Ich hoffe, die Blume bekommt genug Wasser.“
      „Klar. Mein Mitbewohner macht das schon. Lass uns gehen.“
      „Okay. Wohin sollen wir?“
      „Du hast mich gefragt, ob ich mit dir ausgehe, Nick! Also lass dir was einfallen“, grinste ich.
      „Na gut. Ich wäre für Kino und danach einen Burger essen.“
      „Au ja, das klingt gut.“
      Also machten wir uns auf ins Kino. Es lief der Film „10 Things I hate about you“.
      Nach dem Kino gingen wir noch zu Burger King. Wir redeten und lachten viel. Nick war wirklich klasse. Er war um die 1,90 groß und damit um sehr viele Zentimeter größer als ich. Er war sogar größer als Ryan. Nick spielte Football und bekam dadurch ein Stipendium an der Uni. Er studierte Sport. Außerdem war er 23 Jahre alt und gerade mit seinem Studium fertig. Ich gebe zu, er war nicht der Schlauste, aber das war mir egal. Er kannte sich eben gut in Sport aus und hatte von Zellteilung, DNS und Chemieformeln überhaupt keine Ahnung.
      Nachdem wir den Burger verschlungen hatten, brachte er mich nach Hause. Zum Abschied küsste er mich. Nicht auf die Wange, nein, es war ein richtiger Kuss.
      Nach dem Kuss sagte er noch, dass er mich am nächsten Tag anrufen würde und verschwand.

      [tbc...]
    • Teil 18

      Ryan


      Ich sah mir an diesem Abend einen Film im Fernsehen an. Ich hatte keine Ahnung, welchen. Ich sah ja nicht mal richtig zu. Haley hatte also ein Date mit einem unbekannten Mann. Hoffentlich würde das gut gehen.
      Irgendwann ging die Tür auf und eine strahlende Haley kam herein.
      „Oh, hi. Du bist noch auf“, stellte sie fest.
      „Ja. Und? Was habt ihr gemacht?“
      „Nichts besonderes, Ryan. Wir waren im Kino und danach noch einen Burger essen.“
      „Aber du hattest deinen Spaß?“
      „Ja, den hatte ich. Er ist kein Psychopath. Du machst dir nur wieder zu viele Sorgen“, antwortete sie.
      „Er kann sich immer noch zu einem Psychopathen entwickeln“, gab ich von mir.
      Sie lächelte nur, gab mir einen Kuss auf die Wange und sagte: „Sag ich doch. Zu viele Sorgen. Ich gehe schlafen. Gute Nacht, Hase.“
      „Gute Nacht.“
      Na, wenigstens war ich noch ihr Hase. Ich musste mir allerdings diesen Nick noch genauer ansehen. Schließlich konnte ich es nicht zulassen, dass irgendjemand meiner Süßen womöglich noch wehtut, oder so etwas.
      Doch das würde ich erst morgen erledigten. Für heute war ich müde und ging schlafen.

      **************************************************************

      Haley

      Ryan wieder. Was er nicht alles denkt, schoss es mir durch den Kopf. Ich fand es ja süß, dass er sich Sorgen um mich machte, aber er sah in zu vielen Menschen einfach das Schlechte. Er war einfach nur misstrauisch. Verübeln konnte und wollte ich es ihm auch nicht.
      Ich hingegen hoffte, dass Nick mich auch wirklich anrufen würde.
      Am nächsten Morgen klingelte das Telefon. Himmel, es war eine der wenigen Tage wo ich ausschlafen konnte und dann ruft jemand an.
      Ich kroch aus dem Bett und schlurfte ins Wohnzimmer und nahm den Hörer ab.
      „Hallo?“, meldete ich mich müde.
      „Haley! Erzähl mir alles“, hörte ich nur eine Quietsch-Stimme.
      „Jonathan?“
      „Ja, natürlich. Wer sonst? Nun erzähl schon. Wie war dein Date?“
      Ich erzählte ihm alles. Sogar von dem Kuss am Ende des Abends erzählte ich ihm. Jonathan hörte die ganze Zeit zu und als ich fertig war, gab er nur ein „Awwww“ von sich.
      „Und anrufen wollte er mich heute auch.“
      „Hach, das hört sich toll an.“
      „Finde ich auch. Aber nun erzähl du. Wie läuft es mit dir und Damon?“
      „Toll. Nach wie vor. Wir sind immer noch verliebt wie am ersten Tag.“
      „Das finde ich schön. Grüß ihn lieb von mir.“
      „Mach ich.“
      Wir redeten noch eine Weile, dann mussten wir auflegen. Ich ging in die Küche und bereitete Frühstück vor.

      **************************************************************

      Ryan

      Na toll. Ich hätte schlafen können, doch stattdessen wurde ich vom Telefon geweckt. Wer hat diese Dinger nur erfunden?
      Egal. Ich hörte, wie Haley ans Telefon ging dann drehte ich mich um und wollte weiterschlafen. Doch so richtig ging das auch nicht mehr. Irgendwann, nachdem Haley nicht mehr telefonierte, stand ich auf und ging in die Küche.
      „Guten Morgen“, begrüßte ich sie.
      „Hallo. Na, du siehst aber müde aus.“
      „Bin ich auch.“
      Ich sah mich um.
      „Du hast Frühstück gemacht?“
      „Ja. Ich dachte mir, wir könnten mal so langsam die Bagels von gestern verdrücken, bevor sie steinhart werden.“
      „Tolle Idee.“
      Wir setzten uns an den Tisch und begannen zu frühstücken.
      „Wer war das denn gerade am Telefon?“, wollte ich wissen.
      „Jonathan. Er wollte alles über mein Date erfahren.“
      „War ja klar. Er ist ein Plappermaul und eine Tratschtante“, grinste ich.
      „Ja, das ist er wohl“, stimmte sie mir grinsend zu.
      Keiner von uns meinte das irgendwie abwertend oder böse. Es war nun mal eine Tatsache, dass Jonathan die größte Tratschtante weit und breit war. Das wusste er auch selber. Nach Silvester war er noch ein paar Mal hier gewesen und so hatte ich auch Gelegenheit gehabt, ihn besser kennen zu lernen. Wäre er nicht schwul, hätte ich ihn gern an Haleys Seite gesehen. Doch na ja… Ich hoffte nur, dass dieser Nick gut für sie wäre und dass dieses Wochenende bald vorbei sein würde. Ich vermisste April schon sehr.

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      Haley

      Nick rief wie versprochen an diesem Samstagnachmittag an. Wir verabredeten uns kurzerhand und trafen uns im Park. Auch wenn es sehr schnell ging, war er jetzt mein Freund. Der zweite Mann in meinem Leben. War ich nicht bedauerlich? Zwei Männer in 20 Jahren? Doch egal. Ich hatte ja nun endlich einen gutaussehenden, sportlichen Mann, mit dem es auch gut lief. Zumindest die ersten Wochen.
      Nach vier Wochen waren wir allein in meiner Wohnung. Es war nicht das erste Mal dass wir allein waren. Ryan war mal wieder bei April und ich wollte mir gar nicht erst vorstellen, was die beiden dort trieben.
      Nick und ich hatten uns vorgenommen einen gemütlichen Abend zu verbringen. Wir kuschelten auf der Couch, sahen fern und knutschten rum. Der Fernseher lief eigentlich nur pro forma. Weder Nick noch ich sahen richtig hin. Doch irgendwann wollte Nick mehr als nur knutschen. Er fuhr mit seiner Hand unter mein T-Shirt in Richtung meines BHs. Ich löste mich von ihm und fragte leise:
      „Was soll das denn jetzt?“
      „Ich will mit dir schlafen“, kam seine prompte Antwort.
      „Nein“, wehrte ich sofort ab.
      Sex war für mich etwas, worüber ich noch nicht wirklich nachgedacht hatte. Meine Eltern erzogen mich so, dass Sex vor der Ehe tabu war. Im Laufe der Zeit hatte ich mich insgeheim zwar von diesem Glauben und Gedanken gelöst, aber ich wollte meinen ersten Sex mit dem richtigen Mann haben. Mit dem Mann, mit dem ich den Rest meines Lebens verbringen würde. Und bei Nick konnte ich mir nach vier Wochen einfach noch nicht sicher sein.
      Ich erklärte Nick meine Situation und er schien es zu akzeptieren. Zumindest sagte er, dass er auf mich warten würde. Damit war das Thema für den heutigen Abend erledigt und wir sahen uns weiter den Film an. Dieses Mal richtig, denn auf Knutschen hatten wir beide auch nicht wirklich Lust.

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      Ryan

      Was für ein Tag… Ich musste erst einmal arbeiten und dann musste ich mich aus der Wohnung verziehen, weil Nick da war. Okay, ich gebe zu, das störte mich nicht weiter, denn ich ging ja zu meiner Freundin. Ich freute mich auf einen schönen Abend mit ihr, doch stattdessen stritten wir uns. Sie meinte, ich wäre viel zu spät dran, dabei hatte ich ihr ja gesagt, dass ich arbeiten musste. Als Antwort bekam ich nur: „Du arbeitest viel zu viel.“
      Na ja, von irgendwoher musste ich mein Geld ja bekommen. Das sagte ich ihr auch. Langsam nervte mich das Thema. Hatte Haley vielleicht doch recht und ich bin ihr nicht gut genug? Beziehungsweise reich genug? Nein, das konnte eigentlich nicht sein. Sie wusste doch, wie es bei mir läuft, als wir uns kennen gelernt hatten. Ich verstand einfach nicht ihr Problem. Natürlich konfrontierte ich sie mit der Vermutung, die Haley hatte. Leider sagte ich auch, dass sie von Haley war.
      „Hältst du mich wirklich für so oberflächlich?“, fragte April total aufgebracht.
      „Nein… Aber du musst zugeben, dass es schon merkwürdig ist. Du verstehst einfach nie, wenn ich mal nichts mit dir unternehmen kann, weil ich arbeiten muss. Haley hat das auch schon bemerkt.“
      „Du hörst viel zu viel auf das Mäuschen.“
      „Sie ist kein Mäuschen. Sie ist meine beste Freundin und langsam glaube ich, dass sie recht hat.“
      „Wenn das so ist, dann geh doch. Geh zu ihr und lass mich in Ruhe.“
      Hä? Bin ich jetzt im falschen Film? Wollte sie Schluss machen?
      Nach einer langen Diskussion und eine Nacht voller Reden kamen wir zu dem Entschluss, dass es totaler Quatsch war, den wir uns vorgeworfen hatten. Eigentlich waren wir doch gern zusammen und hatten immer irgendwie Spaß, wenn wir zusammen waren. Warum sollten wir das jetzt aufgeben? Mit anderen Worten: Wir rauften uns zusammen und führten unsere Beziehung fort.

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    • Teil 19

      02.09.1999

      Haley


      So langsam näherte sich der Herbst und ich freute mich auf einen schönen Spätsommer und auf einen tollen Winter. Es wäre das erste Thanksgiving mit Nick. Ich hatte meinen Eltern schon von ihm erzählt und sie hatten ihn bereits jetzt ins Thanksgiving-Essen mit eingeplant.
      Doch natürlich kommt es immer anders als man denkt.
      Es war das übliche Bild. Nick und ich auf der Couch in meiner Wohnung, Ryan bei April in ihrer Wohnung. Die beiden hatten scheinbar eine kleine Krise gut überstanden und konnten nun mal wieder nicht die Finger voneinander lassen.
      Jedenfalls ging bei uns das Spiel wieder von vorne los. Nachdem wir es uns auf der Couch gemütlich gemacht hatten, fing Nick an, mir wieder an die Wäsche zu gehen. Ich dachte, er hätte es verstanden?
      „Nicky! Hör auf“, bat ich ihn.
      „Warum denn?“
      „Du weißt warum.“
      Nick setzte sich auf und sah mir fest in die Augen.
      „Du willst mir doch wohl nicht erzählen, dass du immer noch keinen Sex willst.“
      „Doch, genau das will ich dir erzählen. Du weißt doch, dass ich mir sicher sein möchte, mit dem richtigen Mann zu schlafen.“
      „Nach drei Monaten kann man das.“
      „Nein. Ich nicht.“
      „Wenn du das so siehst, dann kannst du doch selbst nach drei Jahren nicht sicher sein, oder?“
      „Mag sein. Aber ich bin einfach noch nicht so weit. Du hast mir gesagt, du verstehst das und du würdest warten.“
      „Ja. Aber ich warte doch nicht ewig.“
      „Drei Monate nennst du ewig?“
      „Ja. Wie lange soll ich denn warten?“
      „Ich weiß es nicht. Ich verlass mich da eben voll und ganz auf mein Gefühl, verstehst du?“
      „Nein. Ich verstehe es nicht. Für mich gehört Sex eben zu einer Beziehung. Das verstehst du scheinbar nicht.“
      „Doch. Ich verstehe das. Aber es gehört auch dazu, dass beide es wollen und nicht nur einer. Und es gehört auch zu einer Beziehung, dass man den anderen respektiert und seine Meinungen akzeptiert. Du musst ja nicht der gleichen Meinung sein, aber akzeptiere meine und meine Entscheidungen.“
      „Das hängt mir zu hoch“, kam nur von ihm.
      Bitte? Zu hoch? Was war daran denn jetzt nicht zu verstehen? Er tut ja geradezu so, als würde ich spanisch mit ihm reden.
      „Was willst du denn damit sagen? Ich habe mich doch klar ausgedrückt, oder nicht?“
      „Weißt du… ich brauche Sex. Ich will Sex“, war seine Antwort. Allerdings auf eine falsche, nicht gestellte Frage.
      „Wenn das so ist, musst du dir wohl eine Frau suchen, die leichter zu haben ist.“
      „Gut. Das mach ich auch.“
      Damit war er verschwunden und knallte die Tür laut hinter sich zu.
      Na super… Wir hatten gerade Schluss gemacht.

      **************************************************************

      Ryan

      April und ich hatten gerade was zu Essen bestellt, als ich hörte, wie unsere Wohnungstür zugedonnert wurde. Das war das Gute daran, dass April direkt gegenüber wohnte. Schnell ging ich zum Spion und sah Nick, wie er aus der Wohnung ging. Nun ja, stürmte trifft es wohl besser.
      „Was ist denn da los?“, fragte April, die gerade dabei war, den Tisch zu decken.
      „Keine Ahnung. Ich sehe mal nach.“
      „Und ich ruf den Chinesen an und bestell noch eine Portion gebackenes Hühnerfleisch, Reis und Süß-Sauer-Soße nach und sage ihm, er soll bei euch klingeln.“
      Ich lächelte sie dankbar an. In letzter Zeit war sie wirklich toll und auch Haley gegenüber. Ich küsste sie kurz und ging schon mal rüber.
      Dort saß Haley und sah mich entgeistert an, als ich zur Tür rein kam.
      „Was machst du hier?“
      „Ich dachte, du könntest jemandem zum Reden gebrauchen.“
      „Woher…?“
      „Ich habe die Tür gehört und dann Nick raus laufen sehen.“
      In dem Moment klingelte es und ich öffnete. Natürlich war es April.
      „So, der Lieferservice kommt gleich hier her“, verkündete sie, als sie sich rechts von Steph setzte. Ich saß links von ihr.
      „Lieferservice?“, fragte Haley.
      Ich erklärte ihr schnell, dass wir was bestellt hatten und dass jetzt für uns drei etwas kommen würde.
      „Danke. Das ist lieb von euch. Aber ich will euch nicht den Abend verderben.“
      „Tust du nicht. Was ist passiert?“, fragte April mitfühlend.
      In den letzten Wochen hatte sie sich wirklich um 180 Grad gewendet. Mir gefiel es.
      „Ach… Nick ist… Ich glaube er hat Schluss gemacht.“
      „Du glaubst?“
      „Na ja, er hat nicht wortwörtlich gesagt ‚ich mache Schluss’, aber seine Reaktion spricht für sich.“
      „Was genau ist denn passiert?“, fragte nun ich nach.
      „Nichts. Und ich glaube, das ist auch das Problem.“
      Ich sah sie fragend an.
      „Er wollte mit mir schlafen, ich aber nicht mit ihm und da ist er ausgetickt.“
      „Ausgetickt?“
      „Ja. Keine Angst Ryan. Nur verbal ausgetickt.“
      „Du meinst, er hat Schluss gemacht, weil du nicht mit ihm schlafen wolltest?“, fragte April noch einmal nach.“
      „So ist es.“
      „Was für ein Idiot. Sei froh, dass du den los bist.“
      „Finde ich auch, Süße.“
      In dem Moment klingelte es wieder und das Essen wurde geliefert. Ich bezahlte das Essen und ging mit den kleinen, eckigen Schachteln zurück zum Tisch.
      Wir aßen erst einmal eine Weile, bis Haley meinte:
      „Wieso sind Männer nur so...“
      „Männlich?“, ergänzte April ihren Satz.
      „Du sagst es“, stimmte Haley ihr zu.
      Nach einer Weile in der wir zusammen saßen und redeten, sagte April:
      „Ich geh rüber. Ich bin müde.“
      „Soll ich...“, fing ich meine Frage an, doch April unterbrach mich:
      „Nein. Du wirst hier gebraucht.“
      Sie küsste mich und ging rüber.

      **************************************************************

      Haley

      Es tat gut, mit April zu reden. Immerhin war sie auch eine Frau und in dem Moment merkte ich auch, dass mir so etwas wie eine beste, weibliche Freundin echt fehlte. Aber nun war ich auch froh, wieder mit Ryan allein zu sein. Ich stand auf und ging zu einem Schrank.
      „Was suchst du?“, hörte ich Ryan fragen.
      „Was zu trinken“, antwortete ich schnell und holte eine Flasche Baileys aus dem Schrank.
      „Ich dachte, du wolltest nichts mehr trinken“, grinste Ryan.
      „Lass das, Ryan. Heute brauch ich das, okay?“
      „Okay.“
      Ich holte auch zwei Gläser und schenkte uns beiden ein.
      „Geht es dir gut?“, fragte Ryan während er mich in seine Arme zog.
      „Nein... Ich meine... ich war nicht so lange mit Nick zusammen, aber... weißt du... Seth... aus der Highschool wollte auch nur mit mir zusammen sein, um mich ins Bett zu kriegen. Und Nick nun auch. Sei ehrlich, Ryan. Sehe ich aus, als wäre ich so leicht zu haben?“
      „Nein. Das tust du nicht.“
      „Wenn das so weiter geht, werde ich nie eine ernsthafte Beziehung haben.“
      „Doch, das wirst du. Außerdem... ich habe dir doch versprochen, dass ich dich heirate, wenn wir mit 30 immer noch nicht verheiratet sind.“
      Na toll. Das baute mich auf. Der Alkohol und die Trauer machten mich leicht wütend.
      „Super! Nicht einmal du willst mit mir zusammen sein. Nur als Notlösung, für den Fall, dass du nichts Besseres abkriegst.“
      „Süße! So war das doch nicht gemeint“, versuchte er mich zu beschwichtigen.
      „Ach, vergiss es“, sagte ich nur und ging in mein Zimmer. Ich trauerte Nick nicht einmal großartig hinterher, aber es machte mich traurig, dass man scheinbar nur mit mir schlafen wollte. Ich suchte wirklich nach einer ernsthaften Beziehung. Nach dem College wollte ich heiraten, Kinder kriegen, aber wie sollte ich es machen, ohne den richtigen Partner an meiner Seite.
      Ich machte mich bettfertig und legte mich hin. Dummerweise fing ich an zu weinen, was ich eigentlich nicht tun wollte.
      Ich ließ mich in meine Kissen fallen und weinte mich in den Schlaf.

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