CSI Miami - Dreams - completed

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    • Teil 20

      16.06.2000

      Ryan


      Es war soweit. Ich hatte endlich meinen Abschluss. Die letzten Monate waren zwar stressig, aber nicht wirklich erwähnenswert. Haley ging es immer besser und seit einiger Zeit traf sie sich auch wieder mit einigen Jungs. Leider wurde nie was Ernstes daraus.
      Außerdem hatten wir uns einen Tag nachdem Nick Schluss gemacht hatte, auch wieder vertragen. Sie war am nächsten Morgen nicht einmal mehr sauer auf mich.
      Ich hingegen hatte immer noch April. Sie war auch meine Begleitung für meinen Abschlussball. Doch zuvor hatte ich Unmengen von Prüfungen vor mir, die ich auch alle mit den besten Ergebnissen abgelegt hatte.
      Für April und Haley hatte ich eine Überraschung parat. Vielleicht nicht gerade eine schöne Überraschung, aber eine Überraschung. Ich war gespannt, wie sie es aufnehmen würden.
      Da ich mich nun in meiner Wohnung für den Ball fertig machte, April in ihrer Wohnung war, rief ich Haley zu mir ins Bad.
      „Was ist denn Ryan?“, fragte sie schon genervt. Verübeln konnte ich es ihr nicht, da ich sie nun schon das sechste Mal innerhalb von 30 Minuten rief. Ich hatte mit meiner Krawatte Probleme, oder mit dem Hemd. Dann auch noch mit den Haaren. Und dieses Mal hatte ich etwas anderes vor. Nur konnte Haley das ja nicht wissen.
      Bevor ich was sagen konnte, sprudelte sie auch schon los:
      „Du siehst gut aus, Ryan. Ich weiß nicht, was du jetzt noch hast? Die Haare sitzen, die Krawatte auch und das Hemd sieht an dir unglaublich toll aus.“
      Ich umarmte sie, gab ihr einen Kuss auf die Stirn und sagte:
      „Danke, Süße! Aber das meinte ich nicht. Ich muss mit dir etwas bereden.“
      „Was denn?“
      „Komm. Gehen wir ins Wohnzimmer und setzen uns.“
      Wir gingen also ins Wohnzimmer und setzten uns.
      „Haley! Erinnerst du dich an den Brief, den ich letzte Woche bekommen habe?“
      „Den, den du gleich an dich genommen hast und damit in dein Zimmer gerauscht bist?“
      „Genau den. Das war ein Brief von der Polizeischule. Die nehmen mich.“
      „Hey, das ist ja toll. Gratuliere!“
      Sie fiel mir um den Hals.
      „Haley! Da gibt es noch was.“
      „Was denn?“
      „Die Polizeischule ist in Miami.“

      **************************************************************

      Haley

      Ich schluckte.
      „Miami? Aber... Miami ist nicht Boston.“
      „Ich weiß, aber...“
      Ich war traurig. Traurig, weil Ryan weg wollte. Aber ich freute mich natürlich auch für ihn. Er wollte so gern zur Polizei, aber musste es unbedingt in Miami sein? In Boston gab es auch Polizeischulen.
      „Warum Miami? Warum nicht Boston?“
      „Süße! Glaubst du wirklich, ich habe es nicht versucht, hier etwas zu bekommen? Natürlich hatte ich mich bei der örtlichen Polizei beworben, aber hier war einfach nichts zu machen. Und Miami waren die einzigen, die mich aufnehmen.“
      „Ich... ich freue mich ja für dich, Ryan. Aber... aber ich werde dich vermissen.“
      „Das weiß ich doch. Ich werde dich auch vermissen. Aber wir können uns doch besuchen kommen, oder?“
      „Ja. Du hast recht. Ach, Ryan. Ich weiß gar nicht, ob ich jetzt heulen oder den Sekt aufmachen soll.“
      „Machen wir doch beides“, grinste er.
      Ich stand auf und holte den Sekt und zwei Gläser. Bis er April abholen sollte, hatte er noch gut eine Stunde Zeit. Er öffnete die Flasche und schenkte uns ein.
      „Wann fliegst du denn nach Miami?“
      „Am Montag schon.“
      „Montag?! Und du sagst es mir erst jetzt?“
      „Ja. Hör mal... ich musste ja selber erst einmal nachdenken, ob ich es mache. Mir fällt der Weggang von hier auch nicht leicht.“
      „Das glaub ich dir.“
      Ich trank einen Schluck Sekt und schon kullerten mir die Tränen über die Wange. Ich spürte, wie Ryan den Arm um mich legte.
      „Hey... Nicht weinen. Ich möchte nicht, dass du traurig bist.“
      „Ich kann aber gerade nicht anders. Ich finde es schade, dass du gehst. Ich weiß ja, wir kennen uns gerade mal zwei Jahre, aber ich hab dich so lieb und ich kann mir gar nicht vorstellen, hier ohne dich zu wohnen.“
      „Ich hab dich doch auch lieb. Aber weißt du, was ich toll finde?“
      Ich schüttelte den Kopf.“
      „Dass du nicht gesagt hast, ich solle bleiben.“
      „Das würde ich dir auch nicht sagen. Ich möchte deiner Karriere doch nicht im Wege stehen. Ich finde es einfach nur schade.“
      „Ja, ich auch. Aber andererseits... ich freue mich auf die Polizeischule und auf Miami.“
      „Wird April mitgehen?“
      „Ich hoffe es. Ich habe es ihr noch nicht gesagt.“
      „Dann würde ich das bald tun.“
      „Morgen früh sage ich es. Aber jetzt muss ich los. Was machst du gleich?“
      „Ich lasse mir eine Pizza kommen, leere die Flasche Sekt und lese ein Buch. Mach dir um mich keine Gedanken. Viel Spaß und lass es krachen.“
      „Mach ich. Bis morgen.“
      Er gab mir ein Küsschen und war weg.
      Ein Leben ohne Ryan??? Unvorstellbar.

      **************************************************************

      Ryan

      Haley hat es besser aufgenommen als ich dachte. Okay, ich gebe zu, ich hätte es ja auch eher sagen können, aber ich war mir selber nicht sicher, ob ich auch wirklich nach Miami gehen wollte. Andererseits... welche Alternative blieb mir denn? Keine. In Boston und Umgebung wollte mich niemand haben und Miami war das einzige Policedepartement, das sich positiv zu meiner Bewerbung gemeldet hatte. Ich konnte es nicht ablehnen, auch nicht meiner Freunde zuliebe. Schließlich ging es um mein Leben und um meine Karriere. Abgesehen davon war Miami nicht aus der Welt. Wir hatten Telefon, Briefe und E-Mails. Ja, so würde es gehen. Haley war mir als Freundin wichtiger, als ich jemals gedacht hätte.
      Ich kam bei April an. Der Weg war ja nicht so weit. Als sie die Tür öffnete, blieb mir echt der Atem weg. Sie sah unglaublich gut aus. Sie trug ein lavendelfarbenes Ballkleid und passende Schuhe dazu. Ihre Haare hatte sie hochgesteckt. Wunderschön! Das sagte ich ihr auch.
      Wir machten uns also auf den Weg zum Ballsaal. Es war ein wunderschöner Abend und eine ebenso wunderschöne Nacht. April und ich hatten wirklich eine ganz tolle Nacht und am nächsten Morgen wachten wir nahezu gleichzeitig auf. Sanft strich ich ihr immer wieder über die Hüfte. Ihre Haut war warm und weich. Wir waren beide lediglich von der Hüfte abwärts von der Bettdecke bedeckt.
      „Baby?“, fing ich das Gespräch mit ihr an.
      „Mh“, murmelte sie nur leise.
      „Ich muss mit dir reden“
      „Worüber?“
      Ich erzählte ihr von dem Brief und wartete auf ihre Reaktion. Leider fiel sie nicht annähernd so positiv aus, wie Haleys Reaktion gestern.
      „Miami? Hast du sie nicht mehr alle? Wieso Miami?“
      „Hast du nicht zugehört? Was sollte ich denn machen?“
      „Such dir was anderes. Ich verstehe sowieso nicht, warum du Bulle werden willst.“
      „Warum nicht? Aber das ist nicht das Thema. Komm mit mir, bitte.“
      „Nein. Ich möchte Neurochirurgie studieren.“
      „In Miami gibt es auch Krankenhäuser.“
      „In Boston gibt es aber auch Policedepartements.“
      „Die nehmen mich aber nicht. Bitte komm mit, Baby!“
      „Nein, Ryan.“
      „Und wieso nicht?“
      „Ich will nicht aus Boston raus.“
      „Nicht mal mir zuliebe?“
      „Nein. Ich kann einfach nicht. Ich habe hier meine Freunde.“
      „Die kannst du ja auch weiterhin behalten. Und in Miami kriegst du neue Freunde.“
      „Ich... nein, Ryan.“
      „Denk doch wenigstens mal länger darüber nach.“
      „Nein, das brauche ich nicht. Ich bleibe hier.“
      „Du willst gar nicht darüber nachdenken.“
      „Nein. Will ich nicht. Ich bleibe hier.“
      „Und was ist mit mir? Denkst du eine Sekunde auch an mich? Wir können in Miami ein neues Leben beginnen. Nur wir beide. Baby...“
      „Nenn mich nicht Baby. Willst du wissen, warum ich gar nicht erst darüber nachdenke?“
      „Ja, das wäre toll.“
      „Okay. Um ehrlich zu sein, suche ich schon lange nach einem Grund, Schluss zu machen. Und das ist ja wohl der perfekte Grund.“
      „Bitte? Warum denn das?“
      „Ryan... du... du machst mich wahnsinnig. Deine Neurosen, einfach... du!“
      „Na, sehr nett. Wenn ich dich so wahnsinnig mache, hättest du auch eher Schluss machen können. Aber nein... halten wir den Neurotiker ruhig noch etwas hin, oder was hast du dir dabei gedacht?“
      „Ryan... so war das wirklich nicht...“
      „Lass gut sein, April.“
      Ich suchte meine Sachen zusammen, zog mir schnell was über und ging zur Tür.
      „Ryan“, fing sie noch mal an.
      „Lass es. Du hast, was du wolltest. Ich geh nach Hause und am Montag bin ich ganz weg. Aus der Stadt, aus deinem Leben.“
      Damit ging ich nach Hause.

      **************************************************************

      Haley

      Himmel... Mein Kopf tat weh. Nicht nur, dass ich die Flasche Sekt getrunken hatte, nein... ich hatte auch noch eine Flasche Rotwein und eine halbe Flasche Baileys vernichtet. Zwar alles nach und nach und innerhalb der ganzen Nacht, während ich meinen Thriller gelesen hatte, aber dennoch hatte ich Kopfweh. Und die Tatsache, dass die Wohnungstür laut zufiel, machte es nicht besser.
      Ich stand vorsichtig auf um nachzusehen, wer oder was die Tür zugeschlagen hatte.
      Natürlich war es Ryan, der sich auf die Couch fallen ließ. Allerdings blieb er nicht lange, da ich gestern Abend nicht mehr aufgeräumt hatte. Er stand auf und fing an, meine Sachen wegzuräumen.
      „Lass doch stehen, Ryan. Ich mach das gleich.“
      „Warum? Nerven dich meine Neurosen etwa auch?“, keifte er mich gleich an.
      „Äh... nein. Was ist mit dir? Ich wollte doch nur sagen, dass du meinen Mist nicht wegräumen musst. Das war nett gemeint.“
      Wieder ließ er sich auf die Couch fallen.
      „Entschuldige, Haley. Ich... es tut mir leid. Ich wollte dich nicht anfauchen.“
      Ich setzte mich zu ihm und fragte: „Was ist los?“
      „April hat Schluss gemacht.“
      „Was? Warum denn das?“
      „Na ja... sie suchte wohl schon lange nach einem Grund mich loszuwerden. Meine Neurosen nervten sie wohl. Und jetzt, da ich nach Miami gehe, sagte sie, das wäre der perfekte Grund.“
      „Diese hinterhältige Schlange. Ich mochte sie noch nie.“
      „Das sagst du jetzt nur so.“
      „Stimmt. Ich will dich nur aufmuntern. Aber ich hab sie gemocht. Jetzt mag ich sie nicht mehr.“
      „Gut. Bin ich so ätzend?“
      „Nein. Natürlich nicht. Sie hat doch keine Ahnung. Du hast was Besseres verdient.“
      „Vielleicht... vielleicht auch nicht. Ach, ich weiß auch nicht.“
      Ich nahm ihn in den Arm. Er war wirklich traurig. Nun ja, sie waren ja auch anderthalb Jahre zusammen. Da wäre ich auch traurig. Nach einer Weile fragte er dann:
      „Haley? Würdest du mir einen Gefallen tun?“
      „Ja. Ich hab doch schon gesagt, ich räume gleich auf.“
      „Das meinte ich jetzt nicht. Ich wollte fragen, ob du mir beim Packen hilfst.“
      Ich nickte. Es würde mir sicher schwer fallen, aber ich sagte natürlich zu, ihm zu helfen. Dann stand ich auf und räumte die Pizzaschachtel und mein Glas weg. Ryan sah die drei leeren Flaschen.
      „Wow. Hattest du noch Besuch oder was?“
      „Nein. Ich hab die allein gekillt.“
      Er schüttelte grinsend den Kopf und nahm die leeren Flaschen vom Tisch, bevor er sich dann einen Lappen und Glasreiniger holte und den Tisch abwischte.
      „Ich wette mit dir, wenn ich weg bin, wirst du hier richtig Unordnung machen.“
      „Niemals“, grinste ich, obwohl ich das auch glaubte. Aber das wollte ich ihm jetzt nicht sagen. Ich wollte ihm nicht das Gefühl geben, dass er mir auch nur wegen seinem Ordnungswahn wichtig wäre.
      Nachdem mein Chaos aufgeräumt war, machten wir uns daran, Ryans Sachen zu packen.
      „Hast du bereits eine Wohnung in Miami“, fragte ich ihn, während ich seine Bücher aus dem Regal räumte.
      „Nein. Aber ich kann bei meinem Onkel eine Weile wohnen.“
      „Onkel Ron?“
      „Ja. Er meinte, es wäre kein Problem solange, bis ich was Eigenes habe.“
      „Das ist doch nett.“
      „Ja. Und er freut sich, dass ich bald in Miami leben werde. Sonst sind ja alle unsere Verwandten entweder hier in Boston oder in Wisconsin oder L.A.“
      „Stimmt. Mit L.A. meinst du sicher Eric?“
      Er nickte.
      Etwa zwei Stunden später war alles gepackt.
      „Was machen wir mit deinen Möbeln?“
      „Die holt jemand ab, sobald ich eine Wohnung habe.“
      „Ach so. Okay.“
      „Komm, Süße! Wir machen uns jetzt zwei gemütliche Tage, bevor ich abreise.“
      Ich nickte. Und so taten wir es auch. Es war ein schönes Wochenende, wenn auch traurig, da es das letzte Wochenende mit Ryan sein würde.

      [tbc...]
    • Teil 21

      19.06.2000

      Ryan


      Heute fuhr ich, nein, flog ich nach Miami. Von April habe ich das ganze Wochenende nichts mehr gehört oder gesehen. Sie hatte einmal kurz mit Haley geredet und ausgemacht, dass sie ihre Sachen holt, wenn ich weg bin. Na super. Wie alt waren wir doch gleich? Aber egal. Im Grunde war ich froh, dass ich sie nicht mehr sehen musste. Haley hatte von Anfang an recht gehabt. April war oberflächlich und ich hatte weiß Gott eine bessere Frau verdient.
      Haley fuhr mich zum Flughafen. Neuerdings hatte sie auch ein kleines Auto. Genauer gesagt war es ein alter Ford Taurus. Ein Geschenk ihres Dads.
      Na, jedenfalls luden wir gerade meine Sachen ins Auto und machten uns auf den Weg zum General Edward Lawrence Logan International Airport.
      Es dauerte nicht sehr lange, als wir schon ankamen. Ich holte meine Sachen aus dem Kofferraum und Haley begleitete mich zum Terminal.
      Es war schon recht spät am Nachmittag. Ich musste meinen Flug, den ich zuerst gebucht hatte, umbuchen. Zuerst hatte ich den Flug 187, aber Haley meinte, ich darf diesen Flug nicht nehmen. Dieses Jahr kam der Film „Final Destination“ in die Kinos und da ist der Flug 187 explodiert. Aberglaube, wie ich finde, aber gut. Wenn es Haley beruhigte, konnte ich meinen Flug auch umbuchen. Nun hatte ich den Flug 209, der allerdings drei Stunden später ging. Aber das war egal.
      Ich zeigte meinen Ausweis und meine Bordkarte, dann musste ich noch ein wenig warten.
      „Ryan?“
      „Ja?“
      „Ich will nicht, dass du gehst?“, sagte sie mir.
      „Nun ja... es ist zu spät.“
      „Ich weiß. Ich will dich ja auch nicht aufhalten, aber...“
      „Ich weiß. Du wirst mir doch auch fehlen“, sagte ich und umarmte sie.
      Ich hörte den Aufruf zu meinem Flug.
      „Ich muss los. Ich ruf dich an, wenn ich da bin, okay?“
      „Okay. Mach’s gut. Und wehe, du kommst mich nicht besuchen.“
      „Das werde ich. Und du kommst zu mir, ja?“
      Sie nickte.
      Ich gab ihr einen letzten unserer Küsse und machte mich auf den Weg durch mein Gate.

      **************************************************************

      Haley

      Er war weg. Ryan war tatsächlich weg. Ich stand noch eine Weile an dem großen Fenster, von wo ich Ryans Flieger sah. Ich blieb sogar so lange, bis ich den Flieger nicht mehr sah. Dann schlich ich langsam zu meinem Auto und stieg ein. Ich fuhr nach Hause und betrat die Wohnung. Unsere Wohnung. Meine Wohnung. Achtlos ließ ich meine Schlüssel auf den Tisch fallen. Es war eigenartig, nach Hause zu kommen, und zu wissen, dass Ryan nicht da war. Klar, ich war schon öfter allein in der Wohnung, wusste aber immer wieder, dass er bald wieder heimkommen würde. Doch dieses Mal kam er nicht. Ich sah auf die Schlüssel, die auf dem Tisch lagen. Ich stand auf und räumte sie an ihren angestammten Platz. Ich hatte das Gefühl, dass für mich ein neuer Abschnitt des Lebens beginnen sollte. Aber wie sollte dieser Abschnitt aussehen? Ohne Ryan. Ich beschloss erst einmal in New York anzurufen und mich ein wenig bei Jonathan auszuheulen.
      Es klingelte auch nur drei Mal, dann hob Jonathan auch schon ab. Ich berichtete ihm von der Tatsache, dass Ryan nun weg war.
      „Süße! Du wusstest doch, dass er geht.“
      „Ja, schon. Aber es ist merkwürdig.“
      „Hol dir doch einen Hund“, schlug er vor.
      „Einen Hund? Ich habe keine Zeit für einen Hund. Außerdem ist ein Hund kein Ersatz für Ryan.“
      „Dann hol dir eben eine Katze. Mit einer Katze musst du wenigstens nicht raus. Ist zwar auch kein Ersatz für Ryan, aber immerhin.“
      „Na, du baust mich ja auf.“
      „Entschuldige. Aber du wirst dich schon daran gewöhnen, dass er weg ist.“
      Vielleicht hatte er recht. Ich würde mich daran gewöhnen. Und eine Wohnung für mich allein, war ja auch toll. Ich redete noch eine Weile mit Jonathan, legte aber bald wieder auf.
      Eigentlich wollte ich an diesem Tag noch weggehen, aber ich blieb lieber daheim und wartete auf den Anruf von Ryan.

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      Ryan

      Als ich in Miami ankam, wurde mir erst einmal schwindelig. Die Wärme und die Luftfeuchtigkeit war ich nicht gewohnt. Doch daran würde ich mich sicher schnell gewöhnen. Ich trat aus der Flughalle in die Mittagssonne von Florida.
      „Ryan!“, hörte ich auch schon meinen Onkel rufen.
      Ron war der Bruder meines Vaters und genauso lieb wie Dad. Wenn Ron auch manchmal ein wenig verwirrt wirkte. Aber das war er eigentlich gar nicht.
      Wir begrüßten uns mit einer Umarmung und er führte mich zu seinem Auto.
      „Ich hoffe, du hattest einen guten Flug“, fragte Onkel Ron mich.
      „Ja, ich kann nicht klagen.“
      „Na, das freut mich. Nun erzähl, wie geht es dir?“
      „Ganz gut. Mir ist warm.“
      „Kein Wunder“, sagte er und warf einen leicht abschätzigen Blick auf meine Jeans und meinen grünen Pulli. Ich hätte mir wenigstens ein T-Shirt unter den Pulli ziehen sollen, dann hätte ich den Pulli nun ausziehen können. Nun ja, jetzt war es egal. Umziehen könnte ich mich nachher immer noch.
      „Ich hoffe, es stört dich nicht, dass man von meiner Wohnung direkt aufs Meer sehen kann.“
      „Oh und wie mich das stört. Ein Blick aufs Meer... Wer will denn so was?“, fragte ich ironisch grinsend.
      „Du bist frech geworden“, bemerkte Ron ebenfalls grinsend.
      Die Fahrt über sah ich mir die Umgebung an. Miami! Im Grunde sah es genau so aus, wie man es im Fernsehen immer sah. Das waren die guten Seiten Floridas. Aber ich wusste, dass es auch weniger schöne Gegenden hier gab. Diese würde ich bald berufsbedingt kennen lernen.
      In seiner Wohnung angekommen, zeigte er mir erst mal mein Zimmer. Es war klein und es standen nur ein Bett und ein Schrank drin. Aber es war ja nur übergangsweise, denn ich wollte mich eigentlich noch am selben Tag auf Wohnungssuche machen. Allerdings war ich so müde auf einmal, dass ich es doch für morgen verschob. Ich zog mir erst einmal den Pulli aus und schlüpfte in mein rotes T-Shirt. Ja, das war viel besser als der dicke, grüne Pulli, der selbst für Boston um diese Jahreszeit etwas zu viel gewesen wäre. Nachdem das erledigt war, rief ich erst einmal meine Eltern und dann Haley an.

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      Haley

      Während ich zu Hause auf den Anruf wartete, kam April vorbei und holte ihre Sachen, wie sie es mir am Wochenende schon gesagt hatte. Wir redeten kaum miteinander. Aus irgendeinem Grund blockte sie alle meine Gesprächsversuche ab. Eingebildetes Weibchen!
      Als sie gerade weg war, klingelte mein Telefon. Es war Ryan.
      „Hey! Schön dass du anrufst“, freute ich mich.
      „Hab ich dir doch versprochen. Ich wollte auch nur Bescheid sagen, dass ich heile bei meinem Onkel angekommen bin.“
      „Das ist schön. Und? Wie ist Miami?“
      „Na ja, viel habe ich noch nicht gesehen, aber es ist warm. Das kann ich dir schon sagen.“
      „Na, das wusste ich auch so, dass es dort wärmer ist“, grinste ich.
      „Was machst du gleich noch?“, wollte ich wissen.
      „Nicht mehr viel. Ich werde wohl noch bei der Polizeischule anrufen und eventuell noch nach einer Wohnung Ausschau halten. Wobei ich letzteres eher ausschließe heute. Irgendwie bin ich total müde.“
      „Na, Jetlag kann es doch nicht sein, oder?“
      „Nein, natürlich nicht. Miami ist doch in der gleichen Zeitzone wie Boston. Aber ich glaube, es war heute anstrengender als ich geglaubt hatte.“
      „Das kann sein.“
      Ich machte eine Pause.
      „Was ist? Stimmt was nicht?“, fragte er.
      „Nichts. Also... April war schon da.“
      „Na, die hat es aber eilig gehabt. Hat sie was gesagt?“
      „Nur, dass sie ihre Sachen holen wollte. Sie war ein wenig merkwürdig.“
      „Vielleicht... vielleicht tut es ihr ja leid, dass sie nicht mitgekommen ist.“
      Ryan klang etwas traurig.
      „Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht.“
      „Na ja... egal. Sie wollte ja eh Schluss machen.“
      „Genau. Und Miami hat auch schöne Mädchen.“
      „Da könntest du recht haben. Was machst du noch heute?“
      „Ich mach Unordnung und Dreck in der Wohnung“, zog ich ihn auf.
      „Wenn du das machst, komm ich auf der Stelle zurück.“
      „Ist das ein Versprechen?“
      „Ein leeres Versprechen“, grinste er. Das hörte ich.
      „Ja, schon klar.“
      Wir redeten noch eine Weile, bis wir auflegten.
      Den Rest des Tages verbrachte ich damit, mich an die Situation zu gewöhnen. Aber das dauerte doch länger, als ich dachte.
      Am nächsten Tag ging ich trotz Semesterferien zur Uni und schrieb ans schwarze Brett, dass ich einen neuen Mitbewohner oder eine Mitbewohnerin suchte. Natürlich kamen vor Ende der Ferien keine Antworten, aber das hatte ich auch nicht erwartet. Mit Ryan telefonierte ich regelmäßig. Und nach jedem Telefonat fehlte er mir mehr. Aber die Wohnung hielt ich auch ohne ihn sauber.
      Nach den Semesterferien bekam ich auch ganz schnell eine neue Mitbewohnerin. Sie hieß Meredith und war total lieb. Wir verstanden uns recht gut.

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      Ryan

      In den nächsten zwei Wochen hatte ich erst einmal nur Stress. Ich suchte eine Wohnung und ging auch schon nebenbei arbeiten. Die Polizeischule war anstrengender, als ich es mir vorgestellt hatte, aber ich schaffte das. Es war stressig, aber mir gefiel es.
      Zwei Wochen nachdem ich in Miami ankam, fand ich ein kleines Appartement in der Stadt. Es war nicht weit vom Policedepartement entfernt und lag sehr zentral. Alle Einkaufsmöglichkeiten hatte ich direkt vor der Tür. Das war natürlich super, besonders, wenn ich spät nach Hause kam und der Kühlschrank nahezu leer war. Ich konnte eben schnell in einen Supermarkt oder in einen Kiosk gehen und mich versorgen.
      Schnell hatte ich mich eingelebt und kam auch mit meinen Kollegen recht gut klar. Natürlich behandelten sie mich wie den Neuen. Der war ich ja auch. Zum Glück war ich nicht der einzige Neue. Kelly Riley und Scott Dempsey waren mit mir in einer Einheit und hatten es auch nicht gerade leicht. Besonders Kelly nicht. Immerhin war sie eine Frau in einem Männerberuf. Das waren nicht meine Worte, sondern die meines Vorgesetzten Officer Martin Brody.
      Alles in allem gefiel mir mein Leben in Miami und ich fühlte mich schon bald dort sehr heimisch.

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    • Teil 22

      11.09.2001

      Ryan


      Seit dem letzten Jahr war nicht viel passiert. Ich arbeitete und lernte sehr viel. Doch nun hatte ich ein paar Tage frei. Diese wollte ich dazu nutzen, meine Eltern und Haley in Boston zu besuchen. Am 08.09.2001 kam ich in Boston an und wurde von meinen Eltern abgeholt. Ich hatte ausgemacht, dass ich das Wochenende bei meinen Eltern blieb und dann noch ein paar Tage bei Haley verbringen würde. So war es dann auch. Am 10.09.2001 traf ich bei meiner Haley ein. Sie freute sich, dass ich wieder da war, wenn es auch nur für ein paar Tage wäre. Am 13.09.2001 sollte ich schon wieder zurück fliegen. Doch wie so oft, kam es anders als man denkt.
      Um 8.00 Uhr in der Früh stand ich auf. Außer Haley und mir war niemand in der Wohnung. Meredith war für ein paar Tage bei ihrem Freund. So hatte Haley es mir gesagt. Nun jedenfalls ging ich in die Küche und machte Frühstück. Nebenher ließ ich den Fernseher im Wohnzimmer laufen.
      Gegen halb neun kam auch Haley zu mir in die Küche.
      „Hey, du hast Frühstück gemacht“, bemerkte sie müde.
      „Ja. Wenn ich schon mal hier bin, kann ich mich auch nützlich machen“, antwortete ich.
      Nützlich machen? Nach meiner Ankunft gestern fing ich erst mal an, aufzuräumen. Und das, obwohl Haley und Meredith die Wohnung sauber hielten. Na, was soll ich machen? Ich kann nun mal nicht anders.
      Wir setzten uns ins Wohnzimmer an den Tisch und kauten an unseren Brötchen. Dabei unterhielten wir uns und sahen nur selten zum Fernseher. Doch urplötzlich, mitten in meiner Erzählung, wie es in Miami ist, hörte Haley mir nicht mehr zu. Mit einem geschockten Blick sah sie zum Fernseher.

      **************************************************************

      Haley

      Oh Gott! Ryan erzählte mir gerade, wie sein Leben in Miami verlief, da sah ich es. Die ersten Nachrichtenbilder des wahrscheinlich schlimmsten Tages Amerikas. Ein Flugzeug krachte geradewegs in den Nordturm des World Trade Centers. Der erste Gedanke, den ich auch laut aussprach, war: „Was ist das denn für ein schrecklicher Film?“
      Ryan sah zum Fernseher und antwortete leise:
      „Ich... ich glaube, das ist kein Film. Das passiert wirklich.“
      Ein paar Minuten starrten wir auf den Bildschirm. Flammen und Rauch stiegen aus dem Nordturm. Es war einfach schrecklich. Es musste ein Film sein, doch der Nachrichtensprecher informierte uns darüber, dass es sich wirklich zugetragen hatte.
      „Es war sicher ein Unfall“, bemerkte Ryan.
      „Meinst du?“
      „Es muss ein Unfall sein. Was bitte soll es denn sonst sein?“
      Ich wusste es nicht. Es war nun kurz nach 9.00 Uhr.
      „Ryan?“
      „Ja?“
      „Sieh mal“, sagte ich und starrte erneut zum Fernseher. Auch Ryan sah wie gebannt hin. Ein weiteres Flugzeug flog in Richtung der Türme und krachte in den Südturm. Mir stiegen Tränen in die Augen. Mein New York! Was zur Hölle passierte da?
      „Ryan? Das... das war...“
      „Das ist kein Unfall“, vollendete er meinen Satz.
      Ryans Handy klingelte. Er nahm ab und ich hörte nur, wie er sagte:
      „Ja. Ich sehe es auch.“ und „Ich ruf zurück.“
      „Chad Parker. Ein Kollege“, erklärte er mir, doch mir war das völlig egal. Ich hatte nur einen einzigen Gedanken: Meine Eltern!

      **************************************************************

      Ryan

      „Ryan?“
      „Ja?“
      „Ich muss... ich muss meine Eltern anrufen“, sagte sie mit tränenerstickter Stimme und stand langsam auf.
      Mir fiel ein, dass ihr Dad seine Kanzlei in dem Gebäude hatte. Oh mein Gott! Ich fand es schon schrecklich, wie musste sie es empfinden? Sie wuchs in New York auf und hatte ihre Familie dort. Ich betete, und das, obwohl ich ihre Familie nicht kannte, dass ihnen nichts passiert sei. Ich fühlte mich gerade so hilflos. Was sollte ich nur tun? Konnte ich überhaupt etwas tun? Was, wenn ich etwas tat und es falsch war? Was zur Hölle passierte denn nur gerade? Ich sah Haley an, die bereits ihr Handy in den Händen hielt und eine Nummer wählte.

      **************************************************************

      Haley

      Ich versuchte meinen Dad auf dem Handy anzurufen. Im Büro wäre es zwecklos. Es gab das Büro nicht mehr. Mein Dad ging nicht ran. Meine Mom leider auch nicht.
      „Ryan!“
      „Was ist?“
      „Es meldet sich niemand.“
      Ich konnte mich nicht mehr zurück halten. Ich fing fürchterlich an zu weinen.
      „Hey, Kleines! Komm her“, sagte Ryan und zog mich zu sich.
      Es tat so gut, ihn zu haben. Ich weinte erst einmal eine Weile, bis Ryan fragte:
      „Hast du es schon bei euch zu Hause versucht? Auf dem Festnetz?“
      Ich schüttelte den Kopf und merkte, wie Ryan mir mein Handy entnahm. Wenig später hörte ich, wie er eine Nummer wählte und dann hörte ich ihn sagen:
      „Mrs. Simpson. Ryan Wolfe. Ich bin ein Freund von Ihrer Tochter. Sie hat versucht Sie anzurufen. Geht es Ihnen gut?“
      Er redete tatsächlich mit meiner Mom. Das war schon mal gut. Er hielt mir das Telefon entgegen und ich nahm es an.
      „Mommy“, schluchzte ich. Es war lange her, dass ich Mommy zu ihr sagte, aber zurzeit fühlte ich mich genau so hilflos und verloren wie damals, als ich sechs Jahre alt war.
      „Kleines... Es ist die Hölle hier.“
      „Wo bist du? Wo ist Dad?“
      „Dad ist hier bei mir. Wir sind noch zu Hause. Aber in Manhattan ist der Teufel los. Und.... Claire... Sie... Claire ist dort.“
      „Was? Wo?“
      „In einem der Türme.“
      Ich fing erneut heftig an zu weinen. Claire durfte nichts passiert sein. Sie hatte sich bestimmt verspätet und war nicht in einem der Gebäude.
      „Mom. Ich bin froh, dass Dad bei dir ist. Ich... ich komm heute noch her.“
      „Wie denn? Die Flughäfen sind lahmgelegt.“
      „Ich... ich lass mir was einfallen.“
      Damit legte ich auf.
      „Ryan... Wir... wir müssen nach New York.“
      „Und wie?“
      „Wir fahren. Du fährst. Bitte. Meine... meine Tante ist in einem der Türme. Ich kann hier nicht sitzen bleiben und warten, bis mein Onkel oder meine Eltern anrufen und sagen, dass es ihr gut geht, oder sie gar tot ist. Bitte Ryan. Du bist Cop, du kannst sicher helfen.“
      „Noch bin ich kein richtiger Cop, aber... wenn es dir so wichtig ist. Na los, wir packen ein paar Sachen ein und fahren los.“

      **************************************************************

      Ryan

      Ich konnte es ihr nicht abschlagen. Wie denn auch? Ich würde es auch wollen, wenn es meine Familie wäre. Während ich ein paar Sachen zusammen suchte, war Haley dabei, ihre Sachen zu packen. Doch plötzlich hörte ich, wie sie nach mir rief. Ich lief ins Wohnzimmer.
      „Da“, sagte sie nur und zeigte zum Fernseher. Langsam ließ ich mich auf die Couch nieder. Es war schier unglaublich. Der Südturm fiel wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Das musste einfach ein schlechter Scherz sein. Ich strich mir mit meiner Hand über mein Gesicht.
      „Was passiert da?“, fragte ich leise.
      Wie auf’s Stichwort sagte der Nachrichtensprecher, dass ein weiteres Flugzeug ins Pentagon geflogen sei und dass es sich scheinbar um einen Angriff handelte. Wer und warum, das wusste noch niemand.
      „Da zerstört jemand mein New York“, schluchzte Haley. Sie liebte ihre Heimatstadt. Ich habe selten einen Menschen kennen gelernt, der seine Heimat so sehr liebt, wie Haley.
      „Süße... Bist du... bist du sicher, dass du dahin willst?“, fragte ich leise. Sie war jetzt schon total aufgelöst und durch den Wind. Ich fragte mich, ob sie es durchstehen würde, wenn sie es ‚live’ sehen würde.
      „Ich muss, Ryan. Es geht um meine Familie.“
      „Ja, schon gut. Fahren wir.“
      Ich schnappte mir unsere Taschen und wir machten uns auf den Weg. Wir fuhren etwa dreieinhalb Stunden und bereits von weitem sahen wir die dicken Rauchschwaden. So wirklich glauben, dass es tatsächlich passierte, konnte ich es immer noch nicht.
      Auf der Brooklyn Bridge stammelte Haley: „Wo... wo ist... Wo ist der Nordturm?“
      „Weg“, sagte ich leise.
      „Du... du musst da rein“, sagte Haley und zeigte in eine Straße links von uns, als wir von der Brücke runter waren.
      „Da geht es nach Queens“, sagte ich.
      „Ja. Da wohne ich.“
      Ich fuhr also so, wie Haley es mir sagte und wenig später standen wir vor einem kleinen, aus roten Backsteinen gemauerten Haus. Wir stiegen aus und Haley lief schon die Stufen zur Haustür rauf. Ich folgte ihr.
      Nachdem sie geklopft hatte, machte uns eine Frau mittleren Alters auf.
      „Hallo, kommt rein“, sagte sie und nahm Haley in den Arm bevor sie sich mir zuwandte.
      „Und du musst Ryan sein.“
      „Ja, der bin ich.“
      Wir gingen ins Wohnzimmer, wo der Fernseher lief. Ein Mann mittleren Alters saß davor und sah sich die Nachrichten an.
      „Dad!“
      Haley! Was machst du denn hier?“
      „Ich... ich... ach, Dad! Was ist da los? Wo ist der Nordturm?“
      „Weg. Also... der ist eingestürzt.“
      „Was ist mit Claire?“
      „Wissen wir noch nicht. Mac ist am ‚Unfallort’, sofern man es so nennen kann. Er meldet sich, wenn er mehr weiß.“
      Ich verstand nicht viel. Ich kannte Claire nicht und auch keinen Mac. Aber es musste jemand aus der Familie sein. Claire war Haleys Tante, soviel wusste ich.
      Im nächsten Moment klingelte es und ein aufgelöstes Ehepaar kam herein.

      **************************************************************

      Haley

      „Mr. und Mrs. Parks“, begrüßte ich die Eltern meines besten Freundes Jonathan. Im Schlepptau hatten sie Damon, der ebenfalls aufgelöst war.
      „Wo ist Jonathan“, fragte ich.
      „Da“, antwortete Damon mir und zeigte auf den Fernseher.
      Das durfte doch nicht wahr sein. Claire war dort und jetzt auch noch Jonathan?! Was um alles in der Welt machte er im World Trade Center?
      „Jonathan ist da? Warum um alles in der Welt?“, stieß ich hervor und merkte, dass Ryan schon wieder seine Arme um mich legte.
      „Er... er hatte dort einen neuen Job. Er hat gerade erst gestern dort angefangen.“
      „Vielleicht... vielleicht ist er gar nicht dort“, weinte ich und Ryan drückte mich fester an sich.
      „Wie meinst du das?“, wollte Damon wissen.
      „Na, vielleicht ist er zu spät los gefahren. Oder er musste etwas außer Haus erledigen. Oder... oder... ach... ich weiß auch nicht“, gab ich von mir.
      „Ich koch uns mal einen Kaffee“, hörte ich Mom leise sagen. Dann verschwand sie in der Küche.
      Wir sahen weiterhin die Nachrichten und versuchten immer wieder Claire, Mac oder Jonathan in irgendeiner Weise zu erreichen. Leider vergeblich.
      Am Abend, als es bereits dunkel war, klingelte plötzlich das Telefon meiner Eltern. Dad nahm ab.

      [tbc...]
    • Teil 23

      Haley


      Mein Dad telefonierte eine Weile und legte dann auf. Er wandte sich an uns.
      „Das war Mac. Sie haben Claire noch nicht gefunden. Auch sonst noch niemandem, den wir kennen.“
      „Aber... aber Überlebende gibt es?“, fragte ich, obwohl ich wahnsinnige Angst vor der Antwort hatte.
      „Ja. Mac sagte, ein paar Menschen konnten gerettet werden. Es besteht also noch Hoffnung. Mac ist jetzt auf dem Weg hierher.“
      Ich sah auf die Uhr. Es war bereits nach Mitternacht. Mac musste den ganzen Tag dort gewesen sein.
      Im Grunde fühlte ich eine Müdigkeit aufkommen, doch ich wollte, ich konnte nicht schlafen. Ich machte mir zu viele Sorgen um meine Tante Claire und auch um Jonathan. Ihnen durfte nichts passiert sein. Das durfte einfach nicht sein.
      Es klingelte und Mac kam herein. Er war voller Staub. Beim näheren Hinsehen sah ich, dass es kein Staub sondern Ruß und Asche war.
      „Mac. Wie geht es dir?“, fragte Mom ihn überflüssigerweise. Man sah ihm an, dass es ihm schlecht ging. Er war mit Sicherheit heute Morgen wieder der Erste im Labor gewesen und nun war er so lange unterwegs.
      „Es ging schon mal besser“, antwortete er in seiner üblichen formellen Art. Aber mir konnte er nichts vormachen. Es ging ihm sauschlecht.
      „Onkel Mac!“, begrüßte ich ihn und umarmte ihn.
      „Haley! Was tust du denn hier?“
      „Glaubst du, ich bleibe in Boston, während hier die Hölle losbricht?“
      Er schüttelte leicht den Kopf und setzte sich, so verrußt wie er war, auf das Sofa. Nicht einmal Ryan sagte oder tat etwas dagegen. Hätte er auch nur ein Ton diesbezüglich gesagt, wäre ich ihm eigenhändig an die Gurgel gesprungen.
      „Ich... ich habe immer noch nichts von ihr gehört. Verdammt, warum meldet sie sich nicht?“
      Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich meinen Onkel am Boden zerstört. Er hatte Angst, richtige Angst. Das sah man ihm an.
      „Vielleicht... vielleicht hatte sie einfach noch keine Gelegenheit, sich zu melden“, versuchte ich den Gedanken zur Seite zu schieben, dass Claire etwas zugestoßen sein könnte.
      „Ich weiß nicht. Du kennst sie doch. Sie hätte einen Weg gefunden, sich zu melden.“
      Das stimmte. Claire würde uns nie so lange warten lassen. Aber es musste einen Grund geben. Claire war noch irgendwo dort und es ging ihr den Umständen entsprechend.
      „Was... was haltet ihr davon, wenn wir alle mal versuchen, ein paar Stunden zu schlafen?“, hörte ich meine Mom fragen.
      Doch niemand stimmte ihr zu. Im Gegenteil. Jeder von uns protestierte leise. Dann sagte Ryan:
      „Ich koch uns mal einen Tee. Oder lieber Kaffee?“
      Jonathans Eltern und Damon schüttelten den Kopf. Meine Eltern und ich stimmten dem Tee zu. Nur Mac sagte:
      „Ich hätte lieber einen Scotch.“
      Ryan nickte und machte sich einfach selbstständig in der Küche meiner Eltern.

      **************************************************************

      Ryan

      Tee oder Kaffee? Blöde Idee, aber irgendwas musste ich doch sagen. Also ging ich in die Küche und suchte nach Tee, Teetassen und einer Teekanne. Während das Wasser im Wasserkocher vor sich hin kochte und ich nach den jeweiligen Dingen suchte, bemerkte ich nicht, wie die Küchentür aufging. Erst als sich zwei Arme um meinen Bauch schlangen, merkte ich, dass jemand da war. Ich drehte mich in der Umarmung um und sah Haley.
      „Hey“, sagte ich nur und schlang auch meine Arme um sie.
      Eine Weile sagten wir nichts. Sie lehnte ihren Kopf an meine Brust und weinte. Sie weinte so heftig, dass sie sich irgendwann anfing zu schütteln.
      „Hey, Süße! Beruhige dich“, redete ich leise auf sie ein.
      Ich strich ihr immer wieder über den Rücken.
      „Es... es ist ein Alptraum, Ryan.“
      „Ich weiß, Süße.“
      Ich zog sie zum Küchentisch und setzte mich hin. Sie ließ sich auf meinem Knie nieder, legte nun ihre Arme um meinen Hals und vergrub ihr Gesicht in meiner Halsbeuge. Der Tee war erst einmal vergessen.
      Eine Weile saßen wir so da, bis sie sich ein bisschen beruhigt hatte. Dann sagte sie:
      „Tut mir leid, Ryan. Ich wollte mich nicht gehen lassen.“
      „Ist doch quatsch. Es geht immerhin um deine Familie. Du musst dich für nichts entschuldigen.“
      „Danke. Ryan.“
      „Quatsch! Wofür denn?“
      „Für alles. Allein schon, dafür, dass du da bist.“
      Und dann sagte sie etwas, womit ich nicht gerechnet hätte.
      „Ich liebe dich, Ryan.“
      >Ich liebe dich auch<, dachte ich, aber leise sagte ich:
      „Ich hab dich auch lieb, meine Kleine.“
      Ich wollte mich so neutral wie möglich verhalten. Zum einen war es weder der richtige Ort noch der richtige Zeitpunkt um eine Beziehung zu beginnen und zum anderen wusste ich nicht einmal, ob sie es wirklich ernst meinte. Doch das war nun wirklich nicht der richtige Zeitpunkt auch nur darüber nach zu denken.
      „Hey, ist der Tee noch nicht fertig?“, hörte ich Haleys Mom fragen.
      Haley und ich lösten uns voneinander und ich sagte: „Oh ja. Tut mir leid.“
      „Kein Problem. Ich danke dir, dass du die Idee hattest“, sagte Mrs. Simpson und verschwand wieder.
      „Ich... ich geh auch mal wieder zurück ins Wohnzimmer“, stammelte Haley und ließ mich in der Küche stehen.
      Ich sah auf die Uhr. Es war fast halb zwei in der Früh und ich kochte Tee in einer mir völlig fremden Küche.

      **************************************************************

      Haley

      Ich ging wieder in das Wohnzimmer zurück. Ich war unendlich froh, Ryan bei mir zu haben, auch wenn er bisher nicht viel gesagt hatte. Aber das musste er auch nicht. Hauptsache, er war da.
      Wenig später kam er zurück mit einem Tablett in der Hand, auf dem Teetassen und eine Teekanne drauf waren. Er verteilte den Tee und setzte sich zu mir aufs Sofa.
      Ich trank ein paar Schlucke von meinem Tee und merkte schnell, wie mich das heiße Getränk beruhigte. Ich lehnte mich gegen Ryans Brust und nickte sogar ein wenig ein. Wie lange ich eingeschlafen war, wusste ich nicht, aber ich wurde von einem Telefon geweckt.
      Ich schreckte auf und sah erst Ryan an, dann sah ich in die Runde. Es waren noch alle da. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass es kurz nach zwei Uhr in der Früh war, also hatte ich doch nicht lange geschlafen. Das Telefon klingelte immer noch und ich bemerkte, wie Mrs. Parks aus dem Sessel zu ihrer Tasche lief, die immer noch an der Tür am anderen Ende des Wohnzimmers stand. Demnach war es hier Handy.
      „Parks“, meldete sie sich.
      Wer der Anrufer war konnte ich natürlich noch nicht wissen, doch Mrs. Parks Reaktion sagte einfach alles.
      „Jonathan! Mein Gott, du lebst!“
      Tränen der Freude liefen über ihr Gesicht.
      „Wir sind alle bei den Taylors. ... Ja, komm hier her, bitte. Ich bin so froh, dass du noch lebst“, war der letzte Satz, den sie sagte, bevor sie auflegte.
      „Jonathan lebt und kommt nun hierher“, verkündete sie das, was wir alle schon aufgrund ihrer Worte am Telefon annahmen.
      Eine Woge der Erleichterung durchlief uns alle. Sogar Mac schien erleichtert. Ich nahm an, dass er wieder Hoffnung schöpfte, dass auch sein Telefon klingeln und Claire dran sein würde. Ich muss sagen, auch ich hatte nun wieder mehr Hoffnung, dass sich meine Tante doch noch melden würde.
      Damon brach nun auch in Tränen aus. Scheinbar waren es bei ihm auch Freudentränen. Er liebte Jonathan so sehr, dass ich bezweifelte, dass er sein Leben weiterleben könnte, wäre Jon etwas passiert.
      „Er lebt! Er lebt! Er lebt!“, sagte er immer wieder leise wie ein Mantra vor sich her.
      Als es dann später an der Tür klopfte, stürmten sowohl Jonathans Eltern als auch Damon darauf zu um sie zu öffnen.
      Nachdem Jonathan zur Tür herein kam und von seiner Familie begrüßt wurde, setzte er sich auf den zweiten Sessel, den meine Eltern hatten.
      „Was tust du hier?“, fragte er mich überrascht, vermied es allerdings, mich in den Arm zu nehmen, weil er genau wie Mac verrußt und verdreckt war.
      „Ich konnte nicht in Boston bleiben“, antwortete ich ihm.
      „Und du?“, wollte Jonathan nun auch von Ryan wissen.
      „Ich konnte sie nicht allein fahren lassen“, antwortete er und ergänzte:
      „Ich bin froh, dass du okay bist.“
      „Ja, ich auch.“
      „Warum hast du dich nicht eher gemeldet?“, wollte nun seine Mom wissen.
      „Ich konnte nicht. Mein Boss hat mich heute Morgen zu einem Botengang losgeschickt. Ich habe mein Handy im Büro liegen gelassen. Ich dachte ja, dass ich nicht lange weg bleiben würde. Nun, so war das ja auch, aber als ich... als ich dann wieder kam, war schon die Hölle ausgebrochen. An mein Handy kam ich erst einmal nicht mehr ran, aber das war auch nicht mehr das Wichtigste. Es war grauenhaft... überall lagen Unterlagen, Büromaterialien und was am Schlimmsten war...“
      „Leichenteile“, ergänzte Mac seinen Satz.
      „Genau! Und dann die Menschen in den Büros erst. Herrgott! Die sind aus den Fenstern gesprungen. Die haben dadurch wirklich auf Erlösung oder Hilfe gehofft. Es war einfach furchtbar. Na ja, und das war mir dann erst einmal wichtiger, als alles andere. Ich habe bis vorhin noch geholfen.“
      „Die arbeiten immer noch?“, fragte Mac und ich sah, dass er ein schlechtes Gewissen hatte, dass er seit nunmehr zwei Stunden hier saß und nicht mehr mithalf.
      „Ja. Ich glaube, die arbeiten die ganze Nacht durch. Jedenfalls habe ich vorhin aufgehört mit der Suche und habe dann ein Münztelefon gefunden, dass noch funktionierte und angerufen. Es tut mir leid, dass ich mich nicht eher gemeldet habe, aber wenn ihr da unten gewesen wärt, würdet ihr es verstehen.“
      „Ich verstehe es“, sagte Mac und nahm seine Jacke.
      „Wo willst du hin?“, fragte mein Dad.
      „Ich gehe noch mal dorthin und suche nach meiner Frau.“
      „Mac! Bitte! Es ist dunkel, es ist spät. Du bist müde“, versuchte Dad ihn zum Bleiben zu überreden.
      „Nein, Jack! Ich muss dahin zurück. Claire ist noch irgendwo dort und ich muss sie finden.“
      Irrte ich mich, oder brach Macs Stimme. In meinem ganzen Leben hatte ich Mac nicht einmal weinen gesehen und die Tatsache, dass er es jetzt tat, brach mir das Herz.
      „Dad hat recht, Onkel Mac. Da sind noch genug Helfer. Die werden Claire schon finden. Bleib hier und versuch ein paar Stunden zu schlafen.“
      „Das ist ein gutes Stichwort. Versuchen wir doch alle, ein paar Stunden zu schlafen“, sagte Mom.
      Mac gab sich geschlagen.
      „Also gut. Aber ich schlafe auf der Couch hier im Wohnzimmer.“
      „Von mir aus. Was macht ihr? Bleibt ihr auch hier?“, fragte Mum Jonathan und seine Eltern.
      „Nein. Ich glaube, es ist das Beste, wenn wir zu uns rüber gehen“, antwortete Mr. Parks.
      Ich ging zu Jonathan und drückte ihn fest an mich.
      „Ich bin so froh, dass du noch lebst.“
      „Ich auch.“
      Dann gingen sie weg und Mom holte ein Kissen und eine Decke für Mac.
      „Und ihr?“, fragte sie mich und Ryan.
      „Wir schlafen in meinem alten Zimmer“, antwortete ich und zog Ryan an der Hand die Treppe nach oben in mein altes Zimmer.

      [tbc...]
    • Teil 24

      Ryan


      Oben in ihrem alten Zimmer angekommen, stellten wir fest, dass unsere Taschen mit unseren Klamotten noch im Auto waren.
      „Ich hol sie“, sagte ich zu ihr und schlich mich runter. Leise ging ich nach draußen und holte unsere Taschen aus dem Wagen.
      Als ich wieder im Haus war, hörte ich, wie Haleys Onkel leise fragte: „Glaubst du, dass sie noch lebt?“
      „Äh... wie bitte?“, fragte ich leise. Natürlich wusste ich, wen er meinte, aber ich wollte sichergehen, dass er wusste, dass ich es war und mich nicht für Haley oder ihren Dad hielt. Haleys Onkel setzte sich auf und sagte zu mir: „Setz dich und sage mir, ob du glaubst, ob meine Frau noch lebt.“
      „Mr. Taylor... Ich... ich weiß es nicht. Wir können es nur hoffen.“
      Was hätte ich auch sagen sollen? Ich konnte ihm nicht sagen, dass ich mir sicher war, dass sie noch lebte, denn ich war mir nicht sicher. Nicht, nach alldem was ich in den Nachrichten den ganzen Tag hörte. Nicht, nach alldem, was ich von Jonathan gehört hatte und auch von Mr. Taylor selber. Aber ich konnte ihm auch nicht sagen, dass ich glaubte, dass sie nicht lebte. Denn das war auch nicht wahr. Ich hoffte, dass sie noch lebte. Das hofften wir wirklich alle.
      „Sie darf nicht tot sein. Sie darf es nicht.“
      Ich erwiderte nichts. Stattdessen schwiegen wir eine Weile, bis Mr. Taylor irgendwann sagte: „Haley kann glücklich sein, einen Mann wie dich zu haben. Du hast sie sehr gern, oder?“
      „Ja, das habe ich. Aber ich glaube nicht, dass das der richtige Zeitpunkt ist, um über so etwas zu reden.“
      „Wie lange seid ihr schon zusammen? Sie hat nie über ihre Beziehungen gesprochen“, ignorierte er meinen Einwand.
      „Oh, wir sind nicht zusammen. Wir sind nur Freunde.“
      „Wirklich? Das ist aber schade.“
      >Ja, das ist es<, dachte ich nur. Wann hatte ich angefangen, so über Haley zu denken?
      Wieder herrschte kurzes Schweigen und wieder ergriff Mr. Taylor das Wort: „Nun geh wieder nach oben. Versuchen wir etwas zu schlafen.“
      Ich stand auf, ging ein paar Schritte rauf und sagte dann noch: „Sie dürfen die Hoffnung nicht aufgeben, Detective.“
      Dann ging ich rauf, ohne eine Antwort abzuwarten.
      „Wo warst du solange?“, fragte Haley mich, als ich in ihrem Zimmer war.
      „Dein Onkel wollte noch kurz mit mir reden.“
      „Ach so.“
      Mehr sagte sie nicht. Sie war müde und erschöpft und traurig. Sie wollte, genau wie ich, nur ins Bett und schlafen. Ohne darüber nachzudenken, dass ich noch im Raum war, zog sie sich ihre Jeans und den Pullover aus. Irrte ich mich, oder hatte sie ein wenig abgenommen? Zum ersten Mal sah ich sie nur in Unterwäsche vor mir und ich muss sagen, bei dem Anblick musste ich schwer schlucken und aufpassen, dass sich in meiner Hose nichts regte. Himmel! Das wäre nun wirklich der unpassendste Moment für eine Erektion. Noch dazu in Anbetracht dessen, dass es sich hier um meine beste Freundin handelte. Allerdings sah sie umwerfend gut aus. Wieso war mir das vorher nie bewusst geworden? Sie löste Gefühle in mir aus, die ich vorher nicht hatte. Nicht einmal, als ich mit April zusammen war, hatte ich so etwas. War das möglicherweise...? Nein! Oder doch? Und wenn ja, wann hatte ich mich in sie verliebt? Seit wann hegte ich solche Gefühle für sie? War das möglich? Und wenn ja, wie war das möglich? Oder spielten mir meine Gefühle in Anbetracht der Situation nur einen Streich? Ja, das musste es sein. Das war es. So! Beschlossen und verkündet!
      „Kommst du?“, hörte ich sie fragen.
      Sie hatte sich bereits umgezogen und ich Trottel hatte sie die ganze Zeit angestarrt. Wie peinlich!
      „Klar“, krächzte ich und kroch zu ihr ins Bett, wo sie sich sofort an mich kuschelte. Ich sog ihren Duft ein und schloss meine Augen.

      **************************************************************

      Haley

      Ich schlief auf Ryans Brust sofort ein. Allerdings hatte ich wirre Träume, die dazu führten, dass ich immer wieder aufwachte. Was war das nur für ein beschissener Tag? Kann man den 11.09.2001 bitte aus dem Kalender streichen? Jedes Mal, wenn ich nach einem meiner wirren Träume aufwachte und danach wieder einschlief, hoffte ich, dass alles nur ein Traum war und ich beim nächsten Aufwachen in meinem Bett in Boston liegen würde. Doch jedes Mal wurde ich enttäuscht und in die Realität zurück geschleudert.
      Nach einem weiteren wirren Traum entschied ich mich aufzubleiben und schlich in die Küche und kochte mir einen Pfefferminztee. Es war ja auch schon fast halb sechs in der Früh. Ich war hundemüde, hatte aber auch zu viel Angst davor, wieder ein zu schlafen.
      Nachdem ich den Tee ausgetrunken hatte, ging ich doch wieder ins Bett zurück. Ryan schlief noch. Gott, sah er süß aus. Süß? Was bitte war nur los mit mir? Moment! Hatte ich ihm heute in der Küche nicht auch gesagt, dass ich ihn lieben würde? Verdammt, wie blöd. Natürlich hatte ich ihn wahnsinnig gern, und ich wusste, dass er mich auch gern hatte, aber in dieser Art und Weise? Nein, niemals.
      Mit den Gedanken um dieses Thema kroch ich wieder ins Bett und kuschelte mich an ihn. Ich schlief sogar noch ein wenig ein.
      Am nächsten Tag und an den weiteren Tagen in dieser Woche gingen Ryan und ich immer wieder zum „Ground Zero“, wie die Katastrophe schon bald genannt wurde, um dort ebenfalls mit zu helfen. Ryan hatte irgendwann in Miami angerufen und gesagt, dass er noch bleiben würde. Zum einen, weil er hier helfen wollte und zum anderen, weil sämtliche Flüge ausfielen. Die Sicherheitsvorkehrungen wurden verschärft und der gesamte Luftraum überwacht. Zum Glück hatte Ryans Vorgesetzter Verständnis dafür.
      Am „Ground Zero“ war es so furchtbar. Es lagen überall Gebäudeteile, Büromaterial und ich bin mir sicher, dass ich unter all dem Schutt auch ein paar Leichenteile habe liegen sehen. Mein New York war zerstört
      Am Freitag nach der Katastrophe war dann klar, dass sich unter den Trümmern keine Überlebenden mehr befanden. Leider hatte man Claire auch nicht gefunden. Als es Mac klar wurde, brach er regelrecht zusammen. Ich hatte ihn noch nie vorher so gesehen. Am ersten Tag redete er kein einziges Wort, am Tag darauf stürzte er sich in seine Arbeit. Zum Glück hatte er tolle Kollegen, die immer für ihn da waren. Doch nicht einmal Stella Bonasera, die unter anderem auch Macs beste Freundin war, kam auch nicht wirklich an ihn heran. Mac brauchte Zeit und musste erst einmal mit dem unerwarteten und sinnlosen Verlust seiner Frau fertig werden.
      Am Samstag, den 15.09.2001 fand dann eine offizielle Trauerfeier für alle Opfer des Anschlages statt. Viele Familien hatten ihre Angehörigen nicht gefunden und ebenso viele Opfer wurden nicht einmal identifiziert.
      Die Trauerfeier war sehr emotional und bewegend. Trauerfeiern fanden eigentlich schon seit dem 12.09. statt, doch die am 15.09. besuchte ich zusammen mit meiner Familie.
      Der Bürgermeister von New York, Rudolph W. Giuliani, hielt eine bewegende Rede.
      Nach der Trauerfeier gingen wir alle wieder nach Hause. Mac machte sich wieder an die Arbeit, während Ryan, Damon, Jonathan und ich zurück nach Queens fuhren. Jonathan und Damon umarmten uns zum Abschied, da wir am nächsten Morgen wieder nach Boston zurück fahren wollten.
      „Wie geht es dir?“, fragte Ryan, als wir zusammen in meinem alten Zimmer waren und unsere Sachen packten.

      **************************************************************

      Ryan

      „Ganz okay. Es ist immer noch so surreal“, antwortete sie, während sie ihre Jeans in den Koffer packte.
      „Haley! Wie packst du denn?“
      „Wie immer? Einfach alles rein werfen.“
      Ich schüttelte den Kopf, nahm ihr die Jeans ab und sagte:
      „Ich zeig dir mal, wie man Koffer packt.“
      „Tu das, mein kleines Neurotchen“, antwortete sie grinsend und ließ sich aufs Bett fallen, von wo sie mich in aller Ruhe beim Packen ihrer Dinge beobachtete. Normalerweise hätte ich jetzt Einwände dagegen erhoben, aber dieses Mal ließ ich es sein. Ich war froh, sie lächeln zu sehen. Und wer weiß, vielleicht würde ich sie auch noch zum Lachen bringen. Vielleicht nicht mehr heute, aber eventuell noch vor meiner Abreise nach Miami.
      Ich packte unsere Sachen zu ende ein, während Haley nach einer Weile in die Küche ging, um ihrer Mom beim Abendessen zu helfen.
      Nachdem die Koffer gepackt waren, setzte ich mich aufs Bett. Es würde heute die letzte Nacht sein, in der ich das Bett mit Haley teilen würde. Ab morgen hätten wir wieder jeder unsere eigenen Betten und am 17.09. würde ich wieder zurück nach Miami fliegen.
      Ich lies die letzte Woche noch einmal Revue passieren. Was war geschehen?
      Ich wollte doch nur ein paar Tage Urlaub machen und fand mich einige Tage später in der Hölle wieder. Ich lernte zwar Haleys Familie kennen, aber die Umstände hätten echt besser sein können. Mal abgesehen davon, dass es mir das Herz brach, Haley so traurig zu sehen. Natürlich war es verständlich, dass sie traurig war und weinte, aber mir tat es einfach nur weh. Sie sollte nicht weinen. Sie sollte niemals einen Grund zum Weinen bekommen. Dafür war sie einfach ein zu lieber Mensch. Solche Menschen hatten eine gute, eine friedliche Welt verdient.
      Außerdem dachte ich über neulich Abend nach. Hatte sie es ernst gemeint, dass sie mich liebte? Hatte ich wirklich eine leichte Regung im Schritt gespürt, als sie sich ihren Pyjama angezogen hatte? Das war doch schlichtweg unmöglich.

      **************************************************************

      Haley

      Ich ging in die Küche zu meiner Mom.
      „Na, schon fertig gepackt?“, fragte sie mich.
      „Nein. Ryan macht das gerade. Ich mache es nicht richtig“, antwortete ich leicht ironisch und mit verdrehten Augen.
      „Ich habe schon gemerkt. Er ist ein wenig anders.“
      „Anders? Nein, er ist neurotisch.“
      „Aber du magst ihn.“
      „Ja, natürlich. Er ist mein bester Freund. Abgesehen von Jonathan natürlich.“
      „Natürlich“, grinste meine Mom.
      Zum Glück wurden sie und Dad heute wieder ein wenig lockerer. Natürlich saß uns der Schock des Verlustes von Claire noch sehr tief, aber als Mac nicht mehr da war, meinte Dad, dass das Leben eben weiter gehen müsste. Er selber wüsste zwar noch nicht wie, aber es würde weiter gehen. Dad musste seine Kanzlei ganz neu aufbauen. Zum Glück hatte er die meisten Mandantenakten auf seinem Laptop gespeichert, so dass er wenigstens seine Mandanten behalten konnte. Nichts desto trotz würde es nicht einfach werden. Er brauchte ein neues Büro, eine neue Sekretärin und genug Büromaterial. Doch darum wollte er sich wohl erst am Montag kümmern. Er war der Meinung, er bräuchte das nicht machen, solang ich noch da war. Als wüsste ich nicht, wie schwer so etwas werden könnte.
      Auf einmal drehte Mom sich zu mir um, und fragte:o„Was hältst du davon, wenn du Weihnachten hier verbringst. Du warst letztes Jahr schon nicht da und davor und eigentlich kein Jahr, seit du auf dem College bist.“
      „Das erste Jahr wart ihr ja weg, Mom.“
      „Ja, das weiß ich. Also sag schon. Was hältst du davon?“
      „Das ist eine gute Idee. Ich würde gern herkommen.“
      Das stimmte sogar. In letzter Zeit waren meine Eltern nicht mehr so besorgt um mich. Wahrscheinlich waren sie es schon, zeigten es aber nicht mehr so wie vorher.
      „Und Ryan und seine Eltern laden wir auch ein“, fuhr sie unvermittelt fort.
      „Was? Warum denn? Glaubst du, seine Eltern hätten nichts Besseres vor, als zu fremden Leuten nach New York zu kommen?“
      „Wir werden sehen. Ich werde Ryan gleich mal fragen, wenn er runter kommt.“
      „Mom… er hat auch noch Geschwister. Die werden sicher nicht mitkommen.“
      „Können Sie aber.“
      „Was ist los mit dir, Mom? Seit wann bist du so gastfreundlich?“
      Gastfreundlich an sich war meine Mom schon immer, aber das überstieg jedoch alles. Fremde Menschen in ihrem Haus, noch dazu so viele… Das war wirklich nicht ihre Art. Hatten die Anschläge vom 11.09.2001 tatsächlich eine Persönlichkeitsänderung an meiner Mom bewirkt? An sich keine schlechte Sache, also die Persönlichkeitsveränderung. Andererseits erkannte ich meine Mutter kaum wieder.
      „Nichts ist los, aber ich habe eben gemerkt, dass das Leben zu kurz ist, dass man es nur vergeudet. Du weißt ja, ich hatte nie viele Kinder. Ich wollte immer viele Kinder. Ich möchte wenigstens ein Weihnachten feiern, wo mehr Menschen als nur dein Dad und ich, oder dein Dad, du und ich zusammen sind.“
      Das konnte ich gut verstehen. Ja, Mom wollte immer 6 Kinder, aber nach mir war dann leider schon Ende. Ich hatte mir auch immer eine Schwester gewünscht. Okay, vielleicht nicht 5 Schwestern oder 5 Brüder, aber wenigstens eine Schwester.
      „Feiert Caitlin nicht mit euch?“
      Caitlin war die Tochter von Dads Schwester. Ja, mein Vater hatten noch eine Schwester. Deren Tochter Caitlin war nun schon 21 Jahre alt und verheiratet.
      „Doch. Sie und David kommen auch. Sie sagte, sie hätte eine Überraschung für uns. Weißt du was? Ich frag ihn jetzt einfach mal. Mehr als nein sagen, kann ja wohl weder er noch seine Eltern.“
      „Hast du das auch mit Dad besprochen?“
      „Natürlich. Gestern Nacht im Bett.“
      Und mit diesen Worten verließ meine Mutter die Küche und ließ mich mit den Kartoffeln alleine.

      **************************************************************

      Ryan

      Ich wollte gerade runter gehen, als es an der Tür klopfte.
      „Ja, bitte?“, rief ich und gleich, als ich Mrs. Taylor sah, bekam ich ein schlechtes Gewissen. Ich meine… Es war schließlich ihr Haus und sie musste gar nicht erst auf meine Erlaubnis warten, um das Zimmer zu betreten.
      „Mrs. Taylor. Was gibt es?“, fragte ich.
      „Ich möchte dich gern was fragen.“
      „Bitte. Nur zu.“
      „Was machst du eigentlich an Weihnachten?“
      „Ich habe keine Ahnung. Meine Eltern wollten gern mal raus aus Boston. Meine Schwester hat einen neuen Freund, den ich noch nicht kenne. Sie feiert wohl bei ihm und mein Bruder ist ebenfalls bei seiner Freundin. Aber… Warum erzähl ich Ihnen das alles?“, fragte ich nun halb lachend. Es interessierte sie wahrscheinlich nicht einmal. Warum auch? Sie kannte weder meine Eltern noch meine Geschwister.
      „Meinst du, deinen Eltern würde es reichen, nach New York zu kommen?“
      „Ich weiß nicht. Warum?“
      „Mein Mann und ich haben überlegt, ob es euch gefallen würde, Weihnachten hier zu verbringen. Eigentlich hatten wir dabei auch an deine Geschwister gedacht, aber egal. So könnten wir auch mal deine Eltern kennen lernen. Wie findest du das?“
      „Klingt gut. Ich werde meine Eltern mal fragen, wenn ich wieder mit ihnen telefoniere.“
      „Tu das. Und nun komm runter. Das Essen ist gleich fertig.“
      Ich nickte und sah ihr hinterher, wie sie das Zimmer verließ.
      Weihnachten mit Haley? Klang gut. Wir hatten bisher noch kein Weihnachten so richtig zusammen gefeiert. Das wäre sicher mal lustig. Ich würde meine Eltern auf jeden Fall dazu überreden, hier zu feiern. Allerdings hoffte ich zwar, dass ich es nicht musste, aber wenn, dann würde ich all meine Überredungskünste einsetzen.
      Ich ging runter, um etwas zu essen. Nach dem Essen machten wir uns noch einen netten Abend und gingen früh schlafen. Immerhin wollten wir morgen recht früh nach Hause fahren. Ich hatte in Boston auch noch ein paar Sachen, die ich noch packen musste, damit ich am Tag darauf pünktlich zum Flughafen kam. So langsam beruhigte sich der Luftraum. Allerdings nur scheinbar. Aber wenigstens konnte man wieder fliegen.
      Und so kam es, dass wir uns am nächsten Tag schon gegen acht Uhr morgens von Haleys Eltern verabschiedeten. Haley versprach, öfter zu Hause anzurufen und ich versprach, mit meinen Eltern über Weihnachten zu reden.
      Gegen halb zwölf waren wir in Boston angekommen.
      „Weißt du was? Eigentlich könnten wir doch gleich deine Eltern fragen, oder?“, schlug Haley vor.
      „Klar, eigentlich schon, warum nicht?“
      Ich bog also nach links, statt nach rechts und fuhr zum Haus meiner Eltern.

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    • Teil 25

      Haley


      Ryans Eltern freuten sich, uns zu sehen.
      „Wie geht es deiner Familie?“, fragten sie mich sofort.
      „Ganz okay. Mein Onkel wird noch eine ganze Weile brauchen, bis der damit klar kommt, aber ich denke, das wird schon.“
      Ryan hatte wohl irgendwann am Wochenende bei seinen Eltern angerufen und ihnen erzählt, was so los war. Was in New York passiert war, wussten sie natürlich. Aber dass es auch direkt meine Familie betraf, das hatte Ryan ihnen scheinbar schon erzählt.
      Wir setzten uns in die Küche und Ryans Dad erzählte von dem neuen Freund von Beverly. Wie Mr. Wolfe sagte, war er wohl überaus intelligent und ein richtig netter Kerl. Er studierte Jura, was Beverly dazu veranlasste, ebenfalls ihr Studienfach zu wechseln, um auch Jura studieren zu können. Was um Himmels willen hatten nur alle mit Jura? Wussten die denn nicht, dass es langweilig war?
      Aber Ryans Eltern waren natürlich froh darüber, dass dieser Freund einen so guten Einfluss auf Beverly hatte. Nun ja... besser sie studiert Jura als gar nichts zu machen.
      Außerdem erfuhren wir, dass Ryans Bruder wohl im nächsten Jahr irgendwann heiraten wollte. Seine Freundin kannten wir ja bereits und sie war sehr nett.
      „Aber das habt ihr nicht von mir. Es ist noch nicht offiziell“, grinste Mrs. Wolfe uns an.
      „Na toll. Ich gehöre doch zur Familie. Warum weiß ich trotzdem noch nichts davon?“
      „Keine Ahnung. Ich bin mir sicher, er wird es dir früh genug sagen.“
      „Nicht offiziell“, murmelte Ryan und sah schmollend auf den Tisch. Er konnte so süß schmollen. Halt? Süß? Warum süß? Ich klinge sicher wie ein liebeskranker Teenager. Hilfe! Ich war doch weder ein Teenager noch liebeskrank. Das schon mal überhaupt nicht.
      „Du, Mom?“, fing Ryan an.
      „Ja? Was ist?“
      „Also. Wir wollten euch fragen, wo ihr an Weihnachten hinfahrt.“
      >Sehr diplomatisch, Ryan!<, dachte ich so bei mir.
      „Das wissen wir noch nicht. Wir finden es ja schon schade, dass wir nicht alle zusammen Weihnachten feiern können, aber na ja… ihr werdet nun mal auch erwachsen“, antwortete Mrs. Wolfe, mit einer Spur von mütterlicher Traurigkeit in ihrer Stimme.
      „Was Ryan fragen wollte, ist, ob Sie nicht Lust hätten, nach New York zu kommen? Das mag Ihnen jetzt merkwürdig erscheinen, aber meine Mom hatte die Idee und sie und mein Vater würden sich sehr freuen.“
      „Nach New York?“, fragte Mr. Wolfe.
      „Ja. Wie gesagt, war das die Idee meiner Eltern. Ich bin dieses Jahr auch zu Hause und es wäre doch schön, wenn Sie wenigstens mit einem Ihrer Kinder Weihnachten verbringen könnten.“
      Ich wusste, dass es so gehen müsste. Welche Eltern feiern Weihnachten schon gerne ohne Kinder? Na gut… Meine, aber das war etwas anderes und lag schon ungefähr drei Jahre zurück.
      „Also, ich finde die Idee ganz toll“, sagte nun Ryans Mutter.
      „Ihr müsst das nicht jetzt sofort entscheiden“, sagte Ryan.
      „Wir melden uns bei euch“, versprachen die Eltern.
      Wir blieben noch etwa eine halbe Stunde, dann mussten wir auch wieder gehen. Ryan hatte ja noch zu Packen. Beim Gedanken daran, dass er morgen wieder weg sein würde, wurde mir ein wenig übel. Ich wollte ihn nicht gehen lassen, aber er musste ja wieder zurück. Er hatte schließlich sein eigenes Leben in Miami.

      **************************************************************

      Ryan

      Zurück in der Wohnung von Haley und Meredith herrschte vollkommene Ruhe.
      „Wo ist denn Meredith?“, fragte ich, was allerdings überflüssig war, denn Steph wusste es sicher auch nicht.
      „Was weiß denn ich? Vielleicht ist sie in der Uni.“
      Ich zuckte nur mit den Schultern und sagte dann: „Ich such mal meine restlichen Sachen zusammen.“
      „Mach das. Und ich bestell uns eine Pizza.“
      „Au ja. Das klingt gut. Ich finde ja, meine Mom hätte uns auch was zu essen machen können...“
      „Ach, Ryan! Ist doch egal“, grinste sie.
      Es war wunderschön, sie lächeln zu sehen. Genauso wunderschön war es, dass sie wieder Witze machen konnte.
      Ich ging jedenfalls erst mal ins Bad, wo noch einige meiner Sachen standen. Mich traf ja fast der Schlag. Wasserflecken, wo man nur hinsah. Herrgott! Konnte Meredith nicht sauber machen? Ich fing jedenfalls erst mal an, sauber zu machen, bevor ich meine Sachen zu ende packen konnte. Wenig später kam Haley ins Bad.
      „Meine Güte. Meredith muss wohl noch sauber gemacht haben, bevor sie gegangen ist.“
      „Von wegen. Ich war das“, antwortete ich, worauf hin sie mich umarmte und meinte: „Hätte ich mir ja auch denken können, Neurotchen!“
      Schon wieder dieses Wort! Irgendwie nervte es, auch wenn ich wusste, dass sie es nicht böse meinte.
      „Bitte! Nenn mich nicht Neurotchen, ja?“
      „Stört es dich?“
      „Ehrlich gesagt, ja.“
      „Ich meine das doch nicht böse.“
      „Das weiß ich. Trotzdem. Bitte.“
      „Na gut. Wenn es dich stört, dann lass ich es. Die Pizza ist in einer halben Stunde da. Schaffst du das Packen in der Zeit? Dann könnten wir uns noch einen Film oder so ansehen.“
      „Klar. Kein Problem. Such du einen aus.“
      Mit einem Nicken verließ sie das Bad und kurze Zeit später hörte ich Teller klirren, die sie wohl aus dem Schrank holte.
      Etwa eine halbe Stunde später saßen wir bei Pizza und der DVD „Liebe in jeder Beziehung“ auf der Couch.
      Während des Films mit Jennifer Aniston und Paul Rudd, den Haley unverständlicher Weise unglaublich süß fand, kuschelte sie sich an mich. Sie fehlte mir jetzt schon, wenn ich an meine Rückkehr nach Miami dachte. Was war nur los mit mir?
      "Hach, ist der süß!", sagte sie bei einer Szene, in der Paul mit Jennifer Aniston rumknutschte.
      "Wo ist der denn süß?", fragte ich leicht abwertend.
      "Na, überall..."
      "Ich versteh nicht, warum du den süß findest. Außerdem ist er schwul."
      "Schwule sind meistens die Süßesten. Guck dir Jonathan und Damon an. Aber Paul ist doch nur in dem Film schwul. Nicht in echt."
      "Und du weißt das, weil du ihn kennst?"
      "Mann, Ryan! Der ist süß. Punkt! Außerdem sage ich ja auch nichts, dass du Leelee Sobieski süß findest. Oder Scarlett Johansson. Oder Charlize Theron.“
      „Ja, ich hab es ja kapiert“, grinste ich sie an und drückte sie noch näher an mich.
      Direkt nach dem Film ging es auch schon ins Bett. Meredith tauchte auch nicht auf, aber sie rief Haley wohl irgendwann an und sagte, dass sie wohl bei einer Freundin übernachtete und erst am nächsten Tag Abends kommen wollte.
      Am nächsten Morgen frühstückten wir schnell zusammen und Steph brachte mich wieder zum Flughafen.
      Ich muss zugeben, mir war ein wenig mulmig zumute, bei dem Gedanken daran, dass ich nach allem, was war, fliegen sollte. Aber andererseits... wie wahrscheinlich war es, dass das, was in New York passierte, noch einmal passieren würde. Zumindest nicht, nach so kurzer Zeit. Doch diesen Gedanken musste ich ganz schnell beiseite schieben, wenn ich möglichst bald nach Miami zurück wollte.
      Und so saß ich auch wenig später und nach einer ausgiebigen Verabschiedung im Flieger in Richtung Florida.

      **************************************************************

      Haley

      Wieder war er weg. Und wieder vermisste ich ihn, noch bevor das Flugzeug außer Sichtweite war. Langsam ging ich zu meinem Wagen und fuhr nach Hause. Es ging ja nicht anders. Ich war heute noch mit Einkaufen und Putzen dran. Putzen musste ich ja nicht mehr viel, denn Ryan war ja da gewesen.
      Zu Hause merkte ich dann erst einmal, wie ruhig es doch war. Meredith war ja noch bei einer Freundin, aber auch, wenn wir uns ganz gut verstanden, hatten wir nie ein richtig freundschaftliches Verhältnis, so dass ich es normalerweise gar nicht merkte, ob sie da war oder nicht.
      Ich machte mich erst einmal ans Putzen, da es nicht so lange dauern würde, wie das Einkaufen.
      Ich ging also erst einmal ins Bad, um dort sauber zu machen. Ich hatte gerade das Waschbecken sauber gemacht, als ich mich an die Wäsche ranwagte.
      Ich sortierte die Wäsche, als ich auf etwas Grünes traf. Es war Ryans T-Shirt. Mist, das hatte er hier vergessen. Ich würde es ihm sagen müssen, wenn wir telefonierten. Er wird immer gleich hektisch und nervös, wenn etwas nicht da ist, was da sein sollte. Aber dann tat ich etwas, was ich nicht dachte, es jemals zu tun. Anstatt das T-Shirt in die Maschine zu packen, sog ich den Duft ein. Es war Ryans Duft. Ein Gemisch aus Ryan und seinem After Shave. Es roch so gut. Ich vermisste ihn so sehr. Seit wann war das so? Ich glaube, es fing mit seinem Umzug nach Miami an. Seit dem fehlte er mir unglaublich doll.
      „Hey, ich bin wieder da“, hörte ich Meredith rufen.
      Ich stopfte die Wäsche in die Maschine und rief: „Hey, ich bin im Bad.“
      Ryans Shirt legte ich nicht in die Maschine.
      „Hey, was machst du?“, fragte Meredith mich. Sie hatte ihre schwarzen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden.
      „Ich bin doch heute mit Putzen dran. Und einkaufen fahr ich gleich.“
      „Weißt du was? Ich fahre einkaufen und du machst hier weiter.“
      Ich sah sie perplex an. Das machte sie sonst nie.
      „Danke“, sagte ich ebenso perplex.
      Also verließ sie wieder die Wohnung. Ich verstaute Ryans Shirt in meinem Zimmer.
      Als Meredith dann später wieder da war, schlug sie mir vor, zusammen etwas zu essen zu kochen und uns gemeinsam einen Film anzusehen. Was war nur los mit dieser Frau?
      Aber ich musste zugeben, ich fand die Idee sehr gut und nahm ihr Angebot auch gleich an. Seit Leslie ihren Abschluss hatte, hatte ich sie nicht mehr gesehen. Sie ging nach Chicago und rief leider nur sporadisch an. Soviel zum Thema „gute Freundin.“ Von daher tat es mir gut, so zu tun, als wären Meredith und ich gut befreundet.
      Also machten wir beide uns daran, etwas zu essen zu kochen. Wir entschieden uns für einen Gurkensalat und selbstgemachte Lasagne. Pepsi hatten wir ja genug, da Meredith auch noch was gekauft hatte.
      Wir setzten uns mit dem Essen auf die Couch und suchten ein gescheites Fernsehprogramm. Doch wie so oft lief nicht viel, so dass wir einfach irgendeinen Film im Hintergrund laufen ließen.
      „Das war eine gute Idee von dir“, bemerkte ich.
      „Ja, nicht? Ich dachte mir, da wir zwar zusammen wohnen, uns aber nie so recht angefreundet habe, wäre das mal etwas Gutes.“
      „Ist es auch.“
      Meredith erzählte mir, dass ihre Freundin, bei der sie bis vorhin war, nun einen Freund hatte und so urplötzlich keine Zeit mehr für Meredith hatte.
      „So etwas hasse ich auch.“
      „Und dein Freund musste wieder weg?“
      „Ja. Äh... er ist nicht mein Freund. Er ist mein bester Freund, mehr nicht.“
      „Ach komm. Wirklich?“
      „Ja, wirklich.“
      „Aber verliebt bist du in ihn.“
      „Wie kommst du auf so was? Ich meine... du hast uns nicht zusammen gesehen, du kennst ihn nicht.“
      „Ich sehe doch, wie deine Augen leuchten, wenn du von ihm sprichst.“
      „Blödsinn“, tat ich das Thema ab und widmete mich dem Film, der stinklangweilig war.
      Als ich dann später in meinem Bett lag, dachte ich über Merediths Worte nach. War ich wirklich verliebt? In Ryan??? Nein, niemals. Andererseits... ich bekam ein Kribbeln im Bauch, wenn ich nur an ihn dachte. Ich brauchte mir nur seine wunderschönen Augen vorstellen, da bekam ich weiche Knie. Ach mist... ich war wirklich verliebt. In Ryan!!!
      Allerdings war das ja schön und gut. Aber wer sagte mir, dass es ihm genau so ging wie mir? Das wäre bei meinem Glück mit Männern auch kein Wunder, wenn es ihm nicht so ginge wie mir. Warum sollte es auch? Er kennt doch sicher tausende von Strandschönheiten in Miami. Was würde er dann mit mir wollen?
      Ryan war der letzte Gedanke den ich hatte, als ich einschlief.

      **************************************************************

      Ryan

      In Miami angekommen, hatte ich bestimmt fünf Nachrichten auf dem AB. Natürlich waren es alle von meinem Onkel. Der Mann war schlimmer als meine Eltern. Ich hörte mir die Nachrichten ab, die alle gleich waren. „Ruf mich zurück, wenn du wieder da bist.“ Fünfmal das Gleiche. Was dachte Onkel Ron sich dabei? Wenn ich schon eher zu Hause gewesen wäre, hätte ich ihn doch schon nach dem ersten Mal angerufen, oder nicht? Na ja, ich rief ihn also zurück und verabredete mich in zwei Stunden mit ihm zu einem Kaffee. Arbeiten musste ich erst morgen wieder. Ich hatte rasende Kopfschmerzen, die hoffentlich von einem Kaffee wieder weg gehen würden. Etwas Essen wäre auch gut. Ich hatte immerhin das letzte Mal zum Frühstück was gegessen. Aber das würde ich nachher machen wollen. Ich begab mich zunächst zu meinem Kühlschrank. Natürlich war er leer. Lediglich eine Flasche Wasser stand darin. Na, wenigstens etwas. Ich hatte den Kühlschrank geleert, bevor ich nach Boston flog. Also musste ich auch nachher noch einkaufen.
      Ich trank die Flasche halb leer und fing erst einmal an, meine Sachen auszupacken. Als ich die Tasche komplett ausgeräumt hatte, klingelte wieder das Telefon. Es war Haley, die mir mitteilte, dass ich mein grünes T-Shirt bei ihr hab liegen lassen.
      „Gib es mir an Weihnachten zurück“, antwortete ich ihr, da es der nächste Termin wäre, an dem wir uns wiedersehen würden. Thanksgiving verbrachte ich in Miami. Ich musste arbeiten. Hoffentlich würde es ruhig werden.
      Nachdem Haley und ich aufgelegt hatten, bekam ich wieder das Gefühl, welches ich schon bei meiner allerersten Ankunft in Miami hatte. Ein Gefühl der Leere, ein Gefühl, als wäre ich nicht mehr vollständig. Himmel! Diese Leere fühlte ich schon wieder. Ich vermisste sie sehr, und... ja ich muss zugeben, ich vermisse sie nicht nur als meine beste Freundin. Wie sonst soll ich das erklären, wenn ich nachts davon träumte, sie zu küssen. Ja, ich träume sogar davon, mit ihr zu schlafen. Das ist nicht normal für eine Freundschaft, oder? Oh man... Was macht diese Frau nur mit mir? Sie macht mich ganz verrückt. Genau. Das ist es.
      Um mich abzulenken, ging ich erst einmal zu meinem Onkel und auf Nahrungssuche.
      Zum Glück fing ich am nächsten Tag auch wieder an zu arbeiten. Nur so konnte ich diese Frau aus meinem Kopf kriegen.

      [tbc...]
    • Teil 26

      21.12.2001 und 22.12.2001

      Haley


      Am 21.12.2001 fuhr ich nach New York. Ryan hatte letztens noch angerufen und bestätigt, dass er und seine Eltern am 22.12.2001 nach New York kommen wollten. Auf der dreistündigen Fahrt nach New York hatte ich viel Zeit zum Nachdenken. Wenn man bedenkt, wie alles anfing, kann man doch sagen, dass die Zeit wie im Flug verging. Schon in einem halben Jahr würde ich meinen Abschluss haben. Ich hatte mich auch schon an einigen Laboren beworben. Mac sagte aber zu mir, ich bräuchte mir keine Sorgen machen. In seinem Crime Lab wäre immer ein Platz für mich frei. Das war insofern gut, falls ich wirklich keinen Job bekommen würde. Andererseits wollte ich es allein schaffen, aber na ja... mal abwarten, was passiert. Was niemand wusste, war, dass ich mich auch in Miami beworben hatte. Warum ich das tat, wusste ich auch nicht. Ob es wirklich daran lag, dass ich alle Möglichkeiten ausschöpfen wollte, oder ob es doch an Ryan lag, vermag ich nicht zu sagen.
      Pünktlich kam ich bei meinen Eltern in New York an. Nachdem ich meine Tasche aus dem Wagen geholt hatte, klingelte ich an der Tür, die auch gleich von meiner Mom aufgerissen wurde.
      „Hey mein Schatz! Komm rein“, begrüßte sie mich mit einer innigen Umarmung.
      „Hi, Mom! Du freust dich ja so, mich zu sehen.“
      „Sicher. Nachdem ich drei Jahre Weihnachten ohne dich verbracht habe, darf ich das doch auch, oder?“
      Sie hatte ja Recht. Warum ich im ersten Jahr nicht da war, wussten wir ja alle. Aber darauf die Jahre… Ich musste eigentlich jedes Jahr arbeiten, aber da ich ja jetzt im Collegelabor arbeitete, konnte ich mir dieses Jahr endlich frei nehmen.
      Ich brachte meine Tasche in mein altes Zimmer und ging wieder ins Wohnzimmer zu meinen Eltern.
      „Setz dich schon mal. Ich mache uns Eierpunsch“, sagte Mom und ich setzte mich zu meinem Dad auf die Couch.
      Nachdem meine Mom wieder da war, erzählte mir mein Dad, dass seine neue Kanzlei ganz gut lief. Das Büro war wohl kleiner, als das Alte, aber das war ihm ziemlich egal. Hauptsache, er konnte wieder richtig arbeiten. Seine neue Sekretärin sei wohl auch sehr nett.
      „Hättest du Jura studiert, könnten wir im Sommer die Kanzlei „Taylor und Taylor“ aufmachen“, sagte Dad zu mir, allerdings war er wohl nicht mehr sehr sauer, sondern grinste sogar leicht bei dem Satz.
      „Ja, ja! Ich hab es ja kapiert“, erwiderte ich gespielt trotzig.
      „Was machst du eigentlich, wenn du im Sommer fertig bist?“, wollte Mom wissen.
      „Na ja… ich habe mich bereits an einigen Labors beworben. Mal sehen, was dabei rumkommt. Ich habe sogar schon an ein Crime Lab gedacht.“
      „Dann frag doch mal Mac“, schlug Dad vor.
      „Mac hat mich bereits gefragt. Er hat mir eine Stelle schon zugesichert. Ich habe ihm gesagt, ich will erst einmal sehen, was bei den Bewerbungen rumkommt und mich dann bei ihm melden.“
      „Das klingt doch gut. Aber brauchst du für das Crime Lab nicht noch spezielle Ausbildungen?“, fragte Mom.
      „Na ja… das werde ich ja sehen. Mac sagte, meistens wird das während der Arbeit quasi angeboten. Also mehr so Learning by doing mit einigen Stunden in der Woche lernen und irgendwann gibt es dann auch Prüfungen. Aber das werde ich ja sehen. Abgesehen davon habe ich bereits einige Forensikkurse belegt. Ich mache das jetzt seit dem Sommersemester.“
      „Na ja, du bekommst das schon hin“, sagte Mom mit Zuversicht in ihrer Stimme.
      Den Rest des Abends verbrachten wir mit Reden und Eierpunsch trinken, welcher mir sicher morgen Kopfschmerzen bereiten würde.

      **************************************************************

      Ryan

      Heute kam ich in Boston bei meinen Eltern an. Sie freuten sich sehr, mich zu sehen. Natürlich waren sie das. Ich bin ja ihr Sohn.
      „Hey, mein Schatz. Komm rein“, sagte meine Mom und führte mich ins Wohnzimmer. Eigentlich überflüssig, ich kannte doch den Weg. Aber so war meine Mom.
      Im Wohnzimmer musste ich meinen Eltern erst einmal Rede und Antwort stehen. Sie wollten ja alles über meine Ausbildung wissen. Es gab nicht so wahnsinnig viel zu berichten, außer, dass es sehr gut lief. Und so wie es aussah, würde es auch nicht mehr sehr lange dauern, bis ich mich Cop nennen durfte.
      Den ganzen Abend verbrachten wir mit reden und Eierpunsch trinken. Oh Gott, hoffentlich erklärte Dad sich bereit, morgen zu fahren. Allerdings wäre es sowieso egal, da ich den Wagen meiner Mom mitnehmen wollte. Wir besprachen einfach, dass wir mit zwei Autos fahren wollten.
      Was mich betraf, freute ich mich wahnsinnig doll auf dieses Weihnachten. Mein erstes richtiges Weihnachten mit Haley. Wir kannten uns jetzt über drei Jahre und hatten noch kein Weihnachten zusammen verbracht. Es wurde nun aber Zeit.
      Etwas später an diesem Abend ging ich erst einmal telefonieren, da ich noch etwas wegen Haley Geschenk klären musste.
      Sie würde sich sicher freuen über das Geschenk. Zumindest hoffte ich es.
      Was meine Gefühle für sie betraf, hatte ich eine Entscheidung getroffen. Ich habe lange darüber nachgedacht und kam zu dem Ergebnis, dass die damalige Situation nicht für meine Gefühle verantwortlich war. Ich hatte mich in sie verliebt und wollte es ihr noch in diesem Jahr endlich sagen.
      Natürlich hätte ich es ihr schon längst sagen können, aber ich wollte es nicht am Telefon mit ihr bereden. Weihnachten war auf jeden Fall der beste Zeitpunkt für so etwas.
      Nach dem ich lange darüber nachgedacht hatte, seit wann ich so empfinde, stellte ich fest, dass es so war, seit ich das erste Mal nach Miami ging. Seitdem vermisste ich sie so sehr.
      Nachdem ich mein Telefonat beendet hatte, ging ich wieder runter zu meinen Eltern und dem Eierpunsch.
      Um kurz nach Mitternacht ging ich dann schlafen. Wir wollten morgen gegen 10.00 Uhr nach New York fahren.
      Am nächsten Morgen rief ich erst einmal Haley an, um ihr zu sagen, dass wir nun losfahren würden.

      **************************************************************

      Haley

      Ich lag noch im Koma, als mein Handy klingelte. Dass meine Eltern es je zulassen würden, dass ich Alkohol, und noch dazu so viel, trinken würde, hätte ich nie für möglich gehalten.
      „Was?“, meldete ich mich müde.
      „Hey, ich bin es. Ryan.“
      „Oh, hi. Was gibt es?“
      „Stör ich dich gerade? Du klingst so… so kaputt.“
      „Eierpunsch. Nie wieder Alkohol, Ryan.“
      „Das hab ich doch schon mal gehört“, antwortete Ryan und ich konnte sein Grinsen regelrecht vor mir sehen.
      „Blödmann! Gibt es einen bestimmten Grund, dass du anrufst, oder willst du mich nur ärgern.“
      „Eigentlich wollte ich Bescheid sagen, dass wir gleich losfahren, aber ich kann dich auch noch etwas ärgern.“
      „Blödmann!“
      „Du wiederholst dich. Also wie gesagt, wir fahren gleich los.“
      „Sehr schön. Ich freu mich, auch wenn du mich geärgert hast.“
      „Armes Baby. Ich mach das wieder gut, wenn ich da bin, okay?“
      „Von mir aus. Bis nachher dann“, beendete ich das Gespräch und ging erst einmal unter die Dusche.
      Nach der Dusche zog ich mich an (Jeans und einen engen, schwarzen Pulli) und machte mir die Haare. Ich entschied, dass ich sie mir mal hochsteckte. Als das erledigt war, legte ich ein wenig Make-up auf. Soviel Aufwand für Ryan und seine Eltern. Ich musste verrückt sein.
      Nein. Verrückt war ich nicht. Das definitiv nicht. Ich hatte mir eingestanden, dass ich ein klein wenig verliebt war, aber ich tat es als Schwärmerei und Phase ab. Das vergeht schon wieder.
      „Hey, du bist schon wach?“, begrüßte meine Mom mich, als ich in die Küche kam.
      „Schon ist gut. Es ist fast 11.00 Uhr. Außerdem hat Ryan mich geweckt.“
      „Hat er angerufen?“
      „Ja. Sie sind vor einer Stunde losgefahren.“
      „Oh, das ist schön. Ich habe übrigens auch gerade schon mit deiner Cousine gesprochen. Du und Ryan trefft sie und David morgen im Rockefeller Center zum Schlittschuhlaufen.“
      „Wie bitte? Ich habe es seit Jahren nicht mehr gemacht. Außerdem kannst du doch nicht einfach meine Zeit und die von Ryan verplanen.“
      „Papperlapapp! Das geht schon. Außerdem ist Schlittschuhlaufen wie Fahrradfahren. Das verlernt man nicht.“
      „Und was machen Ryans Eltern?“
      „Die bleiben entweder hier bei uns oder wir zeigen ihnen Manhattan.“
      „Na, wunderbar“, murmelte ich, während ich mir eine Tasse Kaffee zu Recht machte.
      Plötzlich klingelte es an der Tür und ich hörte, wie mein Dad sie öffnete. Wenig später stand Mac in der Tür.
      „Hey, Kleines“, begrüßte er mich und nahm mich in den Arm.
      „Hi, Onkel Mac. Wie geht es dir?“, fragte ich ihn besorgt, denn er sah auch jetzt, drei Monate nach Tante Claires Tod, nicht sonderlich gut aus. Er wirkte müde, erschöpft und um einige Pfunde leichter.
      „Ach, es geht schon. Irgendwie. Und bei dir? Läuft alles nach Plan?“
      „Ja. Bis jetzt noch“, antwortete ich.
      „Gut. Du weißt ja, dass ich für dich immer einen Platz frei habe.“
      Ich nickte nur, dann sagte Mac: „Ich… ich wollte dir das hier vorbeibringen.“
      Er gab mir eine große Tüte Kekse.
      „Sie sind von meiner Mitarbeiterin Stella. Sag es ihr nicht, aber sie sind nicht annährend so gut, wie die von Claire.“
      „Danke sehr. Ich werde nichts verraten.“
      Niemand würde so gute Kekse backen können, wie Tante Claire es getan hatte. Ihre Kekse waren einfach unübertrefflich. Als ich klein war, haben wir immer zusammen gebacken. Das war schön.
      „Na gut. Ich muss auch schon wieder los“, sagte Mac und machte sich auf den Weg zur Tür. Als er draußen war, erzählte Mom mir, dass er an Weihnachten dieses Jahr wohl nicht herkommen würde. Er hatte gesagt, er müsse arbeiten. Für Mom war das unverständlich, aber ich konnte ihn schon verstehen. Es war immerhin erst drei Monate her und es wäre das erste Weihnachten ohne Claire. Da würde ich mich an seiner Stelle auch in Arbeit flüchten.
      In den nächsten Stunden half ich Mom beim Mittagessen zubereiten und naschte hin und wieder an Stellas Keksen. Onkel Mac hatte Recht. Sie waren zwar unglaublich lecker, aber nicht annähernd so himmlisch wie Tante Claires Kekse.

      **************************************************************

      Ryan

      Es dauerte tatsächlich fast vier Stunden, bis wir bei Haley vor dem Haus standen. Vier Stunden, nur weil mein Dad mich ständig anrief und meinte, wir wären falsch abgebogen. Er machte mich wahnsinnig. Als er das vierte Mal angerufen hatte, fragte ich ihn, wer schon einmal hier her gefahren war und wer nicht. Damit legte ich auf und schaltete mein Handy auf stumm. Vor Haleys Haus sah ich dann weitere fünf Anrufe in Abwesenheit.
      „Wieso gehst du nicht ans Handy?“, fragte Dad, als wir alle aus den Autos gestiegen waren.
      „Weil du mich genervt hast. Außerdem… Was willst du eigentlich? Wir sind doch angekommen, oder nicht?“
      „Ja, schon gut. Lass uns lieber klingeln. Es wird kalt hier draußen.“
      Dad hatte Recht. Es war sehr kalt hier draußen. Also ging ich die Stufen zur Haustür rauf und klingelte. Meine Eltern folgten mir.
      Es dauerte nicht lange, da wurde die Tür auch schon von Haley geöffnet.
      „Hey, da seit ihr ja“, freute sie sich und fiel mir um den Hals.
      „Hallo“, begrüßte ich sie und erwiderte die Umarmung.
      „Kommt rein“, widmete sie sich gleich an meine Eltern.
      Während wir alle rein gingen, beobachtete sie vorsichtig. Sie sah wunderschön aus. Am liebsten wäre ich gleich über sie hergefallen, doch ich hielt mich zurück. Es gab sicher noch romantischere Arten, ihr zu sagen, was ich für sie empfinde. Besonders jetzt zu Weihnachten.
      Mir würde schon noch etwas einfallen. Dessen war ich mir sicher.
      Haleys Mom stürmte auf uns zu und begrüßte uns überschwänglich. Sogar meine Eltern wurden so begrüßt, obwohl sie diese ja noch nicht kannte. Die Väter hielten sich etwas zurück, aber das schien wohl normal zu sein.
      „Kommen Sie rein. Setzen Sie sich“, sagte Haleys Mom und führte die beiden zur Couch.
      „Ich möchte wissen, was mit meiner Mom los ist“, flüsterte Haley mir zu.
      „Wieso?“
      „Komm mal mit. Ich erklär es dir“, sagte sie zu mir und meinte dann zu den Eltern: „Wir gehen mal Tee kochen.“
      Ich folgte ihr in die Küche, wo sie gleich das Teewasser aufsetzte.
      Ich holte den Tee aus dem Schrank und suchte auch gleich Tassen und Löffel raus.
      „Meine Mom ist momentan wie ausgewechselt. Ich erkenn sie gar nicht mehr wieder.“
      „Freu dich doch. Ich mag deine Mom“, antwortete ich und erntete dafür ein leichtes Nicken.
      „Weißt du, was meine Mom gemacht hat?“, fragte sie mich.
      „Nein. Was denn?“
      „Sie hat uns beide mit meiner Cousine und ihrem Mann verabredet. Also, wir gehen morgen mit ihnen Schlittschuhlaufen.“
      Ich schluckte. Na klasse. Schlittschuhlaufen. Das habe ich mit sechs Jahren das letzte Mal gemacht und auch nur an der Hand von meiner Mutter.
      „Ich… Ich kann überhaupt nicht Schlittschuhlaufen. Abgesehen davon hab ich nicht mal welche.“
      „Ach was. Die kann man sich da leihen. Ist wie beim Bowling und den Bowlingschuhen. Ich bring es dir dann bei, okay?“
      „Du kannst es?“, wollte ich wissen.
      „Wenn ich meiner Mom glauben soll, verlernt man es nicht.“
      Das Wasser kochte und Haley schüttete das Wasser über den Beutel in die Teekanne. Dann stellte sie alles auf ein Tablett und wir gingen wieder ins Wohnzimmer, wo sich unsere Eltern schon sehr angeregt und nett unterhielten.

      [tbc...]
    • Teil 27

      23.12.2001

      Haley


      Ryan und ich schliefen natürlich wieder in meinem Zimmer. Er war allerdings ziemlich ruhig. Warum nur? Ich hatte wirklich keine Ahnung. Ob er genauso empfand wie ich? Nein, unmöglich. Er hätte es mir dann doch gesagt. Oder? Doch, er hätte es mir gesagt. Andererseits… ich hätte es ihm auch sagen können. Nein, auch das war unmöglich. Was wäre denn, wenn er nicht so wie ich empfinden würde? Dann würde ich vielleicht unsere Freundschaft kaputt machen. Außerdem war ich jetzt viel zu müde, um noch darüber nach zu denken.
      Wie so oft schlief ich auf Ryans Brust ein. Sein Herzschlag beruhigte mich ungemein.
      Am nächsten Morgen wurden wir von meiner Mom geweckt.
      „Kommt runter. Das Frühstück ist fertig“, rief sie, ohne ins Zimmer zu kommen.
      Ich streckte mich und Ryan tat es mir gleich.
      „Morgen“, grummelte er, lächelte aber dabei.
      „Guten Morgen. Los, steh auf“, sagte ich, während ich mich bereits aus dem Bett erhob.
      „Noch fünf Minuten.“
      Ich lachte auf.
      „Ha, da kennst du aber meine Mutter schlecht. Fünf Minuten gibt es bei ihr nicht. Los, du Faultier. Steh auf.“
      „Man… scheinbar färbt das von deiner Mom ab“, meckerte er, stand aber auf.
      „Du spinnst doch“, grinste ich und warf ihm ein Kissen an den Kopf.
      „Hey! Was soll das denn?“
      Bevor ich antworten konnte, hörten wir auch schon meine Mom rufen: „Nun kommt endlich. Das Frühstück wartet nicht lange.“
      „Siehst du? Was sage ich? Es gibt keine fünf Minuten. Also los!“
      Wir machten uns beide auf den Weg runter in die Küche.
      Unsere Eltern saßen bereits am Tisch, der reichlich gedeckt war.
      „Na endlich. Ihr braucht aber lange“, sagte meine Mom.
      „Ich wäre ja sofort runter gekommen, aber Ryan hier ist ja so ein Faultier.“
      „Na endlich hörst du das mal von jemand anderem und nicht nur von uns“, sagte Michael an Ryan gewandt.
      „Witzig, Dad.“
      Wir setzten uns an den Tisch und frühstückten erst einmal.
      „Sag mal Mom… Wann treffen wir uns denn mit Kate und David?“, fragte ich sie, da sie die Uhrzeit wohl wissen sollte.
      „Um 15.00 Uhr. Seit pünktlich.“
      „Werden wir.“
      Nach dem Frühstück ging erst ich, dann Ryan unter die Dusche. Während Ryan duschte, fragte ich seine Eltern: „Was macht ihr denn nachher?“
      „Deine Eltern und wir gehen ins Rockefeller Center shoppen, während ihr draußen auf der Eisbahn friert“, grinste Ryans Mutter mich an.
      „Es ist halb so schlimm, wie man denkt. Es macht wirklich Spaß da draußen Schlittschuh zu laufen.“
      Nachdem Ryan dann auch geduscht und angezogen war, fragte ich ihn: „Sollen wir jetzt schon gehen? Dann können wir vorher noch etwas shoppen gehen.“
      „Klar. Warum nicht?“
      Also machten wir uns auf den Weg ins Rockefeller Center. Unsere Eltern wollten erst etwas später gehen, so dass wir ausgemacht hatten, dass wir uns gegen Abend wieder zu Hause treffen würden.

      **************************************************************

      Ryan

      Wir machten uns also auf den Weg. Haley bestand darauf, dass wir mit der U-Bahn fuhren. Allerdings war das ja auch kein Wunder. Autos in Manhattan waren manchmal genau so überflüssig, wie Kühlschränke am Nordpol. Ganz besonders zu Weihnachten, wo sich tausende von New Yorkern und abertausende von Touris auf den Straßen tummelten.
      Es dauerte allerdings nicht lange, bis wir am Rockefeller Center ankamen. Obwohl ich nur dreieinhalb Stunden von New York entfernt gewohnt hatte, war ich nie zuvor hier. Zu Weihnachten schon gar nicht. Und im September habe ich die Schönheit von Manhattan natürlich nicht bemerkt. Wie auch? Damals war alles voller Staub, Ruß und Asche. Doch hier… jetzt… die ganze Stadt schien zu glänzen. Es war wunderschön.
      Wir schlenderten eine Weile durch das Rockefeller Center, als Haley auf die Uhr sah.
      „Verdammt. Schon fünf Minuten vor drei. Komm, wir müssen zur Eisbahn“, sagte sie, nahm meine Hand und führte mich aus dem Rockefeller Center hinaus.
      Als sie meine Hand berührte, durchzog es mich wie ein Blitz.
      „Haley! Warte mal.“
      Ich wollte, nein, ich musste ihr jetzt sagen, was ich empfand. Noch eine Minute länger könnte ich nicht warten.
      „Nein! Wir wollen doch nicht zu spät kommen. Wir müssen noch Schlittschuhe ausleihen und dann David und Katie finden. Es wird ohnehin zu knapp“, ließ sie mich nicht mal annährend zu Wort kommen.
      Also lies ich es erst einmal bleiben. Vermutlich war das auch besser so. Ich würde warten, bis wir allein waren.
      An der Schlittschuhbahn angekommen holten wir uns schnell die Schlittschuhe und machten uns auf den Weg zu einer Bank, an der wir uns die Schuhe anzogen.
      „Die Straßenschuhe sind hier sicher?“, fragte ich, als wir unsere Schuhe unter die Bank stellten.
      „Logisch! Da passiert schon nichts. Außerdem haben wir die Bank doch hier im Blick.“
      „Haaaaaleeeeeyyyy!“, hörten wir plötzlich jemanden kreischen. Sie drehte sich um und sagte dann zu mir: „Das ist Kate.“
      Dann rief sie:
      „Katieeeeeeeeeeee!“ und lief trotz Schlittschuhe in Windeseile zu ihrer Cousine. Sie fielen sich in die Arme.
      Ein großer Mann kam hinzu und begrüßte Haley ebenfalls so freundlich und stürmisch. Erst dann kamen sie wieder zu mir.
      „Kate! David! Das ist Ryan. Ryan! Das ist meine Cousine Caitlin und ihr Mann David.“
      Wir gaben uns alle die Hand und begrüßten uns.
      „Laufen wir eine Runde?“, fragte Caitlin.
      „Gern, aber ich muss es Ryan erst einmal beibringen“, grinste Haley.
      Irgendwie war es mir peinlich, aber andererseits… es ist schließlich noch kein Meister vom Himmel gefallen und sogar ich kann nun mal nicht alles können, oder?
      „Du lernst es schnell. Das ist nicht schwer. Genauso wie Rollschuhfahren“, sagte Caitlin zu mir.
      „Toll! Das kann ich genauso wenig“, grinste ich leicht verlegen.
      Haley nahm meine Hand und zog mich ohne Vorwarnung auf die Eisfläche. Während Caitlin und David schier davon schwebten, führte Haley mich ganz langsam auf dem Eis herum. Nach nur wenigen Schritten –nennt man das Schritte?- lies sie mich los.
      „Versuch es allein“, sagte sie mir.
      Ich tat es und kam natürlich voll ins Schlittern. Natürlich nicht im positiven Sinne. Doch zum Glück hielt Haley mich gleich wieder fest.
      „Man, das wird schwieriger werden als ich dachte“, grinste sie mich an.
      Nach einer weiteren Stunde auf dem Eis klappte es bei mir doch recht gut und ich konnte mich wenigstens ohne Haleys helfende Hand fortbewegen. Wenn auch langsam, aber es ging.
      „Hey, lasst uns mal was trinken“, schlug David irgendwann vor. Also verließen wir die Eisbahn und gingen in ein Cafe in der Nähe. Die Schlittschuhe behielten wir noch, da wir nachher noch mal aufs Eis wollten.

      **************************************************************

      Haley

      Wir gingen also in ein Cafe und bestellten etwas zu trinken. Ryan und ich nahmen einen heißen Eierpunsch, David ebenfalls und Caitlin eine heiße Schokolade.
      „Was ist denn mit dir los? Keinen Eierpunsch?“, fragte ich überrascht.
      „Nein. Heute nicht“, war nur ihre Antwort.
      Ich zuckte leicht mit den Schultern und widmete mich meinem Eierpunsch, der gerade dampfend serviert worden war.
      Nachdem wir uns aufgewärmt hatten und auch eine Kleinigkeit gegessen hatten, machten wir uns erneut auf den Weg zur Eisbahn. Es wurde langsam schon dunkel und die Lichter der Winterwunderlandschaft von New York gingen langsam an.
      Wir fuhren einige Runden und auch bei Ryan klappte es ganz gut und zu meinem Erstaunen unfallfrei.
      Irgendwann zog Caitlin mich von ihm weg und lief mit mir einige Runden. Ryan blieb bei David.
      „Hey, was ist denn los?“, fragte ich meine Cousine.
      „Kannst du ein Geheimnis für dich behalten?“
      „Klar. Das weißt du doch. Was ist denn los?“
      „Ich kann es nicht mehr länger für mich behalten. Irgendjemandem muss ich es sagen.“
      „Ja, was denn?“
      Langsam bekam ich ein wenig Angst, dass es eventuell was Schlimmes sein könnte.
      „Du musst mir aber versprechen, es niemandem aus der Familie zu sagen. Wir wollten es als Weihnachtsüberraschung geplant.“
      „Klar. Ich verspreche es. Was ist denn nun los?“
      „Ich bin schwanger“, gestand sie mir freudestrahlend.
      Ich nahm sie in den Arm und quiekte: „Das ist wunderbar. Ich freu mich so für euch.“
      „Das Baby kommt im Juli. Wir sind total happy.“
      „Deswegen hast du keinen Punsch gerade getrunken.“
      „Genau. Ich weiß es erst seit zwei Wochen. Ich bin jetzt in der achten Woche.“
      „Das ist so toll. Die Familie wird sich freuen.“
      „Das denke ich auch.“
      Wir redeten noch eine Weile über Caitlin und ihr Baby, bis sie fragte:
      „Und du? Was läuft da mit Ryan?“
      „Nichts läuft mit Ryan.“
      „Aber du bist verliebt.“
      Es war mehr eine Feststellung, als eine Frage.
      „Ich denke schon.“
      „Dann sag es ihm.“
      „Das kann ich nicht.“
      „Warum nicht?“
      „Keine Ahnung. Ich hab einfach Angst, dass er es nicht so sieht. Ich will unsere wunderbare Freundschaft einfach nicht aufs Spiel setzen. Ich käme mit einer Zurückweisung von ihm einfach nicht klar, verstehst du? Er war immer für mich da, egal, wie es mir ging.“
      „Ich versteh dich. Aber warum willst du dein Glück zerstören? Ich meine… wenn du es ihm nicht sagst, wirst du nie wissen, wie er darüber denkt. Und wenn ihr so gut befreundet seid, dann steckt eure Freundschaft auch eine Zurückweisung weg. Denk mal drüber nach, Süße!“
      Ich nickte nur und sah zu Ryan und David rüber, die sich scheinbar sehr gut unterhielten. Ich liebte ihn wirklich sehr. Das hatte ich schon längst begriffen. Aber ich konnte es ihm nicht sagen. Zu groß war meine Angst vor einer Zurückweisung und davor, dass wir danach keine Freunde mehr sein könnten. Besser ihn als besten Freund zu haben, als gar nicht mit ihm zusammen zu sein.

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      Ryan

      David und ich unterhielten uns eine Weile. Er war wirklich sehr nett.
      Irgendwann fing er von Haley an zu reden. Auch ihm war aufgefallen, dass zwischen uns mehr sein könnte. Warum merken das fremde Menschen sofort, aber sie sieht nicht, was ich für sie empfinde?
      „Du musst es ihr sagen“, meinte David zu mir, und gab mir einen Mistelzweig, den er in der Tasche hatte.
      „Warum hast du einen Mistelzweig in der Tasche?“, fragte ich.
      „Um meine Frau küssen zu können. Aber du hast es gerade nötiger als ich“, grinste er.
      Ich bezweifelte, dass er einen Mistelzweig brauchte, um seine Frau küssen zu dürfen, aber die Idee an sich fand ich irgendwie total süß.
      „Danke“, sagte ich und steckte den Zweig in meine Tasche, bevor Haley und Kate wieder kamen.
      „Na. Worüber habt ihr geredet?“, fragte Caitlin und nahm David in den Arm.
      „Über Männerkram“, antwortete dieser.
      „Ah ja.“
      Kate klang skeptisch, grinste aber. Die beiden waren einfach nur niedlich zusammen.
      Plötzlich nahm Caitlin David an die Hand und meinte: „Komm Schatz. Ich möchte was trinken gehen.“
      Dann waren sie auch schon weg.
      „Und wir beide üben noch ein wenig“, sagte Haley zu mir und fügte hinzu:
      „Ich möchte, dass du nächstes Jahr perfekt bist.“
      „Auf dem Eis“, sagten wir beide dann gleichzeitig hinterher und fingen an zu lachen. Also drehten wir noch eine Runde. Allerdings dauerte diese Runde fast doppelt so lange, als normal. Doch ihr schien es überhaupt nichts aus zu machen. Im Gegenteil. Sie hatte eine Engelsgeduld mit mir.
      Die zweite Runde lief dann schon besser und nachdem wir diese Runde beendet hatten, lachte Haley mich an und sagte: „Na, siehst du? Das geht doch. Und du sagst, du kannst nicht Schlittschuhlaufen.“
      „Konnte ich ja auch nicht. Aber mit einer so guten Lehrerin wie dir klappt eben einfach alles.“
      Man, schleimte ich rum. Aber es war die Wahrheit. Jetzt oder nie, dachte ich und kramte heimlich den Mistelzweig hervor.

      **************************************************************

      Haley

      „Ich bin richtig stolz auf dich“, sagte ich zu Ryan. Das stimmte ja auch. Innerhalb von ein paar Stunden konnte er eislaufen. Natürlich nicht perfekt, aber das würde wohl noch werden.
      Auf einmal sagte er leise zu mir: „Guck mal nach oben.“
      Ich tat es auch und sah einen Mistelzweig, den er über uns hielt. Er war ja so ein Spinner. Aber ein süßer Spinner.
      „Du weißt ja, was das bedeutet“, sagte ich.
      Er zog mich näher an sich ran und beugte sich zu mir runter. Er wollte mich tatsächlich küssen. Meine Knie wurden weich. Warum eigentlich? Er hatte mich schon so oft geküsst. Auf die Wange. Glaubte ich wirklich, dass es dieses Mal anders sein würde? So ein quatsch.
      Doch es war anders. Es war wirklich anders. Er küsste mich. Er küsste mich richtig. So, wie ich es schon lange wollte. Seine Lippen berührten meine. Ganz leicht, zärtlich. Sie waren so unglaublich weich und trotz der Kälte sehr warm. Im ersten Moment war ich ein wenig irritiert, doch nach einer Weile erwiderte ich den Kuss und schlang dabei meine Arme um seinen Hals. Seine Hände lagen auf meinen Hüften. Es war ein wunderbares Gefühl, von Ryan geküsst zu werden.
      Ich spürte seine Zungenspitze, die an meine Lippen klopfte. Leicht öffnete ich meinen Mund und ließ seine Zunge hinein. Es war einfach ein wunderschöner Moment an einem wunderschönen und romantischen Ort.
      Ich weiß nicht, wie lange wir auf dem Eis standen und uns küssten. Was ich allerdings wusste, war, dass der Kuss niemals enden sollte.
      Natürlich endete dieser Kuss doch irgendwann. Er sah mir in die Augen und lächelte. Auch ich war überglücklich.
      „Das wollte ich schon so lange tun“, gestand er mir leise.
      „Geht mir auch so“, erwiderte ich leise.
      „Ich hab mich in dich verliebt“, sagte er nun zu mir.
      „Geht mir auch so“, war alles, was ich sagen konnte.
      Wir küssten uns erneut, bis wir ein Räuspern hinter uns hörten. Es war Caitlin.
      „Ich möchte ja nicht stören, aber David und ich machen uns auf den Weg nach Hause.“
      Ich sah auf die Uhr und sagte:
      „Oh. Ja, ich glaube, wir gehen auch so langsam.“
      Wir verabschiedeten uns von den beiden, die wir am 25.12. wieder sehen würden.
      „Willst du den wieder haben?“, fragte Ryan David und hielt ihm den Mistelzweig entgegen.
      „Ne, lass mal. Behalt den mal“, sagte er und ging mit Caitlin von der Eisbahn.
      „Der Zweig war von David?“
      „Ja. Schlimm?“
      „Überhaupt nicht“, sagte ich und küsste ihn wieder. Diesmal aber nur kurz, denn so langsam mussten wir wirklich nach Hause.
      Als wir vor dem Haus meiner Eltern ankamen, fragte ich:
      „Wie geht es jetzt weiter?“
      „Jetzt? Jetzt küss ich dich noch einmal und dann genießen wir Weihnachten. Den Rest werden wir sehen.“
      Dann küsste er mich noch einmal und sagte dann, bevor wir ins Haus gingen:
      „Ich hab dich so sehr lieb.“
      „Ich dich auch, Ryan. Ich dich auch.“
      Dann gingen wir Hand in Hand ins Haus zu unseren Eltern.

      -Ende-