Supernatural - Never see you again? completed

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    • Supernatural - Never see you again? completed

      Ok, ich wag es mal... mag sein, daß der ein oder andere die Story schon kennt, trotzdem viel Spaß beim Lesen für alle.

      Titel
      : Never see you again
      Autor: LadyLaduga
      Dislaimer: Wie schon bekannt... die Charaktere gehören nicht mir, ich verdiene keine Geld damit ...
      FSK: 16
      Genre: Drama
      Spoiler: Folge 6x21 (let it bleed)
      Charaktere: Dean, Lisa, Ben, Sam, Bobby, ...
      Inhalt: Lisa und Ben sind für Dean, nach seinem Bruder, die wichtigsten Menschen in seinem Leben. Doch nach den Ereignissen in Folge 21 (Let it bleed) der 6. Staffel, ist er gezwungen, eine Entscheidung zu treffen. Eine Entscheidung, die ihm mehr abverlangen sollte, als es jemals zuvor der Fall war ... Das Ende der Folge dient mir auch nur als Grundlage für diese Geschichte … ich werde mich auf die Sache mit Lisa und Ben konzentrieren und meine eigene, alternative Story dazu schreiben, die am Ende der Folge beginnen wird.


      *****************

      Never see you again?

      Kapitel 1: Recollections


      20. Mai 2011 – Oakview Memorial Hospital


      Sie würde sterben. Nicht irgendwann, sondern heute. Und er hatte schuld. Er hatte sie in seine Welt hineingezogen.
      Mit einem traurigen Lächeln sah Dean auf die Frau im Krankenbett hinab. Verdammt, warum ausgerechnet Lisa? Und was sollte aus Ben werden? Sollte er etwa genauso aufwachsen wie er und Sam. Nein, das war nicht fair. Mehr als jeder andere hatte Dean in dem Jahr an der Seite von Lisa und Ben begriffen, wie gut es war, einfach nur ein normales Leben zu führen. Für ihn war es dafür offensichtlich schon lange zu spät, aber nicht für Ben und bitte, bitte auch nicht für Lisa.

      Gab es den nichts und niemanden, der ihr helfen konnte?

      Er hatte versucht, mit Ben zu sprechen, doch dieser sah ihn nur abwechselnd traurig und wütend an. Deans Entschuldigung und alles, was er sonst noch hätte sagen können, schien an dem Jungen abzuprallen. Schließlich war Ben aufgestanden und hatte das Zimmer verlassen.

      Nicht lange danach wurde Dean aus seinen Gedanken gerissen. Castiel stand plötzlich im Raum. Am liebsten wäre Dean ihm an die Kehle gesprungen, doch nicht einmal dazu fühlte er sich in der Lage. Ja, er war rasend vor Wut auf den Engel, aber Lisas Anblick schnürte ihm so sehr das Herz ab, daß ihm selbst seine Gefühle gegenüber Castiel unbedeutend erschienen.

      Hatte sich Dean dennoch innerlich schon auf einen Streit oder eine Diskussion mit Cass eingestellt, begriff er erst, warum Castiel wirklich hier war, als er an Lisas Krankenbett trat. Dean sah, wie der Engel Lisa an der Stirn berührte und seine Augen schloß. Nach ein paar Sekunden trat er zurück und sah Dean mit einem durchdringenden Blick aus seinen blauen Augen an. Seine Worte: „Es geht ihr jetzt gut.“ drangen wie durch Watte in Deans Gehirn. Auch, daß sich der Engel versuchte zu entschuldigen, kam kaum bei ihm an. Es würde nichts ändern.

      Aber Lisa würde leben und in Sicherheit sein. Erleichterung durchströmte Dean, bevor ihm ein grausamer Fehler in seinem Gedanken auffiel. Lisa und Ben würden niemals sicher sein, solange er in ihrem Leben eine Rolle spielte. Er mußte eine Entscheidung treffen. Eine für die Sicherheit der Menschen, die ihm nach Sam am meisten am Herzen lagen. Auch wenn das bedeutete, sich selbiges herauszureißen.
      Als sich Castiel umwandte, hielt er ihn noch einmal zurück.

      „Es gibt noch etwas, was Du für mich tun könntest“

      Noch immer hörte Dean die Worte, die er selbst gesprochen hatte und die den Traum von einem Familienleben für ihn für immer zerstörten. Denn das, worum er Castiel gebeten hatte, war endgültig. Dennoch wollte er Lisa und Ben noch ein letztes Mal sehen. Nachdem er sich ein wenig gefaßt hatte, ging er zurück zum Krankenzimmer.

      Dort fand er Ben am Bett seiner Mutter. Lisa lächelte schon wieder. Dean empfand Freude und Trauer zugleich. Freude für Lisa und Ben, die jetzt zusammen ihr Leben leben konnten. Ein Leben ohne Geister, Dämonen und Monster … aber auch ohne ihn. Die aufsteigenden Tränen schluckte Dean schnell herunter. Verdammt, er war schließlich nicht sein Bruder. In der Tür blieb er stehen und lauschte dem, was Ben gerade über den Autounfall erzählte, dann klopfte er an.

      „Hi“ sagte er etwas unsicher. Und für einen Moment wünschte er sich, die beiden würden ihn erkennen. Doch schon die nächsten Worte von Ben machten jede Hoffnung zunichte.

      „Wer sind Sie?“ fragte ihn der Junge.

      Jetzt mußte er sich zusammenreißen, um nicht einfach herumzufahren und davonzulaufen. So wie er es gern tat, wenn man Sam Glauben schenkte.
      Und so antwortete er: „Ich bin Dean … ich bin der Kerl, der sie gerammt hat. Ich … ich habe für eine Minute die Kontrolle verloren. Und ich wollte einfach sagen, daß es mir leid tut.“ Oh, Himmel, daß war schwerer als er gedacht hatte.
      „Aber ich bin wirklich froh, daß es euch beiden gut geht.“ Wieder mußte er seine aufsteigende Trauer herunterschlucken. „Und es freut mich, daß euer Leben jetzt zur Normalität zurückkehren kann.“

      Wieder lächelte Lisa, diesmal in seine Richtung, auch wenn eine unbestimmte Sehnsucht in ihrem Blick lag, so wärmte dieser Anblick doch für eine Sekunde Deans Herz. Danach gleitet ihr Blick zu ihrem Sohn.

      „Uns geht es gut, also…“ ergreift sie jetzt das Wort: „Das ist es, was wichtig ist, nicht wahr?“

      Lange würde er es nicht mehr schaffen, seine Tränen zurückzuhalten, bemerkt Dean jetzt. „Ja.“ ist im ersten Moment alles, was er antworten kann. Er holt tief Luft … er weiß, er muß sich nun verabschieden.
      „Wie auch immer … ich lasse euch beide allein.“ Mit diesen Worten wandte er sich zum Gehen. Doch in der Tür bleibt er noch einmal stehen und sieht zu Ben zurück.
      Mit tränenerstickter Stimme und einem Kloß im Hals schafft er es noch, ein: „Kümmer Dich um Deine Mutter .“ zu Ben zu sagen.

      Zu mehr ist seine Selbstbeherrschung nicht mehr in der Lage, nur eine Sekunde länger und er hätte Cass gebeten, alles rückgängig zu machen. Doch das wäre selbstsüchtig gewesen und hätte Lisa und Ben nur wieder in Gefahr gebracht. Also dreht er sich endgültig um und verläßt das Krankenhaus, noch immer mit seinen Tränen, seinen Gefühlen kämpfend.

      Draußen wartet bereits sein Bruder am Wagen auf ihn.
      „Und?“ will dieser wissen.

      „Nichts und…“ antwortet Dean kurz angebunden, während beide in den Impala steigen. Aber Sam wäre ja nicht Sam, wenn er sich damit zufriedengeben würde. Warum, zur Hölle, konnte sein Bruder nicht einfach Ruhe geben. Dieses gefühlsduselige Gequatsche lag ihm nun mal nicht, das wußte Sam ganz genau. Lieber machte er das mit sich selbst aus.

      „Dean … Du weißt, Du hast schon eine Menge Mist angestellt. Aber das hier toppt ja wohl alles. Ihre Erinnerungen überdecken? Laß Dir von jemandem gesagt sein, der weiß …“ fuhr Sam da auch schon fort.

      Oh, nein, weiter würde dieser Bastard von Bruder nicht kommen, dachte Dean wütend und fiel ihm ins Wort.
      „Wenn Du mir gegenüber je wieder Lisa oder Ben erwähnst, breche ich Dir die Nase.“ herrschte ihn Dean zornig an, auch wenn der Effekt ein wenig durch den Kloß, den er immer noch im Hals hat, zunichte gemacht wurde.

      „Dean …“ hört er da schon wieder Sam von der Seite. War sein Bruder etwa suizidal veranlagt, wenn er so weiter machte, würde er nicht nur eine gebrochene Nase haben.

      „Ich scherze nicht“ knurrte Dean ihn unter Tränen an. Begriff Sam denn gar nichts? Nicht einmal, wann er besser die Klappe hielt?

      Sam sah seinen Bruder mit einem merkwürdigen Gesichtsausdruck an. Es war eines der wenigen Male, in denen er in den Augen seines Bruders Tränen erkennen konnte. Still gestand sich Sam ein, daß er sich nichts mehr für Dean gewünscht hatte, als ein normales Leben. Doch das war einem Winchester offensichtlich nicht möglich. Sie hatten es beide versucht und waren gescheitert. Gescheitert durch das, was sie waren und das, was sie taten. Eine Familie war eine Schwachstelle für einen Jäger, das hatten sie begreifen müssen. Und so wie sie beide für den jeweils anderen schon ein Schwachpunkt waren, wären Frau und Kind ein noch viel größerer.

      Sam sah, wie Dean einen letzten Blick zum Krankenhaus warf, bevor er den Chevy startete und losfuhr, einen Blick voller Sehnsucht und Trauer. Gäbe es doch nur eine Möglichkeit…

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    • Danke euch beiden ... *:)* und da werde ich euch nicht lange warten lassen...
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      Kapitel 2: Home sweet home

      22. Mai 2011 ... Battle Creek, Michigan

      Entspannt lehnte Lisa ihren Kopf an die Scheibe des Chevrolet Chevelle, als sie den Parkplatz des Krankenhauses verließen. Sie war einfach nur glücklich. Glücklich, daß für Ben und sie bei dem Autounfall alles so glimpflich abgegangen war, glücklich, weil sie jetzt, drei Tage später, wieder nach Hause zurückkehren konnten.

      Ihre Erinnerungen an den Autounfall waren kaum vorhanden, aber Ben hatte ihr alles erzählt. Die Ärzte hatten sie nur zur Sicherheit noch da behalten wollen. Offensichtlich waren ihre Verletzungen doch nicht so schwerwiegend, wie man zuerst angenommen hatte. Und dafür war sie dankbar. Dafür und auch für Cailean, ihren Nachbarn. Er war ein stiller, augenscheinlich etwas in sich gekehrter Mann, der vor etwa einem Jahr in das Haus gegenüber gezogen war. Doch bei ihm wirkte es nicht seltsam, im Gegenteil, seine Art war einfach nur beruhigend. So hatte Lisa auch nicht gezögert, als er sich anbot, sich um Ben zu kümmern, bis sie entlassen würde.

      Ben war gut mit ihm zurechtgekommen, wie er ihr selbst erzählt hatte. Und ohne viele Worte zu machen, hatte er sie gemeinsam mit Ben jetzt auch abgeholt.

      „Wie fühlst Du Dich?“ wollte Cailean jetzt von ihr wissen. Seine ruhige, tiefe Stimme holte Lisa aus ihren Gedanken.

      „Gut… wirklich, ich freue mich, wieder nach Hause zu kommen. Danke, daß Du mich abgeholt hast und natürlich auch, daß Du Dich um Ben gekümmert hast.“ erwiderte sie lächelnd.

      „Du mußt mir nicht dafür danken.“ antwortete Cailean. Lisa mußte schmunzeln, ein Freund vieler Worte war ihr Nachbar nun mal nicht. Aber auch das war alles andere als unangenehm. Seit er hier wohnte, war er zu einem guten Freund geworden, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Nur lächeln oder gar lachen hatte sie Cailean noch niemals gesehen. Er war immer freundlich zu ihr und Ben, hilfsbereit, wenn man ein Problem hatte und doch...

      … manchmal glaubte Lisa in seinen dunkelblauen Augen eine tiefe Trauer zu sehen, einen Verlust, der größer war, als sie sich auch nur vorstellen konnte. Sie wußte weder, was es war noch hatte sie sich jemals getraut, ihn danach zu fragen. Es gab Dinge, an die man besser nicht rührte …

      Was waren das nur für seltsame Gedanken?, fragte sich Lisa selbst und konnte nur den Kopf über sich schütteln. Bevor ihre Überlegungen weiter abdriften konnten, bemerkte sie, wie Cailean seinen Wagen endgültig stoppte. Sie sah aus dem Fenster … endlich zu Hause.

      Nachdem alle drei aus dem Auto ausgestiegen waren, war Ben nicht zu halten und Lisa ließ ihn einfach vornweg laufen.

      „Auch wenn Du es nicht hören willst, danke für alles, Cailean.“ wandte sich Lisa an ihren Nachbarn und lächelte ihm zu.

      Er sah sie nur mit leicht schräg gelegtem Kopf an und zum ersten Mal glaubte Lisa, ein Lächeln über seine Züge gleiten zu sehen. Aber es war zu schnell verschwunden … vielleicht war es auch nicht wirklich da gewesen.

      „Ich habe es wirklich gern getan.“ war die knappe Antwort. Lisa folgte jetzt Ben die Treppen hinauf zu ihrem Haus, während Cailean sich anschickte, die Straße zu überqueren. Lisa war gerade ein paar Schritte gegangen, als ihr etwas einfiel. Rasch lief sie noch einmal zurück, um ihren Nachbarn einzuholen.

      „Cailean?“ rief sie ihm nach. Er blieb stehen und blickte sie an.

      „Ja?“ fragte er.

      „Ich möchte Dich etwas fragen...“ begann Lisa. Leicht fiel ihr das nicht, gab sie vor sich selbst zu. Denn was würde ein Mann, der auf Dank am liebsten verzichtete, von einer Einladung zum Abendessen halten. Dennoch, dachte sie, hatte er es verdient und mehr als absagen konnte er schließlich nicht.

      „... möchtest Du vielleicht nachher mit mir und Ben zu Abend essen? Wir würden uns sehr freuen.“ fuhr sie unsicher fort.

      Für einen Moment herrschte Stille, sodaß Lisa schon befürchtete, sie könnte ihn verärgert haben. Aber so wie sie ihn kennengelernt hatte, schien das unmöglich zu sein. Auch wenn sein Gesicht eigentlich immer den gleichen, stoischen Ausdruck hatte, so konnte sie sich nicht vorstellen, daß er jemals ernsthaft wütend werden konnte.

      „Ich komme gern“ durchbrach Cailean jetzt das Schweigen.

      „Prima … dann bis heute Abend, Cailean.“ antwortete Lisa. Sie freute sich wirklich, daß er zugesagt hatte. Jetzt mußte sie nur noch dafür sorgen, daß sie etwas Ordentliches auf den Tisch brachte, dachte sie, während sie nun endgültig nach Hause ging. Sie würde wohl mit Ben einkaufen gehen müssen. Wie hatte der junge Mann, der den Unfall verursacht hatte, so schön gesagt … ihr Leben konnte jetzt zur Normalität zurückkehren. Wie traurig er sie bei diesen Worten aus seinen grünen Augen angesehen hatte. Lisa stutzte … hatte sie diesen Dean so genau angesehen, daß sie um seine Augenfarbe wußte? Nein… aber woher wußte sie dann, daß seine Augen grün waren? Wahrscheinlich hatte sie doch genauer hingesehen als ihr bewußt gewesen war.

      Aber, egal … sie würde sich jetzt gemeinsam mit ihrem Sohn um die Einkäufe und das Abendessen kümmern.


      ooOOoo

      Damit hatte Cailean nun wirklich nicht gerechnet, dachte er, während er sein Haus betrat. Natürlich wußte er, daß sich Lisa über seine Hilfe gefreut hatte. Und sie hätte sich nicht einmal bei ihm bedanken müssen, von einer Einladung zum Abendessen ganz zu schweigen. Seltsamerweise freute er sich trotzdem darauf. Schon weil er wußte, daß es bei Lisa keine Hintergedanken gab, sondern es ihr nur darum ging, etwas zurückzugeben.

      Das erzeugte bei Cailean ein warmes Gefühl, etwas, das er nicht gewohnt war. Er hatte in seinem Leben schon viel erlebt, doch das man ihm uneingeschränkt vertraute, war äußerst selten vorgekommen. Und meist war es dann nicht von Dauer gewesen. Doch das war wohl seine eigene Schuld gewesen. Dieses Mal jedoch würde er keinen Fehler begehen … er würde das Versprechen, das er sich selbst gegeben hatte, einhalten. Er würde Lisa und Ben beschützen … mit seinem Leben, wenn nötig.

      Aber nicht um seiner selbst willen …

      Und beginnen würde es mit einem Abendessen …

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    • Gut, dann soll es heute auch gleich noch ein Stück weitergehen...
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      Kapitel 3: I wish, I could help


      4.Juni 2011 … Sioux Falls, South Dakota


      Knapp zwei Wochen war es jetzt her, daß Sam und Dean das Krankenhaus, in dem Lisa gelegen hatte, verlassen hatten. Sam war direkt zu Bobby gefahren, in der Hoffnung, daß sein Bruder hier ein wenig Abstand gewinnen würde. Doch trotz aller Bemühungen seinerseits und auch von Bobbys Seite, konnte Sam noch immer erkennen, wie sehr sich Dean quälte. Auch wenn er nie ein Wort darüber verlor, Sam kannte seinen Bruder zu lange und zu gut, um die Veränderungen in seinem Verhalten nicht deuten zu können. Sein ohnehin meist nicht sehr redseliger Bruder, wurde noch stiller und seine Prioritäten beim Essen und Trinken verschoben sich.

      Dean war, salopp ausgedrückt, normalerweise total verfressen und auch Alkohol hatte er schon immer gern getrunken. Unter Umständen auch schon mal mehr als gut war. Doch jetzt aß Dean nur noch aus Notwendigkeit, sein ständiger Hunger schien verschwunden zu sein, dafür trank er umso mehr. Sicher, Fremden wäre diese Einschätzung lächerlich vorgekommen, aber Sam wußte genau, was das zu bedeuten hatte.

      Sein Bruder litt wie ein Hund, doch weder Sam noch Bobby trauten sich, ihn auf Lisa oder Ben anzusprechen. Noch zu gewahr war Sam die Drohung, die Dean ihm gegenüber ausgesprochen hatte. Und in seinem jetzigen Zustand würde Dean sie auch wahr machen. Denn bevor sein Bruder über so etwas gefühlsmäßig schwerwiegendes sprechen würde, würde eher die Hölle zufrieren und Lucifer sich die schlimmste Grippe seines Lebens holen.

      Und genau da lag das Problem … Sam hatte keine Ahnung, wie er Dean dieses Mal helfen konnte. Er wußte nur, daß es so nicht weitergehen konnte. Auch Bobby war ratlos gewesen, als er mit ihm gesprochen hatte.

      „Sieht nicht gut aus.“ hatte Bobby resigniert zugegeben.

      „Ich weiß, aber was können wir tun.“ hatte Sam geantwortet: „Wenn Dean so weiter macht, richtet er sich zugrunde.“

      „Sam, das weiß ich auch … doch Du kennst Dean, wenn er sich nicht helfen lassen will, dann ist ihm auch nicht zu helfen.“

      „Willst Du damit sagen, wir sollen einfach aufgeben? Das kann nicht Dein Ernst sein, Bobby.“ Sam war entsetzt gewesen. Wenn selbst Bobby nicht weiter wußte…

      „Nein … das würde ich niemals tun, genauso wenig wie Du. Doch im Moment bin ich wirklich ratlos. Ich hatte sogar nach einem Job für euch gesucht, doch Dean hat abgelehnt … er hat mir gesagt, ich solle mich damit zum Teufel scheren, dieser Mist hätte schließlich schon genug angerichtet … ehrlich Sam, ich weiß auch nicht weiter.“ Bobby hatte nur hilflos mit den Schultern gezuckt.

      Mit einem traurigen Lächeln hatte Sam erwidert: „Das wäre jetzt normalerweise der Zeitpunkt, an dem wir Cass um Hilfe bitten würden. Aber ich fürchte, das fällt aus.“

      Bobby hatte nur zustimmend genickt.


      Dennoch spielte Sam seit zwei Tagen mit dem Gedanken, es einfach zu versuchen. Vielleicht würde Castiel ihnen noch einmal helfen, Dean zuliebe. Er hatte nicht vor, seinem Bruder irgendetwas davon zu erzählen. Zu tief hatte ihn Castiels Verhalten getroffen.

      „Hey … ich hole was zu essen…“ wandte sich Sam jetzt an Dean: „… soll ich Dir was mitbringen?“ Aber Dean schüttelte nur stumm den Kopf und sah ihn aus geröteten Augen an. Mittlerweile war Sam nicht mehr in der Lage, zu entscheiden, ob er geweint hatte oder ob sich Alkohol und Schlafmangel bemerkbar machten. Vermutlich von allem etwas.

      Sam hob den Schlüssel von Deans Chevy in die Höhe … „Ich darf…?“ fragte er seinen Bruder.

      „Klar…“ Deans Stimme klang rau und kratzig.

      Daraufhin verließ Sam Bobbys Haus fast fluchtartig. Manchmal konnte er das Elend einfach nicht mehr ertragen. Draußen ließ er sich mit einem Aufseufzen hinter das Steuer des Impala fallen und fuhr los.

      ooOOoo

      Dean starrte in sein Glas. Er hatte längst aufgehört zu zählen, das wievielte es war. Ehrlich gesagt, war es ihm auch scheißegal. Sein ganzes Leben war beschissen … war es immer schon gewesen. Er hatte ständig mit Sorge und Verlust leben müssen … angefangen mit seiner Mutter bis hin zu Lisa und Ben.

      Lisa und Ben…
      , hallte es in Deans Kopf nach. Genauso wie die Träume, die ihm den Schlaf raubten, die er nicht einmal mit seinem Alkoholkonsum besiegen konnte.

      Wieder und wieder durchlebte Dean diesen bestimmten Tag. Angefangen mit Bens panischem Anruf, seiner eigenen Angst, zu spät zu kommen bis zum bitteren Ende. Lisa von einem Dämon besessen, sein Versuch selbigen aufzuhalten, ohne Lisa zu verletzen. Der Dämon, der sich selbst den Dolch in den Bauch rammte, sein Zögern, bevor er den Dämon trotzdem exorzierte. Lisa, schwer verletzt in seinen Armen, Ben, der mit einem Gewehr für ihren Schutz sorgen mußte, zumindest bis zu dem Zeitpunkt, als sie Sam wiederfanden. Dean hatte Bens Angst förmlich spüren können und auch wenn Ben ihm auf seine kindliche Art irgendwann einmal gesagt hatte, er wolle so werden wie er, in dem Moment wußte er wieder einmal, daß er das nie einem Kind antun konnte. Schon gar nicht Ben, er war der letzte, der eine solche Kindheit wie er und Sam haben sollte.

      Und am Ende … Lisa im Krankenhaus … ihr schwer verletzter Körper … Ben, der ihn nur anschwieg.

      Hatte er in diesem Moment noch geglaubt, dies sei das Schlimmste, so wurde er nicht lange danach eines Besseren belehrt.

      Denn was danach kam, hatte sich unauslöschlich in Deans Gedächtnis eingebrannt. Lisas und Bens Augen, in denen kein Erkennen mehr gewesen war, nachdem Castiel ihre Erinnerungen überdeckt hatte. Und er war es, der es so gewollt hatte, um damit für ihren Schutz zu sorgen. Dafür, daß die beiden ein friedliches, selbstbestimmtes Leben führen konnten.

      Und so hatte er, während er ein letztes Mal mit Lisa und Ben sprach, immer wieder gegen den Kloß im Hals und die aufsteigenden Tränen kämpfen müssen. Als er sich am Ende umdrehte, um diese beiden geliebten Menschen für immer zu verlassen, hatte es ihm schier das Herz zerrissen.

      Und daran hatte sich bis jetzt nichts geändert, weder der Kummer in seinem Herzen noch die Sehnsucht nach Lisa und Ben waren kleiner geworden. Dabei hatte er doch früher alles so gut wegstecken können, hatte seine Gefühle sorgsam unter Verschluß gehalten, wenn sie ihn zu behindern drohten. Sams Verschwinden, als er zur Uni gegangen war, der Tod seines Vaters, sogar seine Erlebnisse in der Hölle … alles hatte er sorgfältig tief in seinem Inneren vergraben. Doch jetzt gelang ihm nicht einmal mehr das. Vielleicht wollte er es auch gar nicht oder vielleicht waren auch alle dunklen Ecken seines Selbst schon randvoll, sodaß es keine Möglichkeit gab, diesen neuerlichen Schmerz zu vergraben. Und offensichtlich auch keine Möglichkeit, ihn zu ertränken.

      Dean entging nicht, daß er auf dem besten Wege war, sich selbst zu zerstören, genauso wenig wie ihm die immer besorgteren Blicke von Sam und Bobby verborgen blieben. Verdammt, was sollte er nur tun? Einer dieser Seelenklempner hätte ihm vermutlich geraten, mit jemandem darüber zu sprechen. Aber er konnte nicht über seinen eigenen Schatten springen … noch nicht … vielleicht auch nie. Er wollte Sam und Bobby eigentlich keinen Kummer bereiten, daß er es dennoch tat, dafür schämte er sich fast. Trotzdem, er würde nicht wie ein kleines Kind weinend vor ihnen zusammenbrechen.

      Tief einatmend goß sich Dean ein weiteres Glas von Bobbys Whiskey ein und leerte es in einem Zug. Anschließend ließ er sich auf sein Bett fallen … vielleicht würde er etwas Schlaf finden...

      ooOOoo

      Sam lenkte den Wagen etwa eine Meile hinter Bobbys Schrottplatz in einen kleinen Waldweg und stoppte dort. Er stieg aus und sah sich um. Gut, niemand war zu sehen, nur das Zwitschern der Vögel und das Rauschen der Blätter durchbrach die Stille.

      „Castiel ...“ begann Sam leise und schloß die Augen: „... wenn Du mich hörst, bitte, ich … wir brauchen Deine Hilfe.“ Für eine Sekunde lauschte Sam, doch noch immer hörte er nichts weiter als Blätterrauschen und Vogelgezwitscher. Er hatte so sehr gehofft, daß er Castiel noch irgendwie erreichen konnte. Das er trotz allem, was Dean gesagt hatte und trotz allem, was sie getan hatten, er sich noch für Deans Zustand interessieren würde. Doch offensichtlich war diese Hoffnung vergebens, was hatte er auch erwartet. Nach allem, was geschehen war, mußte sich Sam eines eingestehen … etwas, was er vorher nicht sehen konnte oder wollte.

      Ja, Castiel hatte, warum wußte Sam nicht einmal genau, mit Crowley zusammengearbeitet und ja, er hatte sie belogen … etwas, von dem Sam immer geglaubt hatte, Engel könnten es gar nicht. Doch sie hatten genauso gelogen, hatten Castiel nicht mehr vertraut. Und dennoch hatten sie feststellen müssen, daß Castiel, wenn auch auf eine etwas verdrehte Weise, weiterhin versucht hatte, sie zu schützen. Sie hatten ihm ihre Loyalität entzogen, wie konnte er dann jetzt hoffen, einen weiteren Vertrauensvorschuß zu erhalten.

      Seufzend lehnte sich Sam gegen den Impala … er würde dennoch nicht so schnell aufgeben. Verdammt nach allem, was sie für die Menschen, den Himmel und Gott weiß, wen noch, getan hatten, war das hier einfach nicht fair. Hatten sie nicht schon genug Verlust und Schmerz ertragen müssen? Gab es nicht auch für sie mal einen Lichtblick?

      „Bitte Cass … ich bitte Dich … hilf uns … hilf Dean. Ich weiß einfach nicht weiter … Cass, ich flehe Dich an.“ wandte sich Sam erneut an den Engel: „Ich weiß, daß alles beschissen gelaufen ist … aber ich kann das nicht mehr mit ansehen.“

      Wieder lauschte Sam angespannt, doch nichts rührte sich. Sinnlos, dachte er. Er konnte Castiel verstehen, auch wenn er sich in diesem Moment nichts mehr wünschte, als das es anders wäre. Resigniert drehte sich Sam um und öffnete die Fahrertür des Chevy. Er würde einfach etwas zu essen besorgen und dann gemeinsam mit Bobby überlegen, was sie noch tun konnten.

      Doch zum Einsteigen kam Sam nicht mehr. Das Rauschen der Blätter wurde plötzlich lauter und hinter im sprach eine bekannte Stimme:

      „Sam … warum hast Du mich gerufen?“

      Mit einem Ruck drehte sich Sam zu der Stimme um. Es war tatsächlich Castiel, der da stand, wenn auch, für seine Verhältnisse, seltsam gekleidet. Statt der Anzughose, Hemd, Krawatte und des sonst allgegenwärtigen Trenchcoats trug er eine schwarze Jeans, ein schwarzes T-Shirt, ein blaues Jeanshemd und eine olivgrüne Jacke und ... und … Trekkingschuhe? Sam blinzelte für einen Augenblick, aber an dem, was er sah, änderte sich nichts.

      „Cass … ich … es ist nur … Dean … er …“ stotterte Sam. Plötzlich fehlten ihm die Worte, um alles zu beschreiben.

      „Ich weiß, Sam“ antwortete ihm der Engel: „Dean leidet.“

      Aaahhh…warum, zum Teufel nochmal, mußte bei Castiel immer alles so verdammt emotionslos klingen. So als wäre es völlig normal und richtig, daß sein großer Bruder auf dem besten Wege war sich selbst zu zerstören. So etwas war, verdammt noch eins nicht normal für Dean „Ich-lasse-mich-nicht-von-Gefühlen-beherrschen“ Winchester und richtig war es schon gleich gar nicht. Wäre Castiel ein Mensch, hätte ihn Sam vor Wut wahrscheinlich geschlagen. Aber Castiel war kein Mensch und wenn Sam ehrlich war, konnte er von dem Engel keine andere Reaktion erwarten. Denn ein Castiel, der vor lauter Mitgefühl in Tränen ausgebrochen wäre, wäre ihm ebenso anormal vorgekommen. Daher atmete Sam tief durch, bevor er Castiel antwortete.

      „Ja … Cass und das ist nicht normal für ihn. Er läßt weder mich noch Bobby an sich ran. Er ißt kaum noch, schläft viel zu wenig und trinkt eindeutig viel zu viel. Und wir wissen einfach nicht, was wir tun sollen, damit Dean wieder zu sich kommt. Ich weiß, daß wir in letzter Zeit unsere … Differenzen hatten. Aber ich bitte Dich, um Deans willen, hilf ihm. Mach es rückgängig oder überdecke meinetwegen auch seine Erinnerungen. So kann es einfach nicht weitergehen, er bringt sich noch um. Bitte, Castiel.“ flehte Sam verzweifelt.

      „Ich könnte das tun Sam, sowohl das eine als auch das andere … aber nur, wenn es Deans eigener Wunsch wäre.“ erklärte ihm Castiel.

      „Dann haben wir wohl verloren, denn Du und ich, wir wissen, daß Dean so etwas nie tun würde. Er würde es Dich nicht rückgängig machen lassen, weil er viel zu viel Angst hätte, daß Lisa und Ben wieder in Gefahr geraten. Und seine Erinnerungen würde er sich auch nicht nehmen lassen, denn manchmal glaube ich, er will leiden, er will sich schuldig fühlen. Nur dieses Mal werden ihn diese Gefühle zugrunde richten, weil er sie nicht wie sonst einfach ausblenden kann.“ erwiderte Sam resigniert.
      „Könntest Du aber wenigstens versuchen, mit ihm zu reden?“ fuhr Sam fort.

      „Ich kann es versuchen, Sam … aber ich glaube, er ist … ziemlich wütend auf mich.“ antwortete ihm Castiel gewohnt ruhig.

      „Bitte Castiel, versuch es trotzdem, vielleicht hört er Dir ja zu“ bat Sam den Engel.

      „In Ordnung.“ hörte Sam noch, dann war Castiel auch schon verschwunden.

      Seufzend stieg Sam jetzt in den Chevy ein. Bevor er zu Bobby zurückkehrte fuhr er noch am Diner vorbei, um das versprochene Essen zu holen. Dann war es endgültig Zeit, zu Bobby und seinem Bruder zurückzufahren. Ob Castiel schon mit Dean gesprochen hatte, ob er etwas erreicht hatte? Sam hoffte es inständig, er ertrug es nur noch schwer, seinen Bruder so leiden zu sehen.

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    • @ anja: Danke... und es geht auch schon weiter....
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      Kapitel 4: Dinner for three

      Abend des 22. Mai 2011, Battle Creek, Michigan

      Etwas unschlüssig stand Cailean in seinem Schlafzimmer. Er hatte sich noch nie die Frage stellen müssen, was er wohl anziehen sollte. Sicher erforderte ein Dinner bei seiner Nachbarin keine … feine Abendgarderobe. Dennoch wollte er nicht das anziehen, was er sonst normalerweise trug.

      Er hatte davon gehört, daß Frauen Schwierigkeiten hätten, sich zu entscheiden, was sie anziehen sollten. Jetzt mußte er feststellen, daß es Männern wohl manchmal nicht anders erging. Dabei hatte er gar nicht so viele Sachen . Es war bis jetzt einfach nicht notwendig gewesen. Seit er hier jedoch seiner … Aufgabe … nachkam, hatte er sich ein paar Dinge besorgt.

      Mit einem letzten Blick in seinen Schrank entschied er sich für eine schwarze Jeans, ein schwarzes T-Shirt, ein blaues Jeanshemd und eine olivgrüne Jacke. Diese Sachen hatte er noch nie getragen und Cailean fand, das sie für ein … ungezwungenes Abendessen passend waren.

      Im Hinausgehen begriffen glitt sein Blick über den Spiegel und für einen Moment stockte Cailean. Etwas an seinem Gesicht war seltsam. Sicher, es war noch immer sein Gesicht, es war eher etwas in seinen Augen, daß ihn irritierte.

      Cailean schaute sein Spiegelbild genauer an. War das Trauer in seinen Augen? In seinen Augen, die sonst so gleichmütig in die Welt hinaussahen? Er konnte sich diese Frage nicht beantworten. Und selbst wenn es so war, woher kam dann diese Trauer? Vermißte er etwas?

      Auch diese Antwort mußte er sich selbst schuldig bleiben. Er wußte es einfach nicht.
      “Oder Du willst es nicht wissen.“, hörte er so etwas wie eine innere Stimme. Verwirrt und vielleicht eine Spur zu hastig wandte sich Cailean vom Spiegel ab. Was war das nur gewesen?

      Entschlossen, nicht weiter darüber nachzudenken, machte er sich auf den Weg zu Lisa und Ben. Schließlich wollte er die beiden nicht warten lassen.

      Zwei Minuten später klopfte er an Lisas Tür, die ihm kurz darauf lächelnd öffnete.
      „Hallo, Lisa“ begrüßte er sie und nickte gleichzeitig Ben zu, der hinter ihr aufgetaucht war.
      „Schön, daß Du da bist, Cailean“ antwortete ihm Lisa: „Komm doch rein.“

      „Danke.“ erwiderte Cailean, nachdem er in den Flur getreten war.

      Wieder einmal fiel Lisa auf, daß Cailean nicht viele Worte machte, sie sich in seiner Gegenwart aber dennoch wohlfühlte. Wenn da nur nicht diese traurigen, tiefblauen Augen wären. Sie fragte sich immer noch, was ihm wohl passiert sein mochte. Er redete nie über eine Familie oder Freunde. Hatte er keine oder hatte er sie verloren? Ob sie das Thema vielleicht zur Sprache bringen sollte? … behutsam verstand sich. Sie wollte ihn schließlich weder verärgern noch kränken.

      In der Zwischenzeit hatte ihr Nachbar seine Jacke abgelegt und war in ihrer Begleitung ins Wohnzimmer gegangen. Sie hatte Ben im Vorbeigehen gebeten, doch schon mal in die Küche zu gehen. Nachdem sie Cailean einen Platz am Tisch angeboten hatte, entschuldigte sie sich kurz und begab sich ebenfalls in die Küche. Gemeinsam mit Ben richtete sie schnell das Essen an. Da sie nicht gewußt hatte, was ihr Nachbar gern aß, hatte sie sich für einen Auflauf mit Hackfleisch und Gemüse entschieden und noch einen Salat zusammengestellt.

      Die erste Zeit verlief das Essen schweigend, aber es war keine unangenehme Ruhe. Lisa konnte fasziniert beobachten, welches Vergnügen das Essen Cailean offensichtlich bereitete. Für eine Weile schien alle Trauer aus seinen Augen verflogen zu sein. Das blau darin war jetzt leuchtend, so wie bei einem Kind, dem man ein schönes Geschenk gemacht hatte. Noch nie hatte sie etwas vergleichbares gesehen. Sie nahm es als stilles Kompliment für das, was sie auf den Tisch gebracht hatte. Zu lange hatte sie nur für Ben und sich selbst gekocht. Das letzte Mal, daß sie mit einem Mann zu Abend gegessen hatte, war schon ewig her. Ben war damals noch ein kleines Kind gewesen, vielleicht 3 Jahre alt. Allerdings hatte die Beziehung zu Marc auch nicht lange gehalten, wahrscheinlich hatten sie einfach nicht zusammengepaßt. Danach … gab es nur noch Ben und sie.

      „Also … wir danken Dir noch einmal ganz herzlich … für alles“ begann Lisa nach einer Weile das Gespräch und lächelte ihren Nachbarn an.

      „Ich … habe es gern getan.“ antwortete dieser.

      „Kann ich Dir noch etwas zu trinken anbieten?“ fragte sie nach: „Ich meine, ich weiß nicht, was Du magst … Wein, Bier oder lieber etwas ohne Alkohol?“

      Cailean wußte nicht so recht, wofür er sich entscheiden sollte. Er hatte noch nie Alkohol getrunken, aber Bier war etwas, daß ihm zumindest vertraut war, wenn er es selbst auch noch nie probiert hatte.

      „Ich denke, ich entscheide mich für ein Bier, wenn es Dir recht ist.“ gab er zurück.

      „Gut, ich werde mit Ben zusammen noch den Tisch abräumen und dann bringe ich uns beiden ein Bier.“ schlug Lisa vor.

      Gemeinsam mit ihrem Sohn brachte sie das Geschirr und die Reste vom Essen in die Küche.

      „Ben … es ist schon ziemlich spät, ich denke, Du solltest in Dein Bett gehen. Du mußt morgen wieder zur Schule.“ sprach Lisa ihren Sohn an.

      Zuerst zog Ben ein leicht beleidigtes Gesicht, doch dann hellte sich seine Miene auf und er lächelte sein Mutter auf eine wissende Art an. Das entging Lisa natürlich nicht.

      „Was …?“ hakte sie nach.

      „Du möchtest ein wenig mit Cailean allein sein, stimmts?“ fragte Ben.

      „Wie kommst Du darauf?“ wollte Lisa wissen.

      „Ach ich dachte nur … Du magst ihn doch, oder?“ antwortete Ben.

      „Ja, ich mag ihn … aber was immer Du denkst … er ist nur ein guter Freund und ich bin ihm dankbar, daß er uns so geholfen hat. Ich möchte mich einfach ein bißchen mit ihm unterhalten.“ erwiderte Lisa ihrem Sohn. Was immer der 12-jährige denken mochte, mehr als eine freundschaftliche Unterhaltung hatte sie nicht im Sinn.

      „Schon in Ordnung Mum, vielleicht ist er dann weniger traurig, wenn er jemanden zum Reden hat.“ beruhigte Ben seine Mutter.

      Lisa hielt für einen Moment den Atem an. Also hatte sie es sich nicht eingebildet, wenn selbst Ben es sehen konnte. Wobei Kinder oftmals sensiblere Antennen für so etwas hatten.

      „Ich werde es versuchen … und Dir eine gute Nacht, mein Schatz.“

      Nachdem sich Ben auch von Cailean verabschiedet hatte und in sein Zimmer gegangen war, ließ sich Lisa mit dem versprochenen Bier wieder bei Cailean am Tisch nieder.

      „Sag … darf ich Dich etwas fragen?“ fragte Lisa etwas unsicher.

      „Natürlich …“ antwortete Cailean.

      „Es ist aber eine … ähm … ziemlich persönliche Frage und ich möchte Dich nicht ...“ Lisa wurde mit einem Mal unwohl, was wohl nicht zuletzt am forschenden Blick ihres Nachbarn lag. „Entschuldige, vielleicht vergessen wir das Ganze besser.“ fuhr sie fort.

      „Du machst Dir Sorgen, daß Du mich mit Deiner Frage verletzen könntest, nicht wahr?“ Cailean sah Lisa immer noch unverwandt an. War das so offensichtlich, dachte sie oder konnte er ihre Gedanken lesen? Das war natürlich Unsinn, vermutlich ließ ihr Verhalten einfach keinen anderen Schluß zu.

      „Ja ...“ erwiderte Lisa daher: „ … und das wäre nicht nur unhöflich. Nein, es wäre einfach nicht fair Dir gegenüber.“
      „Nach allem, was Du für Ben und mich getan hast.“ setzte sie leise hinzu.

      „Lisa ...“ begann Cailean: „Du weißt, ich habe es gern getan und ich werde Dir nicht … böse sein, egal, was Du mich fragst.“

      Cailean gestand sich aber ein, daß es Fragen gab, die er nicht nur nicht beantworten konnte, sondern auch nicht beantworten wollte und durfte. Nicht ohne ein Versprechen zu brechen. Und sein Gefühl sagte ihm, daß Lisa vermutlich genau solche Fragen stellen würde.

      „Also gut ...“ Lisa atmete tief ein, bevor sie weiter sprach: „Ich frage mich schon lange, warum Du so … traurig bist. So, als ob Du etwas verloren hättest oder etwas vermissen würdest. Ich meine, Du bist immer freundlich zu allen und hast uns geholfen, ohne etwas zu verlangen. Im Gegenteil, manchmal habe ich das Gefühl, es ist Dir … peinlich, wenn man sich für Deine Hilfe bedankt. Als würdest Du eine Schuld begleichen wollen … sorry, wenn das merkwürdig klingt. Ich kann es einfach nicht besser ausdrücken. Du sprichst niemals über Familie oder Freunde und ich kann mir einfach nicht vorstellen, daß jemand wie Du weder das eine noch das andere haben sollte. Ich weiß, daß ist furchtbar neugierig von mir und wahrscheinlich geht es mich auch gar nichts an. Ich hatte nur gehofft, daß ich Dir vielleicht … helfen kann.“

      Lisa hatte das alles förmlich runtergerattert, so, als hätte sie Angst zwischendurch die Courage zu verlieren oder … den Text zu vergessen. Noch immer war Caileans Gesicht unbewegt, allerdings schien er darüber nachzudenken, wie er ihr antworten sollte. Mit schräg gelegtem Kopf sah er zu ihr und die Trauer in seinen Augen war jetzt ziemlich deutlich zu sehen.

      „Es ist … kompliziert.“ war seine erste Antwort.

      Eine Weile herrschte Stille, sodaß Lisa schon einwenden wollte, Cailean müsse nicht darüber sprechen, wenn er nicht wolle. Doch bevor sie dazu kam, sprach er weiter.

      „Ich weiß selbst nicht so recht, was genau mit mir los ist. Bis vor kurzem dachte ich noch, alles sei in Ordnung. Doch ich habe Fehler gemacht … Dinge, die ich vielleicht nie wieder gut machen kann, so sehr ich es auch versuche.“ Bei den letzten Worten hatte Cailean den Kopf sinken lassen und schien ins sein Bier zu starren.

      Lisa spürte die Resignation hinter Caileans Worten, auch wenn seine ruhige Stimme es schwer machte, etwas hineinzuinterpretieren. Vielleicht hörte sie es auch nur, weil sie wußte, wie sie sich dabei fühlen würde.

      „Was ist passiert?“ fragte Lisa ganz leise. Sie hatte plötzlich das Bedürfnis, Cailean einen Teil seiner Sorgen abzunehmen, wie immer diese auch aussehen mochten.

      „Ich hoffe Du kannst mir verzeihen, wenn ich Dir nicht alles ganz genau erzählen werde. Was meine Familie betrifft … ich habe mich gegen sie gestellt … sie haben mich einfach nicht verstanden. Doch viel schlimmeres habe ich meinen Freunden angetan … ich habe sie belogen, sie hintergangen. Und das können sie mir nicht verzeihen. Ich verstehe das … ich kann mir nicht einmal selbst verzeihen. Ich wollte nie, daß das passiert. Ich habe geglaubt, sie auf diese Weise schützen zu können.“ gestand Cailean.

      „Also ist es gar nicht so sehr Deine Familie, die Dir fehlt. Es sind Deine Freunde, die Du vermißt. Ich will bestimmt nicht in Dich dringen, aber könntest Du nicht mit Deiner Familie und Deinen Freunden reden. Ihnen alles erklären, sie um Verzeihung bitten?“ wollte Lisa wissen.

      „Meine ... Familie … hat mich wohl schon aus ihrem Leben … gestrichen. Anfangs hat sich das... seltsam angefühlt, doch mittlerweile habe ich mich damit … arrangiert. Doch bei meinen Freunden … ich habe ihnen versucht, zu erklären, daß alles, was ich getan habe, nur dazu diente, sie zu schützen … doch ich glaube, daß die Art, wie ich es versucht habe, einfach die falsche war.“ Cailean bemerkte jetzt selbst, daß er darüber … traurig war. Ja, mehr als das. Seine Freunde … dachte er … Lisa hatte recht, sie waren das, was er vermißte.

      „Ich verstehe, Du hast etwas getan, von dem Du glaubtest, es sei das Richtige. Doch, wie ein Sprichwort schon sagt: „Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.““ antwortete Lisa und sah wieder Caileans traurige Augen. Aus irgendeinem Grunde tat ihr das fast genauso weh, wie es ihn zu schmerzen schien.

      Cailean sah sie traurig und ein wenig verwundert an. Wenn sie wüßte, wie nah sie der Wahrheit kam und das nicht nur im übertragenen Sinne. Sollte er ihr vielleicht die ganze Wahrheit sagen? Nein, entschied er, er hatte sich geschworen, jede Unbill von Lisa und Ben fernzuhalten. Würde er ihr alles erzählen, was wäre sein Versprechen dann noch wert?

      „Kann ich Dir vielleicht irgendwie helfen?“ unterbrach Lisas Stimme seine Grübeleien: „Ich meine, wenn es irgendetwas gibt, was ich für Dich tun kann …? Ich kenne Deine Freunde nicht und ich weiß nicht, was vorgefallen ist … aber ...“

      „Du meinst es gut, Lisa und dafür danke ich Dir, aber Du kannst nichts tun … genauso wenig wie ich. Solange sie mich nicht rufen, weiß ich, daß sie mich nicht sehen wollen. Und solange wäre es zwecklos ...“ wehrte Cailean sanft, aber bestimmt ab.

      Lisa war etwas verwirrt... was hatte ihr Nachbar gesagt … rufen?. Meinte er eventuell anrufen und hatte sich nur unglücklich ausgedrückt? Auf jeden Fall eine seltsame Wortwahl, denn seine Freunde schienen ja nicht in der Nähe zu sein und damit fiel ein einfaches Rufen eigentlich aus.

      „In Ordnung … aber, falls ich Dir doch irgendwie helfen kann, dann laß es mich bitte wissen … ich würde mich gern revanchieren.“ bot ihm Lisa an, nachdem sie ihre Gedanken als Unsinn abgetan hatte.

      „Ich weiß und falls es jemals geschehen sollte, werde ich mich zuerst an Dich wenden. Ich weiß heute, was ich falsch gemacht habe … ich war ein Narr, ein arroganter Narr. Ich habe die Zeichen, die Warnungen einfach nicht sehen wollen. Und auch wenn ich die Vergangenheit wahrscheinlich nicht mehr ändern kann, so habe ich geschworen, daß so etwas nicht noch einmal geschehen wird.“ schloß Cailean im Brustton der Überzeugung.

      „Aber ich glaube, ich sollte jetzt gehen. Ich danke Dir für diesen Abend.“ setzte er noch hinzu.

      „Das war das Mindeste, was ich tun konnte, um Dir zu danken. Und vergiß nicht, wenn Du jemals Hilfe brauchen solltest, ich bin da...“ erinnerte ihn Lisa noch einmal.

      Cailean nickte und Lisa brachte ihn noch zur Tür.

      „Gute Nacht, Cailean.“ verabschiedete sie sich.

      „Dir auch gute Nacht, Lisa.“ entgegnete er, bevor er sich herumdrehte und zu seinem Haus lief.

      Lisa sah ihm noch einen Moment nach. Wie so ein netter Mann wohl in solche Probleme geraten war? Er hatte zwar keine Details ausgesprochen, aber sein Schicksal schien nicht leicht zu sein. Wenn sie nur mehr über seine Freunde wüßte, sie hätte glatt versucht, mit ihnen zu reden. Sie hätte ihnen sagen können, daß man manchmal die falschen Entscheidungen traf, obwohl man nur die besten Absichten hatte. Sie hätte ihnen gesagt, wie rührend sich Cailean um sie und Ben kümmerte. Das er so etwas wie ihr persönlicher Schutzengel war.

      Cailean war derweil wieder in seinem Haus angekommen. So sehr er sich vor dem Abend und auch vor Lisas Fragen gefürchtet hatte, so hatte ihn das Gespräch doch seltsamerweise ein wenig erleichtert. Natürlich hatte er keine Details erzählen können. Zumindest nicht, ohne seine selbstauferlegte Mission zu gefährden. Dennoch hatte es … gut getan? Ja, das schien der richtige Ausdruck zu sein.

      Doch was er schon zu Lisa gesagt hatte, so lange seine Freunde ihn nicht riefen, konnte er nichts tun. Nichts, außer auf die beiden Menschen auf der anderen Straßenseite aufzupassen.

      Also würde er das tun und ansonsten blieb ihm nichts übrig, als zu … warten.

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    • Kapitel 5: Ray of hope


      4.Juni 2011 … Sioux Falls, South Dakota


      Sam stieg soeben aus dem Chevy aus und ging auf Bobbys Haus zu. Er überlegte, ob er Dean von seinem kleinen Zwischenstop erzählen sollte. Vielleicht war das besser so, sie alle hatten gesehen, was diese Geheimnistuerei einbrachte. Aber erst, wenn Dean etwas gegessen hatte. Wenn er gleich mit der Tür ins Haus fiel, würde seinem Bruder vermutlich auch noch der Rest seines Appetits vergehen.

      Leise öffnete er die Tür. Er fand seinen Bruder schlafend im Sessel des Wohnzimmers vor. Also war Cass wohl noch nicht hier gewesen. Denn sonst würde Dean wohl kaum schlafen, sondern schon vorwurfsvoll auf ihn warten. Wenn Sam auch ein wenig verwundert darüber war, so gab ihm das doch Zeit, als erster mit seinem Bruder zu reden.

      Er stellte das Essen auf dem Tisch ab und rüttelte Dean an der Schulter.
      „Was …?“ nuschelte dieser verschlafen.

      „Ich bins … ich hab was zu essen mitgebracht“ antwortete Sam und deutete auf die Tüte mit dem Burger.

      „Sammy … ich habe keinen Hunger.“ erwiderte Dean, jetzt schon etwas wacher. Resigniert seufzte Sam, wenn er daran dachte, wie sich Dean normalerweise auf seinen Lieblingsburger gestürzt hätte. Verdammt, er wollte seinen Bruder zurück und wenn er ihn dazu zwingen mußte, notfalls mit himmlischer Hilfe. Ob Dean nun wollte oder nicht.

      „Dean … Du mußt etwas essen und ich bin nicht losgefahren, um das Essen hier wegzuschmeißen.“ ermahnte Sam ihn mit strenger Stimme. Momentan kam er sich vor wie ein Vater, der mit seinem störrischen Kind sprach.

      „Na schön … gib schon her.“ seufzte Dean ergeben. Er öffnete die Tüte, die ihm Sam vor die Nase gestellt hatte. Cheeseburger mit Speck und extra viel Zwiebeln … ach, Sammy, dachte er und war trotz seiner momentan mehr als trüben Stimmung gerührt. Er hatte wirklich keinen Hunger, aber seinem Bruder zuliebe würde er den Burger essen. Er wollte Sam nicht noch mehr Kummer bereiten, als ohnehin schon. Mit wenig Lust biß er in den Burger und kaute mechanisch. Bis er aufgegessen hatte, herrschte Schweigen zwischen den Brüdern. Dann erst sah Dean wieder zu seinem Bruder auf. Aus irgendeinem Grund wirkte Sam nervös.

      „Was ist los, Sammy?“ fragte Dean geradeheraus.

      „Dean … ich ...“ druckste Sam herum. Jetzt war es wohl soweit, dachte er. Oh, Gott, Dean würde ausrasten, dessen war er sich sicher. Aber er wollte es auch nicht verheimlichen, so schwer es ihm auch fiel. Sein Bruder hatte die Wahrheit verdient.

      „Ok … spucks aus, Sam“ Deans Stimme klang leicht knurrig. Wer wußte schon, was sein kleiner Bruder jetzt wieder angestellt hatte. Wenn er so herumeierte, war es sicher nichts Gutes.

      „Schön … auch, wenn Du mir vermutlich gleich den Hals umdrehen wirst.“ entgegnete Sam mit einem mulmigen Gefühl im Bauch.

      „Wenn Du nicht gleich mit der Sprache herausrückst, tu ich das ohnehin. Also, was zum Teufel ist so schrecklich, daß Du um Deinen Hals fürchtest?“ brummte Dean.

      „Ok … raste bitte nicht gleich aus.“ bat Sam den älteren Winchester: „Ich habe mit Cass gesprochen.“ So, jetzt war es raus und Sam traute sich kaum, seinem Bruder in die Augen zu sehen. Als er es trotzdem tat, konnte er die Wut, die sich darin sammelte, fast körperlich spüren. Dean sah so aus, als würde auch nicht mehr viel fehlen, daß es Sam im Wortsinne körperlich merken würde.

      „DU HAST … WAS..?“ brüllte Dean auch schon los. Er fuhr mit einem Ruck aus dem Sessel, doch sein momentaner Zustand sorgte dafür, daß er gleich wieder rücklings in selbigen fiel. So ein verfluchter Mist, dachte Dean, selbst sein Körper ließ ihn im Stich. Dabei würde er jetzt nichts lieber tun, als Sam kräftig eins auf die Nase zu geben.

      „Spinnst Du jetzt total, Sam? Du hast diesen miesen Verräter gerufen? Warum?“ schrie Dean seinen kleinen Bruder weiter an.

      „Dean … warum wohl? Bobby und ich wissen einfach nicht mehr weiter, Du gehst hier langsam aber sicher vor die Hunde. Das will ich mir nicht länger mit ansehen und Bobby auch nicht. Ich dachte einfach, Castiel könnte uns helfen.“ verteidigte sich Sam.

      „Helfen...? So, wie er uns in letzter Zeit geholfen hat?“ Deans Stimme troff vor Sarkasmus.
      „Was soll das Sam? Ich krieg das schon allein hin.“ fuhr er wütend fort.

      „Ja, ich sehe, wie Du es hinkriegst. Du ertränkst Deinen Kummer, übrigens mehr schlecht als recht, ißt kaum noch und schläfst ebenso wenig. Du läßt niemanden an Dich heran, nicht einmal mich. So kann es nicht weitergehen, Dean.“ erwiderte Sam mit eindringlicher Stimme.

      „Vielleicht hast Du recht, aber das ist noch lange kein Grund, diesen himmlischen Mistkerl zu rufen.“ entgegnete Dean mürrisch.

      Wenn er ehrlich zu sich selbst war, war er vermutlich nur auf sich selbst sauer. Die Wahrheit war, er hatte Cass verziehen, er hatte längst verstanden, warum er getan hatte, was er glaubte, tun zu müssen. Er vermißte den Engel, gestand er sich ein, es war, als hätte er einen Bruder verloren. Aber er wäre nicht Dean Winchester, wenn er das so schnell anderen gegenüber zugeben würde. Es fiel ihm schon schwer, es sich selbst einzugestehen. Und dann war da auch noch die Sache mit Lisa und Ben. Er wollte sie doch nur schützen, glaubte immer noch, daß es richtig gewesen war. Doch er hatte nicht an sich selbst gedacht, wieder einmal. Er hatte geglaubt, er würde es schon schaffen, könnte es in sich vergraben, wie so unzählige Male zuvor. Doch es hatte nicht funktioniert, nicht dieses Mal.

      „Doch, eigentlich ist es schon mehr als Grund genug.“ widersprach ihm Sam: „Verdammt Dean, was vergibst Du Dir schon, wenn Du mit ihm redest? Er ist unser Freund, auch wenn Du das unbedingt anders sehen willst. Ja, er hat nicht immer das Richtige getan, aber ich glaube fest, daß er das alles inzwischen bereut. Doch egal, was er getan hat, er hat es am Ende immer für uns … für Dich getan. Und so ganz unschuldig waren wir an dem ganzen Schlamassel schließlich auch nicht. Also gib ihm noch eine Chance, damit Du auch eine hast.“

      Mußte ihm Sam so deutlich vor Augen führen, was er die ganze Zeit schon selbst dachte. War er es nicht gewesen, der bis zuletzt immer noch an Cass geglaubt hatte, selbst als Sam und Bobby schon lange auf der richtigen Spur waren? Hatte er Cass nicht vehement verteidigt, obwohl ihm sein Instinkt längst schon etwas anderes geraten hatte? Und hatte der Engel ihm nicht selbst danach noch geholfen, einfach weil er es gewollt hatte? Ja, ja und ja.
      Konnte er Sam also einen Vorwurf daraus machen, weil er sich in seiner Not an Castiel gewandt hatte? Nein, er hätte vermutlich nicht anders gehandelt, wenn es um Sam gegangen wäre. Nicht, daß er vorhatte seinem Bruder das so zu sagen, aber in einem hatte Sam recht, er vergab sich nichts, schon weil es viel schlimmer ja nicht mehr werden konnte.

      „Also schön“ seufzte Dean resigniert: „meinetwegen soll er herkommen.“

      „Das solltest Du ihm vielleicht selbst sagen.“ schlug Sam vor.

      „Dann wäre ich aber lieber allein … bitte, Sam … ich verspreche, ich werde nichts unbedachtes tun.“ bat Dean.

      „Schon gut, ich gehe zu Bobby nach draußen, sag einfach Bescheid, wenn Du uns brauchst.“ Mit diesen Worten verließ Sam das Haus, um wie gesagt zu Bobby zu gehen.

      Als Dean die Tür ins Schloß fallen hörte, atmete er tief durch. So recht wußte er nicht, wie er sich gegenüber Cass verhalten sollte, falls dieser überhaupt auf sein rufen reagieren würde. Denn egal, was Sam auch immer gesagt haben mochte, so ganz sicher war er sich nicht, ob Cass ihm helfen würde wollen.

      „Cass...? rief Dean leise, seine Stimme klang kratzig und belegt. Das lag zum einem sicher an den Unmengen Whiskey, die er in letzter Zeit in sich hineingeschüttet hatte, zum anderen aber auch an dem Kloß, den er jetzt im Hals hatte.
      „Cass ...“ setzte er noch einmal an: „Falls Du mich hörst, ich … es wäre schön, wenn Du herkommen könntest. Bitte!“ Für den Bruchteil einer Sekunde hatte Dean die Befürchtung, daß Castiel ihn gar nicht hören wollte. Doch dann hörte er plötzlich eine vertraute Stimme.

      „Hallo Dean.“ begrüßte ihn der Engel.
      „Hi … Cass ...“ Zu mehr war Dean im ersten Moment nicht im Stande. Erst jetzt merkte er wirklich, wie sehr ihm Castiel gefehlt hatte. Das Gefühl war ähnlich dem, das er empfunden hatte, immer dann, wenn Sam, aus welchem Grund auch immer, nicht dagewesen war. So als würde etwas von ihm selbst fehlen.

      „Wie geht es Dir?“ wollte Castiel jetzt wissen.

      „Wie soll es mir schon gehen. Sieh mich doch an, Cass. Es geht mir beschissen.“ gab Dean ehrlich zu. So viel Mut, das zuzugeben hatte er nicht einmal Sam gegenüber aufgebracht. Wobei, bei seinem Anblick war aussprechen wohl ohnehin nicht mehr nötig .

      „Ich könnte Dir … helfen, wenn Du es willst.“ bot ihm der Engel an.

      Dean sah jetzt zu Castiel hoch und brauchte einen Augenblick, um zu realisieren, daß etwas an dem Engel seltsam war. Dann fielen ihm zwei Dinge auf. Zum einen trug Cass gar nicht seinen früher allgegenwärtigen Trenchcoat, sondern eher Sachen, wie Dean sie selbst anzog. Da hatte er den Engel wohl mehr beeinflußt, als ihm bewußt gewesen war, dachte er mit einem schiefen Grinsen. Aber das war soweit in Ordnung. Was ganz und gar nicht in Ordnung war, war das, was er in Castiels Augen sah. Das blau, normalerweise strahlend wie ein wolkenloser Sommerhimmel, schien nur noch ein matter Abglanz dessen zu sein. Und als wäre das nicht schon schlimm genug, entdeckte Dean dahinter eine Traurigkeit, die ihm die Kehle zuschnüren wollte. In dieser Sekunde begriff Dean, daß der Engel genauso litt wie er. Vielleicht sogar noch mehr. Wo Dean immer noch sein Bruder und Bobby geblieben waren, hatte Castiel alles verloren. Seinen Glauben, seine Heimat, seine Familie und zum Schluß auch noch seine Freunde. Wer war er da, sich zu seinem Richter aufschwingen zu wollen.

      „Sag mir, wie … Cass“ bat Dean.

      „Nun, ich könnte natürlich Lisas Erinnerungen zurückbringen oder bei Dir dasselbe tun wie bei ihr. Nämlich dafür sorgen, daß Du Dich nicht an sie erinnerst.“ entgegnete Castiel.

      Dean dachte nach. Beide Möglichkeiten gefielen ihm nicht. Wenn Lisa sich auf einen Schlag an alles erinnern würde, was würde dann passieren? Ihr Leben wäre wieder komplett auf den Kopf gestellt, vielleicht sogar erneut in Gefahr. Und würde sie ihn dafür nicht verfluchen? Er wußte es nicht. Aber auch die zweite Möglichkeit kam für Dean eigentlich nicht in Frage. Ja, es tat verdammt weh, daß Lisa und Ben nicht mehr bei ihm waren, die Erinnerung an das Nichtwiedererkennen schmerzte höllisch. Und doch … er hatte eine schöne Zeit mit den beiden gehabt, die er um nichts auf der Welt missen wollte.

      „Gibt es keine … andere Möglichkeit?“ hakte er vorsichtig nach.

      „Doch, die gibt es. Aber es besteht die Chance, daß es nicht funktioniert.“ erwiderte Castiel.

      „Dann sag mir, was es ist. Cass... es ist mir egal, wie klein die Chance ist. Ich muß es einfach wissen.“ entgegnete Dean aufgeregt.

      „Die blockierten Erinnerungen würden irgendwann sowieso wiederkommen, allerdings würde nach den Maßstäben der Menschen fast ein ganzes Leben bis dahin vergehen. Es gibt aber einen Weg, das Ganze extrem zu beschleunigen.“ erklärte ihm der Engel.

      „Und wie sieht dieser Weg aus? Ich meine, ich will nicht, daß Lisa und Ben etwas passiert.“ erwiderte Dean besorgt.

      „Darum mußt Du Dir keine Sorgen machen.“ beruhigte ihn Castiel.

      „Lisa könnte in der Lage sein, die Mauer um diese Erinnerungen einzureißen, wenn ich ihr Hinweise hinterlassen würde, die sie zu Dir führen würden. Wenn ihre Gefühle für Dich stark genug waren, wird es funktionieren. Anderenfalls … wären wir nicht weiter als jetzt.“ fuhr er fort.

      „Dann versuch es Cass …, ich bitte Dich darum und auch darum, sie zu beschützen, solange ich es nicht kann.“ Deans Stimme hatte einen leicht flehentlichen Unterton angenommen. Er schwor sich, wenn Cass' Plan funktionierte, dann würde er die beiden nie wieder im Stich lassen. Dann würde er nicht mehr wochen- oder monatelang durchs Land fahren. Dann würde er sich immer dreimal überlegen, welchen Job er annahm und jedes Mal so schnell wie möglich zurückkehren. Er würde dafür sorgen, daß kein Mistkerl wie Crowley je wieder an sie herankam.

      „Gut … dann werde ich es tun.“ versprach ihm Castiel.

      „Danke … und … äääh … Cass?“ druckste Dean herum

      „Ja...?“ fragte der Engel.

      „Ich wollte Dir noch etwas sagen. Ich glaube, ich verstehe jetzt, warum Du getan hast … naja, was Du eben getan hast. Und das ich … wir … daran nicht ganz unschuldig waren. Ich ...es … tut mir leid, daß ich Dich im Stich gelassen habe, daß ich an Dir gezweifelt habe. Ich wollte nur … das Du das weißt... und mir vielleicht irgendwann verzeihen kannst.“ Oh, Himmel, das war verdammt schwer. Ein wenig hilfesuchend blickte er Cass an. Dessen Augen schienen plötzlich wieder heller zu strahlen.

      „Es ist gut Dean. Ich habe Dir bereits verziehen … ich hoffe nur, Du, Sam und Bobby könnt mir meine Fehler ebenso vergeben.“ erwiderte Castiel.

      „Geschenkt Cass, ich war wohl eher wütend auf mich selbst. Soweit es mich betrifft, ist alles vergeben. Für Sam und Bobby kann ich allerdings nicht sprechen. Auch wenn ich glaube, daß sie es nicht anders sehen.“ Dean war erleichtert, er hatte sich vor der Begegnung mit Castiel schon ein wenig gefürchtet.

      „Eine Bitte hätte ich allerdings trotzdem noch. Ich möchte, daß Du mir etwas versprichst.“ bat Dean den Engel.

      „Alles was Du willst, Dean.“ gab er zurück.

      „Wenn jemals wieder etwas geschieht, mit dem Du aller Voraussicht nach nicht fertig wirst, dann bitte, komm zu mir und sprich mit mir. Ich würde alles tun, um Dir zu helfen. Nur bitte keine Geheimnisse, keine Lügen mehr. Ich werde es jedenfalls so halten. In Ordnung, Cass?“

      „Ja, Dean, ich verspreche es Dir. Wir sehen uns bald.“ Mit diesen Worten verschwand der Engel.

      „Ja, bis bald.“ rief Dean noch hinterher. Castiel würde es auf jeden Fall hören, da war sich Dean sicher.
      Auch wenn er noch nicht wußte, ob Cass' Möglichkeit, Lisas Erinnerungen wiederzuholen, funktionieren würde, fühlte er sich allein durch das Gespräch mit dem Engel viel wohler als in den letzten Wochen. Es war, als wäre ihm zumindest eine Last von den Schultern genommen worden. Für alles andere würde er wohl Geduld haben müssen. Nicht gerade seine Stärke, aber er würde sich bemühen.

      Zum ersten Mal seit zwei Wochen verspürte er Lust, nach draußen zu gehen.

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    • Danke euch beiden *:)*

      Kapitel 6: Something happens


      05.Juni 2011, Battle Creek, Michigan

      Menschen waren seltsam.
      Castiel verstand sie manchmal immer noch nicht. Sie sind schwach, hatten seine Brüder gesagt. Aber er war sich mittlerweile sicher, daß seine Brüder irrten. Menschen waren lediglich von ihren Gefühlen geleitet. Das war es, was sie für die meisten himmlischen Bewohner schwach erscheinen ließ. Doch genau diese Gefühle waren es auch, die ihnen eine Stärke verlieh, die vor allem jene seiner Brüder nicht verstehen konnten, die sich nie auf der Erde aufgehalten hatten. Das es auch manchmal dazu führte, daß Menschen falsche Entscheidungen trafen, hatte er am eigenen Leib erfahren müssen. Er hätte zu viel Zeit mit den Menschen verbracht, hatte man ihm vorgeworfen. Er könne nicht mehr streng logisch entscheiden, er sei ein Rebell. Möglicherweise war das richtig, denn er hatte sich von negativen Gefühlen leiten lassen, wie er heute wußte. Von Wut, Haß und Rache. Das einzige, was er sich selbst zugute halten konnte, war, daß er niemals aufgehört hatte, Dean und Sam zu beschützen. Wenn er auch den falschen Weg dabei eingeschlagen hatte.

      Und jetzt … Dean hatte ihm verziehen und dabei empfand er ein seltsames Ziehen in der Brust. War das Erleichterung? Er glaubte, ja. Dean war sein Freund, sein Schützling und er hatte ihn offensichtlich mehr vermißt, als er geahnt hatte. Als er mit Sam gesprochen hatte, hätte er nie daran geglaubt, daß Dean ihn tatsächlich um Hilfe bitten würde. Doch er hatte es getan, war, wie die Menschen sagen würden, über seinen eigenen Schatten gesprungen.

      Also würde er alles tun, damit Dean wenigstens ein bißchen Glück, ein wenig Normalität in seinem Alltag haben konnte. Er würde sein gegebenes Versprechen nicht brechen, würde ihn nicht noch einmal belügen und hintergehen. Und er würde tun, worum ihn Dean gebeten hatte. Er würde Lisa mit drei Hinweisen auf die Sprünge helfen.

      Castiel schloß die Augen und konzentrierte sich auf Lisa und ihr Haus. Es schien niemand da zu sein, also konnte er unbemerkt hineinzappen. Zur Sicherheit blieb aber trotzdem lieber unsichtbar. Er hatte jedwede Verbindung zu Dean aus Lisas und Bens Leben entfernt, als er ihre Erinnerung überdeckte. Doch jetzt gab er drei davon zurück.

      Auf einem alten Handy von Lisa, daß sie zwar eigentlich nicht mehr benutzte, aber das noch immer in der Kommode im Flur lag, war Deans Nummer wieder eingespeichert. Ein Bild, das Ben einmal gemacht hatte, zeigte Dean und Lisa auf der Couch, in die Kamera lächelnd. Castiel versteckte es in einem der Photoalben hinter einem anderen Bild. Eine Ecke jedoch ließ er hervorschauen. Als letztes gab er Ben ein Geburtstagsgeschenk zurück. Es war eine CD von Deep Purple „Machine Head“ … „Alles Gute zum 10. Geburtstag … Dean.“ stand auf dem Cover. Er ließ sie in Bens Schrank verschwinden, in einer kleinen Kiste, die angefüllt war mit allen möglichen Dingen, die ein Kind eben so hatte. Auch wenn Ben diese Kiste schon eine Weile nicht mehr angerührt hatte … irgendwann würde er wieder hineinsehen.

      Und wenn das alles nichts half, würde er eben persönlich noch etwas dafür tun, damit Lisa und Ben seine Hinweise auch fanden.

      Auch Engel waren manchmal eben seltsam.

      ooOOoo


      20.Juni 2011, Battle Creek, Michigan

      Lisa kam erschöpft nach Hause. Den halben Tag hatte sie sich mit Kopfschmerzen herumgeplagt, die so schlimm waren, daß sie ihr ein flaues Gefühl im Magen verursachten. So war sie ihrer Kollegin sehr dankbar gewesen, als diese ihr in der Mittagspause angeboten hatte, ihre Arbeit mit zu übernehmen, damit sie nach Hause gehen konnte.

      Daher hatte sie als erstes zwei Aspirin genommen und sich auf die Couch gelegt, um sich ein bißchen auszuruhen. Dann war sie vielleicht in der Lage, etwas zu essen zu machen, wenn Ben aus der Schule kam, dachte sie.

      Als Ben dann tatsächlich eine Stunde später nach Hause kam, fühlte sich Lisa schon ein klein wenig besser. Zumindest war das flaue Gefühl im Magen verschwunden und die Kopfschmerzen auf ein erträgliches Maß gesunken.

      „Mum... warum bist Du denn schon zu Hause?“ wollte Ben wissen. Der leicht besorgte Unterton ihres Sohnes entging ihr nicht.

      „Schon gut, Schatz … du brauchst Dir keine Sorgen zu machen. Nur ein bißchen Kopfschmerzen.“ beruhigte sie Ben.

      „Ok … dann ist gut … kann ich Dir irgendwie helfen?“ fragte Ben zurück.

      „Ja, ich wollte uns eigentlich etwas zu essen machen, aber ich glaube mir fehlen noch ein paar Zutaten. Bist Du so lieb und gehst noch schnell einkaufen?“ bat Lisa.

      „Klar, Mum … mach ich. Schreib mir einfach auf, was Du brauchst.“ Mit diesen Worten lief Ben nach oben in sein Zimmer, um seinen Rucksack zu holen.
      Lisa schrieb derweil ihren Einkaufszettel und legte 20 Dollar dazu … das sollte reichen, dachte sie. Nach einem Moment hörte sie ein Poltern und so etwas wie einen unterdrückten Fluch.

      Ihre Kopfschmerzen ignorierend sprang Lisa auf und lief die Treppe hinauf zu Bens Zimmer.
      „Alles gut, Ben?“ rief sie schon, bevor sie durch die Tür stürmte.

      „Ja, Mum … mir ist bloß das ganze Zeug aus dem Schrank entgegen gekommen, als ich an den Rucksack wollte … und jetzt sieh Dir das Durcheinander an.“ Ben deutete mit der Hand nach unten auf den Boden, wo zwei seiner kleinen Schrankkisten ihren Inhalt verstreut hatten.

      Nachdem sich Lisa vom ersten Schreck erholt hatte, mußte sie lächeln. Sie machte sich definitiv zu viel und zu schnell Sorgen um ihren Jungen. Aber als Mutter konnte sie da vermutlich nicht aus ihrer Haut.

      „Ok, ist schon gut … ich habe mich nur erschrocken. Laß es erst einmal liegen, wir können es ja nachher gemeinsam wieder aufräumen.“ bot Lisa ihm an.

      „In Ordnung, Mum … dann geh ich schnell einkaufen und Du legst Dich noch etwas hin.“ sagte Ben. Lisa mußte schmunzeln, während Ben sich jetzt seinen Rucksack über die Schulter warf und ihr dann wieder nach unten folgte. Lisa drückte ihm den Zettel und das Geld in die Hand.

      „Hast Du Dein Handy eingesteckt?“ fragte Lisa ihren Sohn: „Du weißt, ich fühle mich einfach wohler, wenn ich Dich erreichen kann.“

      „Ähhh … Mum ...“ begann Ben herumzudrucksen:“ … ich … also … ich konnte es nicht finden … ich glaube, ich habe es verloren.“ Betreten senke Ben den Blick, er hoffte, daß seine Mutter nicht allzu böse auf ihn sein würde.

      „Tag des Mißgeschicks heute, was?“ gab Lisa zurück. Sie konnte sich ein leichtes Grinsen nicht verkneifen, manchmal gab es eben Tage, wo alles danebenging.

      „Ach komm, Ben, es ist nur ein Handy … mach Dir keinen Kopf. Derweil kannst Du ja mein altes nehmen, allerdings weiß ich nicht, ob der Akku noch geladen ist.“ beruhigte Lisa ihren Sohn und ging an die Flurkommode, auf der Suche nach ihrem alten Handy. Nachdem sie es gefunden hatte, mußte sie feststellen, daß sich der Akku tatsächlich entladen hatte.

      „Mist.“ grummelte sie: „Der Einkauf wird wohl noch etwas warten müssen, Ben, ich will das Handy noch laden, damit Du wenigstens ein bißchen Saft drauf hast. Was hältst Du davon, wenn Du in der Zwischenzeit einen Tee für uns beide kochst.“

      „Klar, gern doch Mum.“ erwiderte Ben fröhlich, während er schon in der Küche verschwand.

      „Wo ist denn nur das Ladekabel...?“ murmelte Lisa leise vor sich hin. Sie durchstöberte noch einmal die Kommode und fand es ganz hinten in einer Ecke. Jetzt konnte sie das Handy endlich laden.

      Ein paar Minuten später hatten sie und Ben es sich auf dem Sofa gemütlich gemacht und redeten beim Tee trinken über alles Mögliche. Lisa fühlte sich jetzt schon viel besser, die Kopfschmerzen hatten soweit nachgelassen, daß sie sie kaum noch spürte.

      „He, Schatz … was hältst Du davon, wenn wir noch fix Dein Zimmer aufräumen?“ fragte Lisa ihren Sohn: “Das Handy muß eh noch eine Weile laden.“

      Im ersten Moment sah Ben aus, als hätte er dazu jetzt so überhaupt keine Lust.Lisa mußte lächeln, sie war als Kind nicht anders gewesen, aufräumen hatte sie immer genervt und sie hatte es nur zähneknirschend getan. Aber schließlich konnte der ganze Kram ja nicht auf dem Fußboden liegen bleiben. Also schnappte sie sich ihren Sohn und ging mit ihm nach oben, um das Chaos mit ihm gemeinsam wieder zu beseitigen.

      Oben setzte sie sich gemeinsam mit Ben auf den Boden. Zwei seiner Kisten waren aus dem Schrank gefallen, sodaß sich jeder eine schnappte um sie wieder einzuräumen. Dabei fielen ihr und Ben zu fast jedem Ding eine kleine Geschichte ein und sie begannen sich richtig auf das nächste Stück, was ihnen wohl in die Hände fiel, zu freuen. Auch Ben machte das Aufräumen jetzt sichtlich Spaß.

      Lisa streckte die Hand nach einer CD aus, deren Hülle sich durch den Aufprall in ihre Einzelteile zerlegt hatte. Sie klaubte alle Teile zusammen und wunderte sich wieder einmal, wie ihr 12-jähriger Sohn zu seiner Vorliebe für alte Rockmusik gekommen war. Von ihr hatte er das jedenfalls nicht. Nicht, daß Lisa diese Art Musik schlecht fand, aber sie bevorzugte in dieser Hinsicht eben etwas anderes.

      „Woher kommt die denn?“ wollte Lisa jetzt von Ben wissen, während sie nebenbei die Kunststoffteile wieder zusammensetzte und die CD hineinlegte.

      Ben guckte seine Mutter verwundert an. Er konnte sich gar nicht erinnern, daß er diese CD besaß und er verstand auch nicht, warum sie in einer der Kisten im Schrank lag und nicht bei seinen anderen CDs stand. Er zuckte die Schultern und teilte Lisa seine Gedanken mit.

      Lisa sah erneut zu der CD hin und war gerade dabei, daß Cover wieder hineinzustecken, als ihr auffiel, daß etwas drauf geschrieben zu sein schien. Sie klappte die Hülle zu und las die kurze Widmung: „Alles Gute zum 10. Geburtstag … Dean.“

      „Was …?“ flüsterte sie mehr zu sich selbst, aber Ben hatte es trotzdem gehört. Er sah zu seiner Mutter und bemerkte, wie sie mit leicht verwirrtem Gesichtsausdruck auf die CD-Hülle starrte.

      „Ist alles in Ordnung, Mum?“ fragte er und ließ seinen Blick ebenfalls auf die CD-Hülle sinken. Von seinem Platz aus konnte er allerdings nicht viel erkennen, weil der durchsichtige Kunststoff das Licht reflektierte.

      „Ich … weiß nicht genau.“ erwiderte Lisa stockend. Sie hatte das Gefühl, als würde etwas auf unsichtbaren Spinnenbeinen ihren Rücken hinunterkrabbeln. Sie konnte es sich nicht erklären, schließlich kannte sie niemanden namens Dean. Hatte ihr Sohn vielleicht einen Schulkameraden dieses Namens? Auch wenn die Handschrift nicht nach der eines Kindes aussah.

      „Was hast Du denn?“ hakte Ben jetzt nach. Es gefiel ihm gar nicht, wie seine Mutter auf die CD-Hülle starrte und immer blasser zu werden schien.

      „Ich … ähhh... kennst Du jemanden, der Dean heißt?“ Lisa hoffte inständig, daß Ben in der Lage war, ihr eine plausible Erklärung zu liefern, schon damit dieses seltsame Gefühl verschwand, daß sie sich nicht erklären konnte.

      „Nein, warum fragst Du?“ erwiderte Ben verwirrt. Wie kam sie denn auf Dean?

      „Deswegen ...“ antwortete Lisa und hielt Ben die CD hin.

      „Hmmm … tut mir leid Mum, ich weiß nicht mal, woher ich die CD habe … vielleicht habe ich sie mir von jemandem geborgt und es einfach nur vergessen.“ entgegnete Ben schulterzuckend.

      Lisa schlug sich die Hand vor die Stirn und ärgerte sich über sich selbst. Ben hatte höchstwahrscheinlich recht und sie hatte nichts besseres zu tun, als Gespenster zu sehen. Erleichtert atmete sie auf.

      „Puh... Ben, also manchmal ist Deine Mutter schon ein bißchen verrückt. Muß an dem Tag heute liegen. Ich dachte schon, ich fange an, mir Sachen einzubilden.“ sprach sie lachend zu ihrem Sohn. Auch Ben mußte grinsen.

      Nachdem sie die beiden Kisten zusammengepackt und wieder in den Schrank gestellt, gingen sie nach unten. Mittlerweile hatte das Handy ein wenig Akkukapazität, für den Einkauf würde es sicher reichen. Da fiel Lisa etwas ein...

      „Ok, Ben, ich schau noch schnell nach, ob unsere Nummer überhaupt eingespeichert ist, dann kannst Du los.“ teilte Lisa ihrem Sohn mit und rief das Telefonbuch des Handys auf.
      Langsam blätterte sie die Einträge durch, auf der Suche nach ihrer eigenen Nummer. Doch bevor sie auch nur die Hälfte der Nummern durchgegangen war, stockte ihr erneut der Atem. Wieder spürte sie dieses Kribbeln im Nacken, dazu wurde ihr schwindelig und eine leichte Übelkeit kroch ihr in den Magen. Sie bekam gar nicht richtig mit, wie ihr das Handy aus der Hand rutschte und auf dem Boden aufschlug. In ihrem Kopf drehte sich alles. Die Sache mit der CD war ihr durch Bens Erklärung logisch erschienen. Aber, warum zum Teufel hatte sie einen Telefonbucheintrag auf den Namen „Dean“? Es war ihr Handy, also keine Chance, daß jemand anderes als sie selbst die Nummer eingespeichert hatte. Und Ben hatte ja schon gesagt, daß er keinen Dean kannte.
      Was zur Hölle, ging hier vor?

      „Mum … Mum …?“ hörte sie Ben rufen. Sie hatte das Gefühl, als würde sie seine Stimme nur noch durch Watte hören.
      „Mum ...“ wiederholte Ben noch einmal und rüttelte seine Mutter an der Schulter. Sie sah schon wieder so blaß aus, er bekam langsam Angst. War sie vielleicht ernsthaft krank?

      Lisa schaffte es gerade so, zu Ben hochzusehen, bevor die Schwindelattacke noch einmal heftiger wurde. Auch die Kopfschmerzen meldeten sich wieder zurück.

      „Schon gut, Ben … es geht wieder vorbei.“ stöhnte sie. Selbst war sie sich da gar nicht so sicher.

      „Mum, ich hole Hilfe.“ schlug ihr Ben vor.

      „Nein, das ist nicht nötig.“ meinte Lisa, aber da war Ben schon durch die Tür verschwunden. Erschöpft legte sie sich auf der Couch lang und schloß die Augen.

      ooOOoo


      Cailean hatte gerade darüber nachgedacht, was er mit dem Rest des Tages noch anfangen sollte, als er ein heftiges Klopfen an seiner Haustür hörte. Es schien dringend zu sein, also lief er schnellen Schrittes die Treppe hinunter.

      Als er die Tür öffnete, sah er das aufgeregte Gesicht von Ben vor sich.

      „Ben, was ist denn los? Ist alles in Ordnung?“ wollte Cailean wissen.

      „Ja … nein, meine Mum … ich glaube, es geht ihr nicht gut.“ brachte Ben atemlos hervor.

      „Gut … bitte beruhige Dich wieder. Soll ich mitkommen und mal nach ihr sehen?“ bot Cailean seine Hilfe an.

      Ben war ein wenig erleichtert, natürlich hätte er den Notruf anrufen können, aber irgendwie war sein erster Gedanke ihr Nachbar gewesen. Seine ruhige Art konnte seiner Mutter vielleicht eher helfen als irgendein Arzt.

      „Ja, wenn es keine Umstände macht...“ erwiderte Ben ein wenig unsicher.

      „Keine Sorge … tut es nicht.“ Mit diesen Worten schnappte sich Cailean seinen Schlüssel und bedeutete Ben, daß er ihm folgen würde.
    • So, Weihnachten ist vorbei... Zeit für ein neues Kapitel *:)*


      Kapitel 7: Memories can be painful



      Ein paar Minuten später vernahm Lisa wieder das Geräusch der Eingangstür. Dennoch traute sie sich nicht, sich zu bewegen, sondern öffnete nur vorsichtig die Augen.

      „Ben...?“ rief sie fragend.

      „Ja, Mum … und ich hoffe, Du bist mir nicht böse.“

      „Ach, warum denn?“ fragte sie leise zurück.

      „Ich glaube, Ben meint … wegen mir.“ hörte sie da ein ruhige, vertraute Stimme.
      Ben war zu Cailean gelaufen? Fast war ihr das peinlich, schließlich wollte sie ihren Nachbarn nicht mit ihren Problemen belästigen. Andererseits freute sie sich über den unverhofften Gast. In den letzten Wochen hatten sie sich zwar hin und wieder auf der Straße getroffen und sich auch ein paar Mal kurz unterhalten, aber für mehr war irgendwie keine Zeit gewesen. Lisa fand es im Nachhinein gesehen bedauerlich.

      „Nein, das ist schon in Ordnung … falls es Dich nicht stört. Komm doch rein. Ich würde ja gern aufstehen, aber das geht momentan nicht so gut.“ erwiderte Lisa.

      „Ich geh jetzt noch schnell einkaufen“ rief ihr Ben zu und verließ erneut das Haus. Jetzt machte es Ben nichts aus, seine Mutter allein zu lassen. Schließlich würde sich Cailean um sie kümmern.

      Gleich darauf hörte Lisa, wie sich ihr leise Schritte näherten und direkt vor der Couch stoppten. Noch ein wenig hob sie ihren Blick und sah Cailean in die Augen, die sie besorgt musterten.

      „Setz Dich doch.“ bot ihm Lisa an und Cailean ließ sich im Sessel neben ihr nieder. Noch immer musterte er sie besorgt, Lisa sah wirklich nicht gut aus, sie war sehr blaß.

      „Was ist denn nur passiert?“ wollte Cailean daher auch wissen und legte ihr vorsichtig eine Hand auf den Arm.

      „Wenn ich das nur selbst wüßte ...“ begann Lisa und war gleichzeitig schon wieder verwirrt.
      Bildete sie sich das nur ein oder hatte Caileans Berührung tatsächlich dafür gesorgt, daß er Schwindel und die Kopfschmerzen verschwanden. Unsinn... im Moment war sie wohl einfach nicht mehr in der Lage, auf ihren Verstand zu vertrauen. Also konzentrierte sie sich darauf, Cailean zu erzählen, was alles am heutigen Tag passiert war. Es tat gut, daß er einfach nur zuhörte, ohne sie ein einziges Mal zu unterbrechen. Als sie am Ende angekommen war, deutete sie anklagend auf ihr altes Handy. Sie hatte bis jetzt nicht den Mut gehabt, es aufzuheben, weil sie sich so immer noch einreden konnte, daß sie sich vielleicht geirrt hatte.

      Cailean jedoch beugte sich hinunter und hob das Telefon auf. Mit konzentriertem Blick schaute er auf das Display und rief sich die Telefonliste erneut auf. Auch er fand den Eintrag, von dem Lisa gesprochen hatte.

      „Und Du bist Dir sicher, daß Du keinen Dean kennst?“ hakte er nach.

      „Oh, Cailean … ich weiß selbst nicht mehr, was ich glauben soll. Einerseits bin ich mir fast sicher, daß es so ist. Denn egal, wie sehr ich nachdenke, mir will nichts zu dem Namen einfallen. Andererseits jedoch werde ich das Gefühl nicht los, daß da etwas ist, an das ich mich erinnern müßte.“ Lisa brach seufzend ab.

      „Und wenn es vielleicht schon länger zurückliegt und Du es nur vergessen hast?“ Caileans blaue Augen schauten fragend.
      Plötzlich fiel Lisa etwas auf, daß sie von ihren eigenen Problemen ablenkte. Es waren die Augen ihres Nachbarn, die gleichen Augen, die immer so traurig geblickt hatten, schauten jetzt gleichmütig. Allenfalls etwas Sorge, die wohl ihr galt, konnte sie darin entdecken. Die Trauer schien verschwunden zu sein. Das machte ihr das Herz ein wenig leichter und sie konnte sich ihre Frage nicht verkneifen.

      „Cailean … darf ich Dich auch etwas persönliches fragen.“

      „Ja … natürlich.“ antwortete dieser.

      „Du scheinst nicht mehr so traurig zu sein oder bilde ich mir das nur ein?“ Hoffentlich nahm er ihr das jetzt nicht übel. Augenscheinlich nicht, denn sie glaubte ein kleines Lächeln über seine Züge huschen zu sehen.

      „Nein … Du bist eine gute Beobachterin … ich habe mich mit meinen Freunden versöhnt... es ist ein schönes Gefühl.“ erklärte er ihr auf seine unnachahmlich ruhige Art und Weise.

      „Ich freue mich für Dich … es tut gut, zu sehen, daß es Dir besser geht“ meinte Lisa in erfreutem Ton. Sie hatte es Cailean so gewünscht und manchmal gingen Wünsche eben doch in Erfüllung.

      „Danke, Lisa … aber wieder zu Dir … denk noch einmal genau darüber nach. Fällt Dir wirklich nichts ein?“ fragte Cailean eindringlich.

      Lisa schloß die Augen und versuchte sich zu konzentrieren. Wie ein Mantra dachte sie dabei immer wieder einen Namen … Dean ….
      Etwas schien sich erinnern zu wollen, doch immer wenn sie danach zu greifen versuchte, entglitt es ihr. Wie ein Fisch, der einem durch die Finger flutschte, wenn man glaubte, daß man ihn erwischt hatte. Aber Lisa gab nicht auf. Weiter versuchte sie es, jetzt völlig sicher, daß da etwas war. Und für einen Augenblick sah sie tatsächlich etwas … für eine Sekunde tauchte etwas in ihrem Geist auf … ein Augenpaar, daß sie traurig ansah. Im ersten Moment glaubte Lisa, daß es Caileans Augen gewesen sein könnten, bis ihr der Fehler auffiel. Caileans Augen waren blau, die Augen in ihrem Geist jedoch von einem leuchtenden Grün. Unwillkürlich keuchte Lisa auf.

      „Lisa... alles in Ordnung?“ fragte Cailean erschrocken.
      „Ich glaube schon … aber da war etwas … ich habe mich für eine Sekunde an etwas erinnert.“ Sie erzählte Cailean, was sie geglaubt hatte zu sehen.
      „Kannst Du es irgendwie … zuordnen?“ hakte ihr Nachbar nach.

      „Ich bin mir sicher, daß ich diese Augen tatsächlich schon mal gesehen habe und vielleicht gehören sie zu diesem Dean.“ Noch während Lisa sprach, wurde ihr klar, daß sie einen Zusammenhang gefunden hatte.

      „Cailean … oh, ich bin ja so blöd. Ich habe Dir doch von dem jungen Mann erzählt, der den Unfall verursacht hat... er hieß Dean und ich glaube, es sind seine Augen, die ich gesehen habe. Aber warum sollte ich seine Nummer auf meinem Handy haben, vor allem auf meinem alten … das liegt schon seit Monaten ungenutzt in der Kommode. Und die CD? Ist das nur Zufall? Was geht hier nur vor?“ In Lisas Kopf wirbelten die Gedanken umher. Wurde sie etwa verrückt?

      Sie sprang auf, hatte das Gefühl, sich einfach bewegen zu müssen, um nicht völlig überzuschnappen.
      „Werde ich verrückt?“ stellte sie ihre Frage jetzt laut und wild gestikulierend an Cailean.
      Mit einem Ruck drehte sie sich um und übersah dabei den kleinen Tisch der in der Ecke neben dem Schrank stand. Ziemlich unsanft prallte sie dagegen, bevor Cailean bei ihr war und sie so vor einem Sturz bewahrte. Hinter sich hörte sie ein Poltern, mit dem Bücher und ein paar Photoalben aus dem Schrank fielen und auf dem Boden landeten. Heute war eindeutig nicht ihr Tag, dachte Lisa seufzend. Sie würde wohl nochmal aufräumen müssen und blickte zu dem Chaos auf dem Fußboden. Die Bücher waren nicht so sehr das Problem, dachte sie, während sie sich bückte und sie wieder in den Schrank stellte. Die Photoalben würden aber wohl etwas länger dauern, viele der Bilder waren herausgefallen und lagen jetzt verstreut umher.

      „Ich denke nicht, daß Du verrückt wirst.“ beantwortete Cailean ihre Frage mit ein wenig Verspätung: „Der Unfall könnte aber kleine Gedächtnislücken verursacht haben. Das ist nicht weiter schlimm … denke ich.“

      „Ich hoffe, Du hast recht, dennoch ergibt es keinen Sinn.“ Mit diesen Worten setzte sich Lisa auf den Boden und begann die Photos zusammenzusammeln. Für einen Moment sah sie zu Cailean, der einen irgendwie angespannten Eindruck machen, so als würde er auf etwas bestimmtes warten... aber das war Unsinn … er versuchte wahrscheinlich nur, aus der ganzen Situation schlau zu werden … so wie Lisa selbst.

      Nach einer Weile hatte sie alle losen Photos eingesammelt und überlegte, wie sie die wohl je wieder an die richtige Stelle bekam. Am besten würde wohl sein, sie versuchte die Bilder, die sie in der Hand hielt, erst einmal zu sortieren. Glücklicherweise war auf jedem das Datum vermerkt. Langsam ließ sie ein Photo nach dem anderen durch ihre Hände gleiten und stapelte sie nach Jahr und Monat. Nach der Hälfte der Bilder hatte sie plötzlich das Gefühl, als ob ihr jemand einen eiskalten Lappen ins Genick geworfen hätte.

      Sie starrte unverwandt auf das obenliegende Photo und weigerte sich zu begreifen, was sie da sah. Das Bild stammte aus dem März 2009, von Bens zehntem Geburtstag. Doch das war nicht das seltsame. Das wirklich merkwürdige war der Mann, der neben ihr auf der Couch saß und in die Kamera lächelte. Es war der Mann, der den Unfall verursacht hatte, dieser Dean und doch … wieder nicht.
      Ein Strudel schien sich in ihren Gedanken zu bilden … ihr Gesichtsfeld schien zu verschwimmen.

      „Was passiert hier?“ fragte sie panisch, den Blick auf Cailean geheftet und ihre Hände hilfesuchend nach ihm ausgestreckt. Als er sie ergriff, schien sich das wirre Kaleidoskop aus Erinnerungen ein wenig zu beruhigen. Sie sah ihren Nachbarn dankbar an … Nachbar? Wieder hatte sie das Gefühl, daß etwas wie ein Schleier von ihren Erinnerungen weggezogen wurde und eine zweite Realität entstand. So, als gäbe es eine falsche und eine richtige, die sich um den gleichen Platz stritten. Erneut sah sie Cailean an und plötzlich blitzte wieder etwas auf. Sie sah Cailean deutlich vor sich, aber ihre Erinnerung behauptete, daß das Haus auf der anderen Straßenseite seit über einem Jahr leerstand. Doch wer war dann der Mann vor ihr?

      Und was war mit Dean? Sie sah immer noch den Mann im Krankenhaus vor sich, der sich bei ihr und Ben entschuldigt hatte, aber sie hatte weder das Photo, noch die Telefonnummer oder die CD vergessen.

      Was, wenn sie ihn schon gekannt hatte, bevor der Unfall passierte? Wenn dieser traurige Ausdruck in seinen grünen Augen eine ganz andere Schuld ausdrückte, als die, sie angefahren zu haben.

      Immer schneller schien der Strudel die Mauern ihrer „falschen?“ Erinnerungen einzureißen. Dean war nicht der Mann, der sie in einen Unfall verwickelt hatte … es hatte niemals einen Unfall gegeben … noch immer waren ihre Erinnerungen wie ein doppelt belichtetes Photo … doch nach und nach wurde es klarer … sie wußte nicht genau, ob sie die richtigen Erinnerungen überhaupt wollte … aber ihr Geist ließ ihr jetzt offensichtlich keine Wahl mehr.

      „Hilf mir, Cailean.“ brachte sie noch schwach hervor. Auch wenn er nicht ihr Nachbar sein konnte, so fühlte sie sich noch immer geborgen in seiner Nähe und ließ es zu, daß er sie auf die Arme nahm und zur Couch trug.

      „Ganz ruhig Lisa... es wird alles gut.“ sprach er leise zu ihr: „Sag mir, woran Du Dich erinnerst.“

      „Dean … er ist nicht mein Unfallgegner, nicht wahr? Und wie auch immer das sein kann, Du hast es gewußt?“ Eigentlich waren es keine Fragen mehr, eher Feststellungen.

      „Nein … und … ja.“ bekam sie als knappe Antwort. Seltsam, dachte sie, Caileans Augen schienen zu leuchten, so als wäre er glücklich über das, was er hörte.

      „Dean ist der Mann, den ich geliebt habe ...“ Lisa lauschte in sich hinein, merkte wie sich ihr Herzschlag bei diesem Gedanken beschleunigte und, sie war sich sicher: „... und den ich immer noch liebe.“ beendete sie ihren Satz. Es fühlte sich richtig an.

      „So wie er Dich.“ war alles, was Cailean dazu sagte.

      Und ihre und Caileans Worte waren es, die die letzten Zweifel wegspülten, was richtig und was falsch war. Auch wenn damit einige weniger angenehme Erinnerungen verbunden waren...

      … Dean, Ben und sie waren glücklich gewesen... für ein Jahr
      … die Rückkehr seines Bruders, Sam, die alles verändert hatte
      … sie, wie sie ihn schweren Herzens wieder seinem Job hatte nachgehen lassen
      … Dean, der immer, wenn es seine Zeit zuließ, zu ihnen zurückgekehrt war
      … und dann der schlimmste Tag in ihrem Leben:


      Jemand hatte sie und Ben in ihrem Haus angegriffen. Ben war es offensichtlich gelungen, Dean zu benachrichtigen und zu entkommen. Der Rest war nur bruchstückhaft, etwas hatte vermutlich von ihr Besitz ergriffen. Erst ein reißender Schmerz in ihren Eingeweiden hatte sie wieder in die Wirklichkeit zurückgeholt. Sie mußte schwer verletzt gewesen sein, doch sie erinnerte sich, wie Dean sie in seinen Armen getragen hatte, wie Ben mit einem Gewehr für ihren Schutz sorgen mußte, zumindest bis zu dem Zeitpunkt, als sie Sam wiederfanden. Dort setzte ihre Erinnerung aus, bis zu dem Zeitpunkt, als sich Dean im Krankenhaus von ihr verabschiedete. Dort jedoch hatte sie geglaubt, er sei ihr Unfallgegner … sie hatte nicht mehr gewußt, wer er wirklich war.
      Wäre es nur ihr so gegangen, hätte sie es als Nachfolge des Unfalls abgetan, aber Ben hatte sich ebenso wenig erinnert. Aber sie war sich sicher, daß Cailean ihr diese Frage beantworten konnte.

      „Warum konnten wir uns nicht mehr daran erinnern? Und bitte, weich nicht aus.“ forderte sie Cailean auf.

      „Es war Deans Wunsch, um euch zu schützen.“ antwortete Cailean wahrheitsgemäß.

      „Er wollte, daß ich ihn und alles andere vergesse? Aber, ich meine, man wünscht sich doch sowas nicht einfach und schon geht es in Erfüllung.“ Lisa war verwirrt. Sie war froh, ihre richtigen Erinnerungen wieder zu haben, aber sie verstand nicht, wie diese falschen überhaupt in ihren Kopf gekommen waren.

      „Er wollte es nicht … nicht wirklich, aber er sah darin die einzige Möglichkeit, euch wirklich zu schützen. Also hat er mich darum gebeten.“ erklärte ihr Cailean jetzt.

      „Er hat Dich darum gebeten? Wer bist Du? Oder besser, was bist Du?“ Sie wußte durch Dean ja, daß es seltsame Dinge auf dieser Welt gab, doch hier versagte alles, was sie bis dato gehört hatte.

      „Ja, er hat mich darum gebeten. Und ich selbst habe es mir zu Aufgabe gemacht, Dich und Ben zu beschützen... für Dean. Mein Name ist auch nicht Cailean, sondern Castiel und ich bin ein Engel.“

      „Wir hatten also die ganze Zeit einen Schutzengel?“ Deswegen hatte sie sich vermutlich so wohlgefühlt in Caileans Nähe… Castiels Nähe, korrigierte sie sich und lächelte.

      „Danke Castiel.“

      „Du mußt mir nicht danken, es war alles, was ich für Dean, für euch tun konnte.“ wehrte Castiel ab.

      „Meinst Du, ich sollte Dean anrufen?“ fragte Lisa unsicher. Sie hatte keine Ahnung, wie er reagieren würde. Im ersten Moment, als ihr Castiel gesagt hatte, Dean hätte es so gewollt, hatte sie sauer sein wollen. Doch eigentlich verstand sie es nur zu gut. Dean waren die Menschen, die ihr er liebte, schon immer wichtiger gewesen als sein eigenes Wohlbefinden. Lieber litt er, bevor er zusah, wie anderen etwas passierte.

      „Ich würde sagen, das ist eine gute Idee.“ ermutigte sie Castiel.

      Lächelnd sah Lisa den Engel an und griff zum Telefon.

      Ben war auch gerade zurückgekehrt, aber sowohl Erklärungen als auch das Essen würden wohl noch ein wenig warten müssen.