Endergebnis zur FF-Challenge 'Eine Nacht im Geisterschloss'

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    • Endergebnis zur FF-Challenge 'Eine Nacht im Geisterschloss'

      Wer ist Eur Favorit? 7
      1.  
        A) Der Fluch von Westwood Manor (5) 71%
      2.  
        C) Blutige Legende (1) 14%
      3.  
        B) Familiengeheimnis (1) 14%
      Es gab insgesamt 3 Einsendungen. Das Voting läuft ab heute bis SA 13.10.2012/Mitternacht und ich hoffe, dass sich daran ein paar Leute mehr als an der Challenge beteiligen :whistling: Ich bedanke mich bei denjenigen, die sich die Zeit genommen und mitgemacht haben.

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    • Der Fluch von Westwood Manor

      Fauchend rüttelte der Wind an den morschen Fensterläden, von denen manche schief in den Angeln lagen. Der unaufhörliche Regen peitschte gegen die schmutzigen Scheiben des alten Schlosses und ließ das massive Gebäude noch düsterer wirken. Es war tiefschwarze Nacht, am Himmel zogen graue Wolken im Takt mit dem immer stärker tosenden Sturm vorbei, aus denen es wie aus Kübeln schüttete. Grelle Blitze dröhnten durch das Rauschen des Regens, tauchten die Landschaft zeitweise in ein gespenstisches Licht und der Donner grollte ein schauderhaftes Lied dazu.

      Sherlock Holmes, Meisterdetektiv aus London, stand in dem Zimmer, das er für die Nacht bezogen hatte. Er war ein großer, schlanker Mann mit dunklem Haar und wachen, blauen Augen. Sein perfekt sitzender schwarzer Anzug mit dem blütenweißen Hemd verlieh ihm etwas Majestätisches. Doch wie war er nur hierher geraten? Diese Sache mit dem Geist, der auf Westwood Manor angeblich sein Unwesen trieb, war doch nichts als grober Unfug! John Watson, sein Assistent und Mitbewohner, schlief wahrscheinlich schon tief und fest eine Tür weiter. Sherlock hatte sich von ihm überreden lassen, den Fall zu untersuchen.
      Lord James Bainbridge, fast sechzig Jahre alt und der Herr dieses weitläufigen Anwesens, hatte vor zwei Wochen seine geliebte Frau Helen verloren. Vor ihrem Tod hatte sie darauf beharrt, mehrfach einen Geist gesehen zu haben, der ihr nach dem Leben trachtete. Voller Verzweiflung schied sie aus dem Leben, indem sie sich von einem Turm des Westflügels stürzte. Sie rief ihrem Mann noch zu, dass der Geist nun seinen Willen bekommen hatte. Bainbridge, ein gestandener und sonst lebensfroher Mann, war tief getroffen. Er machte sich Vorwürfe, dass der Tod verhindert hätte werden können. Warum hatte er keinen Arzt konsultiert, als es Helen immer schlechter ging? John Watsons Vater war mit Bainbridge schon lange befreundet und bat ihn um Hilfe. Daraufhin fuhren Sherlock und John nach Westwood Manor, um den Geschehnissen auf den Grund zu gehen. Sherlock hatte nach der Ankunft auf dem Schloss Bainbridge eingehend befragt und war zu dem Schluss gekommen, dass er seine Frau wirklich sehr geliebt und nichts mit dem tragischen Tod zu tun hatte. Der Detektiv besaß eine außergewöhnliche Gabe, denn er konnte die Leute regelrecht durchleuchten. Ihm fiel das auf, was all die anderen übersahen, und das fand er extrem langweilig.

      Außerdem lebten noch ein Diener, ein Gärtner und eine Hausangestellte, die sich um das leibliche Wohl kümmerte, in dem Schloss. Den Bainbridges war es nicht vergönnt gewesen, Kinder zu bekommen und so lebte der Lord fortan allein mit seinen Angestellten, umgeben von vielen Hektar Moor und knochigen Bäumen. Es war Herbst, die Stürme nahmen zu und der Himmel schien nicht aufhören wollen, sein Wasser zur Erde zu schicken, gerade so, als wollten die Engel über Helens Tod weinen.

      Es blitzte heftig, als es an Sherlocks Tür leise klopfte. Er vernahm es nicht durch den krachenden Donner, der gleich darauf gefolgt war. Wieder klopfte es.
      „Wer ist da?“, fragte er und rührte sich nicht vom Fenster weg.
      „Ich bin es, John“, erklang die gedämpfte Stimme aus dem Flur.
      „Kommen Sie herein!“
      John Watson, bekleidet mit einem karierten Bademantel und Pantoffeln, trat ins Zimmer. Seine dunkelblonden Haare sahen zerzaust aus, die Augen wirkten müde.
      „Sie können wohl auch nicht schlafen“, meinte John und schlürfte näher.
      Das Himmelbett war unberührt. Sherlock hatte nicht einmal versucht, sich hinzulegen, um etwas Schlaf zu bekommen. Es war bereits nach 23 Uhr und das tobende Gewitter schien sich einfach nicht verziehen zu wollen.
      „Ich frage mich, was wir hier eigentlich tun“, sagte Sherlock, statt eine Antwort auf Johns Frage zu geben.

      „Wir sind hier, um herauszufinden, ob es spukt, und warum Bainbridges Frau zu Tode kam“, informierte ihn John.
      Er hatte es satt, es ständig zu wiederholen. John war bewusst, dass Sherlock viel zu viel Realist war, um an Dinge zu glauben, die sich jenseits aller Vorstellungskraft abspielten.

      „Ich glaube nicht an Gespenster.“
      „Das weiß ich, Sherlock.“
      John nervte es langsam. Plötzlich kam ihm eine Idee.
      „Nicht nur, dass wir dem Lord helfen, das Verbrechen aufzuklären. Nebenbei verdienen wir wieder mal etwas Geld. Betrachten Sie es doch von dieser Seite.“
      Erwartungsvoll sah John Sherlock an.
      „Das ist doch langweilig!“ Sherlock schnaubte verächtlich durch die Nase. „Das war noch nie mein Bestreben.“
      „Natürlich nicht“, warf John mit gedehnter Stimme ein, „die Miete zahlt sich auch von allein und das Essen wird auf den Tisch gezaubert. Wozu brauchen wir das? Sie haben völlig Recht!“
      Sherlock blickte John von der Seite an, der neben ihn getreten war und schaute dann wieder auf das großflächige Moor, das immer wieder von den Blitzen schaurig erhellt wurde.

      „Wer würde Mrs. Bainbridge umbringen wollen? Wer machte ihr Angst?“
      John durchströmte Erleichterung, als er hörte, dass Sherlocks Spürsinn eingeschaltet war. Sein Ärger verflog und er dachte über die Worte seines Mitbewohners nach.
      „Sie schließen also eine geisterhafte Erscheinung aus?“
      John konnte es sich nicht verkneifen, nochmals nachzuhaken.
      „Offenkundig“, meinte Sherlock leichthin, ging nicht weiter darauf ein und schritt durch den Raum, vorbei an den antiken Möbeln, die ausnahmslos in Mahagonibraun gehalten waren. „Daran ändert auch nichts dieser Dilettant Blossom, der den ganzen Tag hier herumgerannt ist und angeblich Kontakt zur Geisterwelt hat. Einfach lachhaft, diese Apparaturen, die er da mit sich herumschleppt und meint, bösartige Schwingungen aufzufangen.“

      Sherlock schüttelte ungläubig den Kopf.
      „Die Gerätschaften sind mehrfach ausgeschlagen. Irgendetwas hat er aber gemessen“, gab John zu bedenken.
      „Wahrscheinlich seine eigenen Schwingungen“, meinte Sherlock und grübelte weiter.
      John konnte sich ein Lachen nicht verkneifen.
      „Irgendetwas geht hier vor. Ich spüre, dass ich der Lösung nahe bin.“
      „Sherlock, Sie haben doch noch gar nicht angefangen, richtig zu ermitteln.“
      Der Detektiv hörte John nicht zu, sondern redete überschwänglich weiter.
      „Bainbridge scheint mir als Täter nicht in Frage zu kommen, genauso gut kann es nicht die achtzigjährige Haushälterin gewesen zu sein. Die schließe ich also zuerst einmal aus, aber man weiß ja nie, wozu ältere Frauen in der Lage sind.“
      Ungläubig sah John ihn an, bevor dieser aber etwas dazu sagen konnte, sprach Sherlock schon wieder.

      „Und weiter geht’s! Der Diener, um die vierzig Jahre, adrett gekleidet in seinem grauen Livree, kommt mir irgendwie spanisch vor. Als er uns heute Mittag öffnete, schaute er mich immer wieder ganz verstohlen an, so, als kenne er mich irgendwoher oder war nicht gerade erfreut, mich zu sehen.“
      Sherlock setzte sich auf das mit einer Blumendecke bezogene Bett, legte seine Hände mit den Handflächen aneinander und führte die Fingerspitzen zum Mund, um sich die Situation noch einmal zu Gemüte zu führen. John nahm auf der Fensterbank Platz, wartete ab, um ihn nicht zu stören, denn wenn sich Sherlock in seinen Gedächtnispalast begab, duldete er keine anderen Geräusche und Stimmen um sich herum.

      Ein grauenerregender Schrei durchbrach das heftige Gewitter, das sich nun langsam vom Anwesen entfernte.

      Sherlock und John sprangen zeitgleich auf und liefen auf den Gang. Die Petroleumlampen tauchten den Flur in tanzende Schatten, während die Bilder an der Wand Szenen aus dem Leben der Bainbridge-Familie zeigten. Szenen aus glücklichen Zeiten.

      „Wo?“, fragte Sherlock atemlos und schaute sich um.
      „Woher soll ich das wissen?“, gab John zurück.
      Beide lauschten angestrengt.

      „Aahh!“, hallte es wieder durch das Haus.
      „Das kommt aus dem Eingangsbereich!“, rief Sherlock und hastete mit John im Schlepptau die lange Marmortreppe nach unten.
      Das Schloss mit all seinen Jahren, gar Jahrhunderten, die es schon gesehen und erlebt hatte, lud nicht gerade zum Träumen ein. Man sah dem Gebäude das Alter an. Es war zwar weitestgehend sauber, doch durch die flackernden Lampen, die nächtlichen Geräusche und das Unwetter fühlte man sich in einen Horrorfilm versetzt.

      Unten, vor der Eingangstür, stand Mrs. Tatlow, die alte Haushälterin und schluchzte gerade etwas Unverständliches, da sie sich ein weißes Taschentuch vor die Nase hielt. Vor ihr stand Lord Bainbridge, ein grauhaariger und untersetzter Mann mit gutmütigen Augen. Er redete behutsam auf sie ein.
      „Was ist denn passiert?“, fragte Sherlock.

      Bainbridge blickte ihn, dann John ernst an.

      „Sie hat den Geist gesehen.“

      „Ach, wirklich?“, fragte Sherlock mit Ironie in der Stimme und lächelte süffisant.
      Mrs. Tatlow hörte auf zu schluchzen. Mit großen Augen starrte sie Sherlock verwirrt an.

      „Ich habe ihn gesehen! Da draußen!“, rief sie und warf sich in Bainbridges Arme.
      Ihr ordentlicher Dutt hatte ein paar graue Locken verloren, die ihr lose über den Schultern hingen. Sie trug keine Dienstkleidung, sondern einen roten Morgenrock.
      „Erzählen Sie uns, was passiert ist“, bat John sie leise und warf Sherlock einen mahnenden Blick zu. Sherlock verdrehte die Augen.
      „Ich wollte mir in der Küche eine heiße Milch mit Honig machen, so wie jeden Abend in den kalten Jahreszeiten. Als ich aus dem Fenster sah, stand er einfach da und schaute mich an. Er trug eine Maske, glaube ich, sie war furchterregend. Ich habe geschrien, lief aus der Küche und traf auf Mr. Bainbridge, der mich zu beruhigen versuchte.

      „Interessant.“

      Sherlock stellte sich vor Mrs. Tatlow.

      „Was denn?“, fragte sie und putzte sich ihre Nase.
      „Eine Maske? Wie sah sie aus?“
      Mrs. Tatlow dachte kurz nach.

      „Ich weiß es nicht, sie wirkte wie Porzellan, einfach weiß, ohne Konturen. Außerdem trug er einen hellen Umhang.“
      Verunsichert blickte sie die Männer an.
      „Von einer Maske haben Sie nie etwas gesagt“, wandte sich Sherlock an Bainbridge.
      Dieser zuckte seine Schultern.
      „Ich habe den Geist auch nie so nah gesehen wie Mrs. Tatlow, er stand immer sehr weit weg. Aber dass er in ein helles Gewand trug, das habe ich Ihnen gesagt.“
      „Heute Nachmittag erzählten Sie mir, dass Sie ihn verfolgen wollten, aber er verschwand stets auf den Gängen oder auf dem Anwesen“, sinnierte Sherlock und schaute Bainbridge an.
      „Genau“, stimmte dieser zu.
      „Eine Frage: Wo sind Ihre anderen beiden Angestellten?“, wollte Sherlock nun wissen.
      „Die beiden Herren haben jeder ein Zimmer im Ostflügel des Schlosses“, informierte ihn Bainbridge.
      „Ich möchte die beiden nachher sprechen.“
      „Jetzt?“, fragte Bainbridge.
      „Natürlich.“
      Blossom kam verschlafen die Treppe herab.
      „Ich habe Stimmen gehört“, gähnte er und rieb sich die Augen.
      Er war ein dreißigjähriger Mann, der sein Haar ganz lässig zum schwarzen Zopf gebunden trug. Seine braunen Augen beobachteten misstrauisch die illustre Runde. Der grüne Pyjama war zerknittert.
      „Wie können Sie bei diesem Unwetter überhaupt schlafen?“, fragte Bainbridge und schüttelte den Kopf. „Mrs. Tatlow hat die Erscheinung gesehen.“
      „Was? Wie?“ Blossom schien auf einmal hellwach zu sein, ihm stand der Mund offen.
      „Tja, mein Lieber, Sie kommen zu spät! Das Gespenst ist bereits weggeflogen“, amüsierte sich Sherlock über ihn.
      Blossom wollte wissen, was geschehen war. Während Bainbridge es ihm erklärte, zog Sherlock John beiseite.
      „Der Diener ist sehr verdächtig, vielleicht auch noch der Gärtner.“
      „Warum? Weil es der Gärtner immer ist?“ John gluckste, hielt aber inne, als ihn Sherlocks strafender Blick traf.
      „Irgendetwas kommt mir an dem Diener komisch vor.“
      Sherlock eilte in den Salon, in dem er Bainbridge in die Mangel genommen hatte. Dort schaute er sich die gerahmten Bilder von Bainbridge und seiner Frau an. Momentaufnahmen der pompösen Hochzeit, Urlaubsfotos, Bilder, die zeigten, wie die beiden älter wurden, und die verrieten, dass ihre Liebe nie abgenommen hatte. John war Sherlock gefolgt und wartete nun darauf, ob was dem Detektiv aufgefallen war.
      „Wir machen es anders. Ich muss zu den Räumlichkeiten der Hausangestellten.“
      Sherlock ging wieder in den Eingangsbereich, in dem sich Bainbridge und Blossom immer noch unterhielten.
      „Bringen Sie mich zu den Zimmern Ihrer Bediensteten“, forderte Sherlock den Lord unmissverständlich auf und eilte die Treppe hoch.
      „Was? Ich denke, Sie wollten sie hier unten sehen“, sagte Bainbridge darauf verständnislos.
      „Hat sich geändert“, rief Sherlock aus dem ersten Stockwerk, sodass es nach unten hallte.
      „Was will er in meinem Zimmer?“, fragte Mrs. Tatlow und ging John, Bainbridge und Blossom nach.
      „Das weiß ich leider auch nicht, meine liebe Mrs. Tatlow“, gab Bainbridge seufzend von sich.
      Nachdem sich die Truppe auf die zweite Etage des Schlosses begeben hatte, führte Bainbridge sie über einen wenig beleuchteten Flur in den Ostflügel. Hier waren die Wände rissig, die Türen verfallen und die Teppiche verschmutzt. Sherlock rümpfte die Nase. Am Ende des Ganges sah er aus dem Fenster. Der Regen peitschte immer noch um das Schloss, nur das Donnergrollen hatte sich verzogen.
      „Gregor! Entschuldigen Sie bitte die nächtliche Störung, aber wir müssen mit Ihnen reden!“, forderte Bainbridge seinen Diener auf und klopfte an dessen Tür.
      Der Gärtner, Mr. Coulthard, ein alter Mann mit einem Schnauzbart, steckte neugierig seinen Kopf aus dem Nebenraum.
      „Wir müssen auch mit Ihnen sprechen“, sagte Bainbridge zu dem Gärtner.
      „Das wird wohl nicht nötig sein“, entschied Sherlock und pochte an Gregors Tür.
      „Machen Sie auf!“, rief er und versuchte, sie zu öffnen.
      Sie war abgeschlossen. Sherlock warf sich mehrmals dagegen.
      „Was soll das? Was machen Sie da?“, fragte Bainbridge.
      „Er ist verrückt geworden“, meinte Mrs. Tatlow.
      Der Gärtner kam nun ganz aus seinem Zimmer heraus und stellte sich zu den anderen, die zusahen, wie sich Sherlock nochmals mit aller Wucht gegen die Tür warf.
      „Sherlock, kann ich Ihnen vielleicht helfen?“
      John schob ihn sanft zur Seite und fragte Bainbridge nach einem Schlüssel. Er hätte die Tür mit seiner Kraft aufstemmen können, aber er wollte sie nicht kaputt machen, auch wenn es auf diesem Stockwerk nicht weiter aufgefallen wäre.
      „Ich habe einen, der überall passt. „Hoffentlich haben Sie eine gute Erklärung dafür“, verkündete Bainbridge und ging davon.
      „Warum hat er das nicht gleich gesagt?“
      Sherlock rieb sich seine Schulter.
      „Sie haben Gregor im Verdacht? Warum?“ John wartete gespannt auf Sherlocks Antwort.
      „Gleich, John, gleich“, wehrte Sherlock ab. „Ich bin mir noch nicht sicher.“
      „Das glaube ich wohl kaum. Wenn Sie eine Spur verfolgen, dann erweist sie sich meistens als richtig.“
      Bainbridge kam zurück und öffnete die Tür mit dem Schlüssel.
      Der Raum war durch eine Petroleumlampe schwach beleuchtet.
      Sherlock ging zuerst hinein, sah sich flüchtig um, ob auch niemand zugegen war und fing an, die Schubladen des Schreibtisches zu untersuchen. Gregor lebte ziemlich spartanisch. Nur noch ein Schrank, ein Bett, ein kleiner Nachttisch und ein Stuhl standen in dem Zimmer. Er war ein unordentlicher Mensch, der augenscheinlich wenig Wert auf ein geregeltes Leben legte. Sherlock fand ein Stück Papier in einem Karton, der unter dem Bett stand, überflog es und steckte es in seine Hosentasche. Dann fiel sein Blick auf den Schrank, auf dem eine Vase, die mit bunten Strohblumen gefüllt war, stand.
      „Das passt nun wirklich nicht hierher“, flüsterte er und nahm sie herunter. Er schmiss die Blumen achtlos auf den Boden, dann stellte er sie auf den Kopf. Ihm rutschte ein Medaillon in die Hand. Sherlock öffnete es, schaute sich kurz das Foto an und übergab es Bainbridge triumphierend.
      „Oh mein Gott!“, rief dieser aus. „Das hat Helen gehört! Ich habe es überall gesucht! Woher wussten Sie…?“
      „Wir müssen ihn finden, teilen wir uns auf!“
      Sherlock war scheinbar immer noch nicht bereit, irgendwelche, für ihn sicher überflüssige Fragen, zu beantworten.
      „Wieso hat er Helens Medaillon?“, wiederholte Bainbridge wieder und wieder, während er es öffnete und sich das Foto von ihr, das ihr noch junges Antlitz zeigte, ansah.
      „Bainbridge!“ Sherlock legte seine Hände auf die Schultern des Lords und schüttelte ihn. „Sagen Sie mir, was sie über Gregor wissen. Wo könnte er sein?“
      Bainbridge kam langsam wieder zur Besinnung.
      „Er hat bei uns vor einem halben Jahr angefangen zu arbeiten, als unser vorheriger Diener unerwartet verstarb. Gregor ist sehr tüchtig. Er mochte Helen sehr. Glauben Sie, dass er sie umgebracht hat?“
      Bainbridges graue Augen weiteten sich, Tränen traten hinein.
      „Ich glaube, dass es möglich wäre“, sagte Sherlock. „Wir haben jetzt keine Zeit dafür. Mrs. Tatlow und Mr. Coulthard sollten oben auf ihren Zimmern bleiben. Mr. Watson und ich werden den Westflügel absuchen. Wollen Sie mit Mr. Blossom auf dieser Seite nachsehen?“
      Blossom nickte an Stelle von Bainbridge.
      „Bewaffnen Sie sich, Gentlemen, der Geist ist gefährlich!“ Sherlock griff nach einem Schürhaken, der achtlos auf einer Kommode im Flur lag und nahm ihn an sich.
      Diese letzten Worte hallten immer noch durch Bainbridges Kopf, als Sherlock und John schon längst verschwunden waren.

      „Nun rücken Sie schon mit der Sprache raus!“, drängte John seinen Mitbewohner, während die beiden Zimmer für Zimmer absuchten und jeden Moment damit rechneten, auf Gregor, den Geist, zu treffen.
      „Ich staune immer wieder, wie wenig Ihnen auffällt, John. Dabei sollte doch ihr Gehirn durch unsere gemeinsame Arbeit empfänglicher geworden sein.“
      Plötzlich bewegte sich ein Schatten am unteren Ende der Treppe, den John aus den Augenwinkeln wahrnahm. Er legte seinen Zeigefinger auf den Mund und deutete zu der Stelle. Sherlock stieg langsam, von John gefolgt, die Stufen hinab. Die Eingangstür war geöffnet, niemand war zu sehen. Draußen schüttete es immer noch wie aus Kübeln.
      „Wo ist er?“, wisperte John und war auf alles gefasst.
      „Vermutlich spielt er mit uns.“
      Sherlock ging mit hocherhobenem Schürhaken hinaus und dort verschlug es ihm die Sprache. Im strömenden Regen sah er den Geist. Er stand vor ihm, mit einem weißen Porzellangesicht, gehüllt in helle Laken, genau so, wie es Mrs. Tatlow beschrieben hatte. Hinter sich hörte er Stimmengewirr. Neben John tauchten nun auch Bainbridge und Blossom auf.
      „Ich sagte Ihnen doch, dass ich nicht verrückt bin“, meinte Bainbridge erleichtert. „Es gibt ihn wirklich! Wir haben ihn von oben gesehen und sind gleich hinunter gekommen.“
      „Nur, dass es kein Geist ist, sondern ihr Angestellter, den Sie als Gregor kennen und der eigentlich der Sohn ihrer verstorbenen Frau ist. Sein Name ist Henry.“
      Selbstzufrieden blickte Sherlock die Männer an und wandte sich dann wieder dem angeblichen Geist zu, der pitschnass vor dem Schloss stand. Dieser nahm seine Maske ab und tatsächlich kam das Gesicht des Dieners zum Vorschein.
      „Henry?“, fragte Bainbridge ungläubig.
      „Was für ein schlauer Detektiv Mr. Holmes doch ist! Und ich dachte mir, dass ich mich zur Geisterstunde endlich demaskiere. Es stimmt, Helen war meine Mutter und ich bin ihr verlorener Sohn Henry“, schnarrte er.
      Seine kurzen, angegrauten Haare schienen durch den Regen viel dunkler, die wirren Augen suchten den Blick von Bainbridge.
      „Sogar ein völlig Fremder erkennt das, was dir nicht einmal im Traum eingefallen wäre“, rief Henry erzürnt.
      „Wenn ich die Geschehnisse aufklären dürfte“, schaltete sich Sherlock ein und sah Bainbridge an. „Ihre verstorbene Frau war vor Ihrer Ehe schon einmal verheiratet, wie Sie wissen. Beide bekamen ein Kind, Henry. Nach einem Fährunglück vor der Küste Cornwalls waren Helens Mann und Sohn verschwunden. Niemand ahnte, dass das Kind überlebt hatte. Und so machte Henry sich auf die Suche nach seiner leiblichen Mutter, fand heraus, dass sie ein unbeschwertes Leben führte und trieb sie in den Wahnsinn, weil sie ihm angeblich alles genommen hatte. Das Medaillon behielt er als Erinnerung. Ehrlich gesagt, bin ich darauf gekommen, weil Henry Helen sehr ähnlich sieht. Die Fotografien selbst gaben den Ausschlag, auf denen Helen das Medaillon trug.“
      Henry klatschte anerkennend in die Hände.
      „Bravo! Mutter hat mich nach einiger Zeit erkannt und wollte mich als den liebenden Sohn bei sich aufnehmen, doch ich war nur auf Rache aus. Jahre hatte ich damit verbracht, sie zu finden. Damals zog mich eine Fischerfamilie auf, die natürlich von dem Fährunglück wussten, mich aber bei sich behielten, weil sie keine eigenen Kinder haben konnten. Ich war noch zu klein, um es zu verstehen. Dann fand ich über einen Privatdetektiv heraus, wo meine Mutter lebte und kam nach Westwood Manor. Nach einiger Zeit verkleidete ich mich und setzte Vaters Porzellanmaske auf, die er als Schausteller zu Aufführungen trug. Mutter dachte, dass sie den Verstand verlor und der Geist meines Vaters hinter ihr her war. Ich hätte auch Sie, Bainbridge, in den Wahnsinn getrieben, wäre da nicht Mister-Oberschlau aus London eingeladen worden.“
      Sherlock musste sich ein Grinsen verkneifen.
      Bainbridge schritt langsam auf Henry zu. Der Regen hüllte die beiden ein.
      „Wie konntest du sie töten? Sie war deine Mutter! Helen hat geglaubt, dass du tot bist. Sie hat dieses schreckliche Unglück nie verwunden. Ständig redete sie darüber.“
      „Pah! Sie hatte mich und Vater sehr schnell vergessen! Ich musste Jahre recherchieren, bis ich sie fand.“
      „Woher wussten Sie das mit der Fähre?“, fragte John Sherlock.
      Dieser kramte einen kleinen ausgerissenen und verwitterten, alten Zeitungsartikel aus der Hosentasche, den er in Henrys Zimmer gefunden hatte. Auf diesem Stück Papier stand ein Artikel über die Familientragödie und dass wohl Vater und Sohn auf dem Meer den Tod gefunden hatten.
      John überflog den Artikel.
      „Hast du Frederik, meinen alten Diener umgebracht, um die Stelle zu bekommen?“, wollte Bainbridge wissen.
      Er schien nicht er selbst zu sein. Man sah ihm an, wie er mit Wut, Trauer und den Tränen kämpfte. All dies wechselte sich in seiner Mimik ab.
      „Der alte Sack hätte es sowieso nicht mehr lange gemacht!“, lachte Henry.
      Bainbridge schüttelte ungläubig den Kopf. Wie konnte ein Mensch so kaltblütig töten?
      „Ich verstehe nur nicht, warum sich Helen mir nicht anvertraut hat“, sagte er traurig. „Als sie dachte, dass sie den Geist ihres verstorbenen Mannes sah, hätte sie es mir doch erzählen können.“
      „Ich habe sie eben in den Wahnsinn getrieben, meine liebe Mutter. Sie fühlte sich wohl schuldiger als du dachtest.“
      Henry lachte irre und laut auf. Sein Gebrüll verlor sich im Regen.
      Sherlock ging langsam hinaus zu den beiden und wartete ab. Den Schürhaken hielt er bereit in den Händen. Henrys Augen huschten wild umher und Sherlock ahnte, dass dieser noch nicht alle Trümpfe ausgespielt hatte. John hatte in dem Wortgefecht seinen Revolver langsam aus dem Holster gezogen und hielt seine Waffe schussbereit hinter dem Rücken verborgen.
      Blossom kannte sich in der Geisterwelt bestens aus, dies jedoch ließ ihn einmal mehr den Kopf schütteln. Holmes hatte Recht gehabt, als er ihm sagte, dass die Lebenden töteten und nicht die Gespenster.
      „Und Mutter hatte es verdient!“, legte Henry noch eins drauf, als Bainbridge nicht mehr an sich halten konnte und sich auf ihn stürzen wollte.
      Geschwind zog Henry eine Pistole unter seinem Gewand hervor und hielt Bainbridge damit in Schach.
      „Ich werde dich nun zu ihr schicken“, informierte er ihn mit leerer Miene. „Dann seid ihr wieder zusammen. Eine glückliche, tote Familie.“
      „Es gibt Leute, die können aus weiter Distanz einen kleinen Punkt treffen“, mischte sich Sherlock ein und blieb einen Meter vor Henry stehen. Er ließ den Schürhaken langsam sinken.
      „Dass ich nicht lache! Sie haben ein lächerliches Schüreisen in der Hand“, sagte Henry mit verächtlicher Miene. „Wollen Sie damit etwa schießen?“
      „Ich nicht. Aber es gibt da jemanden, der das kann.“
      Sherlock holte mit seinem Haken aus, lenkte Henry ab. Dieser richtete seine Pistole auf Sherlock und achtete nicht auf John, der in einem Sekundenbruchteil seine Waffe zog und auf Henry schoss. Dieser fiel zeitgleich auf den Rücken, schwer getroffen im linken Schulterblatt. Blut quoll aus der Wunde. Sherlock nahm ihm die Pistole weg und zog sein Handy aus der Hosentasche.
      „Ich glaube, dass die Polizei auch gern Ihre Aussage hören würde“, sagte er zu Henry, der windend auf dem kalten, nassen Boden lag.

      Nachdem Henry von einem Notarzt behandelt und von der hiesigen Polizei verhaftet worden war, bedankte sich Bainbridge bei Sherlock und John. Er übergab den beiden einen großzügigen Scheck.
      „Nun ist der Fall gelöst und mir geht es noch schlechter, weil Helens eigener Sohn die Tat begangen hat.“ Bainbridge seufzte tief.
      „Für mich tun sich immer wieder Abgründe der menschlichen Seele auf. Jedoch muss es trotz allem eine Genugtuung für Sie sein, dass der wahre Mörder gefunden wurde. Somit wird Helen ihre Ruhe finden“, beschwichtigte Sherlock den gebrochenen Mann.
      Wortlos nickte dieser. John hatte auf Sherlocks Wunsch ein Taxi gerufen. Er wollte keine Minute länger hier verbringen, sondern nach London fahren, um sich nach ein paar Stunden Schlaf in neue Abenteuer zu stürzen.
      Es war kurz nach fünf Uhr morgens, immer noch dunkel, aber der Regen hatte endlich aufgehört. Blossom war schon abgefahren, da er nach richtigen Geistern suchen wollte, wie er sagte. Mrs. Tatlow und Mr. Coulthard tranken einen starken Kaffee mit Schuss in der Küche. Die Ereignisse waren einfach zuviel gewesen.

      Das Taxi mit den beiden Ermittlern fuhr langsam vom Schlossgelände, als Sherlock eine Bewegung am Fenster des Turmzimmers wahrnahm. Es war das Zimmer, aus dem sich Helen gestürzt hatte. Und da sah er sie, es gab keinen Zweifel: Sie stand am Fenster, beleuchtet von einer Petroleumlampe und lächelte ihn dankbar an. Die blonden, lockigen Haare umrahmten ihr hübsches Gesicht. Sie war jung und schön, hatte nicht das Alter, mit dem sie gestorben war. Er erkannte sie von den Fotografien und dem Bild aus dem Medaillon. Sherlock blinzelte, und als er die Augen wieder öffnete, war sie verschwunden.
      „Alles in Ordnung?“, fragte John und gähnte hinter vorgehaltener Hand.
      „Ich habe eben einen Geist gesehen, John“, sagte Sherlock und sah ihn mit geweiteten Augen an.
      „Na klar, ich glaube Ihnen.“
      John schüttelte den Kopf und seufzte.
      „Ich nehme Sie nicht auf den Arm!“, verteidigte sich Sherlock und erhaschte noch einen Blick auf das Schloss, von dem sie sich langsam entfernten.
      „Warum sagen Sie das, Sherlock? Wir haben doch den Fall gelöst.“
      „John…“
      „Nun reicht es wirklich. Sie glauben nicht an solche Dinge. Also hören Sie auf, mich zu verkohlen.“
      „Ich glaube, ich verliere den Verstand, John.“
      „Und ich denke, das haben Sie schon.“
      Schleichend wurde es heller, während Sherlock und John nach London zurückfuhren.

      E N D E
    • Familiengeheimnis

      Ich weiß nicht, wo ich bin.

      Seit Stunden liege ich im Feuchten, kann mich nicht bewegen, kann nichts sehen. Ich weiß nicht wie ich hier her gekommen bin.
      Wo ich vorher war, ich erinnere mich nicht. Ich liege hier einfach. Und nichts passiert.
      Ich kann Wassertropfen hören, ein monotones, gleichmäßiges Tropfen. Und Fesseln sind an meinen Füßen. Ich glaube das ist der Grund, warum ich noch nicht versucht habe, wegzurennen.

      Vielleicht auch, weil mir alles wehtut.

      Es tropft.

      Die Zeit vergeht, es müssen inzwischen Tage sein.
      Oder Minuten.

      Da steht ein Mädchen in der Ecke. Sie starrt mich an. Ihr Gesicht ist das eines Monsters, verzerrt und entstellt. Ihr Blick durchbohrt mich, es brennt. Ich kann mich nicht wehren.
      Es ist dunkel. Ich sehe nichts. Aber ich weiß, sie ist da.
      Sie ist hier.
      Und sie starrt.
      Manchmal höre ich Schreie. Von weit weg. Aber mit einer Intensität. Schmerzen, Folter. Mein Puls rast. Ich weiß nicht, wer schreit.
      Was passiert da.
      Ich muss mich zusammenreißen.
      Ich spüre jemand. Etwas. Es liegt neben mir. Es wurde hingelegt, hingeworfen. Ein lebloser, kalter Körper. Ich will danach greifen. Sam.
      Es ist kein Körper.
      Körperteile. Abgehackte Kinderbeine.
      Sammy.
      Ich schließe die Augen, versuche die Tränen nicht hochkommen zu lassen, aber ich habe Angst. Panik.
      Ich bin regungslos.
      Angst, die mich lähmt.

      Ich wünschte ich wäre tot.

      Es tropft.

      Als ich nach einer Weile die Augen wieder öffne, sehe ich eine Tür.
      Ich stehe.
      Der Raum in dem ich mich befinde ist lichtdurchflutet. So unecht. Meine Uhr zeigt Nacht an, aber die riesigen Fenster lassen helles Tageslicht eintreten, es blendet fast. Ich stehe in einem Schlafzimmer, das Gemach eines alten Schlosses.
      Eine dicke Schicht Staub bedeckt die antiken Möbel, alles scheint so ruhig. Verlassen.
      Ich sehe mich um. Da liegt ein Buch auf dem Bett.
      Es ist aufgeschlagen, aber ich kann nicht erkennen, was geschrieben steht. Erst nachdem ich den Staub weggewischt habe, kann ich es lesen. Alles lateinisch. Darunter eine Zeichnung, ein Symbol, etwas das so ähnlich aussieht wie ein Pentagramm. Ich blättere ein wenig, in der Hoffnung, dass mir irgendwas bekannt vorkommt. Ich überfliege jede Seite, aber nichts davon habe ich jemals gelesen oder gesehen.
      Das bringt nichts, ich schließe kurz die Augen und atme durch.

      „Bist du aus dem Kerker entkommen, Dean?“

      Meine Augen schießen auf.

      Ich gucke umher, aber außer mir ist niemand hier.
      Mir wird kalt.

      „Wie bist du aus dem Kerker entkommen, Dean?“

      Ich gehe langsam zum Nachttisch und greife nach irgendeinem hohen Gegenstand, ich glaube einem Kerzenständer. Ich halte ihn schützend vor mich, schwinge ihn immer wieder von Seite zu Seite. Ich will nicht, dass es mir zu nahe kommt.

      „Dean.“
      Die Stimme ist nur noch ein Hauchen, aber ich höre sie klar und deutlich.
      „Dean, du kannst mir nicht entkommen.“
      Mein Atem wird nebelig.
      „Dean, sowas wie Hoffnung gibt es nicht.“
      Ich fange an zu zittern, die Stimme ist genau neben meinem rechten Ohr. Ich traue mich kaum, mich zu bewegen.
      „Leid wird es immer geben, Dean.“
      Ruckartig drehe ich mich nach rechts, zerschlage einen Körper der sich schnell in Rauch auflöst.

      „Was soll das, Dean!“
      Ich zucke zusammen, die Stimme kommt aus einer ganz anderen Richtung. Die Tür. Vor der Tür steht ein alter Mann. Bärtig, gekleidet wie ein alter Fürst. Aber fürstlich sieht er nicht aus, runtergekommen. Grau und verstaubt, flackernd. Wie ein Hologramm.

      „Das bringt nichts, Dean“
      Ich verstehe das alles nicht. Was soll das.

      „Es wird Zeit zu essen, Dean.“ Der Mann steht blitzartig direkt vor mir, breit grinsend, ich habe nicht einmal mitbekommen, dass er auf mich zukam. Er ist zu schnell, er greift mich an, er packt mich an den Armen, sein Griff ist so fest, ich kann mich nicht mehr bewegen. Ich bin gelähmt, mein Körper, ich kann ihn nicht mehr bewegen. Ich weiß nicht, ich..

      Ich sitze an einem Tisch. Ordentlich den Stuhl herangezogen, meine Arme liegen auf der Tischplatte, mein Rücken ist gerade, ich gucke direkt nach vorne. Ist das mein Körper, ich kann ihn nicht lenken.

      „So so. Der berühmte Dean Winchester ist höchstpersönlich in meinem Schloss zu Gast, ich bin hoch erfreut.“
      Er, dieser ekelhafte Mann, sitzt mir gegenüber. Höhnisch guckt er auf mich herab. Ich bin wütend, weil er mich gefangen hält, aber mein Gesicht zeigt keine Regung.

      „Iss. Damit du groß und stark wirst, Dean.“
      Nein.
      Ich fange an zu essen. Ich sehe mein Gegenüber, seine Bewegungen wie mein Spiegelbild. Ich kratze mich mit der linken Hand an meinem Kinn. Weil er es tut.
      Was soll das.

      „Warum sagst du denn nichts. Hm? Ach ja“, er lacht, „Ich vergaß.“
      Plötzlich spüre ich mein Gesicht wieder. Ich kann meinen Kopf bewegen, ich kann reden.
      Erst jetzt fällt mir auf, dass ich wie stumm war seit ich denken kann.

      „Was bist du? Ein Geist kannst du nicht sein, Geister können keine Handlungen dermaßen manipulieren. Meine Wahrnehmung. Und sie können keine Körper steuern.“
      Aber er lacht nur.
      „Ich werde rausfinden, was du bist und dann werde ich dich vernichten.“

      „Dean. Dean, Dean, Dean. Dummer Junge“, seine Miene verfinstert sich, „Du wirst niemals erfahren was ich wirklich bin. Du weißt so viele Dinge nicht. Schreckliche, grauenhafte Dinge.“

      Er steht auf und kommt zu mir herüber. Er beugt sich runter, sein Gesicht direkt neben meinem. Ich kann seinen schlechten Atem riechen. Ich versuche jeden Blickkontakt zu vermeiden, ich starre auf eine leere Wand.

      „Dean, kannst du dir eigentlich vorstellen, zu was ich in der Lage bin. Zu was jeder einzelne von uns, den bösen Kreaturen, wie ihr uns nennt, in der Lage ist.“
      Auf einmal, ohne Warnung, ist mein Gesicht wieder starr.

      Ich versuche zu reden, irgendetwas sagen zu können, zu schreien, aber man hört nur verstummte Laute.

      „Weißt du was ich Sammy antun kann?“
      Wieder fängt er an zu lachen, als im gleichen Moment das Kino vor meinen Augen startet. An der Wand vor mir, läuft ein Film. Sam, er liegt im Bett. In einem dieser Gemächer. Alles scheint friedlich. Aber ich bin beunruhigt. Sam, er muss aufpassen. Er ist alleine, wer soll ihn denn schützen, wenn etwas passiert.
      Meine Anspannung steigt, als eine dunkle Figur auftaucht. Wer ist das, was macht er.
      Mir wird warm. Mir wird heiß. Die Hitze tut weh auf meiner Haut. Was passiert.
      Sam, pass auf.
      Hinter mir entfacht ein Feuer, es ist so unerträglich heiß. Sam, wach auf, renn weg. Es ist so heiß.
      Das Feuer bahnt sich einen Weg um mich herum, es geht auf Sam zu. Das Zimmer fängt an zu brennen. Sam, du musst aufwachen, ich weiß nicht, was hier passiert. Sam!
      Ich versuche zu schreien, ich muss ihn aufwecken, er muss mich hören, Sam, du musst mich hören, bitte wach auf, der Mann, das Feuer!
      Ich muss aufstehen, ich muss zu ihm. Mit aller Kraft reiße ich mich aus dem Stuhl, ich bin stärker als dieser lächerliche Geist. Oder was auch immer er ist. Ich kann stärker sein. Ich renne auf die Wand zu und stehe plötzlich mittendrin, ich bin im Zimmer.

      „Sammy! Ich bin hier, ich lasse dich nicht alleine!“
      Ich will zu ihm rüber rennen, aber der schwarze Mann hält mich zurück, er schleudert mich an eine Wand, seine mentale Stärke presst mich gegen die dreckige Mauer.

      „Sam, pass auf“, presse ich zwischen den Zähnen heraus.

      Aber der Mann legt seine Hand auf Sams Brust. Was macht er da, er tut ihm weh, Sammy, sein Gesicht ist schmerzverzerrt. Warum wachst du nicht auf.

      Es ist so heiß.
      Überall ist Feuer, ich schwitze so sehr, ich kann kaum atmen, die Hitze schnürt mir die Kehle zu, der Rauch, ich spüre, wie er meinen Körper vergiftet.

      Dad, wo bist du, Sam braucht deine Hilfe!
      Ich brauche deine Hilfe.

      Dad, wo bist du?

      „Dad.“

      „Dad! Ich brauche deine Hilfe!“

      „Dad, bitte! Hilf mir!!“

      „DAD! BITTE HILF MIR! DAD! WO BIST DU?!“, Dean Winchester hörte nicht auf im Schlaf zu schreien, John versuchte schon seit Minuten den kleinen Jungen von seinem Albtraum zu erlösen.
      „Dean, wach auf!“
      Aber nichts schien zu helfen, dem Vater blieb nichts anderes übrig, als ihm eine volle Ladung Wasser ins Gesicht zu kippen, davon sollte er munter werden.

      Im ersten Moment kam keine Reaktion. Dean lag ruhig da und nur langsam öffneten sich seine Augen. Mit einem Schlag kam der 8-jährige zum vollen Bewusstsein zurück und setzte sich auf.

      „Dad! Wo ist Sam, da ist ein Mann, er will ihm wehtun!“ Sein Blick zielte augenblicklich zum Bett neben ihm. Leer?!

      „Da drüben schläft er“, John zeigt auf die Couch vor dem Fernseher des Motelzimmers, „Es geht ihm gut, hier ist kein fremder Mann. Hier ist nichts, das dir Angst machen kann.“

      Nichts, das mir Angst machen kann.

      „Dad?“
      „Ja, Sohn?“

      „Dieses Tagebuch unter deinem Kopfkissen.. Sind diese Dinge echt?“


      -Ende-
    • Blutige Legende

      Obwohl ihr Flieger bereits vor über einer Stunde landete und Dean seitdem wieder festen Boden unter den Füßen spürte, wirkte er unverändert blass um die Nase. Monstern, Dämonen und selbst ausweglosen Situationen stellte er sich furchtlos entgegen, jedoch als Passagier eines Flugzeugs verwandelte er sich in einen jämmerlichen, bibbernden Angsthasen.
      „Ich frage mich immer noch, warum WIR den Fall übernommen haben“, maulte er. „Sind in Schottland plötzlich alle Jäger ausgestorben?“

      „Dean, hat der Flug deine Gehirntätigkeit lahmgelegt?“ Unmittelbar passte sich Sams Mimik seiner empfundenen Verwunderung an. „Du weißt doch, dass wir Michael McFarlane einen Gefallen schulden. Er wollte sich selber um das Problem kümmert, aber mit einem gebrochenen Bein ist das nicht möglich. Außerdem war der Plan, dass wir nach dem Job in Crowleys menschlicher Vergangenheit rumstochern. Vielleicht finden wir etwas, das wir gegen den Bastard verwenden können.“

      „Danke für den Vortrag, Sam. Natürlich weiß ich das.“

      Die Gründe für ihren Aufenthalt in Schottland konnte er voll und ganz nachvollziehen, aber das Fliegen setzte ihm einfach extrem zu. Nur der bloße Gedanke an den Rückflug genügte, um eine neue Panikattacke in Gang zu setzen. Unbewusst krampften sich seine Hände um das Lenkrad des Mietwagens, den er auf einer schmalen Straße durch eine hügelige, sattgrüne Wiesenlandschaft lenkte. Er seufzte und versuchte durch Summen eines Rocksongs Ablenkung zu finden.

      Nur wenige Meilen später legten die Jäger einen Zwischenstopp ein, bei dem sie sich mit Ausrüstungsgegenständen, Munition und Waffen eindeckten. Dass alles bereitstand, dafür hatte ihr schottischer Jägerkollege vom Krankenbett aus gesorgt. Schnellstmöglich setzten sie ihre Fahrt fort und endlich kurz nach Einbruch der Abenddämmerung tauchte am Horizont der Endpunkt ihrer Reise auf: Castle Fraser. Davor angekommen, parkten sie ihr Fahrzeug auf einem riesigen jedoch komplett leeren Parkplatz und traten den kurzen Fußweg zum Eingang an. Mit entsprechendem Einbruchswerkzeug und dank Sams Geschick verschafften sie sich Zutritt. Die Tür schwang auf und vor ihnen präsentierte sich ein beeindruckender Eingangsbereich mit historischem Flair. Dean ließ seinem Bruder den Vortritt, folgte ihm aber unmittelbar, während er sich zu allen Seiten umsah.

      Um das Schloss in der Region Aberdeenshire rankte sich eine Legende. So hieß es, dass vor mehreren Jahrhunderten eine junge Prinzessin im sogenannten „Grünen Raum“ ermordet und ihr toter Körper eine steinerne Treppe hinuntergeschleift wurde. Da nichts und niemand die hinterlassene Blutspur entfernen konnte, erhielten die Treppenstufen eine Holzverkleidung.

      In der Vergangenheit existierten einige, allerdings sehr unglaubwürdige Augenzeugenberichte über die Sichtung einer Spukgestallt. Hingegen blieben Meldungen über andere paranormale Aktivitäten aus. Dies änderte sich schlagartig, nachdem das Schloss verkauft wurde. Castle Fraser wechselte dabei nicht nur den Besitzer sondern auch seine Verwendung. Aus dem ehemaligen Herrschaftssitz des Earl Of Fraser wurde ein Ferienhotel der besonderen Art. Hier sollten Touristen wohnen und auf gespenstische Art in Angst und Schrecken versetzt werden. Jede Menge technische Tricks und Auftritte von speziell dafür engagierten Schauspielern sollten für die nötige gruselige Note sorgen.

      Bereits während der Umbaumaßnahmen häuften sich äußerst ungewöhnliche Vorfälle und Unfälle. So verschwanden beispielsweise an einem Baugerüst, das noch fünf Minuten vorher eine Sicherheitsabnahme bestanden hatte, zeitgleich mehrere Schrauben. Das Gerüst brach zusammen und zwei Arbeiter stürzten herunter. Zum Glück nicht tief. Ein weiterer Sturzunfall ereignete sich sogar auf der besagten holzverkleideten Treppe. Außerdem kamen Werkzeuge, die noch Sekunden vorher benutzt wurden, abhanden. Baumaschinen schalteten sich von alleine ein, sogar solche, die nicht am Stromkreis hingen.

      Letztendlich spielte der Hoteleigentümer alle Ereignisse herunter und die Eröffnung erfolgte planmäßig. Der Hotelbetrieb konnte für genau 24 Tage aufgenommen werden. Nachdem die rätselhafte Unfallserie immer ernsthaftere Ausmaße annahm und sogar gezielte Angriffe gemeldet wurden, geriet der Hotelbesitzer derart unter Druck, dass er sein Eventhotel schließen musste. Dies lag nun rund drei Wochen zurück.

      „Echt krasse Hütte!“ Deans faszinierter Blick glitt durch die altehrwürdige Eingangshalle. „Genau so habe ich mir ein schottisches Schloss vorgestellt.“
      Dunkles Holz mit aufwändigen Schnitzarbeiten dominierte sowohl bei den Möbeln wie beim Material für Wand- und Deckenvertäfelungen sowie für die breite Treppe. Der Treppenaufgang wurde von zwei mit Schwertern bewaffneten Ritterrüstungen flankiert. Aus jahrhundertealten Gemälden schauten Vorfahren des heutigen Earl Of Fraser auf die beiden Brüder hinab, derweil die letzten Strahlen Tageslicht durch bleiverglaste Fenster ins Innere drangen.

      Für kurze Zeit fühlte sich Dean in die Ritterzeit zurückversetzt und verspürte dabei einen leichten Anflug von geradezu kindlicher Begeisterung. Doch schnell kehrte er in die Gegenwart zurück und richtete seine volle Aufmerksamkeit auf den Grund ihres Aufenthaltes. Die Erledigung eines Jobs wartete auf sie.
      „Sam, lass uns für Strom sorgen, bevor es hier zappenduster wird.“
      „Ja, Chef“, feixte dieser und schnitt seinem älteren Bruder eine kecke Grimasse.

      Im Erdgeschoss hinter einer Tür mit der Aufschrift „Technikraum“ fanden sie Schaltpulte und Sicherungskästen in geradezu erschreckender Vielfalt und Anzahl. Wie so oft legte der jüngere Bruder seine Stirn in Sorgenfalten. „Heilige Scheiße! Woher sollen wir wissen, was wir anschalten müssen, um Licht zu bekommen?“
      „Keine Ahnung, Sam. Schalten wir einfach alles ein.“
      Nach und nach legten sie die Schalter um, bis im gesamten Erdgeschoss, in den Treppenaufgängen und Korridoren alle Lampen brannten. Auch die Gästezimmer und Serviceräume wurden mit Elektrizität versorgt. Nun stand einer Schlossbesichtigung nichts mehr im Weg und Dean besaß bereits einen Plan.
      „Schauen wir mal, ob wir es mit der Geisterprinzessin oder etwas anderem zu tun haben. Als erstes will ich alle Orte sehen, an denen es Unfälle und Angriffe gab.“
      „Dann lass uns in der Küche anfangen, die ist direkt um die Ecke“, schlug Sam sogleich vor.

      In der gigantischen Hotelküche ereigneten sich zwei Unglücksfälle. An einem Unfall waren ein Mixer mit scharfem Messerwerkzeug sowie der Chefkoch beteiligt. Gerade, als seine Hand das Schneidwerkzeug greifen wollte, um dieses zu wechseln, lief die Maschine an. Der Mann büßte die vorderen Glieder von drei Fingern ein. Wieso der Mixer für das Gemetzel sorgte, obwohl der Koch zuvor den Stecker gezogen hatte, blieb ein Rätsel.

      Der zweite mysteriöse Unfall ereignete sich, als ein Küchengehilfe Feldsalat in kaltem Wasser säuberte. Später erklärte er, dass sich das zuvor eiskalte Wasser von jetzt auf gleich in Kochendheißes verwandelt hatte. Mit schweren Verbrühungen an beiden Händen und Unterarmen musste er im Krankenhaus behandelt werden.

      Beide Unfallopfer sagten unabhängig voneinander aus, dass kurz vor dem Vorfall die Raumtemperatur extrem absank, so dass sie ihren eigenen Atem sehen konnten.

      Die Winchesters betraten gleichzeitig den Ort dieser bizarren Geschehnisse. Dabei öffnete jeder einen Flügel der zweigeteilten Edelstahl-Schwingtür.
      „Sam, der Temperaturabfall hört sich verdammt nach Geist an.“
      „Ja, das ist ein absolut klassisches Anzeichen“, pflichte ihm sein Bruder bei.
      Zusammen durchsuchten sie die Küche sowie die angrenzenden Lagerräume. Dabei begegnete ihnen weder Übernatürliches noch ließ der Ausschlag ihres EMF Detektors darauf schließen. Als nächstes einigten sie sich darauf, den Frühstücksraum aufzusuchen.

      „Ich werde zukünftig einen riesen Bogen um Staubsauger machen. Ich packe nie wieder einen an.“ Mit dieser Bemerkung spielte Dean auf Vorkommnis Nummer drei an.
      Beim Staubsaugen des kleinen Speisesaals wickelte sich das Stromkabel wie von Geisterhand um den Hals einer Hotellangestellten und zog sich zu einer Schlinge zu. Dank des schnellen Eingreifens eines Kollegen, der das Kabel durchschneiden und lösen konnte, wurde Schlimmeres verhindert. Sowohl der Helfer wie auch die Betroffene berichteten von einem drastischen Abfall der Umgebungstemperatur.

      In Sams Stimme schwang ein Unterton, der eindeutig in die Kategorie „Alter, rede kein Blech“ gehörte, als er erwidert: „Dean, tu doch nicht so, als ob du jemals einen Staubsauger in der Hand hattest.“
      „Und ich weiß jetzt auch wieso“, konterte Dean und zwinkerte seinem Bruder frech zu.
      Sofort nach diesem kleinen Wortgefecht, kehrte wieder Ernsthaftigkeit ein. Aber egal, wie sehr sie sich bemühten, auch im Frühstückszimmer stellten sie nichts fest, was ihre Ermittlungen vorantrieb.

      „Jetzt bleiben nur noch der ‚Grüne Raum‘ und die Treppe.“ Vom bisherigen Verlauf ihrer Nachforschung zeigte sich Dean alles andere als begeistert. „Wie ich dich kenne, weißt du, wo der Raum ist, Collegeboy.“
      „Aber selbstverständlich.“
      Der ältere Winchester musste sich von seinem Bruder ein überlegenes Grinsen gefallen lassen. Beide schulterten ihre Tasche und Sam ging voraus. Zunächst führte er sie ins Obergeschoss. Dort angekommen, mussten sie den gesamten Flur durchqueren. Etwa die Hälfte des Korridors lag bereits hinter ihnen, als Dean etwas aus dem Augenwinkel wahrnahm, das seine Jägerinstinkte weckten. Nur einen Augenblick später sprang unter markerschütterndem Geheule eine Geistergestallt auf sie zu. Mit einer schnellen, geübten Bewegung griff er seine Waffe und schoss.

      „Super Schuss Dean! Du hast das das Betttuchgespenst direkt in die Elektrik getroffen. Der ist hin.“
      Lachend begutachtete Sam den Schaden, den sein schießwütiger Bruder verursachte. Das Steinsalzgeschoss hatte das weiße Tuch durchschlagen und ein ansehnliches Loch hinterlassen.
      „Lach nur Sam. Woher soll ich wissen, dass hier ein Touristen-Erschrecker lauert. Der Geist hätte auch echt sein können.“
      „Ist schon okay, Dean. Aber dir ist klar, dass wir vorhin im Technikraum nicht nur das Licht angeschaltet, sondern den gesamten Geisterrummel in Gang gesetzt haben. Niete nicht das gesamte Inventar um.“
      „Alter, ich schieße lieber einmal zu viel als zu wenig.“ Die Art, in der er dies kundtat, unterstrich die Ernsthaftigkeit seiner Äußerung.
      Zügig setzten sie sich wieder in Bewegung und erreichten ohne weitere gespenstische Attraktionen ihr Ziel.

      Das „Grüne Zimmer“ wurde vor sechseinhalb Wochen zum Schauplatz eines Angriffs. Blutflecken auf der Auslegeware belegten dies und waren mit ein Grund dafür, dass das Zimmer danach nicht mehr vermiete wurde. Der attackierte Hotelgast gab bei seiner Vernehmung zu Protokoll, dass eine Holzstatue auf ihn zu schwebte, um anschließend heftig auf ihn einzuprügeln. Ein Fluchtversuch scheiterte, da er die Zimmertür nicht öffnen konnte. Schließlich ging er blutüberströmt, mit vielen Prellungen, Platzwunden, einer Gehirnerschütterung und gebrochenen Handknochen zu Boden. Ein Zimmermädchen, das eine halbe Stunde später das Zimmer betrat, fand den Bewusstlosen und holte Hilfe. Die Aussage des Angriffsopfers brachte ihn vorübergehend in psychiatrische Behandlung. Die Winchesters hingegen glaubten jedes Wort.

      „So ein Mist! Das kann doch nicht sein!“ Dean wirkte nicht nur aufgebracht, nein, er war es auch. „Es muss doch irgendeinen beschissenen Hinweis geben. Auch in dem Zimmer haben wir nichts gefunden.“
      „Wir wollten uns noch die Bluttreppe anschauen“, brachte Sam in Erinnerung und versuchte das Gezeter seines Bruders zu ignorieren.
      „Ich hoffe, das bringt uns weiter.“ Missmutig stapfte Dean hinaus auf den Flur. Zumindest brauchten sie nicht weit zu laufen, denn die Treppe befand sich direkt neben dem „Grünen Zimmer“.

      Gemäß einer Überlieferung, auf die Sam bei seiner Recherche gestoßen war, sollte sich das Blut auf den obersten Elf der insgesamt siebzehn Stufen befinden. Um diese zu überprüfen, musste die Holzverkleidung runter. Dean, ein Mann der Tat, nahm ein Stemmeisen aus seiner Ausrüstungstasche und bearbeitete damit die oberste Stufe. Es schien, als ließe er all seinen aufgestauten Unmut an der Treppenverkleidung aus. Zunächst splitterte das Holz, bevor es sich in mehreren Teilstücken löste. Eine Stufenverkleidung nach der anderen besaß keine Chance gegen diese brachiale Abrissmethode. Nach über der Hälfte wechselte das Werkzeug in Sams Hände. Dieser setzte die Arbeit fort, bis schließlich alle Steinstufen freilagen.

      „Auf den elf Stufen ist tatsächlich etwas eingetrocknet“, stellte der jüngere Winchester nach einer Begutachtung aus nächster Nähe fest. „Ich habe uns ein spezielles Lösemittel besorgen lassen. Zum einen weist man Blut damit nach und zum anderen entfernt man es damit.“
      Eine großzügige Menge der zähflüssigen Flüssigkeit wurde von Sam auf einer Stufe verteilt. Nach einer Einwirkzeit von fünf Minuten wischte er mit einem Tuch über die Oberfläche und zurück blieb eine porentief gereinigte Steinstufe.
      „Die Farbreaktion hat eindeutig den Nachweis auf Blutspuren erbracht. Wenn Blut auf Steinoberflächen eintrocknet, ist es verdammt schwer zu entfernen. Aber die moderne Chemie macht es möglich!“ In seiner Stimme lag ein Hauch von Triumph und sein Lächeln unterstrich dies. „Dass die früher die Blutrückstände nicht loswurden, hat nichts mit Spuk zu tun. Die Reinigungsmittel waren einfach schlechter als heute.“

      Gerade packte Sam den Reiniger und Lappen zurück in seine Tasche, als ihm Dean hektisch auf die Schulter tippte.
      „Wow! Alter, das muss du dir anschauen.“ Der ältere Winchester klang völlig verblüfft und die gleiche Emotion stand ihm ins Gesicht geschrieben.
      Blutrote Flüssigkeit schien langsam aus dem Inneren der Stufe nach außen zu dringen. Der zuvor ausgemerzte Fleck wurde in absolut identischer Form nachgebildet. Mehr als überrascht schauten sich die Brüder gegenseitig an.
      „Das gehört eindeutig nicht zu den touristischen Gruseltricks“, lautete Deans Resümee. „Sam, du hast den EMF Detektor. Lass mal sehen, ob er was anzeigt.“
      Der jüngere Bruder brauchte das Gerät nur in die Nähe der rätselhaften Treppenstufe zu halten und schon schlug die Anzeige bis ins Maximum aus.

      „Bingo!“ Schlagartig wurde bei Dean Begeisterung geweckt. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich einen ‚Fleck-weg-und-zosch-wieder-da‘ Spuk live miterlebe. Jetzt wissen wir, dass die Geisterprinzessin nicht nur eine Legende ist. Allerdings verstehe ich nicht, warum sie hunderte von Jahren die Füße stillhält, dann auf einmal austickt und Menschen angreift.“
      „Vielleicht passt ihr nicht, was hier passiert. Der Bauarbeiter, der an dieser Treppe stürzte, sagte aus, eine junge Frau in altmodischer Kleidung hätte ihn heruntergestoßen. Vorher rief sie mächtig angepisst ‚verschwindet ihr Gesindel‘.“
      „Ein Geist, der seine Ruhe haben will? Okay, warum nicht. Bei dem bescheuerten Geisterhotel-Gedöne kann ich das sogar gut verstehen. Dr. Watson, was weißt du über die Prinzessin?“
      Erwartungsvoll blickte Dean das Recherche-Genie an, jedoch hatte Sam trotz intensiver Nachforschungen nahezu nichts vorzuweisen und klang nun fast entschuldigend. „Sie hieß Anne, ist rund 450 Jahre tot und ihre Leiche wurde nie gefunden.“
      „Das ist gar nicht gut, denn ohne Leiche haben wir nichts zum Verbrennen.“
      „So sieht es aus. Es gibt allerdings Gerüchte, dass ihre Leiche niemals das Schloss verlassen hat. Ich weiß, dass uns das auch nicht weiterbringt.“ Ein Schulterzucken unterstrich Sams Ratlosigkeit.

      Mit grüblerischem Gesichtsausdruck starrte Dean den Gang entlang ins Leere. Zunächst drehten sich seine Überlegungen fortwährend im Kreis, doch dann durchbrach er seine Gedankenblockade.
      „Wenn ich mich richtig erinnere, gab es während der Bauarbeiten in den ersten zwei Monaten keine Unfälle. Wann passierte der Erste?“
      Sofort durchwühlte Sam seine Tasche und holte einen Packen Notizzettel heraus. Die meisten ihrer Informationen hatte Michael McFarlane zusammengetragen, bevor ihn ein Beinbruch schachmatt setzte. Der jüngere Winchester blätterte vor und zurück, bis er die richtige Textstelle fand.
      „An dem Tag als die Arbeiten im Keller starteten. Das war der Treppensturz.“
      „Steht da, was im Keller gemacht wurde?“
      Erneut suchte Sam nach dem entsprechenden Hinweis. „In einem Kellerraum wurde der Boden freigelegt, um Leitung verlegen zu können.“
      „Vielleicht haben sie dabei Dornröschens Ruhe gestört“, mutmaßte Dean. „Wo befindet sich dieser Kellerraum?“
      „Wir müssen diese Treppe runter.“ Der jüngere Bruder deutete mit dem Zeigefinger auf die Spuktreppe. „Das passt auf jeden Fall ins Bild.“

      Wortlos verständigten sich die Brüder. Fast zeitgleich griffen sie in ihre Taschen und begaben sich hinab in den Keller. Schnell war der richtige Kellerraum gefunden. In diesem hatten die Bauarbeiter den Boden, der aus verfestigter Erde bestand, freigelegt. Aufgelockerte Stellen zeugten davon, dass dort Aushubarbeiten vorgenommen worden waren.
      Unter seufzen verkündete Dean: „Ich sage es ungern, aber nun heißt es graben und wahrscheinlich verdammt viel graben.“
      Da sie einen Geisterangriff nicht ausschließen konnten, legten sie mehrere Gewehre mit Steinsalzgeschossen bereit. Danach griffen beide zum Spaten und legten los.

      Sie gruben bereits seit weit über einer Stunde, als ein kleiner Gegenstand Sams Aufmerksamkeit weckte. Er hob ihn vom Boden auf, befreite ihn von Erde und erkannte, worum es sich handelte.
      „Dean, ich habe einen Haarkamm, so einer zum ins Haar stecken, gefunden. Der sieht ziemlich alt aus.“

      Augenblicklich trat der ältere Winchester näher, nahm seinem Bruder den silbernen Zierkamm aus der Hand und betrachtete ihn. „Wo hast du ihn gefunden?“
      Sein Bruder deutete auf eine Stelle, an der von da an beide Winchesters weitergruben. Der erste Knochenfund ließ nicht lange auf sich warten. Genau in dem Moment, in dem Dean auf den ersten Knochen stieß, verwandelte sich die ohnehin kühle Umgebung in tiefwinterliches Klima. Er blickte auf und sah seinen Atem als Dampf aufsteigen.
      „Sam, es sieht so aus, als hätten wir ihr Grab gefunden.“
      Mit vereinten Kräften legten sie in den nächsten 20 Minuten das komplette Skelett frei.

      Über die gesalzenen, sterblichen Überresten goss Sam eine ausreichende Menge Spiritus. Bevor er diesen entzündete, ging Dean mit einer der Schusswaffen in Stellung. Auch wenn die Spukgestalt bisher nicht in Erscheinung trat, die Erfahrung lehrte sie: Wenn es Geistern an die Knochen ging, dann konnten diese extrem aggressiv reagieren. Kaum züngelten die Flammen an dem Skelett entlang, bewahrheiteten sich ihre Befürchtungen. Hysterisch aufschreiend stürzte die plötzlich erscheinende Geisterprinzessin auf Sam zu, doch Deans zielsicherer Schuss erwischte sie sofort. Sie löste sich auf, um wenige Sekunden später nochmals aufzutauchen und erneut schoss der ältere Winchester.

      „Verdammt! Der Geist müsst längst abgeraucht sein“, fluchte Dean.
      Schlagartig fiel Sam ein, dass sie unverzeihlicher Weise etwas Entscheidendes völlig außer Acht gelassen hatten. „Das Blut auf der Treppe müssen wir auch abfackeln!“
      „Meinst du das funktioniert?“ Dean hegte große Zweifel.
      „Keine Ahnung“, lautet Sams wenig ermutigende Antwort.
      Schnell griffen beide ihre Gewehre, eine Tasche mit Munition, Salz sowie Spiritus und abermals waren Deans Schießkünste gefordert. Bis zur Treppe feuerten sie acht Schüsse ab. Wieder gab Dean seinem Bruder Deckung, während sich dieser in Windeseile um die Verteilung von Salz und Spiritus kümmerte. Dann folgte der Moment, der über Erfolg oder Misserfolg entschied. Ausgehend von der untersten Stufe, krochen die Flammen die Steintreppe hinauf. Noch einmal zeigte sich der Geist der Prinzessin. In verzehrendes Feuer getaucht, wand sie sich wie in einem Todeskampf, um als nächstes für immer zu vergehen.

      „Nun gibt es hier nur noch elektronisch gesteuerte Geister“, verkündete Dean.
      „Zumindest die, die du noch nicht erschossen hast.“ Feist grinste Sam seinem Bruder entgegen, der schmollend erwidert: „Sehr witzig, Sammy.“
      Sie packten ihre Ausrüstung zusammen und verließen das Schloss. Gerade als sie das Eingangsportal durchschritten, kündeten erste Sonnenstrahlen den Anbruch eines neuen Sommertages an. Jetzt, ohne Ablenkung durch den Job, überkamen Dean Gedanken an den Heimflug. Sie lösten eine neue Angstattacke aus und trieben ihn zur Formulierung einer wahnwitzigen Idee.
      „Sollen wir nicht in Schottland bleiben? Auch hier werden Jäger gebraucht und es gibt richtig guten Whiskey.“

      Sam kannte seinen Bruder gut genug, um in ihm wie in einem offenen Buch lesen zu können. „Nein Dean, wir bleiben nicht hier. Wir durchleuchten Crowleys Vergangenheit und den Rückflug wirst du genau wie den Hinflug überleben.“

      ENDE
    • Dankeschön an unsere 3 Kontrahenten. Eure Stories sind allesamt toll! Das Voting könnte jedoch eindeutiger nicht sein:


      Gewinner dieser Challenge
      DER FLUCH VON WESTWOOD MANOR by Lucy
      [IMG:http://img5.fotos-hochladen.net/uploads/blumenstrau2w58j0n4b3k.png]

      und den zweiten Platz teilen sich sportlich
      FAMILIENGEHEIMNIS by McJanson
      BLUTIGE LEGENDE by Leonie


      Glückwunsch an alle!

    • Herzlichen Glückwunsch zum ersten Platz Lucy, *rose* und ebenfalls herzlichen Glückwunsch an Leonie *rose* und McJanson *rose*!
      "A life is like a garden. Perfect moments can be had, but not preserved, except in memory.LLAP"
      “Don’t you dare think there is anything, past or present, that I would put in front of you.”


      *rose* Sig by angelinchains
    • Glückwunsch an euch alle. Ich muss gestehen ich habe die Geschichten nicht gelesen, da ich da generell nicht so für zu haben bin. Aber alleine dafür dass ihr euch die Mühe gemacht habt, euch etwas auszudenken und das umzusetzen gehört euch ein virtueller Blumenstrauß überreicht *rose*
      Liebe Grüße, Tanja

      Avatar & Sig by angel- Daaaanke für das tolle Set

      Events 2017 / 2018:
      Dystopia / März 2017
      Medieval Fantasy Convention / August 2017
      Lunar Eclipse Reunion / Dezember 2017
      Dystopia 2 - April 2018