Sonstige - The Secrets of Gilgrim Castle - completed

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    • Sonstige - The Secrets of Gilgrim Castle - completed

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      Autor:
      angelinchains
      Rating:
      FSK 16
      Genre:
      Mystery/Thriller
      Pairing:
      Het
      Charaktere:
      nur meine
      Disclaimer:
      Die Story und Ihre Figuren gehören mir ganz alleine
      Fortschritt:
      abeschlossen
      Kurzer Inhalt:
      Angela Morgan, eine erfolgreiche Frau, Anfang 30, beschließt eines Tages ihr bisheriges Leben über den Haufen zu werfen und ein neues anzufangen. Sie verläßt London und zieht in ein düsteres Schloss am Land, Gilgrim Castle. Der verwitwete Schlossherr Dorian Asher hat es ihr schwer angetan, aber macht ihr ihren Start und alles andere nicht gerade leicht. Während sie sich vor den Avancen des smarten Reitlehrers Jared Monroe kaum retten kann. Dazu kommen noch die seltsamen Ereignisse ihm Schloss. Was steckt hinter all dem? Ein Spuk, ein Fluch, ein Zauber oder hat Angela einfach nur enorme Einbildungskraft, wie ihr Dorian immer wieder einzureden versucht?
    • Kapitel 1

      Ich bin Angela Morgan, erfolgreich, lebens- und abenteuerlustig. Ich hatte bis vor kurzem ein schickes Apartment in Soho und arbeitete in der Akquisition einer großen Werbeagentur. Ich hab Joe Fanton, meinem ehemaligen Boss, die dicksten Fische an Land gezogen, die man sich vorstellen kann. Das hat mir eine Menge an Provisionen eingebracht und mich anscheinend übermütig werden lassen. Eines Morgens bin ich nämlich aufgewacht und zu dem Entschluss gekommen, es muss im Leben noch mehr geben, als jeden Tag von 9 Uhr morgens bis spät in die Nacht zu schuften, immer im gleichen Trott, wie ein Hamster in seinem Rad.

      Dazu kam noch das Ende einer langjährigen Beziehung, an der ich noch zu knabbern hatte, Josh und ich hatten uns aufgrund von unüberbrückbaren Differenzen, so würde man es jedenfalls in Hollywood nennen, getrennt. Der wahre Grund war seine Bodenständigkeit. Ständig musste alles geplant werden. Vom Gehen auf eine Party, bis zum Urlaub irgendwo unter Palmen. Nie lief irgendetwas spontan. Am Ende nicht mal mehr im Bett. Da war nullachtfünfzehn Missionarsstellung angesagt und sonst nichts. Ich konnte mich gar nicht mehr daran erinnern, wann ich eigentlich meinen letzten Orgasmus gehabt hatte. Ich hatte es einfach satt, ihm ständig in jeder Lebenslage etwas vorspielen zu müssen, ich hatte ihn einfach satt und seine kleinkarierten Ansichten.

      Vielleicht lag es auch an meinem Sternzeichen, ich bin Wassermann. Ein so genannter Free Spirit. Also fing ich an die Zeitungen zu durchforsten. Na viel Abwechslung bot der Stellenmarkt nicht gerade. Mehr als Jux meldete ich mich bei einer Agentur, die Personal in hochherrschaftliche Häuser vermittelte. So, wie die mich dort angesehen haben, waren sie anscheinend nicht ganz von meiner Person überzeugt. Wahrscheinlich kam ich ihnen wie eine gelangweilte Yuppie-Braut vor. Es vergingen einige Monate und ich war kurz davor meine Selbstverwirklichung an den Nagel zu hängen, als ich eines Tages, von eben jener Agentur, einen Termin zu einem Vorstellungsgespräch bekam.

      Ich nahm mir den Tag frei, um mich voll und ganz auf dieses Gespräch vorbereiten zu können. Sie hatten mir eine E-Mail nach Hause geschickt, mit einer kurzen Stellenbeschreibung: Allroundkraft für adeligen Haushalt am Lande gesucht. Tätigkeiten: Archivieren von Büchern und Kunstgegenständen, diverse Sekretariatsagenden. Anforderungen: Organisationstalent, höfliche Umgangsform, Kenntnisse in Französisch und Spanisch, Computerkenntnisse, gepflegte Erscheinung. Gehalt nach Vereinbarung. Für mich hörte sich das perfekt an. Ich wollte schon längere Zeit raus aus London.

      Die Stadt wurde mir zu laut, zu voll. Ich wollte meine Ruhe haben und mir meine Arbeitszeit selbst einteilen können. Ich beschloss auf seriös zu machen. Zog keines meiner farbenfrohen Kostüme, die ich in der Agentur trug an, sondern ein schlichtes graues. Dazu Nylons mit Naht und Pumps mit einem moderaten Absatz. Dann fuhr ich mit meinem Aubergine farbigen Mini Cooper zur angegebenen Adresse. Zu meinem Erstaunen handelte es sich um eine Wirtschaftskanzlei. Ich wurde freundlich von einer Vorzimmerdame begrüßt und musste ungefähr zehn Minuten warten.

      Dann wurde ich vorgelassen, zu einem Mr. Henry Smythe.

      "Guten Tag Miss", er kramte kurz in seinen Unterlagen, "ah, ja, Morgan. Miss Morgan. Nehmen sie doch bitte Platz. Möchten sie vielleicht eine Tasse Tee oder Kaffee?"

      Ich nahm den Tee. Smythe war ein älterer, sehr gepflegter, Herr so um die fünfzig. Er trug einen makellos, sicher sündteuren, Maßanzug in grauem Nadelstreif.

      "Miss Morgan ihre Bewerbung hat mich neugierig gemacht. Wie ich dieser entnehme, arbeiten sie in einer der renommiertesten Werbeagenturen Londons, in einer sehr guten Position. Was veranlasst sie, ihr Leben dermaßen auf den Kopf zu stellen, denn das würden sie tun, wenn sie für die ausgeschriebene Stelle in Betracht kommen."

      Ich räusperte mich, rückte meinen Sessel zurecht und zählte ihm meine zahlreichen Beweggründe auf.

      Als Akquisiteurin einer Werbeagentur, wusste ich, wie ich mich zu verkaufen hatte und er schluckte meinen Köder.

      "Wie ich sehe, hatten ihre Eltern eine Buchhandlung, in der sie auch eine zeitlang beschäftigt waren, welche Art Bücher haben sie denn so geführt?"

      Wieder ratterte ich die mir vorher zurecht gelegten Antworten herunter. Seinem Gesichtsausdruck nach, hatte ich den Job zu neunzig Prozent in der Tasche.

      "Ich muss sagen, von den sieben Kandidaten, die ich bisher gesehen habe, entsprechen sie am Meisten. Nicht nur aufgrund ihres Lebenslaufes, sondern aufgrund ihres gesamten Auftretens. Ich bin begeistert."

      Er setzte sich eine Lesebrille auf die Nase.

      "Ich werde Lord Asher von den Ergebnissen der Bewerbungsgespräche in Kenntnis setzen. Das heißt, ich rechne noch heute Abend mit einer Entscheidung.

      "Wann werde ich dann mit Lord Asher persönlich sprechen können, um mich ihm vorzustellen?" fragte ich neugierig.

      Er blickte mich über den Rand seiner Brille hinweg an, "gar nicht, er hat mir freie Hand bei der Personalauswahl gegeben Miss Morgan."

      Dann lächelte er charmant. Toll, das bedeutete, ich würde meinen zukünftigen Arbeitgeber erst kennen lernen, wenn ich die Stelle antrat.

      Smythe drückte mir ein Blatt in die Hand.

      "Hier können sie sich schon mal einen kleinen Überblick über die Tätigkeiten von Lord Asher verschaffen. Wenn sie den Job bekommen, müssen sie ins Schloss ziehen. Keine Sorge es ist ein großes Anwesen mit vielen Zimmern. Man würde sie sicher gut unterbringen. Wäre das ein Problem?"

      "Nein, absolut nicht", sagte ich schnell.

      "Wie viele Personen umfasst denn der Haushalt?"

      "Lord Asher hat eine Haushälterin, einen Butler und einen Gärtner und zweimal in der Woche kommt noch ein junges Mädchen aus dem Dorf zum putzen", erklärte er.

      "Hat er denn keine Familie?"

      Der Blick über den Brillenrand wurde düster, "er war verheiratet, seine Frau und sein dreijähriger Sohn sind vor knapp einem Jahr bei einem Autounfall tödlich verunglückt. Er hat den Unglückswagen gefahren. Durch ein Wunder kam er mit dem Leben davon. Sie sollten es tunlichst vermeiden, ihn auch nur im Geringsten darauf anzusprechen. So, ich bin soweit fertig, sie haben alles was sie benötigen? Noch Fragen?"

      Ich verneinte.

      "Dann hören wir uns heute Abend, so gegen zwanzig Uhr. Sein sie bitte erreichbar."

      Wir verabschiedeten uns und ich verließ die Kanzlei.

      Puh, meiner Meinung nach, hatte ich den Job schon in der Tasche und mir damit was schönes eingebrockt. Ein verwitweter Lord, der noch dazu am Tode seiner Liebsten selber Schuld war, allein in einem Schloss, umgeben nur von seinen Bediensteten und zukünftig auch mir. Mich schüttelte es kurz bei diesem Gedanken. Ich lenkte mich mit ein wenig Shopping ab, rief Carla an, die, wie ich wusste, schon längere Zeit ein Auge auf mein Apartment geworfen hatte, vereinbarte mit ihr einen Termin für den nächsten Tag und ging dann zum Lunch. Der Tag war im Nu um. Punkt zwanzig Uhr klingelte mein Telefon.

      "Mrs. Morgan? Ich bin es, Henry Smythe, guten Abend."

      Das Herz schlug mir bis zum Hals.

      "Guten Abend Mr. Smythe, wie sieht’s aus?"

      "Wie ich es mir gedacht habe, er ist mit meiner Auswahl vollkommen einverstanden. Sie könnten am dreizehnten November beginnen, das wäre in knapp vier Wochen. Reicht ihnen die Zeit, um die Brücken in London abzubrechen?" er lachte, als er das sagte.

      "Absolut, ich danke ihnen für das Vertrauen, dass sie in mich setzen."

      "Ich schicke ihnen den Arbeitsvertrag mit der Post zu, sie können ihn mir dann jederzeit vorbeibringen oder auch per Post retournieren. Auf Wiedersehen Miss Morgan und noch einen schönen Abend."

      "Auf Wiedersehen Mr. Smythe", sagte ich und legte auf.

      Ich war so glücklich, ich hätte die ganze Welt umarmen können. Um meinen neuen Job zu begießen, holte ich eine Flasche Lambrusco aus dem Weinregal. Ich machte es mir auf der Couch bequem und nahm den Zettel, den mir Smythe gegeben hatte, zur Hand.

      Lord Dorian Asher stand da, in fein säuberlichen Lettern, geboren am 1. März 1978, also war er Fisch und fünf Jahre älter als ich. Fein, schon mal ein guter Anfang. Weiter im Text. Er ist Besitzer von Gilgrim Castle und handelt mit Antiquitäten und seltenen Büchern. Kohle muss der Knabe demnach wie Heu haben. Wahrscheinlich konnte er sie im Keller schaufeln.

      Dann gab es noch einige Informationen zu seinem Werdegang, Studium der Philosophie und der Rechtswissenschaften an renommierten Unis in Europa und in Übersee, er hatte eine zeitlang als Dozent gearbeitet, bis er vor 6 Jahren Lady Natasha Gilgrim geehelicht hatte. Boing, er hat sich das Schloss erheiratet. Auch gut. Ich überflog die nächsten Zeilen, es stand nichts weltbewegendes mehr drinnen. Auch der Unfall war hier nicht erwähnt. Nur eine kurze Bemerkung darüber, dass er verwitwet war. Ich hatte bereits drei Gläser Lambrusco intus und der Alkohol tat seine Wirkung, meine Augenlider wurden immer schwerer. Meine Hand mit dem Zettel glitt vom Sofa.

      Ich träumte von einem Gruselschloss und einem gruseligen Schlossherrn. In meinem, von Alkohol benebelten Gehirn entspannen sich wirre Phantasien von wehenden Vorhängen, alten Gemälden und düsteren Figuren. Ich lief, bekleidet mit einem schleierähnlichen Nachthemd, das im Luftzug dahin wehte, durch einen schier endlosen Gang. Ich wurde verfolgt von einem Mann, der einer gewissen Ähnlichkeit mit Christopher Lee als Graf Dracula nicht entbehrte. Blut rann aus seinen Mundwinkeln. Auf einmal war ich gefangen. Der Gang war eine Sackgasse. Ich konnte nicht mehr aus. Graf Dracula warf sich auf mich, wie gelähmt starrte ich in seine blutunterlaufenen Augen. Dann biss er mich in den Hals.

      Schreiend fuhr ich in die Höhe und griff mir sogleich an meine Halsschlagader. Kein Blut, keine Bissspuren. Amen! Zweifelnd hob ich die Flasche Lambrusco und stellte sie kopfschüttelnd wieder ab. Ich sollte mir eindeutig weniger Horrorfilme ansehen und weniger "John Sinclair" lesen. Leicht benommen ging ich in mein Schlafzimmer und legte mich ins Bett. Der Spuk ließ mich nicht los. Ich träumte weiter von Geistern und Fledermäusen und anderen abartigen Dingen.

      Als mich am nächsten Morgen, die letzten herbstlichen Sonnenstrahlen aus dem unruhigen Schlaf rissen, schwor ich mir, nie wieder zu so später Stunde Lambrusco zu trinken.

      Mein Treffen mit meiner Freundin Carla war ein voller Erfolg. Meine Kündigung bei meinem Boss weniger.

      "Wie kannst du mir das nur antun Angela? Wo soll ich denn so schnell Ersatz für dich herbekommen? Das ist unmöglich!" raunzte er mich an.

      Nach eineinhalb Stunden hatte er mich soweit, dass ich mich dazu bereit erklärte, als Consultant weiterhin für die Agentur tätig zu sein. Das sagte ich auch Mr. Smythe, als ich ihm am übernächsten Tag meinen unterzeichneten Vertrag vorbeibrachte. Er hatte keine Einwände dagegen, so lange es nicht meine Tätigkeiten auf Gilgrim in irgendeiner Form beeinträchtigen würde.

      Wenn man nur noch vier Wochen Zeit hat, um sein bisheriges Leben hinter sich zu lassen und ein neues anzufangen, kann das verdammt kurz werden. Ich beschloss, das Apartment, bis auf ein paar Kleinigkeiten, die mir am Herzen lagen, komplett an Carla zu übergeben.

      Sie honorierte es mir mit einer großzügigen Abschlagszahlung. Apropos Zahlung, mein Gehalt auf Gilgrim konnte sich durchaus mit meinem derzeitigen messen, wenn auch die Provisionen wegfielen. Dafür hatte ich Kost und Logis frei.

      Eine Woche vor Dienstantritt fuhr ich mit Mr. Smythe nach Gilgrim Castle.

      "Wow, ein beeindruckender Kasten," entfuhr es mir.

      "Ja, es kann sich sehen lassen", meinte er lächelnd, "folgen sie mir meine Liebe, ich zeige ihnen ihre Räumlichkeiten, sie befinden sich im Ostflügel."

      Ein Butler, ungefähr in Smythes Alter, öffnete steif die Tür.

      "Miss Morgan, das ist Max der Butler," stellte er mich vor. Ich grüsste ihn höflich und unterdrückte mit größter Mühe ein Kichern.

      Der Butler schaute mich so misstrauisch an, dass mir für ihn nur ein Ausdruck einfiel: Mad Max. Ob ich das wohl je zu ihm sagen würde? Wahrscheinlich würde er mich dafür persönlich hochkant aus dem Schloss werfen.

      Dann führte er mich in die Küche, dort war die Haushälterin gerade am Kochen und bei dem Mann, der am Küchentisch saß und einen Kaffee schlürfte, konnte es sich nur um den Gärtner handeln.

      "Miss Morgan, das sind Sophia und Edgar Link, die Haushälterin und der Gärtner."

      "Freut mich außerordentlich ihre Bekanntschaft zu machen", sagte ich in meinem zuckersüßesten Ton.

      Sie waren entschieden um einiges freundlicher als Mad Max. Dann gingen Smythe und ich in den hinteren Trakt des Schlosses. Ich bekam eine leichte Gänsehaut, obwohl ich eine Jacke trug und es hier nicht kühl war.

      Die Gänge hatten einige Ähnlichkeit mit den Gängen aus meinen Träumen, wahrscheinlich sah jedes Schloss in Bezug auf die Gänge gleich aus, versuchte ich mich zu beruhigen.

      "Wo ist denn Lord Asher?" fragte ich zur Ablenkung und da ich ihn schließlich auch kennen lernen wollte.

      "Der ist leider heute nicht im Haus, er ist auf einer Antiquitätenmesse in Irland", erklärte mir Smythe freundlich.

      "Oder schläft in seinem Sarg in der Gruft", dachte ich bei mir.

      Meine "Räumlichkeiten" waren ein Traum. Ich hatte eine richtige kleine Wohnung im Ostflügel. Mit allem was dazu gehört. Zwar waren die Möbel nicht ganz mein Stil, aber ich würde es mir hier schon gemütlich machen und dann war das Mobiliar Nebensache.

      "Und wie gefällt es ihnen?"

      Ich strahlte wie ein fünftausend Watt Scheinwerfer, "hervorragend!"

      Anschließend bekam ich noch eine kleine Gratisführung von Smythe durch das Schloss. Er zeigte mir Ashers und mein Büro. In Ashers Büro gab es einen riesigen Kamin. Darüber hing ein Gemälde von einer wunderschönen jungen Frau mit einem kleinen Jungen auf ihrem Schoß.

      "Lady Natasha Gilgrim", sagte Smythe seufzend, "sie war ein Engel und er kleine Junge ist Dorian jr. Es ist eine Schande wenn Menschen so jung sterben müssen."

      Ich wusste, dass es sich nicht schickte, aber ich war mit ihm allein, weit und breit war keine Menschenseele.

      "Smythe wie kam es zu diesem schrecklichen Unfall?"

      "Ein betrunkener Geisterfahrer hat die Lady und ihren Kleinen mit in den Tod gerissen. Asher kam als einziger davon, mit schweren Verletzungen."

      "Und, und wie tut er sich damit?"

      "Das kann ich ihnen nicht sagen Miss Morgan, er lässt niemanden an sich heran. Er war ein so warmherziger Mensch vor dem Unfall. Seither benimmt er sich sehr kühl und distanziert. Lassen sie sich dadurch bitte nicht verschrecken."

      Ich schluckte, "ich bin ein sehr umgänglicher Mensch und habe an und für sich keinerlei Anpassungsschwierigkeiten. Ich schätze, ich werde schon gut mit ihm auskommen. Auf die eine oder andere Art."

      "Das glaub ich ihnen aufs Wort."

      Er hatte die Führung beendet. Wir verabschiedeten uns von den Bediensteten und fuhren zurück nach London. Ich warf noch einen letzten Blick in den Rückspiegel. Ich hatte ein flaues Gefühl im Magen.

      Hier, in dieser Einöde, in diesem etwas düster wirkenden Schloss lag also meine Zukunft. Das konnte heiter werden. Doch für einen Rückzieher war es viel zu spät. Keine Ahnung, was mich erwarten würde, beziehungsweise wie Dorian Asher auf mich reagieren würde. Das alles stellte sich in spätestens einer Woche heraus.
    • Kapitel 2

      Das Wetter am Tag meiner Abreise passte voll und ganz zu meiner Stimmung. Es war trüb. Ich verließ London an diesem Abend mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Carla hatte mir zum Abschied noch einen wunderschönen Teddybären im Matrosenlook geschenkt. Beinahe hätte ich geheult. Wir drückten uns ganz fest und dann machte ich, dass ich wegkam, bevor der Damm brach und ich zur wandelnden Heulboje wurde.

      "Dorian Asher, ich komme", rief ich.

      Dann drehte ich meinen MP3-Radio auf und ergab mich dem Reggae von Bob Marley. Auf meinem Weg nach Gilgrim zogen immer mehr finstere Wolken auf. Mir war’s egal, denn ich saß ja in meinem Wagen.

      "Buffalo Soldier stolen from Africa, brought to America", sang ich fröhlich mit. Je weiter ich London hinter mir ließ, desto mehr hob sich meine Stimmung plötzlich meine Stimmung.

      Ich malte mir in Gedanken meine erste Begegnung mit Dorian Asher aus, obwohl, huch, ich wusste ja gar nicht, wie er eigentlich aussah. Was wenn er abgrundtief hässlich und fett war? Igitt! Heute war ich wieder selten blöd. Es musste mir doch egal sein, wie er aussah. Hauptsache ich bekam mein Gehalt regelmäßig überwiesen und die Arbeit machte mir Freude. Ich musste meinen zukünftigen Arbeitgeber ja nicht ehelichen. Kurz vor meinem Ziel machte mein kleines Tschihu schlapp. Ich versuchte den Mini wieder zu starten, vergeblich. Da es draußen goss, als hätten sie im Himmel sämtliche Schleusen geöffnet, wollte ich mit dem Aussteigen warten, bis der Regen nachließ.

      Nach zehn Minuten, in denen der Regen derart auf das Wagendach trommelte, dass ich kaum noch was von der Musik hörte, stellte ich den Radio ab, stopfte meine langen braunen Haare unter die Mütze, die ich am Beifahrersitz liegen hatte und kramte nach einem Schirm, im Font des Wagens. So ein Mist, ich hatte den Schirm anscheinend irgendwo in den Kofferraum gepackt.

      "Immer alles schön wegräumen, nichts im Wagen herumliegen lassen", sagte ich tadelnd zu mir selbst, "Scheibenkleister."

      Mein Wagen stand am Haupttor, soviel ich bei diesem Regen überhaupt erkennen konnte. Das bedeutete, dass es bis zum Eingang noch zirka fünfhundert Meter waren. Klasse, auch wenn ich sie laufend zurücklegte, kam ich dort an, wie ein begossener Pudel.

      "Da nützt kein Jammern und kein Flehen, du wirst jetzt brav nach Gilgrim gehen", reimte ich so vor mich hin, "und willst du im Wasser nicht ersaufen, tust du gut daran zu laufen."

      Auf drei riss ich die Tür des Wagens auf und spurtete, was das Zeug hielt. Dabei musste ich meine Mütze festhalten, damit sie mir der Wind nicht vom Kopf zerrte. Keuchend und pitschnass kam ich bei der Haustür an und klingelte.

      Sofort öffnete mir Max die Tür, grüßte förmlich und ließ mich ein. Dann nahm er mich näher in Augenschein und meinte, "ich hole ihnen ein Handtuch Miss", ungewohnt freundlich und sogar ein wenig besorgt.

      Da ich mit dem Gesicht zur Tür stand, gerade meine Kappe vom Kopf nahm und meine langen dunklen Haare ausschüttelte, bemerkte ich nicht, dass Dorian Asher soeben den Flur betreten hatte.

      "Sie sauen den Perserteppich ein, Miss Morgan", sagte er scharf.

      Ich tat entsetzt.

      Mit der Hand vor dem Mund drehte ich mich um und sah an mir aufwärts, "ach tatsächlich. So ein Pech aber auch, das liegt möglicherweise daran, das meine verdammte Mistkarre ungefähr fünfhundert Meter von hier den Geist aufgegeben hat und ich meinen Schirm aufgrund meiner Ordnungsliebe sonst wo hingeräumt habe."

      Ich funkelte ihn böse an. Jetzt erst trat er aus der dunklen Ecke hervor und ich konnte ihn in seiner vollen Pracht bestaunen.

      Hallelujah, der Lord war aber ein äußerst attraktives Exemplar der Spezies Mann. Meine wüsten Beschimpfungen, die ich noch auf Lager hatte, lösten sich in Luft auf. Ich sah nur noch ihn. Lord Dorian Asher. Dann überkam mich eine Fantasie. Er wurde vor mir zu Graf Dracula und ich flehte ihn an, er möge mich doch bitte beißen.

      "Ich hab sie gefragt, ob sie ihr Gepäck noch im Wagen haben", rissen mich seine Worte wieder in die Realität zurück.

      "Ja, ja oder sehen sie’s hier vielleicht irgendwo herumstehen", schoss ich zurück, mir wieder bewusst werdend, wie unfreundlich er doch zu mir war, "so kleine Koffer habe ich nun auch wieder nicht."

      Wortlos machte er auf den Absatz kehrt und ging Richtung Küche. Inzwischen kam Max mit einem großen Badetuch, in das er mich besorgt einhüllte.

      "Sie müssen den Ton von Master Asher entschuldigen", sagte Max auf eine väterliche Art und Weise, "er ist den Umgang mit fremden Leuten nicht sehr gewohnt. Überhaupt seit Lady Natasha und Dorian jr. von uns gegangen sind, Gott hab sie selig."

      "Keine Sorge, ich kann einiges vertragen. Er hat die erste Runde eingeläutet. Dann soll er mal schön aufpassen, dass ich ihn nicht in die Seile schicke."

      Stolz reckte ich mein Kinn vor.

      Asher kam mit dem Gärtner zurück.

      "Miss Moore geben sie Edgar bitte die Wagenschlüssel, er wird sich um alles kümmern", er sagte das nicht, es klang eher wie ein Befehl.

      Deshalb auch meine pampige Reaktion, "aye, aye Sir", gab ich zackig zurück und übergab die Schlüssel mit einem sanften Lächeln an Edgar, der konnte schließlich nichts dafür, dass er eine Diva zum Chef hatte.

      "Folgen sie mir in mein Büro Miss Morgan. Wir müssen noch einige Kleinigkeiten durchgehen."

      Ich äffte ihm hinter seinen Rücken nach und trat vom Perserteppich auf die Marmorfliesen. Ujujujuj, da die Schuhe noch immer nass waren, zog es mir die Füße weg.

      Ich kann nicht mehr sagen, ob ich gegen ihn stolperte oder er mich auffing. Ungewollt kam es zu einer Berührung zwischen uns beiden. Ich spürte den festen Griff seiner Hände und meine Brüste drückten sich gegen ihn. Zusätzlich waren meine Schenkel auf wundersame Weise zwischen seine geraten. Sein Mund hielt kurz vor meinem. Ein heißer Schauer durchfuhr meinen Körper. Ich war verwirrt und wollte mich auf keinen Fall von ihm lösen. Ich meinte die gleiche Reaktion bei ihm zu spüren, ich schloss die Augen, wartete auf einen Kuss. So bin ich halt.

      Stattdessen schob er mich auf nicht ganz liebenswürdige Art von sich.

      "Sie brauchen ihre Reize hier nicht auszuspielen, Miss Morgan", sagte er kalt, "sie wissen doch bereits, dass sie die Stelle fix haben."

      Er war in seinem Arbeitszimmer verschwunden, als mir erst bewusst wurde, was zum Teufel er mir da eigentlich unterstellt hatte.

      Wäre er noch neben mir gestanden hätte ich ihm glatt eine Ohrfeige verpasst, um wahrscheinlich anschließend wieder heim nach London fahren können. Mit dem Zug, weil der Wagen war ja im Arsch. Kochend vor Wut, aber stumm wie ein Fisch folgte ich ihm.

      "Wo die Antiquitäten und anderen Kunstgegenstände sich befinden, zeige ich ihnen zu einem späteren Zeitpunkt", er redete und redete und ich saß da, eingepackt in ein Handtuch mit klatschnassen Sachen am Leib und hing an seinen Lippen, wie ein Verdurstender am letzten Tropfen Wasser. Ob er mich wohl in einen der vielen Räume führen und dort vielleicht auch gleich mit mir Liebe machen würde?

      Wenn ja, wie würde es sein? Eine ganz unpersönliche Erforschung meines Körpers, seine Hände, die mir die Kleidung vom Leib reißen, ein paar hastige kurze Stöße, die ihn sicherlich erleichterten und mich total frustriert zurückließen? Ich wollte nicht, dass es so passieren sollte. Auf keinen Fall.

      "Und glauben sie, sich damit zurechtzufinden?"

      Ich hatte bis auf den letzten Satz kaum etwas verstanden, aber ich antwortete leicht abwesend, "auf alle Fälle."

      Dann rüttelte ich mich innerlich auf, "noch was eure Lordschaft, ich bin vorhin lediglich mit meinen nassen Schuhen auf dem Steinfußboden ausgerutscht."

      Er lächelte kurz, aber immerhin. Ich war zufrieden, ich hatte seinen Andeutungen von vorhin jeglichen Nährboden entzogen.

      Auf dem Weg in mein "Reich" im Ostflügel, musste ich dreimal kräftig niesen.

      "Hatschi, hatschi, hatschi", echote es von den Wänden. Wie aus Zauberhand befand sich mein Gepäck bereits auf dem Zimmer. Edgar war ein Schatz. Ich ließ mir im Badezimmer heißes Wasser in die Wanne laufen und gab Badeschaum hinzu. Dann zog ich mich aus und wickelte meine Haare in ein weißes Handtuch, dass ich geschickt in einen Turban verwandelte. Bis die Wanne voll war, lief ich nackt und ungeniert durch die Gegend. Ich war froh, aus den triefenden Klamotten draußen zu sein. Schließlich war die Wanne voll und ich versenkte meinen Prachtkörper in einem Meer von Schaum. Herrlich. Könnte ich doch nur Asher hier bei mir in der Wanne haben.

      Ob Graf Dracula überhaupt baden geht? In den Filmen hat man das nie gesehen. Wieso kam ich in Bezug auf Asher immer wieder auf Dracula. War es seine martialische Ausstrahlung? Es konnte auch an seiner Größe liegen, ich schätze, er musste so um die 1,85 m sein. Mit flachen Schuhen, reichte ich ihm kaum bis zu den Schultern. Im Bett war das aber egal. Ob er gut bestückt war? Wie viel Durchhaltevermögen besaß Asher? Man merkte eindeutig, dass ich schon sehr, sehr lange keinen wirklich guten Sex gehabt hatte. Sonst hätte ich nicht dauernd die Gedanken einer läufigen Hündin.

      Dorian Asher, war eine Augenweide, er war mein Boss und so was von gar nicht an mir interessiert, dass das beinahe schon wieder wehtat. Möglicherweise hatte er nach dem schrecklichen Tod seiner Frau ein Trauma erlitten und war für weibliche Reize total unempfänglich geworden?

      Das heiße Bad hatte Wunder gewirkt, ich schlief wie eine Tote. Am nächsten Morgen wachte ich auf, zog mich an, ein dunkelblaues Kostüm mit einer creme farbige Bluse. Dann ging ich hinunter in die Küche. Auf meinem Weg dorthin, fiel mein Blick aus einem der Fenster im oberen Stockwerk auf den Garten. Ich traute meinen Augen kaum. Dorian Asher ging mit einer, soviel ich von hier oben ausmachen konnte, affektierten Rothaarigen Arm in Arm lachend durch den Garten.

      "Ich glaube ich spinne", sagte ich laut zu mir, "bei mir spielt er Mr. Rührmichnichtan und mit der Rothaarigen tippelt er durch den Garten, wie ein Herz und eine Seele."

      Meine gute Stimmung war im Arsch und mein Hunger gewaltig.

      "Guten Morgen Mylady", sagte Sophia freundlich.

      "Ebenfalls und bitte nennen sie mich Angela", bat ich sie, "bei Mylady komm ich mir so alt vor."

      Sophia grinste verschmitzt und fragte mich nach meinen Frühstücks-Wünschen. Ich gab meine Bestellung auf.

      "Ich serviere ihnen das Frühstück gleich ihm Salon", eifrig hantierte sie mit dem Geschirr herum.

      "Wenn sie nichts dagegen haben, bleibe ich lieber hier bei ihnen in der Küche sitzen, es ist viel gemütlicher finde ich", gab ich zurück, "hat Mr. Asher denn heute schon gefrühstückt?" fragte ich ein wenig trotzig.

      "Ja Myla.. äh Miss Angela. Hat er. Mit dieser Person, Lady Lorelei McKinley", sie spuckte den Namen förmlich aus.

      Sieh an, sieh an, dachte ich mir, "ist das diese Rothaarige, mit der er gerade im Garten lustwandelt?" fragte ich neckisch.

      Sie schenkte heiße Schokolade in eine große Tasse, stellte sie mir hin.

      "Darf ich ehrlich zu ihnen sein Miss Angela?"

      Ich war von ihrer Frage vollkommen überrascht, anscheinend war ich ihr sehr sympathisch.

      "Gerne, raus damit", forderte ich sie auf.

      "Ich mag diese Lorelei McKinley nicht, sie wirft sich zu sehr an Master Asher ran. Das tat sie schon als Lady Natasha noch gelebt hat und jetzt noch mehr. Sie ist ein geldgieriges Miststück. Pfui", sie spuckte auf den Boden.

      "Und wie stets um Asher, ist er ihr auch so zugetan?" wollte ich natürlich gleich wissen.

      "Sie waren ein paar Mal miteinander aus. Ich weiß nicht, ob sie etwas miteinander haben. Hier übernachtet hat sie jedenfalls noch nicht."

      Sie rührte wieder in der Pfanne, wo mein Ham und Eggs vor sich hinbruzelte.

      "Sie ist so eine ordinäre Person diese McKinley, sie hat glaube ich schon sämtliche Männer ihres Hauspersonals durch und das sind immerhin zehn Leute. Man munkelt auch, sie hätte etwas mit Asher Reitlehrer Jared Monroe."

      Sie gab mir dass Essen auf einen Teller und reichte mir selbstgebackenes Brot dazu.

      Während ich einen Bissen nach dem anderen zu mir nahm, dachte ich mir, "Asher wird doch nicht etwa auf billige Schlampen stehen? Das wäre ja so was von Verschwendung, das wäre ja glatt Perlen vor die Säue werfen."

      Ich aß schneller als gewöhnlich, denn ich wollte die männerverschlingende Miss McKinley unbedingt näher kennenlernen.
    • Kapitel 3

      Ich wischte mir gerade den Mund mit einer Serviette, als ich hinter mir eine Frauenstimme hörte, "ach sieh nur Dorian, wie niedlich. Miss London weiß bereits, dass ihr Platz beim Gesinde ist und nicht bei der Herrschaft."

      Ich erstarrte zur Salzsäule, dieses überhebliche Gehabe konnte nur eine besitzen, Lorelei McKinley.

      Da ich ein Mensch bin, der in gewissen Situationen auf Höflichkeit pfeift, drehte ich mich um, setzte mein breitestes Lächeln auf und meinte süffisant, "Miss London wird ihnen mit Anlauf in ihren hochwohlgeborenen Arsch treten, wenn sie es noch mal wagen sollten sich so abfällig über sie oder andere Personen zu äußern."

      Dann klimperte ich noch mit meinen Wimpern, stand auf und ging rasch nach draußen.

      "Dorian, hast du gehört, wie sie mit mir umgegangen ist?" Doch Asher war nicht mehr da.

      "Eine impertinente Person, diese Miss Morgan wirklich", echauffierte sich Lorelei McKinley.

      Sophia schwieg beharrlich und tat, als ob sie ganz vertieft in den Abwasch wäre. Derweil hatte sie Mühe, vor Lachen nicht zu platzen.

      Das war auch der Grund für Dorian Asher plötzliches Verschwinden. Nach dieser Meldung von meiner einer, wäre es ihm unmöglich gewesen, ernst zu bleiben. Er stand zwei Ecken weiter, grinste von einem Ohr zum anderen und zündete sich einen Zigarillo an. Lachend inhalierte er den Rauch und bekam einen Hustenanfall. Gott sei Dank war er allein.

      Ich in Rage, das ist ungefähr wie ein Eichhörnchen auf Speed. Es flitzt von Ast zu Ast und guckt nicht links und rechts. Eben. Das Wiehern eines Pferdes und seine Hufe vorm Gesicht, kam ich wieder zu mir.

      "Hohoho", sprach der Reiter beruhigend auf sein Pferd ein.

      Erschrocken sprang ich zur Seite. Mit einem, vor Verlegenheit hoch roten, Kopf blickte ich auf.

      "Ich hatte gar nicht gewusst, dass kleine Ladies so große Augen machen können", sagte der Mann auf dem Pferd. Wann würde ich wohl meine Sprache wieder finden, fragte ich mich. "Verzeihen sie, wenn sie Bellybutton erschreckt hat, ich bin Jared Monroe", er stieg, während er sprach, vom Pferd und reichte mir seine Hand.

      Ich fühlte mich nicht wie Alice im Wunderland, sondern wie Angela im Männerland. Jared Monroe besaß ein äußerst charmantes Lächeln und sah einfach nur umwerfend aus. Wie in Trance ergriff ich seine Hand und schüttelte sie.

      Er musste meine Geistesabwesenheit bemerkt haben, denn er winkte mit seiner freien Hand vor meinen Augen herum, "hallo, Miss, sind sie noch anwesend?"

      "Geistig nicht mehr ganz", Gott sei dank hatte ich das so leise gesagt, dass er mich nicht verstand.

      Ich riss mich am Riemen und fand wieder meine Fassung.

      "Verzeihung Sir, aber ihr Pferd hat mir einen gehörigen Schrecken eingejagt", versuchte ich mich ein wenig herauszureden.

      "Ein guter Reiter hat sein Pferd in jeder Situation fest im Griff, wenn sie verstehen was ich meine."

      Täuschte ich mich, oder war Monroe gerade dabei mich anzubaggern, "sind sie eine gute Reiterin?" er sah mich herausfordernd an.

      "Och, naja", Mensch Angela, sagte ich zu mir, mach mit bei dem Spielchen, was vergibst du dir. Ich räusperte mich laut, "als Kind war ich in einem Ponyreitclub….."

      "Im Ponyreitclub", da war sie wieder, diese unmögliche Person McKinley, "bei ihrer Größe müssen sie sich ja mit richtigen Pferden schwer tun."

      Das war die Retourkutsche von der Küche.

      Völlig überraschend bekam ich Schützenhilfe, "Lorelei, beim Reiten kommt es überhaupt nicht auf die Größe des Reiters an, sondern auf seine Geschicklichkeit. Auf den richtigen Druck seiner Schenkel, auf eine straffe Führung der Zügel. Oja, das ist es was einen guten Reiter ausmacht."

      "Bastard", warf ihm Lorelei an den Kopf und verschwand.

      "Danke", sagte ich kleinlaut.

      "Keine Ursache", erwiderte er, "Lorelei ist und bleibt ein Miststück, ich hab es Dorian oft genug gesagt. Ich hoffe er hört auf mich und läuft nicht eines Tages in ihr offenes Messer."

      Beide schwiegen wir. Ich merkte, er schwankte zwischen wieder aufs Pferd aufsitzen und das Gespräch mit mir weiterzuführen. Verlegen, wie ein kleiner Junge zeichnete er mit der Reitgerte Kreise in den sandigen Boden der Auffahrt, "werden sie länger hier bleiben?" er klang sehr interessiert.

      "Ach wissen sie, ich hab meinen Vertrag auf unbestimmte Zeit unterschrieben und eine kleine Wohnung im Ostflügel bezogen", sagte ich so locker wie möglich.

      "Tatsächlich?" seine Augen bekamen einen seltsamen Glanz, plötzlich fasste er mit seinem Zeigefinger unter mein Kinn, hob meinen Kopf leicht an und gab mir einen sanften Kuss.

      Dann zwinkerte er mir zu und stieg auf, "Miss Morgan, das war mein Einstandsgeschenk an sie. Wir können uns jeder Zeit über eine Zugabe unterhalten."

      Huch, mir war ein wenig schwindelig.

      Jared Monroe war ein Draufgänger, wie er im Buche steht. Warum sollte ich hier wie die heilige Jungfrau Maria leben, nur weil der attraktive Hausherr es so hielt. Was mir entging, waren Dorian Asher eifersüchtige Blicke, die er auf Monroe und mich geworfen hatte. Obwohl er sich mir gegenüber sehr distanziert verhielt, verspürte er einen kleinen Stich im Herzen, als er uns beobachtet hatte. Zornig warf er den Zigarillo zur Seite und kam zu mir.

      "Wie ich sehe, haben sie sich soeben mit Mr. Monroe bekannt gemacht."

      Erschrocken fuhr ich herum.

      "Mr. Asher, es ist nicht gerade die feine englische Art sich von hinten an jemanden heranzuschleichen. Sie haben mich zu Tode erschreckt."

      "Ach hab ich das?" sagte er süffisant, "bei Monroes "Angriff" von vorhin, wirkten sie nicht so schreckhaft, im Gegenteil."

      Er hatte uns also gesehen. Schön, na und? Mir doch egal, wenigstens konnte er sich an den fünf Fingern einer Hand ausrechnen, dass ich sicher nicht vor mich hin schmachten werde, nur weil er den unnahbaren zum Besten gab.

      "Gehen wir an die Arbeit Miss Morgan", sagte er und ging ins Haus.

      "Macho", dachte ich.

      "Übrigens, ich muss gestehen, das ich sie etwas unterschätzt habe", sagte er, als wir in seinem Büro waren und er in der Schublade des Schreibtisches herumkramte.

      Ich verstand nicht, worauf er hinauswollte.

      "Was meinen sie Mr. Asher?"

      "Lorelei McKinley. Sie haben in der Küche ganz schön scharf auf sie geschossen."

      Ich war der Meinung, er würde mir nun eine Standpauke halten und ging sofort in die Offensive, "Mr. Asher ich bin erst gestern hier angekommen, ich weiß, trotzdem hat niemand….."

      "Schon gut, schon gut Miss Morgan, ich wollte ihnen nur sagen, dass ich mich köstlich darüber amüsiert habe. So sehr, dass ich das Weite suchen musste, um ihr nicht ins Gesicht zu lachen."

      Während er noch immer am Suchen war, stand ich stumm da.

      Die verschiedensten Gedanken schossen mir durch den Kopf.

      "Ha, da ist er ja, der Schlüssel", rief er erfreut aus.

      "Lassen sie uns in den Südflügel des Schlosses gehen."

      Westtrakt, Osttrakt, Südflügel, Nordflügel, ich würde einen Plan brauchen, um mich hier jemals zurecht zu finden. Er ging vor mir. Da er lediglich ein schwarzes Hemd und eine graue – perfekt sitzende – Stoffhose trug, konnte ich die ganze Zeit über seinen knackigen Hintern bewundern. Mit seinen langen Beinen kam er dreimal so schnell voran wie ich. Mit ihm Schritt zu halten, kostete mich ziemliche Mühe. Wir gingen durch zahlreiche Türen und Gänge, würde er mich jetzt hier allein stehen lassen, wäre ich verloren. Mein Orientierungssinn war ohnehin nicht sehr ausgeprägt, hier gab er ganz auf.

      Auf dem Weg in den Südflügel wurde sein Ton wieder eiskalt. Nichts war mehr da, von dem freundlichen, spitzbübischen Dorian Asher.

      Schade, vorhin war er mir gerade wieder ein wenig sympathischer geworden. Verdammt, irgendetwas lag mir an diesem einsamen verbitterten Mann. Wenn man die richtigen Knöpfe bei ihm drückte, konnte man sicher die eine oder andere Überraschung erleben. Meine Gedanken glitten wieder ab. Ich stellte ihn mir vor zusammen in einem Zimmer mit Jared Monroe. Während Jared mich liebkoste, stand Asher in einer dunklen Ecke und beobachtete unser Liebesspiel.

      Er würde erst dazukommen, wenn ich es vor Begierde kaum noch aushielt. Ich spürte wie ich feucht zwischen den Beinen wurde. Ich hatte es in London erst einmal mit zwei Männern getrieben, aber der eine davon war so ungeschickt, dass es mir am Ende gar keinen Spaß mehr gemacht hatte. Asher und Monroe waren sicher beide sehr erfahrene Liebhaber.

      Das Knallen einer Tür riss mich aus meinem Tagtraum.

      "So da wären wir", sagte Asher knapp.

      Ich fand mich in einem Raum voll mit Antiquitäten wieder.

      "Diese Dinge gehören alle katalogisiert und bewertet. Das Katalogisieren ist ihr Job, die Bewertung übernehme ich."

      Dann deutete er auf einen Stapel Bücher in der linken hinteren Ecke des Zimmers, "die gehören auch katalogisiert und nach Wissensgebieten und Autoren sortiert. Es liegt eine Menge Arbeit vor ihnen. Hier wurde schon lange nichts mehr gemacht, zu lange."

      Seine Augen verdunkelten sich und er ging zum Fenster.

      Er stützte sich auf die Fensterbank, "diese Arbeit hat Natasha früher gemacht", sagte er so leise, dass ich ihn kaum verstand, "meine verstorbene Frau. Die Firma hat uns beiden gehört. Ich, ich habe nicht viel übrig für Büroarbeit. Ich bin mehr der praktische Mensch. Computer sind mir verhasst. Deshalb hatte Natasha diesen Teil der Arbeit über."

      Seine Stimme wurde immer zittriger. Schließlich schwieg er, Tränen rannen über sein Gesicht.

      Ich musste zu ihm hinüber gehen. Es brach mir das Herz ihn so zu sehen. Als meine Hände seinen Rücken berührten, fühlte ich, wie er sich verspannte.

      "Ist schon in Ordnung Dorian", sprach ich mit ruhiger Stimme auf ihn ein, "lassen sie ihrem Schmerz freien Lauf."

      Er stützte sich so fest auf die Fensterbank, dass die Knöchel seiner Hand weiß hervortraten. Seine Schultern zuckten, er schluchzte laut auf, "sie fehlt mir. Mein Sohn fehlt mir. Nachts bilde ich mir manchmal ein, seine kleinen Schritte am Flur trippeln zu hören. Ich bin schon so oft aufgestanden und habe nachgesehen. Aber nie ist jemand da. Langsam meine ich wahnsinnig zu werden."

      "Dorian, ich weiß wie es ist geliebte Menschen zu verlieren. Ich habe meine Eltern sehr früh verloren. Unser Verstand sagt, dass sie nicht mehr da sind, aber unser Herz, unser Herz hält weiterhin an ihnen fest. Es wird lange dauern bis man darüber hinwegkommt. Wenn man es überhaupt schafft."

      Während ich mit ihm sprach, stieg der Wasserpegel in meinen Augen gefährlich hoch. Ich hoffte er würde nichts merken. Dann wischte er sich die Tränen mit dem Handrücken fort. Ich griff in meine Jackentasche und gab ihm ein Stofftaschentuch.

      Dankend nahm er es an, "Stofftaschentücher, die hat Natasha auch immer benutzt. Ich habe noch eine ganze Menge davon. Wenn sie wollen können sie sie haben", die Worte sprudelten nur so aus seinem Mund.

      Er schnäuzte sich, steckte das Taschentuch weg, drehte sich um und blickte mir tief in die Augen. Das Knistern zwischen uns wurde unerträglich. Langsam hob er seine Arme, senkte seinen Kopf, kurz bevor sich unsere Lippen berührten, hielt er inne.

      "Ich kann nicht, es tut mir leid", sagte er.

      Dann stürzte er förmlich aus dem Raum. Ich blieb zurück. Mein Kopf war voll, mein Herz war leer. Dorian Asher, was tust du da? Bei Jared bräuchte ich nur mit den Fingern zu schnippen und er würde Männchen für mich machen. Bei Dorian? Da würde es in Schwerstarbeit ausarten. Aber vielleicht war er es ja wert und ich sollte die Herausforderung annehmen?
    • Kapitel 4

      Ich saß da, in meinem Elend und inmitten von unzähligen Antiquitäten, die archiviert werden wollten. Also machte ich mich an die Arbeit. Zwar hatte man mir weder den Laptop noch die darauf befindlichen Programme erklärt, aber ich war kein Newbie auf diesem Gebiet und fand mich sehr rasch zurecht. Natasha hatte eine fantastische Datenbank aufgebaut. Auch alle anderen Daten, z.B. für die Buchhaltung waren übersichtlich gestaltet. Ich schloss alles, was sie gemacht hatte, ab und begann praktisch bei Null. Da mir die Arbeit Spaß machte, verging die Zeit wie im Fluge. Es war schon ziemlich dunkel, als ich mich entschloss, es für heute gut sein zu lassen.

      Ich massierte meinen steifen Nacken, stand auf und verließ die Räumlichkeiten. Auf den Gängen war es noch düsterer. Lediglich die Notbeleuchtung tauchte alles in ein grünliches Licht. Ich fühlte mich gar nicht wohl, denn es war irgendwie gespenstisch. Mich fröstelte, ich zog meine Jacke enger an den Körper und beschleunigte meine Schritte. Das Klackern meiner Absätze hallte von den Wänden wieder. Ein paar Mal schien es mir, als würde mich jemand verfolgen. Blanke Einbildung. In diesen verwinkelten Gängen mit der dürftigen Beleuchtung war es kein Wunder, wenn einem die Paranoia überkam.

      Ich hatte ungefähr die Hälfte des Weges zurückgelegt, als ich deutlich Kinderlachen hörte. Ich blieb stehen. Es war sehr deutlich.

      Die Stimme eines kleinen Jungen, er rief: "Daddy, Daddy!"

      Ich konnte förmlich spüren, wie sich jedes Haar einzeln aufstellte. Ein eisiger Lufthauch streifte mein Gesicht.

      Dann hörte ich eine weibliche Stimme: "Dorian, ich werde dich immer lieben."

      Dann wieder der Junge: "Daddy, Daddy!"

      So sehr ich mich auch bemühte, etwas zu erkennen, da war nichts absolut….Doch. Weiter hinten zogen Nebelschwaden auf. Nebel in einem Gang? Das konnte nicht mit rechten Dingen zugehen. Der Nebel kam immer näher, er wurde von einem Flüstern begleitet.

      Zuerst verstand ich kein Wort. Erst als die Nebelschwaden noch ungefähr fünf Meter von mir entfernt waren verstand ich die Worte: "Lauf um dein Leben, lauf!"

      Immer wieder. Für mich stand es außer Zweifel, den Rat zu befolgen. Daher zog ich meine Stöckelschuhe aus und lief, so schnell ich konnte. Ich glaubte, mein Herz würde meinen Brustkorb sprengen. Ich ließ diesen unheimlichen Trakt hinter mir. Im vollen Lauf prallte ich gegen den armen Max. Beide gingen wir daraufhin zu Boden. Er rappelte sich auf. Ich lag noch immer völlig verstört und außer Atem da.

      "Miss Morgan, was ist geschehen."

      Ich brachte keinen Ton heraus, starrte ihn nur an.

      "Miss Morgan, kommen sie, ich helfe ihnen auf die Beine", sagte er.

      Als ich so mit zittrigen Knien, meiner zerrissenen Strumpfhose und meinem zerzausten Haar vor ihm stand, muss ich wohl ein wahres Jammerbild abgegeben haben.

      "Miss Morgan, soll ich Master Asher holen?"

      "Nein, nein Max, auf keinen Fall", entgegnete ich.

      "Geht es ihnen gut Miss, sie sind bleich wie die Wand? Was ist denn nur geschehen um Himmels Willen?"

      Ich gab ihm einen stakkato artigen Bericht über die Geschehnisse im Ostflügel.

      So ganz schien er von meinem Bericht nicht überzeugt zu sein, trotzdem meinte er mit ernster Mine, "ich werde Edgar sagen, dass er sich darum kümmern soll. Sie gehen am besten in ihr Zimmer und machen sich frisch, das Dinner wird gleich serviert."

      Ich stammelte noch schnell ein paar Worte des Dankes an Max und machte mich aus dem Staub.

      "Dumme Kuh", schalt ich mich selbst für mein törichtes Verhalten.

      Dreißig Minuten später saß ich mit Dorian Asher allein an einem riesengroßen Tisch beim Dinner. Bis zum Hauptgang sprachen wir kein einziges Wort miteinander. Ich war noch immer dabei, meinen Schock zu überwinden und er? Keine Ahnung. Ich schätze, die Tränen, die er über den Tod seiner Frau und seines Sohnes vergossen hatte sowie die Tatsache, dass er mich beinahe geküsst hätte, waren ihm wohl sehr peinlich. Daher musste er beschlossen haben, wieder auf Distanz zu gehen.

      Meine Gedanken bestätigten sich in der nächsten Sekunde, nachdem Max den Hauptgang aufgetragen hatte und die Tür wieder schloss.

      "Nun Miss Morgan, wie ich von Max gehört habe, hatten sie vor kurzem einen hysterischen Anfall", sagte er süffisant.

      Ich tupfte mir den Mund mit der Serviette ab, nahm einen kräftigen Schluck vom ausgezeichneten Chaddonay und entgegnete, "ich hatte keinen hysterischen Anfall Mr. Asher. Ich hatte ein – im wahrsten Sinne des Wortes – haarsträubendes Erlebnis auf meinem Weg vom Südflügel hierher."

      "Max hat mir eine kurze Zusammenfassung davon gegeben", sagte er lakonisch, "und Edgar hat sich an besagter Stell umgesehen. Was soll ich ihnen sagen Miss Morgan, dort war nichts. Absolut nichts."

      "Max, dieser Mistkerl hatte geplaudert. Derweil hatte ich ihn um sein Stillschweigen gebeten", dachte ich wütend.

      "Es ist mir egal, was Edgar sagt, ich weiß, was ich gesehen habe", bestand ich auf meiner Aussage.

      Er nippte an seinem Glas, "anscheinend hat sie unser Gespräch von heute Nachmittag sehr mitgenommen. Dann noch die ungewohnte Umgebung, sie haben sich da etwas zusammengereimt Miss Morgan, es gibt keine Geister."

      "Wenn sie das sagen, wird es wohl so sein", ich knallte das Besteck auf den Teller, warf beim Aufstehen beinahe den Sessel um, "mir ist der Appetit vergangen Mr. Asher, Vielen Dank für ihre lieben Worte."

      Hoch erhobenen Hauptes verließ ich den Speisesaal. Ich brauchte dringend frische Luft. Also ging ich nach draußen. Die kühle Abendluft tat mir gut. Ich ging einige Schritte, befand mich neben dem offenen Küchenfenster und wurde Zeuge einer lebhaften Diskussion zwischen Sophia, Edgar und Max.

      "Es ist nicht recht, dass er Miss Morgan nicht über die Vorgänge hier im Schloss informieren will", sagte Sophia.

      "Er will sie nicht beunruhigen", das was Edgar, "vielleicht hat er Angst, dass sie abhaut, wenn sie davon erfährt."

      "Quatsch, dass wird sie dann tun, wenn er alles abstreitet und ihr vorgaukelt, es wäre alles Einbildung", entgegnete Sophia.

      Sie muss wirklich einen Narren an mir gefressen haben, dachte ich bei mir.

      "Bisher ist es in diesem Teil des Schlosses noch zu keinen derartigen Zwischenfällen gekommen", konnte sie die ernste Stimme von Max vernehmen.

      "Allerdings", bestätigte Edgar, "es scheint sich allmählich auszubreiten. Mr. Asher selbst, wird es auch nicht viel bringen, die Ereignisse ewig zu negieren. Wie oft war er die letzten Wochen nachts auf, weil er irgendwelche Stimmen gehört hat, die seinen Namen riefen oder sonst was?"

      "Mir wird kalt Männer", sagte Sophia.

      Das Küchenfenster wurde geschlossen. Ich konnte nichts mehr hören. Gedankenversunken ging ich ins Haus zurück und auf mein Zimmer. Ich wurde also doch nicht verrückt und bildete mir etwas ein. Es gab unerklärliche Zwischenfälle auf Gilgrim. Weshalb verschwieg sie Asher tunlichst und bestritt alles?

      Ob er Angst hatte, die "Geister" zu verscheuchen, um so endgültig den Kontakt zu seiner Frau und seinem Sohn zu verlieren? Konnte sein, es war die einzige plausible Erklärung für mich.

      Ich betrat mein Zimmer. Auf der Kommode befanden sich zwei säuberlich aufgereihte Stöße mit Stofftaschentüchern. Meines, das ich Asher gegeben hatte, lag ebenfalls zu Oberst. Frisch gewaschen und gebügelt.

      "Ich sollte wohl hinuntergehen und mich für meinen theatralischen Abgang von vorhin entschuldigen", schoss es mir durch den Kopf, "warum eigentlich? Ich hab nichts verbrochen. Asher hat eine Scheißart an den Tag gelegt, indem er mich wie eine Irre hat dastehen lassen. Nichts da. Ich werde hinunter gehen und mit keiner Silbe mehr, etwas von den heutigen Vorfällen erwähnen. Basta."

      Dann zog ich kurz Resümee. Ich mochte diesen Job hier, ich mochte die Leute, auch wenn einige davon etwas "gewöhnungsbedürftig" waren und ich werde mich durch nichts und niemanden von hier verjagen lassen.

      "Ihr verdammten Geister", rief ich laut in meinem Zimmer, "hört ihr mich? Ihr könnt mich mal, ich lasse mir von euch keinen Schrecken mehr einjagen."

      Zwar war ich bei den letzten Wörtern immer leiser geworden, aber ich war sicher, diejenigen, die es betraf, hatten es vernommen. Außerdem nahm ich mir vor, den Ereignissen hier auf den Grund zu gehen. Geister spukten nicht einfach so herum, meistens gab es einen Grund dafür. Ich als rational denkender Mensch, zog auch noch andere Dinge in Betracht. Konnte der Spuk vielleicht auch "irdischen" Ursprungs sein?

      Auf dem Anwesen von Lorelei McKinley herrschte auch nicht gerade Friede, Freude, Eierkuchen. Jared Monroe, war gerade dabei, sich nach getanem Liebesakt wieder zu bekleiden.

      "Du elendes Schwein", schimpfte ihn Lorelei, "du vögelst mich, holst dir deinen Höhepunkt und gehst. Wo bleib ich?"

      "Lorelei, ich hab dir doch gesagt, ich bin heute nicht gut drauf. Du hast mich beinahe mit Brachialgewalt in dein Bett gezerrt. Was erwartest du da? Meisterleistungen?"

      "Monroe, du hast dich in dieses kleine Flittchen aus London verknallt. Stimmt’s?" bohrte sie weiter.

      "Unsinn, sie ist süß, ja, aber für mich wird sie nie soviel bedeuten wie du", schmierte er ihr Honig um den Mund.

      "Lügner, ich sehe es dir doch an und wie du sie mit deinen gierigen Blicken verschlingst. Pah", sie warf ihm verachtende Blicke zu.

      "Sie ist wirklich ein ausgesprochen hübsches Ding, dass musst du zugeben. Darf ich jetzt nicht mal mehr anderen Mädchen hinterher gucken?"

      "Jeder anderen, nur nicht dieser Person", sagte Lorelei und warf ein Kissen nach Monroe, "komm sofort wieder ins Bett und zeig mir, wie viel ich dir noch bedeute."

      Er schüttelte den Kopf, "heute nicht Lorelei, ich fühle mich nicht gut, dass sagte ich dir bereits."

      "Ist das nicht normalerweise der Text, den die Frau spricht?" könnten Blicke töten, wäre Monroe wohl auf der Stelle tot umgefallen.

      "Fuck you", fluchte Monroe und knallte die Tür zu.

      "Es wäre besser, endgültig mit ihr Schluss zu machen", sagte er sich, "sie wird langsam zur Plage."

      Unten angekommen, stieg er auf sein Pferd, gab ihm die Sporen und jagte im Dunkeln über die Felder. tbc
    • Kapitel 5

      Drei Wochen waren nun vergangen seit ich auf Gilgrim Castle meinen Einzug gehalten hatte. Jared Monroe umwarb mich, als ginge es um sein Leben. Dorian Asher hingegen war kälter als ein Eisschrank mitten in der Antarktis. Die Archivierung der Kunstgegenstände ging zügig vonstatten.

      Natürlich war Lorelei McKinley eine regelmäßige Besucherin auf Gilgrim, ich versuchte ihr tunlichst aus dem Weg zu gehen. Auch war es zu keinem unheimlichen Zwischenfall mehr gekommen, jedenfalls nichts, von dem ich was mitbekommen hätte.

      Mittlerweile war ich von der unbequemen Kleidung abgekommen. Heute trug ich 7/8 Jeans, ein weites Herrenhemd und bequeme Sneakers.

      Ich hatte meinen MP3-Player, die Ohrenstöpsel drinnen und tänzelte im Rhythmus der Musik durch die Gänge. Ich war glücklicher denn je.

      Ich hörte gerade "Don’t Lie" von den Black Eyed Peas, "no no no Baby no no no don’t lie,” sang ich laut mit.

      Ich war so in die Musik versunken, dass ich nicht merkte, wie Asher aus einem Seitengang zu mir stieß, hinter mir ging und mich lächelnd beobachtete.

      Also shakte ich weiter vor mich hin, bis ich eine Drehung vollführte und ihn vor mir sah. Da ich auf volle Lautstärke gestellt hatt,e verstand ich nicht, was er sagte.

      Ich nahm mir einen Ohrstöpsel heraus, "wie bitte?"

      "Ich sagte, sie sind eine sehr gute Tänzerin, nur das Singen sollten sie sein lassen", sagte er trocken.

      "Ich weiß", gab ich zurück und zuckte bedauernd mit den Schultern.

      "Ich wollte einige Gegenstände bewerten, falls es möglich ist", na heute war der Herr aber freundlich gestimmt.

      "Kein Problem, gehen wir."

      Da ich auf dem einen Ohr noch immer Musik hörte, konnte ich nicht umhin mich dazu im Takt zu bewegen. Irgendwie irritierte es Asher, er wagte jedoch nicht, etwas dagegen zu sagen. Nur das Singen ließ ich bleiben, ganz verscherzen wollte ich es mir mit meinem Arbeitgeber nicht.

      Asher kam aus dem Staunen nicht heraus, ich hatte die Kunstgegenstände fein säuberlich mit Nummern versehen und sie in die Regale eingeordnet. Nichts war mehr von dem Chaos übrig, indem er mich vor einiger Zeit zurückgelassen hatte.

      "Sie haben wirklich ganze Arbeit geleistet Miss Morgan, danke."

      Da war es wieder diese eigenartige Spannung zwischen uns, die, je länger wir in einem Raum miteinander waren, immer mehr an Intensität gewann. Ich hatte mich daran gewöhnt, sag ich mal, wie es Asher dabei ging, ließ sich nicht ergründen.

      Seine Mimik verriet nicht das Geringste. Ich druckte ihm eine Liste der Gegenstände aus, er schrieb seine Kommentare daneben hin, das Ganze wurde später in eine Datenbank eingegeben, natürlich von mir.

      Ich saß beim Laptop, Asher stand mit dem Rücken zu mir und machte sich Notizen. Er trug – wie meistens – ein perfekt gebügeltes Hemd und eine Bundfaltenhose. Ich konnte es nicht fassen, dieser Mann verleitete mich immer wieder zu Tagträumen, wie war das möglich? Wo er sich doch so abweisend mir gegenüber verhielt.

      Ein Hitzeschub fuhr durch meinen Körper. Mit einem Mal war ich mit ihm in einem anderen Teil des Schlosses. Wir lagen beide vor einem überdimensionalen Kamin auf einem großen Eisbärenfell. Ich trug ein hauchdünnes Seidenkleid, er sein Hemd und seine Hose. Er lag auf mir und sah mich mit seinen wunderschönen grünen Augen an.

      "Angela, ich habe mich so lange nach diesem Moment gesehnt", flüsterte er in mein Ohr und verursachte mir dabei Gänsehaut.

      Dann gab er mir einen wahnsinnig zärtlichen Kuss auf den mein ganzer Körper reagierte. Mit seinen Händen fuhr er langsam die Konturen des Kleides entlang. Ich zog seinen Kopf zu mir und wir küssten uns wieder und immer wieder. Unser beider Atem beschleunigte sich, wurde keuchend. Ich spürte allzu deutlich seine Erregung. Dann fing ich an, sein Hemd aufzuknöpfen.

      "Miss Morgan, einen Penny für ihre Gedanken", seine Worte katapultierten mich zurück ins hier und jetzt.

      Er stand, mit der Andeutung eines Lächelns, vor mir und hielt mir das Klemmbrett unter die Nase.

      "Hier, ich hoffe, sie können meine Schrift entziffern", sagte er, "haben sie von den Büchern auch schon Aufzeichnungen gemacht?"

      "Nein, wo denkst du hin, ich halte hier täglich meinen neun- oder zehnstündigen Schönheitsschlaf", anstatt ihm diese Meldung zu präsentieren, reichte ich ihm schweigend die Liste mit den Büchern.

      "Pass auf, dass deine Hände nicht am Brett festfrieren. Bei deiner frostigen Ausstrahlung", ich seufzte leise.

      Es war die Hölle mit jemandem zusammen zu arbeiten, der soviel Sexappeal hatte und sich dessen anscheinend überhaupt nicht bewusst war.

      Jeder andere hätte auf Teufel komm raus mit mir geflirtet, nur nicht mein Boss. Wütend hämmerte ich auf die Tastatur ein.

      "Was hat sie ihnen denn getan?" fragte er plötzlich.

      "Wer?"

      "Na die Tastatur, so wie sie drauf dreschen. Denken sie vielleicht gerade an ihren Ex-Freund?"

      "Nein du Idiot ich denk an dich und deinen gottverdammten Knackarsch. Wenn du’s genau wissen willst."

      Ich hatte große Mühe ihm nicht mit meinen Gedanken zu konfrontieren.

      "Ich verschwende keine Gedanken an ehemalige Beziehungen. Dazu ist mir meine Zeit zu kostbar", sagte ich kühl.

      "Sie sind eine kluge Frau Miss Morgan. Eine kluge und schöne Frau."

      Er sagte das in einem Ton, als würde er eine seiner Antiquitäten klassifizieren.

      "Danke für das Kompliment", antwortete ich trotzdem höflich.

      "Darf ich heute Abend, wieder mit ihrer Gesellschaft beim Abendessen rechnen?"

      "Leider, Mr. Asher aber ich geh mit Jared Monroe ins Heu. Wir vögeln heute ne Runde, wissen Sie, ich kann’s mir schließlich nicht raus schwitzen", ihm diese Wörter um die Ohren zu hauen, wäre ein wahrer Genuss für mich, würde aber eindeutig nichts bringen.

      Wahrscheinlich hätte er mir darauf nur entgegnet, "in Ordnung, aber sehen sie zu, dass er ein Kondom benutzt."

      "Ich weiß noch nicht Mr. Asher, ich bin ziemlich müde. Eigentlich hatte ich heute vor, nur eine Kleinigkeit zu essen und mich dann mit einem schönen Schmöker ins Bett zu legen."

      "Ach, was lesen sie den gerade?" fragte er tatsächlich interessiert.

      "Die Liebesschule, einen Sado-Maso-Sex-Roman", das wäre die Wahrheit gewesen.

      "Nichts Aufregendes einen unbedeutenden Thriller. Ich brauche leichte Kost vor dem Einschlafen."

      Konnte es sein, dass ich eine leichte Enttäuschung in seinem Gesicht erkennen konnte oder war es bloß Einbildung?

      "Naja, vielleicht überlegen sie es sich noch", meinte er und widmete sich wieder den Büchern.

      Gibt es für dich eine Betriebsanleitung Dorian Asher? Wenn ja, dann leg mir doch ein Exemplar in mein Zimmer. Mittags orderte Asher einen kleinen Imbiss bei Max. Wir wollten die Arbeit nicht unbedingt durch einen ausgedehnten Lunch unterbrechen. Sophias Sandwiches waren zum niederknien. Dazu tranken wir eine Flasche Corona. Wir unterhielten uns über die Arbeit und er wollte wissen, ob ich alles hatte, was ich brauchte und wie mir der Job gefiel. Dabei blieb er immer auf Distanz. Das Gespräch wurde zu keinem Zeitpunkt persönlich. Ich fand es schade. Diesen Mann konnten nicht mal hundert Flammenwerfer auftauen. Ich war ehrlich froh darüber, als er am späteren Nachmittag beschloss, für heute genug getan zu haben.

      Ich tippte noch alles in den Computer. Dann ging ich ebenfalls zurück. Den MP3-Player ließ ich diesmal in der Hemdtasche. Als ich an der Stelle vorbeikam, an der ich die Stimmen gehört hatte. Wurde ich neugierig. Ich stöberte ein wenig herum. Die Ecke, aus der der Rauch gekommen war, lag im Dunkeln. Die Notbeleuchtung reichte nicht aus. Trotzdem tastete ich mich in die Nische vor. Ich stieß mit dem Fuß gegen irgendwas Metallisches und ging in die Hocke. Dann tastete ich danach und bekam es zu fassen.

      Es war ein Zylinder, ungefähr fünfzehn Zentimeter groß. Bei näherer Betrachtung fiel mir ein, woher ich dieses Ding kannte. Von einer meiner letzten Werbeveranstaltungen. Es war eine Rauchgranate. Merkwürdige Geister, die Rauchgranaten verwendeten?! Aber hervorragend dafür geeignet, um Nebel in einem geschlossenen Raum zu erzeugen.

      Ich nahm die Granate an mich. Mensch war ich gespannt, was Asher dazu sagen würde. Das Abendessen, auf das ich so plötzlich Lust verspürte, versprach interessant zu werden. Sehr interessant.

      Ich ging auf mein Zimmer, zog mich aus und stieg unter die Dusche, den Zylinder legte ich auf den Couchtisch. Der heiße Wasserstrahl tat mir gut. Ich seifte gründlich jeden Zentimeter meines Körpers ein. Nachdem ich mich abgetrocknet hatte, drehte ich meine Haare auf große Lockenwickler. Dann suchte ich mir ein schickes Abendkleid aus meiner Klamottensammlung. Ein Figur betontes bodenlanges schwarzes, das lediglich durch eine Strass-Spange im Nacken gehalten wurde. Dazu sündhaft hohe Schuhe. Schließlich wollte ich Dorian Asher zum Abendessen einiges bieten. Die Rauchgranate war nur das Sahnetüpfelchen oben drauf. Ich schminkte mich dezent, dann kümmerte ich mich um das Finish meiner Frisur. Ich steckte meine Haare hoch und erlaubte zwei Locken mein Gesicht zu umspielen. Als ich fertig war, betrachtete ich mich im Spiegel. Wenn ihn dieser Anblick nicht in Wallung versetzte, war er wohl impotent geworden!

      Ich ging zum Couchtisch. Der Zylinder war verschwunden. Komisch. Ich war sicher, ich hatte ihn hierher gelegt. Auch hatte ich niemanden ins Zimmer kommen gehört. Es gab keine Anzeichen, dass hier jemand gewesen wäre, bis auf den verschwundenen Zylinder. Ich vergaß meine elegante Kleidung und kroch – wie ein Kleinkind – auf allen Vieren herum. Dabei blickte ich mindestens ein dutzend Mal unter die Couch und auch sonst überall hin.


      Das Ding blieb verschwunden. Sonderbar? Wie konnte das geschehen? Eine Geistergranate, die sich entmaterialisiert hatte? Daran konnte ich nicht glauben. Schön, mein Beweis hatte sich in Luft aufgelöst. Trotzdem nahm ich mir vor, Dorian Asher davon zu erzählen.
    • Kapitel 6

      Mit hängendem Kopf ging ich die Galerie entlang. Mist, wo konnte dieses blöde Ding nur abgeblieben sein? Irgendjemand muss sich in mein Zimmer geschlichen und es entwendet haben. Ich war mir sicher niemanden gesehen und gehört zu haben. Selbst, als ich unter der Dusche stand, konnte ich den Bereich bei der Türe gut einsehen. Als ich meinen Fuß auf den Treppenabsatz stellte, hörte ich von der Halle einen entsetzten Aufschrei. Ich wandte mich dem Geländer zu. Sophia stand vor dem Speisezimmer und starrte zu mir herauf.

      "Was ist?" fragte ich.

      "Verzeihen sie Miss Angela, ich dachte eben Lady Natasha käme die Treppe hinunter. Sie trug ihre Haare auch immer so und sie besaß auch ein ähnliches Kleid."

      Da war ich ja mit Vollgas ins Fettnäpfchen gefahren. So etwas konnte auch nur mir passieren. Tja, zum umziehen hatte ich keine Lust. Mr. Asher müsste sich wohl oder übel mit meinem Anblick abfinden. Sophia war in die Küche verschwunden.

      Dafür tauchte jemand auf, der letztendlich doch im Stande war, mir meine Laune zu vermiesen, Lorelei. Asher du Aas, dachte ich mir, du hast tatsächlich den Nerv mich und diese Person zum Essen gemeinsam in einen Raum zu stecken?

      Das darf nicht wahr sein! Sie schien ebenso wenig über unser Zusammentreffen erfreut zu sein.

      "Miss London, hat sie Asher auch zu unserem Dinner eingeladen?" sagte sie schnippisch und betrachtete mich abschätzend, "ich könnte schwören, Natasha hat auch so ein ähnliches Kleid gehabt. Sie üben sich doch nicht schon in der Rolle der zukünftigen Mrs. Asher?"

      "Nicht so intensiv wie sie Mrs. McKinley", gab ich lächelnd zurück, "gewisse Dinge kann man sich auch nicht mit sehr viel Geld kaufen, Liebe ist eines davon."

      Damit ließ ich sie allein und ging in den Speisesaal. Eine Person fehlte noch, es war für vier gedeckt.

      Ich konnte mir schon denken wer es war. Bingo. Die Tür ging auf und Jared kam, gut aufgelegt, herein.

      "Miss Morgan, ich bin sprachlos", sagte er voller Bewunderung.

      Dann kam er auf mich zu, nahm meine Hand und deutete einen Handkuss an.

      "Ein wahrer Gentleman", sagte ich.

      "Immer, in jeder Situation meine Liebe. Wann werden sie mich endlich erhören?"

      "Vielleicht eher, als sie es sich vorstellen können", gab ich kryptisch zurück.

      "Ihr Anblick macht mich ganz kribbelig, hoffentlich sind das keine leeren Versprechungen."

      So war es jedes Mal, wenn wir uns begegneten.

      Ich mochte die Wortwechsel zwischen Jared und mir. Er war so anders als Asher. Immer gut aufgelegt, immer charmant, nie abweisend. Ich konnte mir gut vorstellen im Bett jede Menge Spaß mit ihm zu haben. An diesem Abend beschloss ich für mich, es darauf ankommen zu lassen.

      "Übrigens hatten sie schon das zweifelhafte Vergnügen mit Lady McKinley…."

      "Danke der Nachfrage", unterbrach ich ihn, "ich konnte mich nur mit größter Mühe zurückhalten, ihr nicht gleich an die Gurgel zu springen."

      Wir lachten beide herzlich. Er goss den bereit stehenden Rotwein in zwei Kristallgläser und reichte mir eines davon.

      Wir prosteten uns zu. Ja, langsam spürte ich, wie das Verlangen nach Jared in mir stieg. Nach seinen Lippen, seinen kräftigen Händen, nach seinem durchtrainierten Körper.

      "Entweder ist es der Wein, der mich ein wenig schwindelig macht oder es ist ihre Anwesenheit Jared", sagte ich anzüglich.

      "Ich glaube doch, dass es auffallen würde, wenn wir noch vor dem Dinner die Biege machen Miss Morgan. Das wird ein hartes Dinner", es war eindeutig worauf er anspielte. Als "Beweis" hob er den Saum seines Jacketts. Die Erektion die sich abzeichnete fand ich durchaus vielversprechend. Der Anblick erregte mich ungemein. Eine Hitzewallung trieb mir die Röte ins Gesicht.

      Er stellte sein Weinglas auf den Tisch, nahm mir meines ab, sagte, "Verzeihung, das muss jetzt sein", dann gab er mir einen Kuss. Zuerst zärtlich, dann immer fordernder. Schritte näherten sich, wir ließen – wenn auch widerstrebend – voneinander ab.

      Lord Eisschrank kam in Begleitung von Lady Präpotent. Sie waren in ein angeregtes Gespräch vertieft. Das Asher jedoch unterbrach, als er mich sah.

      "Verzeihen Sie Lorelei", entschuldigte er sich. Er kam auf mich zu, wirkte wie hypnotisiert.

      "Miss Morgan, sie sehen bezaubernd aus", ein seltsamer Glanz trat in seine blauen Augen.

      Wie Jared, deutete auch er einen Handkuss an, "darf ich sie auf ihren Platz geleiten?"

      Jared war über Ashers Verhalten nicht gerade sehr erbaut. Er grummelte vor sich hin und ging zu Lorelei. Die wider rum giftete ihn mit ihren Blicken an. Armer Jared, er konnte einem Leid tun. Je länger das Dinner andauerte, desto mehr ging Asher aus sich heraus. Er streute mir Rosen ob meiner bisherigen Tätigkeiten.

      Lorelei war eindeutig aus dem Rennen, auch wenn sie dauernd versuchte, ihn in fachspezifische Gespräche über diverseste Literatur zu verwickeln. Seine Antworten waren knapp, rasch richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf mich. Wenn das so weiter ging, würde Lorelei noch platzen. Ihr Kopf schien bereits zu glühen, beinahe kam es mir so vor, als stiegen kleine Rauchwölkchen aus ihrem Haar empor.

      Jared tröstete sich über die Situation hinweg, in dem er ungeniert mit mir füßelte. Kurz bevor das Dessert serviert wurde sagte Lorelei pikiert, "Jared, kannst du kurz mit mir vor die Tür kommen, ich hab vergessen, dir etwas wichtiges zu sagen."

      Er warf Asher und mir einen fragenden Blick zu, entschuldigte sich während er die Serviette auf den Tisch legte und folgte ihr.

      Kaum waren die beiden verschwunden, fing mein Puls an, sich zu beschleunigen. Verlegen nippte ich an meinem Weinglas. Da saßen wir nun. Schweigend. Ich schenkte Asher ein schiefes Lächeln. Es wäre ein guter Moment gewesen, um auf die Toilette zu gehen. Dann war da noch die Story mit der Rauchgranate. Die passte nun wirklich nicht. So gesprächig Asher vorhin gewesen war, nun blieb er stumm, wie ein Fisch. Das Knistern lag dennoch in der Luft.

      Herrgott, gib dir doch einen Ruck Asher. Ich kann ja schließlich schlecht über dich herfallen und dich vergewaltigen. Auch wenn ich es gern täte. Ich kann nicht sagen, ob es Zufall war, dass sich unsere Hände berührten. Jedenfalls zog keiner von uns die seine zurück. Dann spürte ich seine Berührung, sie war ganz zaghaft. Ein sanftes Streicheln.

      Mein Körper sprang sofort darauf an. Mist, was sollte ich jetzt tun? Wenn ich sie erwiderte, würde er sich zurückziehen? Wenn nicht, könnte er glauben, mir liege nichts an ihm. Warum muss alles so kompliziert sein?

      Schwer war es auch für Jared, der mit Lorelei im Hof stand und sich wüste Beschimpfungen gefallen lassen musste.

      "Du bist das letzte. Asher ist das letzte. Hat euch diese kleine Nutte so den Kopf verdreht. Das glaub ich nicht. Sie ist nichts und sie hat nichts", schrie sie herum.

      "Da muss ich die widersprechen, es mag sein, dass sie nicht vermögend ist, aber im Gegensatz zu dir hat sie Charakter", sagte er süffisant.

      Klatsch. Die hatte gesessen. Seine Wange färbte sich rot.

      "Untersteh dich, mir noch mal unter die Augen zu treten, du elendiger Hurensohn. Ab heute gehen wir getrennte Wege, da mich ich es mir lieber selber, bevor ich dich noch einmal auf mich drauf lasse Jared", sie war außer sich.

      Auf die Gefahr hin, sich noch eine einzuhandeln, antwortete er, "du ahnst ja nicht, welchen Gefallen du mir damit tust Schatz."

      Stattdessen trat sie ihm gegen das Schienbein, was auch nicht gerade eine Wohltat war, machte auf dem Absatz kehrt und stürzte wie von Furien gehetzt zurück ins Schloss.

      In der Zwischenzeit hatte ich Asher gewähren lassen und ihn durch meine Körpersprache gezeigt, wie sehr ich seine Berührungen mochte. Wir himmelten uns an, wie zwei Teenager bei ihrem ersten Date. Langsam kamen wir uns mit den Köpfen näher. Ich konnte bereits seinen heißen Atem auf meiner Haut spüren, als ausgerechnet in diesem Moment eine aufgelöste Lorelei die Tür aufriss. Als hätte man uns beim Sex ertappt, fuhren wir auseinander und saßen stocksteif da.

      "Ich hoffe ich habe euch nicht bei etwas gestört", sagte sie mit einem verschlagenen Grinsen, "wo bleibt der Nachtisch?"

      Ich hätte sie erschlagen, erschießen, erdolchen und sonst noch was können. Warum haben Arschlöcher bloß immer so ein perfektes Timing?

      Langsam kam wieder Leben in Asher, er läutete nach Max. Im weiteren Verlaufe des Abends trank Lorelei zu schnell und zu viel. Sie wurde immer ausfallender. Vor allem was meine Person betraf. Ich sah darüber hinweg. So sicher, wie das Amen im Gebet, würde sie morgen unter einem fürchterlichen Kater leiden, dass schien mir Strafe genug für sie. Außerdem machte sie sich über die Maßen bei Asher und Jared lächerlich. Sie war ein Bild des Jammers, als sie ihr Chauffeur abholte. Sie lallte und konnte sich kaum noch auf den Beinen halten.

      "Ich muss mich vielmals für das Verhalten von Lady McKinley entschuldigen", Asher war das alles sehr peinlich, "ich hätte sie nicht eingeladen, wenn ich gewusst hätte….." "Dorian, ich hab dir schon hundert Mal gesagt, dass sie nichts Gutes im Schilde führt", wandte Jared ein, "sie hat geglaubt, du hast ihr Avancen gemacht und ist nun bitter enttäuscht darüber, dass sie sich diesbezüglich geirrt hat."

      Asher schnappte nach Luft und lief rot an, "um Himmels Willen, ich hab mich ihr gegenüber immer korrekt verhalten, ich habe nie Andeutungen…"

      "Du hast über ihre dämlichen Witze gelacht und ihren Blumengarten bewundert. Du warst ein paar Mal mit ihr im Theater, reicht das, damit du verstehst worum es geht?" klärte ihn Jared auf.

      Asher wischte sich verlegen mit der Hand über den Mund, "ich hab mir absolut nichts dabei gedacht. Ich hielt mich für einen guten Gesellschafter."

      Jared sah mich von der Seite an, "Lorelei denkt für dich mit Dorian. Sie sah sich bereits in der Kiste mit dir. Sei mir nicht böse, aber was Frauen anbelangt, bist du in letzter Zeit ein wenig abgestumpft. Lorelei hatte dich als ihr Opfer auserkoren. Demnächst wärst du mit Haut und Haaren verschlungen gewesen, bevor du gewusst hättest, wo vorn und hinten ist."

      Asher war völlig vor den Kopf gestoßen, "ich weiß, es ist unhöflich, wenn sich der Gastgeber zurückzieht, aber ich muss morgen früh raus, weil ich nach London auf eine Auktion fahre. Kommt ihr ohne mich zurecht? Ich werde Max anweisen, noch aufzubleiben."

      Ebenso gut hätte er mich auf den Boden werfen und auf mir herumspringen können. Ich war gar nicht erfreut über seine Worte. Trotzdem vermied ich es, mir meine Enttäuschung anmerken zu lassen.

      Jared hingegen, kam so richtig in Fahrt, als Asher gegangen war und blies zum Halali. Obwohl ich mich nicht auf ihn einlassen wollte, sagte mein Körper das Gegenteil. Wie ich mir gedacht hatte, wusste er, was eine Frau schwach werden ließ. Er stand hinter mir, seine Lippen liebkosten meinen Nacken, meine Schultern. Seine erfahrenen Hände glitten unter mein Kleid, streichelten zärtlich meine Brüste. Ich stöhnte leise auf. Was wenn Max plötzlich hereinkam und uns hier so vorfand?

      Ich drehte mich um, "Jared, Max könnte jederzeit hier auftauchen. Das wäre mir sehr peinlich", äußerste ich meine Bedenken.

      "Angela, du treibst mich in den Wahnsinn. Wäre es dir lieber, wenn mir zu mir fahren? Es ist nicht weit. Ungefähr zwanzig Minuten von hier."

      Okay, wenn ich mich darauf einließ, gab es kein Zurück mehr. Ich konnte nicht mit zu ihm fahren und dort dann Rühr-mich-nicht-an spielen. Mein Körper brannte vor Verlangen. Ausnahmsweise hörte ich auf ihn und nicht auf mein Herz.

      Ich holte mir schnell einen Mantel. Jared fuhr einen schwarzen Porsche. Es war wirklich eine kurze Fahrt. Soviel ich im Dunkeln erkennen konnte, wohnte er auf einem stattlichen Anwesen. Ich konnte die Pferde in den Stallungen hören.

      "Wohnst du hier allein?" fragte ich leise, als er mir die Tür aufgeschlossen hatte.

      "Du brauchst nicht zu flüstern, das Personal schläft im Anbau, neben den Stallungen, "wir sind hier ganz für uns."

      Ich legte meinen Mantel ab. Er nahm meine Hand und zog mich in sein Schlafzimmer. Gut, er wollte keine Zeit verlieren. Ich auch nicht. Er fing erneut an, mich zu liebkosen. Ich konnte deutlich ein Pochen zwischen meinen Beinen spüren. Er öffnete die Spange in meinem Nacken, mein Kleid glitt zu Boden. Nun war ich nackt, bis auf meinen schwarzen Spitzentanga meine Strümpfe und meine Stöckelschuhe.

      Seine Augen verschlangen mich förmlich.

      "Du bist wunderschön", sagte er heiser.

      Küssend glitt er an mir herab. Dann kniete er vor mir, zog meinen Tanga herunter und liebkoste mit seiner Zunge meine intimste Stelle.

      Ich glaubte ich müsste vergehen. Dann nahm er einen Finger und drang vorsichtig in mich ein. Ich stöhnte laut und zitterte dermaßen, dass meine Hände halt an seinen Schultern suchten.

      "Jared, bitte hör nicht auf", flehte ich.

      Ich kam mit einer Wucht, die meinen ganzen Körper durchrüttelte. Jared stand auf, leckte sich lächelnd die Lippen, hob mich hoch und trug mich in sein Bett. Dann zog er sich rasch aus. Er war wirklich sehr gut bestückt. Er kniete auf dem Bett vor mir, dann hob er sanft mein Becken. Mühelos drang er in mich ein. Waren seine Stöße anfangs noch zaghaft, wurden sie immer heftiger. Jared und ich kamen gleichzeitig. Wir erstickten unsere Schreie in einem intimen Kuss. Als wir anschließend eng umschlungen und glücklich nebeneinander lagen, wünschte ich mir trotzdem, es wäre Asher der mich in seinen Armen hielt und nicht Jared.
    • Kapitel 7

      Jared und ich erlebten eine böse Überraschung, als wir ungefähr drei Stunden später wieder nach Gilgrim zurückkehrten. Meinen Plan, ungesehen auf mein Zimmer zu gelangen, konnte ich vergessen. Wir waren über den Anblick, der sich uns bot, geschockt. Der Ostflügel, dort wo sich mein Zimmer und mein ganzes Hab und Gut befunden hatte, stand lichterloh in Flammen. Die Feuerwehr kämpfte verzweifelt gegen das Feuer. Der Rauch, der sich ausbreitete und umher fliegende Rußpartikel verursachten bei mir einen gewaltigen Hustenreiz. Ich bildete mir sogar ein, die Hitze der Flammen zu spüren. Jared und ich waren dermaßen fassungslos, dass wird stumm am Rande des Geschehens standen und zu keiner Regung fähig waren.

      Ich sah Asher, der hin und her lief und immer wieder verzweifelte Blicke dorthin warf, wo sich einst meine Räumlichkeiten befunden hatten.

      "Miss Morgan, Gott sei Dank sie sind ab am Leben, Miss Morgan sie leben!" ich sah in die Richtung, aus der diese Worte kamen und Max kam mit offenen Armen auf mich zu, "Miss Morgan sie sind am leben!" Er drückte und herzte mich.

      Dann kam auch schon Sophia, die mit mir genauso verfuhr, wie Max. Als ich die beiden mit tränenfeuchten Augen vor mir sah, schoss es mir durch den Kopf. Niemand im Schloss hatte Jareds und mein Verschwinden bemerkt. Daher dachten sie alle, ich wäre noch dort oben.

      Max eilte zu Asher, der daraufhin sofort ein weitaus glücklicheres Gesicht machte, suchend durch die Reihen blickte, mir kurz zuwinkte, irgendwas zu dem Feuerwehrmann sagte und dann herüberlief. Kurz bevor er mich erreichte hielt er inne. Seine Blicke gingen zwischen mir und Jared hin und her. Ich konnte in seinem Gesicht lesen, wie in einem offenen Buch. Er wusste nicht, wie er die Situation einschätzen sollte. Einerseits schien er heilfroh darüber zu sein, mich gesund und munter vor sich zu sehen. Andererseits bereitete ihm die Tatsache, dass ich nicht auf meinem Zimmer vor mich hin kokelte, sondern soeben erst mit Jared von seinem Anwesen zurückgekommen sein musste, beinahe körperliches Leid. Wenn man einen Blick auf uns und unsere Kleidung warf, brauchte man nur eins und eins zusammen zu zählen, um zu einem gewissen Schluss zu kommen.

      Und das tat Asher. Ich konnte durch den hellen Schein des Feuers erkennen, wie sein Unterkiefer arbeitete, wie sehr er sich beherrschte Jared keine zu scheuern. Seine Hände waren zu Fäusten geballt. Dann gab er sich einen Ruck. Er zog ein Lächeln auf, das jedoch nicht bis zu seinen Augen drang.

      "Miss Morgan, ich kann ihnen nicht sagen, wie erleichtert ich bin, sie wohlauf zu sehen. Jared", er nickte ihm mit dem Kopf zu, "Max hat gar nicht bemerkt, dass ihr beide das Haus verlassen habt, wir waren schon in großer Sorge was aus ihnen geworden ist."

      Ich spürte, dass er mir am liebsten um den Hals gefallen wäre vor Erleichterung. Aber seine Erziehung oder sein blöder Stolz schienen dies zu verhindern. So bekam ich von ihm nur einen starken Händedruck, dafür mit beiden Händen.

      Er blickte über die Schulter. Die Feuerwehr bekam den Brand allmählich unter Kontrolle.

      Asher sah kurz auf den Boden, dann zu mir, "ich werde den Ihnen entstandenen Schaden selbstverständlich zur Gänze tragen. Wir sind gut versichert, daher dürfte es in keiner Hinsicht Probleme geben. Sobald die Feuerwehr weg ist, werde ich ihnen einen entsprechenden Scheck ausstellen."

      "Asher, du Narr! Mir geht es nicht um das Geld und darum, dass ich meine ganzen Klamotten und sonstigen Nippes bei dem Brand verloren hatte", ging es mir augenblicklich durch den Kopf, "mir geht es um uns. Schön, du bist zornig darüber, dass ich mit Jared im Bett war, kann ich verstehen. Vergiss nicht, dass du mich mit deiner frostigen Art erst soweit getrieben hast. Scheiße Asher, ich will nicht deine Moneten, ich will dich."

      Es laut auszusprechen, dazu war ich zu feige. Viel zu feige.

      Die Löscharbeiten dauerten noch bis in den frühen morgen. Ein Großteil des Löschtrupps war schon weg. Ein paar wenige Männer blieben zurück. Zur Sicherheit, um Glutnester unschädlich zu machen. Die genaue Brandursache kannte niemand. Man vermutete jedoch einen elektrischen Defekt. Die Leitungen in diesem Trakt waren schon sehr veraltet gewesen. Asher, ganz Businessman, machte sich wenig später auf den Weg nach London. Ich konnte nur noch den Kopf schütteln.

      Da war ein Drittel seines Besitzes ein Raub der Flammen geworden und Lord Frosty fuhr mal eben schnell auf eine Auktion nach London, könnten ihm doch womöglich noch einige Kunstgegenstände durch die Lappen gehen, wenn er nicht dabei war.

      Edgar, den ich bisher vermisst hatte, ließ sich auch wieder einmal blicken. Er half den Leuten von der Feuerwehr beim Aufräumen. Sophia erklärte mir auf den Weg in mein neues zu Hause, im Westflügel, nicht weit weg von Lord Frosty, Edgar sei bei der Freiwilligen Feuerwehr und hätte gestern beim Löschen geholfen.

      "Wer hat denn den Brand bemerkt", fragte ich neugierig.

      "Ich", sagte sie, nicht ganz ohne stolz, "ich konnte nicht schlafen. Edgar hat geschnarcht wie ein Sägewerk. Ich dachte mir, frische Luft könne nicht schaden und öffnete die Fenster. Da ist mir dann der beißende Geruch in die Nase gestiegen. Ich sag ihnen Miss Angela, im Schloss selbst, hätten wir erst viel später davon Notiz bekommen, zu viele Gänge und Türen sind zwischen dem Trakt und dem Haupthaus."

      Sie lotste mich in die neuen Räumlichkeiten. Sie waren zwar etwas kleiner, dafür sehr feminin, hell und freundlich eingerichtet.

      "Das hier, Miss Angela, war ursprünglich für Lady Natasha vorgesehen."

      Sophia räusperte sich verlegen, "es wurde kurz vor ihrem Tod fertig gestellt. Sie wollte ein Plätzchen haben, das sich von den anderen Zimmern hier deutlich abgrenzte. Sie mochte die Düsternis, die das Schloss verbreitete nicht. Leider kam sie nicht mehr dazu, es zu nutzen. Sie war gerade einmal hier drinnen, bevor sie starb."

      Sophia quetschte eine Träne zwischen ihren Augenlidern hervor. Tröstend legte ich ihr meinen rechten Arm um die Schultern und drückte sie.

      "Es ist mir eine Ehre, hier wohnen zu dürfen Sophia. Es ist wunderschön. Lady Natasha muss einen ausgezeichneten Geschmack gehabt haben."

      Sophia wischte sich mit zittrigen Fingern die Tränen fort und seufzte, "ach Miss Angela, sie wissen ja gar nicht, wie ähnlich sie Lady Natasha sind. Beinahe auch mit dem Aussehen. Das Porträt oberhalb des Kamins mit Dorian jr. zeigt nicht, wie sie wirklich ausgesehen hat. Ich bringe ihnen ein Fotoalbum, dann können sie sich selbst davon überzeugen. Auch die Art, die sie haben Miss Angela, die gute Laune, die sie verbreiten, ihre Ausstrahlung. Ich sehe oft die Lady vor mir, wenn ich sie anschaue."

      Dann bedeutete sie mir, zu warten, sie würde schnell einige Fotos holen. Mein Verstand arbeitete auf Hochtouren, hatte Asher deshalb so große Probleme mit meiner Person? War ich für ihn auch die allgegenwärtige Erinnerung an eine Frau, die vor einem Jahr mit ihrem Sohn ums Leben gekommen war? Das musste schrecklich sein.

      Erschöpft ließ ich mich aufs Sofa fallen, lehnte mich zurück und schloss die Augen.

      Sophias Singsang Stimme ließ mich hochfahren, "hier sind sie die Fotos. Ich habe nur eine bitte Miss Angela, sagen sie Master Asher nichts davon. Er hat alles, was mit Lady Natasha und Dorian jr. zu tun hat, in die hintersten Räumlichkeiten verbannen lassen. Außer das große Porträt in seinem Büro."

      "Keine Sorge, ich schweige wie ein Grab", gelobte ich.

      Sie drückte mir, beinahe feierlich, ein dickes Fotoalbum in die Hand. Es waren Fotos aus glücklichen Tagen.

      Asher am Karibikstrand, Arm in Arm mit Natasha. Dann am Pool, oder bei einem Ausflug in eine historische Stadt. Ein paar Fotos weiter, ein vor Glück strahlender Dorian Asher, der zärtlich und gleichzeitig stolz den Bauch seiner schwangeren Frau hielt.

      Ja, es stimmte, je länger ich diese Fotos betrachtete, umso mehr kam ich zu dem Schluss, ich sah Natasha wirklich ähnlich, vielleicht so wie ihre jüngere Schwester. Auf einem Bild war die Ähnlichkeit ganz groß, da trug sie die Haare, so wie ich sie gestern getragen hatte. Wahnsinn. Ich blätterte weiter. Jetzt kamen Bilder mit Dorian jr. Ich hätte weinen mögen, der kleine war so ein süßer Fratz gewesen, er hatte große Ähnlichkeit mit seinem Vater, die stolze Haltung, die wunderschönen grünen Augen, die widerspenstigen Haare, das gleiche Grinsen. Was waren die Ashers nur für eine perfekte Familie gewesen? Die letzten Bilder im Album zeigten die Beisetzung von Natasha und Dorian jr. in der Familiengruft.

      Dorian Asher war nur noch ein Schatten seiner selbst. Ein Meer von Rosen geleitete die Särge der beiden auf den letzten Weg. Der Sarg seines Sohnes wirkte winzig. Das waren jene Momente im Leben, bei denen ich mich fragte, ob es Gott gibt und wenn ja, warum er einer wunderschönen jungen Frau und ihrem kleinen Sohn das Leben nahm und damit eine glückliche Familie zerstörte?

      War es uns nicht gegeben glücklich zu sein? Ich blätterte noch einmal zurück und strich über das Gesicht von Dorian jr., "er war so ein hübscher kleiner Kerl", sagte ich zu Sophia mit einem Kloß im Hals, "danke, dass sie mir die Bilder gezeigt haben."

      Wir drückten uns kurz, "Miss Angela, ich räum das hier schnell weg. Möchten sie mir vielleicht kurz in der Küche bei einer Tasse heißen Kakao Gesellschaft leisten?"

      Das schien mir eine sehr gute Idee, um mich wieder auf andere Gedanken zu bringen. Ich hatte einen kleinen Einblick in das Leben von Dorian Asher vor dem tragischen Unglück erhalten.

      Nun erschien er mir in einem anderen Licht. Ich begann ihn zu bewundern. Dafür, dass er es schaffte weiter zu machen, auch wenn man ihm alles, wofür er gelebt und alles was er geliebt, entrissen hatte.

      Manch anderer in seiner Situation hätte auch seinem Leben ein Ende bereitet, nur um nicht täglich mit dem Gedanken aufzuwachen, er war noch da, doch seine Liebsten würden nie wieder das Tageslicht sehen.

      Ich beschloss, Asher wieder zum Lachen zu bringen. Richtig zum Lachen. Und wer weiß, wenn mir das gelang, würde ich vielleicht auch den Weg zu seinem Herzen finden?
    • Kapitel 8

      Ich schlief die zweite Nacht in meiner neuen Unterkunft. Als ich durch ein furchtbares Gewitter aus meinem, ohnehin, unruhigen Schlaf gerissen wurde. Ein Fenster im Wohnzimmer war aufgerissen worden. Schlaftrunken tapste ich hinaus und verriegelte es. Ich wollte schon wieder ins Bett, als ich ein leises Schluchzen vernahm. Ich bekam eine Gänsehaut. Außer mir, war niemand hier. Asher wohnte mindestens 4 Zimmer weiter.

      "Hallo?" fragte ich zaghaft.

      Keine Antwort.

      Ich ging in die Richtung aus der das Schluchzen kam. Da sah ich sie, eine Frau, von Kopf bis Fuß eingehüllt in einen weißen Schleier.

      "Hallo?" fragte ich noch mal.

      Die Gestalt kniete neben dem Kamin. Ich wischte mir die Augen. Die Frau war durchsichtig.

      "Oh Dorian, du fehlst mir so", weinte sie.

      "Natasha?" fragte ich darauf hin.

      Plötzlich wurde die Gestalt in ein helles Licht getaucht, schwebte zur Decke und verschwand. Der Spuk war vorbei, dachte ich. Kurz darauf sah ich einen kleinen Jungen, eindeutig Dorian jr., das wusste ich von den Fotos. Er hatte einen Teddybären in der Hand.

      "Daddy, Daddy wo bist du? Komm, spiel mit mir."

      Das Geisterkind ging durch die Tür hinaus auf den Gang. Obwohl ich wirklich Angst hatte, war ich neugierig, was der kleine vorhatte und folgte ihm. Er ging den Gang entlang, ich konnte das Tippeln seiner Schritte hören.

      "Daddy!" rief er immer wieder.

      Dann fing er an, herzzerreißend zu schluchzen.

      "Hey Kleiner, es ist alles gut", versuchte ich ihn zu beruhigen.

      Jetzt fing ich schon an mit Geistern zu sprechen. Er verschwand in einer finsteren Ecke.

      Ich nahm all meinen Mut zusammen und folgte ihm. Er weinte noch immer bitterlich. Die dunkle Ecke wurde durch das fluoreszierende Licht, dass ihn umgab, ein wenig erhellt.

      "Mami", rief Dorian jr.

      Seine Mutter kam durch die Wand hinter ihm, umarmte ihn und sprach mit sanfter Stimme, "Daddy kommt später mein Schatz, versprochen."

      Dann gingen sie zu zweit durch die Wand und waren verschwunden. Ich zitterte am ganzen Körper und ging rückwärts aus der Ecke. Plötzlich stand jemand hinter mir. Das Zusammentreffen war so unvermittelt, das ich einen hysterischen Anfall bekam.

      Ich drehte mich mit geschlossenen Augen um, trommelte mit meinen Fäusten gegen was immer es auch war und kreischte, "verschwinde, verschwinde!"

      Es war Asher, er packte meine Handgelenke und brüllte zurück, "Miss Morgan, beruhigen sie sich!"

      Ich brauchte einige Sekunden, ehe ich ihn registrierte. Ich war froh, einen Menschen aus Fleisch und Blut vor mir zu sehen und klammerte mich an ihn, wie ein Ertrinkender an den Rettungsring, "ich hatte solche Angst Dorian, bitte entschuldige."

      Er wiegte mich sanft in seinen Armen, "schon gut Angela, schon gut, ich bin ja hier."

      Sofort wurde ich steif, er hatte mich das erste Mal seit ich hier war mit dem Vornamen angesprochen.

      Dann schmiegte ich mich noch enger an ihn. Er roch unheimlich gut.

      "Sie zittern am ganzen Körper, kommen sie einen Sprung zu mir."

      Behutsam führte er mich in eines seiner Zimmer.

      Ich setzte mich mit schlotternden Knien auf das gemütliche blaue Sofa. Blau war hier überhaupt eine dominierende Farbe. Asher brachte mir eine flauschige Decke. Dankend nahm ich sie entgegen, ich zog meine Füße auf das Sofa kuschelte mich in die Decke. Er goss uns beiden ein großes Glas Scotch ein.

      "Hier Angela, ich darf doch Angela sagen?" er hielt mir das Glas mit einem freundlichen Lächeln hin.

      Ich war so perplex, dass ich nur mit dem Kopf nicken konnte. War Lord Frosty endlich aufgetaut? Ich nippte an meinem Glas.

      "Dorian, verzeihen sie mir…"

      Er winkte ab, "schon gut, um ehrlich zu sein, bin ich auch etwas erschrocken, als ich sie in der Ecke stehen sah."

      Er stellte sein Glas auf den Couchtisch.

      "So geht es beinahe jede Nacht, seit ungefähr 8 Monaten", begann er, "ich habe sie schon mehrmals versucht anzusprechen, aber sie reagieren nicht."

      Seine Augen verdunkelten sich.

      "Sie werden mich jetzt sicher für verrückt halten Angela, aber ich möchte nicht, dass Natasha und der Kleine verschwinden. Deshalb streite ich alles ab, was mit "Geistererscheinungen" zu tun hat."

      Ich nahm noch einen Schluck, bevor ich in seine wunderschönen traurigen Augen schaute, "Dorian, ich möchte ihnen nicht zu nahe treten. Aber … Sie werden nie über den Tod der beiden hinwegkommen, wenn sie jede Nacht von ihnen heimgesucht werden. Es hindert sie daran, mit dem Leben fortzufahren, mit ihrem Leben."

      Er schien durch mich hindurch zu blicken, "ich habe das Recht zu Leben an dem Tag verwirkt, als sie starben. Warum musste ich überleben? Ich wünschte ich würde mit ihnen in der Gruft da draußen liegen."

      Energisch stellte ich mein Glas auf den Tisch und stand auf, "hören sie auf solchen Schwachsinn von sich zu geben Dorian. Sie sind nicht schuld an ihrem Tod. Es war ein unglücklicher Zufall. Sie haben überlebt, nur das zählt. Glauben sie, sie sind der einzige der einen schmerzlichen Verlust hinnehmen musste?"

      Aufgrund meiner Standpauke, kam wieder Leben in ihn.

      Da ich jedoch gerade in Schwung war, fuhr ich einfach fort, "es ist tragisch zweifelsohne, als meine Mutter an Krebs starb, war ich gerade mal acht Jahre, glauben sie, ich hatte es immer leicht im Leben? Mein Vater hat sich kurz darauf aus dem Staub gemacht. Ich war ihm zu viel, dem ärmsten. Meine Tante Violett hat mich aufgezogen. Ich war schon Ewigkeiten nicht mehr am Grab meiner Mutter. Und wie oft pilgern sie zur Gruft? Wahrscheinlich jeden Tag."

      Er blickte mich an, als hätte ich ihn bei einem Ladendiebstahl erwischt.

      "Heißt das jetzt, dass ich meine Mutter weniger geliebt habe, als sie ihre Frau und ihren Sohn? Nein, durchaus nicht. Denn ich trage sie hier drinnen", dabei deutete ich auf mein Herz, "das ist mehr wert als jedes teure Grab auf irgendeinem Friedhof."

      Ich hatte meinen Monolog beendet und setzte mich wieder.

      Er hatte an meinen Worten zu beißen, dass sah ich ihm an. So hatte wohl noch nie jemand mit ihm gesprochen.

      Hilflos sah er zu mir, "was soll ich ihrer Meinung nach dann tun?"

      "Herausfinden, warum die beiden jede Nacht durchs Schloss geistern und dafür sorgen, dass sie ihren Frieden bekommen", war meine ernüchternde Antwort.

      Unser Gespräch wurde durch einen grellen Blitz und einem darauf folgenden, gewaltigen Donnerschlag unterbrochen. Anscheinend gewann das Gewitter an Intensität. Gleichzeitig hörten wir auf dem Gang ein schauriges Geheul. Wir warfen uns fragende Blicke zu.

      So mutig ich gerade eben gewesen war, so ängstlich sprang ich auf und drängte mich an Dorian, "haben sie das auch gehört?" fragte ich vorsichtshalber.

      Er nickte.

      Ein eisiger Windhauch fuhr durchs Zimmer. Ich drängte mich noch mehr an ihn.

      "Ich sehe nach", sagte er beunruhigt.

      "Ich bleib hier sicher nicht allein", gab ich zurück.

      Er ging voraus, ich war dicht hinter ihm, konnte durch mein dünnes Nachthemd die Wärme seines Körpers spüren. Wieder krachte ein Donnerschlag. Ich zuckte zusammen. Dorian nahm den Türknauf in die Hand, drehte daran und öffnete vorsichtig die Tür.

      Am Boden des Ganges waberten dicke Nebelschwaden. Es war ein unheimlicher Anblick. Dorian griff nach meiner Hand. Es war furchtbar kalt. Wir drückten uns ganz dicht an die Wand und gingen den Gang entlang. Das ohnehin spärliche Licht begann zu flackern.

      "Das ist gar nicht gut", flüsterte ich, "in den Gruselfilmen fällt es dann immer aus."

      Kaum hatte ich meinen Satz beendet, standen wir in völliger Dunkelheit.

      "Es ist besser wir gehen zurück", sagte Dorian, "und holen uns eine Taschenlampe. Ich Idiot hätte gleich daran denken sollen."

      Wir wollten gerade unseren Rückzug antreten, als ein gleißender Blitz, das Fenster am Ende des Ganges erhellte. Der Anblick, der sich mir und Dorian bot, war makaber. Beide glaubten wir an eine Sinnestäuschung. Beim nächsten Blitz wussten wir, wir hatten uns doch nicht geirrt. Am Ende des Ganges, gleich unterhalb des Fensters standen die Särge von Natasha und Dorian jr.

      Ich musste mir den Mund zu halten, um meinen Schrei zu ersticken.

      "Wie um alles in der Welt?" mehr brachte Dorian nicht hervor.

      Natashas Sargdeckel begann sich zu heben.

      "Bloß nicht, bitte nicht", flüsterte ich.

      Hätte Dorian nicht neben mir gestanden, wäre ich wohl schon längst in Ohnmacht gefallen.

      Er war genauso paralysiert wie ich. Wagte sich nicht zu bewegen.

      "Dorian, hallte es durch den Gang, "warum nur? Warum hast du uns getötet?"

      Die Stimme klang verzerrt, nicht so wie die, die ich vorhin in meinem Zimmer gehört hatte.

      "Ich, ich konnte doch nichts dafür, es war ein Unfall", rechtfertigte er sich.

      Wieder erhellte ein Blitz den Gang, der Sargdeckel war bereits zu einem Drittel geöffnet. Erneut hallte ein schrecklicher Schrei durch die Gänge. Dann war es vorbei. Die Särge waren verschwunden und der Nebel begann sich zurückzuziehen.

      Max der Butler kam mit einer Taschenlampe um die Ecke gestürmt und leuchtete uns genau in die Augen, "oh Verzeihung", sagte er und senkte sie, "was war hier los? Wo kommt der Nebel her?"

      "Haben sie auch die Särge gesehen?" fragte Dorian scharf.

      "Welche Särge?" der Butler war sichtlich verwirrt.

      "Die Särge von Lady Natasha und Dorian jr., sie standen da vorne unter dem Fenster. Angela hat sie auch gesehen, nicht wahr?"

      "Mmh", sagte ich noch immer geschockt.

      "Geben sie mal her", sagte Asher schroff und nahm Max die Taschenlampe aus der Hand.

      Zu dritt gingen wir an die besagte Stelle. Nichts. Dorian bückte sich und untersuchte den Läufer. Wenn hier tatsächlich eben zwei Särge gestanden hätten, müsste man auch die entsprechenden Abdrücke dazu finden. Dem war nicht so.

      "Merkwürdig", murmelte er. Jetzt ging auch das Licht am Gang wieder an.

      "Ah ich glaube Edgar hat die Sicherung soeben getauscht", meinte Max erfreut.

      Dorian stand auf, drückte Max die Taschenlampe in die Hand, "ich halte es für besser, wenn wir jetzt alle schlafen gehen. Gute Nacht."

      Max verschwand.

      "So etwas habe ich hier noch nie erlebt", murmelte er nachdenklich.

      Ich nahm all meinen Mut zusammen und erzählte ihm von der Rauchgranate, während wir zurück in sein Zimmer gingen.

      Dorian wirkte nicht mehr traurig, wie zuvor, er schien eher ein wenig wütend zu sein, "das war ja eben wie in der Geisterbahn, die Särge können unmöglich auf dem Boden gestanden haben, ich habe keine Abdrücke am Teppich gefunden. Bei Tageslicht werde ich veranlassen, dass man die Gruft öffnet, ich möchte mich persönlich davon überzeugen, dass die Särge noch dort sind."

      Ich trank gierig mein Glas Scotch leer.

      "Wer oder was auch immer hier herum spukt, führt nichts Gutes im Schilde Dorian, ehrlich", sagte ich und wickelte mich in die Decke ein.

      Mir wurde wieder kalt, "ganz zu schweigen von dem Brand im Ostflügel", bemerkte ich.

      Dorians Kopf ruckte hoch, "sie meinen doch nicht etwa….."

      "Doch möglicherweise wollte mich jemand aus dem Weg schaffen, warum auch immer."

      "Dann müssen sie hier so schnell wie möglich weg", er war ernstlich besorgt.

      "Dorian, ich bin noch nie in meinem Leben vor Schwierigkeiten davongelaufen und ich fange heute nicht damit an. Ich bleibe hier und stehe ihnen zur Seite."

      Der Alkohol schien zu wirken. Ich fühlte mich irgendwie high. Dorians Gesicht bekam beinahe einen verzückten Ausdruck.

      "Schön, wenn sie das wollen. Ich kann sie nicht zwingen Gilgrim zu verlassen."

      Wir standen uns gegenüber, ich spürte wieder dieses Knistern in der Luft. Meine Lippen öffneten sich leicht.

      "Kannst du mich nicht in deine Arme nehmen, mich auf den Boden werfen und mich um den Verstand vögeln?" dachte ich.

      Noch deutlichere Signale konnte ich ihm kaum senden. Ich hielt die Spannung kaum noch aus. Er kam auf mich zu. Er zog mir die Decke von den Schultern. Stand dabei ganz dicht hinter mir. Wie zufällig berührten seine Hände meine nackten Schultern.

      "Ich begleite sie in ihr Zimmer", sagte er heiser.

      Gut, dann eben bei mir, sagte meine innere Stimme, während wir den Gang entlang gingen. Er öffnete mir die Tür. Ich ging hinein. Als ich mich umdrehte stand er ganz dicht hinter mir. Seine Körperwärme strömte durch mein Nachthemd. Ich musste meinen Kopf ein wenig heben, um ihn in die Augen sehen zu können.

      "Danke fürs bringen", sagte ich, weil mir nichts Besseres einfiel.

      Er lächelte ein wenig, "ger..", er musste sich räuspern, "Verzeihung, gerne."

      Ich stand knapp davor, mich in seine Arme zu werfen. Bitte, es war gegen die Genfer Konvention jemanden so leiden zu lassen. Mittlerweile musste ein ganzer Funkenregen zwischen uns niedergehen.

      "Danke, für ihre Unterstützung", sagte er.

      Laber nicht rum, küss mich endlich, ich hielt es kaum noch aus.

      "Ich geh dann mal", langsam drehte er sich um und ging.

      Verzagt schloss ich die Tür und lehnte mich dagegen. Mein Körper stand in Flammen. Damals wusste ich nicht, dass er das gleiche Tat, denn er lehnte an der Außenseite und verzehrte sich ebenso nach mir, wie ich nach ihm.
    • Kapitel 9

      Unnötig zu sagen, dass ich nach den Ereignissen der vergangenen Nacht kein Auge mehr zu brachte. Ich konnte mich auch nicht auf das Lesen eines Buches konzentrieren. Also lag ich im Bett, zählte die Sekunden und malte mir aus, wie schön es wohl hier mit Dorian zusammen wäre.

      "Selber schuld", sagte meine innere Stimme zu mir, "dein Techtelmechtel mit Jared ist ihm sicher nicht verborgen geblieben. Somit bist du uninteressant für ihn."

      "Da wär ich mir nicht so sicher", entgegnete meine kämpferische Seite, "denn Frauen, die leicht zu haben sind, sind langweilig."

      Was, wenn mein Lord Frosty aber auf langweilige Weiber steht? Endlich begann es draußen zu dämmern.

      Um mich vor unliebsamen Überraschungen zu schützen, verschloss ich sorgfältig die Türe. Dann ging ich unter die Dusche. Meine Benommenheit schwand und meine Lebensgeister kamen wieder. Ich zog mir den flauschigen weißen Bademantel an, der am Haken hing und ließ mein nasses Haar auf die Schultern fallen. Fröhlich vor mich hin summend ging ich zurück ins Wohnzimmer.

      Ich dachte gerade darüber nach, was ich mir wohl heute anziehen würde, als mich beinahe der Schlag traf. Mitten im Zimmer stand ein Kindersarg. Unkontrolliert fing ich an zu kreischen.

      Dorian musste es gehört haben, gleich drauf wollte er in mein Zimmer. Ich vergaß ganz, dass ich abgeschlossen hatte.

      "Angela, Angela, was ist da drinnen los? Machen sie sofort die Tür auf!" brüllte er und rüttelte verzweifelt daran.

      Wie in Trance, ging ich hin und schloss auf.

      Dorian stürzte ins Zimmer, keinen Moment zu spät, ich merkte nur noch, dass mir schwarz vor Augen wurde.

      Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf meinem Bett. Mir war kotzübel. Auf meiner Stirn lag ein kühler feuchter Lappen. Ich zog ihn weg und setzte mich langsam auf. Undeutliches Gemurmel drang vom Wohnzimmer herein. Ich stand auf, hielt mich jedoch zur Sicherheit am Bett fest. Meine Knie schienen aus Gummi zu sein. Unsicher ging ich ins Wohnzimmer.

      "Angela", sagte Dorian besorgt und unterbrach sein Gespräch mit Sophia, meine Gesichtsfarbe schien perfekt zum Bademantel zu passen, "wollen sie sich nicht wieder hinlegen?"

      "Nein, danke, es geht schon", das Sprechen fiel mir schwer.

      Ständig hatte ich dieses Würgegefühl im Hals.

      "Und steht er noch dort?" fragte ich unsicher.

      "Wer?" er blickte mich verwirrt an.

      "Der Kindersarg", sagte ich zögernd.

      "Kindersarg? Nein, hier ist nichts Angela, Sophia und ich rätselten gerade darüber, was sie wohl so erschreckt haben könnte."

      "Das, das kann nicht sein", stammelte ich, "er stand dort drüben."

      Als ich Dorian beiseite schob und auf besagte Stelle deutete, war tatsächlich nichts mehr zu sehen.

      Ich wankte erneut, Dorian fing mich mit seinen starken Armen auf, "es wäre doch besser, sie würden sich hinlegen Angela, wenn sie wollen, kann ihnen Max einen Arzt rufen."

      Ich schüttelte meinen Kopf.

      "Dorian du hast keine Ahnung welch heilende Wirkung deine Hände haben", dachte ich mir, als ich so ganz nah bei ihm stand.

      Ich fühlte mich sofort besser und wünschte mir, er würde mich nie wieder loslassen.

      Er betrachtete mich eingehend mit seinen wunderschönen grünen Augen, "möglicherweise war das Ganze nur eine unheimliche Nachwirkung von letzter Nacht", sagte er sanft.

      "Ich hab mir das nicht eingebildet Dorian, das schwöre ich ihnen."

      "Angela, es war unmöglich ins Zimmer zu gelangen, ihre Tür war verschlossen", erinnerte er mich, "sie haben mir aufgeschlossen und sind dann zusammengebrochen. Ich hatte Überblick über den ganzen Raum. Da war nichts."

      "Miss Angela", unterbrach Sophia, "soll ich ihnen eine heiße Tasse Kakao aufs Zimmer bringen?"

      "Danke sehr nett, aber ich komm lieber zu ihnen in die Küche", sagte ich, ohne meinen Blick von Dorian abzuwenden.

      Sophia wurde verlegen, "ich geh mal schon vor", dann war sie fort. Wie würde sich Dorian wohl diesmal aus der Affäre ziehen? Wir standen noch immer sehr eng beisammen. Wir spielten ein Spiel, das Kinder oft spielen. Dabei starrt man sich so lange in die Augen, wie man kann, der erste, der wegsieht, hat verloren.

      Ich hatte das früher oft mit einer Freundin gespielt und immer gewonnen. Dorians Blick wurde unstet.

      "Was?" fragte ich ihn, da er sichtlich begann sich unwohl zu fühlen.

      Er schluckte, ich sah es an seinem Adamsapfel.

      "Sie sollten sich besser anziehen", seine Stimme war heiser.

      Just in dem Moment löste sich der Gürtel meines Bademantels und gab Dorian einen dezenten Überblick über das, was er sich entgehen ließ.

      "Gefällt ihnen nicht, was sie sehen?" tut mir leid, ich konnte nicht anders, irgendwann musste ich ihn aus der Reserve locken.

      "Das ist es nicht", erwiderte er sanft, ließ mich los und drehte mir den Rücken zu.

      "Was ist es dann?" jetzt wollte ich es wissen.

      "Ein ander Mal", er klang ein wenig verzagt, "ich muss jetzt gehen, die Arbeiter warten auf mich. Ich lass die Gruft aufbrechen. Ich will wissen, ob die Särge noch da sind."

      Verdammt, verdammt, verdammt. Wie sollte ich gegen die Geister der Vergangenheit ankommen, wenn er nicht bereit war, auch nur einen Schritt in meine Richtung zu tun. Zornig nahm ich ein Shirt aus dem Kasten, schlüpfte in meine Jeans und nahm mir meine Windjacke. Den Kakao trank ich stehend in Sophias Küche, dann zog ich meine Schuhe an und eilte hinaus. Ich wollte dabei sein, wenn sie die Gruft öffneten.

      Dorian war nicht gerade freundlich, als er mich auf ihn zukommen sah.

      "Was tun sie hier Angela", fuhr er mich an.

      "Ich will dabei sein Dorian. Ich habe ein Recht darauf. Schließlich habe ich den Spuk heute Nacht auch gesehen."

      Ich bemerkte, dass es ihm ganz und gar nicht passte. Doch was sollte er machen? In diesem Punkt waren wir uns sehr ähnlich. Wir waren beide Sturköpfe erster Güte. Die Arbeiter erledigten die Grobarbeit mit einem elektrischen Meißel. Für den Rest griffen sie zu Spitzhacken.

      "Mr. Asher wird sind durch, wenn sie kommen wollen", sagte der Vorarbeiter.

      Er zögerte kurz.

      "Ich kann sie begleiten", bot ich ihm an, "ich versprech auch, nicht in Ohnmacht zu fallen."

      Anstatt mir zu antworten ergriff er meine Hand. Der Mann überraschte mich immer wieder aufs Neue. Gemeinsam betraten wir die Gruft. Die Luft roch abgestanden.

      "Wir müssen da runter", deutete Dorian auf die Stufen vor uns, die in völliger Dunkelheit lagen.

      Von außen fiel nur wenig Licht herein. Er knipste die Stablampe, die er in der anderen Hand hielt, an. Vorsichtig ging er voraus. Bei einem Vorsprung musste er sich bücken. Ich passte knapp unten durch.

      Er hielt meine Hand noch immer fest. Wir waren unten angekommen, die Scharniere der schmiedeeisernen Türe quietschten, als er sie öffnete.

      Er richtete den Lichtstrahl auf die gegenüberliegende Seite. Zu meiner Verblüffung standen hier bereits einige Särge mehr, als ich gedacht hatte. Insgesamt zählte ich vier, inklusive des Kindersarges. Dorian war erleichtert.

      Alles stand an seinem Platz. Er ließ meine Hand los und ging hinüber. Die Särge von Natasha und Dorian jr. standen ungefähr auf Hüfthöhe.

      Sanft strich er über das Holz. Es war ein berührender Anblick. Ich wagte mich nicht zu rühren. Sicher hielt er schweigend Zweisprache mit den beiden.

      Bevor er sich umdrehte, drückte er jeweils eine Kusshand auf die beiden Särge.

      "Ich liebe euch", flüsterte er.

      Dann kam er auf mich zu. Eine einsame Träne lief ihm über die Wange. Wie gerne hätte ich sie weggeküsst.

      "Gehen wir, hier ist alles, wie es sein soll", sagte er.

      Dann nahm er wieder meine Hand.

      "Sie können die Gruft verschließen", wies er den Vorarbeiter an. "

      Ja, Sir", kam es knapp zurück, sofort machten sich die drei Männer an die Arbeit.

      Hand in Hand gingen wir zurück zum Schloss.

      "Ich wollte vorhin nicht unhöflich sein", entschuldigte sich Dorian und blieb stehen.

      "Ich bin froh darüber, dass sie mich begleitet haben. Danke."

      "Keine Ursache", sagte ich, "ich hab es gerne getan. Es tut gut zu wissen, dass alles sein Ordnung hat."

      "Ja, das tut es", seine Gesichtszüge entspannten sich.

      Dann zog er mich in seine Arme und küsste mich mit so einer Intensität, dass mir die Sinne schwanden. Minuten mussten vergangen sein, bevor wir voneinander ließen.

      "Das hättest du schon längst tun sollen", sagte ich und berührte mit meinen Fingerspitzen seine unendlich sanften Lippen, "wieso hast du solange damit gewartet?"

      Er küsste meine Finger, "ich dachte Jared und du…."

      "Narr", schalt ich ihn. "Dorian!" Loreleis Stimme war jetzt ungefähr so unpassend, wie das Geräusch von Kreissägen im Regenwald.

      "Ihr Timing ist zum kotzen", fluchte Dorian.

      "Ach? Tatsächlich?" wir lachten.

      Man muss sich Loreleis Gesicht vorstellen, als Dorian und ich Arm in Arm aus dem Gestrüpp traten.

      Sie rang nach Fassung.

      "Hallo Dorian, ich dachte wir könnten einen Ausritt machen, was hältst du davon?" mich ignorierte sie geflissentlich.

      "Leider Lorelei, passt es mir gerade gar nicht", entgegnete er, "ich habe den heutigen Tag Angela versprochen."

      Meine Mitwirkung im Laientheater machte sich bezahlt, lässig überspielte ich meine Überraschung.

      "Wenn das so ist", sagte sie schnippisch, "vielleicht kannst du mich ja anrufen, wenn es dir wieder passt."

      Trotzig ging sie zu ihrem Wagen und jagte die Auffahrt hinunter.

      "Ups", bemerkte ich, "das hat sie sicher nicht hören wollen, Dorian."

      "Das meine liebe Angela, schert mich einen feuchten Dreck", lachend herzte er mich.

      "Und was hast du vor?" ich brannte vor Neugier.

      "Frag nicht, lass dich überraschen."

      Er holte seine Wagenschlüssel und wir fuhren in die nächst größere Stadt. Wir nahmen einen ausgedehnten Brunch. Dabei unterhielten wir uns das erste Mal richtig miteinander.

      Nicht über Antiquitäten oder irgendwelche Bücher. Dann ging er mit mir in ein kleines exquisites Motorradgeschäft und kaufte mir eine Motorradkluft, inklusive Helm. Ich kam aus dem Staunen nicht heraus. Mittlerweile kam die Sonne hinter den Wolken hervor. Es versprach ein herrlicher Nachmittag zu werden.

      Die Montur saß perfekt, sie fühlte sich an, wie eine zweite Haut. Ich blieb gleich so. Nachdem wir wieder zurück auf Gilgrim waren, bat er mich kurz zu warten. Es lohnte sich.

      Dorians Anblick, raubte mir das bisschen Verstand, dass ich noch hatte. Er sah einfach fantastisch aus, so von Kopf bis Fuß in Leder und den Motorradstiefeln, dazu der schwarze Helm mit dem verdunkelten Visier, den er lässig in der einen Hand hielt.

      Er ging zu dem kleinen Anbau hinüber und brachte eine blitzblaue BMW K1200 GT zum Vorschein, stieg auf und sah zu mir.

      "Darf ich bitten Mylady."

      Ich saß auf, wir verbanden uns über das Bordkommunikationssystem, um während der Fahrt miteinander sprechen zu können.

      Dann brausten wir davon. Ich genoss die Fahrt und kuschelte mich eng an ihn. Wir fuhren durch eine wunderschöne Herbstlandschaft.

      Die Blätter leuchteten in sattem Dunkelrot und Gelb. Ich hatte keine Ahnung wohin mich mein Prinz auf seinem stählernen Ross entführen würde. Es war mir egal, für mich zählte nur, dass wir anscheinend endlich zueinander gefunden hatten.
    • Kapitel 10

      Wir fuhren ungefähr eine Stunde durch die Gegend, als Dorian das Tempo verringerte und in eine kleine Waldlichtung abbog. Der Weg war, für einen Waldweg, in einem erstaunlich guten Zustand.

      "Wir sind gleich da", vernahm ich seine Stimme durch die im Helm eingebauten Kopfhörer.

      Nachdem wir verschlungene Pfade entlanggefahren waren, kamen wir irgendwann an eine große Lichtung. Es war beinahe so, als würde man eine andere Welt betreten.

      Dorian stoppte die Maschine, wir stiegen ab. Nachdem ich mir den Helm vom Kopf gezogen hatte, betrachtete ich die Idylle, die sich meinen Augen bot. Wir standen genau gegenüber eines Sees. Vom Ufer aus konnte man über einen breiten Steg bequem ins Wasser gelangen.

      Auf der, von mir aus gesehen, linken Seite befand sich ein wunderschönes altes Haus im viktorianischen Stil.

      "Wunderschön Dorian", sagte ich, "wem gehört das alles?"

      "Mir", antwortete er voller Stolz, "inklusive des Sees."

      Ungläubig blickte ich ihn an.

      "Du kannst es mir ruhig glauben", er zwinkerte mir zu, "ich habe das Haus ungefähr vor einem dreiviertel Jahr gekauft und es renovieren lassen. Es war in einem miserablen Zustand. Gott sei Dank kenne ich einen Bauunternehmer, der sich auf die Wiederherstellung solcher Häuser versteht. Außen sieht es genau so aus, wie zu seiner Blütezeit, innen habe ich es selbstverständlich modernisieren lassen. Komm mit, ich zeig’s dir."

      Ich folgte ihm, wie ihn Trance. Er sperrte auf und ließ mich eintreten. Ich war überrascht. Die Einrichtung war hell und freundlich, nicht so düster, wie alles andere im Schloss.

      "Geh ruhig weiter, trau dich", forderte er mich auf.

      Wir schlüpften aus unseren Motorradstiefeln. Der Vorraum war riesig und mit Carrara-Marmor ausgelegt. Der Boden war wieder Erwarten warm.

      Er bemerkte meinen Blick und sagte, "Fußbodenheizung."

      Ah, ja, hätt ich auch selber draufkommen können. Vielleicht sollte ich meinen Verstand wieder einschalten. Ich nahm mir vor in Zukunft anspruchsvollere Lektüre zu lesen. Diese Erotikromane schienen mich zu verblöden. Erstaunt war ich auch darüber, wie sauber es hier war.

      "Wer hält dir deine bescheidene Hütte in Schuss?" fragte ich darum gleich.

      "Eine Frau aus dem Dorf, nicht weit von hier. Sie kommt regelmäßig vorbei, auch wenn ich nicht da bin", er ging in die Küche, "was willst du trinken?"

      "Kommt darauf an, was dein Kühlschrank zu bieten hat", entgegnete ich frech.

      "Sag mir ein Getränk."

      Ich entschied mich für, "Eistee."

      "Kommt sofort."

      Ich hörte ihn in der Küche herum werkeln und ging weiter ins Wohnzimmer.

      "Manche Leute haben eine Wohnung, die so groß wie dieses Zimmer ist", bemerkte ich.

      Lächelnd gab er mir den Eistee in die Hand.

      "Und gefällt dir, was du bis jetzt gesehen hast", er war überhaupt nicht neugierig.

      Ich nahm einen großen Schluck, von der langen Fahrt, war ich ziemlich durstig geworden.

      "Ich finde keine Worte Dorian. Es ist unbeschreiblich schön hier, ganz anders als im Schloss."

      "Das ist auch Absicht. Ich habe vor, diesen alten Kasten zu verkaufen, wenn es sein muss, inklusive der Geister", eröffnete er mir seine Pläne.

      "Och", gab ich enttäuscht von mir, "dann wirst du wohl meine Dienste auch nicht länger benötigen."

      Ich zog einen Flunsch.

      "Wie kommst du darauf?"

      "Na wo willst du mit den vielen Antiquitäten hin? Das Haus ist zwar groß, aber die Antiquitäten finden hier niemals Platz."

      "Deswegen hab ich mir im Dorf ein Geschäft zugelegt. Ich werde das ganze Zeug dorthin verfrachten und ich brauch natürlich eine Geschäftsführerin."

      Ich traute meinen Ohren nicht, "wie bitte, du brauchst was? Und du hast mich dafür in Betracht gezogen?"

      "Guck mich nicht so an", er stellte sein Glas auf den Couchtisch, "du musst dich doch sowieso unterfordert fühlen, wird es dir nicht langweilig alles nur zu archivieren? Deinem Lebenslauf nach zu urteilen, sollte mein Vorschlag kein Problem für dich darstellen."

      "Das nicht", ich musste mich konzentrieren, um nicht ins Stottern zu geraten, "ich dachte nur, dass ich es dir sowieso nie recht machen kann. Weil du mich immer so böse angesehen und kaum über die Arbeit mit mir gesprochen hast."

      Er tat entsetzt, "so, hab ich das wirklich? Tut mir leid. Ich habe in den letzten Monaten tatsächlich den Umgang mit anderen Menschen verlernt. Ich sollte eindeutig wieder mehr unter die Leute, deshalb gehen wir heute zum Abendessen in den Pub."

      Ganz nebenbei stellte er mich vor die vollendete Tatsache, dass ich wohl oder übel die Nacht mit ihm in seinem Herrschaftshaus verbringen musste.

      "Wartet dein Personal nicht auf unsere Rückkehr? Und was ist mit deinen Geschäften?"

      "Mir scheint, dir ist nicht ganz wohl bei dem Gedanken, die Nacht hier mit mir zu verbringen", durchschaute er mein flaues Ablenkungsmanöver.

      Ich schluckte, "das kann man so nicht sagen", holte ich zu einer umfassenden Erklärung aus.

      "Angela?"

      "Ja, was?"

      "Halt die Klappe", sagte er nonchalant und küsste mich, das mir Hören und Sehen verging.

      Mir kam es vor wie eine Ewigkeit, bevor er mich wieder ausließ.

      "Du hast meine Entführung von langer Hand geplant, wie mir scheint", neckte ich ihn.

      "Wenn du es so sehen willst, dann…."

      "Dorian?"

      "Ja, was?"

      "Halt die Klappe", meine Retourkutsche ging auf.

      Nachdem wir uns erneut geküsst hatten sagte ich, "von mir aus können wir das Spielchen noch länger spielen."

      Dann begann er zu lachen, richtig zu lachen. Ich hatte es geschafft.

      "Strike", dachte ich bei mir.

      "Shit", fluchte ich.

      "Gibt’s ein Problem?"

      "Ich hab kein Nachthemd eingepackt, ich hab doch nicht gewusst, dass wir nicht mehr zurückfahren."

      "Mmmh", machte er, "einerseits ein großes Problem, andrerseits, glaubst du wirklich, dass du eines brauchen wirst?"

      Ich schlug ihm mit der Faust gegen seine Brust, "du eingebildetes Mannsbild."

      "Autsch, das hat wehgetan Angela", er rieb sich die Stelle, an der ich ihn getroffen hatte.

      "Dann gleich noch mal", und die nächste.

      "Warte nur", drohte er mir, er griff nach meinem Oberarm, doch ich war schneller.

      "Fang mich, wenn du kannst", rief ich und rannte aus dem Zimmer.

      Ich blickte mich um und versteckte mich in der Küche, nicht ohne vorher die "Fluchtmöglichkeiten" abzuwiegen.

      "Ich werd dich schon finden und dann werde ich dir kräftig dein Hinterteil versohlen", sagte er.

      Dummerweise stieß ich mit meiner Hand ans Kochbesteck, das auf einem dünnen Metallrohr hing, das gleich unterhalb der Arbeitsplatte befestigt war.

      "Ich weiß, wo du steckst Angela."

      "Mist!"

      Hätte ich mich nicht für den anderen Durchgang entschieden, wäre ich ihm geradewegs in die Arme gelaufen.

      Aber so entkam ich ihm. Wir benahmen uns wie zwei Kinder. Im Wohnzimmer stolperte ich über den Kaminvorleger, fing mich jedoch und rannte weiter in den Vorraum. Wo war denn hier nur die verdammte Treppe? Dort hinten, genau. In den meisten Herrenhäusern nimmt der Treppenaufgang beinahe den ganzen Platz des Vorraums ein. Dorian hatte ihn jedoch zurückbauen lassen und geschickt in einer Nische versteckt. Das brachte eine Menge Platz und mich in arge Bedrängnis. Er holte auf. Der Treppenaufgang war schmal. Ich strauchelte erneut. Oben kannte ich mich überhaupt nicht aus. Ich nahm die nächst beste Tür. Erstens war es ausgerechnet das Schlafzimmer, das ich erwischte und zweitens, Sackgasse. Verzweifelt suchte ich nach einer Verbindungstür. Schmecks. Keine da.

      Ich ging zum Fenster, öffnete es und erwog über den ziemlich breiten Fenstersims aufs Dach zu klettern. Eine meiner leichtesten Übungen, hatte ich als Kind zigmal gemacht, um mich heimlich mit Freunden zu treffen. Ich hatte gerade einen Fuß beim Fenster draußen, als die Schlafzimmertür aufflog und Dorian mit einem breiten Grinsen herein kam.

      Plötzlich wurde er ernst, "untersteh dich Angela, hast du vor dir den Hals zu brechen?"

      "Feigling", verhöhnte ich ihn, "ich hab keine Höhenangst? Du etwa?"

      Spaßes halber lehnte ich mich noch weiter aus dem Fenster.

      "Komm sofort ins Zimmer zurück", sagte er beinahe im Befehlston.

      "Spielverderber", ich zögerte, ob ich es nicht doch wagen sollte.

      Mit seinen langen Beinen hatte er mit drei Schritten das Zimmer durchquert und war bei mir. Er schlang seine Arme um meine Taille und zog mich rein.

      "Du bist ein böses, böses Mädchen", schalt er mich. Dorian setzte sich aufs Bett und legte mich tatsächlich übers Knie. Mit kräftigen Schlägen versohlte er meinen Hintern. Das heißt, er versuchte es, durch die feste Lederhose spürte ich kaum etwas. Die Situation war so komisch, dass ich einen Lachanfall bekam.

      "Bitte Dorian, lass mich runter, Gnade", prustete ich.

      Ich bekam kaum noch Luft, zappelte herum, wie ein Fisch auf dem Trockenen. Er hörte nicht auf. Geschickt drehte ich mich und kam irgendwie frei. Ich hielt mich jedoch an seinem Sweater fest und zog ihn mit mir auf den weichen Teppichboden.

      Wir balgten uns. Endlich saß ich auf ihm. Abgekämpft blies ich mir eine Haarsträhne aus der Stirn.

      "Loser", betitelte ich ihn, "wie kannst du nur auf eine wehrlose Frau einprügeln?"

      Er lächelte, "wenn du wehrlos bist, müsstest du eigentlich unter mir liegen und nicht ich unter dir."

      "Ich mag Männer, die sich mir unterwerfen", provokant leckte ich über meine Lippen.

      "Ich wusste gar nicht, dass du auch eine Ausbildung zur Domina hast", sagte er während er mit seinen Händen meine Handgelenke umfasste, weil ich ihm gerade eine Ohrfeige verpassen wollte, "davon stand gar nichts in deinem Lebenslauf."

      Natürlich war meine Mühe vergebens, seinem eisernen Griff zu entkommen.

      So passierte es dann, dass er mich im Handumdrehen auf den Rücken legte. Damit ich ihm nicht entwischen konnte legte er sich mit seinem Oberkörper auf mich. Da waren wir nun, Auge in Auge. Er hatte meine Handgelenke mit seinen Händen am Boden fixiert.

      "Deine Aktien stehen schlecht Angela", er grinste von einem Ohr zum anderen.

      "Och, ich hab auch nichts gegen dominante Männer. Ich finde sie….."

      "Angela?"

      "Ja?"

      Seine weichen warmen Lippen verschlossen meinen Mund. Ich hörte die Englein singen. Möge er doch bitte nicht aufhören mich zu küssen, dachte ich.

      "Meinst du, es ist zu früh, um ins Bett zu gehen?" fragte er mit einem schelmischen Aufblitzen in seinen Augen.

      Obwohl es mir schwer fiel antwortete ich, "ich denke schon, wir sollten nach dem Dinner darüber sprechen."

      Warum ich das gesagt hatte? Nun, zwischen uns war ein ganz besonderer Zauber und ich hatte Angst, wir könnten ihn zerstören, wenn wir miteinander intim wurden. Und ich kann nur sagen, es war verdammt schwer unter seinen Küssen und Liebkosungen nicht schwach zu werden.
    • Kapitel 11

      Im Pub war es mehr als voll, wir mussten uns den Weg zu unserem Tisch erkämpfen. Dafür wurden wir mit einem hervorragenden Stew entschädigt. Die Luft hatte mich hungrig wie einen Bär gemacht. Auch Dorian langte ordentlich zu. Wir tranken das Bier gleich aus der Flasche und erzählten uns nebenher Anekdoten aus dem Geschäftsleben. Er wurde ein wenig verlegen, als er sich nach meinem Privatleben erkundigte.

      Ich sagte ihm, "das braucht dir nicht peinlich zu sein, weil da gibt’s nichts, was ich dir erzählen könnte. Momentan hab ich keine Beziehung."

      Er schien sichtlich erleichtert darüber, mein Techtelmechtel mit Jared war immer noch über uns, wie zäher Nebel in London.

      Die Zeit verging viel zu schnell. Dorian bezahlte die Rechnung und wir fuhren wieder zurück zum Herrenhaus. Da es ziemlich kühl war fröstelte es mich trotz der Ledermontur. Im Haus war es kuschelig warm. Zu meiner großen Überraschung brannte Feuer im Kamin, als wir ins Wohnzimmer kamen.

      "Haben wir hier auch Geister?" fragte ich ihn leicht verdutzt.

      Er lächelte, "keine Sorge, ich hatte Anna angerufen, als du mal kurz draußen warst und sie gebeten Feuer zu machen. Du siehst, kein übernatürliches Phänomen."

      Ich stellte mich breitbeinig vor den Kamin und streckte meine Hände zum Feuer, um sie aufzuwärmen. Das brennende Holz knisterte und in Kombination mit der Wärme bekam der Raum eine äußerst angenehme Atmosphäre und mein Körper begann mir eindeutige Signale zu senden.

      "Wie wär’s mit leiser Musik?" schlug Dorian vor.

      "Ja, warum nicht", sagte ich und versuchte beiläufig zu klingen.

      Er machte die Anlage an, holte zwei Coke aus dem Eiskasten und zu allem Überfluss dimmte er das Licht. Leichte Panik ergriff mich. Langsam wurde mir heiß, zu heiß. Ich verließ den Kamin und setzte mich in den bequemen Fauteuil, während Dorian die Couch in Beschlag genommen hatte.

      "Kuschelig ist es hier", sagte ich, was Besseres fiel mir nicht ein.

      Ich spürte deutlich seine Blicke auf meiner Haut. Sah ihn jedoch nicht an, sondern nippte nervös an meiner Coke.

      "Trotzdem scheinst du dich irgendwie nicht ganz wohl zu fühlen?" erwischt.

      Ich versuchte meine Gefühle herunterzuspielen, "ich bin vom heutigen Tag noch so aufgewühlt. Die Fahrt hierher auf dem Motorrad, deine Pläne fürs Geschäft."

      Ich hütete mich, unser Geplänkel zu erwähnen.

      "Achso", sagte er mit einem undefinierbaren Tonfall und blickte mich dabei verschmitzt an, "sonst beschäftigt dich nichts?" bohrte er weiter.

      "Warst du einmal bei der Polizei und wendest jetzt die Verhörmethoden an, die du dort gelernt hast?" veralberte ich ihn.

      "Ich will dich durchaus nicht verhören, ich habe nur das Gefühl, das zwischen uns noch einiges offen ist", erklärte er mir.

      "Das kann ja heiter werden", dachte ich bei mir, "er lässt mir die Wahl zwischen: Ich rede dich in Grund und Boden, oder Ich liebe dich in Grund und Boden."

      "Ich wusste gar nicht, dass du so hartnäckig sein kannst Dorian Asher", wieder nahm ich einen Schluck aus der Dose.

      "Das bin ich nur, wenn es um bestimmte Objekte geht, die ich unbedingt haben will", seine Aussage war eindeutig zweideutig.

      "Um Objekte deiner Begierde meinst du?" führte ich weiter aus.

      "Du siehst das ganz richtig, meine liebe Angela", seine Stimme wurde einen Tick rauer.

      "Weil wir grad so schön am Plaudern sind", begann ich, "ich hatte dich für einen richtigen Eisblock gehalten und das die ganze Zeit über."

      Er bekam große Augen.

      "Guck nicht so Dorian, du weißt das ganz genau. Du hast dich mir gegenüber nicht gerade "liebevoll" verhalten."

      Hatte ich im Pub zu viel Bier erwischt, weil ich plötzlich so locker vor mich hin sprechen konnte?

      "Ich würde sagen, ich habe mich dir gegenüber wie ein Gentleman benommen", verteidigte er sich.

      "Ein bisschen zu viel Gentleman für meinen Geschmack. Kaum waren wir zusammen in einem Raum, hast du irgendwann förmlich die Flucht ergriffen, was sollte ich davon wohl halten?" knallte ich es ihm vor den Latz.

      Er drehte die Dose in seiner Hand, "nun vielleicht lagen die Ursachen dafür ganz wo anders, als du sie vermutet hast?"

      "Wie soll ich es denn auffassen, wenn wir zusammen sind und du so abweisend bist, dass es einem schon weh tut", langsam wurde ich wütend, "mit Lorelei warst du so vertraut und hast mir ihr gelacht, geplaudert und mit mir bist du umgesprungen, wie mit einem räudigen Köter. Ich bekam kaum ein freundliches Wort von dir zu hören und wenn wir uns mal näher kamen, hast du sofort abgeblockt und eine Mauer hochgezogen."

      "Glaubst du an Liebe auf den ersten Blick?" kam es von ihm.

      Diese Frage hatte ich nun am wenigsten erwartet.

      "Wenn ich nein sagen würde, wäre das glatt gelogen", antwortete ich, eine leichte Röte zog über mein Gesicht.

      "Eben", er schien genau zu wissen wovon ich sprach, "als du damals so durchnässt in der Halle gestanden hast, hast du verdammt sexy ausgesehen. Längst verloren geglaubte Gefühle drängten sich bei mir an die Oberfläche und weißt du was? Ich stand auf einmal lichterloh in Flammen und wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte."

      Ich bewunderte ihn für seine Ehrlichkeit und beschloss mit ihm gleich zu ziehen, "mir ging es nicht anders. Ich versteh nur nicht, hast du denn meine "Signale" nicht empfangen?"

      "Oh doch Angela, da kannst du dir sicher sein. Deshalb hab ich mich ja so zurückgezogen. Jedesmal, wenn ich mit dir zusammen war, raubte mir – verzeih den Ausdruck – meine Geilheit beinahe den Verstand."

      Er räusperte sich.

      "Oft bin ich deswegen so schnell abgezogen, weil du sonst gesehen hättest, wies um mich steht, im wahrsten Sinne des Wortes."

      Ich musste lächeln, "wenn ich dir schon gezeigt habe "greif zu", warum hast du’s dann nicht getan?"

      "Ich dachte, das wäre nicht angemessen. Überhaupt nach so kurzer Zeit. Und dann war da noch Jared…"

      Ich nickte, "Jared, das war ganz allein deine Schuld."

      "Was, dass du mit ihm ins Bett gestiegen bist?" er wurde ein wenig lauter.

      "Mmmh, was hätte ich den machen sollen? Es mir raus schwitzen, über dich herfallen?" entgegnete ich ihm.

      "Und da war’s nur logisch, dass du mit ihm mitgefahren bist", er war sichtlich sauer.

      "Und es war gut so, sonst säße ich heute wahrscheinlich nicht mit dir hier", sagte ich in Anspielung auf den Brand.

      Schweigen.

      Seufzend ergriff ich wieder das Wort, "wahrscheinlich hätte ich mich dir an den Hals schmeißen sollen, wäre das eindeutig genug gewesen?"

      Jetzt war er am lächeln, "es hätte nicht schaden können."

      "Ich muss mal schnell für kleine Mädchen", entschuldigte ich mich, "das Bier."

      Als ich zurückkam, saß er auf dem flauschigen Kaminvorleger.

      "Dass kann nicht dein Ernst sein", sagte ich mit einer dunklen Vorahnung, "vor dem Kamin? Wie kitschig."

      Er sah zu mir auf, "was ist schlecht an Kitsch?"

      Er zog mich zu sich auf dem Boden. Sein erster Kuss war sanft und zärtlich.

      Seine Zunge berührte meine Lippen nur leicht. Als er aufhörte, saß ich ihm noch immer mit geschlossenen Augen gegenüber. Sein zweiter Kuss war fordernder. Er hielt meinen Kopf zwischen seinen Händen und drang mit seiner Zunge tief in meinen Mund. Wir wurden beide vom leichten Beben unserer Körper erschüttert. Dann begannen wir uns auszuziehen. Schließlich trugen wir beide nur noch unsere Unterwäsche. Sanft drückte er mich nach hinten, am liebsten hätte ich meine Augen geschlossen. Aber das wollte ich nicht, ich wollte ihn sehen, seine Nähe auskosten. Er liebkoste meinen Hals, meine Schultern, meine Brüste. Ich fuhr mit meinen Händen über seinen Körper. Prägte mir jeden Muskel ein. Er hatte einen wirklich tollen Körper. Allzu deutlich konnte ich seine Erregung spüren.

      Schließlich strichen wir auch noch die letzten störenden Stoffreste von uns. Wir brannten beide vor Verlangen. Hatte ich bis jetzt wissen wollen, ob er meinen übertriebenen Erwartungen entsprach, so war es mir nun vollkommen egal. Das einzige was ich wollte, war ihn endlich in mir zu spüren und mit ihm gemeinsam Erlösung zu finden.

      "Jetzt", flüsterte ich ihm ins Ohr, "bitte."

      Dorian drang sanft in mich ein. Zuerst war er noch zaghaft, als wolle er mich noch mehr reizen. Ich drückte ihm mein Becken entgegen, um ihm zu zeigen, dass ich mehr von ihm erwartete. Seine Stöße wurden heftiger. Ich krallte meine Finger in seinen Rücken, konnte seine verspannten Muskeln fühlen. Gleichzeitig spürte ich, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis er kam.

      Irgendwie schien er sich dagegen zu sperren, das wollte ich nicht, ich war auch kurz davor und wollte es mit ihm zusammen genießen.

      "Warum lässt du dich nicht einfach gehen?" flüsterte ich und presste meinen erregten Körper noch enger an ihn. Ich krallte meine Fingernägel in seine Schulterblätter, fühlte das Spiel seiner Muskeln, die Lust, die von jeder einzelnen Pore ausging, sog seinen wundervollen Duft in mich auf und schloss die Augen, um mich in seinen starken Armen zu verlieren.

      Dorian kam mit einem Aufschrei und riss mich mit in einer Welle der Leidenschaft, die eher einem Tsunami glich. Erst nach einer Weile rollte er von mir herunter und legte sich, neben mich auf den Rücken. Ich drehte meinen Kopf zur Seite und betrachtete sein Profil. Das widerspenstige Haar, die kleinen Schweißperlen auf seiner Stirn, perfekt geformte Wimpern, sein markantes Kinn, allein von seinem Anblick bekam ich schon wieder Gefühle.

      "Ich hätte nie gedacht, dass mir so etwas jemals wieder passieren würde", sagte er plötzlich.

      Er drehte sich auf die Seite und wir sahen uns tief in die Augen. Ich konnte Schmerz, Freude und auch etwas Schalkhaftes darin erkennen.

      "Weshalb hast du nur so verdammt sexy in deinen nassen Klamotten ausgesehen?"

      Dann strich er zärtlich über mein Gesicht, meine Nasenspitze, meinen Mund. Ich küsste seine Finger. Er umarmte mich erneut und ich wusste es würde nicht das letzte Mal sein, diese Nacht.

      Die Affäre mit Jared war für mich beendet. Für mich würde es nur noch einen Mann in meinem Leben geben: Dorian.

      Der einzige Schatten, der über unserer Beziehung lag, waren die unheimlichen Vorgänge im Schloss.
    • Kapitel 12

      Unser Glück sollte nicht lange währen. Nach der Rückkehr von unserem romantischen Platz am See, zog ich natürlich zu Dorian. Anfangs war alles perfekt. Bis auf die nächtlichen Geistererscheinungen, die uns nach wie vor heimsuchten. Und das in verschiedenen Teilen des Schlosses. Innerhalb von vier Wochen begann sich Dorian merklich zu verändern. Er wurde zunehmend teilnahmslos. Schien jegliche Freude am Leben zu verlieren. So sehr ich mich bemühte ihn aus dieser Lethargie zu reißen, ich hatte keinen Erfolg. Ich konnte ihn nicht einmal dazu überreden, wieder an den See zu fahren.

      "Was soll ich dort Angela? Mein Platz ist hier bei Natasha und Dorian jr., versteh das bitte", war sein lapidarer Kommentar.

      Nein, ich konnte und wollte es nicht akzeptieren. Eines Nachts wachte ich auf und der Platz neben mir war leer. Ich rief nach Dorian, bekam jedoch keine Antwort. Beunruhigt stieg ich aus dem Bett und ging ins Wohnzimmer. Ich vernahm ein undeutliches Murmeln. Auf Zehenspitzen schlich ich mich an und verbarg mich hinter der angelehnten Tür. Vorsichtig lugte ich durch den Spalt. Eine Gänsehaut kroch meinen Rücken hoch, als ich Dorian, lediglich bekleidet mit einer Pyjamahose, neben einer Geistergestalt knien sah. Er schluchzte herzzerreißend und entschuldigte sich immer wieder.

      Die Geistergestalt musste zweifelsohne Natasha sein.

      "Es ist nicht recht Dorian, dass du noch am Leben bist", hörte ich sie mit sanfter, seltsam blechern klingender Stimme sprechen, "du müsstest ebenso tot sein. Dorian und ich brauchen dich, wir vermissen dich."

      "Ich weiß Natasha", Dorian wischte seine Tränen mit dem Handrücken fort, "ich vermisse euch auch schrecklich."

      "Es ist auch nicht recht Dorian, dass du dir eine neue Frau gesucht hast. Schick sie fort."

      Bei diesen Worten fühlte ich einen Stich in meiner Brust, "du gehörst uns, sonst niemanden. Sie stört die Verbindung zwischen uns."

      Das konnte wohl nicht wahr sein, mein Zorn war geweckt.

      Ich stürmte ins Wohnzimmer und wollte diesem Geist gehörig den Marsch blasen. Kaum betrat ich das Zimmer, löste sich die Gestalt in Nichts auf.

      "Warum hast du sie verjagt", Dorian starrte mich wirr, mit blutunterlaufenen Augen an.

      "Ich, ich hab sie nicht verjagt Dorian", gab ich zurück.

      "Doch, sie hat mir gesagt, du…."

      "Ich hab gehört, was sie gesagt hat", fuhr ich ihn an, "alles Schwachsinn, ich habe nicht vor, mich zwischen dich und deine Familie zu stellen."

      Irgendwie kam ich mir saublöd vor, mich hier wegen eines Geistes rechtfertigen zu müssen. Langsam stand er auf.

      Sein Blick war leer, als er sich an mich wandte, "geh wieder in deine Räumlichkeiten zurück Angela, deine Nähe wird für mich unerträglich. Ich möchte allein sein."

      Ebensogut hätte er ein Messer zur Hand nehmen und mir diese Worte einritzen können.

      "Aber Dorian…"

      "Schweig", fauchte er, "geh, am besten gleich."

      Nun war ich am heulen. Es hatte keinen Sinn mit ihm zu diskutieren, er hatte jene Mauer, die ich so mühsam eingerissen hatte, wieder hochgezogen. Ohne mich nach ihm umzudrehen, verließ ich ihn und ging in Natashas Zimmer. Gott sei Dank hatte Sophia noch nicht das Bett abgezogen. Einsam, verlassen und frierend kroch ich unter die Decke. Ich hörte ein triumphierendes Lachen, aber ich kann nicht sagen, ob es Einbildung oder Realität war.

      Am nächsten Morgen ging ich völlig ausgelaugt zu Sophia in die Küche. Ich hatte Sehnsucht nach einer großen Tasse heißer Schokolade und Sophias Plätzchen.

      "Meine Güte Miss Angela, sie sehen schrecklich aus", sagte sie, als ich mich an den großen Tisch vor dem Herd setzte.

      "Ich weiß, ich weiß. Dorian und ich hatten heute Nacht eine böse Auseinandersetzung, er hat mich aus seinen "Gemächern" geworfen."

      "Unser Master ist in letzter Zeit in merkwürdiger Verfassung", bedauerte Sophia, "so hab ich ihn noch nie erlebt. Er rührt auch beim Essen kaum einen Bissen an."

      Dann bekreuzigte sich Sophia, "der Spuk ist an allem Schuld Miss Angela, das sag ich ihnen."

      Ich nickte traurig, "es war ja auch die Idee von Natashas Geist, mich rauzuwerfen."

      Sophia war fassungslos, "sie sollten einmal mit Pater Miller sprechen, vielleicht kann er die Geister von hier vertreiben. Er hat schon in manchem Haus für Ruhe gesorgt."

      Sie drehte mir den Rücken zu und werkelte wieder am Herd. Unabsichtlich stieß sie eine Dose mit Gewürzen dabei vom Herd. Das Geräusch, das die Dose beim Aufprall auf den Boden machte, rief mir wieder die Rauchgranate ins Gedächtnis, dann den Kindersarg, ich hatte das Gefühl, vor einem riesigen Puzzle zu stehen und es zusammen zu setzen, war eine schier unlösbare Aufgabe.

      Plötzlich hörten Sophia und ich vom Gang her ziemlichen Krach. Loreleis Stimme! Was wollte diese Person denn hier? Ich entschuldigte mich kurz bei der Köchin und eilte in den Vorraum.

      "Wie mir zu Ohren gekommen ist, sind sie kein besonders guter Umgang für Lord Asher", empfing sie mich äußerst unhöflich, "zuerst treiben sie es mit seinem Reitlehrer, dann werfen sie sich ihm an den Hals und treiben ihn damit förmlich in den Wahnsinn."

      Sie legte ihren Mantel ab und hing ihn übers Treppengeländer.

      "Lassen sie ihn, wo er ist", fuhr sie Max an, als er den Mantel wegräumen wollte.

      "Sie sollten auch lieber bleiben wo sie sind", sagte ich kalt, "was wollen sie hier Lorelei, sie sind hier nicht willkommen."

      "Pah", schnaubte sie verächtlich, "sie kleines Flittchen aus London haben gar nichts zu melden. Ich kenne die Asher schon seit Jahrzehnten. Ich war Natashas beste Freundin."

      "Das, kann ich mir nun beim besten Willen nicht vorstellen sie Landpomeranze", giftete ich zurück.

      "Wo ist Asher?" zuerst sah sie mich an, als ich ihr keine Antwort gab, sah sie zum Butler, "Max?"

      "Oben Mylady in seinem Zimmer. Er fühlt sich nicht gut."

      "Na so was und warum sind sie dann nicht bei ihm Angela, sondern hocken beim Gesinde in der Küche?" sagte sie vorwurfsvoll, "ihre Liebe zu ihm muss ja unendlich sein."

      Als sie die Treppe hinaufgehen wollte, vertrat ich ihr den Weg.

      "Gehen sie zur Seite Angela", ihre Augen funkelten böse.

      "Warum sollte ich, noch mal, sie haben kein Recht hier zu sein", blieb ich standhaft.

      Unser Streit führte Dorian auf die Galerie. Ich merkte nicht, dass er uns beobachtete.

      "Ich will sofort zu Asher", Lorelei war die Sturheit in Person.

      "Nur über meine Leiche", ich war kurz davor ihr eine zu Knallen.

      "Angela", brüllte Dorian von oben, "bist du übergeschnappt? Lass Lorelei sofort zu mir."

      Erschrocken fuhr ich herum. Er war kreidebleich und klammerte sich erschöpft ans Geländer. Ohne ein weiteres Wort gab ich den Weg frei und Lorelei stürmte buchstäblich zu ihm hinauf. Ich sah noch wie sie ihm etwas ins Ohr flüsterte, verächtlich zu mir heruntersah, ihm unter den Arm griff und ihn auf sein Zimmer führte.

      Mit Tränen in den Augen ging ich zurück zu Sophia. Ich legte meine Arme auf den Tisch, mein Gesicht darauf und weinte leise vor mich hin.

      "Armes Mädchen", tröstete mich Sophia und streichelte zärtlich meinen Rücken.

      In diesem Moment kam Jared durch die Hintertür in die Küche.

      "Was haben wir denn hier? Ein heulendes Häufchen Angela", in seiner Stimme lag weder Hohn, noch Spott.

      Ich hatte ihm, ein paar Stunden nach unserer Rückkehr vom See, über meinen Entschluss in Kenntnis gesetzt. Er bedauerte dies zwar, nahm es jedoch ganz Gentleman zur Kenntnis. Mit mir zu Flirten aber, unterließ er nicht und ich muss sagen, dass ich dies durchaus genoss.

      Jared setzte sich neben mich, bat Sophia um einen Kaffee und streichelte mein Haar, "Mädchen, sieh mich an, was geht hier vor? Im Dorf kursieren schon die wildesten Gerüchte."

      "Schlechte Neuigkeiten machen hier wohl schnell die Runde", sagte ich mit tränenerstickter Stimme.

      Ich lehnte mich zurück und suchte verzweifelt nach einem Taschentuch. Jared war schneller.

      "Hier Kleines und jetzt erzähl mir alles", bat er.

      Ich gab ihm eine kurze Zusammenfassung der Ereignisse inklusive der letzten Nacht und Loreleis Auftritt von vorhin.

      Wütend schlug Jared mit der Faust auf den Tisch, das Geschirr klirrte, "Verzeihung", sagte er, "aber Lorelei führt irgendwas im Schilde, sie benutzt euren Streit, um sich Dorian schamlos an den Hals zu werfen. Ich verstehe ihn nicht, ich dachte nach ihrem gewaltigen Ausrutscher bei diesem Dinner damals, wäre sie für ihn Geschichte."

      Ich schnäuzte mich geräuschvoll. Wieder fiel mir die Rauchgranate ein und ich entschied mich, Jared davon zu erzählen.

      "Du hast was gefunden?" er sah mich an, als hätte ich ihm erzählt, Jesus wäre mir erschienen und hätte zu mir gesprochen.

      "Ja, zufällig genau an der Stelle."

      "Das Ganze wird immer mysteriöser", in Jareds Kopf flogen die Gedanken nur so herum.

      "Sophia, decken sie heute für eine Person mehr", unterbrach Max unser Gespräch, "Lady McKinley speist heute mit uns."

      Ich bekam Atemnot.

      "Decken sie auch gleich für mich", lud Jared sich selbst ein, als er meinen Gesichtsausdruck sah.

      Er zwinkerte mir zu.

      "Ob das Lord Asher gefallen…" wand Max ein.

      "Ich hab ihn eingeladen Max", schnitt ich ihm das Wort ab.

      Kopfschüttelnd entfernte sich der Butler.

      "Die muss sich ja mächtig bei Dorian eingeschleimt haben", stellte Jared fest.

      Ich nagte an meiner Unterlippe, "kein Wunder. Er ist ja kaum noch bei klarem Verstand, aber davon kannst du dich beim Lunch ja selbst überzeugen."

      Ich sollte Recht behalten. Lorelei umschwirrte Dorian, wie die Biene den Bienenstock. Er sah aus wie ein Zombie. Rote Augen, blass und im Essen stocherte er nur lustlos herum. Er ging nicht mal auf Jareds Sticheleien ein. Er schien geistig überhaupt abwesend zu sein. Lorelei drückte Dorians Hand immer wieder und streichelte seine Wange. Er ließ es geschehen.

      "Iss doch was Dorian", redete sie auf ihn ein, "du musst wieder zu Kräften kommen. Eine Schande, dass in diesem Hause niemand auf dich schaut. Aber jetzt bin ja ich da, ich werde mich um dich kümmern."

      Jared, der gerade einen großen Schluck von seinem Rotwein genommen hatte, verschluckte sich derart, dass er beinahe daran erstickte. Ich sprang auf und klopfte ihm kräftig auf den Rücken.

      Nicht einmal diese "Einlage" brachte eine Reaktion bei Dorian zum Vorschein.

      Jared schnappte nach Luft, wie ein Fisch auf dem Trockenen und meinte anschließend mit heiserer Stimme, "Lorelei du und Krankenschwester? Wenn du eine kleine Erkältung hast, hältst du dich kaum selber aus."

      Ich konnte förmlich die Blitze sehen, die aus ihren Augen in Richtung Jared schossen.

      "Entschuldigt", Dorian stand auf, "ich fühle mich nicht besonders, ich gehe nach oben."

      Er kam genau bis zur Tür, dann brach er bewusstlos zusammen.

      "Um Himmels willen", kreischte Lorelei auf, "Dorian!"

      Sie stürzte auf ihn zu und nahm seinen Kopf ein ihre Hände. Ich kam mir vor, wie in einem billigen Schmierentheater in der Provinz. Da ich diesen Anblick sowieso nicht länger ertragen konnte, eilte ich hinaus und bat Max, einen Arzt zu verständigen. tbc
    • Kapitel 13

      Am liebsten hätte ich der guten Lorelei meine Finger um ihren Hals gelegt und solange zugedrückt, bis sie blau anlief. Noch nie zuvor in meinem Leben, hatte ich so abgrundtiefen Hass für jemand empfunden. Da Lorelei sorgsam darauf bedacht war, dass niemand Dorians Zimmer betrat, so lange der Arzt bei ihm war, saßen Jared und ich in meinem Zimmer und harrten der Dinge die da kommen sollten.

      Endlich hörten wir, wie sich die Tür zu Dorians Zimmer schloss. Ich stürzte auf den Gang. Der Arzt war allein, von Lorelei weit und breit keine Spur. Sie war sicher noch bei Dorian und zwangsbeglückte ihn mit ihrer Gegenwart. Der Arme.
      "Ah, sie müssen Miss Morgan, die Assistentin von Lord Asher sein", er war ein netter älterer Herr und begrüßte mich mit einem gütigen Lächeln.

      "Wie geht’s ihm?" ich traute mich kaum zu fragen.

      "Ich würde sagen er steht unter unheimlichem Stress", der Arzt runzelte die Stirn, "das äußert sich eben in Appetitlosigkeit und allgemeinem Unwohlsein. Es wäre möglich, dass er den Tod seiner Frau und seines Sohnes erst jetzt richtig begreift. Vorher war er anscheinend Meister der Verdrängung. Eine Methode von der ich strengstens abrate."

      Ich schüttelte zweifelnd den Kopf.

      "Aber vor ein paar Wochen war er ein ganz anderer Mensch Doktor. Glücklich, lebensfroh...."

      "Depressionen kommen aus heiterem Himmel Miss Morgan, wenn sich sein Zustand nicht bessert, sollte man sich überlegen, ihn in eine Anstalt zu überweisen."

      Entsetzt riss ich die Augen auf, "das kann doch nicht ihr ernst sein."

      "Kindchen, er ist ohne Lebensmut, redet ständig mit seiner toten Frau, lässt die Gruft aufbrechen, um zu sehen, ob Natasha und Dorian jr. sich wirklich dort befinden. Halten sie das für normal?" er musterte mich mit einem strengen Blick.

      "Doktor, ähm, wie soll ich sagen, ich seh die Erscheinungen hier im Schloss auch, ebenso wie die anderen, wir können nicht alle verrückt sein."

      "Hier in der Gegend gibt es einige Spukschlösser und –häuser. Keiner schnappt deswegen über. Lord Asher ist aber auf dem besten Weg dorthin. Wenn nicht ein Wunder geschieht, dann..." er drückte mir bedauernd die Hand, "ich muss zu meinem nächsten Patienten Miss Morgan. Auf Wiedersehen, es war mir eine Freude, sie kennen zu lernen."

      Mit hängendem Kopf schlurfte ich zurück zu Jared. Der war die ganze Zeit über neben der Tür gestanden und hatte unser Gespräch belauscht.

      "Ich glaub’s nicht, ich glaub’s einfach nicht", ärgerte er sich, "Dorian soll durchdrehen? Jetzt nach einem Jahr? Warum nicht schon früher?"
      Beunruhigt über die schlechte Nachricht setzten wir uns.

      "Vor ein paar Wochen war er wirklich ganz anders Jared, du weißt es doch selbst oder?"

      Er nickte stumm.

      "Sein Leid hat sicher keinen überirdischen Ursprung", sprach ich weiter, "diese Geistererscheinungen sind unheimlich, zugegeben, aber überirdisch?"

      Auch Jared hatte seine Zweifel, "tauchen diese Erscheinungen eigentlich immer zur selben Zeit auf?" erkundigte er sich.

      "Meistens. Und größtenteils in Dorians Umfeld. Hier bei mir, hatte ich bisher nur einmal einen Zwischenfall, den mit dem Kindersarg."
      Jared kratzte sich am Kopf, "hast du schon mal intensiver Nachforschungen betrieben?"

      "Wie intensiver?" ich wusste nicht, worauf er hinaus wollte.

      "Na ich nehm mal die Rauchgranate. Die ist einfach so aus deinem Zimmer verschwunden und...? Hast du dich nie damit beschäftigt, wo sie hingekommen sein könnte?"

      "Nein Jared, um ehrlich zu sein, war ich zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt."

      "Und das Feuer, was haben die Ermittlungen der Polizei in dieser Hinsicht ergeben?" bohrte er weiter. "Soviel mir Dorian erzählt hat, handelte es sich beim Brandauslöser um einen Kurzschluss, aufgrund der alten Leitungen. Er hat nun eine Firma damit beauftragt, sämtliche Leitungen im Schloss sukzessive zu erneuern."

      "Mist", schimpfte er, "diese Kurzschlusstheorie ist Bockmist. Ich bin sicher, jemand wollte dich aus dem Weg haben."

      "Ich kann mir auch schon vorstellen wer", sagte ich.

      "Du meinst Lorelei", er sah mich von der Seite an, "sie kann ein ganz schönes Miststück sein, da muss ich dir Recht geben, aber Mord? Ich weiß nicht, trau ich ihr nicht zu. Warum auch?"

      "Eifersucht", plapperte ich vor mich hin, "pure Eifersucht und Gier. Sie will sich den Lord unter den Nagel reißen und ich steh ihr dabei im Weg."

      Jetzt brach Jared in schallendes Gelächter aus und schlug mir mit der Hand auf die Schulter, "Angel du liest zu viel Agatha Christie oder so was in der Art. Lorelei hat einfach einen an der Glocke, kaltblütiger Mord ist was anderes."
      Trotzdem konnte er mich nicht davon abbringen, ich glaubte fest an ihre Schuld.

      Nervös knackte ich mit meinen Fingern.

      "Angel kannst du das bitte lassen", bat er mich, "ich kann dieses Geräusch nicht leiden."

      "Entschuldige Jared, ich weiß nur nicht....."

      Jared stand auf, setzte sich neben mich und nahm mich in seine Arme, "du machst viel durch in letzter Zeit, aber du bist nicht allein. Ich komm heute Nacht zurück und wir gehen gemeinsam auf Geisterjagd, wenn du möchtest."
      Erleichtert schlang ich meine Arme um seinen Hals, "danke. Du bist ein Schatz."

      Wir drückten uns ganz fest. Dann küsste er mich und ich ließ es zu. Als er jedoch anfing an mir herumzumachen, schob ich ihn weg.

      "Stop. Das heißt nicht, dass ich jetzt aus lauter Dankbarkeit gleich mit dir in die Kiste springe."

      "Schon gut", enttäuscht zog er sich zurück, "verzeih, meine Gefühle sind einfach mit mir durchgegangen."

      "Ich verschwinde besser", er erhob sich, "und sehe zu, dass ich gegen Mitternacht wieder hier bin, okay?"

      "Das wär prima Jared."

      Ich schenkte ihm noch ein Lächeln, dann ging er fort. Mich fröstelte, ich holte mir eine Weste aus dem Schrank und wollte zu Dorian. Am Gang wurde ich bereits von einer finster dreinblickenden Lorelei erwartet. Sie stand mir mit verschränkten Armen gegenüber und wippte nervös mit dem linken Fuß.

      "Sie haben einen ganz schönen Verschleiß an Männern meine Liebe", sagte sie hart und musterte mich von oben bis unten, "ich möchte nur wissen, was die Männer an ihnen finden. Kein Schick, keine Klasse...."

      "Bevor sie mit ihren Beleidigungen fortfahren Lorelei", bremste ich ihren Redeschwall, "ich weiß absolut nicht, was ich ihnen getan habe. Seit ich hier angekommen bin, greifen sie mich pausenlos an. Ohne Grund. Haben sie ein gestörtes Verhältnis zu jüngeren Frauen?"

      Sie sog hörbar Luft ein, "soviel jünger sind sie nun auch wieder nicht. Vielleicht fünf Jahre."

      "Eher zehn", warf ich ein.

      "Sie, sie Kanaille. Sie kommen hierher und stellen alles auf den Kopf. Seit sie hier her gekommen sind, hat das ganze Unheil angefangen. Vorher war alles ..."

      "Moment, sie unterstellen mir, ich stecke hinter all dem Mumpitz und ich sei Schuld an Dorians miserablen Zustand?" ich traute meinen Ohren kaum.

      "Ja, das behaupte ich. Zuerst angeln sie sich Jared, um Asher bewusst eifersüchtig zu machen und als der darauf einsteigt, wechseln sie einfach. Oder halten es mit beiden, wahrscheinlich macht das Asher krank", behauptete sie.
      "Also das ist doch wohl die Höhe!" regte ich mich auf.

      "Wer hängt denn die ganze Zeit über wie ein Vampir an Dorians Hals? Wer teilt die Leute hier im Schloss in Kategorien wie Herrschaft und Gesinde ein? Wer führt sich hier auf wie eine Filmdiva oder nein, besser noch, wie Lady Gilgrim persönlich? Lorelei, sie machen mich krank mit ihrer Art. Sie haben nicht den Hauch eines Taktgefühls, sie wissen nicht, wann sie übers Ziel hinaus schießen. Sie sind eine Plage."

      Mit einem Aufschrei stürzte sich die Gute auf mich. Tja Pech, ich hatte, schon vor längerer Zeit, einen Kurs in Selbstverteidigung absolviert. Es dauerte nicht lange und sie lag auf dem Boden und ich drückte ihr mein Knie ins Kreuz.
      "Geben sie sich geschlagen?" fragte ich und blies mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

      Keine Antwort.

      Ich verstärkte den Druck meines Knies, "na was ist?"

      Sie murmelte etwas, das nach einer Entschuldigung klang. Ich trat zurück. Sie rappelte sich mit hochrotem Kopf auf. Unsere erhitzten Gemüter kühlten sich langsam ab.

      "Ich hab noch nie erlebt, dass sich zwei Frauen um mich prügeln", unsere Köpfe ruckten herum.

      Dorian stand mit einem Lächeln im Türrahmen. Er trug einen seidenen schwarzen Schlafanzug und sah sehr blass aus. Er wirkte fast schon zerbrechlich, wenn das bei einem Mann von seiner Statur überhaupt möglich war.
      "Dorian", rief ich und stakste zu ihm, "was tust du hier? Du musst sofort ins Bett."

      Ich hakte mich bei ihm unter und führte ihn ins Schlafzimmer, "mit eurem Krach weckt ihr Tote auf", meinte er trocken.

      Ich deckte ihn zu und freute mich, dass ihm besser zu gehen schien. Als ich mich zum Gehen wandte, hielt er meinen Arm fest.

      "Was ist? Bekomm ich keinen Kuss?"

      Er blickte mich dabei aus großen grünen Augen an.

      "Ich dachte..."

      "Angela."

      "Ja, was?"

      "Halt die Klappe."


      Unser altes Spielchen.
      Ich beugte mich über ihn und küsste ihn. Max kam in diesem Moment mit einem großen Glas warmer Milch und einem Teller, voll mit köstlich duftenden Plätzchen, herein, "mit den besten Empfehlungen von Sophia."
      Ich machte ihm Platz, damit er alles auf den Nachttisch stellen konnte.

      Vergebens wartete ich darauf, dass ihm Lorelei auf dem Fuße folgte.

      "Max? Wo ist Lady McKinley?"

      Max grinste von einem Ohr zum anderen, "ich würde sagen, sie haben sie in die Flucht geschlagen."

      Wir lachten, sogar Dorian stimmte, wenn auch völlig fertig, mit ein. Max empfahl sich. Ich half Dorian beim Trinken und achtete darauf, dass er wenigstens ein paar Plätzchen aß.

      Ich langte auch zu, die Auseinandersetzung mit Lorelei hatte mich hungrig gemacht. Aber das Essen konnte warten. Ich war froh, endlich wieder einmal allein mit Dorian zu sein. Kein Wort fiel darüber, dass er mich kürzlich von hier rausgeworfen hatte, beinahe so, als könne er sich nicht daran erinnern.


      Es dauerte nicht lange und seine Augen wurden immer schwerer. Ich nahm ihm das Glas aus der Hand, stellte die Plätzchen weg, streichelte sein Gesicht und küsste ihn. Er merkte nichts davon, er schlief bereits wieder tief und fest. tbc
    • Kapitel 14

      Draußen war es stockdunkel. Angela hatte sich einen schwarzen Rollkragenpulli und schwarze Jeans angezogen. Zuvor war sie noch einmal bei Dorian im Zimmer gewesen. Er fieberte, schlief aber. Unruhig ging sie im Zimmer auf und ab und wartete auf Jared. Noch eine halbe Stunde bis Mitternacht. Sie erschrak, als jemand leise an ihre Tür klopfte. Es war Jared. Sie ließ ihn ein. Im gedämpften Licht der Stehlampe standen sie sich gegenüber und mussten lachen. Er trug ebenfalls einen schwarzen Rolli und eine schwarze Hose.

      "Wir gucken wohl zuviel Krimis", flüsterte Jared.

      "Wie bist du reingekommen? Hat dich jemand gesehen?"

      "Nein, ich hab Sophia gebeten, den Lieferanteneingang offen zu lassen. Ich hab sie kurz über unsere Absichten informiert. Wir können ihr voll und ganz vertrauen."

      Jared blickte sich in ihrem Zimmer um.

      "Angela, kannst du mir bitte zeigen, wo der Kindersarg gestanden hat, den du gesehen hast."

      Sie ging zu besagter Stelle, "es war genau hier, aber außer mir hat ihn niemand gesehen."

      Jared trat neben sie und hob den Kopf. Dann holte er den Sessel vom Sekretär, ging an die gegenüberliegende Wand und stellte sich drauf. Er betastete mit seinen Fingern vorsichtig den Spalt zwischen Decke und Wandleiste. Da war etwas. Wie er es sich gedacht hatte. Mit einem breiten Grinsen sah er zu Angela, die sein Tun interessiert verfolgte.

      "Du bist nicht übergeschnappt", sagte er zu ihr und streckte sich ein wenig. Er nahm seine Taschenlampe, die in einer Schlaufe an seinem Gürtel baumelte zur Hand und leuchtete in den Spalt. Deutlich konnte man eine kleine runde Öffnung erkennen.

      Jared würde sein letztes Hemd verwetten, das hier bis vor kurzem noch eine Minilinse gesteckt hatte, die das Bild eines Kindersarges auf Angelas Teppich projizierte.
      "Steig auf den Sessel und guck dir das mal an", forderte er sie auf.

      Zweifelnd folgte sie seinen Anweisungen. Kaum sah sie die kleine fein ausgefräste runde Öffnung, musste sie ihm beipflichten, "irgendwas war hier drinnen und hat mir das Bild vom Sarg vorgegaukelt."
      Er nickte und half ihr vom Sessel herunter.

      "Als nächstes nehmen wir uns mal deine verschwundene Rauchgranate vor."

      Sie sah in fragend an, "hm? Versteh ich nicht."

      "Naja, du hast gesagt, dass die Tür fest verschlossen war nicht?"

      Sie nickte eifrig.

      "Das heißt der oder die Unbekannte muss sich anders Zutritt zu deinem Zimmer verschafft haben."

      Jared fing an die Wände abzuklopfen. Um nicht wie ein Volldepp daneben zu stehen, nahm sich Angela die Wand beim Kamin vor. Nach ein paar Minuten schien sie auf etwas gestoßen zu sein und rief Jared zu sich.
      "Tatsächlich", meinte er nach eingehender Untersuchung der Wandpaneelen, "dass scheint mir eine verborgene Tür zu sein. Bloß, wie geht sie auf?"

      Angela bekam ein flaues Gefühl im Magen, die ganze Zeit über konnten also fremde Leute in ihrem Zimmer ein- und ausgehen, ohne dass sie davon wusste. Schrecklich. Jared nahm den Kaminsims genau in Augenschein, fand jedoch nichts Verdächtiges.

      "Shit", fluchte er, "es muss doch möglich sein, diese Tür von hier aus zu öffnen."

      Es war Angela, die eher per Zufall auf den vermeintlichen Türöffner stieß. Sie wollte gerade zu Jared gehen, als sie über einen kleinen Vorsprung am Boden stolperte. Ein kaum wahrnehmbares Klacken war zu hören und die augenblicklich glitt das Paneel zur Seite.

      Sie fuhren zusammen und starrten auf die dunkle Öffnung.

      Jared pfiff anerkennend durch die Zähne, "ein Geheimgang. Cool. Es gibt sicher noch einige davon im Schloss."

      Angela fröstelte ein eisiger Lufthauch strich an ihnen vorbei.

      "Wollen wir doch mal sehen, wo der hinführt", sagte Jared todesmutig.

      Angela hielt ihm am Ärmel fest, "ist das dein Ernst? Wir sollen da", sie deutete in die Schwärze vor ihnen, "reingehen? Das könnte gefährlich werden."
      "Gefahr ist mein zweiter Vorname", sagte Jared spitzbübisch und verschwand im Dunkeln.

      Angela folgte ihm mit schlotternden Knien. Der Eingang schloss sich hinter ihnen. Sie war ihm sehr dankbar, als er seine Taschenlampe anmachte. Zuerst gingen sie eine Art Wendeltreppe hinunter, sie schien endlos.
      Angela unterdrückte einen Aufschrei, Spinnweben hatten ihr Gesicht gestreift. Angeekelt schüttelte sie sich. Die uralten Ziegelwände waren klamm und feucht. Es roch nach Moder.

      "Ich bin schon gespannt, wo wir rauskommen", hörte sie Jareds Stimme, "hier unten verliert man absolut die Orientierung."

      Da konnte sie ihm nur beipflichten
      .
      "Meinst du Dorian weiß von diesen Gängen?"

      Jared zuckte mit den Schultern, "kann ich nicht sagen, ich glaube aber nicht. Sonst hätte er bestimmt jemandem von uns darüber erzählt."

      "Wozu dienen diese Tunnel eigentlich?" fragte Angela.

      "Soviel ich weiß, haben sie Schmuggler früher genutzt und Personen, die eben unerkannt ins Schloss kommen wollten, so wie "unsere Freunde", wer immer das auch sein mag."

      Etwas huschte an Angelas Schuhen vorbei, sie machte einen entsetzten Sprung zur Seite und schlug sich dabei den Kopf an der Wand an.

      "Autsch, igitt, Ratten!" rief sie entsetzt.

      Jared drehte sich kurz zu ihr und grinste wie ein Honigkuchenpferd.

      "Hör auf so blöd zu grinsen Jared, sonst kannst du allein weitergehen", sagte sie und zog einen Flunsch.

      "Das glaub ich nicht, ich bin es nämlich, der die Taschenlampe hat", er winkte damit hin und her, "oder hast du vor allein im Stockdunkeln zurückzugehen?"

      Statt einer Antwort, boxte sie ihn unsanft in den Rücken und trieb ihn damit voran.

      Der Tunnel endete mitten im Irrgarten des Schlosses. Kühle Nachtluft wehte ihnen entgegen. Angela nahm einen tiefen Atemzug, um ihre Lugen von der modrigen Luft zu befreien.
      "Herrlich, wir sind draußen", sagte sie zu Jared.

      Viel war nicht zu erkennen, denn der Mond hatte sich hinter einer dichten Wolkendecke versteckt, "wo sind wir nun eigentlich genau?"

      Jared wollte ihr gerade antworten, als sich Schritte auf dem Kiesboden näherten.

      Er schaltete die Taschenlampe aus, griff nach Angela und zog sie hinter eine Hecke.

      "Sollen wir uns auf ihn stürzen", flüsterte sie Jared ins Ohr.

      "Auf keinen Fall! Solange wir nicht wissen, wer es ist und was er vorhat."

      Um etwas, geschweige denn ein Gesicht erkennen zu können, war es viel zu dunkel. Auch trug die Gestalt eine Art Sturmmaske über dem Gesicht. Die Person legte eine große schwarze Tasche am Tunnelausgang ab und verließ den Irrgarten wieder. Angela hatte so lange die Luft angehalten, dass sie meinte bereits dunkelblau angelaufen zu sein. Erleichtert über den Abgang des Fremden holte sie tief Luft. Sie und Jared warteten noch einige Minuten und schlichen dann zu der Tasche. Jared knipste seine Lampe wieder an und leuchtete hinein.

      "Elektrokabel, Rauchgranaten", hörte ihn Angela aufzählen. Er hielt ihr die Granate vors Gesicht.

      "Das ist so eine, wie die, die mir "abhanden" gekommen ist", bestätigte sie seinen Verdacht.

      Jared kramte weiter, da war noch ein Fläschchen mit einem weißen Pulver drin, Elektrowerkzeug, ein Seil, verschieden farbige Kabel, ein Tonbandgerät mit einem Mikrofon und noch einiges mehr.

      "Sieht mir ganz nach einer Bastelanleitung für eine neue Spuknummer aus", bemerkte Jared trocken.

      Da hörten sie auch schon wieder Schritte, diesmal aus dem Innern des Tunnels.

      Erneut suchten sie Deckung. Eine behandschuhte Hand griff nach der Sporttasche und zog sie hinein. Sie warteten kurz und folgten der Gestalt im Tunnel. Das es unmöglich war, die Taschenlampe anzumachen ohne die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, folgten sie dem schummrigen Lichtstrahl vor ihnen. Doch nach einer Biegung, war der Verfolgte auf einmal wie vom Erdboden verschluckt. Angela und Jared schlichen noch ein wenig weiter. Nichts.

      "Wo ist denn der Typ hin? Er kann sich doch nicht weg gebeamt haben", sagte Angela.

      "Wir müssen was übersehen haben", entgegnete Jared, nicht weniger überrascht über das plötzliche Verschwinden der dunklen Gestalt.

      "Außer es handelt sich um einen Geist", gab Angela zu bedenken.

      "Klar und morgen fällt Ostern und Weihnachten an einen Tag", Jared leuchtete mit dem Strahl der Taschenlampe in jeden Winkel.

      "Hier", rief er halblaut, "hier gibt’s ne Abzweigung, die haben wir vorher übersehen."

      "Auf geht’s", Angela war voller Tatendrang, "das Geheimnis wird bald keins mehr sein."

      "Vorsichtig", warnte sie Jared, der Boden unter ihren Füßen war verdammt glitschig, zusätzlich ging es leicht bergab. Sie gingen immer tiefer in den Tunnel. Irgendwann blieb Jared stehen und hielt Angela zurück.

      "Das ist das Ende des Weges", flüsterte er. Vor ihnen lag ein großer Raum. Jared blickte scharf um die Ecke, um sich zu vergewissern, dass sie alleine waren. Eine Tür auf der anderen Seite fiel krachend ins Schloss und jagte beiden einen furchtbaren Schrecken ein.

      Jared zerschnitt mit dem Strahl seiner Lampe die Dunkelheit, die sie umgab.

      "Es sieht aus wie ein mittelalterliches Gefängnis", flüsterte Jared.

      Auf dem Boden stand eine halb verfallene Pritsche. In den Wänden waren Eisen eingelassen, an denen sich Fuß- und Handfesseln befanden, an der einen Wand stand etwas, das man als eiserne Jungfrau betitelte.
      Angelas Haare sträubten sich in ihrem Nacken, "ist ja furchtbar. Komm mir vor, wie im tiefsten Mittelalter."

      "Dorians Schlösschen entpuppt sich immer mehr als Gruselkabinett", scherzte Jared.

      Dafür, dass hier schon sehr lange niemand gewesen war, schien es sehr sauber zu sein.

      "Unser Schlossgeist hat Sinn für Ordnung und Sauberkeit, muss ich ihm lassen", sprach er weiter, "sehen wir mal nach, in welchem Teil des Schlosses wir jetzt sind."

      Sie gingen zu einer großen schweren Tür aus massivem Holz und zogen sie auf. Ein Geruch von verkohltem Holz und kaltem Rauch wehte ihnen entgegen. Angela rümpfte ihre Nase, "dem Gestank nach zu urteilen, sind wir im abgebrannten Ostflügel."

      "Jedenfalls riecht es angebrannt", bestätigte Jared, "praktisch, dass das Feuer gerade hier gewütet hat."

      Sie suchten ihren Weg durch die Trümmer, von der unbekannten Gestalt, war jedoch nichts mehr zu sehen. Da ihnen verkohlte Teile immer wieder den Weg versperrten gelangten sie erst über Umwege zurück zu Angelas Zimmer. Während sie nach Dorian sah, wartete Jared in ihrem Zimmer.

      Als sie die Tür zum Schlafzimmer öffnete, prallte sie entsetzt prallte zurück. Dorians Bett war leer, ein Handteller großer Blutfleck war auf seinem Polster. Eilig holte sie Jared und sie machten sich umgehend auf die Suche nach dem verschwundenen Lord. Jared fand ihn schließlich. Er stand auf der Brüstung einer Terrasse im dritten Stockwerk. Sein dünner Seidenpyjama flatterte im Wind. Er war eindeutig bereit, sich in die Tiefe zu stürzen. Daher war es ratsam ihn nicht anzusprechen.

      Angela erreichte kurz nach Jared besagte Terrasse. Sie unterdrückte ihren Entsetzensschrei, um Dorian nicht zu erschrecken. Er breitete seine Arme aus, wirkte dabei wie ein Adler, der seine Schwingen ausbreitete und sich jeden Moment in die Lüfte erheben wollte. Bei ihm wäre es jedoch ein tödlicher Absturz gewesen. Jared und Angela tauschten verzweifelte Blicke.

      Jared fasste sich ein Herz. Mit ein paar großen Schritten war er hinter Dorian, griff nach seinen Beinen und riss ihn von der Brüstung. Verzweifelt wand sich der Lord in den Armen seines Retters und schrie hysterisch, "lass mich los, lass mich los, ich muss zu Natasha und zu Dorian jr. Lasst mich doch endlich sterben, ich will nicht mehr leben."

      Die Wolkenfetzen wurden vom Wind vertrieben und der Mond beleuchtete nun die gespenstische Szene.

      "Beruhig dich Dorian", keuchte Jared, der seine ganze Kraft brauchte, um den Tobenden unter Kontrolle zu halten.

      Angelas Blick fiel auf Dorians bleiches Gesicht. Aus seiner Nase zogen sich Spuren getrockneten Blutes und verteilten sich über sein Gesicht. In seinen Augen lag ein fiebriger Glanz. Erst als Angela neben ihm in die Knie ging, seine Wange streichelte und sanft auf ihn einsprach, beruhigte er sich langsam, "schschschschhhhhhhhhhh Dorian, alles wird gut, ich bin ja bei dir, ich helfe dir?"

      In seinem Wahn glaubte er Natasha vor sich zu haben, "du bist nicht tot Natasha, nicht wahr? Du bist zurückgekommen. Wo ist Dorian jr.?"

      Angela ließ sich auf das Spiel ein, "er schläft mein Liebster und du musst auch schlafen, damit du wieder gesund wirst und mit ihm spielen kannst."

      Ohne weiteren Widerstand brachten sie ihn zurück auf sein Zimmer.

      Niemand sonst schien etwas von diesem Vorfall bemerkt zu haben. Gott sei Dank, sonst würde man Dorian endgültig in die Klappsmühle stecken. Angela bezog Dorians Polster neu. Dann verfrachtete sie ihn mit Hilfe von Jared in sein Bett.

      Nach wenigen Minuten war er fest eingeschlafen. Sie zogen sich in Angelas Räumlichkeiten zurück.

      "Das war knapp", sagte Jared, seine Stimme zitterte ein wenig, "eine Minute später und wir hätten seinen zerschmetterten Körper im Hof gefunden."

      "Ich muss gestehen, ich hab Angst Jared", Angela fühlte sich unbehaglich.

      "Möchtest du bei mir wohnen, bis alles vorbei ist?" bot er ihr an, er meinte es aufrichtig, ohne Hintergedanken.

      "Wir können doch Dorian nicht einfach seinem Schicksal überlassen, Jared."

      Allgemeine Ratlosigkeit machte sich breit. Angestrengt dachten sie nach.

      "Ich hab’s", rief Jared unvermittelt, "ich hab mit meinen Leuten schon einmal einen Trakt im Schloss renoviert. Wir haben damals auch hier gewohnt. So machen wir’s. Ich hole gleich heute meine verlässlichsten Männer zusammen und wir fangen mit der Renovierung des Ostflügels an."

      "Das ist ja so, als ob du mit einem Baseballschläger in ein Wespennest drischst", sagte Angela mit großen Augen.

      "Scheuchen wir die Meute auf, je eher, umso besser. Das wird ein Heidenspaß, wir werden sehr bald wissen, wer hinter dem Schreckgespenst von Gilgrim Castle steckt."

      "Ich hoffe, du weißt, auf was du dich da einlässt Jared", gab Angela zu bedenken. tbc
    • Kapitel 15

      Ich war froh, als Jared mit seinen Leuten in Gilgrim "einzog". Ich fühlte mich einfach sicherer. Dorians Zustand war nach wie vor besorgniserregend, doch er lehnte es kategorisch ab in ein Krankenhaus zu gehen. Er übertrug mir teilweise Vollmachten um seine Geschäfte weiterzuführen. Anfangs war ich sehr verunsichert, doch langsam fand ich mich damit ab und es lief ganz gut. Jared hatte seine Leute angewiesen, die Tür in meinem Zimmer, die in den Geheimgang führte, endgültig zu verschließen, damit sich niemand mehr ungesehen hereinschleichen konnte. Auch in Dorians Zimmer fanden sie so eine Tür.

      Ich versuchte Originalpläne des Schlosses aufzutreiben, was sich als äußerst schwierig erwies. Ich beschloss, mir einen Tag Auszeit von Gilgrim zu nehmen und fuhr nach London, um dort in diversen Archiven zu stöbern. Sophia versprach mir nach Dorian zu sehen. Trotzdem war mir nicht ganz wohl bei dem Gedanken ihn alleine zu lassen. Das Glück war mir hold und ich wurde tatsächlich fündig. Was mich ein wenig stutzig machte war die Aussage des Bibliothekars als ich nach den Plänen von Gilgrim fragte.

      "Was ist denn so besonderes an diesem Schloss? Sie sind jetzt schon die dritte Person, die sich danach erkundigt."

      "Tatsächlich? Wer waren denn die beiden anderen?" hakte ich nach.

      "Das darf ich ihnen nicht sagen, Datenschutz", wies mich der Mann auf der gegenüberliegenden Seite des Tresens zu recht.

      Ich kramte ihn meiner Tasche und brachte zwanzig Pfund zum Vorschein, die ich verstohlen mit meinem charmantesten Lächeln über den Tresen schob.

      "Und wenn ich lieb "bitte, bitte" sag?"

      "Wollen mir mal nicht so sein", er räusperte sich und blätterte in einem dicken Buch, das vor ihm lag, von Computern schien man hier nicht allzu viel zu halten.

      "Ah ja, da haben wir’s. Allerdings steht hier nur der Name einer Firma Freyer Corporation", mit seinem spindeldürren Finger wies er auf die Einträge hin.

      Ich machte mir eine Notiz auf einem Schmierzettel, bedankte mich artig und holte mir die Pläne, um sie gleich von einem Assistenten des hilfreichen Bibliothekars kopieren zu lassen. Jared und ich wollten sie am Abend in Ruhe studieren. Dann fuhr ich zur Handelskammer und ließ meine Kontakte wieder aufleben, um näheres über die Freyer Corporation zu erfahren.

      Was ich in Erfahrung bringen konnte, war äußerst interessant. Jedoch erforderten meine Nachforschungen ein gros an Fingerspitzengefühl, wollte ich nicht schlafende Hunde wecken.

      Kurz vor sieben Uhr abends kam ich, ziemlich geschlaucht, wieder zurück ins Schloss. Die ganze Fahrt über ging mir der Name der Firma nicht aus dem Kopf, er war mir schon mehrmals untergekommen bloß wo? Ich holte mir schnell ein Sandwich bei Sophia und ging anschließend zu Dorian. Da er zu schlafen schien, schlich ich leise zu ihm, richtete vorsichtig seine Decke und tupfte den Schweiß von seiner Stirn.

      Als ich mich umwandte flüsterte er, "Angela? Bist du es? Geh bitte nicht."

      Mein Herz machte vor lauter Freude einen kleinen Sprung. Ich drehte mich um und setzte mich an den Rand seines Bettes.

      "Hallo", sagte ich und lächelte ihn an.

      Er sah mich mit seinen wunderschönen, aber traurigen Augen an, "Angela, ich muss mit dir sprechen", seine Stimme war schwach.

      Ich half ihm, als er mir bedeutete sich aufsetzen zu wollen.

      "Ich fühle mich wie ein alter Mann. Schwach, ausgelaugt. Angela, wenn ich sterbe...."

      Entsetzt riss ich die Augen auf und verschloss seine Lippen mit meinen Fingern, "hör sofort auf so zu sprechen Dorian, du wirst nicht sterben. Keine Sorge das lass ich nicht zu."

      "Wie willst du es verhindern, wenn es doch meine Bestimmung ist?" entgegnete er.

      "Wer hat das gesagt?"

      "Natasha, sie war wieder hier."

      Ein kalter Schauer lief mit über den Rücken, "wann?"

      "Kurz bevor du gekommen bist. Sie hat dort gestanden", er deutete ans Fußende des Bettes, "sie hat gesagt, es wäre ein Irrtum von "oben" gewesen, ich sollte auch bei dem Unfall ums Leben kommen. Ich hätte nicht überleben dürfen."

      Seine Schultern begannen zu zucken, sein Gesicht verzog sich schmerzerfüllt.

      "Das ist blanker Unsinn Dorian!" ich hatte Mühe ihn nicht anzubrüllen.

      "Das ist nicht wahr und du weißt das. Natasha liegt mit Dorian jr. in der Gruft, du hast dich mit mir selbst davon überzeugt, sie spuken hier nicht rum, niemand tut das. Jared und ich sind gerade dabei herauszufinden, wer hinter all dem Humbug steckt."

      "Ihr werdet den Zorn der Geister zu spüren bekommen", drohte er mir mit tränenerstickter Stimme, "ihr seid genauso verflucht wie ich, wenn ihr euch mit ihnen anlegt. Sieh nur was aus mir geworden ist ein Wrack. Ich kann kaum noch auf meinen eigenen Beinen stehen."

      Zärtlich strich ich über seine Wange, "Dorian Schatz, es gibt keinen Fluch, das ist blanker Unsinn. Ich liebe dich und gemeinsam werden wir das durchstehen."

      Er zweifelte, "wie kannst du mich noch lieben? Ich kann dir gar nichts bieten, ich kann mich nicht um dich kümmern, ich kann nicht einmal mit dir schlafen", seine Stimme erstarb.

      "Seit wann ist das, das wichtigste? Es mag dir schlecht gehen, doch das ist nur vorrübergehend ...."

      Er hob abwehrend die Hand, "und wenn nicht? Was willst du dann tun? Dein Leben wegwerfen und mir beim dahinsiechen zu sehen?"

      Ich konnte den dicken Kloß in meinem Hals bei aller Anstrengung nicht hinunterschlucken, "wenn es denn so sein soll, ja."

      Ich schlüpfte aus meinen Schuhen, kroch zu ihm unter die Decke und kuschelte mich an ihn, "ich hab dich gefunden, obwohl ich dich nicht gesucht habe", sagte ich, während Tränen aus meinen Augen sickerten, "und ich hab nicht vor, das was uns verband so einfach aufzugeben, nur weil hier jemand sein Unwesen und dich damit in Wahnsinn treiben will. Wir gehören zusammen Dorian."

      Er drückte mich an sich, "ich liebe dich Angela, ich liebe dich."

      Ich sah zu ihm auf und wir küssten uns. Erst jetzt bemerkte ich, wie müde ich war und schlief zusammen mit ihm ein.

      Ich kann nicht sagen wie lange ich geschlafen habe, jedenfalls rüttelte mich Jared einige Zeit später wach.

      Vorsichtig stieg ich aus Dorians Bett und folgte Jared in mein Zimmer.

      "Wie geht’s ihm" fragte er besorgt, als wir es uns auf meiner Couch gemütlich machten.

      Ich gähnte, "Entschuldigung Jared. Ich glaube nicht besonders, angeblich hatte er heute, kurz bevor ich zurückkam, wieder "Besuch". Wie spät ist es eigentlich?"

      "Kurz nach neun. Wieso meinst du angeblich und wer war bei ihm?"

      "Er fiebert, es könnte sein, dass er halluziniert. Oder jemand hat sich schon wieder Zutritt verschafft und eine Botschaft von Natasha hinterlassen."

      Ich fasste kurz zusammen, was Dorian mir erzählt hatte.

      "Das glaub ich nicht, wir haben den Geheimgang verriegelt. Möglicherweise befinden sich noch versteckte Projektoren irgendwo, ich sag einem meiner Männer, er soll sich gleich morgen früh Dorians Zimmer vornehmen, gründlich. Wär doch gelacht, wenn wir nicht herausfinden, wer hier herumgeistert. Wie war’s in London?"

      "Du meine Güte", fuhr ich hoch, "die Pläne, ich hab die Rolle in der Halle stehen lassen, hoffentlich ist sie noch dort."

      Ich raste die Treppen hinunter, mein Herz schlug mir bis zum Hals.

      Die Rolle war weg, ich fasste es nicht.

      Sophia, die gerade sauber machte bemerkte meinen verzweifelten Gesichtsausdruck, "Miss Angela, kann ich ihnen vielleicht helfen?"

      Ich deutete auf die Stelle, wo die Rolle gestanden hatte und stammelte, "Rolle, dort, weg."

      "Keine Bange", beruhigte sie mich, "ich dachte mir, dort steht sie ein wenig "ungünstig", da doch so viele Leute hier herumlaufen. Ich hab sie in die Küche in meinen Schrank gestellt, Moment ich hol sie gleich."

      Erleichtert nahm ich die Planrolle in Empfang und bedankte mich bei Sophia, dafür, dass sie mitgedacht hatte.

      Jared sah mich an, als ich zurückkam, als erwarte er das Christkind persönlich.

      Ich zeigte auf die Rolle, "ich dachte schon, man hätte sie mir geklaut, derweil hat sie Sophia für mich verwahrt."

      Wir machten uns sofort daran, die Pläne genauer zu studieren.

      Während wir das taten, erzählte ich ihm von der Freyer Corporation.

      Jared runzelte die Stirn, "Freyer? Gordon Freyer?"

      "Du kennst ihn?" fragte ich erstaunt.

      "Ob ich ihn kenne? Dieser Mistkerl war Natashas Onkel, der Bruder ihrer Mutter. Er hat sämtliche Unternehmungen, die er anfing in den Sand gesetzt und einige Millionen dazu. Natashas Mutter hat ihn immer wieder aus dem Dreck gezogen und ihn finanziell unterstützt, obwohl ihr Gatte das nicht gebilligt hat. Es gab deswegen oft Streit zwischen Natashas Eltern, schlimm, sag ich dir."

      "Was zur Hölle will er mit Plänen vom Schloss?" ich sah Jared fragend an.

      "Damit führt er sicher nichts Gutes im Schilde."

      "Darauf wär ich jetzt nicht gekommen" scherzte ich und stieß Jared in die Seite, "was hätte er von Dorians Tod?"

      Jared hob die Schultern, "da bin ich jetzt vollkommen überfragt Angel, ich kenn mich mit Erbrecht und solchen Dingen überhaupt nicht aus. Ich bin eher von der praktischen Seite, wenn’s um manuelle Dinge geht, da kann ich dir weiterhelfen, aber das weißt du ja selbst am besten."

      Er zwinkerte mir zu, ich wusste, er spielte auf unsere gemeinsame Nacht an.

      "Ja, das kann ich durchaus bestätigen", gab ich zurück.

      "Und gibt’s wirklich keine Chance auf eine Wiederholung?" er versuchte es schon wieder und legte seine Hand auf mein Knie, ich klopfte ihm auf die Finger.

      "Autsch, Mylady sind heute wieder brutal, aber vielleicht macht es mich ja an, wenn sie mich schlagen?!"

      "Jared, ich wusste gar nicht, dass eine perverse Ader in dir schlummert."

      "Ach Angel", seufzte er, "du weißt so vieles nicht von mir und wirst es allem Anschein auch nie erfahren. Ich werde für dich immer ein Buch mit sieben Siegeln bleiben und du hast nur das erste aufgebrochen.

      "Buch", das war das Stichwort, jetzt fiel mir ein, wo ich den Namen "Freyer" schon mal gelesen hatte, in Natashas Buchhaltung. Ich holte mir den Laptop und ging ihre Daten durch. Dann drehte ich ihn so, dass Jared mitlesen konnte.

      "Sieh dir das an, aus irgendeinem Grund hat Natasha Gordon Freyer regelmäßig zwanzigtausend Pfund im Monat überwiesen. Ein schöner Zusatzerwerb", sagte ich zu ihm, "ich denke nicht das Dorian davon gewusst hat. Sie hat die Buchhaltung geschickt frisiert und für Dorian ist das sowieso ein spanisches Dorf, mit dem er nichts anzufangen weiß."

      "Zuerst die Mutter und dann die Tochter, dieses miese Aas schreckt doch vor nichts zurück. Wir müssen herausfinden warum."

      Jared trommelte unwirsch mit seinen Fingern auf seinen Oberschenkel.

      "Und wie stellen wir das an?" erwiderte ich, "hingehen und fragen? Ich bin sicher er streitet alles ab."

      Ich ging Natshas Aufzeichnungen weiter durch und bemerkte noch eine Ungereimtheit, "Jared hier", ich markierte die Zeile mit dem Cursor, "die Zahlungen haben drei Monate vor ihrem Unfalltod aufgehört."

      "Vielleicht wollte sie ihm einfach nichts mehr zahlen?" folgerte Jared.

      "Möglich, doch warum sollte er die Gans die goldene Eier legt schlachten?" warf ich ein.

      "Ein gutes Argument, ich fürchte wir werden nicht drum herumkommen, mit Dorian zu sprechen", sagte er.

      "Ich glaube nicht, dass es Sinn macht, in seinem Zustand. Manchmal denke ich, er ist gar nicht bei verstand, er bringt Gegenwart und Vergangenheit durcheinander", sagte ich.

      "Trotzdem", beharrte Jared, "nur er weiß, was am Unfalltag geschehen ist."

      "Jared das könnte ihn total aus der Bahn werfen", gab ich zu bedenken.

      "Das Risiko müssen wir eingehen. Wir können weder zu Gordon Freyer, noch zur Polizei gehen, mit diesen fadenscheinigen Vermutungen nimmt uns doch niemand ernst. Wir brauchen stichhaltige Beweise."

      Jared hatte Recht, alle würde uns für verrückt erklären. Zweifelsohne wäre dann der kollektive Wahnsinn auf Gilgrim ausgebrochen.
    • Kapitel 16

      Gleich am nächsten Morgen begann ich damit, mich näher mit Natashas Notebook zu beschäftigen. Ich muss zugeben, bisher hatte mein Augenmerk hauptsächlich der Buchhaltung und der Datenbank der Antiquitäten gegolten. Ich stöberte nicht gerne in anderer Leute Angelegenheiten. In diesem Fall hätte ich Dorian und mir vielleicht eine Menge ersparen können.

      Ich stieß auf eine verschlüsselte Datei. Na gut, ich bin nicht gerade ein Computergenie, aber ich hatte schon immer ein Fable für Codes usw. Das hatte mich im meinem vorherigen Job vor so mancher Katastrophe bewahrt. Ich holte meine "Codeknacker"-Disk hervor. Nach ungefähr fünfzehn Minuten konnte ich die Datei mühelos öffnen.

      Es handelte sich um Natashas geheimes Tagebuch. Ich holte mir schnell was zu trinken, machte es mir vor dem Notebook gemütlich und begann zu lesen. Sie musste ihre handschriftlichen Aufzeichnungen irgendwann hier hinein übertragen haben, denn sie reichten ganze fünfzehn Jahre zurück. Ich bekam einen Einblick in Natashas Leben.

      Sie war sehr unglücklich gewesen. Wie so oft in reichen Familien hatten die Eltern kaum Liebe, dafür massenweise Kohle für ihre Kinder übrig. Jeder kleinste Wunsch wurde ihr von den Augen abgelesen. Ein gemeinsamer Urlaub mit ihren Eltern blieb ihr jedoch versagt. Streit dominierte die Beziehung ihrer Eltern. Als sie älter wurde, vermutete sie sogar ihre Mutter hätte einen Liebhaber. Auch war ihr Onkel Gordon sehr oft zu Besuch mit seinem Ziehsohn Joseph. Gordons Ehe mit seiner Frau war kinderlos geblieben, daher hatten sie Joseph aus einem Waisenhaus geholt und ihn adoptiert. Sehnsüchtig erwartete Natasha jeden Besuch der beiden.

      Einmal, da war ihr Vater gerade im Ausland, hatte ihre Mutter wieder einmal Besuch von diesem ominösen Herren, dem Liebhaber – Natasha erwähnte seinen Namen nicht. Überraschend erschienen an diesem Tag auch Gordon und Joseph. Bevor Natasha ihre Mutter davon in Kenntnis setzen konnte, stürmte Gordon in die Gemächer ihrer Mutter, sie konnte nur erahnen, was und wen er dort in eindeutiger Pose vorgefunden hatte. Ein fürchterlicher Streit entbrannte zwischen Gordon und ihrer Mutter. Er beruhigte sich erst wieder, als sie ihm einen Scheck ausgestellt hatte. Danach kühlte auch die Beziehung ihrer Eltern weiter ab, ihr Vater schien etwas zu ahnen.

      Gordon und Joseph kamen immer seltener. Natashas Mutter litt sichtlich unter all diesen Umständen und griff zum Alkohol. Natasha vereinsamte zusehends. Bis Joseph nach ein paar Monaten wieder in ihr Leben trat. Sie trafen sich heimlich, weder ihre Familie noch sein Ziehvater durften davon erfahren.

      Sie fühlten sich wie Romeo und Julia und erfuhren zusammen auch das "erste Mal". Sie schworen sich ewige Liebe. Das ging so über Jahre hinweg. Ich überflog die nächsten Seiten. Doch was ich dann las, versetzte mir einen regelrechten Schock. Natasha wurde von Joseph schwanger. Es gelang ihr die Schwangerschaft zu verbergen, anstatt das Kind jedoch zu behalten, etwas worauf Joseph bestand, gebar sie es und setzte es vor einem Waisenhaus aus. Sie glaubte Joseph davon überzeugt zu haben, ihr Kind wäre tot zur Welt gekommen und sie hätte es im Wald verscharrt.

      Doch Joseph glaubte ihr nicht und begann Nachforschungen anzustellen. In der Zwischenzeit lernte Natasha Dorian Asher bei einer Auktion kennen. In einer Heirat mit ihm sah sie die Möglichkeit Joseph zu entfliehen. Ihre Eltern begrüßten dies, die Asher gehörten auch zu einer der wohlhabensten Familien. Sieh an, sieh an, dachte ich mir, Dorian ist gar kein Bürgerlicher. Ich hatte, die ganze Zeit über, geglaubt, Natasha hätte ihn geheiratet, um ihren Eltern eins auszuwischen.

      Jedenfalls schaffte sie es nicht, die Beziehung zu Joseph abrupt zu beenden, sie trafen sich weiterhin. Solange, bis der kleine Dorian jr. das Licht der Welt erblickte. Natasha wollte die Liaison mit Joseph beenden. Er hatte jedoch eine kleine Überraschung für sie parat. Mit Hilfe von Gordon war es ihm gelungen, ihre gemeinsame Tochter ausfindig zu machen. Sie hieß Lilly und war gut bei Pflegeeltern untergebracht.

      Wie ich den nächsten Zeilen entnehmen konnte, brauchten die Freyers nach dem Tod von Natashas Mutter wieder Bares, um ihre dubiosen Geschäfte abwickeln zu können. Joseph stellte Natasha vor die Wahl, entweder zahlte sie "Schweigegeld" oder Dorian würde alles erfahren. Und dies würde zweifelsohne das Ende ihrer Ehe bedeuten. Mein Gott, auf was war ich da gestoßen?

      Niemand sonst wusste von all dem, Natasha hatte ihr Wissen tatsächlich ins Grab mitnehmen können?! Gespannt las ich weiter. Natasha überwies Monat für Monat zähneknirschend Geld an Joseph Freyer. Es zehrte an ihren Nerven und ihrer Beziehung, sie zog sich immer weiter von Dorian zurück. Doch sie liebte ihn und ihren Son über alles. Sie musste reinen Tisch machen. Sie schrieb Joseph diesbezüglich einen Brief und stellte die Zahlungen ein. Zwischen dieser und der nächsten Eintragung war einige Zeit vergangen, stellte ich fest.

      Der letzte Eintrag stammte vom Vortag des schrecklichen Unfalles:

      Liebes Tagebuch, ich habe dich in letzter Zeit schmählich vernachlässigt, verzeih. Aber ich weiß nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Einmal drohen mir die Freyers Dorian jr. zu entführen, dann wieder uns alle zu töten. Joseph hat gesagt, er würde das Sorgerecht für Lilly beantragen, denn wenn wir alle tot sind, würde das ganze Vermögen auf die kleine übergehen. Die Freyers hätten damit all ihre Sorgen gelöst. Ich muss gestehen, ich habe Angst, Joseph ist unberechenbar. Ich habe mich mit den Eltern der kleinen Lilly in Verbindung gesetzt und mich als ihre Mutter zu erkennen gegeben. Ich will die kleine nicht aus ihrem gewohnten Umfeld reißen, aber ich werde morgen mit Dorian zu ihnen fahren, um alles in Ordnung zu bringen. Ich hätte das schon längst machen sollen. Damit nehme ich Joseph und Gordon jegliche Handhabe meine Familie und mich weiterhin zu bedrohen. Es wird nicht leicht und es kann auch sein, dass ich damit alles verliere, auch meinen geliebten Mann und meinen kleinen Sohn. Wenn es mein Schicksal ist, so will ich es annehmen.

      Damit endete Natashas Eintrag. Ich verband mich mit dem Internet und hoffte noch einige Artikel über den Unfall zu finden. In jenen Zeitungsberichten, die ich fand, wurde der Name des anderen Unfalllenkers nicht genannt. Also hing ich mich an die Strippe und wählte eine Nummer bei der Daily Mail. Einer der Journalisten dort schuldete mir noch einen Gefallen. Ich bat ihn, dringend den Namen des anderen Unfalllenkers herauszufinden. Für ihn ein Klacks, für mich stundenlange Recherche. Er versprach mir, sich zu beeilen. Ich war neugierig, ob er meinen Verdacht bestätigen würde. Dann rief ich Jared an, er sollte in mein Zimmer kommen.

      "Angel, das war Gedankenübertragung", meinte er, "Dr. Frakes kommt nämlich gleich, um sich Dorian genauer anzusehen."

      "Hm wie meinst du?" ich stand wieder mal auf der Leitung.

      Die Tür ging auf und Jared klappte sein Handy zu.

      "Ich denke, dass der Arzt, der ihn bis jetzt betreut hat, ein mieser Quacksalber ist."

      "Aber Jared, er ist der Hausarzt der Gilgrims!"

      "Das schert mich einen Dreck", er machte eine wegwerfende Handbewegung.

      "Dr. Frakes ist echt spitze! Überhaupt wenn es um Vergiftungen geht. Er arbeitet auch für die Polizei", erklärte mir Jared.

      "Vergiftungen, du meinst Dorian wird sukzessive vergiftet?" ich konnte es nicht glauben, obwohl, bei näherer Betrachtung erschien es mir durchaus logisch.

      "Was wolltest du eigentlich von mir Angel?"

      "Ich hab das hier entdeckt", sagte ich und zeigte ihm den Bildschirm des Notebooks.

      "Natashas Tagebuch? Ist das echt?"

      "Ich denke schon und es enthält äußerst brisante Informationen!"

      Ich gab ihm die Ultra-Kurzfassung.

      "Oh mein Gott. Es lag die ganze Zeit vor unseren Augen und wir haben’s nicht gesehen", nervös spielte er mit der Klappe seines Handys.

      Es klingelte an der Eingangstür.

      "Das ist Dr. Frakes, ich bin gleich wieder da", sagte Jared und eilte davon.

      Ich zermarterte mir mein Gehirn, wenn Dorian tatsächlich vergiftet wurde, musste jemand von den Angestellten die Hand mit im Spiel haben? Verdammt! Ich schlug mit der Faust gegen den Kasten. Sophia, Edgar, Max? Oder vielleicht auch Lorelei? Schließlich ging es ein wenig bergauf mit ihm, seit sie nicht mehr da war. Ich lief umher, wie ein gereizter Tiger im Käfig. Das Klingeln meines Handys ließ mich zusammenfahren. Ich sah die Nummer am Display, es war mein Kontakt bei der Daily Mail. Den Namen, den er mir nannte gab mir Gewissheit, Joseph Freyer.

      Ich musste mich setzen, mir wurde es kurz schwarz vor Augen.

      Der Typ musste völlig irre geworden sein. Wie konnte jemand mit Vorsatz seinen Wagen in ein tödliches Geschoss verwandeln? Hatte er wirklich geglaubt, er würde den Unfall überleben? Ich schüttelte betroffen den Kopf.

      Jared kam herein, "Dr. Frakes ist jetzt bei Dorian. Er macht auch gleich ein paar toxikologische Schnelltests, dann nimmt er ihm Blut ab und schickt es ins Labor. Das hätte der andere Kerl auch tun …. Angel, was ist mit dir?"

      "Warum hast du mir nicht gesagt, dass der Todeslenker Joseph Freyer gewesen ist, das müsstet du doch gewusst haben, als enger Freund der Familie?" sagte ich zu ihm.

      Jared setzte sich neben mich, "ich hab nicht dran gedacht, ich schwör’s dir. Außerdem, warte mal, warte mal", er runzelte die Stirn, "in den Zeitungen stand ein anderer Name. Wie war der doch gleich …. Stanton, ja genau Joseph Stanton."

      "Wie geht denn das?"

      Wenn das hier so weiter ging, wär ich bald reif für die Klapse. Ehrlich. Jared konnte meine Frage nicht beantworten, also rief ich noch mal bei der Daily Mail an. Mein Informant hatte die Antwort bereits vor sich, er wollte mich gerade eben noch mal anrufen. Stanton war Josephs richtiger Familienname.

      Gordon Freyer musste damals die Presse geschmiert haben, damit es zu keinem Skandal kommen konnte. Denn wenn jemand angefangen hätte nach zu graben, wären die ganzen unschönen Dinge ans Tageslicht gekommen.

      Es klopfte, ein gut aussehender Mann mittleren Alters ungefähr eins fünfundachtzig groß, graue Schläfen, trat ein. Er machte ein ernstes Gesicht.

      "Mr. Monroe, Miss Morgan", sagte er knapp, "Lord Asher muss sofort in eine Klinik, sein Zustand ist sehr instabil."

      Ich schluckte.

      "Ihre Befürchtung, jemand würde ihn langsam vergiften hat sich als korrekt herausgestellt. Ich vermute, es handelt sich um Digitalis. Näheres kann ich ihnen erst sagen, wenn mir die Auswertungen des Labors vorliegen. Nun würde ich ihnen empfehlen die Polizei von diesem Umstand in Kenntnis zu setzen und so rasch als möglich einen Krankenwagen zu rufen. Ich werde den Leuten dann sagen, wo sie ihn am besten hinbringen sollen."

      "Ja, natürlich", sagte ich mit Tränen in den Augen und wählte die Notrufnummer.

      Es dauerte eine knappe halbe Stunde, dann waren die Leute da. Dorian schlief, als sie ihn auf die Bahre legten. Tränen strömten über mein Gesicht, als der Krankenwagen davon fuhr. Jared zog mich in seine Arme, ich vergrub mein Gesicht in seiner Brust.

      Er streichelte sanft mein Haar, "es wird alles gut werden Angel, es wird alles gut. Das versprech ich dir. Und als nächstes kaufen wir uns diesen Arsch Gordon Freyer."

      Ich sah zu ihm auf und nickte. Er gab mir einen zärtlichen Kuss auf die Stirn.
    • Kapitel 17

      Jared und ich saßen allein im Speisesaal, seine Männer hatten sich verabschiedet und waren "zu Bett" gegangen. In Wirklichkeit hatte jeder von ihnen seinen Posten bezogen. Wir hatten uns zwischenzeitlich eine Art Codesprache angewöhnt, da wir nicht wussten, ob wir vielleicht abgehört wurden.

      "Ich würde vorschlagen, wir machen noch einen kleinen Abendspaziergang", sagte Jared und zwinkerte mir zu.

      Draußen war es angenehm. Es roch nach Regen und nassem Laub. Wir gingen den Schlosspark entlang.

      "Und was jetzt?" brach ich das Schweigen, "sollen wir zur Polizei gehen?"

      "Glaubst du Natashas Tagebuch reicht, um sie zu überzeugen? Möglicherweise glauben sie noch wir hätten dran herumgefummelt oder so."

      "Du hältst das also für keine gute Idee?"

      "Angel, natürlich will ich ebenso wie du, dass der Spuk hier aufhört und Dorian zur Ruhe kommt", sagte er sanft, "zuerst sollten wir jedoch herausfinden, wer der Komplize von Freyer ist. Und das kann nur jemand vom Personal sein."

      "Oder die gute Lorelei", gab ich zu bedenken.

      "Oder Lorelei, genau. Obwohl mir dieser Gedanke doch noch immer sehr abwegig erscheint."

      Ich sah ihn von der Seit an, "bist du noch in sie verliebt?"

      Er lachte kurz auf und schüttelte den Kopf, "nein Angel, mein Herz gehört nach wie vor nur dir, auch wenn es umgekehrt nicht so ist."

      Er drückte mich kurz.

      "Ich denke, wir sollten einmal ein Gespräch mit Sophia führen", sagte er unvermittelt.

      "Wieso?"

      "Ihr Mann Edgar ist vorbestraft. Diebstahl, schwere Körperverletzung, Nötigung", erklärte er.

      Ich war baff, "woher weißt du das?"

      "Ich kenne die beiden schon seit Jahren. Angeblich hat sich das Blatt gewendet und Edgar hat sich zum frommen Kirchgänger gewandelt. Doch auch wer sonntags in der Kirche den "Heiligen" spielt kann unter der Woche noch immer ein Gauner sein."

      "Die arme Sophia", fiel mir nur dazu ein.

      "Ich werde Edgar morgen mit einem meiner Männer unter einem Vorwand nach London schicken, dann haben wir genug Zeit, um ein ausführliches Gespräch mit ihr zu führen und jetzt kehren wir besser um. Ich glaube, es fängt wieder an zu regnen."

      Diese Nacht blieben wir – wie konnte es auch anders sein – vor Geistererscheinungen verschont. Keine Stimmen, kein Nebel, nichts.

      Jared hielt sich an seinen Plan und als die beiden Männer einige Zeit weg waren, ging ich zu Sophia in die Küche und bat sie sich zu setzen.

      "Ich dachte mir schon, dass sie eines Tages zu mir kommen würden", begann Sophia, noch ehe ich ihr mein Anliegen vortragen konnte, Jared kam auch gerade bei der Tür herein.

      "Es geht um Edgar nicht wahr? Oder besser um seine Vergangenheit."

      Jared und ich konnten nur noch verblüfft nicken.

      "Ja, Edgar war einmal ein gefährlicher Mann und ich hatte es nicht immer leicht mit ihm. Doch ich habe stets zu ihm gehalten. Schließlich hieß es ja bei unserer Hochzeit, in Guten, wie in schlechten Tagen. Glauben sie mir Miss Angela und Master Jared, ich hab mir oft nächtelang die Augen aus dem Kopf geheult und gebetet, Gott möge ihm seine Sünden vergeben und ihn auf den Weg der Tugend zurück führen."

      Sophias Augen wurden glasig.

      "Und wurden ihre Gebete erhört", fragte ich und spürte ein leichtes Kratzen in meinem Hals.

      Sie nickte und wischte sich dabei mit ihrer Schürze verstohlen eine Träne aus dem Auge.

      "Ab dem Zeitpunkt, als wir in die Dienste der Gilgrims traten, wurde Edgar ein neuer Mensch. Er war dem alten Lord Gilgrim unsäglich dankbar, dass er ihm trotz des Wissens um sein Vorleben eine zweite Chance gegeben hat. Um nichts in der Welt wollte er diese verlieren. Nur seit Lady Natashas Tod und den merkwürdigen Vorgängen im Schloss fing er wieder an mit dem Schicksal zu hadern. Er meinte früher oder später, würde jemand die Polizei holen und sie würden ihn verhaften und aufgrund seiner Vorstrafen würde man ihn ungesehen ins Gefängnis sperren."

      Ihre Stimme fing an zu zittern, "entschuldigen sie", bat sie uns und füllte sich ein Glas mit Wasser.

      Gierig trank sie es leer.

      "Sophia, Angela und mir liegt es fern, ihren Mann blindlings zu beschuldigen", sagte Jared ein wenig verlegen, "nur sind wir eben der offensichtlichsten Spur zuerst nachgegangen."

      Sie blickte uns gütig aus ihren kleinen Äuglein an, "ich kann ihnen gar nicht sagen, wie froh ich darüber bin, dass sie zuerst zu mir gekommen sind und nicht gleich die Polizei gerufen haben. Danke."

      Sie drückte Jared und mir die Hände.

      "Wussten sie das Lady Natasha ein Tagebuch geführt hat?" bohrte ich weiter.

      "Nein, das wusste ich nicht", Sophia schien betroffen, "ich kann ihnen nur sagen, dass ich denke, dass sie manchmal sehr unglücklich war."

      Ich horchte auf, "wieso?"

      "Ich bin zwar nur Haushälterin hier, aber das heißt nicht, dass ich blind und taub bin. Lady Natasha hat nachts oft geweint und oft hatten sie Streit, Master Asher und sie, mein ich."

      "Kannten sie vielleicht auch Joseph und Gordon Freyer", bohrte ich weiter, wie jemand der meint, gleich den Ölfund des Jahrhunderts zu machen.

      "Sicher, die beiden kreisten doch ständig wie die Geier über Gilgrim Castle."

      Bei dieser sehr anschaulichen Beschreibung der beiden, musste ich ein wenig lächeln, auch wenn die Sache, um die es hier ging, todernst war.

      "Wo waren sie und ihr Mann am Tag des Unfalles?" Jared hatte beinahe den Tonfall eines Polizisten beim Verhör angenommen, ich stieß ihm deswegen unsanft ans Schienbein, "es wäre nett, wenn sie uns darüber Auskunft geben könnten", setzte er gleich nach.

      "Das weiß ich noch, als wäre es gestern gewesen. Master Asher hatte dem ganzen Personal überraschend ein paar Tage freigegeben. Sie wollten irgendjemanden Besuchen und ich ergriff die Gelegenheit beim Schopf, kontaktierte Clara meine Schwester in Cornwall und kündigte Edgars und mein Kommen an", Sophias müde Augen wurden lebhafter, "als wir am zweiten Tag gemütlich beim Abendbrot zusammen saßen, erfuhren wir durch die Nachrichten von dem schrecklichen Unglück. Natürlich sind wir sofort abgereist und hierher zurückgekehrt."

      Okay, so weit so gut, dachte ich mir. Sophia hatte mit erstaunlicher Offenheit unsere Fragen beantwortet, ich konnte mir nicht vorstellen, dass die beiden an diesem Komplott beteiligt waren. Jareds Blicke sagten mir, dass er derselben Ansicht war. Blieb also nur noch Max.

      "Sophia, wissen sie wo Max ist?" fragte ich deshalb.

      Sie runzelte die Stirn, "Master Jared hat ihn doch heute morgen darum gebeten zum Gut zu fahren und einige Sachen abzuholen. Er hat sich noch fürchterlich darüber aufgeregt, dass dies nicht einer seiner Männer machen konnte."

      Ich sah zu Jared, der wie eine V2 beim Start hochschoss, "keine Ahnung was sie meint Angel, ehrlich, ich hab Max seit gestern Abend nicht mehr gesehen."

      Mir schwante böses.

      "Ich ruf sofort die Polizei an, sie dürfen Max unter keinen Umständen zu Asher lassen."

      Mir rasendem Herzen lief ich zum Telefon. Die Leitung war tot.

      "Shit, hat jemand von euch ein Handy, bei meinem ist leider der Akku leer", ich war verzweifelt.

      Jared durchstöberte seine Taschen, "komisch, meins ist futsch, ich lauf in den Ostflügel zu meinen Leuten."

      Endlos lange Minuten vergingen, bis Jared nach Luft ringend wieder kam.

      "Meine Leute, sie sind weg, wie vom Erdboden verschwunden."

      Mir wurde übel und ich musste mich kurz an die Stuhllehne klammern. Denk nach, herrschte ich mich an.

      "Das Notebook", rief ich und eilte bereits nach oben. Gott sei Dank, es war noch da. Ich drehte es auf, "jetzt können wir nur noch beten, dass den Leuten von Scotland Yard langweilig ist und sie ihre E-Mails pflichtbewusst lesen", ich schickte ein Stoßgebet zum Himmel, während ich eine Nachricht an die Polizei verfasste und gleichzeitig einen Auszug aus Natashas Tagebuch mitschickte. Meine Finger flogen nur so über die Tastatur. So fertig. Ich drückte auf SENDEN.

      "Ich hasse es, wenn mir die Hände gebunden sind", ärgerte sich Jared, "wo sind nur meine Männer abgeblieben?"

      "Vielleicht sind die in dem Folterkeller", spekulierte ich, "hast du dort schon nachgesehen?"

      Anscheinend nicht, denn er wartete meine Worte nicht ab. Sophia war zutiefst erschüttert und setzte sich neben mich.

      "Auf meine Menschenkenntnis kann ich mich anscheinend auch nicht mehr verlassen", sagte sie leise,

      "Max hat so einen netten und sympathischen Eindruck gemacht, als er bei uns anfing."

      "Wann war das?" unterbrach ich sie.

      "Ein paar Monate vor dem Unfall."

      "Und ich dachte er gehöre so wie sie und ihr Mann bereits zum "Inventar"."

      Sophia schüttelte ihren Kopf.

      "Der alte Butler der Gilgrims ging irgendwann in Pension und die "Jungen" wollten keinen, bis sich Max vorstellte. Er hatte nur die besten Referenzen. Also entschlossen sich Lord Asher und Lady Natasha die alte Tradition wieder aufleben zu lassen."

      Das Notebook piepte und zeigte mir damit den Empfang einer E-Mail-Nachricht an. Sie war von Scotland Yard. Erleichtert öffnete ich sie, die Antwort war zwar kurz, aber sie beruhigte mich: Haben ihre Nachricht erhalten, werden uns umgehend darum kümmern, gezeichnet Inspektor Lloyd.

      "Sie haben meine Nachricht erhalten", jubelte ich und umarmte Sophia.

      Jetzt half nur noch beten. Jared und ich waren viel zu weit weg von London, um auch nur irgendwie ins Geschehen eingreifen zu können. Ich bedauerte diesen Umstand über alle Maßen.

      Wo blieb Jared? Er war vor knapp zwanzig Minuten zum Ostflügel gelaufen, sollte ich ihm nach? Nicht nötig, Schritte klangen dumpf über den Gang. Es waren die Schritte mehrerer Leute. Sophia fasste meine Hand. Gebannt starrten wir zum Türknauf, der sich langsam drehte. Als die Tür aufging, hielten wir beide den Atem an. Jared kam herein, gefolgt von seinen Männern.

      "Hast du schon was von der Polizei gehört", fragte er sofort. Ich las ihm die Nachricht vor.

      "Paßt, ich glaube, wir können Scotland Yard vertrauen."

      "Was war bei dir los? Wo warst du so lange."

      Jared ließ sich mit einem lauten Seufzer auf die Couch fallen, seine Männer setzten sich in die beiden Fauteuils rechts und links vom Couchtisch.

      "Wollt ihr erzählen?" fragte Jared seine Leute, die winkten ab und meinten er könne das viel besser als sie.

      Ich musste lächeln. Dann berichtete er von seiner Suche nach den beiden. Sie hatten sich nicht – wie von mir vermutet – in dem unterirdischen Verlies befunden.

      Er war durch die zahlreichen Geheimgänge, die unter dem Schloss verliefen, geeilt und hatte sie letztendlich irgendwo unterhalb des Nordflügels in einer Nische gefunden. Sie waren fein säuberlich gefesselt und geknebelt gewesen. Sie konnten nicht sagen, wer ihnen eines übergebraten und sie dorthin verfrachtet hatte. Nachdem sich außer uns niemand mehr auf dem Schloss befand, konnte es eigentlich nur Max gewesen sein. Jedenfalls fuhren Jareds Männer kurze Zeit später zurück zu seinem Gut, holten Verstärkung und Waffen und krempelten das ganze Schloss um, nichts konnte ihnen entgehen. Auch in den Geheimgängen forschten sie nach und machten sich daran, diese so gut es ging zu verschließen.

      Endlich hatten wir auch wieder Telefon. Ich sprach mit Inspektor Lloyd, der mir versicherte, dass Dorians Krankenzimmer rund um die Uhr bewacht wurde. Doch bis jetzt fehlte von Max und Gordon Freyer jede Spur, sie waren wie vom Erdboden verschluckt.
    • Kapitel 18

      Dorian war knapp vier Wochen im Krankenhaus und als sie ihn entließen war mein Schatz noch immer ein wenig blass um die Nase. Doch Businessmann wie er nun mal war, machte er sich gleich an den Verkauf von Gilgrim Castle. Er verkaufte es an eine amerikanische Investorengruppe, die es in Hinkunft auch als Kulisse für Horrorfilme verwenden wollte, wie passend.

      Zwei Drittel des Erlöses legte er in einen Treuhandfond zugunsten der kleinen Lilly, die mittlerweile sieben Jahre alt war. Sie war eine ganz eine süße und hatte – laut Dorian – die wunderschönen Augen ihrer Mutter. Auch ihre Pflegeeltern waren sehr nette bescheidene Leute.

      Wir waren gerade mitten im Umzug in unser Herrenhaus am See, als uns die Nachricht erreichte, dass Interpol Gordon Freyer und Max an der Cote d’Azur aufgegriffen hatte. Wir mussten zu einer Gegenüberstellung (zumindest was Max betraf) auf die Polizei. Nachdem wir ihn eindeutig identifiziert hatten, bat uns Inspektor Lloyd in sein Büro und unterrichtete uns über den aktuellen Ermittlungsstand.

      "Lord Asher, Miss Morgan, nehmen sie doch bitte Platz", bat er uns höflich, "möchten sie vielleicht eine Tasse Tee?"

      "Gerne", antworteten Dorian und ich unisono.

      Bis der Tee kam, plauderte er noch ein wenig mit Dorian. Nachdem sichergestellt war, dass wir nun ungestört blieben, gab er uns seinen Bericht:

      "Beide Herren sind geständig, das einmal vorweg. Sie haben anscheinend eingesehen, dass es keinen Zweck hat zu leugnen. Die Beweislast ist – nicht zuletzt aufgrund des Tagebuches von Lady Natasha – schier erdrückend."

      Dorian und ich nahmen uns an der Hand.

      "Ich beginne am besten mit dem Unfall", sagte Inspektor Lloyd, "und entschuldige mich gleich bei ihnen Lord Asher, falls ich damit unliebsame Erinnerungen bei ihnen wecke."

      "Legen sie los Inspektor, ich werde damit schon klar kommen", meinte Dorian mit rauer Stimme.

      "Laut Aussage von Gordon Freyer konnte er seinen Adoptivsohn Joseph an jenem verhängnisvollen Tag nicht davon abhalten, dass zu tun, was letztendlich ihm, ihrer Frau und ihrem kleinen Sohn das Leben gekostet hat. Joseph sah einfach keine andere Möglichkeit mehr, als seinem und dem Leben ihrer Familie ein Ende zu setzen, weil ihm Natasha in einem Brief deutlich gemacht hatte, sie würde sich nie und nimmer von ihnen trennen und dass die Liaison zwischen ihr und Joseph nun endgültig vorbei war, weil sie vor hatte, sie über alles in Kenntnis zu setzen."

      Lloyd holte einen in Cellophan verpackten Brief hervor und zeigte ihn Dorian, "ich nehme an, sie werden die Schrift eindeutig als die ihrer Frau identifizieren."

      Dorian nahm den Brief in die Hand und überflog ihn, dabei fingen seine Hände an zu zittern, doch er war bemüht nicht die Fassung zu verlieren.

      "Ja, das ist Natashas Handschrift", sagte er leise und legte den Brief wieder auf den Tisch.

      "Nun weiter im Text", sagte Lloyd, "Gordon Freyer plante nach dem Tod von Joseph und ihrer Familie, die kleine Lilly als seine Enkeltochter zu sich zu holen und den Besitzanspruch auf Gilgrim Castle zu erheben. Diese Vorstellung ist nicht so unrealistisch, bedenkt man, dass Lilly schließlich ja das "Ergebnis" der Verbindung zwischen ihrer Frau und Joseph Freyer war und sie somit auch ein Anrecht auf Gilgrim Castle hätte."

      Er nahm einen Schluck Tee.

      "Außerdem hatte er vor, wenn nötig, mit einer Armada von Rechtsverdrehern vor Gericht zu ziehen, falls jemand seine Pläne durchkreuzen und ihm Schwierigkeiten machen würde sowie – klarerweise – Lillys Pflegeeltern. Die Sache hatte nur – verzeihen sie meine Ausdrucksweise Lord Asher – einen Haken. Sie überlebten dieses Fiasko. Ein wichtiger Faktor, den niemand einkalkuliert hatte."

      "Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt", warf ich kühl ein.

      "Genau Miss Morgan, sie sagen es. Nun kommt der gute Max ins Spiel."

      Dorian und ich waren gespannt.

      "Er war ja ein paar Monate vor dem Unfall in ihre Dienste getreten."

      Dorian nickte.

      "Und war schon von jeher ein von den Freyers gekaufter Spitzel. Gordon Freyer hat einige seiner Beziehungen spielen lassen und ihm einen total gefälschten Lebenslauf verpasst. Bevor er zu ihnen kam, war er in Freyers Unternehmen als sein Assistent tätig. Er war bei den anderen als äußerst loyaler Mitarbeiter bekannt. Kurz bevor ihn Freyer zu ihnen "abkommandiert" hat, schickte er ihn noch auf einen vierzehn Tage Schnellsiedekurs für Butler."

      Dorian und ich schüttelten ungläubig den Kopf.

      "Seine Aufgabe war, ihre Besitztümer auszukundschaften und ein Auge auf sie und ihre Frau zu haben. Somit waren die Freyers über sämtliche Vorgänge auf Gilgrim Castle bestens informiert. Sie haben den Unfall überlebt, nun war guter Rat teuer. Also versuchte Gordon Freyer mit Hilfe von Max sie entweder in den Wahnsinn oder in den Tod zu treiben. Was ihnen ja beinahe gelungen wäre. Aber…."

      Nun richtete Lloyd seine Aufmerksamkeit auf mich.

      "Dann kam Miss Morgan nach Gilgrim Castle. Was nun? Das man den Ostflügel in Schutt und Asche gelegt hat, war wirklich ein Mordanschlag auf sie."

      "Mein Gott, wie geblendet war ich?" sagte Dorian und sah mich mit traurigen Augen an.

      "Ich muss zugeben, Max und seine Helferleins, die ihm von Freyer zur Verfügung gestellt wurden, haben dabei ganze Arbeit geleistet, sie haben ja sogar Leute von der Feuerwehr getäuscht. Wieder war Zufall oder Glück, nennen sie es wie sie wollen, im Spiel und sie waren nicht dort, wo sie hätten sein sollten. Schlafend in ihrem Bett."

      Mich schauderte, bei dem Gedanken daran, fast im eigenen Bett flambiert worden zu sein. Der gute Max war damals also nicht froh darüber gewesen, mich zu sehen, sondern eher geschockt.

      Lloyd veränderte seine Sitzposition, bevor er weiter sprach, "Freyer gab Max den Auftrag die Giftanschläge auf sie, Lord Asher zu forcieren. Die Zeit lief ihnen davon. Durch die unterirdischen Gänge wurde Max von Freyers Leuten mit allem Nötigen versorgt. Zusätzlich hat Freyer ihren Hausarzt massiv damit bedroht, dessen Familie etwas an zu tun, wenn er auch nur den kleinsten Finger rühren würde, um ihnen zu helfen. Was ihn jedoch nicht von einer gewissen Mitschuld befreit, er hätte sich ja an uns wenden können. Nachdem sich dann auch noch Mr. Monroe auf ihre Seite geschlagen hat, Miss Morgan, sahen Freyer und Max ihre Felle endgültig davon schwimmen."

      "So gesehen hatte deine Affäre mit ihm doch etwas positives", raunte Dorian mir zu.

      "Wie bitte?" fragte Lloyd.

      "Ach nichts, nur ein kleines Geplänkel", entgegnete Dorian grinsend.

      Lloyd stand auf, "ich denke, wir können diesen Fall als abgeschlossen betrachten ad acta legen. Wir haben auch noch den Rest der Leute ausfindig gemacht, die an diesem unsäglichem "Spiel" beteiligt gewesen waren."

      Dorian und ich standen auf, bedankten uns bei Llyod und fuhren wieder in unser neues Heim am See.

      Dorian und ich beschlossen beim Herrenhaus noch einen Anbau zu machen. Wir nahmen Sophia und Edgar als Hauspersonal bei uns auf.

      Kurze Zeit später heirateten Dorian und ich. Übrigens bei unserer Hochzeit lernte Jared meine Freundin Carla kennen. Die beiden verliebten sich Knall auf Fall ineinander.

      Von Lorelei bekamen wir irgendwann mal eine Karte, sie war mit ihrem, um zwanzig Jahre jüngeren, Lover auf einem Segeltörn in der Karibik.

      Dorian und ich nahmen uns viel Zeit füreinander. Der erwartete Kindersegen blieb jedoch aus. Und nach einer eingehenden Untersuchung, meinte mein Arzt zu Dorian und zu mir, dass ich wohl nie eigene Kinder haben könnte. Wir fanden uns damit ab.

      Außerdem hatten wir öfters Besuch von Lilly. Im Sommer schwammen Dorian und ich vergnügt mit ihr im See und im Winter liefen wir Schlittschuh. Es war eine schöne Zeit. Ansonsten eröffneten wir – wie wir vereinbart hatten – einen kleinen Laden im Dorf, der ganz gut lief.

      Dorian ließ alle Särge aus der Gruft holen und anschließend in einem wunderschönen Grab, in einer bewegenden Zeremonie, auf dem kleinen Dorffriedhof beisetzen. Nun hatten alle ihren Frieden gefunden, inklusive mein Mann und ich.

      Die Erlebnisse auf Gilgrim Castle würde keiner von uns je vergessen und es gibt Tage an denen Asher Natasha und Dorian jr. schrecklich vermisst. Aber das ist in Ordnung, denn er weiß, dass ich ihn über alles Liebe und immer für ihn da bin, so wie er für mich.

      ENDE