Sherlock - Erster Fall

    Mit der weiteren Nutzung unserer Webseite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden um Ihnen die Nutzerfreundlichkeit dieser Webseite zu verbessern. Weitere Informationen zum Datenschutz finden Sie in unserer Datenschutzerklärung

    • Sherlock - Erster Fall

      Huhu, Ihr Lieben! Wie man unschwer erkennen kann, bin ich Sherlock-Fan und versuche mich mal nach meinem Oneshot "Der Fluch von Westwood Manor" an einer Sherlock-FF. Viel Spass! Ich freue mich natürlich sehr über Kommentare! *;)*

      Sherlock

      Rating: 16
      Genre: Krimi
      Die Story gehört mir. Ich verdiene keine Geld damit. Die Figuren sind von Sir Arthur Conan Doyle und der BBC-Serie Sherlock geborgt.


      1. Kapitel: Schneegestöber


      Er schlug langsam die Augen auf und blickte schläfrig zum Fenster. Draußen tobte ein heftiger Schneesturm, die Flocken tanzten an der Scheibe vorbei und aus manchen bildete sich eine dünne Puderschicht auf dem äußeren Fensterrahmen. Der Winter hatte London fest im Griff. Es war Dezember, kurz vor Weihnachten, dem Fest der Liebe. Verächtlich schnalzte Sherlock Holmes mit der Zunge. Liebe! Er zog fröstelnd sein blaubezogenes Deckbett bis unter sein Kinn und schaute auf den Wecker. Es war bereits kurz von neun Uhr morgens. Da er gestern oder besser gesagt, erst heute, gegen Zwei ins Bett gegangen war, hatte er sich den Luxus erlaubt, länger zu schlafen. Im Moment war seine unnachahmliche Begabung nicht gefragt, er und John hatten keinen Fall, an dem sie arbeiteten und so konnte er auch schlafen oder ruhen, wie er es nannte, solange er wollte. An den Wänden seines spartanisch eingerichteten Schlafzimmers zeichneten sich die Scheinwerfer der vorüberfahrenden Autos ab. Er hatte die Jalousie nicht zugezogen. In der Nacht hatte Sherlock noch lange am Fenster gestanden, um dem Schneetreiben, das von Minute zu Minute wilder geworden war, zuzuschauen. Manchmal suchte er die Stille, die ihn auf sanfte Weise einhüllte, in der er seinen Gedanken und Erleuchtungen nachhing, um sich darüber klar zu werden, wie die Welt um ihn herum tickte. Er war ein Mensch mit einem besonderen Talent, weil er das sah, was andere nicht sehen konnten. Oder wollten sie es nicht sehen? Manchmal war er sich dessen nicht sicher. Man könnte es für einen Fluch halten, denn so kamen seine Empfindungen niemals richtig zur Ruhe. Ständig analysierte er Personen, verbunden mit ihren gewählten Worten, den Gesten, der Mimik, die so viel über einen Menschen und den derzeitigen Seelenzustand verriet. Er untersuchte Tatorte für die hiesige Polizei und registrierte mit einer offensichtlichen Genugtuung, wenn Inspector Lestrade ihn „mal wieder brauchte“. Oh nein, er brauchte ihn nicht nur, er war auf ihn angewiesen, wenn die anderen mal wieder versagten. Und diese Leute schimpften sich auch noch ausgebildete Polizisten, Gerichtsmediziner und Psychologen. Lächerlich!
      Seufzend stand er auf, zog seinen violetten Morgenmantel über den Pyjama und schlüpfte in seine warmen Hausschuhe. Im Flur sah er in den Spiegel. Leicht übernächtigt blickten ihn klare, blaue Augen an. Sein dunkles Haar stand in verschlungenen Locken vom Kopf ab. Er strich darüber, dann ging er in die Küche.

      Kaffeeduft zog durch den Raum. In der Mitte stand ein großer Holztisch, an dem John Watson, sein Mitbewohner, ein ehemaliger Militärarzt, saß. Seine dunkelblonden Haare waren ordentlich gekämmt, er hatte wohl eben erst geduscht, da noch einige Strähnen feucht erschienen. Er trug einen grauen Pullunder, darunter ein weißes Hemd und eine dazu passende dunkelgraue Hose. John las vertieft einen Artikel in der Zeitung und trank einen Schluck Kaffee dazu.
      Als er Sherlock bemerkte, lächelte er ihm zu, faltete die Morgenzeitung zusammen und goss auch ihm eine Tasse dampfenden Kaffee ein.
      „Guten Morgen! Das kennt man ja gar nicht von Ihnen! War wohl eine lange Nacht“, begrüßte er ihn fröhlich.
      John Watsons warme Augen, sein sensibles Wesen und seine ruhige Art wirkten positiv auf Sherlock. Sonst wäre er wohl niemals mit diesem Mann zusammengezogen, das wusste er genau, auch wenn er ihm das niemals sagen würde.
      „Morgen“, gähnte Sherlock, überhörte die Anspielung und setzte sich John gegenüber.
      Nachdem er etwas Milch in seinen Kaffee gegossen hatte, musterte er John.
      „Oh nein!“, rief dieser und schüttelte den Kopf. „Hören Sie damit auf!“
      Offenbar war seine gute Laune verflogen.
      „Was meinen Sie?“
      „Sie wissen genau, was ich meine! Hören Sie auf, mich zu analysieren! Bei mir gibt es nichts Neues oder Weltbewegendes. Ich habe nur einen Toast gegessen und die Zeitung angefangen zu lesen.“
      Sherlock zog die Brauen hoch. Seine Augen huschten über Johns Pullunder.
      „Sie hatten heute Morgen auch noch ein Ei.“
      John sah an sich herunter und entdeckte auf seiner Brust einen gelben Fleck. Sherlock spähte in die Spüle, in der ein Eierbecher mit ausgehöhlter und geköpfter Eierschale stand, daneben lag ein Löffel.
      „Und wenn schon!“, meinte John und verdrehte die Augen.
      Plötzlich kam ihm eine Idee.
      „Und woher wissen Sie, dass ich den Pullunder nicht gestern schon trug? Schließlich haben Sie eben erst in die Spüle gesehen.“
      Triumphierend zuckte ein Lächeln über sein Mund.
      „Das Ding hatten Sie achte Tage nicht an. Sie haben sich heute so herausgeputzt, weil sie nachher verabredet sind. Das haben Sie erst gestern wieder erzählt, John.“
      Sherlock grinste ihn an, Johns Lächeln erstarb augenblicklich.
      „Das ist ja unglaublich!“, rief er aus, eilte zur Spüle und versuchte, den Fleck mit einem feuchten Lappen wegzurubbeln. „Man merkt, dass Sie im Moment keinen spannenden Fall haben. Führen Sie Buch, was ich anziehe?“
      „Wir haben keinen Fall, nicht ich“, verbesserte ihn Sherlock leise. „Wie heißt sie noch mal, die Frau, mit der sie sich treffen wollen?“
      „Stella“, antwortete John.
      Sherlock nahm sich unbeeindruckt die Zeitung, um darin zu stöbern.
      „Irgendwas Interessantes gelesen?“, fragte er ihn dann, während John sich wieder zu ihm setzte.
      Auf Johns Pullunder war nun ein dunkler Fleck, den das warme Wasser hinterlassen hatte, zu erkennen.
      „Ich war erst auf der zweiten Seite, als sie in die Küche kamen.“
      „Interessant.“
      „Was? Dass ich erst auf Seite zwei war?“
      „Nein. Heute wird im British Museum der neu gestaltete Trakt der Ägyptischen Abteilung eingeweiht. Um neun Uhr ist die große Eröffnung.“
      Beide sahen auf die tickende Küchenuhr.
      „Ist schon seit einer halben Stunde im Gange“, winkte John ab. „Mögen Sie Kunst?“
      Sherlock blickte ihn an, sein Gehirn schien zu rotieren.
      „Sagen wir mal so: Die ägyptische Kunst ist doch sehr abgehoben und zugleich geheimnisvoll. Wenn man an die Rituale denkt, die Pyramiden mit den ungewöhnlichen Mechanismen oder an daran, wie damals die Körper mumifiziert wurden, ist das doch ziemlich spannend.“
      Sherlock heftete seinen Blick wieder auf den Artikel.
      „Was mich aber in Wirklichkeit für diese Eröffnung begeistert, ist die Tatsache, dass Dr. Wayland Potter zugegen sein wird.“
      John sah Sherlock fragend an.
      „Sie kennen ihn nicht?“
      „Sollte ich?“
      „Er hat Anfang diesen Jahres in Theben angeblich die Mumie eines berühmten Pharao gefunden. Diese wird zwei Monate im British Museum ausgestellt, bevor sie wieder nach Kairo überführt wird. Es gab einen großen Aufschrei in Ägypten, weil das Volk es als eine Schande betrachtet, dass ihr Pharao nach England gebracht wird. Schließlich gehört er zu ihnen. Aber man hatte sich geeinigt, die ägyptische Regierung stimmte zu und somit war die Sensation perfekt.“
      „Nie davon gehört“, gab John zu. „Wollen Sie ins Museum fahren?“
      „Gott bewahre!“
      Sherlock mischte sich nur wenn es unbedingt sein musste unter menschliche Individuen.
      Johns graublaue Augen huschten über den Fleck, den das Ei hinterlassen hatte.
      „Das nächste Mal sollten Sie sich erst vor ihrem Date umziehen“, gab Sherlock trocken zu bedenken.
      „Danke für den Tipp!“

      ***

      Es war noch am Vormittag, als das Telefon läutete. Beide waren im Wohnzimmer, bei behaglicher Wärme und hingen ihren Gedanken nach. Sherlock, inzwischen mit einem blütenweißem Hemd und dunklem Anzug bekleidet, legte seine Geige beiseite, auf der er eben noch eine melancholische Melodie angespielt hatte. Sie war genauso schwermütig wie er, fehlte ihm doch die Abwechslung, die er von Zeit zu Zeit dringend brauchte. Er nahm den Hörer ab.
      John saß auf dem Sessel, surfte im Internet und blickte manchmal hoch, um dem anhaltenden Schneefall zuzusehen. Inzwischen hatte sich eine dicke Schicht des weißen Pulvers auf Londons Straßen und Häuser gelegt. Man hörte die Autos nicht mehr vorüber fahren, der Schnee verschluckte die Geräusche. Im Radio und Fernsehen wurden Unwetterwarnungen herausgegeben. Es hieß, man sollte lieber auf Autofahrten verzichten und wenn es möglich war, ganz zu Hause bleiben. In der Nacht sollte noch ein schwerer Sturm kommen, der zu Schneeverwehungen führen sollte.
      „Ja?“, meldete sich Sherlock und grüsste knapp den Anrufer. „Was?... Oh, und wie?... Na gut, dann erklären Sie es uns nachher.“
      Er legte den Hörer auf die Gabel.
      „Uns?“, hakte John nach und wartete auf Sherlocks Antwort. „Was ist passiert?“
      „Das war die Polizei, Inspector Lestrade. Man schickt uns einen Wagen. Im Museum ist es zu einem Zwischenfall gekommen. Nun müssen wir doch dorthin.“
      Mehr verriet Sherlock nicht, ging mit diesen Worten in den Flur und zog sich bereits seinen langen Mantel an.
      „Ich habe eine Verabredung, das wissen Sie doch. Ich muss gleich los.“
      John war ungehalten. Er hatte sich sogar umgezogen und den schmutzigen Pullunder auf den Wäscheberg geworfen. John legte seinen Laptop auf den Tisch und ging in den Flur.
      „Es ist jemand ermordet worden“, teilte ihm Sherlock unumwunden mit. Seine Augen wurden zu schmalen Schlitzen. „Ich brauche Sie bei der Untersuchung der Leiche. Es ist sehr wichtig.“
      Sherlock hatte eine Art an sich, die oftmals keine Widerrede duldete. Schließlich war es auch Johns Job, Sherlock zu unterstützen. Sie lebten davon, die Polizei zu unterstützen, was nicht alle Uniformierten zu schätzen wussten. Lestrade aber schwörte auf Sherlocks Fertigkeiten und hatte zwischenzeitlich auch John akzeptiert.
      John atmete tief aus. Er haderte einen Moment mit sich, dann nahm er sein Handy aus der Hosentasche.
      „Also gut, ich verschiebe meine Essen.“
      Man sah ihm an, dass er sich überwinden musste, hatte er sich doch schon lange darauf gefreut, mit Stella auszugehen.
      „Sehen Sie es positiv, John. Es herrscht Chaos in London. Wer weiß, ob ihre Bekanntschaft überhaupt gekommen wäre.“
      Zufrieden lächelte Sherlock John an, während er sich seinen Schal fest um den Hals band. John wollte gerade etwas erwidern, als sich am anderen Ende die Mailbox einschaltete und er Stella eine Nachricht hinterließ. Hoffentlich hörte sie sie ab, bevor sie aufbrach.
      „Wissen Sie schon, wer der oder die Tote ist?“, fragte John und verbiss sich eine Retourkutsche auf Sherlocks Annahme, Stella wäre sowieso nicht zu der Verabredung gekommen.
      Er zog seine Jacke an und bemerkte, dass Sherlock ihn ansah.
      „Der Tote ist Dr. Wayland Potter“, informierte ihn Sherlock.
      John hielt mitten in seiner Bewegung inne.

      ***

      Dieser Beitrag wurde bereits 25 mal editiert, zuletzt von Lucy ()

    • Was ist denn hier los, eine Sherlock Story! *shock* Und ich hätte sie fast übersehen, aber auch nur fast. *;)*

      Fängt ja schon mal sehr gut an, Lucy. Du hast die beiden Charaktere wunderbar ge-und beschrieben. Ich seh die Zwei direkt vor mir, wie sie am Tisch sitzen und Sherlock den guten Watson in den Wahnsinn treibt! *lol1* Die Sache mit dem Ei war klasse, da hab ich laut gelacht. Dass der neue Fall die Beiden ins Museum bringt gefällt mir, denn ich liebe alles, was mit dem Altertum zu tun hat. Eine Mumie....hm, darauf bin ich gespannt.

      In mir hast du eine neue Leserin gefunden, die Story gefällt mir schon jetzt! *thumps*
      *tea*
    • @Melinda: Lieben Dank! *kiss1* Du machst mich ganz verlegen. *blush* Ist ganz schön schwierig, die beiden Charaktere herauszuarbeiten, ohne, dass es zu vorwitzig wird. *:D* Ich hoffe, dass ich die Spannung weiter halten kann und habe mich sehr über Dein Feedback gefreut. Schön, dass Du Spass beim Lesen hattest. *;)* Das neue Kapitel kommt am Wochenende.
    • 2. Kapitel: Die frische Mumie

      Dichtes Schneetreiben empfing Sherlock und John, als sie hinaus auf die Baker Street traten. Man konnte kaum die Hand vor Augen sehen, so undurchdringlich kamen die Flocken vom Himmel. London war in ein tiefes Weiß getaucht, das sich bereits vom Schmutz des herrschenden Verkehrs in ein trübes Grau einfärbte. Es wurde wie verrückt gehupt, die Autos bewegten sich mit gleißenden Scheinwerfern im Schritttempo und man sah sogar Leute mit Regenschirmen, die sie schützend aufgespannt hatten, um bessere Sicht zu haben. Langsam verwandelten sich die Straßen in Rutschbahnen, es war bitterkalt und die Lage schien sich, wie vom Wetterdienst befürchtet, in den nächsten Stunden nicht zu bessern.
      „Wer weiß, wann der Wagen von Lestrade hier ist“, überlegte Sherlock gerade, während John immer noch über den plötzlichen gewaltsamen Tod von Dr. Potter grübelte.
      „Ist das nicht ein Zufall, dass gerade er umgebracht wurde?“, fragte John und versuchte, Sherlocks Gesichtszüge in dem Flockenherd zu deuten.
      Dieser hatte sich den Schal noch enger um den Hals gebunden und zog seine schwarzen Lederhandschuhe an.
      „Ein Zufall ist das sicher nicht, John“, sagte er mit verächtlichem Ton, der sicher nicht John galt, sondern der Sache selbst. „Er hat viel Kritik einstecken müssen, der gute Dr. Potter, und nun ist er ermordet worden.“
      „Weiß man schon, wie?“
      „Darüber verlor Lestrade leider kein Wort. Ich hörte nur heraus, dass es ein wenig skurril sein soll.“
      „Skurril?“
      John bereitete sich innerlich schon auf das Schlimmste vor. Seitdem er Sherlock begegnet war, wurde sein altes Leben regelrecht aus den Fugen gehoben. Er lebte mit diesem brillanten Mann unter einem Dach und hätte ihn sogar als Freund bezeichnet. Es war schwer an ihn heranzukommen, dennoch fühlte John, dass Sherlock über seinen Schatten gesprungen war, als er John für die gemeinsame Detektivarbeit in sein Leben geholt hatte. Und dieser Schatten war sicher riesig gewesen. In der vergangenen Zeit hatten sie etliche Mordfälle aufgeklärt, von denen John geglaubt hatte, dass man sie gar nicht lösen konnte. Doch dann waren Sherlock immer wieder winzige Details aufgefallen, von denen niemand auch nur eine Notiz nahm und das brachte die vollständige Aufklärung ein, damit der wahre Mörder geschnappt wurde. Wenn jetzt von skurril die Rede war, wusste John, dass es kein normaler Mord war.
      „Wir könnten laufen, es sind kaum 15 Minuten Fußweg“, schlug Sherlock vor.
      Seine dunklen Haare und der Mantel waren fast vollständig mit Schnee bedeckt, John sah nicht anders aus.
      „Ehrlich gesagt, habe ich keine große Lust, durch den Schnee zu stapfen“, wehrte John ab und sah auf sein Handy.
      Keine Nachricht oder gar ein entgangener Anruf von Stella waren darauf zu sehen. Es hupte neben ihnen, der Wagen der Polizei war endlich da. Erleichtert stiegen Sherlock und John ins warme Wageninnere.

      ***

      Schon vor dem Museum herrschte helle Aufregung. Der breite Eingang, zu dem eine massive Steintreppe mit geschnitzten Säulen führte, war weiträumig abgesperrt. Polizisten hielten die Presse in Schach, die wie Aasgeier herumlungerten und versuchten, irgendwie ins Museum schlüpfen zu können. Auch andere Leute, die offenbar zuvor noch zur feierlichen Eröffnung drinnen waren oder gerade erst einen Besuch geplant hatten, verharrten trotz des Schneetreibens in der Kälte.
      Der Polizist, der Sherlock und John hergefahren hatte, bedeutete ihnen, ihm zu folgen. Man kannte Sherlock und seine Methoden bestens bei der Polizei. Manche Uniformierte sahen zu ihm auf, verwundert darüber, wie messerscharf sein Verstand funktionierte, andere wiederum musterten ihn kühl. Und dann gab es noch welche, die ihm gar nicht trauten. Eine Zeitlang hatte sogar das Gerücht kursiert, er hätte etwas mit einem Fall zu tun, was sich aber nach einer Ansage Lestrades ziemlich schnell zerstreute. Dieser war froh, dass Sherlock bereitwillig und gegen einen nicht zu verachtenden Bonus half. Geld war für Sherlock kein Ansporn, kein Reiz. Er wollte einfach in die kranken Abgründe der menschlichen Seele eintauchen und verstehen, wer diese oder jene Grausamkeit begangen hatte und warum. John bestand auf die Bezahlung, schließlich mussten sie beide auch von Irgendetwas leben.
      Sie erklommen die Stufen, putzten notdürftig ihre Stiefel ab und klopften sich den restlichen Schnee von den Mänteln.
      „Sie hätten Ihre Mütze aufsetzen sollen“, meinte John ganz nebenbei, während Sherlock sich durch die feuchten Haare fuhr, die im Wagen nicht ganz getrocknet waren.
      „Mein Mütze?“, fragte dieser ungläubig. „Das Ding haben Sie mir geschenkt, es diente mir nur einmal, und zwar, als ich unerkannt flüchten musste. Zu diesem Zeitpunkt kursierte das Gerücht, dass ich etwas mit dem Tod von James Wilford zutun gehabt hätte. Die setzte ich nie wieder auf.“
      Er schnaubte durch die Nase und folgte dem jungen Polizisten, der sie hergebracht hatte.
      „Schade, sie stand Ihnen nämlich ausgezeichnet.“
      John konnte sich den Kommentar einfach nicht verkneifen. Bevor Sherlock sich umdrehen und etwas erwidern konnte, eilte ihm ein kleiner, untersetzter Mann schwungvoll entgegen.
      „Mr. Holmes, bin ja so froh, dass Sie zugegen sind“, rief er aufgeregt und mit hochrotem Gesicht. „Schon so viel von Ihnen gehört.“
      Er schüttelte kräftig Sherlocks Hand, dann die von John.
      „Ich bin Professor….“
      „Brown, der Leiter des British Museum“, fiel ihm Sherlock ins Wort und sah sich im Eingangsbereich um.
      Für einen Moment schnappte Professor Brown nach Luft, holte ein weißes, gestärktes Taschentuch aus seiner Hosentasche und tupfte sich damit über die Stirn, dann über den Schnurbart.
      „Sie kennen mich also“, kicherte der Professor, besann sich dann wieder auf den Ernst der Situation, indem er ein betretenes Gesicht aufsetzte.
      „Das ist John Watson“, stellte Sherlock seinen Mitbewohner, statt eine Antwort zu geben, vor.
      „Sehr erfreut, schön, dass Sie da sind“, rief Brown überschwänglich aus.
      „Ganz meinerseits“, lächelt John zurück.
      Hinter ihm räusperte sich der Polizist.
      „Wir sollten zum Tatort gehen“, stellte er sachlich fest und die Männer folgten ihm.

      ***

      Das British Museum war ein eigenes Kunstwerk. Das Kuppeldach bestand aus einer Stahl-Glas-Konstruktion, die Seinesgleichen suchte. Über 1600 Glasplatten vereinigten sich zu einem Gesamtbild, das über 7000 Quadratmeter, geschätzt, sieben Millionen Objekte und Schätze der kulturellen Geschichte beherbergte. Es gab hier nicht nur das Alte Ägypten, sondern auch Themen wie Griechische und Römische Antiken oder Frühgeschichte und Europa.
      Lestrade kam ihnen entgegen. Er begrüsste Sherlock und John freundlich und übernahm neben Professor Brown die weitere Führung.
      „Wieso sind die ganzen Leute draußen? Ist keiner festgenommen worden? Ist niemand verdächtig?“, fragte Sherlock, während die Männer eine weitere Treppe erklommen.
      „Potter ist seit mindestens zwölf Stunden tot“, informierte ihn Lestrade. „Das hat unser Gerichtsmediziner schon festgestellt. Wer immer der Mörder ist, ist schon längst über alle Berge. “
      „Oder arbeitet hier“, gab Sherlock zu bedenken.
      Lestrade blickte Sherlock mit müden, dunklen Augen an. Seine Haare schienen sich immer mehr in ein sattes Grau zu färben. Ob dies seiner aufreibenden Arbeit oder dem Alter geschuldet war, darüber konnte man nur vermuten. Wahrscheinlich trafen beide Tatsachen mittlerweile zu.
      Sie betraten den Ägyptischen Trakt, in dem drei Sarkophage, Beigaben aus Königsgräbern und Artefakte ausgestellt waren. Hierbei handelte es sich um Schmuck, vergoldete Holzstatuen und Steinskulpturen, die riesig waren, unter anderem von Ramses, dem Zweiten und eine Sphinx-Figur aus Marmor. Sie erblickten versteinerte Skarabäen und die Königliste aus Abydos. Diese besagte, dass Pharao Sethos, der Erste seinem Sohn Ramses von den früheren Königen des Zweifachen Landes erzählt hatte, deren Namen in den Kartuschen standen. Der junge Kronprinz, der noch die Jugendlocke trug, hielt eine Papyrusrolle in den Händen.

      „Das sind wertvolle Schätze“, stellte Sherlock ernüchternd fest, „warum hatte die ägyptische Regierung keine Einwände, diese ganzen Artefakte London zur Verfügung zu stellen, jedoch Dr. Potters Mumie sollte nicht hierhergeführt werden?“
      „Ein berechtigter Einwand, mein lieber Holmes“, meldete sich Professor Brown zu Wort.
      Die Männer blieben stehen.
      „Diese ganzen Kunstwerke sind schon seit Jahrzehnten in unserem Besitz. Sie wurden von britischen Pionieren gefunden und nach London gebracht. Seit Jahren stritten sich die Gelehrten um König Ranwar, den Ersten. Es hat ihn angeblich niemals als Herrscher über das frühere Ägypten gegeben. Nun kam Potter daher, der schon seit vielen Jahren von der Idee besessen war, seine Mumie zu finden und machte plötzlich in Theben diese Entdeckung. Er fand in einer versteckten Pyramide seinen einbalsamierten Leichnam, eingebettet in einen goldenen Sarkophag, mitsamt einer Steintafel, die seine These unterstützte. Fragen Sie mich nicht, wie er die Pyramide gefunden hat, Gentlemen, denn er verriet es nie und kann es nun leider auch nicht mehr.“
      „Da gibt es aber noch mehr“, mutmaßte Sherlock und sah zu dem an der Wand stehenden Totenschrein, von dem er vermutete, dass es dieser besagte Sarkophag war, denn dieser war als einziger vergoldet. Außerdem war großzügig Polizei-Absperrband darumgezogen.
      Professor Brown tupfte sich mit seinem Taschentuch die Stirn trocken.
      „Skandalös, das Ganze! Fast zeitgleich mit ihm traf ein wohlhabender Geschäftsmann aus Kairo, der es sich zum Hobby gemacht hat, alten Schätzen nachzujagen, mit ihm in der Pyramide ein. Ich sage Ihnen doch, da ging es nicht mit rechten Dingen zu. Und das Ende vom Lied war, dass Potter zuerst einen Fuß in die Grabkammer gesetzt hatte und die ägyptische Regierung ihm Rückendeckung gab.“
      „Den Grund kann ich mir schon denken“, winkte Sherlock ab.
      „Ach ja?“, fragte John erstaunt.
      „Das liegt doch auf der Hand“, meinte Sherlock und seine blauen Augen sahen nacheinander die illustre Männerrunde an.
      „Also für mich nicht“, gab Lestrade zu.
      Auch John und der junge Polizist sahen Sherlock forschend an. Dieser blickte mit einem Kopfschütteln zu einer Steinstatue.
      „Das ist doch langweilig. Sogar Professor Brown weiß es.“
      Aller Augen richteten sich auf den schwitzenden Mann.
      „Ähm…ich weiß es aber nur, weil es mir gesagt wurde…“, gluckste er in sein Taschentuch.
      Sherlock atmete tief durch.
      „Dann will ich mal Ihrem Verstand auf die Sprünge helfen. Dieser reiche Geschäftsmann hätte sicher Unsummen für den Fund verlangt. Ihm gehörte diese Entdeckung wohlweislich nicht, dennoch konnte er ein nettes Sümmchen erwarten. Potter hingegen wollte nur die Mumie mit all ihren Beigaben in London eine gewisse Zeit ausstellen, mehr nicht. Das hatte ich in einem Interview vor ein paar Wochen, das die Sun führte, überflogen.“
      Er ließ seine Worte auf alle wirken.
      „Genauso ist es“ stimmte ihm Professor Brown heftig nickend zu.
      „Und schon wieder haben Sie uns erleuchtet“, sagte Lestrade und verzog den Mund.
      „Sicher wird es nicht das letzte Mal sein, fürchte ich", flüsterte Sherlock.
      Er drehte sich einfach um und ging zu der Absperrung, die um den Sarg herumführte.
      „Na das ist mal was ganz Neues“, rief er aus, während die anderen ihm nun gefolgt waren.
      John blickte in den offenen Sarkophag und seine Augen weiteten sich.
      „Das darf doch nicht wahr sein!“
      Sein Ausruf hallte durch die gesamte Abteilung. Eingebettet in meterlangem Mull, der um den gesamten Körper gewunden war, lag Dr. Wayland Potter. Sein Gesicht war weniger ordentlich verhüllt, Sherlock erkannte sein Gesicht aus der Zeitung. Potters Augen blickten leer und glasig geradeaus, sein Mund war schmerzverzerrt, an seinem Hals lugten dunkle Male hervor.
      „Erwürgt“, stellte Sherlock sachlich fest und bemerkte, dass der Gerichtsmediziner die Leiche bereits, wie Lestrade es ihm mitgeteilt hatte, eingehend untersucht hatte.
      Dafür sprachen die verschobenen Verbände am Hals und an der Lunge.
      „Anhand der Temperatur, die gemessen wurde, ist er also seit mindestens zwölf Stunden tot. Also wurde er gestern Nacht umgebracht. So wie es aussieht, erst erwürgt, dann in den Mull gewickelt. John! Wollen Sie einen Blick auf ihn werfen?“
      John atmete tief durch und besah sich den Leichnam. Nach einer Minute blickte er Sherlock an und nickte.
      „Ich kann auch nichts anderes erkennen“, meinte er und trat einen Schritt zurück.„Aber wo ist die Mumie?“
      Jetzt erst fiel John auf, dass Potter an der Stelle der Mumie im Sarg lag.
      „Verschwunden, genauso wie die Steintafel!“
      Professor Browns Stimme glich einem Jammern.
      „Grotesk. Wie ist das möglich?, fragte Sherlock. „Haben Sie das Museum durchsucht?“
      „Noch nicht alle Flügel, es ist einfach zu groß“, antwortete Lestrade und machte eine ausholende Handbewegung.
      "Gibt es Kameras?"
      Lestrade tauschte einen kurzen Blick mit Professor Brown.
      "Die Kameras haben gestern Nach eine Stunde nicht aufgezeichnet, diese fehlt."
      Sherlock nickte und zog eine Lupe aus der Manteltasche und inspizierte Millimeter für Millimeter den leblosen Körper.
      Er war ganz in seinem Element. Oh, dieser Fall war jetzt schon spannend!
      „Skandalös, das Ganze!“, wimmerte Professor Brown wieder.

      "Interessant."
      Mit einem Ruck und darauf folgenden süffisanten Lächeln richtete sich Sherlock wieder auf, ließ seine Lupe in die Tasche zurückgleiten und sah Lestrade fest in die Augen.
      „Ich will alles wissen. Geben Sie mir alle Informationen, die Sie haben. Über Potter, diesen mysteriösen Geschäftsmann aus Kairo, alle Angestellten oder sonstige Leute, die Zutritt zum Museum haben, wer die Leiche gefunden hat. Einfach alles!“
      John trat an seine Seite. Mittlerweile fing er auch an, in seiner Winterjacke zu schwitzen.
      „Haben Sie eine Spur?“
      Sherlock zwinkerte John an.
      „Offenkundig. Das Spiel hat begonnen.“


      ***

      Dieser Beitrag wurde bereits 6 mal editiert, zuletzt von Lucy ()

    • Oh ja, das ist ne Geschichte nach meinem Geschmack. Wenn es so bleibt, dann werd ich hier viel Freude haben. Ich liebe Ägyptische Geschichte und die auch Mythologie.
      Komisch, als Sherlock zu John sagte, der Mord sei skuril, ahnte ich schon, wo die Leiche zu finden war! [IMG:http://i17.photobucket.com/albums/b94/MelindaWarren/GIF/Smilies/Hexen%20and%20Halloween/halloween-smiley6.gif] Total schräg, aber sehr spannend. Ich freu mich auf mehr! *thumps*
      *tea*
    • Yaaaaaay eine Sherlock-FF ! *heart*

      Mir gefällt deine Story bis hierher schon ausgesprochen gut!
      John und Sherlock sind sehr gut getroffen und ich bin schon ganz gespannt, wie sich der Fall entwickelt.
      Die Baker Street Boys sind ja mal wieder ganz in ihrem Element und Sherlock wird sicher seine Freunde an der Skurilität des Falles haben.
      Wizig, ich werde mir das British Museum demnächst angucken und dank dir bin ich jetzt ganz gespannt auf die agyptische Abteilung. ;)

      Also wie gesagt, Daumen hoch!
      Mich hast du als Leserin sicher.
      Kleine Anmerkung am Rande: Ich mag es total, wie du das verschneite, winterliche London beschreibst. Sehr atmosphärisch! *thumps*

      Wann gehts weiter? *cool*
      [IMG:http://www.fotos-hochladen.net/uploads/sherlock001ge8tbjr0ah.jpg]
      Ava & Sig by angelinchains. Vielen Dank! *umarm*

      TimeDrop just got sherlocked.
    • Wuuuhhhh! *freu* Dankeschön, Ihr Lieben! Ich freue mich, dass Ihr weiterhin an Board seid. Da lohnt es sich wirklich, weiterzuschreiben, wenn man Feedback bekommt. *spring*

      @Mercy: Freut mich sehr, dass Du es spannend findest.

      @Melinda: Dein Mumien-Smiley ist toll! *:D* *:D* Danke, ich mag auch die ägyptische Geschichte. Ist einfach wahnsinnig interessant.

      @TimeDrop: Eine neue Leserin! *:)* Ich dachte mir, das passt gut zur Jahreszeit...Winterchaos, verschneite Straßen... *;)* Das British Museum habe ich mal ein bisschen unter die Lupe genommen, das muss wirklich beeindruckend sein.
      Mal sehen, wie ich es mit dem neuen Kapitel bis zum Wochenende schaffe, bemühe mich aber.
    • 3. Kapitel: Nichts ist, wie es scheint

      „Wir nennen diesen Raum ‚Das Auge’“, lächelte Mr. Williams, der ältere Sicherheitsmitarbeiter des Museums, „weil ihm nichts entgeht und es alles sieht.“
      „Außer gestern Nacht, als das Auge mal kurz ein Nickerchen gehalten hat“, sagte Sherlock und schaute abwechselnd auf die vielen Bildschirme, die nahezu jeden Winkel des Bristish Museum einzufangen schienen.
      Das Lächeln auf Mr. Williams Lippen erstarb und er räusperte sich.
      „Wir wissen nicht, wie das geschehen konnte.“
      Sherlock schritt in dem Zimmer unablässig auf und ab.
      Sie hatten sich, nachdem der Tatort von Sherlock eingehend untersucht worden war, in die Kommandozentrale, wie Professor Brown den Beobachtungsposten der Sicherheitsleute nannte, begeben und befragten nun die beiden Mitarbeiter, die zur Zeit Schicht hatten. Der ältere, Mr. Williams, ein gutmütig aussehender Mann, der schon seit über zwanzig Jahren hier arbeitete, schien Sherlock nicht weiter verdächtig. Er vollführte keine unnützen Handbewegungen, schwitzte nicht und schien bei allen auftretenden Fragen ehrlich zu antworten. Er schien nichts mit der Sache zu tun zu haben. John saß auf einem abgewetzten Drehstuhl und wartete auf Sherlocks Show, die noch nicht richtig begonnen hatte. Er sah, dass dieser intensiv grübelte und immer wieder verstohlene Blicke auf Mr. Andrews warf, den anderen Angestellten, der nervös umherschaute, so als suche er etwas, was nicht da wäre. Sogar John kam dieses Verhalten eigenartig vor.
      Lestrade lehnte lässig an einem der Tische und überließ Sherlock das Reden; er hatte die beiden Männer schon ausgequetscht und wartete nun, ob Sherlock etwas Neues herausfand, das sie ihm nicht erzählen wollten.
      „Wer hatte gestern Nacht Dienst?“, fragte Sherlock Mr. Williams und blieb vor ihm stehen.
      „Wie ich schon sagte…“
      Weiter kam er nicht, denn ein Mann kam zur Tür herein. Der junge Polizist, der Sherlock und John zum Museum gefahren hatte, stand kurz hinter ihm, nickte Lestrade zu und ging dann mit den beiden Angestellten hinaus. Der Mann lächelte dem Professor zu und gab ihm die Hand.
      „Habe schon gehört, dass hier der Teufel los ist“, sagte er fröhlich und begrüßte die anderen Männer, die sich höflich vorstellten.
      „Ich bin Peter Blake, hatte gestern Nacht hier das Kommando. Bin so schnell wie möglich gekommen, naja, man hat mich abgeholt. Einer Ihrer Leute“, sagte Blake an Lestrade zugewandt. „Bin ich verdächtig oder soll ich helfen?“
      „Das wird sich noch herausstellen.“
      In Sherlocks Stimme klang unverhohlener Spott, während er bemerkte, dass Blake für einen Mann, der sicher kein hohes Gehalt als Nachtwächter bekam, sehr adrett gekleidet war. Unter seinem schweren, schwarzen Mantel lugte ein teurer Nadelstreifenanzug hervor und der türkise Pashmina-Schal aus Kaschmir war auch sehr kostbar. Blake besaß einen aufgeweckten Blick, der aus grauen Augen sicher umherschweifte und seine dunklen Haare, sauber geschnitten, verliehen ihm ein attraktives Aussehen. Blake mochte nicht älter als 35 sein, ging es Sherlock durch den Kopf.
      „Sie hatten also gestern Nacht eine Stunde, in der hier alles tot war?“, wollte Sherlock von ihm wissen. „Professor Brown hat uns eben davon berichtet. Sie müssen doch die ganze Nacht auf die Kameras blicken und sicher zwei- oder sogar dreimal ihre Runde machen. Oder?“
      „Dreimal, so will es die Vorschrift, Mr. Holmes“, informierte ihn Blake. „In dieser besagten Stunde, in der die Kameras ausfielen, wurden sämtliche Bildschirme schwarz. Ich versuchte die Sicherheitsfirma zu erreichen, doch die Telefone waren stumm. Daraufhin rief ich von meinem Handy aus Professor Brown und die Sicherheitsfirma an, die die Alarmanlage und die Kameras installiert hat und unterrichtete sie von den Vorkommnissen. Dies hat nicht länger als 15 Minuten gedauert. Nach ca. einer Dreiviertelstunde kam ein Mitarbeiter ins Museum und kümmerte sich um die Anlage und alles funktionierte wieder. Ich ging derweilen die Abteilungen ab, nur die Notbeleuchtung funktionierte zu der Zeit, und ich konnte nichts bemerken, was nicht Rechtens war. Alles schien in Ordnung zu sein.“
      Blake beendete seine Ausführungen und sah nacheinander die Männer an, die sich gegenseitig Blicke zuwarfen. Sherlock verzog ein wenig seinen Mund, so als wollte er lachen und am liebsten hätte er Blake applaudiert. Das Gesagte von ihm schien eingeübt zu sein, doch da war noch mehr. Wie dieser Mann redete, war mehr als ungewöhnlich. Gekünstelt oder hochgestochen war noch reichlich untertrieben.
      „Interessant“, sagte Sherlock in diesem Moment und legte seine Handflächen aufeinander. Dabei führte er die Spitzen der Zeigefinger fast bis zum Mund. „Seit wann arbeiten sie hier?“
      „Seit ungefähr drei Monaten“, antwortete Blake und zog sich den Mantel aus.
      „Er hat sehr gute Referenzen“, mischte sich Professor Brown ein und tupfte sich wiederholt mit dem Taschentuch über den Schnurrbart.
      „Das glaube ich gern“, lächelte Sherlock, „Sie kommen wir wie ein Mann vor, der es nicht nötig hat, als Nachtwächter zu arbeiten. Bitte vergeben Sie mir, falls ich falsch liege, aber Sie sehen aus, als wenn Sie nicht gerade arm wären.“
      „Da sollte ich mich wohl geschmeichelt fühlen“, lachte Blake und seine weißen Zähne kamen zum Vorschein. „Ich bin nicht gerade vermögend, doch mein Vater hat mir etwas Geld hinterlassen. Aber heute bin ich nur so akkurat angezogen, weil ich zu einem vorweihnachtlichen Essen eingeladen bin.“
      „Es stimmt, sonst läuft Mr. Blake in ganz normalen Anzügen herum, neben der Arbeitsuniform natürlich“, kam die Stimme von Professor Brown herübergeschwebt. Er gluckste, als er die Blicke der Männer auf sich spürte.
      „Das war’s, Gentleman“, rief Sherlock plötzlich und klatschte in die Hände, „falls wir noch Fragen haben, melden wir uns bei Ihnen. Bitte bleiben Sie in London, bis der Fall aufgeklärt ist. Mr. Watson, wollen Sie noch etwas wissen?“
      Sherlock drehte sich zu John um, der sofort verneinte. Nach der allgemeinen Verabschiedung ging Sherlock mit John und Lestrade die Treppe hinunter. Der Leichnam wurde zur Obduktion freigegeben, das Museum würde morgen wieder öffnen.
      „Halten Sie Blake für verdächtig?“, fragte Lestrade und sah Sherlock aufmerksam an.
      Dieser blieb stehen.
      „Er ist gut, wirklich gut. Ein sehr interessanter Charakter. Ach, und dieser Andrews ist mir auch nicht geheuer. Ich muss erst einmal nachdenken, alles sammeln und verarbeiten. Der Täter läuft uns nicht davon.“
      „Woher wollen Sie das wissen?“
      „Ich weiß es, weil ihm etwas fehlt.“
      „Und was?“, rief Lestrade Sherlock nach, doch dieser war schon mit John durch den Ausgang des Museums verschwunden.

      ***
      „Nun sagen Sie mir schon, was sie an der Leiche gefunden haben“, bat John, während die beiden sich ihre Schals fest um den Hals banden.
      Es hatte tatsächlich aufgehört zu schneien, dennoch war es bitterkalt. Die Wolkendecke hing schwer und grau vom Himmel, London war in ein Weiß getaucht, das die Stadt heller und leiser erschienen ließ. Alles war so friedlich und ruhig, dass man kaum glauben konnte, dass so viele Menschen hier lebten. Überall wurde kräftig Schnee geschaufelt und an den Straßenrand geschippt. Schneeräumfahrzeuge bahnten sich summend ihren Weg über das kalte und glatte Nass, um den Verkehr wieder auf die Sprünge zu helfen. Die Menge vor dem Museum hatte sich aufgelöst.
      „Na gut, John. Die Hände des Toten waren mit einem grauen Pulver bedeckt. Ich denke, dass er die besagte Steintafel, die er in dem Grab des Pharaos gefunden hatte, bis zuletzt in den Händen hielt.“
      „Und?“
      „In dem Interview, das ich gelesen habe, in dem Potter, der Tote, über den Fund berichtete, fiel mir etwas auf. Er hielt auf dem Foto, das die Zeitung von ihm machte, die Steintafel in der Hand.“
      John sah ihn verständnislos an. Sherlock atmete tief durch, eine große Dampfwolke befreite sich aus seinem Mund.
      „Die Tafel war in zwei Hälften gebrochen. Potter antwortete auf die Frage des Reporters, ob er Angst vor der Ausstellung hätte, weil es soviel Aufregung im Vorfeld gab, dass er sich versichern müsste.“
      John dachte nach, während die beiden langsam die große Treppe hinunterstiegen. Plötzlich dämmerte ihm, was Sherlock sagen wollte.
      „Der Mörder wollte die Tafel, aber er hat nur den einen Teil davon gefunden, den anderen hat Potter irgendwo versteckt.“
      Zufrieden lächelte Sherlock John an, während er sich die Handschuhe überzog.
      „Ich habe Potters Adresse von Lestrade. Die Polizei ist auch auf dem Weg zu seiner Wohnung. Wir sollten nachsehen, ob wir Hinweise finden.“
      „Und wenn der Mörder doch die beiden Hälften hat?“, gab John zu bedenken.
      „Das finden wir heraus, in dem wir ihm eine Falle stellen.“
      Sherlocks Verstand musste schon wieder auf Hochtouren arbeiten; er schien bereits Einiges geplant zu haben.
      Johns Handy summte. Er nahm es aus der Jackentasche und sah Stellas SMS: ‚Schade, dass es nicht klappt, aber die Arbeit geht vor. Ruf mich an, wenn du Zeit hast. Gruß, Stella.’
      „Alles in Ordnung?“, fragte Sherlock John, der seinen resignierten Gesichtsausdruck sah.
      „Ist von Stella, sie ist mir nicht böse.“
      „Warum sollte sie auch? Sie sind schließlich mit mir zusammen.“
      „Was soll das nun wieder heißen?“
      „Dass Sie sie nicht für eine andere Frau versetzt haben, John.“
      John schüttelte den Kopf.
      „Ich möchte nicht wissen, was sonst noch so in ihrem Gehirn vorgeht.“
      „Glauben Sie mir, das möchten Sie auch nicht.“
      „Was ist mit diesem Blake?“, hakte John nach, um das andere Thema fallen zu lassen.
      Sherlock pfiff nach einem Taxi, das neben ihnen anhielt.
      „Oh, auf den freue ich mich schon“, schmunzelte Sherlock, „der ist mit allen Wassern gewaschen.“
      Beide stiegen ein und Sherlock nannte dem Taxifahrer die Adresse von Potter.
      „Morgen ist Heiligabend“, teilte John Sherlock beiläufig mit. „Gutes Essen, ein wenig besinnliche Musik, Familie, Geschenke. Mrs. Hudson hat Molly eingeladen, wir werden uns also ein bisschen amüsieren.“
      Sherlock sah ihn sprachlos an, dann atmete er tief aus.
      „Und das sagen Sie mir jetzt erst?“
      Er war ungehalten, seine Lippen zu einem schmalen Strich zusammengezogen. „Wir haben einen Fall und keine Zeit für so was.“
      „Aber morgen nicht, Sherlock, morgen werden wir ein bisschen feiern.“
      „Ich habe nichts zu feiern“, widersprach er John und schaute aus dem kleinen Fenster des Taxis.
      „Molly freut sich darauf, also seien Sie ein bisschen nett.“
      „Ich werde es versuchen.“
      Schweigend fuhren die beiden zu der Wohnung des Toten und Sherlock ahnte, dass sie dort auf weitere Ungereimtheiten treffen würden.

      ***
    • Endlich konnte ich dein Kapitel in Ruhe lesen. Das war ja wieder klar, kaum wird es spannend, ist auch schon Schluss. *bäh*

      Aber gut, was haben wir denn bisher? Einen verdächtigen Mann im teuren Anzug? Hm, falsche Fährte, der ist es mit Sicherheit nicht. Oder doch? Vielleicht hat sich der Mörder mit dem grauen Staub der Steintafel bekleckert, und Sherlock läuft ihm zufällig über den Weg? *kratz*
      Ich spekuliere schon wieder, schlechte Angewohnheit von mir. Du machst das schon, ich freu mich auf mehr! *thumps*
      *tea*
    • Ein sehr spannendes neues Kapitel!
      Sherlock ist wieder so herrlich geheimnisvoll und lässt sich alles aus der Nase ziehen :D
      Armer John ^^.
      Der gut gekleidete Wächter ist mir allerdings auch suspekt...
      Bin schon gespannt, ob die zweite Hälfte der Steintafel in Potters Wohnung auftaucht, oder ob der clever genug war, sie anderswo zu verstecken.
      Interessanter Fall. Bin schon sehr gespannt, wie es weiter geht!
      Und natürlich bin ich auch gespannt auf Heiligabend. Wir wissen ja, wie das ausgeht, wenn Sherlock verspricht "nett" zu sein :D

      Ich freu' mich, wenn's weiter geht =)
      [IMG:http://www.fotos-hochladen.net/uploads/sherlock001ge8tbjr0ah.jpg]
      Ava & Sig by angelinchains. Vielen Dank! *umarm*

      TimeDrop just got sherlocked.
    • @TimeDrop: Danke schön! Ich freue mich, dass Du dran bleibst und hoffe sehr, dass Du es auch weiterhin so spannend findest *spring*

      Und weiter geht's...

      4. Kapitel: Oh, du fröhliche…

      Die viktorianische Villa, die Dr. Wayland Potter gemietet hatte, strahlte eine Mystik aus, wie es nur die Architektur des zeitgenössischen Englands konnte. Um 1900 erbaut und vor kurzem mit einem neuen Anstrich versehen, thronte sie vom Schnee eingesäumt vor Sherlock und John. Klassische Ornamente in Form von verschlungenen Blütenblättern zierten die hellgrünen Außenwände. Die überdachte Eingangsveranda lud in den lauen Sommerabenden zum Verweilen ein und der Rasen lag unter einer dicken Schneeschicht verborgen. Vor dem Haus stand bereits ein Polizeiwagen und die Haustür war nur angelehnt, als die beiden eintraten.
      „Sind Sie Holmes?“, fragte ein kleiner Polizist, der offenbar Wache stand, während er von Sherlock zu John sah.
      Sherlock zog seinen Ausweis aus der Manteltasche und hielt ihm dem Mann unter die Nase.
      „Lestrade hat gemeint, dass Sie kommen, um Untersuchungen anzustellen. Wir haben bereits alles gründlich durchgekämmt und fotografiert. Gehen Sie einfach nach oben. Dort liegt das Arbeitszimmer, falls Sie dort anfangen wollen.“
      „Danke“, sagte John und der Polizist deutete auf den ersten Stock.
      „Irgendetwas Interessantes gefunden?“, erkundigte sich Sherlock mit gehobenen Augenbrauen, bevor er zur Treppe schritt.
      „Nichts Besonderes, außer Fingerabdrücke, die gleich im Labor untersucht werden“, winkte der Polizist ab.
      „Vielleicht eine halbe Steintafel?“, hakte Sherlock nach.
      Der Polizist schüttelte den Kopf.
      „Nein. Eine halbe sagen Sie? Ist die wichtig?“
      „Das weiß ich noch nicht, wir werden sehen.“
      Sherlock nickte ihm kurz zu und ging zwei Stufen auf einmal nehmend die Treppe hinauf. John folgte ihm.
      „Wie haben Sie das vorhin im Taxi gemeint, dass Blake nicht der ist, der er zu sein scheint?“, wollte John plötzlich wissen.
      Sherlock blieb am Treppenabsatz stehen. Die Tapeten an den Wänden strahlten mit ihren floralen Mustern Behaglichkeit aus und der schwarz-weiße Marmorboden zeugte von teurer Eleganz. Die mahagonibraunen Möbel in der Eingangshalle und auf dem Flur unterstrichen die Atmosphäre des gehobenen Baustils.
      „Haben Sie schon einmal einen Mitarbeiter im Wachschutz gesehen, der so einen edlen Zwirn trägt?“
      Sherlock ließ seinen Worten ein Schnauben folgen und ging weiter, ohne Johns Antwort abzuwarten. Er suchte Potters Arbeitszimmer und fand es sogleich hinter der nächsten Tür.
      Zwei weitere Polizisten begrüßten die beiden Ermittler, übergaben ihnen Handschuhe mit dem Hinweis, sie unbedingt anzuziehen und verließen den Raum.
      Sherlock verdrehte die Augen.
      „Als wenn ich ein Amateur wäre…“, flüsterte er und blickte sich in dem chaotischen Zimmer um.
      „Oh mein Gott!“, entfuhr es John, als er das Durcheinander in sich aufnahm. Waren alle Genies so gepolt? Brauchten sie diese Unordnung, um besser zu denken und neue Einfälle zu bekommen? John stellte sich Sherlocks Wohnzimmer vor und entschied im Stillen, dass dieses nicht mit diesem Wirrwarr hier zu vergleichen war.
      „Was meinen Sie nun wieder damit?“, wollte Sherlock wissen. „Meinen Sie, die vielen Dinge, die Potter besessen hat? Und die überaus interessant zu nennen sind.“
      „Ist schon in Ordnung. Das Genie beherrscht das Chaos, ich weiß.“
      Moderige Luft schlug John entgegen. Der Raum war überladen mit altertümlichen Schriftrollen, Tintenfässern und Federkielen, Masken aus Holz, schweren Büchern, die die ägyptische Geschichte beinhalteten und schmutzigem Geschirr, auf dem noch Essensreste lagen. Offenbar hatte Potter ununterbrochen gearbeitet und sich nicht um etwas Gemütlich- und Sauberkeit geschert. Ein weitläufiger aus grauem Stein gehauener Kamin ließ vermuten, dass er öfter ein Feuerchen darin entfacht hatte, weil etwas angesengtes Papier und kleine Holzscheite darin lagen. Ein schwerer Lüster aus 18 weit geschwungenen Armen beherrschte den Raum, verziert mit Blattgold, in einem matten Champagnerton. Weinrote Vorhänge ergossen sich am Fenster bodentief und gaben dem Raum wenigstens neben dem Kamin einen heimeligen Touch.
      Sherlock streifte sich die Latexhandschuhe mit einem Schnipsen über die Hände, bevor er zur Tat schritt und anfing, die Sachen des Toten zu durchforsten.
      „Und wonach suchen wir?“, fragte John, der bereits die Handschuhe trug.
      „Nach allem, was Ihnen verdächtig vorkommt“, antwortete Sherlock leichthin und seine blauen Augen fixierten ihn kurz, so als wolle er sagen, dass er sich Mühe geben sollte.
      „Na dann“, murmelte John, atmete tief durch und schaute sich auf einem niedrigen Tisch ein paar Pergamente an.
      „Er hat alles noch wie früher mit Federn auf Papier geschrieben“, bemerkte er nach dem Durchsehen der Schriftstücke.
      „Doktoren und Professoren leben in ihrer eigenen Welt und speziell Ägyptologen würden sicher eine Menge opfern, um in der Zeit zurückzureisen, um Tutanchamun mit eigenen Augen zu sehen. Sehr entfremdet lebende Personen sind das“, sagte Sherlock und lächelte dabei eine Spur selbstgefällig.
      John hätte zu gern gewusst, was ihm gerade wirklich durch den Kopf ging. Verglich er sich und seine geheimen Sehnsüchte? Sherlock war zwar sein Mitbewohner, der einen einzigartigen und genialen Geist sein Eigen nennen konnte, doch John ahnte nicht im Entferntesten, was sich darunter tatsächlich verbarg. Ständig unterdrückte Sherlock seine wahren Gefühle, wenn er denn welche hatte und John wurde nie schlau aus ihm.
      „Die Steintafel hat man also nicht gefunden. Sie sagten, dass sie in zwei Hälften gebrochen war“, nahm John wieder den Gesprächsfaden auf.
      „Vielleicht hat der Mörder bereits einen Teil, was ich wegen dem Staub auf Potters Händen vermute, und sucht schon die zweite Hälfte. Durch dieses Chaos hier kann man nicht wissen, ob er bereits hier war und alles durchsucht hat.“
      Sherlock ging systematisch den Raum ab und hielt dann plötzlich inne.
      „Was ist los?“
      „Ich dachte, ich hätte etwas gesehen…“, begann Sherlock zögernd, lief dann zum Kamin und bückte sich.
      „Interessant.“
      „Nun rücken Sie doch schon mit der Sprache heraus“, drängte ihn John mit sanfter Stimme. Er stand auf und trat neben ihn. Sherlock richtete sich auf und hatte etwas Glänzendes in der Hand.
      „Ein Schlüssel!“, entfuhr es John.
      „Ein ganz gerissener Kerl, dieser Potter“, lächelte Sherlock anerkennend. „Er wusste genau, dass man hier nicht suchen würde.“
      „Aber Sie haben doch dort gesucht“, widersprach ihm John.
      „Ich bin auch nicht wie die anderen.“
      „Das kann man wohl sagen.“
      John hatte leise gesprochen, dennoch war er sich sicher, dass Sherlock seine Worte verstanden hatte. Gerade wollte er sie abmildern, als dieser auch schon weiter sprach. Er schien ihm nicht böse zu sein oder war gar solche Aussagen gewohnt.
      „Ich wüsste zu gern, wozu der passt.“
      Er bewegte sich durch den Raum, öffnete die Schubladen des Schreibtisches und dann die des Schrankes, um dann endgültig aus Johns Blickfeld zu verschwinden.
      „Suchen Sie mit? Ich denke, der Schlüssel passt zu einer Schatulle“, hörte er Sherlocks Stimme vom Flur aus.
      John atmete tief durch und nahm sich dann das Erdgeschoss der Villa vor.

      ***

      Heiligabend

      Sherlock sah nachdenklich auf die Baker Street. Nachdem in der Nacht der besagte Schneesturm ausgeblieben war, hatten die Schneeräumfahrzeuge die meisten Straßen vom Schnee befreien können. Was aber nicht hieß, dass eine dünne Eisschicht zu einem unsichtigeren Fahrstil aufrief. Autos tuckerten stockend vorbei, die sicher Menschen zu ihren Familien und Freunden brachten. John bereitete mit Mrs. Hudson, der Vermieterin und guten Seele des Hauses, selbstgebackenen Kuchen und ein paar Salate für den Abend vor. Der Wohnraum war mit Mistelzweigen, die über dem Kamin drapiert waren, geschmückt. Ein paar rote Kerzen standen verteilt auf den Tischen und der Anrichte und ein kleiner unechter Baum, ganz und gar mit roten Kugeln geschmückt, stand mit einer bunten Lichterkette in der Ecke. Frank Sinatra sang leise Jingle Bells im Radio. Sherlock hatte sich einen fliederfarbenen Anzug mit einem weißen Hemd ausgesucht. Wenn er schon so tat, als wenn ihm dieser Tag nahe ging, dann wollte er dies auch mit seinem Aussehen unterstreichen. Lächerlich, dieses Fest! Und wie kam John eigentlich auf die Idee, Molly einzuladen?
      Fieberhaft hatte Sherlock den vergangenen Abend überlegt, wozu der kleine Messingschlüssel, den er in Potters Kamin gefunden hatte, passen könnte. Er und John hatten die gesamte Villa abgeklappert und sogar den staubigen Dachboden und den Keller nicht ausgelassen. Nichts! Absolut nichts! Keine Schatulle, keine Schublade und auch kein kleiner Schrank konnte damit geöffnet werden. Sherlock hatte Lestrade über den Fund informiert. Dieser wollte heute bei ihm kurz vorbeischauen und die weiteren Schritte besprechen. Potter hatte schließlich ein Büro im Museum, doch dort vermutete Sherlock am Wenigsten etwas Wertvolles, denn der Mörder hätte, was immer es auch war, es bereits an sich genommen. Oder er war bereits in die Villa eingebrochen und hatte das wertvolle Gut schon in seinem Besitz. Potter war kein Dummkopf und er hatte wohl geahnt, dass sein Leben in Gefahr schwebte. Er musste es irgendwo versteckt halten, um vielleicht sogar seinen Mörder zu entlarven. Sherlock vermutete, dass es um die Steintafel ging. Doch was machte diese so interessant?
      Er sog scharf die Luft ein und sah plötzlich eine junge Frau über die Straße eilen. Es war Molly Hooper, eine Gerichtsmedizinerin, die er mehr als einmal um einen Gefallen gebeten hatte. Er kannte sie schon länger und war sich nicht sicher, was er von ihren errötenden Wangen und dem Stottern halten sollte, das sie stets überkam, wenn sie mit ihm sprach. Und dass heute auch noch Weihnachten war und er nicht an dem Fall weiterarbeiten konnte, weil sich alle, die er kannte, zu einem gemütlichen Essen mit Umtrunk entschlossen hatten, machte die Sache nicht gerade einfacher. Er wollte am liebsten zum Museum fahren, doch dieses war geschlossen. Lestrade würde sicher keine große Hilfe sein, auch wenn er nachher auftauchen sollte.
      Sherlock und John hatten außer dem geheimnisvollen Schlüssel noch Unterlagen in Potters Villa gefunden, die von der Ägyptischen Regierung unterzeichnet worden waren und die Überschiffung der Mumie nach England belegten. Auf einem aufgesetzten Vertrag, der wie die anderen Schriftstücke eine Kopie war – das Original besaß sicher die britische Regierung -, war vermerkt, dass die Mumie nach exakt acht Wochen nach Kairo zurückgebracht werden sollte. An sich hatte Sherlock nichts Ungewöhnliches entdeckt. Was er aber unbedingt von Lestrade brauchte, waren mehr Informationen über Blake, dem augenscheinlich reichen Wachschutzmitarbeiter und außerdem musste er mehr über diesen Geschäftsmann aus Kairo wissen, der den Mumienfund unbedingt als den Seinen ausgeben wollte und kläglich gescheitert war.
      Molly hüpfte über einen Schneehaufen, verlor die Balance und blieb kurzzeitig mit dem Bein darin stecken. Während sie sich mit einem Ruck befreite, blickte sie jäh zu Sherlocks Fenster herauf. Ihre Augen verharrten einen Moment auf Sherlocks Gesicht, dann lächelte sie und winkte. Er verzog seine Miene zu einem spöttischen Grinsen und trat vom Fenster weg. Warum konnte er gerade jetzt nicht allein sein und seinen Gedanken nachhängen?

      ***

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Lucy ()

    • Das war ein klasse Kapitel. *thumps* Ich liebe die Art, wie du die Szenerie beschreibst. Du schilderst alles so plastisch und farbenfroh, dass man den Eindruck hat, alles mit eigenen Augen zu sehen.
      Ich konnte mir Potters Zimmer ganz genau vorstellen! *:)*
      Typisch Sherlock, natürlich findet er einen Schlüssel im Kamin. Wer sonst würde da wohl nachschauen? Und in welches Schloss passt der er? Nun, Sherlock ist hartnäckig, er findet des Rätsels Lösung bestimmt. [IMG:http://i17.photobucket.com/albums/b94/MelindaWarren/GIF/Smilies/smilie_be_147.gif]

      Überhaupt Sherlock, wohin mit seiner ganzen Genialität an Heiligabend? Ich höre ihn förmlich denken, als er Molly vom Fenster aus beobachtet. Die Begeisterung über einen gemütlichen Abend schlägt Wellen! Fast kann er einem leid tun. *;)*

      „Ich bin auch nicht wie die anderen.“

      So ist es, und es ist auch gut so! *ja*
      *tea*
    • Meine allerliebste Lucy :love: sicher wunderst du dich, was ich in deinem FF-Thread zu suchen habe? *lol1* *nein* Ich dachte, ich statte dir mal einen Besuch ab und habe einfach mal angefangen, deine Sherlockgeschichte zu lesen. Weißt du was? Sie gefällt mir, sie gefällt mir so gar sehr gut! Du hast einen tollen Schreibstil, einerseits witzig, andererseits hatte ich die zwei genau und sehr bildlich vor meinem geistigen Auge und musste schmunzeln, wie gut du sie dargestellt hast! Das trifft es auf den Punkt, Sherlocks analytische Genauigkeit, selbst bei so alltäglichen Dingen wie Frühstücken. Und der arme Watson muss sich doch echt an den Rand des Wahnsinns gebracht fühlen, wenn Sherlock sich überall einmischt und ihn noch nicht mal in bezug auf's Zwischenmenschliche in Ruhe lassen kann.
      Ich werde mir die weiteren, schon vorhandenen Kapitel so nach und nach schnappen und sie auch lesen, denn ich will jetzt auch wissen, was da im Museum geschehen ist? Jawoll! *umarm* liebe Grüße von der Samm

      *and sometimes I feel that I should go and play with the thunder*
    • @Melinda: Ich freue mich jedes Mal über einen Kommi von Dir. *umarm* Du machst mich ganz verlegen. *blush* Es ist manchmal schwer, die Balance zu finden und die Figuren so agieren zu lassen, wie sie in der Serie dargestellt werden. Aber wenn das Ergebnis für die Leser zufriedenstellend ist und man sich auch die Situation und die Umgebungsbeschreibungen vorstellen kann, bin ich sehr beruhigt. Es macht mir große Freude, diese FF zu schreiben und ich hoffe sehr, dieses Tempo halten zu können.

      @Samm: Ich freue mich auch über Deinen Besuch *;)* , gar keine Frage. *spring* Super, dass es Dir gefällt und Du meinen Schreibstil magst. So viel Lob! Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Wenn Sherlock keinen Fall hat, sucht er sich eben eine andere Beschäftigung und die heißt dann Watson, wenn nicht gerade jemand anderes daran glauben muss. *lach1* Ich freue mich, dass Du dran bleiben willst. *rose*

      Das neue Kapitel kommt spätestens am Wochenende. Danke nochmals Euch beiden! *kiss1*
    • Allen Lesern ganz viel Spass! *;)*

      5. Kapitel: Versuchungen

      Das Feuer im Kamin prasselte laut vor sich hin; die Flammen züngelten in sanften Rottönen immer wieder hoch und schienen miteinander zu tanzen. Es hatte wieder angefangen, ganz leicht zu schneien und langsam wurde es dunkel.
      John unterhielt sich angeregt mit Molly, die ein dunkelblaues Kleid trug, das ihre ebenfalls blauen Augen betonte, während sie bedächtig an ihrem Rotweinglas nippte. Ihre Stiefel hatte sie vorhin gegen schwarze Pumps ausgetauscht. Die heutige Feier, zu der sie überraschend von John eingeladen worden war, hatte sie veranlasst, sich tatsächlich diese – für sie – sündhaft teuren Schuhe zu kaufen. Sie trug ihre braunen Haare als Zopf, was ihr noch mehr Jugendlichkeit verlieh. Mit ihren fast dreißig Jahren waren ihr einziger Umgang genervte Polizisten und Leichen. Schon lange hatte sie ihr tristes Dasein einfach so hingenommen; sie schien zu glauben, dass ihr Leben keine besonderen Überraschungen mehr bereithielt. Aber dann war eines Tages dieser Detektiv bei ihr aufgetaucht, der hin und wieder für die Polizei oder bei der Aufklärung von verschwundenen Personen für andere Leute arbeitete. Sie hatte ihm mehr als einmal einen Gefallen getan und nie etwas dafür verlangt. Schon als sie ihn das erste Mal in Aktion gesehen hatte, war es um sie geschehen. Wie er die Leichen anstarrte, seine Schlussfolgerungen zog, sich einen Reim darauf machte, was passiert sein könnte… Seine energiegeladene und überhebliche Art hatte sie verzaubert und gleichzeitig erschreckt. So ein Mann wusste sicher nichts mit einer unbedeutenden Gerichtsmedizinerin anzufangen. Auch wenn Molly ihn noch so intensiv musterte; sie schien ihm völlig egal zu sein. Nervös lachte sie nach einem Scherz von John auf und blickte immer wieder verstohlen zu Sherlock hinüber, der sich angeregt mit Inspector Lestrade stehend vor dem Kamin unterhielt.

      „Erzählen Sie mir etwas über diesen Geschäftsmann aus Kairo, der den Mumienfund für sich beanspruchen wollte“, forderte Sherlock den Inspector gerade auf.
      „Wissen Sie eigentlich, dass Weihnachten ist?“, fragte Lestrade ein wenig genervt.
      Er blickte Sherlock mit müden Augen an, so, als hätte er sich die halbe Nacht um die Ohren geschlagen. Sherlock entging dies nicht – er hatte ihn bereits durchschaut. Auch Lestrade wollte den Fall so schnell wie möglich aufklären. Ihm saßen seine Vorgesetzten im Nacken, und außerdem war ein hochrangiger Wissenschaftler umgebracht worden, da hatte man kaum Zeit, an Schlaf zu denken.
      „Ach, hören Sie doch auf“, winkte Sherlock lässig ab. „Sie sehen furchtbar aus! Was haben Sie herausgefunden?“
      Lestrade entspannte sich und musste lächeln.
      „Ich möchte den Tag erleben, an dem Ihnen etwas entgeht! Sein Name ist Marik Fathi, ein Mann in den besten Jahren…“
      „Definieren Sie das bitte“, fiel ihm Sherlock ins Wort und hob eine Augenbraue.
      Lestrade ließ sich nicht aus der Ruhe bringen und schüttelte grinsend den Kopf.
      „Um die 40, steinreich, hat eine weiße Weste und wird nun, aufgrund der Ermordung von Dr. Potter, gesucht, um befragt zu werden. Bis jetzt ist er in Kairo unauffindbar.“

      Mrs. Hudson fing an mit Molly den Tisch zu decken. Die Vermieterin, eine ältere, gepflegte und äußerst liebenswürdige Frau, schien zu wissen, wie man Sherlock behandeln musste. Sie hatte ihn offensichtlich gern, da sie zu spüren schien, wie er tickte. Und dies schien auf Gegenseitigkeit zu beruhen, auch wenn Sherlock dies nur immer kurzzeitig durchblicken ließ. Sie hatte sich ein weinrotes Kleid angezogen, das sie schon lange nicht mehr getragen hatte. Auch sie fand es schön, dass sich ein paar Gäste in ihrem Haus aufhielten, und die beiden Männer konnten etwas Abwechslung mehr als vertragen.
      „Das Eigenartige ist, dass Fathi auf allen Fotos immer anders aussieht. Mal hat er einen Bart, dann wieder lange Haare. Er lässt sich offenbar nicht gern fotografieren, denn die Bilder, die uns die Ägyptische Regierung geschickt hat, stammen von Überwachungskameras oder sind Schnappschüsse. Irgendetwas ist da faul. Nur, was sollen die machen, wenn er sich nichts hat zu Schulden kommen lassen?“
      Lestrade seufzte.
      „Ich möchte die Fotos unbedingt sehen!“
      Das war keine Bitte, sondern eine Aufforderung, sofort zum Polizeirevier aufzubrechen. Sherlock hatte manchmal eine Art an sich!
      „Sie alter Spielverderber!“, rief Mrs. Hudson aus. „Wir haben die Kaffeetafel gedeckt und ganz leckeren Kuchen da. Oh, und Scones stehen auch bereit! Also setzen wir uns und genießen den Tag. Schließlich ist nur einmal im Jahr…“
      „Weihnachten!“, beendete Sherlock den Satz missmutig und musterte Molly einen kurzen Augenblick, bevor sich alle an den festlich gedeckten Tisch setzten.
      Es gab Apfelkuchen, Scones, die sich jeder selbst mit Konfitüre oder Honig bestreichen konnte, Sahnetee oder wahlweise frisch gebrühten Kaffee. Rote Kerzen warfen flackernde Lichter auf das Porzellangeschirr und ein paar Tannenzweige lagen zwischen den Tellern. Ihr Duft schien den ganzen behaglichen Raum einzunehmen.
      „Wenn Sie nicht heute wenigstens in Stimmung kommen, dann weiß ich auch nicht“, schüttelte Mrs. Hudson den Kopf, sah zu Sherlock, der ihr schräg gegenüber saß und nippte an ihrer heißen Kaffeetasse ganz vorsichtig.
      Sherlock wollte eine spitze Bemerkung loslassen, überlegte es sich dann aber und wandte sich stattdessen Lestrade zu, der neben ihm saß.
      „Was ist mit diesem Wachmann, diesem Blake?“
      John, der nochmals mit Stella telefoniert hatte, war ein wenig geknickt, dass er sie neulich hatte versetzen müssen und sie heute nicht gekommen war. Stella war zu ihren Eltern gefahren und würde erst nach Weihnachten nach London zurückkehren. Er musste also noch ein wenig auf seine Verabredung warten, was ihm die Vorfreue dennoch nicht trübte. Er hatte sich heute seinen besten Pollunder angezogen, türkis mit einem Karomuster, und achtete genau darauf, keine Flecken auf ihm zu fabrizieren. Sonst fing Sherlock womöglich wieder an, ihn zu analysieren.
      Nachdem er auch Molly eine Tasse Sahnetee eingeschenkt hatte, begab er sich den irdischen Genüssen von Mrs. Hudsons Backkunst hin und lobte sie mehrmals, wofür sie sich gerührt bedankte. Sein Blick fiel auf Molly, die bisher kaum etwas gegessen hatte und geistesabwesend mit einem silbernen Löffel in ihrer Tasse rührte. Sherlock musste wahrlich Tomaten auf den Augen haben, wenn er nicht bemerkte, was sie für ihn empfand. Wahrscheinlich kam es ihm noch lästig vor und er wusste partout nichts mit ihren Blicken und Gesten anzufangen – oder er wollte es einfach nicht. Dabei konnte man Sherlock keinen Vorwurf machen: Er war so undurchschaubar, dass man nicht wissen konnte, wie er wirklich fühlte. Und vielleicht hatte er doch mehr Empfindungen als er eigentlich zugeben wollte. Ein Buch mit sieben Siegeln eben. Eine unerwiderte Liebe war schon etwas Qualvolles! John seufzte laut.
      „John? Alles in Ordnung?“
      Langsam drang Mrs. Hudsons Stimme zu ihm durch.
      „Aber ja“, sagte er schnell und lächelte.
      „Was halten Sie davon?“, fragte Sherlock ihn plötzlich.
      „Wovon?“ John stutzte. Er war mit seinen Gedanken ganz woanders gewesen.
      Sherlock atmete schwer auf.
      „Blake, dieser geschniegelte Wachmann, ist erst vor drei Monaten nach London gezogen.“
      Verständnislos sah John ihn an.
      „Kommt Ihnen das nicht merkwürdig vor?“
      John schüttelte den Kopf.
      „Er ist halt umgezogen, viele Leute tun das.“
      „Unsinn!“ Sherlock sprang auf und schritt neben dem Tisch in langen Schritten auf und ab. „Da passt etwas zusammen, was ich so noch nicht sehe. Er ist genauso ein Unschuldslamm wie Fathi. Die beiden verbindet etwas!“
      Er hob seine Hände, legte sie aufeinander und führte die Fingerspitzen an seinen Mund. Eine vertraute Geste, die zeigte, dass er scharf am Nachdenken war.
      „Fathi ist dann wohl dieser Geschäftsmann“, schlussfolgerte John, der das Gespräch zwischen Sherlock und Lestrade nicht mitbekommen hatte.
      „Genau“, bestätigte Lestrade, bestrich sich einen Scone mit etwas Himbeermarmelade und biss genüsslich hinein.
      „Die Zusammenhänge erschließen sich mir noch nicht“, gab Sherlock unumwunden zu.
      Er holte aus seiner Hosentasche den Schlüssel, den er in Potters Kamin gefunden hatte und legte ihn neben Lestrades Teller hin. Dieser nahm ihn in die Hand und besah ihn sich.
      „Und Sie haben absolut nichts in Potters Haus gefunden, wozu er hätte passen können?“
      „Nein“, antwortete John. „Wir haben absolut alles abgesucht…außer…es gibt dort Geheimtüren…“
      John sah Sherlock an. Dieser lachte laut auf, sodass Mrs. Hudson zusammenfuhr.
      „Natürlich! John, Sie sind gut, wirklich gut! In diesen alten Villen muss es doch so etwas geben!“, rief er enthusiastisch und war wieder ganz in seinem Element.
      „Wir müssen dorthin!“ Er setzte sich auf die äußerste Stelle seines Stuhles und fixierte Lestrade.
      „Heute nicht mehr, Sherlock. Der Schlüssel liegt auf dem Revier. Das kann auch noch zwei Tage warten.“
      Sherlock schnappte nach Luft.
      „Und wenn der Mörder schneller ist? Molly, haben Sie Potters Leiche untersucht?“
      Er blickte sie abwartend von der Seite an.
      „Leichen!“, zeterte Mrs. Hudson und verschluckte sich beinahe an ihrem Kaffee. „Können wir nicht heute einmal dieses Thema ruhen lassen?“
      Sherlock beachtete sie nicht; sein Jagdinstinkt war geweckt. Er schaute Molly immer noch an, diesmal ungeduldiger, rutschte auf seinem Stuhl herum.
      Sherlock hatte doch tatsächlich das Wort an sie gerichtet! Und wieder einmal ging es nur um Leichen! Molly schluckte mit Mühe ein Stück Kuchen herunter.
      „Ja, ich habe ihn gestern untersucht und alles bestätigen können, was in der ersten Analyse vom Gutachter der Polizei bemerkt worden war. Den Bericht hat Inspector Lestrade bereits auf dem Tisch. Das graue Pulver auf seinen Händen stammt von einem sehr alten Stein, dazu müssen aber noch andere Prüfungen durchgeführt werden, um das genaue Alter zu bestimmen.“
      Molly freute sich insgeheim, dass sie Sherlock helfen konnte, auch wenn es wieder um wichtige Ermittlungen ging und nicht um sie. Wie er sie angesehen hatte!
      „Wann fahren wir zu Potters Haus?“, drängte Sherlock Lestrade, der sich eine zweite Tasse dampfenden Kaffee eingoss.
      „Also gut, also gut. Wir fahren nachher hin, damit Sie Ruhe geben!“
      Triumphierend nahm sich nun auch Sherlock ein Stück Kuchen.
      „Wunderbar, Mrs. Hudson! Ein Traum!“, nuschelte er zwischen zwei Bissen.
      Mrs. Hudson lächelte ihm zu und wusste genau, dass es nicht ihre Backkünste waren, die Sherlock milde gestimmt hatten, sondern die Aussicht, seinem liebsten Hobby nachzugehen. Ihr war es auch herzlich egal, solange nur ein bisschen Festtagsstimmung herrschte.
      „So, und dann, meine Lieben“, ließ sie sich vernehmen, „lasst uns nachher die Geschenke auspacken.“
      John nahm Sherlocks unwilligen Blick auf und wollte ihm etwas zu verstehen geben, was er nun gar nicht mehr musste, denn Sherlock sagte gelangweilt:
      „Es ist doch Weihnachten, ich weiß!“
      Aus dem Radio dudelte Bing Crosbys White Christmas herüber.

      ***

    • Lucyyy, ich habe weitergelesen!!!! Und es macht immer noch Spaß, ich bin jetzt beim zweiten Kapitel und ich muss gleich mal vorne wegnehmen, ich habe jetzt direkt mal Lust, ins Britische Museum zu laufen, wenn ich das nächste Mal in London bin! So wie du das beschrieben hast, kriegt man sofort Lust dazu....schon allein die Architektur- Hammer! Soso, die Mumie ist auf Abwegen und stattdessen liegt mal eben ne andere, frische Leiche in der Grabstätte? Sehr interessant! Sherlock macht es ja mit seinen Anspielungen schon wieder spannend, der Gute weiß schon wieder mehr als er zugibt. Schlohmil, der! *lol1*
      Aber auch hier finde ich deine Beschreibungen klasse und ich könnte mich bei der Interaktion zwischen Watson uns Sherlock immer beeumeln. Sehr gut getroffen weiterhin und ich bin super gespannt, was wir da noch so alles im erleben werden im weihnachtlichen London!? *umarm* Like it!!!


      -------------------------------------------------------------

      edit: Soho, jetzt mussten auch Kapitel 3 & 4 dran glauben, ich konnte nicht mehr aufhören zu lesen.... *nein*
      Ich denke auch, du führst uns mit dem für seine Verhältnisse zu teuer gekleideten Wachmann eiskalt auf ne falsche Fährte... *lach* Das hat bestimmt wirklich die Gründe gehabt, die er da genannt hat. Die Sache ist schon mysteriös, aber das soll sie ja auch sein, alles andere wäre ja langweilig. Deshalb finde ich, du machst deine Sache wirklich gut, du hast das große Ganze im Hinterkopf und gibst dem Leser immer nur so viel preis, dass bei ihm die Gehirnwindungen angeschmissen werden und er grübelt, wer es denn sein könnte? Ich bin noch total planlos, aber egal, Spaß macht es trotzdem oder gerade deswegen.
      Und Sherlock mit seiner trockenen Art, die du wie immer sehr gut getroffen hast, ja ja, er ist schon etwas naders..... har, har, aber nur ein weng *lol1* *nein*
      Das kann ja was geben: Heiligabend am Tisch still zu sitzen und nette Konversation zu treiben, wenn man lieber am Fall weiter arbeiten würde. Ganz klasse geschrieben, sehr gute Charakterstudie, wie ich meine.

      Ach ja, nochmal ein Wort zu deinen Beschreibungen allgemein: Du hast es echt drauf Süße, nur so viel zu beschreiben, wie nötig ist, in klar umrissenen Wörtern, nie zu viel und wuchtig! So hat man die Szenerie echt sehr bildlich und präziese vorm Auge. Vorzüglich! :love:

      So, ich habe noch ein Kapitel in Reserve, mal sehen, wann ich mir das gönne? Ich freue mich jedenfalls schon drauf. *freu*

      *and sometimes I feel that I should go and play with the thunder*

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Samm ()