Supernatural - Jugendsünden - completed

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    • Supernatural - Jugendsünden - completed

      *luzi So jetzt ist aber Schluss mit lustig … *luzi
      Hier stelle ich euch mein aktuelles Werk zu Verfügung.
      Die Geschichte „Jugendsünden“ gehört zu einer Trilogie die ich persönlich „Am Abgrund“ nenne.
      Es handelt sich um: FSK 16 Horror: Hurt-Compfort Sam und Dean / Whump Sam // Sex / Gewalt und Drama.

      *** Geschichte 1 Last *** >> Sam und Dean bekommen es mit einem Gegner zu tun von dem sie bisher noch nie gehört haben. Es handelt sich um eine „echte“ Legende aus Deutschland. Viele Spuren verlaufen im Sand. Aber irgendwann enttarnen sie ihren Gegner. Es kommt in Bergen an einer idyllischen Blockhütte zu einem Kampf der den Brüdern alles abverlangt.
      Edit: unzulässiger Link!

      *** Geschichte 2 Raunächte *** >> Nach monströsen Morden und unerklärlichen Ereignissen die eine kleine Ortschaft erschüttern erkennen die Jäger dass dies nur der Anfang ist. Grauenhafte Nächte stehen bevor – und nur das „Blutopfer“ eines der Jäger kann die Lawine, die nun die Menschheit überrollen soll, stoppen. +
      Edit: unzulässiger Link!


      Titel: Jugendsünden

      [IMG:http://img709.imageshack.us/img709/4221/fugendsnden2klein.jpg]

      Inhalt: Wieder geht es auf eine Reise durch die tiefsten Abgründe der menschlichen Seele. Wieder erschüttern grausame Morde eine kleine Gemeinde. Bald erkennen die Jäger Sam und Dean, dass der Ursprung der Ereignisse Jahre zurück liegt. Aber ist der Gegner wirklich der für den ihn die Brüder halten? Welche Kraft hält dieses Wesen am Leben? Und kann man es überhaupt töten ohne sich selbst zu verlieren? Sollte wirklich jedes Geheimnis gelüftet werden? Denn ... Wenn man lange genug in den Abgrund starrt – dann starrt der Abgrund zurück. Freut euch mit mir auf ein Finale in dem die Brüder auf den gefährlichsten Gegner treffen, der ihnen je begegnete.

      Autor: shadow1a
      Rating: FSK 16
      Genre: Drama
      Pairing: keine
      Spoiler: max. Season 2
      Disclaimer: nix meins außer die Idee und die Worte

      Viel Spaß, eure Shadow ...

      Jugendsünden

      *** Prolog ***

      In verschiedenen Grautönen verdunkelten plötzlich schwere Wolken eines herannahenden Gewitters den Horizont. Der Wind trieb sie zu einem sich auftürmenden Gebirge zusammen und presste kühlen Regen aus der schwarzen Masse die einen erlösenden Schatten auf die Weideflächen warf.
      In langen silbernen Fäden fiel er senkrecht auf die unzähligen Leiber, die sich seit mehr als zwei Tagen auf dem 243 Hektar großem Gelände wie ein zuckender Fisch-Schwarm dicht zusammendrängten.
      Diese überraschende Abkühlung war willkommen. Denn es gab weit und breit keinen einzigen Baum der Schutz vor der gnadenlosen Glut der Sonne bot. Und so hatte die unerträgliche Hitze schon einige Lücken in ihre Reihen gerissen.

      Viele von ihnen hatten seit ihrer Ankunft nicht mehr geschlafen, nichts gegessen und nur wenig getrunken.
      Unter ihrem Ansturm war die Versorgung schon in den ersten Stunden seit Eröffnung des Festivals zusammengebrochen. Die Veranstalter rechneten mit 60.000 Besuchern. Tatsächlich aber machten sich über eine Millionen Menschen auf den Weg.
      Wie ein gigantischer Schwarm Heuschrecken fielen sie über die knapp 4000 Seelen zählende Provinz her und versetzten Bethel in einen Ausnahmezustand.

      Die Hälfte von ihnen erreicht nicht einmal ihr Ziel. Sie blieben schon auf den völlig verstopften Zugangswegen strecken.
      Diejenigen, die es geschafft hatten erwartete ein Chaos.
      Da mit dem Aufstellen der Kassenhäuschen bis zuletzt gewartet worden war, trampelten die eintreffenden Menschenmassen bald die Umzäunungen nieder. So wurde das Festival von den Veranstaltern als kostenlos erklärt. Der Großteil der Besucher besaß nicht einmal Eintrittskarten.
      Sämtliche Straßen für Nachlieferungen waren überfüllt und die Vorräte an Nahrungsmitteln verbraucht noch bevor sich herum gesprochen hatte, dass es welche gab.
      Also begannen die Anwohner Bethel`s im Geiste des Festivals, Lebensmittel auch an Menschen ohne Ticket zu vergeben. Doch sie erreichten nicht alle und es reichte bei weitem nicht aus.

      Etwa 600 aufgestellte, mobile Toilettenkabinen waren sehr schnell überfüllt und verströmten einen beißenden Gestank. Für ihre Benutzung mussten die Konzertbesucher oft mehrere Stunden anstehen, was viele dazu brachte, die umliegenden Büsche oder einfach die Wiese zur Verrichtung ihrer Notdurft zu nutzen. Bald wurden von den Leuten selbst Schilder aufgestellt, die anzeigten, wo das Urinieren wegen des Trinkwassers verboten war.
      Eine kleine Gruppe von Ärzten, die nachträglich eingeflogen wurde, betreute die Unmengen an Drogenopfern, die durch den offenen Verkauf und Konsum von Mescalin und LSD zustande kamen. Unterstützt wurden sie von den Bewohnern der Hog Farm, die uneigennützig ihre Hilfe anboten und die unzähligen, kleineren Verletzungen und Schnittwunden der Besucher durch herumliegende Flaschen behandelten. Sie kümmerten sich außerdem um die durch Sonnenbrände und Hitzschläge Zusammengebrochenen. Schließlich half sogar das US-Militär dabei, verletzte Menschen aus dem Gebiet auszufliegen um sie in umliegende Krankenhäuser zu bringen.

      Sie hausten in ihrem eigenen Müll und urindurchweichter Boden gluckste und schmatze unter ihren Jesuslatschen oder den Decken auf denen sie ausharrten. Ihre Hemden, Jeans und wallenden Batikgewänder waren durchnässt von Regen und Schweiß. Sie klebten, wie ihre langen Haare auf überhitzter, sonnenverbrannter Haut.
      Meistens saßen sie in kleinen Gruppen beisammen, lachten, sangen und philosophierten über ihr Leben und ihre Zukunft, teilten sich einen Joint oder lauschten den weit entfernten Klängen spontan auftretender namenloser Musiker auf einer einzigen riesigen Bühne.
      Das sich ihr körperlicher Zustand von Stunde zu Stunde verschlimmerte beängstigte sie nicht im Geringsten.
      Sie waren glücklich dabei sein zu dürfen.
      Ihre Gedanken waren erfüllt vom Streben nach Freiheit und Ungebundenheit. Sie stellten, die ihrer Meinung nach, sinnentleerten Wohlstandsideale der Mittelschicht in Frage und propagierten eine neue, von Zwängen und bürgerlichen Tabus befreite Lebensvorstellung. Ihre Pupillen waren geweitet vom Rausch durch Cannabis und sie schmückten sich zum Zeichen für Frieden und freie Liebe mit Blumen.
      In ihrem Adern pulsierte ein völlig neues Lebensgefühl von Stärke und Unbesiegbarkeit. Trotz der unkontrollierten und unkontrollierbaren Menschenmenge kam es in diesen Tagen zu keinen nennenswerten Gewalttätigkeiten. Denn sie waren die Kinder des Friedens – die neue Generation.
      Wen kümmerten schon die anstrengende Anreise, das Gedränge, die Hitze die ihre Körper ausbrannte und die verheerenden Auswirkungen von unbekannten Drogen.
      Sie waren die Rebellen. Jung, voller Lebensmut und Hoffnung auf eine bessere Zeit.

      Sie waren die Blumenkinder.
      Es war im August 1969 – und sie waren alle dabei - in Woodstock – auf dem größten Musikfestival des Planeten.

      *** *** ***


      Shire Farm* in Bethel, Bundesstaat New York
      (ehemaliges Woodstockgelände), Heute …

      Das Licht der untergehenden Sonne verschwamm in aufsteigender Hitze am Horizont und ergoss sich als blutroter, flimmernder See auf die verwilderten Wiesen.
      Seit Wochen hatte es nicht geregnet. Das Weidegraß, welches im Frühjahr kraftvoll in die Höhe geschossen war, vergrub nun umgeknickt durch Hitze und Trockenheit das aufgerissene Erdreich unter sich, wie ein grobes, staubiges Leichentuch.
      Längst war alles emporstrebende Leben unter der anhaltenden Dürre verdurstet. Die wenigen alten Ahornbäume am Rande der Koppel hatten aus blanker Überlebensnot ihre vertrockneten Blätter abgeworfen. Sie spendeten mit ihren kahlen Kronen schon lange keinen Schatten mehr und ihre Konturen verschwammen in der sengenden Glut, der auch die anbrechende Nacht nichts anhaben konnte.
      Selbst aufkommender Abendwind versprach keine Erlösung. Wie der vernichtende Atem eines Drachens glitt er über das trockene Graß um auch die letzten der Hitze trotzenden Halme, in trockenen Staub zu verwandeln.
      Kein Vogel sang, kein Hund bellte, kein Lebewesen zeigte sich in der verbrannten Landschaft. Und doch war die Luft erfüllt vom schrillen, anschwellenden Gesang unzähliger winziger Geschöpfe. Riesige Zikadenschwärme verbargen sich im sterbenden Graß und begrüßten mit ihrem ohrenbetäubenden Konzert die anbrechende Nacht.

      Die morschen Pfeiler des Weidegatters standen in alle Richtungen geneigt als wollten sie gleich umfallen. Quietschend schaukelten hier und da zerklüftete Reste einiger Zaunfelder im Wind haltlos an rostigen Nägeln. Noch hatte der Zahn der Zeit nicht alle abgenagt und am Boden verrotten lassen.
      Auch die alten, verfallenen Gebäude einer Farm am Rande der Wiese verrieten, dass sich schon lange niemand mehr um das riesige Anwesen kümmerte.
      Die großen Tore der Scheunen und Stallungen waren aus den Angeln gerissen und lagen zerborsten im Dreck. Fahles Licht fiel durch die teils zerstörten Dächer in ihr Inneres und schemenhaft konnte man vor sich hin rostendende Maschinen erkennen. Heulend verfing sich die aufsteigende Abendluft unter den leeren Giebeln und zerrte an den letzten verbleibenden Ziegeln.
      Das mächtige Haupthaus schien nur noch von abblätternder, glanzloser Farbe gehalten zu werden. Trockener Wind wirbelte spielerisch die Holzspäne unzähliger Termitengenerationen, die sich auf der Terrasse angesammelt hatte zu kleinen Tornados auf, die wie Geister über die morschen Dielen kreiselten. Graue Fetzten von Gardinen flatterten hilflos hinter den zerborstenen Fenstern.

      Niemand schien sich für die verlassene Farm mitten in dieser Einöde zu interessieren …
      … wäre vor dem Hauptgebäude, in der flimmernden Luft, nicht die Silhouette eines nachtschwarzen 1967er Impalas zu erkennen, auf dessen verchromten Felgen sich die blutrote Scheibe der untergehenden Sonne spiegelte.

      Nachdem Dean die von Holzwürmern durchlöcherte Tür mit einem beherzten Ruck aus dem Weg geräumt hatte, setzte er vorsichtig einen Fuß in das Innere des Hauses. Allein das Betreten der unheilvoll knackenden Holzdielen ließ ihn erschauern.
      Kurz hielt er inne, um seinen Augen die Chance zu geben, sich an das Zwielicht im Gebäude zu gewöhnen.
      Seltsamerweise schlug sein Herz vollkommen ruhig als er kaum wahrnehmbar einatmete und nach Samuel´s Colt griff, den er unter seinem verschwitzen Hemd im Hosenbund verbarg.
      Dean wusste, dass er die verhasste Kreatur hier antreffen würde. Denn er kannte sie gut.
      Immer wieder zog es sie zurück an den Ort wo alles begann. Der Ort an dem dieses dunkle Wesen erschaffen wurde.
      Genau hier wollte sich der Jäger der Bestie stellen – überzeugt davon, dass nur einer von ihnen heute Nacht das Gebäude wieder verlassen würde.

      Angespannt beobachtete er das Zimmer. Auf der vergilbten Tapete, die nur noch in Fetzten an den Wänden hing, zeichneten sich schwarze Flecken und Spritzer ab. Möbel waren umgeworfen und die Vorratsschränke in der Küche von räubernden Waschbärenbanden geplündert. Mit äußerster Sorgfalt suchten Dean´s Füße Lücken zwischen unzähligen Glasscherben am Boden um nicht durch verräterisches Knirschen vorzeitig entdeckt zu werden.
      Trotz seiner Vorsicht konnte er jedoch nicht vermeiden das die morschen Dielen unter ihm bei jedem Schritt den er tat gequält ächzten.
      Mit dem Rücken an der Wand, schlich der Jäger, einem Schatten gleich, in Richtung Treppe die hinauf zu den Schlafzimmern führte. Unablässig beobachte er die Umgebung, jederzeit auf einen Überfall gefasst. Prüfend blieben seine Blicke an herabhängen Spinnweben haften um sich zu vergewissern, dass es der Luftzug seiner Bewegung war, der sie vibrieren ließ.

      Ein umgekippter Tisch zog seine Aufmerksamkeit in die Mitte des Raumes auf einen alten Teppich. Die dunklen Flecken in seinem vermodernden Gewebe ließen den Jäger hart schlucken.
      Auch wenn Staub von Jahrzehnten, die Konturen mittlerweile verblassen ließ und die Farben verfälschte wusste er doch, dass es sich um Blut handelte. Menschliches Blut das eine Bestie vergossen hatte - und dass nicht nur hier an diesem einsamen Ort ihrer unheiligen Geburt.
      Unzählige Menschenleben hatte diese Kreatur über die Jahre hinweg in ihrer unstillbaren Gier und Mordlust ausgelöscht.

      Tiefer Hass verdrängte für einen Moment die gefühllose Kälte auf dem Herzen des Jägers. Dean´s Hände ballten sich entschlossen zu Fäusten, seine Kiefer zuckten angespannt.
      Diese Kreatur würde er vernichten … und wenn es das Letzte war was er tat.
      Langsam griff er nach dem Treppengeländer und hob den Fuß um die alten Stufen empor zu steigen.
      Als er das leise Knacken hinter seinem Rücken hörte, glitt der kalte Schaft der Waffe fester in seine Finger.
      Schlagartig drehte er sich dem Geräusch entgegen. Im fahlen Licht blitzte die polierte Waffenmündung. Dean erstarrte in voller Konzentration und richtete seine Augen auf die vagen Umrisse einer lauernden Gestalt, die er schemenhaft in der Dunkelheit ausmachen konnte.

      „Zeig dich Bastard“ zischte er durch die Zähne. Seine Augen formten sich zu Schlitzen um besser sehen zu können.
      Plötzlicher Wind, der sich leise jammernd in den geöffneten Schränken verfing, als die Kreatur aus dem Schatten trat, beeindruckte ihn nicht.
      Ein stählerner Körper richtete sich vor ihm zu voller Größe auf. Das Spiel seiner Muskeln war deutlich unter der feucht schimmernden Haut zu erkennen.
      Jedes Mal wenn er Luft in seine Lungen sog, war keuchender Atem zu hören. Rhythmisch weitete sich sein enormer Brustkorb.
      Das Gesicht zu Boden geneigt, verharrte er bewegungslos. Nur boshafte Augen fixierten Dean entschlossen unter einer wilden Mähne. Es war ein Blick, funkelnd vor Kälte wie der stahlblaue Himmel über der Arktis, der Dean traf, während ein arrogantes Grinsen seine Lippen umspielte. Auch die Kreatur hatte den Jäger erwartet um den Kampf zu beenden.

      Dean sah das Wesen unbeeindruckt an. Es existierte nichts mehr was den Älteren noch erschüttern oder aus der Fassung bringen könnte.
      Der Jäger fürchtete seinen Tod nicht, denn er besaß kein Leben mehr. Seine Seele war bereits gegangen, aufgefressen von grausamen Erinnerungen und Bildern, die jede menschliche Empfindung in ihm vernichtet hatten. Emotionslos nahm er die Kreatur ins Visier als sich sein Zeigefinger langsam gegen den Abzug presste. Jetzt war seine Chance gekommen.
      Als Dean die winzige Bewegung seines Gegenübers registrierte, schoss er ohne zu zögern.

      Mehrere laute Pulverexplosionen zerrissen den unheilvollen Gesang der Zikaden und im aufzuckenden Mündungsfeuer erkannte der Jäger wie ihm der muskulöse Körper entgegen sprang.
      Ein dunkler, kreisrunder Einschlag zerschmetterte seine Stirn und das am Hinterkopf austretende Geschoss schlug mitsamt dem Schädelinhalt in der Wand hinter dem Angreifer ein. Lautlos brach er vor Dean zusammen.

      Der Jäger holte tief Luft und starrte auf den Leichnam am Boden.
      Er spürte nichts. Weder Genugtuung über die erfolgreiche Jagd noch Triumpf über seinen Sieg erwärmten Dean`s Blut.
      Trotzdem musste er schlucken, als er mit einem heftigen Tritt gegen die Rippen, den reglosen Körper auf den Rücken drehte.

      Langsam ging der Jäger vor dem getöteten Geschöpf in die Hocke und versank tränenlos für einen Moment in erstarrte Pupillen, die sein Gesicht widerspiegelten.

      Bevor sich Dean schweigend erhob, um Sam´s sterbliche Überreste zurück zu lassen, verschloss er die Lider über seinen blaugrauen Augen …


      *** Fortsetzung folgt ***



      Anmerkungen des Autors
      die Shire Farm* ist von mir frei erfunden

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    • *** Schatten auf der Seele ***

      Bethel, Bundesstaat New York
      3 Wochen zuvor

      Die Luft war brennend heiß und angefüllt mit dem eintönigen Gesang unablässig lockender Zikaden.
      Eine riesige Landmaschine arbeitete sich schwerfällig durch ein wogendes, goldfarbenes Getreidemeer. Sie verschwamm in flimmernder Abendluft, verfolgt von sich auftürmenden Staubwolken, die wie Rauchschwaden eines Steppenbrandes das Gelände in grauen Nebel verschwinden ließen.

      Ethan Brown saß seit den frühen Morgenstunden hinter dem Steuer seines historisch anmutenden Mähdreschers. Die anhaltende Hitzewelle versprach keine Steigerung des Ertrages mehr. So hatte sich der Farmer entschlossen, die Ernte einzubringen, bevor die gnadenlose Sonne die Halme endgültig verdorren ließ.
      Gedankenversonnen sah Ethan auf das mächtige Schneidwerk, das sich mit stählernen Zähnen unaufhaltsam durch das Stroh fraß.
      Seine staubigen Finger hatte er fest um das Lenkrad gelegt um nicht umzukippen, denn das gleichmäßige Vibrieren des 400PS starken Motors im Bauch des Eisenmonsters, ließ seinen Körper wankten. Es wirkte einschläfernd - zumal Ethan in den letzten Nächten kaum ein Auge zugemacht hatte. Immer wieder wurde er von schrecklichen Bildern eines Alptraumes aus seinem ohnehin schon unruhigen Schlaf gerissen. Bilder die er einfach nicht verstand, bedrückten ihn und eine wachsende, mysteriöse Unruhe hatte seit einigen Tagen Besitz von ihm ergriffen.

      Als sich der Farmer streckte, knirschten seine vom stundenlangen Sitzen steifen Gelenke.
      Es war der letzte Drusch, den er heute einfahren würde. Der angefüllte Getreidetank, machte das brummende Gefährt, das er steuerte, immer unkontrollierbarer.
      Fast im Schritttempo quälte sich die schwere Maschine über eingefahrene, trockne Furchen, die unter den knackenden Halmen lauerten und sie immer wieder heftig wanken ließen.
      In der Fahrerkabine stand stickige, schwere Luft.
      Der Alte hatte die Fenster gekippt, mit dem Erfolg das sich im Laufe des langen Tages mehr und mehr Staub auf seinem verschwitzten Hemd und seiner durch die Sonne lederartig ausgetrockneten Haut geheftet hatte.

      Müde rieb sich Ethan über das staubverkrustete Gesicht und schnaufte.
      Sein Blick flog kurz auf den Vesperkorb im Fußraum der Kabine. Enttäuscht stellte er fest, dass die Wasserflasche leer war. Der Farmer schluckte vor sich hin brummend, um das Kratzen in seinem Mund, verursacht durch eingeatmete Getreidespelzen zu mildern.
      Dann konzentrierte er sich wieder auf den unsichtbaren Pfad, dem der Mähdrescher folgte.
      Die blutrote Sonne am Horizont blendete ihn. Sie berührte bereits den Boden und wirkte in der flimmernden Hitze über dem abgeernteten Feld wie der Schlund eines riesigen Vulkanes, der gerade seine tödliche Fracht ausspie. Noch nie war dem Farmer aufgefallen, welch riesige Schatten zu dieser Tageszeit durch die flach stehende Sonne auf die Erde geworfen wurden.
      Wie langsam über den Boden schlängelnde, schwarze Leiber, glitten die verzerrten Konturen einiger spärlich belaubter Kastanien und Ahornbäume am Rande des Feldes, über die kahlen Stoppeln, die schon einen Hauch von Herbst versprühten.
      Der Schatten seines eigenen Körpers verdunkelte, als dunkler Fleck, die Fahrerkabine hinter seinem Rücken. Fast schien er sich auszudehnen.
      Zunächst bemerkte Ethan das Frösteln nicht, das ihm heimlich unter die Haut strich. Zu sehr lenkte ihn ein bedrohlich anwachsendes Gefühl, nicht mehr allein zu sein, ab.
      Verwirrt drehte er sich um. Doch sein Blick traf nur auf den eigenen Schatten, der sich synchron mit ihm bewegte.
      Ungelenk durch das ständige Schaukeln des Mähdreschers, folgte seine Hand dem graumelierten Haar das er im Nacken zu einem Zopf gebunden hatte.

      Ethan hatte mit seinem Gefährt bereits den Feldrain erreicht, als er die Maschine abrupt stoppte um auszusteigen. Leise grollte der Motor weiter und hielt das breite Schneidwerk mit samst dem rotierenden Messerbalken knapp über dem Erdboden in Position.
      Mit emotionslosem Gesicht schritt Ethan Brown auf den Grünstreifen am Rande des Ackerlandes zu und beugte sich um einen schweren Feldkiesel zu ergreifen. Als der sich drehte um zum Mähdrescher zurück zu kehren, schlurften seine schweren Arbeitsschuhe hölzern durch das absterbende Gras.

      *** *** ***

      Schwerer Atem, dann leises Stöhnen und zuletzt durchgehende Schreie rissen Sam Winchester aus dem tiefen Schlaf, der ihn erst in den frühen Morgenstunden vergönnt war. Schlagartig spannten sich seine Muskeln an und trieben ihn in die Höhe.
      Aufrecht sitzend im Bett blinzelte Sam gegen das helle Licht, das sich in schmalen Streifen durch die geschlossenen Vorhänge in das Zimmer ergoss.
      Dean wälzte sich leise jammernd unter der Decke. Seine Stirn war schweißnass und pure Panik hetzte seine Augen hinter verschlossenen Lidern.
      „Das kannst … du … nicht – NEIN!“ keuchend warf sich der Ältere auf die Seite. „Ich hab dich … ich … ich“

      „Dean! Wach auf“ heftig rüttelte Sam die Schulter seines Bruders. „Dean komm schon!“ Er war vor dem Bett in die Hocke gegangen und beobachtete besorgt das schmerverzerrtes Gesicht.

      Schlagartig riss Dean die Augen auf. Für eine Sekunde irrten sie schreckgeweitet über den dunklen Holzfußboden. „Sam? … wa … was ist?“ Ein flackernder Blick traf den Jüngsten.
      „Du hattest einen Alptraum.“ Raunte Sam und richtete sich auf. „Wieder einmal …!“ fügte er mit brummiger Stimme hinzu, als er bemerkte dass Dean ihm schnaufend den Rücken kehrte.
      Der Ältere hob seine Beine aus dem Bett und ließ das Gesicht in den Händen verschwinden um zu verschnaufen. Sein Brustkorb kämpfte noch mit den Nachwehen unfreiwillig grausamer Bilder.
      Sam sah auf den Rücken seines Bruders. Das Shirt klebte völlig durchgeschwitzt auf seiner Haut. „Ist alles okay?“ flüsterte Sam und ging um das Messingbett herum um sich Dean in den Weg zu stellen, der mittlerweile keuchend auf das verdunkelte Fenster starrte.

      „Mir geht es gut!“ Raunte Dean und rieb sich die Augen.
      „Klar! Deswegen hast du ja auch im Schlaf geschrien.“ Sam spürte wie sich seine Atmung beschleunigte. Er konnte schon gar nicht mehr nachvollziehen wie oft er in den letzten Wochen seinen schreienden Bruder aus dem Schlaf gerissen hatte. Mit einem Mischgefühl aus Sorge und Zorn im Bauch biss er sich auf die Zähne.
      Seine Hand griff wieder nach der Schulter des Älteren.

      Schlagartig sprang Dean auf die Beine. Seine Brust bebte in hektischen Atemzügen als er Sam ins Gesicht schrie: „Ich habe doch gesagt es geht mir gut!“ Ruppig löste er sich aus dem Griff des Jüngeren und ging in Richtung Küchenzeile um sich einen Kaffee zu machen.

      „Dean …!“ raunte Sam langezogen. Er folgte zögernd seinem Bruder. „Wir müssen reden - Alter!“
      Auf halben Weg blieb Sam kurz stehen und zog den Kopf in den Nacken. Pfeifend stieß sein Atem in das Zimmer bevor er leise weiter sprach. „Seit wir Grafton verlassen haben geht es dir immer schlechter!“ Kurz verharrte der Braunhaarige und beobachte angespannt den Blonden, der ihm wieder den Rücken zugewandt hatte. Unbeeindruckt seiner Worte, ließ Dean Wasser in die gläserne Kanne der Kaffeemaschine laufen.
      Sam trat noch einen Schritt näher und versuchte erneut nach der Schulter seines Bruders zu greifen: „Alter – egal was du da mit dir rumschleppst! Du musst es nicht alleine tragen! Rede mit mir!“ beschwor er ihn.

      Wie vom Donner gerührt schnellte Deans Körper herum. Wutentbrannt prallte er, in voller Absicht, mit seiner Brust gegen Sam. „Was willst du denn hören Sam?“ keuchte der Ältere. Augen, vernebelt von Schrecken flackerten ihn an.
      Sam taumelte überrascht, von der plötzlichen Attacke, einen Schritt zurück. Seine Hände ballten sich zu Fäusten und sein Brustkorb blähte sich erregt auf, als er wieder auf Dean zuging. Mit zusammengezogenen Augenbrauen starrte er den Blonden zähneknirschend an.
      Körper an Körper standen sich die Brüder gegenüber und die stickige Luft im Zimmer wurde durch explodierendes Adrenalin förmlich in Brand gesetzt.

      Dean stöhnte, strich sich mit der Hand übers Gesicht und sah schließlich kopfschüttelnd zu Boden. „Ich kann nicht Sammy …!“ flüsterte er kaum hörbar.
      Schnaufend riss Sam erneut den Kopf in den Nacken. Langsam wich seine Anspannung. Die Hände des Jüngsten glitten verzweifelt durch sein langes, braunes Haar.
      Er hasste es, da zustehen wie ein betröpfelter Junge, der um Antworten betteln musste.
      Abrupt drehte sich Sam in Richtung Bad. „Okay … wie du willst. Ich geh dann duschen.“ Kam es knurrend über seine schmalen Lippen.

      *** *** ***

      Wie zärtliche Finger glitten die Wasserstrahlen über seine Haut. Sam atmete ruhig und schloss die Augen. Er versuchte die Erinnerung, die diese sanfte Berührung in ihm auslöste zu verleugnen. Als er seine Stirn stöhnend gegen die kalten Fließen presste, ließen diese Gedanken, die er nicht verdrängen konnte, einen elektrisierenden Schauer durch seinen gesamten Körper gleiten. Es war ein Gefühl von Geborgenheit, Liebe und am Ziel angekommen zu sein. Es war die Sehnsucht nach einem Zuhause. Die Sehnsucht nach einem Menschen, den man begehrte und der einem Vertrauen in die Zukunft schenkte … Es war der einfache Wunsch nach einer Familie.
      Mit einem heftigen Stoß atmete der Hüne aus. Er hätte ihr niemals so nahe kommen dürfen. Warum hatte er diese Gefühle überhaupt zugelassen? Er wusste doch, dass sie nur Schmerzen verursachten.
      Sam drehte sich um – und als besäße er nicht mehr genug Kraft zu stehen, lehnte er seinen Rücken gegen die Wand um zu verharren.
      Er erhob das Gesicht.
      In glitzernden Bächen strömte Wasser durch sein braunes Haar. Es floss über Sams schmale Augenbrauen und berührte seine leicht geöffneten Lippen wie ein zarter Kuss, bevor es als Springflut über seinem Körper nach unten rauschte und die Träume mitriss.

      Verdammt!
      Mit einem Ruck befreite sich Sam aus seinen Illusionen. Was machte er hier bloß?
      Dean ging es von Tag zu Tag schlechter und er verlor sich in sentimentalen Erinnerungen, die nie hätten sein dürfen.
      Mit einer hastigen Bewegung drehte er das Wasser ab, schob den nassen Vorhang beiseite und trat in das von Dunstschleiern durchzogene Bad.

      Ein blasses Gesicht blickte ihn an, als er mit der Handfläche das Kondenswasser auf dem Spiegel verwischte. Sorge und Schuld sah er in den blaugrauen Augen seines Gegenübers.
      Was war geschehen in den Wochen zwischen Weihnachten und Neujahr?
      Sam erinnerte sich an Fetzten. An Fieberträume, deren Inhalt verblasst war.
      Langsam bewegte er seinen Kopf näher an den Spiegel. Ihm fehlte eine Nacht und er wurde das Gefühl nicht los, die Schuld an den furchtbaren Träumen seines Bruders und an Coles Tod zu tragen. Tief in seinem Inneren schien etwas zu brodeln, von dem Dean höllische Angst hatte es Preis zu geben.

      Sam hauchte gegen das Glas und wischte seinen Atem wieder weg, als wollte er die Erinnerung daran freilegen. Sie hatten die Stadt gerettet, das hatte man ihm gesagt. Dieses Kreuz, der Brunnen – es war ein Weg! Aber für wen oder was?
      Sam biss sich auf die bebenden Lippen. Tränen füllten plötzlich seine Augen. Er war schuld! Er allein hatte etwas getan, das seinen Bruder an den Rand des Wahnsinns trieb. War er vielleicht ein Mörder – oder Schlimmeres? Was verheimlichte man ihm?
      Deans ausweichende Blicke wenn er Fragen stellte und Tiffanys und Tinas entsetztes Schweigen sprachen Bände.
      Wer hatte ihn geholt. Warum? Wem schuldete er ein Versprechen? Wieso hatte er alles vergessen?

      „Dean! Rede endlich mit mir!“ hauchte Sam verzweifelt, kaum hörbar gegen sein Spiegelbild. Der Gedanke, für diesen ganzen Kummer verantwortlich zu sein fraß ihn allmählich auf. Es war schmerzvoller als der Schmerz, den er durch diese Amnesie verloren hatte.

      Als sich Sam die feuchten Strähnen aus der Stirn strich, glitt sein Blick skeptisch über seinen Körper. Er beobachtete das Heben und Senken seiner Brust.
      Das letzte Jahr hatte beiden Brüdern mehr Energie gekostet und mehr Wunden zugefügt als sie zugeben wollten.
      Zaghaft berührten seine Fingerspitzen die kaum noch sichtbaren Spuren der Schrotladung die ihm Ronny verpasst hatte. Sam grinste … Peanuts!
      Wesentlich schmerzhafter in Erinnerung war ihm eine andere Narbe. Seine Augen fixierten den rechten Brustmuskel. Der Prankenhieb eines urtümlichen Werwolfs hatte ihm fast das Leben und die Seele gekostet. Deutlich zeichneten sich auf seiner weichen Haut vier grauenhafte Striemen ab und ihnen haftete der bittersüße Nachgeschmack von übernatürlicher Kraft und Stärke an.
      Sam erschauerte beim Gedanken an dieses Gefühl. Nie hatte er so sehr die dunkle Seite in sich gespürt wie in jenen Tagen als er den Keim dieses alten Wesens in sich trug.
      Besorgt zogen sich Sams Brauen zusammen als seine Nasenspitze fast den Spiegel berührte.

      Er sah sich fragend in die Augen: Welche Narben verbarg seine Seele?

      Als sich Sam zum Waschbecken beugte um nach dem Rasierzeug zu greifen, blitzte das Sonnenlicht auf der scharfen Schneide des Messers.
      Fasziniert griff Sam danach und ließ es in den Fingern vor seinen Augen um die eigene Achse rotieren. Im geschliffenen Stahl der kleinen Klinge reflektierte sich das Tageslicht in überwältigender Weise.
      Sam neigte den Kopf – gefesselt von der Farbenvielfalt dieser Reflektion.
      Die hellen Strahlen, die von ihr ausgingen blendeten ihn fast.
      Sam biss sich stöhnend auf die schmalen Lippen. Gebannt starrte er auf das Rasiermesser, dessen Schönheit ihm nie aufgefallen war …

      *** Fortsetzung folgt ***
    • *** Blutige Tränen ***

      Als die Tür zum Bad hinter seinem Rücken laut krachend ins Schloss fiel, zuckte Dean zusammen. Es tat ihm unendlich leid, Sam wieder einmal so angefahren zu haben.
      Schnaufend schloss er die Augen und seine zitternden Hände suchten Halt an der Arbeitsplatte, auf der die Kaffeemaschine leise röchelte.
      Noch immer raste sein Herz in Angst und Schrecken versetzt von Bildern aus Alpträumen die ihn immer wieder durch die gleiche Hölle jagten. Verzweifelt fuhr sich Dean mit der Hand über das Gesicht und öffnete die Augen.
      Er fühlte sich so elend.
      Gequält starrte er durch einen Schleier aus Tränen auf die gläserne Kanne, die sich allmählich mit starkem Kaffee füllte. Er seufzte.
      Nur eine Nacht! Er wünschte sich nur eine einzige Nacht in der er nicht verfolgt wurde von marternden Schreien, von Strömen aus Blut und Augen die vom Wahnsinn gezeichnet durch den Raum irrten.

      Dieses unerträgliche Gefühl der Hilflosigkeit, mit dem er zusehen musste wie sie aus Sam ein physisches und psychisches Wrack gemacht hatten, lies ihn niemals los.
      Dean fürchte nichts mehr als seinen Bruder ein zweites Mal zu verlieren, sollte dieses blutige Geheimnis jemals durch die Oberfläche brechen. Er war völlig außer Stande Sam klar zu machen, dass er nicht darüber reden konnte ohne ihn zu zerstören.

      Verzweifelt biss sich Dean auf die Lippe.
      Das Einzige was er tun konnte war zu schweigen um Sams Seelenheil zu behüten - auch wenn er selbst daran zerbrach.
      Er spürte es in jeder Faser seines Körpers. Zusammen mit dem brennenden Schuldgefühl seinem kleinen Bruder gegen den Willen dieses Jägerdasein aufgezwungen zu haben, marterten ihn grausame Erinnerungen wie ein aufbrechendes Geschwür.

      Deans Blick glitt auf die angebrochene Whiskyflasche neben der Spüle.
      Sie versprach das Vergessen, dass sich Dean herbeisehnte. Der Alkohol verbannte die Erinnerung an jene Nacht für wenige Stunden aus seinem Kopf. Er betäubte Deans Gefühle und schenkte ihm Taubheit die all diese Bilder und den unerträglichen Schmerz verblassen lies.

      Dean stöhnte leise. Zögernd griff seine zitternde Hand über die marmorierte Platte nach der Flasche. Ihr goldener Inhalt funkelte im Licht der wenigen Sonnenstrahlen, die es durch die geschlossenen Vorhänge bis in die Ecke des schattigen Zimmers geschafft hatten.
      Er wollte doch nur vergessen!

      Langsam rotierte die Flasche in seiner Hand. Gebannt beobachte Dean die weiche, kreisende Bewegung der öligen Flüssigkeit und schluckte gequält.

      Nur wenn er sich an der Schwelle zum Tod befand, wenn Adrenalin und Jägerinstinkt die Herrschaft über seinen Körper an sich rissen und er sich in einen kaltblütigen Killer verwandelte, hatte seine Seele für einen kurzen Moment Frieden.

      … Oder wenn er …
      Abrupt ging Dean zurück in den kleinen Raum. Die glucksende Kaffeemaschine interessierte ihn nicht mehr und das Gefühl von Hunger war ihm seit Wochen unbekannt.
      Als er auf einen alten Sessel vor dem Fernseher zusteuerte nahm er einen großen Schluck aus der Flasche in seiner Hand.
      … wenn er sich hoffnungslos betrank!

      Müde sank Dean in das abgewetzte Polster.
      Obwohl er auf die flimmernde Mattscheibe starrte, hatte er Sams fragenden Blick vor Augen, hörte seine drängende Stimme und spürte tief im Herzen wie sich sein kleiner Bruder immer weiter von ihm entfernte. Dieses Gefühl drohte ihn endgültig zu zerreißen und raubte ihm den letzten Halt. Trotzdem schien es besser als die Alternative.

      Trauer und Verzweiflung stieg in Dean auf. Was war nur aus ihnen geworden?
      Sam war so still. Er hatte aufgehört zu fragen und duldete wortlos sein selbstzerstörerisches Verhalten.
      Sein Blick glitt zur Tür hinter der Sam verschwunden war. Das Wasser der Dusche rauschte nicht mehr.
      Seufzend legte Dean seinen schweren Kopf in die Hände und beugte sich nach vorn. Der Whisky ruhte auf seinem Schoß.
      Er vermisste den empfindsamen kleinen Bruder an seiner Seite.
      Immer öfter bekam Dean Zweifel. Vielleicht war es falsch die Vergangenheit tot zu schweigen. Vielleicht war es ein Fehler Sam aus seinem Leben zu verbannen.

      Aus einem bedrohlichen Gefühl heraus sprang Dean auf die Beine. Keuchend stand er im Zimmer und lauschte angespannt. Doch er hörte nur das Scheppern der Whiskyflasche, die am Boden kreiselte und glucksend einen Teil ihres Inhaltes auf die Holzdielen spie.
      Er rief leise Sams Namen. Zu leise als das er gehört werden konnte.

      Schließlich unterdrückte Dean wie immer das Verlangen mit Sam zu reden.
      Antriebslos rutschte er zurück in den Sessel und spülte die Zweifel mit dem letzten Rest Whisky herunter.
      Seine Augen wurden schwer von fehlendem Schlaf und zu viel Alkohol.

      > Sam war stark und würde sein Schweigen irgendwann akzeptieren. Er konnte ohne diese Erinnerung besser leben. <

      Müde sank Deans Kopf gegen das Polster und seine Augen streiften benommen über die Zimmerdecke.
      Sammy sollte nie wieder seinetwegen bluten.

      *** *** ***

      Dieses kleine Messer in seiner Hand war so schlicht, ehrlich und schön. Und trotz der kühlen Ausstrahlung wirkte es verlockend wie ein leises Versprechen. Vorsichtig, als hätte Sam Angst, den glänzenden Stahl mit salzigem Schweiß zu beschmutzen, glitt sein Zeigefinger über den feinen Grat der Schneide – so behutsam und sanft als berührte er einen alten Freund.
      Neugierige Blicke folgten dem Weg seines Fingers wobei Sam den Atem anhielt. Das kaum sichtbare Beben seiner Lippen bemerkte er nicht. Auch die Schweißperlen, die sich an seinen Schläfen bildeten nahm er nicht mehr war.
      Aber Sam spürte wie sich seine Atmung beschleunigte. Er fühlte wieder diesen Hauch von Leben in seinem empfindungslosen Inneren aufflammen. Nach unendlichen Wochen eisiger Kälte und Schweigens, spürte Sam endlich sein Herz, das wild gegen die unerträgliche Taubheit auf seiner Seele einschlug.
      Er schloss die Augen, zog den Kopf in den Nacken und seufzte. Ein warmes Kribbeln ging von der Berührung aus und verbreitete sich in seinem Körper.
      Sam erschauerte überwältigt.

      War es nur eine kleine Unachtsamkeit?
      Ein plötzliches Brennen riss ihn aus den Gedanken. Erschrocken ließ der Jüngere das Rasiermesser fallen und beobachte wie es mit einem hellen Klingeln im Waschbecken kreiselte, gefolgt von einigen Tropfen seines Blutes, die lautlos auf das weiße Porzellan fielen und ein bizarres Muster aus Kreisen und zerrissenen Sternen bildeten. Die satte rote Farbe faszinierte Sam. Als das Summen des tanzenden Stahles im Becken verstummte hefteten sich flimmernd blaugraue Augen auf eine blutige Fingerkuppe.
      Sam zog die Stirn in Falten und neigte den Kopf. Stumm beobachtete er wie sich ein letzter Tropfen aus der winzigen Schnittwunde drängte und eine schmale rote Linie auf seine blasse Haut malte bevor er lautlos in die Tiefe stürzte.
      Die kleine Verletzung wurde unglaublich warm. Es tat gar nicht weh. Der kurze Schmerz war verflogen bevor ihn Sam bemerkt hatte und hinterließ nun ein leises Pochen im Fleisch – wie sein Herz, das er so lange nicht gespürt hatte.
      Reflexartig schob Sam den Zeigefinger zwischen seine Lippen und kostete dieses Pulsieren.

      Als er sich im Spiegel beobachtete bebte seine Brust erregt. Das Gefühl innerer Zufriedenheit, das ihn unerwartet überkam, war unbeschreiblich.
      Sam atmete mit einem heftigen Stoß aus, als sich seine Hände haltsuchend an den Waschbeckenrand klammerten und die geweiteten Pupillen in seinen Augen das Messer fixierten.
      Langsam, fast unbewusst griff er nach der blutigen Klinge, hielt kurz inne und lauschte angespannt.

      Hinter der Tür vernahm Sam die Geräusche des eingeschalteten Fernsehers und das Scheppern einer Flasche. Er wusste, dass Dean wieder begonnen hatte seine Erinnerungen in Whisky zu ertränken. Von Tag zu Tag wurde es schlimmer.
      Sam presste seine schmalen Lippen zusammen und schüttelte leicht mit dem Kopf. Irgendwann hatte er es unterlassen Fragen zu stellen auf die er ohnehin keine Antwort bekam. Die nackte Angst in den Augen seines Bruders zerriss ihm das Herz.
      Sam ahnte es: Dean flüchtete sich vor SEINEN Erinnerungen in selbstmörderische Monsterjagten und wenn es nichts gab was er töten konnte, blieb nur der Whisky.
      Sam vermochte es nicht, zu helfen und kam sich so erbärmlich vor. Dean wich jeder Frage aus oder reagierte mit Aggression – er war verschlossen wie ein Grab. Jeder Versuch mit ihm zu reden endete im Streit!
      Sam schluckte trocken, seine schmalen Lippen aufeinander gepresst, sah er unglücklich in Richtung Nebenzimmer. Er hatte das Gefühl, den letzten Menschen, der ihm noch geblieben war, zu zerstören. Wie zwei Fremde vegetierten, beide nebeneinander her und dieses Wissen lies Sams Sinne bis zur Unkenntlichkeit verdorren.

      Langsam streckte der Hüne den Arm in Richtung Tür und verriegelte leise das Schloss. Als Sam sich wieder zum Spiegel wandte, stieß sein Atem fauchend in feuchtewarmen Dunst aus der Dusche, der seinen Körper in Nebel gehüllt hatte.

      Es war totenstill.
      Trockene, nach Asphalt riechende Luft strömte durch das angekippte Fenster und transportierte den aufgewirbelten Staub vom nahegelegen Highway in Sams Nase.
      Es war ein vertrauter Geruch.
      Allmählich erkaltendes Kondenswasser legte sich auf die Haut des hochgewachsenen Jägers, der wie versteinert am Waschbecken stand. In kleinen Rinnsalen perlten schließlich Wassertropfen, das Licht reflektierend, zwischen seinen angespannten Muskeln zu Boden. Mit allen fünf Fingern hatte Sam den Messergriff fest umschlossen.
      Nur die scharfe Schneide blitze im Sonnenlicht als er den Arm anwinkelte.

      Hasserfüllte Augen starrten auf sein Spiegelbild und Sam konnte vor dem was er sah nur angewidert zurückweichen. Als sich sein Rücken gegen die kalten Fliesen presste, verwandelte sich sein Atem in leises Keuchen.

      Tief aus seinem Inneren stieß es erneut die Oberfläche und ließ ihn erzittern. Der Ruf unbekannter Stimmen war so schrill dass er drohte seinen Schädel zu sprengen.
      Heiße Tränen rannen über Sams Wangen als er die Kälte des Stahles auf seiner Bauchdecke spürte. Bei jedem Atemzug drängte sich sein Körper begierig gegen die geschliffene Schneide.

      Sam spannte seine Muskeln an und konzentrierte sich auf das Messer.
      Zitternd lag es in seiner Hand.
      Langsam erhöhte er den Druck. Es bedurfte weder viel Kraft noch Überwindung und die kleine Klinge glitt geschmeidig in die vom Duschen aufgeweichte Haut.

      Ein leichtes Zucken - ein kurzer schmerzlicher Ton der seinen Lippen entfloh und er konnte die Wärme seines Blutes spüren. Wie eine verschollene Erinnerung, die sich langsam befreite quoll es unter seinen Händen hervor und befreite ihn gleichermaßen.
      Sam stöhnte leise auf, seine Zähne vergruben sich fest in seine Unterlippe als er mit zitternder Hand das Messer weiter zog.
      Zentimeter um Zentimeter bildete sich ein schmaler, roter Strich.
      Als die Klinge Sams Haut zerschnitt – als diese glatte, weiche Oberfläche die ihn schützen sollte aufbrach und ihm das eigene Blut über den Leib strömte, konnte Sam wieder etwas fühlen.

      Keuchend ging er in die Knie. Sein nackter Körper glitt erschlaffend an der Wand entlang zu Boden. Das Zittern seiner Muskeln verebbte und der rasende Atem fand einen gleichmäßigen Rhythmus.
      Ächzend zog er den Kopf in den Nacken, schloss die Augen und lehnte sich haltsuchend gegen die kalten Fliesen hinter seinem Rücken. Sein schmerzverzerrtes Gesicht entspannte sich. Geschlossene Lider flatterten vor abwesenden, der Welt entrückten Augen und auf Sams bebende Lippen hatte sich ein seliges Lächeln gelegt.
      Langsam entglitt das Rasiermesser seinen Fingern. Es fiel geräuschlos auf mehrere Lagen blutigen Küchenkrepp den er vorsorglich ausgelegt hatte.
      Sams Hände bedeckten zärtlich die klaffende Wunde. Unaufhaltsam bahnte sich warmes Blut einen Weg durch seine Finger und mehrere bereits unterschiedlich abgeheilte Narben, die er sorgfältig unter seinem Shirt versteckte, bezeugten dass diese Hände nicht zum ersten Mal ins eigene Fleisch geritzt hatten.
      Sam stöhnte leise, Schmerz war der einzige Freund der ihm geblieben war. Es war dieser Schmerz, der den verwaisten Platz an seiner Seite ausfüllte.

      *
      Als der Rausch der Endorphine verflogen war, überfluteten Tränen seine Augen. Kälte und Stumpfheit kehrten zurück und schlugen über ihm zusammen wie eine Sintflut.
      Der scharfe Verstand, des Ex-Studenten Sam Winchesters hatte längst analysiert was hier geschah. Sam wusste was er tat und er kam nicht dagegen an.

      Schluchzend zog er seine Beine gegen den Bauch und umschlang sie mit den Armen.
      Scham, Ekel, Reue und grenzenloser Selbsthass schüttelten seinen zusammengekauerten Körper mit einem nicht enden wollenden Weinkrampf.
      Salzige Tropfen wuschen das Blut von seiner Haut und rieselten wie ein sanfter Regen in das Küchenkrepp auf dem er zitternd hockte.

      Seine Stimme war dünn und zerbrechlich: „Help, please help me!“

      Niemand hörte sein Flehen. Der einzige Mensch, dem er sich anvertrauen würde war vor Kummer taub und ihm so fremd wie niemals zuvor.
      Sam war allein – nur ein Schatten, der sich auf den kühlen Steinfliesen am Boden abzeichnete, stand ihm bei.



      *** Fortsetzung folgt ***
    • *** Im Rausch ***


      Wie ein zähflüssiger Lavastrom bahnte sich das noch warme Blut beständig einen Weg durch abblätternde Farbe. Die letzten Strahlen der Abendsonne spiegelten sich in diesem gemächlich dahingleitenden, purpurnen Fluss der über die Kanten des Schneidwerkes in fetten Tropfen auf den Boden stürzte und langsam im trockenen Erdreich versickerte. Dabei ließ er eine Schicht undefinierbarer, menschlicher Bestandteile als schrumpelige Haut auf den Strohhalmen zurück.
      „Wo ist der Gerichtsmediziner?“ Inspektor Stan Warren`s Blick streifte nur einen Moment den jungen Deputy Sheriff, dessen Gesicht sich in den letzten Sekunden grünlich verfärbt hatte. Es war nicht einmal der metallische Geruch des Blutes, der den Mageninhalt des jungen Mannes zum Brodeln brachte, sondern diese knirschenden Geräusche, die entstanden als die Zähne des Schneidwerkes über die blankgelegten Rückenwirbel eines zerfetzten Torsos schleiften.
      Die untere Körperhälfte des Farmers Ethan Brown vermischte sich als Matsch mit dem Getreide im Tank seines Mähdreschers.
      Deputy Sheriff Smith riss den Kopf nach hinten. „Der Gerichtsmediziner ist dort,“ keuchte er heiser und sah über seine Schulter auf einen Mann, der halb versteckt hinter einem Ahornbaum stand und sich krümmte. „Er kotzt sich gerade die Seele aus dem Leib.“ Smith schloss die Augen und zwang ebenfalls den bitteren Film in seinem Hals zurück.
      Warren beobachtete seinen jungen Kollegen und klopfte ihm sacht auf die Schulter. „Ist okay Michael, wir übernehmen.“ Der tiefe Klang seiner Stimme strahlte Wärme aus. Inspektor Warren war einer jener Männer, dessen Alter man schlecht einschätzen konnte. Schlank, hochgewachsen und mit sonnengebräunter Haut wirkte er trotz seiner graumelierten, kurzen Haare jünger als er wirklich war.
      Er schnaufte. In seiner über vierzigjährigen Dienstzeit hatte er selten etwas so Grausiges gesehen. Bedächtig schritt er um das riesige Gefährt und warf einen Blick in die verstaubte Fahrerkabine. Nichts deutete auf einen Kampf hin.
      Ein schwerer Feldkiesel, der auf dem Gaspedal des Mähdreschers lag und die Tatsache, dass Ethan offensichtlich nicht unternommen hatte um den zerstörerischen Stahlzähnen im Schneidwerk aus dem Weg zu gehen, bestätigte die Vermutung seiner Kollegen über einen Selbstmord. Zweifelnd zog Warren die Stirn kraus und schüttelte etwas mit dem Kopf bevor er die Tür zuschlug.
      Als er wieder auf Smith zu schlenderte, glitten seine Hände in die Hosentaschen der schwarzen Anzughose. Eine graue Krawatte flatterte bei jedem Schritt halb geöffnet über dem weißen Hemd das er trug. Es war zu heiß und der schwere Geruch des Blutes, der in der flimmernden Abendluft schwebte hatten Warren veranlasst, seine Anzugjacke im Dienstwagen zu lassen.
      Langsam ging der Inspektor vor Smith in die Hocke. „Wer hat ihn gefunden?“ Wollte er wissen.
      Der Deputy Sheriff saß inzwischen im trocknen Graß des Feldrandes. Sein Blick war starr zu Boden gerichtet. Es hatte den Anschein als versuche er seinen Körper abzustützen. Zitternde Hände wühlten im Staub zwischen den Gräsern und durch seine Finger glitten vereinzelte trockene Halme. „Sein Sohn Noah,“ flüsterte Michael Smith ohne den Kopf zu heben.
      Warren nickte. Er wusste, dass die beiden jungen Männer gut befreundet waren. Sein Blick streifte noch einmal die schwere, immer noch tuckernde Landmaschine. Führerlos war sie durch eine tiefe Bodenfurche gekippt. Nur dem Schneidwerk, das auf einer Seite ins Erdreich stieß, war es zu verdanken, dass der Mähdrescher sein grausiges Werk nicht vollenden konnte und man noch etwas von Ethan fand.
      Winzige Schweißperlen sammelten sich in den Grübelfältchen über Warren`s hellen Augenbrauen. Das war der zweite ungewöhnlich brutale Selbstmord innerhalb von zwei Wochen. Der Inspektor kannte beide Opfer und konnte sich nicht vorstellen was sie zu dieser Tat veranlasst haben könnte.

      *** *** ***

      Irgendwann zitterte Sam`s Körper so heftig, dass er befürchten musste, Dean könnte durch das Klappern seiner Zähne misstrauisch werden. Noch immer hockte der Jüngste zusammengekauert an der kühlen Wand. Der Blutverlust ließ ihn trotz der sommerlichen Temperaturen frieren. Sam fühlte sich schwach und elend. Langsam hob er den Kopf und lauschte in den Raum, konnte aber außer dem eigenen Atem und unverständlichen Stimmen aus dem Fernseher hinter der verschlossenen Tür nichts hören. Also zwang er sich stöhnend auf die Beine. Peinlich mied er den Anblick des Blutes auf seiner feuchten Haut und er übersah die dunkelroten Flecken in dem zerknitterten Küchenkrepp auf dem seine nackten Füße unsicher standen. Zu sehr schämte sich Sam für die Unfähigkeit diesem selbstzerstörerischen Drang, diesem lockenden innerem Ruf der ihn immer wieder übermannte zu widerstehen. Gerötete Augen blickten ihn vorwurfsvoll aus dem Spiegel entgegen als er schwankend mit seinen Händen am Waschbeckenrand Halt suchte.
      Warum hatte er es schon wieder getan? Wie konnte er Dean nur so enttäuschen?
      Sam verstand nichts mehr. Er war immer der Vorsichtigere gewesen. Wie oft hatte er Dean zurück gehalten, wenn dieser im Übereifer bei der Jagd weit über das Ziel hinaus geschossen war.
      Sam seufzte leise.
      Vorsichtig öffnete er die Tür des Spiegelschrankes und griff hastig nach dem Verbandsmaterial. Mit wenigen Handgriffen hatte Sam alle nötigen Utensilien auf dem kleinen Ablageboard verteilt. Seine Bewegungen waren sicher und routiniert als er die lange Schnittwunde versorgte.
      Behutsam reinigte Sam mit einem jodgetränktem Mullläppchen die Wunde und hielt unter dem Brennen den Atem an.
      Als die kleine Schere in seiner Hand schließlich das Pflaster zerschnitt, schwor er sich, dies zum letzten Mal getan zu haben. Plötzlich war die Magie der scharfen Schneide verschwunden und ließ ihm beim Anblick erschauern.
      Der Jäger schnaufte schmerzlich als er den Kopf in den Nacken zog um durchzuatmen. Es war nicht das Brennen in seinem Fleisch, dass ihn jetzt für Stunden martern würde, sondern der Hass auf sich selbst. Zorn und Angst stieg ihn ihm auf, denn Sam wusste wie oft er diesen heimlichen Schwur schon gebrochen hatte. Die Narben in seiner Haut lachten ihn spöttisch aus, als seine Pupillen den zitternden Fingern folgten, die sie nun unter einem kleinen Verband verbargen.
      Sam biss die Zähne zusammen und schloss für einen Moment die Augen.
      Er musste fit sein, durfte sich keine Schwäche leisten. Heute Nacht war der letzte Vollmond des Monats und der Jüngere wusste genau dass in wenigen Stunden die letzte Chance bestand, einen Werwolf, den sie seit Wochen verfolgten endlich zu erledigen. Dean würde alles daran setzten die Jagd zu beenden – und er verließ sich auf Sam.
      Der Jüngere sah wieder in den Spiegel. Langsam strich er sich eine Strähne aus der Stirn. Sams Haut war bleich, die Lippen fast farblos. Dunkle Ränder hatten sich unter seinen matten Augen gebildet. Der Jäger biss sich auf die Unterlippe: Er war Deans Rückendeckung und hatte kein Recht auf Selbstmitleid. Leicht gekrümmt betrachtete Sam das Chaos um sich herum. Die Hände abschirmend vor seinen schmerzenden Körper haltend, schob er das Küchenkrepp mit den Füßen zusammen und ließ es schließlich im Abfalleimer verschwinden. Er würde es sofort entsorgen, damit sein kleines Geheimnis gewahrt blieb.
      Nachdem Sam sorgfältig alle verräterischen Spuren im Bad beseitigt hatte, sah er ein letztes Mal schnaubend auf sein Spiegelbild.
      Als er tief einatmete zuckte ein zaghaftes Lächeln auf seinen schmalen Lippen um die sich winzige Schweißtropfen gebildet hatten. Es passte so gar nicht zu seinen unglücklichen Augen und der verkrampften Körperhaltung, die ihm die verklebte Narbe nun aufzwang. Schlagartig stieß Sams Atem in die feuchte Luft als er versuchte sich gerade aufzurichten.
      Er zuckte zusammen - es tat einfach nur weh. Nichts war geblieben von dem Gefühl das er sich im Rausch erhofft hatte. Trotzdem war ein Funkeln in seinen Augen, denn Sam freute sich auf die bevorstehende Jagd.
      Nur in diesen wenigen Minuten in denen die Brüder in höchster Gefahr schwebten, wenn jeder noch so winzige Fehler den sichereren Tod bedeutete, standen sie sich so nahe wie einst. Wenn das Leben des Anderen auf den eigenen Schultern lastete, verdrängte diese Verantwortung die eigenen Schmerzen und sie bildeten eine unzerstörbare Einheit. Der Jüngere verwischte den Dunst der sich langsam auf dem Spiegel ansammelte und sein Gesicht verschwimmen lies um sich in die Augen zu sehen. Wenn dies der Preis war für das Gefühl der Gemeinschaft, dass Sam so sehr vermisste, dann sollte es immer etwas zu Jagen geben.
      Entschlossen schlüpfte Sam in sein Shirt und musterte sich kritisch. Ein bisschen Schonung bis zum Abend und es würde gehen.

      *** *** ***

      Bethel, Bundesstaat New York
      Sommer 1969, später Nachmittag

      „Ach komm schon. Sei doch nicht so ein Feigling.“ In Emilys Augen funkelte Neugierde und Spott. Sie strich sich ihr langes Haar auf den Rücken und gab Mia einen kleinen Stups, um sie durch die geöffnete Tür ins Innere des Hauses zu schieben. „Was soll schon passieren?“ bemerkte sie lachend als sie sich zu Natalie umdrehte und ihr zu zwinkerte.
      Emily war schon immer die Spontanste der drei Freundinnen gewesen. Es war ihre Idee, den etwas seltsam anmutenden Bewohnern der Shire-Farm einen Besuch abzustatten.
      „Ich weiß nicht.“ Flüsterte Mia und trat zaghaft über die Türschwelle: „Wir kennen diesen Typen doch gar nicht.“ Ihre schmalen Arme umschlangen den fröstelnden Körper.
      Natalie kicherte. „Mia, du solltest nicht so ängstlich sein. Jetzt sind wir einmal hier und wenn wir schon nicht zur Bühne kommen um Jimmy zu hören, sollten wir uns wenigstens diesen Spaß gönnen.“ Mit erhobenen Augenbrauen suchte sie Bestätigung in Emilys Gesicht. „Der Typ ist echt süß! Ein bisschen alt zwar aber irgendwie süß!“
      Emily nickte: „Was meinst du was unsere Enkel mal sagen werden! Wirklich!“, hauchte sie und zog Mia an sich um ihr ins Ohr zu flüstern. „Aiden hat uns eingeladen und so unheimlich ist er doch gar nicht. - Außerdem, “ über ihr Gesicht huschte ein Lächeln: „… bin ich patschnass geworden und der Stoff den er uns versprochen hat ist umsonst!“ Mit einem entschlossenen Schritt schob sie sich an ihren Freudinnen vorbei.
      Schwerer, süßlicher Duft von Räucherstäbchen erfüllte ihre Lunge. Er sollte den Geruch von Joints, der an jedem Gegenstand zu kleben schien, verdecken. Leise, seltsam anmutende Musik säuselte in den Ohren der Mädchen, die sich nun schüchtern aneinander drängten. Hinter einem Vorhang aus bunten Holzperlen murmelte die warme Stimme eines Mannes.
      Neugierig sahen sich die drei um. Das kleine Zimmer wurde schier erdrückt von schwerer Ornamenttapete und zwei alte Kommoden lehnten an der Wand. Sie waren überladen mit kitschigen Engelsfiguren, Schmuckstücken und Klimmbimm sowie unzähligen Kerzen die flackernde Schatten in den Raum warfen. Auch auf einer schmalen Holztreppe drängten sich Kerzen und Figuren, so dass es fast unmöglich erschien nach oben zu gelangen.
      Durch die Haustür stieß ein letzter Windzug bevor sie zuschlug. Er ließ den Perlenvorhang leicht schwingen. Diese pendelnde Wand versperrte den Mädchen die Sicht ins Wohnzimmer, in dem die angenehme Stimme plötzlich verstummte.
      Als Emily Aidens Silhouette hinter den schwingenden Perlen sah, zog ein Lächeln auf ihr Gesicht. Sie erkannte ihn schon an der Statur, an der Art wie er sich bewegte. Obwohl sie diesen Mann erst auf dem Festival kennengelernt hatte, ging er ihr nicht mehr aus dem Kopf. Seine rauchige Stimme, das schöne Gesicht und die schmalen Hände – vor allem aber diese intensiven blauen Augen, mit der er sie durch einen einzigen Blick verzaubert hatte, ließen sie nicht mehr los.
      Rasch schob Aiden den Vorhang auseinander und huschte in den Flur.
      „Oh, ich sehe du hast deine Freundinnen mitgebracht!“ Raunte er während seine Finger zärtlich durch Emilys Haar strichen um sich schließlich auf ihre Schultern zu legen. Er beugte sich zu ihr herab und flüsterte: „Ich wusste du würdest kommen.“ Seine Lippen berührten fast ihre Haut. „Wollt ihr nicht reinkommen?“ Aidens Blick wechselte zu Mia und Natalie. Er lächelte.
      Völlig verwirrt starrten die beiden Mädchen den Mann in zerrissener Jeans an, auf dessen nackter Brust ein seltsames Medaillon blitzte. Schweißtropfen hatten sich auf seiner Haut gebildet und ließen seinen muskulösen Oberkörper bei jeder Bewegung schimmern.
      Emily warf ihren Freundinnen ein triumphierendes Lächeln zu.
      Ohne eine Antwort abzuwarten schob Aiden die Mädchen ins Wohnzimmer.
      Feuchtwarmer Nebel umfing sie, trotz der geöffneten Fenster vor denen Gardinen leicht im Windzug flatterten. Obwohl draußen die Sonne schien, wurde ihr Licht daran gehindert in den Raum zu gelangen. Nur ein paar vereinzelte Strahlen machten winzige Staubteilchen in der Luft sichtbar.
      Es dauerte eine Weile bis sich die drei Mädchen an das Halbdunkel und die tanzenden Schatten unzähliger Kerzen gewöhnt hatten.
      Mias Augen irrten durch das Zimmer. Es fiel ihr schwer in der mit unbekannten Aromen angereicherten Luft zu atmen. Sie hatte sich etwas hinter Emily und Natalie versteckt.
      Dieses Haus war unheimlich. Bedrohliche Götzenbilder an den Wänden und sich langsam in flimmernder Hitze drehende Luftschlangen die zahllos von der Zimmerdecke hingen, verwandelten die Umgebung in ein Szenario aus einem ihrer Alpträume.
      „Setzt euch doch zu uns“ hauchte Aiden ihr in den Nacken. Er war an Mia heran getreten. Sein Atem war warm.
      Erst jetzt bemerkten die Mädchen, dass sie nicht die einzigen Gäste waren. Auf einem alten Teppich in der Mitte des Raumes hatte sich bereits eine kleine Gruppe niedergelassen. Im Inneren des Kreises den sie bildeten, standen Kerzen. Blaue Flammen loderten aus einem kupfernen Schälchen. Auf einem Büffet an der Wand säuselte ein alter Samowar.
      „Wer ist dieser Typ?“, zischte Mia als sie in der kleinen Runde Platz nahm. Auch Natalie hatte sich inzwischen gesetzt. Einige widerspenstige Locken, die sich aus ihrem Pferdeschwanz befreit hatten zitterten bei jedem Atemzug auf ihrer Stirn. Gebannt verfolgte sie das Handeln des hochgewachsenen Unbekannten, der nun zum Buffet ging.
      Bevor er nach dem Wasserkessel griff, strich er sich eine dunkle Haarsträhne aus dem Gesicht. Natalie konnte ihre Augen kaum vom Rücken des Mannes reißen. Sie schien jede seiner Bewegungen, das Licht und Schattenspiel der Muskeln mit ihren Blicken zu verschlingen. Emily beobachtete zerknirscht die Freundin, die fast schon schamlos „ihren“ Fremden anhimmelte.
      Mia schnaufte leise und schüttelte verständnislos den Kopf. Sie konnte die Euphorie ihrer beiden Begleiterinnen nicht nachvollziehen. Sicher Aiden war attraktiv und hatte ein Karma, das einem die Luft rauben konnte. Aber der Typ war mindestens 30 und eindeutig zu alt für die Teenager. Zornig darüber Emilys Wunsch nachgegeben zu haben und nun in dieser merkwürdigen Runde zu sitzen, senkte sie den Kopf. Schwarzen Haarsträhnen verdeckten ihr Gesicht. Für Mia war klar was dieser Kerl vorhatte und am liebsten wäre sie gegangen. Aber sie wollte ihre beiden besten Freundinnen nicht allein mit diesem Typen zurück lassen.
      Plötzlich spürte sie Aidens Hand auf der Schulter. Er schien ihr Misstrauen bemerkt zu haben und schenkte nun ausgerechnet ihr all seine Aufmerksamkeit. Neidisch Blicke beobachteten das Geschehen heimlich.
      „Ich weiß was du denkst“, säuselte er während seine Finger ihren verspannten Rücken massierten. Langsam erhob Mia den Kopf um dem Fremden ins Gesicht zu sehen. Unter zusammengezogenen, schmalen Brauen fixierten sie stechendblaue Augen. Sie schienen förmlich in ihren Körper einzudringen. Aiden neigte leicht den Kopf. Ein Lächeln lag auf seinen Lippen. Behutsam griff er nach ihrem Haar und ließ eine Strähne durch seine schlanken Finger gleiten. „Ich spüre Skepsis in dir“, flüsterte er unter den erstaunten Blicken der anderen Mädchen.
      Mia war es unangenehm plötzlich so viele Augenpaare auf sich gerichtet zu wissen. Sie schluckte verlegen.
      Er ging neben ihr auf die Knie. Mia wusste nicht ob es Absicht oder Zufall war, dass sich Aiden ausgerechnet zwischen sie und Emily schob - und sie somit abschirmte. Dass sein Körper dabei immer wieder ihren streifte war bestimmt kein Versehen. Eine leichte Röte legte sich auf Mias Wangen. Sie fühlte wie sich ihr Herz beschleunigte.
      Mit einem Schmunzeln registrierte der Fremde die Reaktion des Mädchens und schloss die Augen um tief einzuatmen.
      Es wurde totenstill im Zimmer als Aiden offensichtlich leise summend meditierte.
      Nach einer Weile griff er hinter seinen Rücken und reichte ein gläsernes Schälchen mit Tee in die Runde um seine Anhängerschaft mit einem Nicken aufzufordern einen Schluck zu nehmen.
      Nachdem das Gefäß seinen Weg beendet hatte, lag es in Mias zitternden Händen. Zögernd blicke sie zu Aiden herauf. Dieser zog seine Augenbrauen in die Höhe und musterte die zarte Siebzehnjährige lächelnd. „Du kannst gehen, wenn du möchtest.“ Aidens samtige Stimme schickte Wellen von heißen Schauern unter Mias Haut. Das Leuchten dieser unergründlichen Augen ließ sie ihre Alpträume und Zweifel vergessen. Unfähig den Blick von diesem Mann zu nehmen führte Mia das kleine Gefäß an ihre Lippen und trank.
      „So ist es gut“, raunte der Fremde. Als er Mia das Schälchen abnahm, strichen seine Finger wie versehentlich über die weiche Haut ihrer Hand. Dann breitete er seine Arme aus und zog ruckartig den Kopf in den Nacken. „Folgt mir in eine unbekannte Welt. Sprengt mit mir die Grenzen des menschlichen Bewusstseins.“ Dröhnte seine tiefe Stimme plötzlich so laut, dass die Gruppe zusammenzuckte.
      Aidens Blick richtete sich auf Mia. „Ich weiß wir haben heute ein Medium gefunden, dass uns den Weg zeigen wird“, raunte er sanfter. Es folgten murmelnde Worte, die niemand mehr verstand. Die Gruppe hatte sich bei den Händen genommen und wankte im Schneidersitz betäubt von Drogen, einer fremden Welt aus singenden Farben und bunten Töne entgegen.
      Einzig Aiden, der die Worte sprach behielt die Kontrolle über die Situation, denn er hatte nichts getrunken. Er spielte seine Rolle meisterlich und war sich der unglaublichen Ausstrahlung die er auf Frauen ausübte, bewusst.
      Der gefährliche Cocktail zeigte schnell Wirkung. Nach und nach kippten die Mädchen zur Seite und blieben zuckend auf dem Teppich liegen. Fiebriger Rausch ließ kalten Schweiß auf ihrer Haut zurück. Mit flachem Atem krümmten sie sich am Boden.
      Aiden warf einen Blick über seine Schulter. Ein kühles Grinsen entblößte perfekte Zähne als er in die Ecke des Zimmers starrte.
      Den roten Punkt, der dort über dem kalten Auge einer sorgfältig versteckten Kamera glimmte, hatte niemand bemerkt.
      Aiden erhob sich und sah herab auf die Mädchen, die vor ihm am Boden mit ihren schlimmsten Alpträumen kämpften. Langsam schritt er zwischen ihnen hindurch und schubste gelegentlich mit dem Fuß einen Körper, um ihn auf den Rücken zu drehen.
      Als er seine Runde beendet und wieder bei Mia angekommen war, beugte er sich zu ihr herunter. Vorsichtig schoben seine Finger ihre zuckenden Lider nach oben und Aiden sah in geweitete Pupillen – jenseits dieser Welt, die ihn ausdruckslos anstarrten.
      Er ließ von ihr ab und erhob sich um das Zimmer zu verlassen.
      Am Telefon im Hausflur wählte er hastig eine Nummer.
      „Ich habe es begonnen!“ Berichtete er mit kristallklarer Stimme. Als er weitersprach funkelten seine eisblauen Augen. „Diesmal ist die Zielperson dabei …“



      *** Fortsetzung folgt ***



      Himmel das habe ich ja ganz vergessen:
      Ich habe wieder etwas gebastelt^^

      img685.imageshack.us/img685/4034/fugendsndengro.jpg
      img222.imageshack.us/img222/5600/jugendsndenkopie.jpg

      und zwei Filmchen gibt es auch wieder ;o)
      youtube.com/watch?v=8xoYFkVOpLk
      (eine kleine Story zur Jugendsünden)

      youtube.com/watch?v=zomouX_-GZ0&feature=related
      (hier ist etwas Vorsicht geboten … inspiriert von einer wunderbaren Story von
      Sefiroth mit dem Titel "Zwei Seiten der Medallie" ist dieser Wincest entstanden)
    • *** Gemeinsam Einsam ***

      Ein stillgelegtes Gewerbegebiet.
      Im fahlen Schein des Vollmondes ragten die verlassenen Gebäude wie stumme Zeugen eines nuklearen Angriffs in den Himmel. Kaum ein Lichtstrahl erreichte den Grund der weit verzweigten Straßenschluchten. Umso lauter heulte der warme Sommerwind in den verborgen Winkeln und Gassen. Hier und da trieb er einen Fetzen Papier oder eine aufgeblähte Plastiktüte vor sich her. Rostende Container standen an manchen Stellen so dicht, dass kaum auszumachen war wohin der Weg durch die Ruinen führte.
      Nicht einmal Waschbären und Stadtfüchse schienen sich hier wohl zu fühlen, denn kein Lebewesen wollte sich das Revier mit einem Werwolf teilen.

      Kein Lebewesen - außer zwei Brüdern die sich auf das ewige „Jäger und Gejagte – Spiel“ eingelassen hatten und dem Untier bis hierher gefolgt waren. Auf dem mit Scherben übersäten Boden war an ein schnelles Vorankommen nicht zu denken. Ihre Körper dicht an die bröckelnde Backsteinmauer hinter ihrem Rücken gepresst, versuchten sie angestrengt jeden Fehltritt, der spröde Schlacke unter ihrer Schuhen knirschen lies, zu vermeiden. Die Kommunikation auf einfache Gesten und Blicke reduziert, glitten Sam und Dean wie Schatten an der Wand entlang. Unentwegt schauten sich die Jäger um und inspizierten sorgfältig jede geöffnete Tür und jedes zerbrochene Fenster, hinter dem der sichere Tod lauern könnte.

      Die Stille war erdrückend.
      Mit erhobener Braue sah Dean über seine Schulter zum Bruder. Sams unschlüssig zuckende Lippen bestätigten ihm, dass sie möglicherweise die Spur im Labyrinth der menschenleeren Gassen verloren hatten. Schlimmstenfalls waren sie bereits selbst unfreiwillig zu Gejagten geworden.

      Das Geräusch von splitterndem Glas aus einer schmalen Gasse, die sie gerade gekreuzt hatten, hob die Stille abrupt auf und ein lang gezogenes Heulen verriet ihnen, dass der Werwolf nicht die Absicht hatte, sich zu verstecken. Auf ihre hochsensiblen Reflexe vertrauend drehten sich die Jäger um die eigene Achse und im Bruchteil einer Sekunde richteten sich ihre Waffen dem heimtückischen Geräusch zwischen den dicht beieinander stehenden Gebäude entgegen. Allein das Knirschen unter klauenbewaffneten Pfoten verriet die herannahende Kreatur.
      Schneller als ein Wimpernschlag schoss ein gewaltiger Schatten aus der Dunkelheit und nur das boshafte Funkeln gelber Augen bot den Jägern eine Millisekunde lang die Möglichkeit für einen gezielten Schuss. Im aufzuckenden Licht des Mündungsfeuers blitze kurz vor ihnen eine Batterie von messerscharfen Reißzähnen, die krachend aufeinander schlugen. Genau in diesem Augenblick standen ihre Herzen still. Nach Blut riechender Atem schlug den Jägern ins Gesicht, bevor der Werwolf vor ihren Füßen zu Boden ging. Sam und Dean beobachteten erstarrt, wie sich die Kreatur winselnd im losen Staub auf dem Asphalt wälzte, um eine Sekunde später wieder auf die Beine zu springen. Mit einem gewaltigen Satz brach sie durch das Fenster einer Lagerhalle und war verschwunden.

      Zwei Herzschläge später hatten die Brüder den lähmenden Schreck, der ihre Körper an die Wand nagelte, abgeschüttelt. Wieder einmal war ihnen der Tod näher als das Leben gewesen und sie hatten ihm getrotzt. Um Deans Lippen zuckte ein überlegendes Lächeln als er mit einem Kopfnicken seinen Bruder aufforderte, ihm zu folgen.
      Mit verbissener Entschlossenheit setzten beide Männer dem Untier nach.

      In der Lagerhalle war es noch heißer als auf dem zerrissenen Asphalt der Straße. Ein altes Wellblechdach hatte die Hitze des Sommertages aufgesaugt und strahlte diese nun gnadenlos ab. Jedes Geräusch schien sich in der stickigen Luft zu vervielfachen. Unter schwerfälliges Atmen und ihren tastenden Schritten auf verstaubtem Betonboden mischte sich kurz das Klicken einer Taurus und einer Beretta, die erneut entsichert wurden. Die schallende Akustik der geräumten Halle erwies sich trotzdem als Vorteil, denn in der Dunkelheit war es nahezu unmöglich, etwas zu erkennen. Mit einem Lichtstrahl die Aufmerksamkeit der Bestie auf sich zu lenken hielten beiden Jäger für gefährlicher.

      Sam nahm als erster ein leises Knacken wahr. Doch bevor er seinen Bruder warnen konnte, stieß seitlich von diesem ein Maul aus der Dunkelheit. Ohne zu zögern wehrte Sam das mörderische Gebiss mit einem explosiven Faustschlag ab und stellte sich dem Untier in den Weg. Seine breiten Schultern, die sich energisch den Weg nach vorn bahnten, trafen den Älteren unvermittelt und rissen ihn von den Beinen. Alles beherrschende Angst Dean zu verlieren schaltete Sams Selbsterhaltungstrieb aus. Reinem Instinkt folgend zog sich sein Zeigefinger um den Auslöser noch während er mit einem unglaublichen Satz der tödlichen Pranke des Werwolfes auswich und über seiner Schulter abrollte.
      Das angeschlagene Geschöpf bekam keine weitere Chance. In bernsteinfarbenen Augen spiegelte sich das Mündungsfeuer der Taurus, gefolgt vom schrillen Quieken eines tödlich verwundeten Tieres. Wieder ging die Kreatur zu Boden. Diesmal war es endgültig.

      *

      „Dean! Ist alles Okay?“ Sams Stimme war heiser und zerrissen von hektischen Atemzügen, als er sich neben seinem am Boden liegenden Bruder auf die Knie warf.
      „Verdammt!“ knurrte der Ältere, drehte sich auf die Seite und hustete rostigen Staub. Als er sich stöhnend aufrichtete, rügte er Sam. „Was hast du dir dabei gedacht Sammy!“ Kopfschüttelnd fixierte er ihn. „Du hättest sterben können.“ Noch immer vom Sturz auf den harten Stein benommen rieb sich Dean an der Stirn und senkte fassungslos den Kopf.
      Sam stand leicht gekrümmt vor ihm und hielt sich japsend den Bauch. „Ich habe gar nichts gedacht“, keuchte er. „Ich habe dir gerade den Arsch gerettet Bruderherz.“ Rau platzte der Satz durch seine schmerzverbissenen Zähne.
      Dean winkte stöhnend ab. „Das hätte ich auch allein geschafft.“ Sein Schädel dröhnte wie eine tickende Bombe und er wusste, dass dieses Hämmern nicht vom Sturz kam. Als Dean seinen Bruder erneut ansah, schluckte er, denn Sams gebeugte Körperhaltung entging ihm nicht. „Alles Okay Sam?“
      Der Jüngere nickte. „Ja – das Mistvieh hat mir nur einen Schlag verpasst.“, murmelte er. Aber ein brennender Schmerz verriet ihm, dass die gut verborgene Schnittwunde auf seinem Bauch aufgerissen war.
      „Lass mal sehen, “ raunte Dean. In seinen Augen flammte Besorgnis auf, als seine Hand nach Sam griff.
      Dieser wich zischend aus. „Ich sagte, es ist nichts!“ Sein Herz schlug heftiger als Dean ihn überrascht in die Augen sah.
      Sam hielt dem Blick nicht stand. Da war sie wieder, diese Mauer aus Eis. Das Gefühl, versagt zu haben. Der unerträgliche Gedanke daran, wie Dean auf sein blutiges Geheimnis reagieren würde – wie er reagieren MUSSTE!
      Diese brennende Scham in seinen Eingeweiden und die alles verschlingende Angst Dean zu verlieren zwang seinen Blick zu Boden. Sam befürchtete, Dean könnte es nicht verstehen. Er verstand es ja selbst nicht. Dean würde sich endgültig abwenden.
      Der Hüne drehte sich abrupt um und ging einige Schritte auf den nackten menschlichen Körper zu, der im rostigen Dreck der Lagerhalle starb. Nichts war übrig geblieben von der bedrohlichen und gefährlichen Bestie in ihm. Es war nur ein röchelnder junger Mann. Seine aufgerissenen Augen starrten fassungslos und voller Angst zum Himmel.
      Dean war nun ebenfalls herangetreten und beugte sich zu dem Jungen herunter, um seine Hand zu nehmen. Er schnaufte bedrückt. Wahrscheinlich hatte dieser Mensch nicht die geringste Ahnung vom Gift in seinem Blut gehabt. Als sich sein Kopf leblos zur Seite neigte, rann ein rotes Rinnsal von seiner Stirn zu Boden.
      Sams Blicke ruhten einen Moment auf dem Rücken des Bruders, der die Hand des Toten hielt. Schließlich wanderten seine blaugrauen Augen über die blasse Haut des Jungens, die über deutlich sichtbaren Rippen spannte. Fast beneidete er den Kerl, wobei er nicht einmal genau wusste, worum: War es seine Ahnungslosigkeit über die dunkle Seite, die in ihm steckte oder war es nur die Tatsache, dass er jetzt erlöst davon war? Sam holte tief Luft: NEIN - Es war die tröstende Hand seines Bruders, um die er diesen Werwolf beneidete!

      Sam schluckte.
      „Dean?“ Er musste reden. Dean verdiente die Wahrheit. Seine Stimme bebte. Er hatte den Eindruck, den Namen nur gedacht zu haben. „Ich … ich …muss!“ Das Gewissen erdrückte ihn fast. Aber noch nie lagen Sam die Worte so schwer auf der Zunge wie in diesem Augenblick. Sie entwichen seinen schmalen Lippen als ein Flüstern, angstvoll und unsicher.
      Schlagartig wandte sich der Ältere dem Jüngeren zu. Dean sah mitfühlend zu Sam herauf. Gleichzeitig legte sich ein warmer Schimmer auf sein Gesicht. „Sammy“, raunte er. „Du hattest keine Wahl. Du musstest es tun.“ Deans Worte waren wärmend – trotz des Kummers, der in ihnen mitschwang. „Er war nicht mehr zu retten.“ Erklärte Dean und sah wieder auf den toten Körper am Boden.
      Sam verstummte. Er nickte kurz und eine Träne blitzte im Augenwinkel, als er seinen Kopf in den Nacken riss, um verzweifelt nach Worten zu suchen.
      <<< Er war nicht mehr zu retten >>>
      Nachdem Dean sich schließlich erhoben hatte und Sam seine Hand auf der Schulter spürte, neigte er das Gesicht und schloss die Augen. Braune Haarfransen verdeckten seine geschlossen Lippen hinter einem Vorhang aus Schweigen.

      *** *** ***

      Die Jäger fuhren in dieser Nacht nicht mehr zurück ins Motel. Bald würde man hier eine Leiche finden, dessen Tod die Polizei einmal mehr vor ein Rätsel stellte. Zu diesem Zeitpunkt war es besser für die Brüder, so viele Meilen wie möglich zwischen sich und dem Toten gebracht zu haben. Und so raste der schwarze Wagen abseits der belebten Highways bereits seit Stunden auf verwaisten Landstraßen unter einem Nachthimmel, der sich wie eine dünne Haut über das Land spannte. Jede Meile, die sie vom letzten Tatort weiter entfernte, brachte sie dem nächsten Alptraum unweigerlich näher.
      Obwohl Beide wussten, dass sie nicht allein im Kampf gegen das Böse waren, hatten sie oft genug das Gefühl, allein zu sein - allein in einem Kampf in dem sie selbst immer öfter verloren. Dieser Krieg war nicht zu gewinnen. Wenn nicht irgendein Geschöpf der Finsternis sie eines Tages töten sollte, würden sie mit Sicherheit als Grabschänder und Serienkiller in einer Todeszelle enden, denn ihre Geschichten waren zu unglaublich.
      Also was trieb sie immer wieder auf die Straße? Was hetzte sie in eine Schlacht, in der es keine Gewinner gab?
      War es Rache? Waren es die Menschenleben die sie retteten? Oder die nicht endende Flucht vor der Polizei und dem FBI? Wurden sie gehetzt von ihrem eigenen Gewissen? War es das fehlende Zuhause? Oder war es einfach nur der letzte Anruf von Bobby?
      Der alte Jäger hatte einen Hinweis auf merkwürdige Ereignisse in einem kleinen Ort im Bundesstaat New York. In den letzten Jahren kam es in der Umgebung von Bethel immer wieder zu einer Anhäufung von merkwürdigen Unfällen oder Selbstmorden. Mit den Jahrzehnten schienen auch die Opfer zu altern.
      Bobby glaubte nicht an derartige Zufälle und hatte die Brüder gebeten, diese Sache zu überprüfen. Der Ältere hatte sofort zugestimmt, obwohl er sich über den mangelnden Protest seines jüngeren Bruder gewundert hatte.

      Angespannt starrte Dean auf die Straße. Der gelben Fahrbahnmarkierung, die am Impala vorbei rauschte, schenkte er schon lange keine Beachtung mehr. Er war froh, endlich wieder fahren zu können. Nicht, dass es etwas Besonderes für ihn gewesen wäre. Er fuhr den Wagen fast immer. Aber in letzter Zeit waren es neue Beweggründe für Dean, sich hinter das Steuer zu setzten. Stundenlanges Fahren hielt ihn wach und verschonte ihn vor den schrecklichen Träumen – und das sogar ohne Alkohol. Denn wenn er am Steuer saß, trank er nichts.
      Eine steile Falte bildete sich auf seiner Stirn, als sich zitternde Finger fester um das Lenkrad klammerten. Dieses Zittern suchte ihn nicht heim wegen Angst oder Kälte. Der Ältere hielt betroffen den Atem an. Der verdammte Whisky! Nicht enden wollende Kopfschmerzen, die dem betäubenden Rausch folgten, hatten ihm ziemlich zugesetzt und seine Reflexe verlangsamt.
      Deans Kiefer knackten.
      So durfte es nicht weiter gehen. Die Folgen seines rücksichtslosen Handelns hätten Sam heute das Leben kosten können!
      Ein prüfender Blick streifte den schlafenden Jüngeren auf dem Beifahrersitz und zauberte ein Lächeln auf Deans Lippen. Er erinnerte sich an das Gefühl, als er mit vor Stolz aufgeblähter Brust seinen kleinen Bruder das erste Mal im Arm halten durfte. Sammy war damals wenige Tage alt. In diesem Augenblick spürte Dean eine unerschütterliche Verbundenheit, die sich im Laufe ihrer einsamen Kindheit in unpersönlichen Motelzimmern, in ständig wechselnden Schulen und auf dem Rücksitz des Impalas zum einzig Beständigen in ihrem Leben entwickelte. Dean liebte die Rolle des großen Bruders, des Beschützers. Es war das mächtigste und das einzige Gefühl das er in all den Jahren seiner Kindheit, in der er auf sich allein gestellt für Sam da war, gelernt hatte. Er durfte ihn nicht enttäuschen.
      Sam sah so friedlich aus, wenn er schlief. Die blassen Strahlen des Mondes, gefiltert durch das dichte Laubwerk über der Allee, zeichneten tanzende Lichter auf das Gesicht Schlummernden. Es schien, als hätte Sam all die schrecklichen Erlebnisse der letzten Monate einfach ausgesperrt. Sein Kopf war zur Seite gefallen und die glatte Stirn schimmerte unter vibrierenden Haarfransen. Nicht eine einzige Kummerfalte durchzog die blasse Haut des Jüngsten.
      Sams Körper schaukelte leicht im Rhythmus des Wagens.
      Dean musste grinsen. Selbst wenn der Klugscheißer schlief, ließ er den Laptop nicht los. Auf seinem Schoß flimmerte das Gerät noch immer und Sams schmale Finger hielten krampfhaft daran fest. Er war über der Recherche zum neuen Fall einfach eingenickt und schien völlig entspannt, obwohl seine überlangen Beine, die kaum Platz im Fußraum des Wagens fanden, ihn in eine recht merkwürdige Körperlage zwangen.

      Dean sah zurück auf die Fahrbahn und seufzte leise.
      Sam sah wirklich friedlich aus - wenn er schlief!
      Ein Schatten zog über das Gesicht des Älteren und die Anspannung presste seinen Rücken gegen die Lehne des Sitzes.
      Wenn Sam wach war, veränderte sich alles. Dann verschwand der sorglose, vertrauensselige kleine Bruder von damals. Zu viel Leid und Schuld, zu viel grausames Wissen und der allgegenwärtige Tod hatte seinen Glauben verzehrt. Sam war erwachsen geworden. Nicht nur körperlich – und Dean war sich nicht sicher ob ihm das gefiel. Die Gesichtszüge des Jüngsten waren kantiger und härter als früher. Seine Augen lachten nicht mehr. Sam war kälter, verschwiegener, aber vor allem dunkler. Zu oft hatte seine Seele schon vom Bösen gekostet. Obwohl Dean all die Jahre an der Seite seines Bruders verbracht hatte und jedes seiner Geheimnisse kannte, wurde er das Gefühl nicht los, etwas zu übersehen.
      Mehr denn je schien es in Sam zu brodeln, insbesondere seit den verhängnisvollen Ereignissen während der Raunächte des letzten Jahres, an die er sich nicht einmal erinnern konnte. Sam hatte sich verschlossen und jeder Faser im Körper des Älteren stand in Alarmbereitschaft. Dean hatte das Gefühl die Kontrolle zu verlieren – Sam zu verlieren!


      *** Fortsetzung folgt ***
    • *** Am Abgrund ***

      Den größten Teil des Vormittages hatte Inspektor Stan Warren damit verbracht in den Akten nach ähnlichen Fällen zu suchen. Dieses Vorhaben erwies sich als nicht besonders schwer, denn im Laufe seiner Dienstzeit in Bethel hatte sich ein beachtlicher Stapel in den Schränken seines kleinen Büros angesammelt. Beim Durchblättern der maschinenbeschriebenen Seiten schüttelte Warren verständnislos den Kopf.
      Besonders in heißen Jahren wie in diesem, schienen sich die Anwohner der kleinen Stadt im Sullivan County, die umgeben war von riesigen Weideflächen und Maisfeldern, reihenweise umzubringen. Selbst Touristen in verschiedenen Camps, alle am Silver Lake gelegen, wurden von der periodisch auftretenden Massenhysterie betroffen. Und die Umsetzung ihrer blutigen Fantasien war bizarr. Ohne jeden Grund fand man immer wieder zerfetzte oder verstümmelte Körper – verunglückt oder freiwillig in den Tod gegangen. Viele von ihnen konnten nicht einmal identifiziert werden. Was trieb die sonst so friedlichen Menschen in den Tod?
      Stan Warren hatte in den letzten Jahren mehr Selbstmord- und Unfallakten geschlossen, als Fahrraddiebstähle aufgeklärt.

      Seufzend griff er nach einer Tasse mit kaltem Pfefferminztee und nahm einen kräftigen Schluck. Auch wenn er von seinen jüngeren Kollegen für diese Vorliebe belächelt wurde, ließ er sich nicht davon überzeugen Kaffeetrinker zu werden. Er schwor auf das Gebräu. Nichts war erfrischender an heißen Sommertagen als eisgekühlter Pfefferminztee.
      Nachdem er die schwere Tasse wieder zwischen die Aktenstapel auf seinem Tisch gestellt hatte, lehnte er sich zurück und zog den Kopf in den Nacken. Gedankenversunken beobachtete er eine Weile den riesigen Deckenventilator, dessen schwere Messingblätter träge kreisten, es aber nur vermochte einige Fliegen zu vertreiben. Vermutlich war das antike Stück nur Dekoration.
      Warrens Finger fuhren über seinen Hemdkragen und nestelten an der grauen Krawatte die seinen Hals zuschnürte. Die Hitze wurde langsam unerträglich. Obwohl die Klimaanlage, ebenso alt wie der Ventilator, unablässig brummte, schaffte sie es nicht die Temperatur im Zimmer auf erträgliche Werte zu senken. Warren musste innerlich lächeln. Wahrscheinlich war auch er ein antikes Stück.

      Sein Blick streifte über ein Wandregal, vollgestopft mit diversen Urkunden und Auszeichnungen, in Richtung Fenster.
      Auf dem staubigen Parkplatz vor dem Gebäude standen nur wenige ebenso staubige Autos. Kein Blatt bewegte sich an den Kastanienbäumen die den Rand eines kleinen Parks säumten. Es war totenstill. Nicht einmal die fröhlichen Kinderstimmen vom nahegelegen Spielplatz erfüllten die Luft. Obwohl Warren es manchmal als nervig empfand, diese Stimmen hören zu müssen, denn sie quälten ihn mit Erinnerungen auf die er lieber verzichten würde, hätte er sich heute gern einige gewünscht.
      Ruckartig erhob er sich und ging auf das Fenster zu. Seine Hand schob eine dahinsiechende Zimmerpflanze zur Seite und stützte sich auf die Fensterbank. Halbgeöffnete Jalousien zeichneten schattige Streifen auf das müde Gesicht des Inspektors, dessen Blicke nachdenklich über den Parkplatz schweiften.
      Hitze ließ die Luft über der kleinen Stadt flimmern und den Asphalt auf den Straßen weich werden. Warren seufzte gegen das Glas, denn er wusste dass es wieder anfing. Immer in heißen, trockenen Sommern wie diesem, starben die Menschen in Bethel.

      Für eine Sekunde hielt der Inspektor unter einer allgegenwärtigen Erinnerung den Atem an. Sein flüchtiger Blick streifte eine Pinnwand gegenüber des Schreibtisches. Zwischen unzähligen schrecklichen Fotos die an ihr hafteten, suchten seine Augen nach einem bestimmten Bild. Er fand es schnell, denn er hatte es nie abgenommen. Es hing mahnend immer noch an derselben Stelle. Seine dunklen Augen fixierten die alte, vergilbte Fotografie. Warren seufzte schwermütig.
      Niemals würde er die braunen Augen dieses 17 jährigen Mädchens vergessen.
      Er war damals noch ein junger Polizist. Kaum älter als sie. Es war nie sein Fall gewesen – aber es war der erste Fall bei dem er hinzu gezogen wurde und in all den Jahren die folgen sollten, hatte er nie wieder etwas Schrecklicheres gesehen.
      Dieser Fall wurde zu seiner persönlichen Besessenheit – und nahm ihm alles.
      Dennoch - aufklären konnte er ihn bis heute nicht. Eine Mauer aus Schweigen, die unnachgiebigen Mühlen der Bürokratie und die Wirren der damaligen Zeit, in der die Menschen nach neuen Wegen suchten, waren unüberwindbar. Stan Warren hatte schon lange einen Verdacht, aber seine Gehaltsstufe war zu gering, als das er diesem Gegner gegenübertreten konnte.
      Die Geschichte eines Mädchens und ihrer Freundinnen blieb ungehört, denn sie nahmen dieses Geheimnis mit in den Tod oder in eine noch schlimmere Existenz. Warren hatte das Gefühl Zeuge einer unheimlichen Macht in jenen Tagen geworden zu sein. Einer Präsens, die Menschen in den Tod trieb. Damals hatte es begonnen und nur wegen Mia blieb Warren – jede freie Minute an diesem Fall arbeitend, denn der alternde Inspektor wusste, dass ihm die Zeit davon lief.
      Und da draußen war immer noch der Killer.

      Dumpfes Grollen riss ihn aus seinen Gedanken als ein nachtschwarzer 1967 Impala gemächlich vor dem Gebäude einparkte. Auf seinen verchromten Felgen spiegelte sich die Sonnenglut. Bewundernd hob Warren seine Brauen: Der Oldtimer war älter als jener Fall und die Jahrzehnte hatten dem Fahrzeug, im Gegensatz zu ihm, nichts anhaben können.

      Seine Augen formten sich zu Schlitzen als er die beiden Männer in dunklen Anzügen beobachtete während sie das Auto verließen und auf das Gebäude zu schlenderten.
      „Ist es wieder mal so weit“, zischte er zynisch. Entschlossen sich diesmal nicht den Mund verbieten zu lassen, drehte er sich um und ging zur Tür mit der Gewissheit, dass der Besuch ihm galt. Immer in heißen Sommern kamen sie, versprachen Hilfe und baten um Diskretion. Sie nannten es Zusammenarbeit mit dem CIA. Es waren immer andere scheinheilige Gesichter, aber ihre Ziele waren die Gleichen: Ein Tuch des Schweigens über den Ort zu werfen, denn wieder kamen Touristen an den Silver Lake um zu sterben.

      Stan Warren war sich sicher – dieser Sommer würde sehr heiß werden!

      *** *** ***

      Knurrend quetschte sich Rob Garvey durch das leicht geöffnete Tor in den Innenhof und fluchte: „Verdammt Pope! Wo steckst du?“ Er stellte einen Eimer, den er bei sich trug auf den Boden um das Tor zu schließen. Es bedurfte einiger Kraft, denn die schweren Scharniere waren verrostet. Als er seinen gesamten Körper gegen die Stahltür stemmte, färbte sich sein Gesicht puterrot.
      Schnaufend sah Garvey über den Hof und beugte sich, um erneut nach dem Eimer zu greifen.
      Eine Wellblechwand die das Gelände von der Außenwelt abschirmen sollte, war für Einbrecher kein ernsthaftes Hindernis. Aber drei mächtige und ständig wütende Rottweiler, die zu dieser Tageszeit üblicherweise in Ketten lagen, machten den unerlaubten Aufenthalt in der Nacht zur Todesfalle. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht sah Garvey auf die sich wild gebärdenden Hunde. Sie waren sein ganzer Stolz. Erst als er seine Stimme erhob, begrüßten die staubigen Muskelpakete freudig ihren Herren und wurden dafür mit einigen gammelnden Schlachtabfällen aus dem Eimer belohnt. Ein brutaler Kampf um die besten Fetzen Fleisch entbrannte sogleich. Knurren, Drohen und Geifern mischte sich unter Klirren rostiger Ketten, dem Aufeinanderprallen muskulöser Körper und dem klappernden Geräuschen zuschlagender Gebisse. Der Lärm dieser hungrigen Kampfmaschinen schallte als wirksame Mahnung Kilometerweit und richtete sich an alle, die es versuchen sollten in das Gelände einzudringen.

      „Pope ! Du Idiot - Ich habe dir schon tausend Mal gesagt schließ das Tor ab!“ Schrie Garvey lauthals als er über den mit Schlacke und Schotter bedeckten Hof stapfte. Seine Stimme wurde verschluckt von verrottenden Karossen die sich links und rechts neben ihm auftürmten. Private und gewerbliche Fahrzeuge. Zerbeulte Autos, Transporter, Tankwagen und sogar ein Bus mit eingedrückter Fahrerkabine - die meisten von ihnen waren nicht mehr zu retten. Es war ein riesiges Sammelsurium von Wagen, hintereinander gereiht und übereinander gestapelt – jeder einzelne ein Unfallopfer.
      Hastig schritt Garvey auf den kleinen Bürocontainer am Ende seines Schrottplatzes zu. Die Sonne knallte ihm erbarmungslos auf den kahlen Schädel. Bäche von Schweiß glitten seinen Stiernacken hinab und versickerten in einem staubigen, ölbefleckten Hemd, dessen Farbe nicht mehr zu erkennen war.
      Wenige Sekunden später schlug die Tür des Containers hinter seinem Rücken ins Schloss.

      „Pope – du räudiger Hund. Wenn du wieder gesoffen hast, bist du gefeuert!“, drohte Garvey in den spärlich eingerichteten Raum und sah sich um. Aber die abgewetzte Couch war leer - das Büro verwaist. Mit einem heftigen Ruck fegte seine Hand eine leere Whiskyflasche vom kleinen Tisch. Klirrend landete sie auf dem Boden und kullerte unter das Sofa.
      Dieser Kerl lag bestimmt wieder irgendwo zwischen den Autowracks im Schatten und schlief sich den Rausch aus.
      Mit anwachsender Wut im Bauch riss Garvey die Tür erneut auf um nach draußen zu stürmen und Pope zu suchen. Seine Blicke irrten zornig über das große Gelände, als er die Metalltreppe herab stolperte. Dabei trat er den Eimer um. Ein Schwarm Schmeißfliegen, die sich mittlerweile in den blutigen Resten labten stieß in die Luft. Fluchend fuchtelte Garvey mit seinen Armen um die summenden Quälgeister zu verscheuchen und kickte den Eimer zur Seite.
      Dann bewegte er sich zielstrebig durch das nur ihm bekannte Labyrinth aus Autowracks und zerstörten Erinnerungen. Am anderen Ende des Autofriedhofs vernahm er ein Motorengeräusch. Und je lauter es wurde, umso intensiver mischte sich der Geruch von heißem Eisen und schmorenden Kabeln in die trockne Luft.
      Aber da war noch etwas anderes.
      Garvey blieb irritiert stehen und roch. Fliegen schwirrten in der flimmernden Hitze um seinen Kopf. Irgendetwas Süßliches drang in seine Nase und ließ ihn würgen. Garvey zog die Stirn in Falten. Es war der Gestank von Fäulnis und Verfall - das widerliche Aroma das ihm immer aus dem Eimer entgegen stieß wenn er seine Hunde fütterte.
      „Verdammte Köter!“, murmelte er und eilte um den Rumpf der Stahlpresse mit der Absicht den qualmenden Motor der monströsen Maschine abzuschalten.
      „Dieser Idiot setzt mir noch den Laden in Brand“, entfuhr es Garvey als er den Zündschlüssel zog.
      Noch immer irrten seine Blicke suchend nach dem Schrottplatzwächter über das Gelände. Jetzt als der überhitzte Motor schwieg, erfüllte ein anderes Geräusch den späten Nachmittag unter der brennenden Sonne. Unbehagen stieg in Garvey auf und ließ die Übelkeit in seinem Magen überschäumen. Seine Eingeweide verlangten plötzlich nach Erleichterung.

      „Pope?“ Es antwortete niemand.
      Nur dieses Summen wurde mit jedem Schritt, den er trat, lauter.
      Am hinteren Ende eines schmalen Seitenganges bewegte sich etwas im Halbdunkeln. Der Pfad durch das Wirrwarr von verknoteten Eisenstangen und Kotflügeln war schattig, denn meterhohe Wände aus gestapelten Schrottwürfeln verweigerte dem Tageslicht den Zutritt.
      Zögernd trat Rob Garvey in das Zwielicht und vertrieb die lästigen Fliegen vor seinem Gesicht.
      Von Weitem sah er auf einen Gegenstand mit einem Meter Durchmesser. Seine Oberfläche vibrierte in fließender Bewegung und erzeugte bizarre Reflektionen in Schwarz, Stahlblau und Dunkelrot. Es war ein beständiges Wuseln und Winden. Garvey sah verwirrt auf die zuckende, schwarze Haut des Würfels der diesen unerträglichen Gestank verströmte.
      Noch zwei Schritte und er war am Ziel. Als sich seine Augen, mittlerweile an die Dunkelheit gewöhnt, erneut auf die wabernde Oberfläche konzentrierten, lag ein Hauch des Begreifens in ihnen der schlimmer war als jeder Wahnsinn.
      Fliegen in unermesslicher Zahl drängten sich über- und nebeneinander. Sie leckten, summten und paarten sich unbeeindruckt von der Verwesung die sie umgab. Sie legten ihre Eier zwischen den wimmelnden Nachwuchs unter ihren Füßen und die zuckenden Körper ihrer Artgenossen um sich in aller Eile erneut zu paaren. Ihre schwirrenden Flügel glitzerten im Zwielicht perlmuttartig und die aufgedunsenen und vollgesogenen Leiber drückten sich gegenseitig in die schmierige Masse von der sie zehrten.
      Angewidert riss Garvey die Arme in die Höhe. Der Schwarm stieb auseinander – erfüllte summend die Luft und gab den Blick auf ein bizarres Kunstwerk frei.
      Felgen, Auspuffe und Karossen waren von der Presse zu einem perfekten Quadrat auf kleinstem Raum zusammen gedrückt worden. Sorgfältig ineinander verwebt, füllten zerrissene Eisenteile und Schrauben nahezu jede Lücke im Inneren des Würfels. Und mit diesem abstrusen Gewirr rostender Überbleibsel der menschlichen Gesellschaft hatten sich Haut, Knochen und die glänzenden Darmschlingen des Schrottplatzwächters zu einer makaberen Symbiose verflochten.

      *** *** ***

      „Das war wirklich widerlich!“, stieß Dean in das Motelzimmer, nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte. Schnaufend ließ er seine Tasche zu Boden sinken und fuhr fort: „Überhaupt … dieser Warren. Wie war der denn drauf? Hast du bemerkt, wie der dich ständig angesehen hat?“
      Sam stand bereits mitten im Zimmer. Er drehte sich um und sah Dean schulterzuckend an.
      Deans Brauen schoben sich in die Höhe. „An deiner Stelle würde ich Angst bekommen!“ Er kratze sich grübelnd am Hinterkopf und trat nun auch ins Zimmer. „Ehrlich Sam, ich glaube nicht dass das ein Fall für uns ist.“ Nachdenklich strich er sich übers Gesicht. „Ich glaube die Menschen hier sind einfach nur verrückt!“ Gebannt beobachte er Sam, der mittlerweile seine Tasche auspackte, nachdem er sie auf eines der Betten gestellt hatte. Sam hielt inne und richtete sich auf. Er starrte auf die Retro-Tapete. Riesenhafte Blumenornamente in bunten Farben prangten ihm entgegen. Sam hatte Dean den Rücken gekehrt. „Hast du die vielen Fotos an der Pinnwand gesehen?“, flüsterte er gegen die Wand.
      „Ich sagte doch, die Menschen hier sind verrückt.“, kommentierte Dean Sams Frage.
      Sam drehte sich zu Dean um und setzte sich auf das Bett. Für einen Moment legte er das Gesicht in seine Hände und schnaufte leise. Er fühlte sich müde. „Dean, das geht hier seit vierzig Jahren so. Ich vermute Warren hatte während dieser Jahre des Öfteren Besuch vom FBI oder CSI.“ –
      „Und…?“ Dean fixierte seinen Bruder fragend.
      „Er schien mir sehr verbittert!“, raunte Sam.
      „Da habe ich bemerkt“, stellte Dean fest. „Aber warum?“
      „Ich weiß nicht – aber wir sollten es heraus finden. Ich hatte das Gefühl, dass er die Leute vom CIA nicht besonders mag.“ Sam sah seinen Bruder an.
      Dean hatte mittlerweile ihm gegenüber auf dem anderen Bett Platz genommen. Er brummte: „Das ist aber kein Grund so unfreundlich zu sein!“
      „Dean - !“, flötete Sam. „Wir wissen nicht was der Inspektor erlebt hat. Wir sind keine Hellseher und können Menschen nur vor den Kopf – aber nicht hinein sehen!“, murmelte er und senkte das Gesicht. Schließlich stellte er fest: „Immerhin wurde er ja dann doch etwas zugänglicher und hat uns gleich zum nächsten Tatort mitgenommen.“
      „Womit wir wieder beim Thema sind, Sammy!“, fiel ihm Dean spontan ins Wort. „Die Menschen hier sind irre.“ Er sah schnaufend an die Zimmerdecke. „Ich meine, wer springt denn freiwillig in eine Stahlpresse?“ Fassungslos schüttelte Dean den Kopf und musste ein Würgen unterdrücken. „Hier wohnen nur verrückte Hippies. Die haben sich alle den Verstand weggekifft!“
      Sam sah ihn gequält an: „Man kann auf unterschiedliche Weise seinen Verstand verlieren.“, flüsterte er und sah wieder auf den Boden. „Wie kommst du eigentlich auf Hippies?“ Fragend richteten sich Sams Augen erneut auf den Bruder. Sie schimmerten feucht.
      „Mann Alter!“ Deans Stimme klang vorwurfsvoll. „Manchmal solltest du wirklich >Kant< und >Freud< beiseitelegen und dich wichtigeren Dingen im Leben zuwenden!“ Die Augen des Älteren funkelten vor Begeisterung als er seinen Bruder ansah. Dieser öffnete erstaunt den Mund als wollte er etwas fragen – kam aber nicht dazu.
      „Sammy, Sammy …!“, lächelte Dean. „Unweit von hier fand im Sommer 1969 auf den Feldern von Woodstock das berühmteste Musikfestival der Erde statt.“ Erschüttert über Sams Ahnungslosigkeit rollte Dean mit den Augen: „Das weiß man doch!“ Er sprang auf und breitete seine Arme aus. „Mensch Kleiner, Sie dich mal um!“ Deans Blicke streiften durch das Zimmer. „Es sieht so aus als wäre die Zeit stehen geblieben.“
      Tatsächlich erinnerte das Zimmer an die frühen Siebziger. Alle war Retro. Der kleine geschwungene Sperrholztisch an dem zwei Schalen-Stühle standen, die Blumen-Tapete und der pendelnde Perlenvorhang, der die Sicht in die Kochnische verdecken sollte – einfach die gesamte Einrichtung schien aus dieser Zeit zu stammen. Eigentlich fehlten nur noch Räucherstäbchen und eine fette Wasserpfeife in einer Ecke des Zimmers um die Illusion perfekt zu machen.
      Sam musste grinsen. „Dann können wir ja noch ein Weilchen bleiben.“, flötete er zynisch. „Es sollte dir hier doch gefallen.“ Als der vorwurfsvolle Blick seines Bruders ihn traf verstummte er rasch.
      Es war Sam recht einige Tage zu bleiben, denn er fühlte sich schlapp und ausgelaugt. Seine Schnittwunde brannte und diese Stimmen in seinem Kopf kamen immer öfter und machten ihm eine Höllenangst.
      Als Dean sich zur Tür drehte um das Zimmer zu verlassen, sprang Sam auf die Beine. „Wo willst du denn noch hin?“, fragte er und sah auf die Uhr. Es war kurz vor Mitternacht.
      „Ich geh noch was trinken“, antwortete der Ältere ohne sich umzudrehen.
      „Dean!“, Sams Stimme klang besorgt. Über seine Augen legte sich ein Schatten. „Du bist die ganze letzte Nacht gefahren und mittlerweile fast 24 Stunden wach. Du solltest etwas schlafen Alter.“
      Dean hielt inne. Seine Hand legte sich auf die Türklinke als er sich umdrehte: „Schlafen kann ich wenn ich tot bin.“
      „Dean …!“ Sam breitete seine Arme aus und sah den Älteren flehend an.
      „Sam – Lass es!“, knurrte dieser. „Ich bleibe nicht lange. Okay?“ In seiner Stimme schwang ein Hauch von Bedauern. „Leider habe ich nicht so einen tiefen und ruhigen Schlaf wie du“, gab er leise zu. Ohne eine Antwort abzuwarten verschwand Dean aus der Tür.
      „Ich weiß …“, flüsterte Sam in das leere Zimmer. Er riss seinen Kopf in den Nacken um zu schnaufen.
      Eine Weile stand er regungslos im Halbdunkeln. Dann verschwand der junge Jäger im Bad. Er musste dringend den Verband wechseln.

      Die Luft im winzigen Bad war warm und roch muffig – irgendwie nach Schimmel. Vor dem gekippten Fenster zirpte eine einsame Zikade in der lauen Nacht. Und irgendwo in einer dunklen Gasse waren Katzen im Liebesspiel vertieft. Ihr kreischender Gesang veranlasste einen Bewohner des Motels dazu das Fenster aufzureißen und über den Parkplatz zu brüllen. „Schert euch zum Teufel ihr Mistviecher!“ Es schepperte eine Flasche, eine Mülltonne kippte um und rollte dröhnend über Straßenpflaster. Schließlich wurde das Fenster mit einem lauten Knall wieder geschlossen.
      Eine Sekunde herrschte Stille. Aber der Instinkt der Vierbeiner war stärker und so begann das nächtliche Konzert im Schein einiger Laternen von vorn.
      >Sie sollten sie lassen, dann ist es schneller vorbei< dachte Sam.
      Er stand im flimmernden Licht einer kahlen Glühlampe vor dem Waschbecken und begutachtete die Wunde. Sie hatte sich bei seinem halsbrecherischen Einsatz gegen den Werwolf wieder geöffnet und nässte. Allerdings begannen die Ränder sich wieder zu verschließen. Sie waren noch etwas gerötet – aber nicht bedrohlich, stellte der Jäger fest. Denn mit Verletzungen kannte er sich aus.
      Sam seufzte leise. Die nächsten Tage würden sowieso aus Recherchearbeit bestehen und keine erhöhte körperliche Anstrengung erfordern. Diese Zeit sollte reichen um sich zu erholen – sofern die Stimmen in seinem Kopf Erholung zuließen.
      Sam hörte sich einen Fluch ausstoßen als er den frischen Verband anlegte.
      Ein leichter Windhauch, der Straßenstaub und die leidenschaftlich – schmerzlichen Töne kopulierender Katzen mit sich trug, streifte seine Haut.
      Das Licht flackerte.
      Allarmiert sah Sam zum Spiegel auf und stellte fest, dass dieser nicht mehr so tat, als würde er sein Ebenbild und das weiß geflieste Zimmer abbilden. Entsetzt wich der Jäger zurück, die geweiteten Augen auf das gerichtet was dieser Spiegel ihm zeigte:
      Die sterilen Fliesen an der Wand begannen zu schwimmen und verwandelten sich allmählich in raue Felsen. Die kahle Glühbirne an der Zimmerdecke pendelte heftig und ihr summendes Licht tauchte das Zimmer in purpurnen Nebel, bis sich seine Grenzen auflösten. Aufkommender warmer Wind wirbelte Asche unter Sams Füßen auf und als er einatmete, füllte sich seine Lunge mit dem Geruch rostiger Ketten. Eine fremde Welt quoll ihm aus dem Spiegel entgegen.
      Er vermochte es nicht wegzusehen.
      Sam fuhr zusammen und unterdrückte den Schrei der über seine Lippen wollte. Plötzlich erschienen auf seinem Körper blutrote Striemen. Und jede feine Linie, die von unsichtbarer Hand in seine Haut gezeichnet wurde, war begleitet vom klagenden Geschrei der Katzen. Allmählich nahm es den Ton menschlicher Stimmen an.
      Stöhnend presste Sam die Hände auf seine Ohren. Als er an sich herab sah strömte Blut aus unzähligen Wunden die in seiner Haut klafften. Sein Körper färbte sich rot und sein Schädel drohte zu platzen unter diesen jammern Lauten. Sie brüllten ihn an. Aber er verstand die Worte nicht. Seine Beine versagten schließlich und ließen ihn zu Boden stürzen.
      „Aufhören – aufhören!“, schrie Sam lautstark. Seine verkrampften Finger zerrten an seinen Haaren als wollte er sie Büschelweise ausreißen. Unter Sams Rippen raste ein Herz voller Furcht. Er drohte zu ersticken an dichter Luft die ihn umgab wie zähflüssiges Wasser. Verzweifelt schlug er mit dem Kopf gegen die Wand. „Aufhören!“, keuchte er – flackernde Angst in den Augen.
      Auf den Fliesen hinter ihm bildete sich eine blutige Rutschbahn. Es schmatzte, als er erneut den Hinterkopf gegen die Wand schlug. Blut durchtränkte sein Haar und glitt über seinen Nacken. Irgendwann zeigten die Hiebe gegen seinen Schädel Wirkung und vernebelten ihm die Sinne. Erschöpft sank Sam in sich zusammen.
      Die kahle Glühlampe schien unbeeindruckt auf seinen zitternden Körper. Vor dem gekippten Fenster zirpte eine einsame Zikade in der lauen Nacht und einige Katzen aus der Nachbarschaft hatten ihr Liebesspiel vollendet. Sie schlichen, jedes Interesse füreinander verloren, wie graue Schatten davon. Im Zimmer roch es muffig – irgendwie nach Schimmel … und Tränen.
      Schluchzend kauerte Sam auf den kalten Steinfliesen. „Aufhören – bitte aufhören! Ihr sollt mich in Ruhe lassen!“

      *** Fortsetzung folgt ***
    • *shock* Huch *shock*

      ... jemand hat meine FF gelesen.
      *neutral* und ich dachte schon ich blockiere hier nur unnötig wertvollen Speicherplatz :whistling:

      Vielen Dank Rabenmutter :love: :love: für dein Feedback, *umknuddel*




      *** Das Leben des Todes ***


      Weinend verbarg Sam das Gesicht in den Händen. Er versuchte nicht zu denken, aber seine fiebrige Fantasie bevölkerte jeden schmutzigen Schatten und gab jedem Lufthauch einen bedrohlichen Schall. Obwohl er wusste, dass ihm seine Sinne einen Streich spielten, ihm Lügen vorgaugelten, war er Gefangener dieser Illusion und seiner Angst. Stumm ertrug er ihre Gegenwart bis das leise Geräusch eines Schlüssels, der sich im Schloss drehte, ihr Jammern verstummen ließ.
      Deans schwere Schritte polterten im Motelzimmer und vertrieben Sams Geister. Die Eingangstür fiel ins Schloss und das Licht wurde angeknipst.
      Schlagartig war Sam hellwach. Er riss den Kopf in die Höhe und lauschte. Sein flüchtiger Blick auf die Uhr verriet ihm, dass zwei Stunden verstrichen waren. Zwei Stunden zwischen Sein und Schein.
      „Sammy?“ In der rauchigen Stimme schwang Verwunderung und ein Hauch von Sorge. Leises Knacken von Holzdielen unter schweren Schuhen, verriet Bewegung im Raum hinter der Wand. Eine Tasche wurde auf den Boden geworfen. Ein Schlüsselbund landete klirrend auf dem Tisch.
      Sam schnellte in die Höhe. Eilig nach seinem Shirt greifend, drehte er sich in die Richtung der Stimme.
      „Sammy? – Wo bist du?“ Das Rufen war scherfällig.
      Hastig zwängte sich Sam in das enge Shirt und suchte mit seinen Händen Halt am Waschbeckenrand. Er sah in den Spiegel. Es gefiel ihm nicht was er sah. Er hatte geweint. Viel zu lange! Gerötete Augen verrieten es.
      „SAM!“ Ein suchender Ruf. Noch mehr Poltern - hektisches, wackliges und mühevolles Treiben. Dann Schweigen – drückende Unsicherheit und beißende Angst. „Sam?“
      Sam drehte den Wasserhahn auf und hielt seine Hände unter den belebenden Strahl.
      Sofort bewegten sich schnelle Schritte in Richtung Bad – in seine Richtung. Die Klinke wurde nach unten gedrückt.
      Kaltes Wasser klatsche in Sams Gesicht. Es sollte die Tränen abwaschen – wieder einen Teil von ihm verbergen - wie das Shirt die Narben. Hastig fuhren Sams Hände über seine Stirn durchs Haar um es zu ordnen. Es klebte im Nacken. Prüfend betrachtete er sich und nestelte am Saum des Shirts. Seinen Schreck atmete er laut gegen den Spiegel.
      Als die Tür aufgerissen wurde versteckte der weiße Stoff Sams Leid – die Wunden auf seinem Körper, noch bevor sich Dean in das Bad geschoben hatte.
      Der Ältere erfasste in Sekundenbruchteilen eine beunruhigende Situation. Sams Brust bebte ungewöhnlich heftig. Sein Gesicht war leichenblass und die Augen gerötet. Hatte Sam geweint?
      Deans Gesicht wurde starr als er die Flecken an der Wand sah. Eine Warnung – in schmalen Rinnsalen über die weißen Fliesen zu Boden gleitend. Rot war noch nie eine schöne Farbe gewesen – erst recht nicht wenn sie metallisch roch.
      „Was ist passiert?“, stieß es ihm heiser über die Lippen. Besorgte Augen taxierten den Hünen.
      Sam sah in diese Augen. So hatte er sie lange nicht gesehen. Er hatte fast vergessen wie es war geliebt zu werden. Dean sah ihn fragend an und drängte: „Was ist passiert Sammy?“ Unsicher ging er einen Schritt auf ihn zu. Seine Finger glitten durch Sams braunes Haar, berührten liebevoll seine Wange - suchten in den wirren Fransen nach der Ursache des Blutes.
      Sams Atem stand still als er die Augen schloss. Er hielt inne und ließ Dean gewähren. Sein Herz pochte. Er konnte es wahrhaftig spüren denn in diesem Moment war er zuhause! Sam wollte diese Sekunde, diesen Augenblick festhalten.
      „Sam? Was ist passiert?“
      Dieser Geruch! Sam verabscheute ihn! Whisky klebte an jedem Wort das Dean mühevoll flüsterte.
      Sams Kiefer knackten und leise stieß sein Atem durch die Nase. Dieser dumme Gedanke! Ein unerfüllter Wunsch! Es war doch nur eine Illusion. Er öffnete die Augen und sah wieder klar - ein Bild das ihn zerriss – die kalte Wahrheit.
      Deans Augen waren trüb vom Alkohol und leer von Tränen. Dieser ausdruckslose Blick trieb Sams eigenen Schmerz zurück – zurück in einen Teil von ihm, der gelernt hatte Kummer begierig zu fressen.
      Schnaufend riss Sam den Kopf in den Nacken. Dean konnte seine Bürde nicht auch noch tragen.
      Er holte tief Luft und befreite sich aus der ersehnten Berührung. „Ich bin ausgerutscht“, antwortete er mit kühler Stimme.
      Dean sah ihn erstaunt an. Dann musterte er das Bad. Die Dusche – sie war nicht nass, genauso wenig wie der Boden. „Du solltest vorsichtiger sein Sam!“ Dean war zu müde um nach Antworten zu suchen, obwohl er zweifelte. Er fühlte sich als hätte er Monate nicht geschlafen und sah auch so aus – so ausgelaugt und apathisch, dass man ihn beinahe für tot hätte halten können. „Kommst du klar?“, fragte er mit schwerer Zunge.
      Sam nickte nur. Er griff eilig nach einem kleinen Handtuch und presste es gegen seinen Hinterkopf. „Ich bin okay Dean“, seine Worte waren leise. „Es ist nicht schlimm. Mach dir keine Sorgen.“
      Dean nickte erleichtert. Als sich Sam im schmalen Bad an ihm vorbeiquetschte um ins Zimmer zu gelangen, folgten ihm Deans Augen. Der Kleine war groß geworden – hatte breite Schultern! Dean erhob den Arm und wollte ihn aufhalten, an einer Schulter zurückziehen. Aber Sam war schon aus der Tür.
      „Ist wirklich alles okay …Sammy?“, flüsterte Dean.

      *** *** ***

      Heute Nacht schlenderte er noch langsamer als üblich durch die verwaisten Gassen. Der obligatorische Spaziergang verschaffte Inspektor Stan Warren den notwendigen Abstand von seiner Arbeit, bevor er sein trautes Heim betrat. Durch eine bittere Lektion musste er lernen, dass es weder den Ermittlungen noch dem häuslichen Frieden dienlich war, berufliche Probleme mit nach Hause zu nehmen. Und so hatte Warren beschlossen jeden Abend bei einem kleinen Fußmarsch seine Gedanken zu befreien. Er hielt an dem Ritual fest – auch wenn die Erkenntnis zu spät kam um zu verhindern, dass seine Frau ihn verlassen- und seine Kinder sich ihm entfremdet hatten.
      Kurz blieb er stehen und lauschte. Es schien, als würde die flimmernde Luft über dem Asphalt knistern. Aber es war nicht die Luft die knisterte. Warrens Blick richtete sich nach oben unter den Schirm einer Straßenlaterne. Geblendet vom flackernden Licht hielt er sich eine Hand über die Augen.
      Eine einsame Motte war im trügerischen Schein gefangen. Verwirrt flog sie wieder und wieder in das tödliche Licht. Obwohl jede Berührung sie unendlich quälte und ihre Flügel verbrannten, war sie unfähig die Wahrheit zu erkennen. Die Motte hatte eine faire Chance und taumelte trotzdem berauscht vom Blendwerk freiwillig in den Tod.
      Gebannt verfolgte Warren den aussichtslosen Kampf.
      Wie viel Leid konnte eine Seele ertragen bevor sie zerbrach?
      Wie viel Schmerzen war ein Mensch bereit auf sich zu nehmen bevor er aufgab zu kämpfen?
      Wie oft musste Vertrauen betrogen werden bevor der Freund zum Feind wurde?
      Ein leises Zischen ertönte als der Leib der Motte endgültig im Feuer brannte. Ihr Körper verschwand - ein letztes Mal aufleuchtend in einer winzigen Flamme. Traurig verfolgten Warrens Blicke ihre Flügel, die langsam taumelnd zu Boden sanken. Sie waren zerrissen und vernarbt von unzähligen verzweifelten Versuchen sich dem Schicksal entgegen zu stemmen.
      Warren schnaufte und schloss die Augen. Unweigerlich holten ihn grausige Bilder ein.
      Er sah wieder ihre Leiber. Zerfetzt!
      Blut klebte auf jedem Zentimeter der Tapete und ihre Brustkörbe waren aufgebrochen als hätte man versucht ihnen die Seele zu entreißen. Warren erinnerte sich an ein Zimmer, angefüllt mit würdelos zurückgelassenen Körpern – fleischgewordene Marionetten verrottend wie Müll.
      Die Szene – obwohl vollkommen still, quoll über vor Panik. Münder – weit aufgerissen in einem letzten qualvollen Schrei verformten ihre Gesichter.
      Damals stand er in Mitten eines Mahnmales an die Vergänglichkeit des Lebens und ihm wurde bewusst, dass er bloß Zeuge von Resultaten war, die er nicht mehr ändern konnte. Sein gesamtes Leben bestand aus blutigen Schnappschüssen, die eine Grausamkeit dokumentierten, zu der nur Menschen fähig waren.
      Warren schluckte bitter: Der Tod hatte nichts Mystisches und versprach keine Erlösung. Er war nichts anderes als Fraß für die Brut der Fliegen. Scheinbar hatte auch sie das gewusst, denn ihre protestierenden Augen verfolgten ihn von nun an Nacht für Nacht.
      Niemand vermochte sich vorzustellen was damals geschah.
      Die Indizien waren verrückt: Sie hatten sich selbst bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Unglaublich nachzuvollziehen, dass es einem Menschen überhaupt möglich war den eigenen Körper so weit zu zerstören ohne dabei das Bewusstsein zu verlieren.
      Drei Tage nach dem Festival fand man die kleine Gruppe.
      Warren musste plötzlich würgen. Noch immer schwelte bei dieser Erinnerung der Gestank von Verwesung in seiner Nase.
      Es hatte weitere zwei Stunden gedauert, eh einem aufmerksamen Mitarbeiter der Spurensicherung, im hektischen Betrieb der Ermittlungen vor Ort, das Geräusch von Atemzügen auffiel. Warren war es, der beherzt die Schranktür aufriss und sie fand.
      Es bedurfte einiger Anstrengung unter all dem Blut und Dreck ein zitterndes Mädchen zu erkennen. Aber sie lebte und sah ihn stumm vor Entsetzten an! Denn an diesem Ort war eine Katastrophe geschehen.

      Wann immer der Inspektor Zeit fand, besuchte er Mia in der geschlossenen Anstalt, die sie zusammen mit dem Geheimnis das ihre Seele zerbrochen hatte, vor den Augen der Öffentlichkeit verbarg. Sie hatte niemals über die Ereignisse gesprochen. Warren studierte alle Zeichnungen und Skulpturen die ihre geschickten Hände über die Jahrzehnte erschufen, in der Hoffnung mehr als nur diesen einen Hinweis zu finden. Denn er verspürte immer noch das ungebrochene Verlangen diesen Fall zu lösen. Er musste einfach Mia`s Seele retten.
      Sein Leben lang hatte er versucht, an eine eskalierte Seance verrückter Hippies unter Drogen zu glauben. Aber nun wurden seine Zweifel größer - denn heute hatte er in ein Gesicht gesehen, das er ebenfalls nicht vergessen konnte. Jedes von Mia`s Werken bildete es ab. Es sah von unzähligen Bildern, die Mia`s Zimmer schmückten auf den Betrachter herab. Jede ihrer Skulpturen – ob geschnitzt oder aus Ton geformt hatte seine Statur.
      Es gab damals nur ein männliches Opfer. Die Polizei fand im Flur einen hochgewachsenen Mann an der Wand sitzend, als hätte ihn der Tod so schnell ereilt, dass nicht einmal Zeit blieb zu fallen. Der Telefonhörer baumelte neben seinem Ohr. Am anderen Ende tutete laut ein Besetztzeichen.
      Es gab keine Anhaltspunkte auf äußerliche Gewalteinwirkung. Mord konnte nicht nachgewiesen werden, denn eine Obduktion fand nie statt. Durch einen Irrtum der Behörden verschwand seine Leiche.
      Dieser Aiden war, wie sich später herausstellte, ein Mitarbeiter des CSI. Aber allen Ermittlungen zum Trotz, fand man nicht heraus weshalb sich dieser Mann zu jener Zeit auf der Shire Farm aufhielt und wo seine sterblichen Überreste hingekommen waren. Seine Identität blieb bis auf diese wenigen Erkenntnisse ein unlösbares Rätsel.
      Warren erschauerte erneut: Genau dieses schöne, fast feminine Gesicht und der hochgewachsene, muskulöse Körper eines vor über 40zig Jahren Verstorbenen, schmückte nicht nur unzählige Mal Mia`s Zimmer, sondern gehörte einem lebenden Menschen.
      Stan Warren war sich nicht mehr sicher. Er zog den Kopf ein und eilte über das staubige Pflaster nach Hause. - Denn in schwülen Nächten wie diesen hatten Schatten Augen und ihre Münder wisperten in der flimmernden Hitze über den Straßen. Ihre Versprechen schlichen sich in die Träume der Menschen und bevölkerten sie mit dem Leben des Todes.


      *** Fortsetzung folgt ***
    • Guten Morgen meine liebe Rabenmutter, :love:
      wieder einmal ein großes Dankeschöne für dein Feedback. *kiss1*
      Nun, wenn dir der Wechsel von Sams Sinnenzuständen gefällt und du ein bischen auf Phsychologie stehst, wird dir diese Geschichte
      wohl gefallen.
      Ich hoffe, ich habe sie so geschrieben, dass du auch den Hintergrund begreifst, denn eigentlich ist diese Geschichte
      der dritte Teil einer Triologie mit meinen Lieblingsjägern.
      Ich habe natürlich versucht alles so zu schreiben das auch ein Quereinsteiger das versteht.
      Also wenn du mal Fragen hast - oder die Vorgänger anschnuppern möchtest frag mich einfach :whistling:

      dann werde ich mal auf Wunsch eines Einzelnen zügiger weiterposten :rolleyes:

      GLG Shadow


      *:D* *:D*

      *** Berührungen ***


      Hitze, Schmerz und Hoffnungslosigkeit zogen es an. Meilenweit konnte es Tränen erkennen, die niemand sah. Es ließ sich vom Wind über den Dächern treiben und folgte Nacht für Nacht ihren verzweifelten Rufen.
      Jetzt stand es unbemerkt an der Wand. Im kleinen Zimmer roch die Verzweiflung, die tief unter ihrer Haut brannte umso intensiver. Sie sickerte aus jeder ihrer Poren und der Duft dieses süßen Giftes erfüllte es berauschend.

      Aufmerksam beobachtete es die Männer.
      Einer schlief im Schein des Fernsehers auf dem Sessel, den Kopf an der Lehne abgestützt. Hinter verschlossenen Lidern zuckten seine Augen im Alptraum. Der schwere Atem, den er in die Luft stieß, roch nach Whisky. Trotz des rauschenden Fernsehers hörte es seine Schreie. Sie waren voller Angst.
      Neugierig schlich es heran und beugte sich über sein Gesicht um vom Traum zu kosten. Es näherte sich dem leicht geöffneten Mund und berührte warme, weiche Lippen. Der Geruch von Alkohol störte nicht, als es seinen Atem einsog. Es hatte sich daran gewöhnt. Viele die es herbei riefen rochen so.
      Es schmeckte Blut, sah einen pendelnden Körper in Ketten. Einen Namen hörte es ihn wieder und wieder schreien. Die brennende Angst in den Adern des Mannes war ein Fest – sein rasendes Herz berauschende Musik.
      Als er stöhnend den Kopf zur Seite riss, wich es blitzschnell zurück und beobachtete ihn. Ja – dieser Mann war ein Kämpfer. Er hatte gelernt viel zu ertragen. Seine Qual schmeckte verführerisch. Sie war groß. Noch einmal berührte es seine Lippen.
      Aber die Gier die es in sich verspürte war Größer. Zu groß für den schlafenden Mann im Sessel. Enttäuscht zog es sich zurück. Nach dem Kuss würde er nicht mehr ins Leben zurückkehren. Er würde am Ende des Rausches kollabieren wie all die Anderen. Die Suche würde von vorn beginnen – und mit ihr dieser unerträgliche Hunger.
      Es lauschte. Die Stimmen die gerufen hatten kamen nicht vom ihm!
      In diesem Raum befand sich mehr. Viel mehr Verzweiflung!

      Es huschte an der Tapete entlang und näherte sich dem zweiten Mann. Unheimlich groß war er. Aber sein Gesicht wirkte filigraner – fast feminin. Schwer wie Blei lag er auf dem Bett, die schmalen Brauen leicht zusammengezogen. Langsam hob und senkte sich seine Brust im Schlaf. Auch sein Atem schmeckte berauschend.
      Doch seine Bilder verwirrten es.
      All diese Scham und das bittere Gefühl von Machtlosigkeit waren nur ein winziger Teil des Leides, das er in den Raum atmete.
      Ungläubig studierte es ihn. Es roch Tränen auf seinem Gesicht und spürte Schmerz, den er sich selbst zugefügt hatte. Seine Verzweiflung war eine Andere. Einsamkeit machte ihn taub. Dieses Herz quoll über vor Selbsthass.
      Aber da war so viel mehr!
      Wieder berührte es seine schmalen Lippen und erhob sich erstaunt. Es genoss dieses Prickeln. Gierig nahm es einen weiteren Atemzug Schmerz auf und erbebte: Das Leid, das er vor sich selbst verbarg, wurde von schattenhaften Wesen begleitet. Es konnte ihre Anzahl nicht bestimmen, wusste aber dass sie sich um ihn scharrten wie Geister. Es war sich sicher, dass sie ständig flüsterten – möglicherweise sogar schrien.
      Konnte ein einzelner Mensch so viele Geheimnisse verbergen? So viel Leid ertragen?

      Neugierig glitt es über seine schimmernde Stirn. Die Haut war wärmend. Es hätte gern nach einer dieser weichen Haarsträhnen gegriffen. Leider war das unmöglich.
      Stattdessen legte es sich über seinen Körper und schmiegte sich fest an ihn um seine Oberfläche zu erkunden.
      „Beweg dich!“ Hauchte es in seine Träume.
      Als sich er sich leise stöhnend auf die Seite rollte umschloss es ihn. Nun spürte es ihn ganz im Innersten und wurde sonderbar erregt. Dieser glühende Körper verbarg ein ganzes Heer von Geheimnissen. Fremdes Leid trug er.
      Er war etwas Besonderes – nicht wie die Anderen, die zerbrachen wenn es ihre Geheimnisse enthüllte. Er würde nicht nur diesen unersättlichen Hunger stillen. Es löste sich von diesem Mann und sah verzückt auf sein Gesicht. Mit ihm wollte es verschmelzen. Denn er war nicht wie die winselnden jammernden Hüllen, die es erweckt hatten.
      Hämisch jubelte es. Diese Menschen hatten doch tatsächlich geglaubt es kontrollieren zu können. Dabei besaßen sie nicht einmal die Kraft dem Kuss zu widerstehen.
      Überlegen musste es nicht. Die einzige Hülle, in die es sich für kurze Zeit zurückziehen konnte ohne sie zu zerstören, alterte unaufhaltsam. Aber das spielte keine Rolle mehr. Wieder sah es auf den Jäger. Sein Körper war jung, stark und so voll mit Gift, dass es ewig davon zehren würde.

      Triumphierend betrachtete es den anderen Mann im Sessel. „Du siehst seine Einsamkeit nicht!“, wisperte es in den Wind, der es durch das geöffnete Fenster getragen hatte. „Deine Blindheit riecht nach Whisky.“

      *

      Lautlos und sanft legte sich ein Schatten auf Sam.
      „Mein Schöner – bald du gehörst mir, denn dein Bruder kann dich nicht mehr erkennen!“

      *** *** ***

      Warren starrte auf knallrot geschminkte Lippen. Ihre üppigen Rundungen formulierten Worte die sich überschlugen, als sie ihm entgegen sprudelten.
      Aber in seinen Schädel wollten sie nicht. Warren nickte trotzdem und begann am PC zu schreiben. <Hysterische Ziege>, dachte er <was interessieren mich zertrampelte Rosenbüsche – ich habe zwei Tote am Hals.>
      Die klickernden Tasten unter seinen Fingern ließen die Frau verstummen. Ungeduldig rutschte sie auf dem Stuhl hin und her und reckte den Hals um einen Blick auf den Monitor erhaschen.
      Warren ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Er wartete darauf, dass der Drucker den Bericht ausspie. Gemächlich lehnte sich zurück und besänftigte seine Klientin. „Machen sie sich keine Sorgen Miss Holm. Wir werden der Sache auf den Grund gehen.“
      Schließlich hielt er das Blatt in der Hand. „Ich benötige noch ihre Unterschrift.“
      Miss Holm schien nicht im Geringsten zufrieden gestellt. Sie beugte sich über den Schreibtisch und trällerte aufgeregt: „Sheriff … ich wohne jetzt über 26 Jahre in diesem Ort. Und ich kann ihnen versichern – hier geht alles den Bach runter.“ Als sich Miss Holm seufzend gegen die Lehne des Besucherstuhles drückte, knarrte dieser bedrohlich unter ihrem Gewicht. „Diese Verrückten werden immer dreister“, fuhr sie mit gespielter Entrüstung fort und fummelte eine wasserstoffblonde Strähne zurück in ihr Haarband. „Ich möchte Anzeige erstatten.“
      < Ja ja ich weiß …> Warrens Geduld erreichte langsam einen krischen Punkt. Er suchte schnaufend nach einem Kugelschreiber um ihn Miss Holm zu reichen.
      „Eine Unterschrift bitte!“ sagte er ruhig aber fordernd. Abrupt hielt Miss Holm inne, griff nach Papier und Kugelschreiber und begann kritisch den Bericht zu lesen.
      „Keine Sorge Miss Holm. Wir kriegen den Kerl.“ Am liebsten hätte Warren die Frau umgehend aus seinem Büro geschoben. Für die Spielchen einer überdrehten Witwe, hatte er wirklich keine Zeit. Er sah sie an, presste die Lippen aufeinander und zwang sich gelassen zu bleiben. Sein kurzer Blick streifte die Wanduhr.
      Als hinter den halb zugezogenen Jalousien der Bürotür zwei Silhouetten auftauchten, war Warren erleichtert. <Lieber das FBI, als dieses Frauenzimmer> entschied er rasch und erhob sich.
      „Sie hören von mir.“ Lächelnd ging er in Richtung Tür. „Darf ich sie dann bitten … Miss Holm? Wie sie sehen erwarte ich noch Besuch.“ Er entschuldigte sich, bevor sie protestieren konnte.
      Mit kurzen Schritten stöckelte Miss Holm in Richtung Tür. Dabei würdigte sie die Besucher, die gerade das Büro betreten wollten, mit keinem Blick, sondern drängte sie zurück in das Vorzimmer.
      Verblüfft sah Dean der Frau nach bis er den riesigen Klatschmohn auf ihrem weit geschnittenen Sommerkleid aus den Augen verlor.
      Mittlerweile war auch Warren aus der Tür getreten und rief nach seiner Sekretärin: „Cassy … bringen Sie mir bitte einen Tee?“ Er wagte sich erst aus dem Büro nachdem Miss Holm verschwunden war und lächelte nun der jungen Frau hinter der Rezeption entgegen. Diese nickte kurz. Als sie aufstand verbarg sie ein leichtes Grinsen unter einigen dunkelblonden Strähnen, die nicht mit Pferdeschwanz zu bändigen waren.
      Amüsiert hatte Sam das Szenario verfolgt.
      „Möchten sie auch Tee?“ fragte Warren gequält. Sam schüttelte kurz den Kopf.
      Dean war bereits im Büro. Er drehte sich um und sah zum Inspektor: „Miss Piggi wohnt also auch in Bethel“, bemerkte er trocken.
      Sam räusperte sich lautstark, Warren musste lachen und Dean kratzte sich feixend am Hinterkopf.
      Der Inspektor bot den Brüdern einen Platz an und setzte sich wieder hinter den Schreibtisch. Er stellte fest: „FBI Agenten mit Humor, hatten wir hier noch nie.“ Die Hände über seinem Kopf verschränkt, drückte er sich gegen die Sessellehne. „Sie haben mich gerade vor dieser … Naturgewalt … gerettet“, gab Warren verlegen zu und plauderte weiter. „Seit ihr Mann vor drei Jahren verunglückt ist, findet die liebenswerte Miss Holm immer einen Grund mir den Feierabend zu vermiesen.“
      „Darf ich raten?“ Dean sah den Inspektor spöttisch an als er weiter sprach. „Es hat jemand am Sonntag den Rasen gemäht - oder?“ Triumphierend wandte er sich an Sam, der mit erstauntem Gesicht die Schultern hob.
      „Nicht ganz“, antwortete Warren. „Sie behauptet einen Stalker zu haben.“ Er beugte sich über den Tisch. „Sie hat heute Morgen eine Gestalt in ihrem Vorgarten gesehen.“ Hauchte er mit ironischer Stimme und entlockte Dean ein überraschtes Stöhnen. „Da ist wohl eher der Wunsch der Vater des Gedanken was?“, bemerkte der Ältere sarkastisch.
      Sam lachte laut los: „Und wurde der Sünder überführt?“
      Warren schüttelte den Kopf: „Sie konnte nur einen Schatten erkennen!“, seufzte er.
      Es klopfte kurz. Cassy`s schmale Silhouette erschien in der Tür. Sie brachte den Tee. Vorsorglich hatte sie für die Herren vom FBI Tassen mitgebracht. Trotz ihres netten Lächelns lehnten diese höflich ab.
      „Ich möchte jetzt nicht gestört werden Cassy“, bat Warren. Seine Stimme wurde väterlich sanft. Die junge Frau nickte. „Ist okay Inspektor Warren.“ Nachdem sich die Bürotür hinter ihr geschlossen hatte, blieb ein hauchzarter Vanilleduft im Zimmer zurück.

      Als Sam auf die verdeckte Pinnwand sah, verdunkelten sich nicht nur seine Augen. Fragende Gesichter fixierten den Inspektor.
      „Alles Selbstmorde oder Unfälle …“, stieß Warren monoton heraus. Er stand auf und zog das Tuch zur Seite. „Die meisten sind Touristen oder Urlauber. Sie kommen hierher und bringen sich nach wenigen Tagen um.“ Warren sah sich die Bilder nicht an. Er kannte jedes Einzelne. Seine Skepsis war unüberhörbar.
      „Was war mit Pope und Ethan Brown?“ Deans hatte sich etwas nach vorn gebeugt. Er deutete mit dem Zeigefinger auf zwei verschlossene Akten auf dem Tisch.
      „Ethan kenne ich schon lange“, antwortete Warren als er sich wieder auf seinen Platz setzte. „Unsere Söhne gingen zusammen zur Schule.“ Mit zitternder Stimme sprach er weiter. „Er war ein anständiger Kerl.“
      Für einen Moment hielt der Inspektor resigniert den Atem an. „Pope zog vor zwei Jahren hier her. Er hatte keine Familie – nur seinen Job auf dem Schrottplatz.“
      Dean nickte.
      „Was ist mit den anderen?“ Wollte Sam wissen. Sein Blick streifte über die freigelegte Fotogalerie. Es waren Schnappschüsse des Grauens. „Gibt es irgendeine Gemeinsamkeit bei den …?“, er räusperte sich … „Opfern?“
      Warren sah den Jüngeren erstaunt an. „Sie sprechen von Opfern?“ Er zog die Stirn in Falten. „Woher dieser plötzliche Sinneswandel? Seit wann interessiert sich das FBI plötzlich für den Fall?“
      Die Jäger husteten verlegen.
      Warren stand auf. Er ging zum Fenster. Seine Finger schoben die Lamellen etwas auseinander als er auf den Parkplatz sah. „Es sind ganz normale Menschen. Arbeiter, Angestellt oder Touristen. Seit 40 Jahren stoße ich bei den Ermittlungen auf eine Mauer aus Schweigen.“ Ruckartig drehte er sich um und lehnte sich gegen die Fensterbank. „Jeden Sommer kommen andere Agenten.“ Warren ging wieder auf seinen Bürosessel zu. Die Hände auf die Tischplatte gestützt musterte er die Jäger. Ihm fiel sofort ihr ratloser Gesichtsausdruck auf.
      „Nun wir sind eben besonders gründlich“, versuchte Dean die Situation zu retten.
      „Blödsinn …“ fiel ihm Warren ins Wort. „Das einzige was Ihre Behörde bisher erreicht hat, ist Beweise zu …“, er räusperte sich, „… verlegen.“
      Sams Augen öffneten sich erstaunt. „Wollen Sie damit sagen dass …?“ -
      „Ich will damit sagen ...“, schnaufend sank Warren wieder in seinen Sessel, „… dass weder FBI noch CSI in diesem Fall jemals eine große Hilfe waren.“ Fahrig ließ er den Teebeutel in seiner Tasse auf und ab sinken.
      „Ich denke es waren Unfälle? Warum also FBI oder CSI?“ stellte Dean fest.
      Warren musterte ihn misstrauisch und legte den Teebeutel auf die Untertasse. „Warum interessieren Sie sich für den Fall?“ konterte er bissig.
      Sam beugte sich über den Tisch und griff nach dem Arm des Inspektors. Er sah ihn eindringlich an. „Wir wollen das Gleiche wie Sie!“ raunte er mit tiefer Stimme. „Also! Was glauben Sie – ist geschehen?“
      Warren atmete tief ein, befreite sich von der Hand des Jüngsten und lehnte sich zurück. „Ich denke nicht, dass es Unfälle oder Selbstmorde sind.“
      „Sondern?“ auf Deans Gesicht bildete sich eine steile Falte.
      „Mord!“ stieß Warren in die schwüle Luft. „Da draußen läuft ein Killer herum.“
      „Seit 40zig Jahren?“ warf Sam bedenklich ein.
      „Ich weiß nicht wie er es macht“, murmelte Warren. Aber Irgendjemand ... oder -Etwas treibt die Menschen in heißen Sommern zum Wahnsinn.“ Dabei sah der Inspektor fasziniert in Sams Gesicht. <Die Ähnlichkeit ist verblüffend>, dachte er und nahm einen Schluck Tee bevor er weiter erzählte. „Es ist fast wie Gift das sich bei Hitze ausbreitet.“ Warrens Stimme war kaum noch hörbar. Noch immer beobachtete er den riesenhaften jungen Mann.
      Die Brüder wechselten einen kurzen Blick als sie bemerkten, dass der Inspektor Sam genau studierte.
      Sam räusperte sich verlegen. „Ist was?“
      Warren schreckte aus seinen Gedanken. „Ähm … nichts.“ Er hüstelte verlegen. „Sie sehen nur einem der Toten sehr ähnlich“, murmelte er.
      Geräuschvoll stieß Sam seinen Atem durch die Nase. „Könnten wir eine Liste der Opfer bekommen?“, fragte er vorsichtig.
      „Sicher!“, kam es erstaunt über Warrens Lippen.

      *** *** ***

      Stan Warren war verwirrt. Diesmal schien es tatsächlich so, als würde das FBI daran interessiert sein den Fall zu lösen. Die neuen Agenten machten einen entschlossenen und ehrlichen Eindruck. Auch wenn ihre Fragen mitunter seltsam erschienen.
      Warren war von sich selbst überrascht, denn er hatte ihnen bedenkenlos eine Kopie der Opferliste ausgehändigt – unter der Voraussetzung über neue Erkenntnisse informiert zu werden. Warum vertraute er diesen Männern?
      Grübelnd sah er durch das Fenster. Kein Mensch war auf der Straße. Die schwüle Nachmittagshitze lag lähmend über der kleinen Stadt. Als würde das grelle Licht der flachstehenden Sonne ihn unbewusst daran erinnern, dass es immer drückender wurde, begann er an seiner Krawatte zu nesteln.
      Plötzlich klopfte es leise an der Tür. Eine Sekunde später erschien Cassy`s schmales Gesicht. Sie sah irritiert aus. „Inspektor Warren?“ flüsterte sie. „Hier draußen sind zwei Herren vom FBI und möchten sich wegen der neuerlichen Selbstmorde mit ihnen unterhalten...“
      Warrens Augen weiteten sich erstaunt.



      *** Fortsetzung folgt ***
    • (Ich habe für diese Episode den Titel einer „echten“ SPN-Folge gewählt … mir ist beim besten Willen nichts Treffenderes eingefallen …sorry)


      *** Wenn der Damm bricht ***

      Blindlinks rannte Sam die schmale Gasse entlang als die Sirene des Polizeiautos zwischen den verwitterten Gemäuern widerhallte. Er begriff nicht was geschehen war. War das grauenerregende Spektakel eine Halluzination und nur für seine Augen bestimmt?
      Als der Streifenwagen mit quietschenden Reifen am Ende der Straße stoppte drückte er sich in einen Hausflur. Er wartete im Dunkeln. Vor Entsetzten zu sehr erschöpft um noch einen Schritt weiter zu laufen, und mit der Gewissheit im Nacken, dass sie ihn entdecken würden.
      Aber das Auto fuhr weiter um seine menschliche Ladung an anderer Stelle zu entlassen.
      Vielleicht hatte er das Verbrechen vor dem er geflohen war nicht wirklich begangen? Er sah an seinem Körper herunter. Seine Haut war eine Schreckenskarte. Tiefe Kratzspuren auf Brust und Armen bestätigten die vage Erinnerung. Er riss den Kopf in den Nacken, sein Mund öffnete sich zum Schrei – blieb aber stumm. Die Empfindungen die ihn durchfluteten - so intensiv und fordernd dass sie Lust und Schmerz zugleich waren, verließen langsam seine Nervenenden.
      Die bittere Wahrheit ließ sich nicht verdrängen. Er hatte all das getan, was er zu tun sich eingebildet hatte.
      Schon bald würde der erwachende Tag auf sein grauenvolles Werk herabsehen.
      Sam schlich sich aus seinem Versteck neben der Tür fort in eine andere Straße. Auch sie war menschenleer.
      Er humpelte weiter, brachte so viel Abstand wie nur möglich zwischen sich und seinem Vergehen bevor es entdeckt wurde. Er war sorgfältig darauf bedacht nicht in die Arme der Polizei zu laufen.
      Dann rannte er los. Aber wie schnell ihn seine Beine auch trugen, die Schuld kam mit ihm und unversehrt in einer entfernten Zone seiner Eingeweide auch die Gier. Sie drohte bei jedem verzweifelten Schritt den er machte seinen Körper erneut in Brand zu setzten.

      *** *** ***

      Eine nicht zu leugnende Traurigkeit war klammheimlich über Dean gekommen, als er in den Sessel sank. Er sah auf das leere Bett und seufzte unter seinem Schmerz und jenen unwillkommenen Gedanken, dass er allein war. Sein schwerer Kopf lehnte am Polster und Dean lauschte dem leisen Geplärr eines Radios im Nachbarzimmer. Während sich sein Körper immer noch im Kreis zu drehen schien, säuselten die alten Songs seinen Geist ins Nirwana.

      Das laute Krachen der Tür riss ihn aus dem Schlaf. Immer noch benommen starrte Dean auf seinen Bruder, dessen besorgniserregender Zustand augenblicklich jede Promille in seinem Blut verdampfen ließ. Sams Körper war von Kratzern übersät. Oberhalb seines rechten Ohres war ihm ein Büschel Haare ausgerissen und eine Spur geronnenes Blut erstreckte sich bis zu seiner Schulter. Seine Lunge kämpfte immer noch um Sauerstoff und gegen einen Strom von Tränen der nicht abreißen wollte.
      Am Entsetzlichsten aber war der Ausdruck in Sams Gesicht. Seine vom Weinen geröteten Augen irrten durch den Raum als wäre er von Furien gehetzt. Der Jüngere war nicht in der Lage zu sprechen. Er zitterte am ganzen Leib. Immer noch auf seinen Beinen wankend begann er zu würgen und torkelte am Älteren vorbei.
      Gelähmt stand Dean da und konnte nur verfolgen wie Sam im Bad verschwand. Lautstark schlug die Tür ins Schloss und er vernahm das metallische Klacken der Verrieglung.
      „Sam?“ Nach einer Sekunde des Schreckens stand Dean an der Tür. Er klopfte gegen das Holz. „Sammy was ist passiert?“ Sein Herz schlug so schnell dass ihm schwindlig wurde. „Bist du überfallen worden? Sam! Sag doch was!“ Er presste die Stirn gegen die Tür und lauschte dem Husten und Würgen seines Bruders. Er schien sich die Seele aus dem Leib zu kotzen.
      „Sam! Verdammt mach die Tür auf!“
      „Lass mich in Ruhe!“ kam es zwischen zwei keuchenden Atemzügen in einem Ton, der Dean alle Farbe aus dem Gesicht riss. Er klopfte energischer. Seine Fäuste trommelten über seinem Kopf so laut gegen das Holz, dass er glaubte ihr Echo im Raum zu hören. „Sammy …“, stieß es vorwurfsvoll aus seinem Mund. Abrupt unterbrach er sein Klopfen und lauschte.
      Verdammt!
      Dean riss den Kopf herum. Da war kein Echo. Da klopfte jemand mit gleicher Intensität an der Zimmertür. Hin und her gerissen hetzten Deans Blicke durch das Zimmer.
      Im Bad wurde es still. Er schob hastig die Waffentasche unters Bett. Mit drei gewaltigen Sätzen war Dean an der Tür und öffnete sie einen Spalt weit. Sofort blitzte ihm die polierte Dienstmarke eines Sheriffs entgegen.
      „Darf ich bitte reinkommen?“ Zögernd öffnete Dean die Zimmertür. Sein Blick glitt nervös in Richtung Bad.

      *

      Sam hob den Kopf aus der Kloschüssel und lauschte den Stimmen. Noch immer zog sich sein Magen schmerzhaft zusammen. Aber er schloss die Augen und unterdrückte das Würgen.
      Da waren sie schon. Sie kamen um ihn festzunehmen. Auf ihn wartete der elektrische Stuhl. Er würde schmoren wie ein gemeiner Killer – denn nichts anderes war er. Ein Killer!
      Leise erhob er sich und schlich zum Waschbecken. Seine Finger legten sich um den weißen Porzellanrand und sein Kopf glitt langsam nach vorn, bis das Spiegelglas seine Stirn kühlte.
      Aus Entsetzten wurde Hass.
      Sam schloss seine Augen, doch die Bilder der letzten Stunden brauchten keinen Spiegel um den Nebel des Vergessens zu überwinden. Sie brannten in seinem Gedächtnis. Nichts davon war geträumt. Es war die bittere, grausame Realität:

      „Ich denke wir wollten in ein Hotel?“, hatte sie geflüstert.

      Der Geruch ihrer Angst mischte sich verlockend in die nach Teer riechende Luft.
      „Hey, hey nicht so hastig Tiger“, betäubt von diesem Duft spürte er ihre Fingernägel kaum und schleuderte sie mühelos gegen die Wand. Sie prallte ab, stürzte zu Boden und blieb liegen.
      Mit beiden Händen packte er ihre Gelenke, zerrte sie in die Höhe und drückte sie gegen die Mauer. Dann ließ er los und betrachtete sie.
      „Verdammt … hör auf – du tust mir weh“, hörte er sie wimmern.
      Ihr zitternder Körper schien vor Panik in allen Farben zu leuchten während ihre Fäuste verzweifelt gegen seine Brust schlugen. Es war ihm ein Leichtes gewesen sie am Mauerwerk fest zu halten. Als sie zu schreien anfing verschloss seine Hand ihren Mund. Mit der Anderen zerrte er an seinem Hosenbund. Verzweifelte Hilferufe erstickten in seiner Handfläche als er ihr seine Zuneigung aufzwang. Aber ihr Körper genügte ihm nicht …

      „Gib mir dein Herz …!“ hatte er gesagt.

      Eisige Kälte durchflutete ihn. Nicht die Furcht für diese Tat büßen zu müssen, lies langsam jede Faser seines Körper gefrieren, sondern Hass auf die Kreatur.
      Es sah auf: „Wer bist du?“, stieß es aus ihm hinaus.
      „Ich bin du …!“ flüsterte das Spiegelbild und neigte melancholisch den Kopf. Ein Windhauch strich über seinen Körper. „Du hast mich gerufen und mir Einlass gewährt!“
      Sam nickte. Ja – er hatte es getan. Angeekelt betrachtete er das Antlitz eines Engels. Es war ein Trugbild. Er war die Bestie, die es zu töten galt. Er war es immer gewesen – vom Moment seiner Geburt an, als sein erster Atemzug die Luft verpestete.
      Langsam glitt Sams Hand über die Ablage. So vorsichtig wie möglich.
      Hinter der Tür hörte er die erregte Stimme seines Bruders. Auch die andere Stimme erkannte er. Es war Stan Warren. Beide diskutierten heftig.

      < Es ist okay Dean > dachte Sam weinend. < Beschäftige ihn Bruder - damit ich etwas Zeit gewinne. Wir waren schon immer ein gutes Team, Alter…>

      Wenn er nur einen Hauch Selbstachtung bewahren wollte, dann gab es nur diesen Weg. Er sah sich in die Augen. Fieberhaft suchten seine Finger zwischen den Utensilien auf dem Spiegelboard. Dass Duschgel, Zahnbürsten und Plastikbecher dabei nicht klappernd übereinander fielen, konnte er gerade noch verhindern.
      Schließlich lag sie in seiner Hand. Schön und kalt wie immer - seine geliebte Klinge.

      „Gib mir dein Herz …“ flüsterte Sam.

      *

      Sams Hand zitterte nicht vor Begierde nach Schmerz oder in Erwartung eines berauschenden Kicks, sondern aus Angst zu versagen. Eine Mullkompresse klemmte zwischen seinen Zähnen.
      Zwei Schritte zurückgetreten, lehnte er mit dem Rücken an der Wand. Ihm war klar, dass er bei dem was er vorhatte, nicht lange stehen würde.
      Doch er wollte es sich nicht einfach machen - sich nicht in eine Dusche setzten und Blut mit Wasser verdünnen. Er wollte in seine Augen sehen! Wollte sehen wie der Killer stirbt.
      Sein Spiegelbild starrte zurück.
      Sam studierte es wie ein Chirurg, bevor er den ersten Schnitt ansetzte. Reißende Schmerzen peitschten durch seinen Körper, zwangen ihn aufzuhören um zu Leben – zu Überleben!
      Das Gewissen ließ es nicht zu.
      Seine Zähne vergruben sich in das weiche Material um den Schrei zu unterdrücken. Einen Schrei, der nach Hilfe rief. Der letztendlich ungehört in seiner Kehle erstarb.
      Das Atmen fiel schwer. Ging nur stoßweise. War kurz und hektisch. Es wurde zu erstickenden, gurgelnden Geräuschen. Sam spürte die Kälte des Stahles in seinem Fleisch. Der Boden drehte sich. Keuchend, stöhnend – jeden gequälten Laut zurückhaltend zog er den Kopf in den Nacken und das Messer weiter. Zentimeter um Zentimeter fraß es sich durch seine Haut, zerteilte sein Fleisch und sägte an seinen Rippen. Angetrieben durch die Herrschaft unbändigen Hasses.
      Es knackte. Ein Ruck erschütterte seinen Körper und Sam begann zu wanken. Er brach zusammen und gleichzeitig auseinander.
      Noch einmal sah er flüchtig das Spiegelbild und erkannte die Gestalt. Sie hatte ihn ein Leben lang begleitet wie eine ständige Bedrohung.
      Es wurde kalt als er zu Boden stürzte. Den Aufprall spürte er schon nicht mehr. Seine Lider flatterten, den tauben Fingern entglitt die Klinge. Rasend schnell verließ die Angst seinen Körper und schwamm als blutroter See im Bad.
      Das Letzte was Sam wahrnahm war das Weinen eines Mädchens und seine eigene Stimme: „Jetzt wirst du büßen … du wirst sterben …und niemand wird dich retten.“

      *** *** ***

      „Sie stecken in Schwierigkeiten!“ knurrte Warren. Er musterte Dean für einen Augenblick. Der Ältere war nervös und unternahm keinen Versuch sich zu rechtfertigen. Dieses Verhalten passte so gar nicht zum Bild das sich Warren von den Männern gemacht hatte.
      Geräuschlos schloss der Inspektor die Tür. „Das ist Amtsanmaßung! Ich könnte sie verhaften lassen.“ Trotz seines drohenden Tonfalls blieb er gelassen. Er hatte nicht die Absicht die Spannung in der Luft eskalieren zu lassen.
      „Hören Sie…“, Dean hob beschwichtigend die Hände. „Es ist nicht so wie Sie denken.“ Kurz hielt er inne und lauschte.
      Warren nickte. Er sah sich um. Ein anonymes Motel. Die Luft im Zimmer war unzählige Male aus und eingeatmet worden und roch nach Waffenöl und Whisky. Abgenutzte Reisetaschen standen halbgeöffnet auf dem Boden. Nur wenige Bekleidungsstücke waren auf den Betten verstreut. Nirgends konnte Warren etwas Persönliches entdecken. Es gab kein Foto, keinen Brief und keinen Hinweis auf eine Vergangenheit dieser Männer. Auf dem Tisch flimmerte zwischen Stapeln aus alten Büchern und Zeitschriften ein Laptop. Er bemerkte auch die Kopien, die er den Beiden ausgehändigt hatte. „Wo ist ihr Partner?“, fragte Warren misstrauisch.
      „Sam … Sam ist im Bad. Es geht ihm nicht gut“, flüsterte Dean. Als sein Blick erneut die Tür streifte, biss er sich auf die Unterlippe. Dann sah er zurück zum Inspektor. Er ging auf ihn zu. „Hören Sie, wir wollen keinen Ärger machen“ beschwor er ihn. „Wir kommen morgen aufs Revier und erklären es ihnen. Aber bitte lassen sich mich jetzt nach Sam …“ Deans Stimme klang besorgt. Sein Blick glitt wieder zur Tür.
      Warren setzte sich auf einen der Stühle. „Erklären Sie es mir jetzt!“
      „Mann, wir haben das gleiche Ziel!“ stöhnte Dean. Seine Gefasstheit lang vollends am Boden. Diese Stille im Bad war beängstigend. Wie ein gefangenes Tier fühlte er sich.
      „Ich scheine nicht ihr einziges Problem zu sein“, bemerkte der Inspektor. „Was ist mit ihrem Partner?“, wollte er wissen und schielte ebenfalls zum Bad. Dean fuhr sich nervös durchs Haar. „Er ist mein Bruder! Wir sind hier um das zu beenden.“
      „Um was zu beenden?“ Warren sah Dean fragend an. Seine braunen Augen hatten sich zu Schlitzen geformt. „Vor wem sind Sie auf der Flucht? Und warum interessieren sie sich für die Selbstmorde in Bethel?“ Er hatte eines der Bücher genommen und blätterte in den vergilbten Seiten. Dann hielt er es in die Höhe. „Das ist ziemlich fragwürdige Lektüre. Finden sie nicht?“ Warren musterte das alte Grimoire* auf dem ein Pentagramm abgebildet war. Mit Okkultismus kannte er sich nicht aus.
      „Wir glauben nicht dass es Selbstmorde sind“ murmelte Dean. Schweiß ließ seine Stirn glänzen. Als er weitersprach vibrierte seine Stimme. „Wir glauben etwas treibt die Menschen zu den Selbstmorden.“
      „Etwas?“ Warren Gesicht verzog sich. Erwartungsvoll legte er das Buch zurück.

      Ein lautes Rumpeln im Bad ließ Dean zusammenzucken und Warren aufspringen. „Nun sehen Sie schon nach!“, zischte der Inspektor und zog die Waffe unter seinem Jackett hervor.
      Mit einem Satz war der Ältere an der Tür. Er schlug auf sie ein. „Sam? Sam verdammt mach auf!“
      Auf der anderen Seite war es totenstill.
      „Da stimmt was nicht“, keuchte Dean. Er ging einen Schritt zurück und trat gegen die Tür. Sie knarrte.
      Warren lehnte etwas seitlich an der Wand. Er hatte seine Waffe entsichert.
      Beim zweiten Tritt zersplitterte der Holzrahmen. Die Tür sprang auf, schlug jedoch gegen einen Körper und schnippte zurück.
      Dean quetsche sich durch den Spalt ins Bad.

      *

      „SAM!“ Der Schrei erstickte in Deans Hals.
      „Oh mein Gott!“ hörte sich Warren keuchen als er auf seinem Handy auch schon die Nummer des Notrufes wählte.
      Das Bad war über und über mit Blut befleckt. Es klebte sogar auf der kahlen Glühlampe die von der Decke hing. Wie verzweifelt musste eine Seele sein um in einem solchen Akt zu sterben?

      Dean hatte Sam aus der schäumenden Lache gezogen und auf den Rücken gedreht. Nun kniete er neben ihm. Verzweifelt presste er ein Handtuch auf die klaffende Wunde. Mit der anderen Hand suchte er die Halsschlagader. Sams Puls war kaum noch fühlbar. Er war bewusstlos.
      <Wie schnell kann ein Mensch verbluten?> schoss es Dean durch den Kopf. Er sah an sich herunter. Seine Jeans schimmerte rot.
      Noch immer weigerte sich sein Verstand zu begreifen. Aber die Rasierklinge am Boden, das geschlossene, unversehrte Fenster und die verriegelte Tür ließen keinen anderen Schluss zu … Hier war niemand eingedrungen. Diese Grausamkeit war Sams eigenes Werk.
      Dean rang nach Luft. Jeder Atemzug brannte in seiner Kehle. Er warf den Kopf zurück und stieß einen Schrei von sich, wie ihn Warren, hätte er ihn nicht selbst gehört, niemals einer menschlichen Kehle zugetraut hätte.
      „Der Notarzt ist unterwegs“ flüsterte Warren heiser. Er beugte sich zum Älteren herunter um ihn zu beruhigen.
      Deans fiebriger Blick irrte orientierungslos durch das Bad.
      Handschellen und Haftbefehl waren ihm völlig egal. Mit aller Gewalt riss es ihn aus seinem Wachtraum und er erkannte die nackten Tatsachen. Verzweiflung mit Nicht-wahrhaben wollen überspielend, hatte er hatte sich und Sam betrogen. „Sammy… nicht einschlafen bitte!“ Fest drückte er das Handtuch auf Sams Brust. Sein tränenüberfluteter Blick senkte sich auf das bleiche Gesicht in seinem Arm. „Halte durch Kleiner … bitte … halte durch!“
      Es war zu spät um noch irgendetwas zu ändern oder zu richten - zu spät um zu Vergeben oder Vergebung zu finden …



      *** Fortsetzung folgt ***


      Quellen und weiterführende Hinweise:

      Ein Grimoire oder Zauberbuch ist ein Buch mit magischem Wissen. Die Blütezeit dieser Schriften war zwischen dem Spätmittelalter und dem 18. Jahrhundert. Solche Zauberbücher enthalten astrologische Regeln, Listen von Engeln und Dämonen und Zaubersprüche, sowie Anleitungen zum Herbeirufen von angeblichen magischen Wesen oder zur Herstellung von Talismanen und Mixturen.
      Das Wort grimoire kommt vom altfranzösischen gramaire und hat die gleiche Wurzel wie das Wort Grammatik. Ein Grimoire ist also eine Anleitung, um magische Symbole zu Formeln zu kombinieren.
      Quelle: wikipedia
    • *** Nicht ohne Dich ***

      „A C H T U N G“ - Ihre Stimme riss Dean aus seiner Starre. Er zuckte zusammen und wich zurück. Seine Zähne klapperten. Im Bad klebte ein Geruch von Schweiß, Blut und Erbrochenem. Viel zu eng und zu heiß war der Raum für das Rettungsteam.
      Ihre routinierten Hände hatten bereits Infusionen mit einer kolloidalen Lösung* gesetzt als sein Herz aufgab.
      Mit einfühlsamen Augen sah sie Dean an. Doch nur eine Sekunde lang. Dann schickte sie einen Stromstoß durch den Mann auf der Trage. Sein Körper bäumte sich auf.
      Aufmerksam beobachtete sie die flache unveränderte Linie auf dem Monitor. Der erhoffte Sinusrhythmus blieb aus.
      „Verdammt“, fluchte sie und wischte Reste von Blut und Erbrochenem von der Brust ihres Patienten. „Wie kann man sich nur so etwas antun?“ Sie nahm beide Elektroden und platzierte sie erneut unter dem rechten Schlüsselbein sowie auf der linken Seite des Brustkorbes.
      Das EKG des Defibrillators zeigte Kammerflimmern. Die rote Lampe leuchtete und ein leiser Heulton signalisierte die Bereitschaft des Gerätes. Sie wiederholte den Vorgang dreimal. Ohne Erfolg.
      Verzweifelt sah sie auf den ersten Rettungssanitäter. Er kniete neben dem Bewusstlosen und hatte den Beatmungsbeutel übernommen. Mutlos schüttelte er mit dem Kopf.
      Sie atmete durch: „Nochmal – A C H T U N G!“
      Entschlossen stellte sie den Defibrillator auf maximale 360 Joule ein und löste einen weiteren Stromstoß aus. Weder am Patienten noch auf dem Display war eine Reaktion zu erkennen.
      Sie drehte sich zu Dean. „Wie lange ist er schon bewusstlos?“
      „Acht Minuten … ich … ich denke etwas über … acht Minuten…“ Deans Stimme krächzte. Kaum ein Wort konnte sie verstehen.
      Dean hatte Platz gemacht. Nun kniete er hinter ihr schlotternd im Blut und hatte die Hände auf seine Jeans gestützt.
      Die Ärztin sah zum zweiten Rettungssanitäter. Der stand leichenblass im Türrahmen und starrte auf den halbnackten Mann dessen tiefe Schnittwunden schon notdürftig versorgt waren. „Hat er … hat er etwa versucht sein eigenes Herz …?“, die Frage wollten nicht über seine Lippen.
      „Wir brauchen Adrenalin!“, schrie sie. Ihre Stimme schnitt ihm das Wort ab.
      „Äh, ja … das ist!“
      „Wo?“ Sie fragte so ruhig wie möglich.
      „In … in der Tasche - nebenan!“, stotterte er und setzte sich in Bewegung.
      Dean sprang auf. Eilte am Sanitäter vorbei ins Nebenzimmer und riss die Tasche an sich. Ihr Verschluss schnappte auf. Durch die schleudernde Bewegung verlor sie die Hälfte ihres Inhaltes. Glasampullen klirrten über den Boden. Verteilten sich unter Tisch und Betten - rollten ins Bad.
      „Jetzt machen Sie schon!“, drängte sie.
      Dean kramte fieberhaft im verbleibenden Inhalt und gab ihr schließlich eine Ampulle und eine Einwegspritze. Nickend überprüfte sie die Etikettierung. Dann riss sie mit den Zähnen die Verpackung auf und zog die farblose Flüssigkeit auf die Spritze. Entschlossen trieb sie die Nadel in das Herz ihres Patienten.
      Dean und der zweite Sanitäter beobachteten die EKG Anzeige.
      Mit sanfter Stimme fragte sie. „Haben sie uns gerufen?“
      Dean nickte abwesend. Sein Blick war versteinert auf den Monitor gerichtet. Weder die Stromstöße noch das Adrenalin schienen Sams unwilliges Herz wiederbeleben zu können.
      Langsam senkte die Ärztin den Kopf. „Wir hören auf!“, murmelte sie und fügte mit Rücksicht auf den Gemütszustand aller hinzu: „Wir haben getan was wir tun konnten!“
      Als sie zusammenpacken wollte, spürte sie den festen Griff an ihrem Oberarm. Dean sah sie an. Er vermochte nicht mehr zu sprechen aber seine Lippen bebten. Ihr Gesicht spiegelte sich in seinen tränennassen Augen. Seufzend sah sie wieder zum Sanitäter der aufgehört hatte Sam zu beatmeten und nickte: „Gut! Wir versuchen es. - Noch ein Mal!“
      Sie ließ die Einstellung des Defibrillators bei 360 Joule und aktivierte den Stromstoß.
      Unkontrolliert schnellte der Körper in die Höhe.
      Ein zögerliches Piepsen begleitete den ersten Ausschlag auf dem Monitor. Sams Lider flatterten kurz und ein rhythmischer Ton stellte sich nach wenigen Sekunden ein. Er war wie das Zirpen einer einsamen Grille.
      „Wir haben ihn“, schrie sie und packte Dean an der Schulter um ihn heftig zu schütteln. Sein Gesicht war leichenblass.
      „Stabilisieren … und nichts wie ab“, stöhnte sie erleichtert.
      Ein ganzes Helferteam war in hektischer Aktivität vertieft als sie die Trage, auf der Sam lag, im Eiltempo über den Parkplatz zu einem der blinkenden Rettungswagen rollten.

      *** *** ***

      Als Stan Warren durch die Straßen fuhr spürte er eine beklemmende Ruhe. Schon seit Wochen verwandelte sich die Stadt jeden Morgen unter der Glut der Sonne in einen flimmernden Backofen. Zum Schutz hatten die meisten Bewohner die Rollläden vor den Fenstern herabgelassen. Trotzdem beschlich ihn das Gefühl nicht allein zu sein. Hinter den stummen Fassaden schienen unzählige Augen seinen Weg zu verfolgen.
      Warrens Hände zitterten immer noch. Hätte die Lenkung des alten Fords nicht so viel Spielraum, müsste er befürchten von den eigenen Kollegen für einen betrunkenen Autofahrer gehalten zu werden.
      Der Inspektor schnaufte.
      Dieser Ort schien verflucht. Oberflächlich betrachtet war Bethel ein romantisches Idyll voller Erinnerungen an eine rebellische Zeit, bewohnt von alternden Hippies und besucht von nostalgiesüchtigen Touristen. Doch blickte man nur wenige Millimeter unter die Oberfläche war alles verrottet. Seine Existenz verdankte Bethel den aufgegebenen Idealen und zerplatzten Träumen von Woodstock. – Und Warren war ein Teil davon. Er musste sich damit abfinden, dass seine Frau nicht zurückkam, seine Kinder ihn einen Fremden nannten und die einzige Gesellschaft in seiner Wohnung der eigene Schatten war. Der tiefe Wunsch eine Familie zu gründen war ebenso an der Boshaftigkeit dieses Landes gescheitet wie das trübselige Leben der meisten Anwohner. Gleich einem unersättlichen Moloch zog Bethel Leid und Schmerzen an.
      Warren beschloss ins Büro zu fahren um den Sektenselbstmord auf der Shire Farm noch einmal unter die Lupe zu nehmen. Wenn nur ein Fünkchen Wahrheit an der verrückten Theorie erzwungener Selbstmorde sein sollte, dann war dieser Winchester die Lösung – sofern er die nächsten Stunden überlebte.
      Obwohl dem Inspektor klar war sich den Dienstvorschriften zu widersetzten, entschied er die Brüder nicht festzunehmen. Schließlich lag nichts Offizielles gegen sie vor und verschwinden konnten sie in nächster Zeit auch nicht. Nach 40ig Jahren Katz und Maus Spiel mit den Behörden hielt er es für angemessen ebenfalls wegzusehen. Er hatte viel von seinen pflichtbewussten Kollegen der CSI gelernt und musste unweigerlich grinsen. Diesmal saß er am längeren Hebel, denn er hatte einen Zeugen den er um keinen Preis der Welt ausliefern wollte.

      *** *** ***

      Die abgestandene Luft ließ seine Nebenhöhlen austrocknen. Dean versuchte unablässig durch Schlucken seinen Gaumen zu befeuchten, was den Geruch von Desinfektionsmitteln und Automatenkaffee nur verstärkte. Er war außer Stande auch nur eine Minute auf dem klapprigen Wartestuhl auszuharren. Immer wieder zog es ihn auf den langen schmalen Korridor in der Hoffnung man würde ihn zu seinem Bruder lassen.
      Sie hatten Sam nach einer vierstündigen Not-OP auf die Intensivstation gebracht und bisher jeden Besuch verweigert. Dean blieb nichts übrig als zu warten – und zu beten. Und genau das tat er …
      Sammy hatte immer gebetet. Er glaubte an eine höhere, gute Macht. Wenn dieser Glaube nun half, wäre Dean bereit sich nie wieder von den Knien zu erheben.
      Seufzend vergrub er das Gesicht in seinen Händen. Er wollte alles ertragen, alles tun was die Ärzte ihm rieten und wenn es sein musste stundenlang ausharren.
      Jegliches Zeitgefühl war ihm abhanden gekommen. Wechselnde Gesichter die ihm gegenüber saßen erzählten die gleiche Geschichte – teilten sich den gleichen Schmerz und mussten sich schließlich der Wahrheit stellen. Manchen von ihnen war es vergönnt nach endlosem Warten einem Arzt zu folgen, um ihre Liebsten in die Arme zu schließen. Andere mussten für immer Abschied nehmen. Hoffnung und Verzweiflung lagen nirgends so dicht beieinander wie an diesem Ort.

      „Mister Winchester?“ Eine Hand berührte ihn sanft an der Schulter. Dean sah auf.
      „Sie dürfen ihren Bruder jetzt sehen. Aber erwarten Sie nicht zu viel.“
      „Sie sind noch da?“, fragte er erstaunt und erhob sich.
      Sie nickte: „Wir scheinen uns sehr ähnlich zu sein. So schnell gebe ich nicht auf.“
      Nach den vielen Stunden sah sie müde aus. Eine schlichte Spange hielt ihre Haare im Nacken zusammen. Die widerspenstigen, rot schimmernden Spitzen standen starr nach oben wie der Gamsbart eines Tirolerhutes und gaben ihr trotz der respekteinflößenden Arbeit die sie täglich bewältigte, ein keckes und unerschütterliches Aussehen.
      Sie bemerkte Deans Angst. „Nur Mut“, flüsterte sie. „Das kriegen wir wieder hin. Sie können froh sein, dass ihr kleiner Bruder so ein Riese ist.“ Aufmunternd zwinkerte sie Dean zu. „Er hat etwas mehr Blut zur Verfügung als die meisten Menschen.“
      „Wie heißen Sie?“, fragte Dean leise während sie den schmalen Gang entlanggingen.
      „Nennen Sie mich Tasha.“
      Abrupt blieb Dean stehen und sah ihr ins Gesicht. „Tasha, Sie haben meinem Bruder das Leben gerettet. Ich .. ich weiß … nicht wie…“
      – „Ist schon okay, das ist mein Job.“ Tasha tippte demonstrativ auf das obligatorische Stethoskop um ihren Hals. Ich bin Ärztin … mh?“ Sie lächelte kurz. Doch als sie nach der Türklinke griff, bildeten sich Kummerfalten auf ihrer Stirn. „Allerdings haben wir noch einen steinigen Weg vor uns“, fuhr sie fort und überließ es Dean als erster das Krankenzimmer zu betreten.

      „Sammy, Sammy … Sammy!“ Alles um sich herum vergessend war Dean mit einem Satz am Bett. Doch die Bewegung seiner Hand erfror als er Sam eine Strähne aus der Stirn streichen wollte. Gelähmt sah er auf das schmale Gesicht. „Es … ich … Sammy – es tut mir so leid!“ Tränen rollten über Deans Wangen. „Es ist alles meine Schuld.“ Er schluckte.
      Sam war so blass – fast durchsichtig, dass Dean den Eindruck hatte er würde sich jeden Moment unter seinen Augen in Luft auflösen. Piepsende Geräte und flimmernde Monitore überwachten mit kühler Akribie sämtliche Vitalfunktionen des Jüngsten. Sams Arme ruhten auf einer sterilen Bettdecke. Feine Kanülen in seinen Venen zwangen Tropfen für Tropfen das Leben, das er weggeworfen hatte, zurück in seinen Körper. Ein Schlauch in der Nase sollte ihm das Atmen erleichtern.

      Tasha stand noch in der Tür und beobachtete Dean. Sie bemerkte das Beben seiner Schultern und hörte das leise Schluchzen. Geduldig ließ sie ihm Zeit bevor sie zum Bett ging.
      „Ihr Bruder hat großes Glück gehabt. Hätten Sie nicht so professionell reagiert und ihm die Wunde abgedrückt wäre er mit Sicherheit verblutet.“ Sie machte eine kurze Pause. „Die meisten Menschen werden beim Anblick eines derartigen Traumas ohnmächtig oder zumindest handlungsunfähig. Allerdings so scheint es mir, haben Sie einige Erfahrungen mit Verletzungen.“
      Als Dean sich zu ihr umdrehte und sie schulterzuckend ansah, hob sie ihre Brauen: „Sam hat viele alte Narben.“
      „Sie haben ja keine Ahnung …“ murmelte der Ältere bevor er deutlicher sprach. „Ähm … ja – wir reiten Rodeo.“, er räusperte sich.
      „Worauf? – Auf Grizzlybären?“ Ihre aufmerksamen Augen streiften demonstrativ über eine mächtige Narbe auf Sams rechter Brust, die teilweise unter dem Verband hervor lugte. Dann beobachtete sie Dean mitfühlend.
      Behutsam, als hätte er Angst seinem Bruder weh zu tun strich er ihm über die Wange und flüsterte: „He Tiger, wir packen das. Ich bin bei dir!“
      Abrupt wandte er sich an Tasha. „Warum reagiert Sammy nicht auf mich?“
      Tasha seufzte. „So wie es aussieht hat Sam versucht sich das Herz heraus zu schneiden.“ Sie zupfte an einer verirrten Haarsträhne auf ihrer Stirn. „Es ist mir ein Rätsel wie er mit diesem Vorhaben so weit kommen konnte.“
      Dean sah sie fragend an.
      „Ihr Bruder hat es geschafft sich eine Rippe direkt am Brustbein abzutrennen! Mit einem Rasiermesser!“ Ihre zweifelnden Augen trafen auf den Älteren. „Normalerweiser wäre ein Mensch bei dieser Tortur längst bewusstlos geworden.“ Sie flüsterte: „Zum Glück ist das auch eingetreten bevor er das Herz oder eine Arterie erwischt hat.“ Tashas Gesicht nahm sehr ernste Züge an als sie weiter sprach: „Glauben Sie mir … Sam wusste ziemlich genau was er tat!“ Kopfschüttelnd gestand sie: „Mir ist klar wie sich das anhört. Theoretisch ist das unmöglich. Wenn ich es nicht besser wüsste würde ich behaupten er hatte Hilfe.“
      Dean zuckte zusammen.
      „Wir haben die Rippe verdrahtet und Haut, Fett sowie Muskelgewebe mehrfach vernäht.“ Ratsuchend holte sie Luft. „Ich hielt es für besser Sam eine Weile zu sedieren**. Er spürt so keine Schmerzen und in Anbetracht seiner labilen Psyche kann sich sein Körper auf diese Weise besser erholen.“
      Die letzten Worte der jungen Ärztin ließen den Boden unter Deans Füßen einstürzen. Sprachlos sah er in ihre Augen. Ihm wurde eiskalt.
      „Was hat Sam?“ Aufkommende neue Tränen erstickten Deans Stimme.
      „Sie haben es nicht bemerkt … oder?“ Flüsterte Tasha betroffen und versuchte so behutsam wie möglich zu sein. Sie wusste aus Erfahrung das für viele Angehörige die Welt aus den Fugen geriet wenn sie die Wahrheit erfuhren.
      Als Dean sie hilfesuchend ansah, zog sie vorsichtig die Bettdecke nach unten. Sie betrachtete schweigend unzählige schmale Narben die kreuz und quer über Sams Bauch verliefen.
      „Wann hat sich ihr Bruder das letzte Mal nackt gezeigt?“ Fragte sie leise, erwartete jedoch keine Antwort. Stattdessen legte sie ihre Hand auf die Schulter des Älteren: „Sam verletzt sich schon seit vielen Monaten selbst!“
      Dean erstarrte. Das Zimmer drehte sich im Kreis. Wie Ohrfeigen schlugen Erinnerungen auf ihn ein: Sams lange Aufenthalte unter der Dusche. Das Blut im Bad. Seine gekrümmte Haltung nach der letzten Jagd und nicht zuletzt die Abweisung als Dean seine Verletzung sehen wollte. Ja er hatte Sam lange nicht nackt gesehen. Er trug immer ein Shirt wenn er aus dem Bad kam oder hinein ging.
      Warum hatte er all diese warnenden Zeichen übersehen? Warum hatte er nicht nach Antworten gesucht?
      „Oh Gott - N E I N !“ Japsend rang der Ältere nach Luft und sank auf einen Stuhl, den ihm Tasha vorsorglich entgegen geschoben hatte.
      Er verbarg weinend das Gesicht in seinen Händen.
      Sams Worte waren Hilfeschreie gewesen:

      <<< … Er war nicht mehr zu retten … Viele Dingen können einen Menschen in den Wahnsinn treiben … Dann bist du der einzige Mensch der sowas nicht braucht … >>>

      Sam hatte um Hilfe gefleht – immer und immer wieder. Und er – Dean Winchester hatte es ignoriert. So sehr darauf bedacht den kleinen Bruder in Watte zu packen und den eigenen Schmerz mit Whisky zu ertränken hatte er den freien Fall in dem sie sich befanden nicht bemerkt. Er trug die Schuld. Er hatte mit seinem Schweigen Sam zu dieser grausamen Tat getrieben.
      Deans Herz krampfte mit jedem Schlag. Seine Finger vergruben sich haltsuchend im Stoff der Jeans als er den Kopf in den Nacken riss und erneut in die trockene Luft brüllte: „ NEIN!“ --- Eine Abwehrreaktion. Ein verzweifelter letzter Versuch die Augen zu verschließen – diesem Alptraum zu entfliehen.
      Aber es war unmöglich die deutlich sichtbaren Male stummer Qual auf dem Bauch des kleinen Bruders zu ignorieren. Langsam richtete sich Dean auf und strich mit sanften Fingern über die Narben. „Was habe ich dir nur angetan? Gott Sammy – verzeih mir! Gib nicht auf bitte … gib nicht auf.“ Trotz seines gequälten Blickes legte sich plötzlich Entschlossenheit auf das Gesicht des Älteren. Es war an der Zeit aufzustehen. Er war an der Zeit seine Bestimmung zu erfüllen und zurück zu den Wurzeln zu kehren. Für Dean gab es keine Chance auf Selbstmitleid, denn Sam brauchte ihn. „Sammy kämpfe! Ich bin bei dir. Ich werde dich niemals allein lassen! Wir stehen das durch – gemeinsam!“

      Gerührt stand Tasha da. Sie verspürte das Bedürfnis etwas sagen. Aber in jedem Wort, in jeder Geste und in jedem Atemzug des Älteren lag so viel Hingabe und Liebe, dass ihr Versuch sich einzumischen die Magie dieses Augenblickes zerstört hätte. Sie wusste, dass die meisten Menschen, die Selbstmordhandlungen begangen, weder sterben oder leben wollten. Sie wollten beides gleichzeitig, gewöhnlich das eine mehr als das andere. Sie wollten nichts anderes als angehört zu werden.
      „Ich werde die Dosis des Sedativums langsam verringern“, sagte sie. „Morgen früh dürfte ihr Bruder ansprechbar sein. Reden Sie miteinander!“
      Dankbare grüne Augen sahen sie an. Tasha nickte lächelnd und zwang eine Träne zurück als sie das Zimmer verließ.

      *

      Schweigend stand Dean am Bett und betrachtete Sams zerschnittene Haut. Endlich bereit sich den Tatsachen zu stellen, sahen seine Augen wieder klar und er erkannte das wahre Ausmaß der Tragödie. Vielleicht war es nur Zufall – eine Täuschung seiner überreizten Nerven. Aber Dean glaubte nicht an Zufälle. Nicht bei dem was er bisher erlebt hatte.
      Wahrscheinlicher war es, dass die Festung aus Schweigen in der sich die Brüder seit Monaten verschanzten, Risse bekam.
      Dean zitterte weil Angst nach ihm griff – Panik, dass der Kampf um Sams Seele von vorn begann. Doch er hatte keine Wahl. Er musste akzeptieren dass die Vergangenheit ihnen beiden gehörte. Er konnte sie nicht länger vor Sam verbergen, denn die gelöschten Erinnerungen bahnten sich bereits einen Weg aus Sams Unterbewusstsein an die Oberfläche und brachen durch seine Haut. Diese Narben waren nicht zufällig angeordnet. Sie folgten einem Muster. Auf Sams Körper stand in eingeritzten Buchstaben der Name einer Geschichte …



      *** Fortsetzung folgt ***


      Weiterführende Erklärungen und Anmerkungen des Autors:

      * Kolloidale Infusionslösungen werden als Blut-Volumenersatz (Plasmaersatz) oder in der Volumentherapie eingesetzt. Durch ihre Zusammensetzung können sie die Gefäßwand nicht überschreiten. Neben einer gegenüber Elektrolyten verlängerten Verweildauer im Gefäßsystem ergibt sich daraus auch ein ausgeprägter und länger anhaltender Effekt auf das Blutvolumen, weshalb sie zum Ausgleich größerer Volumenverluste beim hypovolämischen Schock (Verbluten) eingesetzt werden. Quelle: Wikipedia

      ** Der Begriff Sedierung (lat. sedare, „beruhigen“ eigentlich „sinken lassen“) wird vor allem in der Medizin, insbesondere in der Intensivmedizin oder bei der Nutzung von Psychopharmaka verwendet. Er bezeichnet die Dämpfung von Funktionen des zentralen Nervensystems durch ein Beruhigungsmittel. Der Übergang von einer Sedierung zu einer Allgemeinanästhesie (Narkose) ist fließend. Der vor allem in den Medien genutzte Begriff „Künstliches Koma“ ist nicht korrekt, denn dieses ist primär ein ungeregelter Bewusstseinsverlust. Quelle: Wikipedia
    • *** Wahrheiten ***

      Der heiße Tag wich langsam aufkommender Abenddämmerung. Letztes orange-rotes Sonnenlicht wurde von Schatten zurückgedrängt, bis sich der Himmel in Schwärze hüllte. Ein leichter Windzug in den Baumwipfeln am Rande des Parkplatzes schenkte für einen Augenblick die Illusion einer Abkühlung. Nur schemenhaft war unter den Kastanienbäumen die Silhouette des Impalas zu erkennen auf dessen nachtschwarzem Lack sich ein sichelförmiger Mond spiegelte.
      Es war still geworden in den langen, kahlen Fluren der Klinik. Lediglich das Summen kalter Neonröhren und monotones Piepsen lebenserhaltender Apparaturen erfüllten das abgedunkelte Zimmer.
      Dean ging zum Fenster. Er schob die Vorhänge beiseite und sah auf den Parkplatz. Es war eine sternenklare Nacht. In Nächten wie diesen hatten sie oft nach erfolgreicher Jagd das funkelnde Firmament betrachtet. Irgendwo im Nirgendwo bot ihnen der Himmel immer einen Ort der Zuflucht und Stille, den sie dankbar annahmen. Schweigend saßen sie dann Schulter an Schulter auf der Motorhaube des Impalas und lauschten dem Flüstern des Windes. Aber diese Gemeinsamkeit lag weit zurück.
      Dean bemerkte nicht dass er weinte.
      Langsam drehte er sich um und betrachtete Sam. Im blassen Licht der Sterne erschien seine Haut weißer als der Verband der seinen Brustkorb zusammenhielt. Er atmete fast geräuschlos. Sein Gesicht wirkte entspannt. Sams geschundener Körper war ruhig gestellt durch die Flüssigkeit, die sich durch seine Venen schlich.
      Schluchzend ging Dean zurück um sich wieder ans Bett zu setzten. Er stützte den schwer gewordenen Kopf mit seinen Händen ab und schloss die Augen – wissend, dass er nichts tun konnte außer warten.

      Ein platschendes Geräusch schreckte ihn auf und fesselte seine Augen erneut an das Bett.
      Blutrot - wie ein gehäuteter Kadaver lag ein Körper in beschmierten, spröden Laken, die allmählich zu Staub zerfielen. Doch es war kein Tier, welches festgekettet, aufgeschlitzt und weggeworfen worden war. Der Geruch nach altem Blut - menschlichem Blut - und der Geruch von Erbrochenem raubten Dean fast die Sinne.
      Vor ihm lag Sam. Einfach war es nicht, ihn zu erkennen.
      „Gib mir deine Hand!“, bettelte Dean und streckte seine Finger aus. Doch so sehr er sich auch bemühte, er war unfähig ihn zu erreichen.
      Brennende, stechende Schmerzen in seinem Körper ignorierend, zwang er sich auf die Beine, um im gleichen Moment nach hinten zu straucheln und gegen eine Mauer aus schroffen Felsen zu prallen. Das Reißen in seiner Lunge, das Knirschen seiner Gelenke und gnadenloses Hämmern hinter seinen Schläfen waren zu ständigen Begleitern geworden die er zu erdulden gelernt hatte.
      Aber dieser Anblick!
      Sam - sterbend in grauer Asche – zerriss ihn. Es war unmöglich die Anzahl der Wunden zu zählen. Sein Körper war eine Landschaft, durchzogen von blutroten Linien.
      Dean wollte nicht gehen. Nicht ohne Sam.
      „Sammy! Bitte!“ Er winselte, bettelte, flehte - ließ sich erneut in die Asche fallen und wand sich wie ein Insekt. Ungewohnt heiß brannten Tränen in seinen Augen bis sie schließlich im blutigen Boden versandeten. „Gib mir deine Hand … Versuch es doch wenigstens!“
      Plötzlich öffneten sich Sams Augen. Sie blitzen groß und rund wie die Scheinwerfer eines Autos vor diesem Hintergrund fleischlichen Chaos auf und warfen ihm stumm vor, was schmale Lippen nur mühsam zu Worte formten: „Warum hast du mich nicht sterben lassen?“

      Nach all diesen marternden Stunden zitterte Dean, wie er noch nie zuvor gezittert hatte. Er zitterte nicht, weil sich seine Hände in den staubigen Boden krallten, ohne dass er wusste, wann und wie er in die Knie gegangen war. Er zitterte weil es Sam war, dessen Haut seinetwegen in Fetzen hing.
      Sein Herz raste. Es pumpte das Blut rasend schnell durch seine Venen und ließ den Adrenalin-Spiegel so in die Höhe schießen, dass ihm schwindlig wurde. Heiße Luft explodierte in seiner Lunge. „NIEMALS! Hörst du Sam – niemals werde ich dich sterben lassen“, glaubte er sich schreien zu hören. Wieder öffnete er die Augen, seine Pupillen weiteten sich und fixierten ein Stück rohes, zuckendes Fleisch das ihn anstarrte.
      „WARUM HAST DU MICH NICHT STERBEN LASSEN - DEAN?“
      „Gib mir deine Hand SAM!“
      Obwohl er förmlich mit dem Rücken an der Wand klebte, bereitete es ihm Mühe sich aufrecht zu halten. Sein Körper taumelte auf schlotternden Beinen, die pure Panik in die Höhe getrieben hatte.
      Nur langsam schmolzen unter wärmenden Strahlen auf seiner Schulter die schrecklichen Bilder dahin. Dean atmete hektisch und schwer bis der Gesang einer Amsel vor dem Fenster sein rasendes Herz beruhigte und er allmählich begriff, dass die Sonne schien. Die Nacht vorüber war. Und mit ihr der Alptraum.
      Kraftlos sackte er in sich zusammen und heulte enthemmt wie ein kleines Kind in seine Hände.

      „Warum hast du mich nicht sterben lassen?“
      Diese dünnen, zerbrechlichen Worte ließen ihn schlagartig verstummen. Dean erhob den Kopf und seine Blicke eilten, dem grellen Licht, das sich in seinen Tränen reflektierte zum Trotz, durch das Zimmer.
      Tasha hatte ihr Versprechen gehalten.
      Sam war wach und seine Augen schienen klar. Er lag reglos im Bett und starrte, auch als Dean auf ihn zuging, unentwegt an die Zimmerdecke.
      „Wie kannst du dir nur wünschen zu sterben?“, flüsterte Dean. Vorsichtig strich er eine braune Haarsträhne aus der Stirn des Jüngeren.
      Als sei diese Berührung unerträglich, entzog sich Sam. Sein Kopf schnippte zur Seite. Er sah weg - auf die kahle Wand und schwieg. Jede Bewegung bereite ihm Schmerzen und jeder Atemzug erinnerte ihn bitter daran, dass er noch lebte.
      „Sammy, ich … ich werde dir zuhören. Ich werde für dich da sein. Es tut mir so leid… ich hatte doch keine …. Es ist alles meine Schuld“ flüsterte Dean und senkte den Kopf.
      Sams Lippen zuckten als versuchte er zu lächeln, aber Tränen die über seine Wangen rannen bezeugten das Gegenteil.
      „Sam … bitte! Sprich mit mir“, flehte Dean. Er zog die Decke etwas herunter und ließ seine Finger über die schmalen Narben auf Sams Bauch gleiten. „Warum hast du dir das all die Monate angetan?“
      Schwerfällig drehte Sam den Kopf in Deans Richtung.
      In seinen Augen flimmerte, trotz all dem Chaos, immer noch eine unglaubliche Wärme.
      Sam schluckte. Mehrmals. „Ich konnte nichts mehr fühlen“, begann er flüsternd. „Konnte dich nicht mehr fühlen – nur deine Angst, deine Abneigung … bis …“ Für einen Moment schloss er die Augen. „Es war anfangs nur ein Kribbeln … ein leises Wispern - und wenn mein Blut lief, befreite es mich von dieser Leere. Dann konnte ich wieder etwas spüren.“
      Worte voller Schmerz, Scham und Reue sprudelten, wenn auch leise und unbeholfen über Sams Lippen. Die Wand aus Eis schmolz auf beiden Seiten.
      Er erzählte Dean von seiner quälenden Taubheit, von dem bedrohlichen Gefühl etwas getan zu haben dass sich Gehör verschaffen wollte und von seinen verzweifelten Versuchen diesem Schweigen mit der Klinge ein Ende zu setzten.
      „Ich werde wahnsinnig Dean“, flüsterte Sam. Er fuhr mit der Zunge über seine schmale Oberlippe und leckte eine salzige Träne ab, bevor er weiter sprach. „Diese Stimmen! Sie flüstern nicht mehr… sie schreien.“ Hilflos irrten seine Augen über Deans fassungsloses Gesicht.
      „Ich weiß nicht wer sie sind und woher sie kommen – ich weiß aber, dass ihnen Furchtbares widerfahren ist. Denn sie erzählen mir schreckliche Dinge. Immer mehr von ihnen sind in meinem Kopf!“
      Dean schluckte. Er musste sich setzten. Mit jedem Satz den Sam aussprach verkrampften sich seine Hände mehr im Stoff der Jeans.
      Sams Gedächtnis hatte das Versprechen gegenüber Frigg und all die Qualen die er erdulden musste vergessen, aber sein Körper erinnerte sich an jedes blutige Detail und gönnte ihm nicht den Frieden, den sich Dean durch sein Schweigen erhofft hatte. Ihm wurde klar, dass der menschliche Geist grausame Erinnerungen verdrängen und sich selbst belügen konnte, aber solange ihre Vergangenheit unausgesprochen blieb, würde sie Sam unbarmherzig weiter quälen.
      „Sam! Hör mir zu.“ Dean ergriff Sams Handgelenke als hätte er Angst Sam könnte weglaufen. Er sah ihm direkt in die Augen: „Du wirst nicht verrückt Sam …!“ Schnaufend riss Dean den Kopf in den Nacken und japste wie ein Fisch an Land.
      „Bei Gott, Sam … ich habe mir nichts sehnlicher gewünscht als dir diese Erinnerung zu ersparen – als sie von dir fern zu halten. Ich wollte das es aufhört.“ Tränennasse Augen richteten sich erneut auf Sams bleiches Gesicht. „Zumindest für dich…“ murmelte Dean und schloss die Augen.
      „Es ist alles wahr Sammy … alles.“ Schluchzend brach nun auch er sein Schweigen.
      Sam hörte aufmerksam und still zu als Dean von Frigg und ihren Reitern, den verlorenen Seelen in Anderswelt und dem Ritual berichtete. Seine Stimme war brüchig und sein Atem stolperte Sam entgegen als die letzten Worte seinen Mund verlassen hatten.
      Dann wurde es still im Zimmer. Wieder schob sich Schweigen zwischen die Brüder. Es war ein Schweigen der Erleichterung - ein Schweigen wie damals, als sie in sternenklaren Nächten gemeinsam das Firmament beobachteten.
      „Du hast mich gerettet“, hauchte Sam. Er erinnerte sich jetzt an Friggs Hölle, an die Fronten zwischen denen er stand … und an ihre Geschichten – ihre unzählbaren Worte, jedes einzelne so blutig und grausam.
      Dean lächelte gequält und schüttelte den Kopf. „Nein Sam - du hast mich gerettet, du hast Lilly und mein Baby gerettet. Sam, du hast mich von der Ungewissheit erlöst.“ Seine Hände umgriffen noch fester die kühlen Handgelenke des jungen Bruders als er flüsterte: „Ich habe dir deine Entscheidung schon lange vergeben, Sam.“ Tief holte Dean Luft und sah ihm liebevoll in die Augen. „Du solltest dir auch vergeben!“
      Sams Atmung beschleunigte sich. Er biss sich auf die Lippe und warf den Kopf zur Seite. Das Herz in seiner Brust hämmerte so heftig, als versuche es zu beenden was er mit eigener Hand vor 24 Stunden begonnen hatte – auszubrechen aus dem knöchernen Gefängnis.
      „Es ist zu spät – Dean!“ Sams raue Worte waren voller Hoffnungslosigkeit. Er erlaubte sich ein letztes Lächeln, dann verschwand jede Emotion aus seinem Gesicht.
      Dean hatte Sams Kopf ergriffen um ihn in die Augen zu sehen. Sie füllten sich mit Tränen. Mit Tränen der Angst und des Entsetzens: „Ich bin ein Schlächter …“
      Dean schüttelte energisch den Kopf. Er wollte nicht glauben was Sam da immer noch von sich behauptete. „Nein … Sam das bist du nicht. Du weißt, dass Frigg unrecht hatte!“
      Sam schlug die Lider nieder. „Es war nicht Frigg die zu mir kam“, krächzte er monoton. „Es war diese fremde Stimme.“
      „Welche Stimme?“ Deans Augen weiteten sich.
      „Die Stimme, die mit mir redete als du nicht da warst. Die Stimme die mir statt deiner zuhörte. Die Stimme die versprach mir die Taubheit zu nehmen und den Hunger nach Leben zu stillen.“
      Bedrohlich schnell und hoch schlug plötzlich die Anzeige auf dem EKG aus. Der rhythmische Ton, der Sams Herzschlag wiedergab, verwandelte sich in schrilles Pfeifen und die nach oben rasende Zahl in der rechten oberen Ecke des Monitors zeigte, dass Sams Puls in Bereiche schoss, die lebensbedrohlich waren. Sein pumpender Brustkorb stemmte sich gegen den Verband als wollte er ihn zu sprengen.
      Sam keuchte. Kalte Finger krallten sich in die Bettdecke. Als er die Muskeln anspannte rissen die Kanülen aus seinen Venen. Blut sickerte in das weiße Laken. Sam schnellte nach oben. Direkt in Deans Arme.
      „Sam … Sam beruhige dich!“ Völlig überrannt versuchte Dean seinen Bruder daran zu hindern aufzustehen. Mit aller Macht umschloss er ihn und stemmte sich gegen den rebellierenden Körper. Der schrille Chor allarmschlagender Apparaturen war Ohrenbetäubend. Rote Lämpchen flackerten warnend auf jedem Gerät im Zimmer.
      „Schwester … ich brauche eine Schwester“, brüllte Dean panisch zur Tür blickend.
      Sams Atmung wurde immer schneller. Fluten von Tränen stürzten über seinen Wangen. Er musste sich übergeben. „Ich muss es töten“, gluckste und gurgelte Sam über der Schulter seines Bruders. Dean drückte Sam zurück um ihn anzusehen. Sein Gesicht war schmerzerfüllt.
      „Warum hast du mich nicht sterben lassen Dean?“ keuchte Sam immer wieder.
      „Schwester … Schwester!“ Dean schrie und kämpfte gleichzeitig mit und um seinen Bruder. Endlich gelang es ihm nach dem Notschalter zu greifen. Gleichzeitig presste er Sam zurück ins Bett und war erstaunt über die Kraft, die er dafür aufbringen musste.
      „Schwester! Ich brauche Hilfe…“
      Die Tür flog auf und eine schmale junge Frau eilte an Sams Bett. Erschrocken sah sie Dean an. „Was ist passiert? Was regt ihn so auf?“
      Hastig setzte sie eine Spritze an Sams Oberarm. „Mein Gott er kollabiert ja!“
      „Ich … ich habe keine Ahnung“ keuchte Dean, Sam mühsam auf der Matratze haltend.
      „Ich muss es töten Dean … sterben Dean“, wimmerte Sam. „Ich muss … dieses … in mir … das Herz …“
      Das Sedativum war stark. Fast zeitgleich setzte die betäubende Wirkung ein.
      Sam sank zurück in das Kissen. Sein Atem wurde flacher. Langsam verringerte sich der Ausschlag auf dem Monitor und der Pfeifton wurde wieder zum rhythmischen Piepsen. Nur seine angstgeweiteten Augen hefteten sich auf Deans Lippen, als dieser beruhigend auf ihn einsprach.
      „Sch … sch … Sammy – es ist alles gut“, raunte er und streichelte zärtlich seine Wange. „Ich bin bei dir …!“
      Sam schloss die Augen. „Zu spät …“ flüsterte er, abgleitend in einen Nebel aus Gleichgültigkeit.
      Seine Finger umschlossen zitternd die Handgelenke des Älteren. „Ich bin ihr blind gefolgt … Dean …“
      Sams Worte wurden wie Watte. „Ich … der Stimme geglaubt … wollte …“
      Noch einmal riss er die Augen auf und sah Dean starr an. Sein Verstand kämpfte verzweifelt gegen den lähmenden Griff der Injektion.
      „Mein Gott… was habe ich getan!“ Sam konnte nur noch wimmern. Schließlich verließ ihn die Kraft und sein Kopf sank zur Seite. Mit bebenden Lippen hauchte er: „DEAN! … Da war diese Frau …“

      *** *** ***

      „Stan… sind Sie es?“, rief Harry Svann. Er konnte hinter dem Tisch am Boden hockend nicht erkennen ob es sein Kollege war, der den Raum betrat. Aufgeschreckt durch die laute Stimme des Gerichtsmediziners schmetterte eine Gelbkopfamazone eine Salve durchdringender Schimpflaute in die Küche bevor sie ihre Federhaube aufstellte und mit geneigtem Kopf verstummte. Warren betrachtete erstaunt den Papagei im goldenen Käfig. Eigentlich hatte er einen mit rosa Schleifenbändern verunstalteten Pudel erwartet.
      Svanns Kopf tauchte hinter dem Tisch auf bevor er sich erhob. „Da drunter“, murmelte er und nickte zu Boden. Vor seinen Füßen lag ein roter High-Heel. Etwas weiter entfernt unter dem Küchentisch in verkrampfter Haltung seine Besitzerin.
      Warren kam langsam näher. Er wirkte wie ein Seiltänzer als er mit vorsichtigen Tritten nach einer Lücke im getrockneten Blut suchte. Schließlich streiften seine Blicke den leblosen Körper. „Ist sie tot?“ Offensichtlich war sie vom Täter in aller Eile versteckt worden.
      Svann verdrehte die Augen. „Meine Güte“, stöhnte er: „Sehen Sie sich die Frau an! Jemand hat sie aufgerissen.“ Svann ging in die Hocke und versuchte den steifen Körper hervor zu ziehen. „Verdammt –sie wurde regelrecht in die Ecke gestopft, “ zischte er durch die Zähne.
      Die schlimmsten Wunden hatte Warren noch nicht sehen können, da Svann vor der Leiche kniete. Bis jetzt erblickte er lediglich einen Schwall blonder Haare und einen unbeschuhten Fuß der starr aus dem Versteck ragte. „Vielleicht hat sie versucht zu fliehen und kam bis hier her?“
      Der Gerichtsmediziner schüttelte den Kopf und gab die Sicht frei. „Das glaube ich nicht.“
      Warren schloss entsetzt die Augen. Möglicherweise wollte er einfach nicht sehen was er bereits ahnte. Ihr Kleid war zerrissen. Ihre Wäsche ebenfalls. Und als wollte jemand die Bloßlegung vervollständigen, waren auch ihre Haut und das darunter befindliche Muskelgewebe zerfetzt.
      Emotionslos spähte Svann in ihren geöffneten Brustkorb. Mehrere Rippen waren zerbrochen, vom Brustbein selbst fehlte ein Stück und ihr Herz war ansatzweise aus seinem natürlichen Sitz herausgerissen. Der Gerichtsmediziner beendete sein vorläufiges Tète-a-tète mit der Leiche und erhob sich um die Arzttasche zu holen. „Toter kann man nicht sein!“, murmelte er kopfschüttelnd.
      Warren wollte den Anblick nicht mehr ertragen. Stumm sah er zum Fenster hinaus. Wieder hatte die Sonne damit begonnen das Land zu verbrennen. Ihre sengenden Strahlen brachten nicht nur Dürre über Bethel sondern Wahnsinn und Tod. „Es wird ein verdammt heißer Sommer“, murmelte er und versuchte tief einzuatmen. Zwischen dem ekelhaften Gestank nach Verwesung lag noch ein anderer Geruch, den er erkannte aber seltsamerweise nicht zuordnen konnte. Irritiert verharrte er einen Augenblick.
      Als Svann mit seiner Tasche zurück kam, fragte Warren: „Wie lange ist sie schon tot?“
      „Ist bei dieser Hitze schwer zu sagen!“ Svann hob unschlüssig die Schultern. Er zog es vor das Thermometer zu befragen und beugte sich wieder über das Opfer.
      Distanziert beobachtete ihn der Inspektor. Dieser Mann hatte wahrscheinlich schon hunderte von Leichen begutachtet – in allen erdenklichen Verfassungen. Trotzdem lag in seinem Gesicht eine gewisse Faszination. Eins verwirrte Warren immer wieder: Wie konnte es Menschen nur Spaß machen einer Toten rektal die Temperatur zu messen? Er wandte sich schaudernd ab: „Welche Waffe?“ fragte er.
      Svann murmelte: „Auf Grund der Wunden wäre ich glatt versucht auf ein Tier zu tippen.“ Seine Finger glitten über den Rumpf. „Sehen sie das? Fransige Ränder. Mehr Risse als Schnitte!“
      „Ein Hund, meinen Sie?“
      Svann sah den Inspektor von unten herauf an: „Ich habe eigentlich an einen Tiger gedacht!“
      Erstaunt hob Warren die Brauen.
      „Das sollte ein Scherz sein!“ brummte Svann und versuchte zu grinsen.
      „Das ist nicht lustig!“ zischte Warren. Plötzlich kam ihm, womit der Geruch im Zimmer zusammenhing. Ein Hauch Wehleid huschte über seine Lippen, wie eine verbotene Erinnerung. Es war derselbe Duft, der ihm immer in der Nase prickelte, wenn er zurück ins Schlafzimmer kam - nachdem er Dorothea geliebt hatte. Es war der Geruch von Sex.
      Warren schnaufte. „Vergewaltigung?“
      Svann nickte: „Ziemlich eindeutig was? Die Belästigung war äußerst gründlich. Jede Menge Quetschungen und Geweberisse – jede Menge Samenablagerung.“
      „Also ein todsicher Weg den Mistkerl zu überführen“, stellte Warren fest.
      „Sofern er in der National DNA Database erfasst ist - ja“, raunte Svann. „Das kann nur ein Wahnsinniger gewesen sein. Der Mann muss völlig die Kontrolle verloren haben. Ich meine diese Verletzungen… Kaum zu glauben, dass ein Mensch so etwas fertig bringt.“
      Svann schaute finster drein. „Ich bin mir nicht sicher ob vorher oder danach. Nun, nach der Obduktion werden wir mehr wissen. Aber ich würde schon jetzt behaupten, dass Vergewaltigung und Verletzung gleichzeitig stattgefunden haben.“
      „Gleichzeitig?“ Warrens Gesichtsausdruck grenzte an einen Schock. „Wir suchen also nach einem geistesgestörten Gewaltverbrecher: Groß, stark und wild!“

      *** Fortsetzung folgt ***
    • Huhu Rabenmutter *umarm* vielen Danks fürs Lesen und Feedback posten.
      Öhm ... du weißt wie es weiter geht? Na da will ich mal sehen ob ich dich überraschen kann *wippe*
      GLG Shadow

      *** Opfer ***

      Wieder protestierte die Gelbkopfamazone. Ihr ohrenbetäubendes Geschrei hallte von polierten, nachtschwarzen Flächen wider, in denen sich die Sonne spiegelte. Die geräumige Küche wurde beherrscht von zur Schau gestellten Hightechgeräten. Hier roch es nach Geld. - Abgesehen vom Gestank alten, eingetrockneten Blutes auf Marmorfliesen und einer verstümmelten Leiche unter dem Esstisch.
      Warren betrachtete den Vogel und murmelte: „Schade dass er nicht reden kann.“ Dann drehte er sich zum Fenster.
      Svann richtete sich ebenfalls auf. Das Thermometer in seinen Finger haltend, folgte er dem suchenden Blick des Inspektors durch den Vorgarten: „Jedenfalls scheint dieser Vogel ein guter Wachhund zu sein“, stellte er fest.
      „Hat ihr aber nichts genützt.“ Bemerkte Warren trocken. Seine Brauen schoben sich nachdenklich zusammen: „Vielleicht hat er einfach nichts gesehen.“ Er ignorierte Svanns verdutzten Blick als sich seine Aufmerksamkeit auf Besucher richtete, die ungeniert die Absperrung auf dem Gehweg überwanden. „Die haben mir gerade noch gefehlt.“
      Zwei Männer in dunklen Anzügen schlenderten durch den Vorgarten auf das Haus zu. „Ihre Freunde Warren?“ Svann grinste. Er zog seine Schutzhandschuhe aus und schmiss sie auf den Küchentisch neben seine Arzttasche.

      „Guten Tag meine Herren - CIA.“ Mit emotionsloser Mine zückten sie ihre Dienstmarken: „Wir gehen davon aus, dass Sie unter den grausigen Umständen dieses Fundes vergessen haben uns zu informieren.“
      „Sieh an, die Men in Black – immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort“, kommentierte Warren ihr Erscheinen.
      Die sarkastische Begrüßung des Inspektors überhörend sprach der Jüngere weiter: „Freundlicherweise hat uns Ihr Büro informiert, dass Sie bereits am Tatort sind.“ Über sein knabenhaftes, verpickeltes Gesicht huschte ein Grinsen.
      Warren entschied schnell gute Miene zum bösen Spiel zu machen und lächelte zurück. „Bin selber erst seit fünf Minuten hier.“
      „Nun, da wir davon ausgehen Ihre volle Unterstützung zu haben, möchten wir Sie bitten zu berichten was geschehen ist“, übernahm der Ältere umständlich das Gespräch. Er ließ die Dienstmarke im Jackett verschwinden und riskierte einen kurzen Blick, an Svanns Schulter vorbei auf die Leiche.
      Der Gerichtsmediziner trat zwei Schritte zurück. Er räusperte sich: „Die Frau ist etwa Mitte 40, verwitwet. Offensichtlich wurde sie vergewaltigt.“ Prüfend sah er auf das Thermometer und runzelte die Stirn. „Der Tod trat etwa vor 30 Stunden ein. Es gibt keine Hinweise auf einen Einbruch. Offensichtlich kannte sie ihren Mörder.“ Abwartend beobachtete Svann den älteren Agenten als er sich über die Leiche beugte um sie oberflächlich zu inspizieren. „Ist das alles?“ Fragte er und nestelte nervös an seiner Krawatte.
      Warrens Blick streifte über kleine, leuchtende Spots, die zahlreich in die Zimmerdecke eingelassen waren: „Über die Verletzungen des Brustkorbes können wir bisher nur Vermutungen anstellen. Nach der Obduktion wissen wir mehr.“ Er bemerkte wie seine Stimme aggressiver wurde.
      „Wir gehen davon aus, dass es sich hier um Tierfraß handelt“, unterbrach ihn Pickelgesicht eifrig. Svann grinste wieder und sah auf Warren.
      „Klar, in den Vorgärten von Bethel wimmelte es auch nur so von großen Raubtieren die intelligent genug sind um in verschlossene Häuser eindringen.“ Als Warren zischend Luft holte spürte er Svanns Finger am Oberarm. Er befolgte den gut gemeinten Rat und verkniff sich weitere Kommentare.
      „Haben Sie noch etwas zu sagen?“ Der offensichtlich diensthöhere Beamte, ein dünner Mann, Ende 40zig mit schütterem Haar, sah Warren skeptisch an. Nachdem er keine Antwort erhielt hüstelte er. „Nun, wir danken Ihnen für die Zusammenarbeit und werden Sie selbstverständlich über den Stand der Ermittlungen auf dem Laufenden halten. Sie haben sicher Verständnis dafür, dass wir aufgrund der Umstände diesen Fall übernehmen.“ Mit einem suffizienten Lächeln streckte er dem Inspektor seine Hand entgegen.
      „Wir rechnen mit ihrer vollsten Unterstützung!“ Pickelgesicht kläffte hinter ihm wie ein großschnäuziger Pinscher auf Mamas Schoß.
      „Ah Unterstützung und … auf dem Laufenden halten! Wie bei den anderen Morden?“ Svanns lautes Schnauben ließ Warren verstummen. Er vergrub die Hände in den Hosentaschen und zog den Oberkörper zurück. Missbilligend musterte er die Agenten, deren Größe er um einen halben Kopf überragte. Pickelgesicht zog rasch seine Hand ein, machte aber Anstalten Einspruch zu erheben. Doch sein Kollege fuhr ihm über den Mund. „Inspektor Warren … würden Sie uns jetzt bitte unsere Arbeit machen lassen?“
      Das war unmissverständlich. Warren drehte den Kollegen vom CIA den Rücken zu: „Dann bin ich mal gespannt auf Ihre Berichte. Es ist Ihr Fall.“
      Viel zu müde, verspürte er keine Lust den zermürbenden Zweikampf fortzusetzten. Warren wollte nach Hause. Glücklicherweise fragte niemand nach dem misslungenen Selbstmordversuch, der sich im gleichen Zeitraum ereignet hatte und so war dieser Winchester in den nächsten Stunden vor dem Zugriff der CIA sicher. Für Warren war offenkundig, dass es hier einen Zusammenhang gab. Eine gewisse Ähnlichkeit bei den Verletzungen war nicht zu leugnen.
      Gleichgültigkeit machte sich in ihm breit. Sollten diese Affen doch hier ermitteln. Er hatte seine eigene Spur. Warren überließ den Tatort dem CIA und verließ kommentarlos das Gebäude. Später würde er bei Svann vorbeisehen um einen genaueren Blick auf die Tote zu werfen. Mit gesenktem Kopf schlich er an einer lauernden Meute von Neugierigen und Journalisten vorbei. Geübt ignorierte er ihre Fragen. Die meisten von ihnen kannte er schon lange.
      < Eine Wahnsinns-Tat >, dachte Warren. Dieser Frau wurde so viel Gewalt angetan, dass es für vier oder fünf Personen gereicht hätte. < Warum diese unsinnige Gewalt?>

      Als er sich seinem Ford näherte, bemerkte er ein Ziehen im Bauch. Ihm fiel auf, dass er seit gestern Morgen nichts mehr gegessen hatte. Aber war der Schmerz Hunger oder Angst?
      Rasch stieg er ins Auto, schaltete die Zündung ein und wechselte die Kassette. Nach „In A Gadda Da Vida“ von Iron Butterfly war ihm jetzt nicht zumute. Zu sehr erinnerte ihn diese Musik an die Vergangenheit.
      Warren dachte wieder an die Ermordete. Einiges hatte er für sich behalten. Wut stieg in ihm auf. „Zertrampelte Rosenbüsche … du Idiot“, schimpfte er sich selbst und schlug mit beiden Händen auf das Lenkrad ein. Er hätte ihren Worten mehr Glauben schenken sollen. Stattdessen hatte er sie abgewimmelt wie eine lästige Fliege. Zu sehr war er mit diesen Morden beschäftigt – und nun war sie ein weiteres Opfer.
      Genau wie vor 40 Jahren grenzten seine Ermittlungen an Besessenheit und drohten den Blick für das Wesentliche zu trüben. Es war das gleiche alles beherrschende Gefühl wie damals, als er sich dazu entschloss in dem Fall auf der Shirer Farm weiter zu ermitteln. Damals wusste er noch nicht, dass dieses Vorhaben sein Leben zerstören würde.
      Warren hatte jung geheiratet und nicht bemerkt, dass die Ehe an seinem Job und eben dieser Besessenheit scheiterte. Wie aus heiterem Himmel traf es ihn schließlich. Allerdings gestand er sich heute ein, dass er diese Gefahr schon viel früher hätte erkennen müssen. Da dieser Gedanke aber eine solche Bedrohung in sich verbarg, verdrängte er ihn immer wieder und stürzte sich noch tiefer in seine Arbeit, bis Dorothea die Scheidung wollte. Sie war nicht mehr bereit ihren Mann mit unzähligen Toten und einer stumpfsinnigen Drogensüchtigen zu teilen, die vor Jahren ein Massaker überlebt hatte.
      Das Gefühl plötzlich verlassen zu werden erfüllte ihn so mit Scham und Wut, dass er die Beherrschung verlor und ihr ins Gesicht schlug. Dorothea sah ihn nur stumm an. Schließlich zog sie mit den Töchtern über Nacht aus - während er sich hoffnungslos betrank.
      Er hatte sie angefleht zu bleiben. Er bat um Verzeihung für all die nicht gezeigte Aufmerksamkeit. Ohnmächtig vor Eifersucht und Trauer hatte er die gesamte Wohnungseinrichtung zertrümmert. Aber Dorothea war nicht zu bewegen heim zu kommen. Doch das begriff er erst als die Scheidungsunterlagen mit der Post kamen.
      <Verdammt>, dachte Warren, < du hast es doch kommen sehen. Du hättest zuhören müssen.> Der Inspektor wusste wie weit Verzweiflung Menschen treiben konnte.
      Völlig in Gedanken versunken merkte er nicht, dass die bevölkerten Gehwege wie im Flug an ihm vorbeirauschten. Erst als er auf dem Parkplatz vor seinem Appartement einbog wurde ihm bewusst, dass er zuhause war.
      Müde schloss Warren die Tür zu seiner Wohnung auf und überlegte kurz. Er wollte Cassy anrufen und sie bitten eine kurze Pressemitteilung heraus zu geben. Egal was die CIA für ein Spiel spielte – es war nicht seins. Die Menschen in Bethel mussten gewarnt werden.

      *** *** ***

      24 Stunden später

      Dean wachte über Sam. Er saß seit fast zwei Tagen auf einem kleinen Metallstuhl mitten im Zimmer. Schweigend ließ er die Stunden verstreichen. Sein Gesicht in den Händen vergraben ignorierte er das Verlangen seines Körpers nach Nahrung und Schlaf. Die diensthabenden Krankenschwestern betrachteten ihn fast schon als Inventar und lächelten dem ausgemergelten Blonden zu wenn sie das Zimmer betraten und wieder verließen.
      Abermals stürzte das Licht der Sonne in schmalen Streifen durch die halbgeöffneten Jalousien. Die wärmenden Strahlen auf seiner Schulter und der helle Gesang einiger Vögel in den Kastanienbäumen am Rande des Parkplatzes holten Dean aus seiner Lethargie. Langsam hob er den Kopf und sah sich um. Vom langen Sitzen schmerzten die Gelenke. Er legte die Hände auf seine Oberschenkel und lauschte dem monotonen Piepsen der Maschinen. Es war hypnotisch. Diese leisen, beständigen Töne ließen ihn hin und wieder ruckartig in sich zusammen sinken. Aber Dean stäubte sich dagegen einzuschlafen. Er rieb sich mit den Handballen die Müdigkeit aus den Augen und streckte die Beine aus. Schließlich betrachtete er aufmerksam Sams blasses Gesicht.
      „Sammy …was ist nur mit uns passiert?“, flüsterte er in den Raum und erinnerte sich an die Nacht, als ihre Mutter verbrannte. Es war die Nacht als er Sam vor dem dämonischen Feuer rettete, das im gleichen Augenblick ihr Schicksal schmiedete. Als Dean in jenen Minuten, seinen kleinen Bruder im Arm haltend, mit ansehen musste, wie ihre Zukunft in Flammen aufging, übernahm er die Verantwortung für Sam. Dass auch Sams Schicksal in jeder Nacht besiegelt wurde und mit ihm untrennbar auch seins, ahnte Dean damals noch nicht.
      Dean hatte nun eine Aufgabe: Er war der große Bruder. Er stand Sam all die einsamen Jahre zur Seite - in der Schule, als Prügel von Mitschülern drohte, später als sich Sam immer öfter mit ihrem Vater stritt – und das nicht nur weil er ein Leben als Jäger ablehnte und studieren wollte.
      Dean war es, der kurze Zeit später Sam über den Tod seiner großen Liebe Jessica hinweghalf.
      So wuchs diese Verbindung im Laufe ihres Lebens mit jedem Schicksalsschlag.
      Nachdem sie auch ihren Vater im Kampf gegen Dämonen verloren, gaben sie sich gegenseitig Halt und jagten weiter. Sie hatten nichts anderes gelernt.
      Als sie schließlich akzeptieren mussten, dass Sam sich veränderte, schafften sie es nur durch dieses gewachsene Vertrauen zueinander, die kommenden Jahre zu überstehen. Es war die Zeit als andere Jäger begannen die schlummernde Macht in Sam fürchteten. Als dunkle Wesen auf ihn aufmerksam wurden und versuchten sich seiner zu bemächtigen. Es war die Zeit als Sam selbst zum Gejagten wurde.
      Dean schnaufte leise und schloss die Augen.
      Tief im Herzen wusste er es. Sam war kein Monster. Er war ein Mensch, der trotz seiner Größe und Stärke in vielerlei Hinsicht zerbrechlicher war als die meisten, gerade wegen des dämonischen Blutes in seinen Adern. Und … Sam war immer noch sein kleiner Bruder.
      Sie brauchten sich gegenseitig, denn nur durch ihre Liebe bewahrten sie sich im Kampf gegen die Mächte der Finsternis die Menschlichkeit. Nur gemeinsam hatten sie eine Chance dem Schicksal zu trotzen. Das würde sich niemals ändern.

      Die betäubende Flüssigkeit in Sams Venen floss langsamer. Einige Kanülen waren schon vor Stunden entfernt worden und sein körperlicher Zustand verbesserte sich. Ein tiefer Schlaf, ähnlich einer Bewusstlosigkeit hielt ihn dennoch gefangen.
      Nach seinem letzen Kontrollverlust hatte Tasha veranlasst Sam wieder zu sedieren. Sie wollte das Risiko eines erneuten Selbstmordes nicht eingehen.

      Ein leises Stöhnen drang an Deans Ohren, der dem Geräusch folgend seine Blicke auf Sam heftete.
      Auf der Stirn des Jüngeren kräuselte sich eine Falte. Mit einem Satz war Dean am Bett seines kleinen Bruders angelangt und beobachtete ihn aufmerksam.
      Sams Kiefer zuckten und weiteres leises Stöhnen bahnte sich einen Weg über schmale Lippen.
      Er bewegte leicht den Kopf. Seine Lider flatterten. Zitternde Hände ballten sich kurz zu kraftlosen Fäusten.
      „Sammy?“ Deans Stimme war voller Ungeduld. Er strich sanft über Sams Stirn und beugte sich über sein Gesicht „Sammy? – Ich bin hier – ich bin bei dir!“
      Der Kopf des Jüngeren zuckte augenblicklich in die Richtung aus der die vertraute Stimme kam. Langsam öffnete Sam seine Augen und blinzelte lichtscheu. Geweitete Pupillen irrten über Deans Gesicht. Blasse Lippen vibrierten, brachten aber kein Wort hervor.
      „Sam! Ich bin hier“, flüsterte Dean wieder und wieder und griff nach den kühlen Handgelenken.
      Sams Mundwinkel hoben sich zu einem stummen Lächeln, als er Deans Stimme weit entfernt murmeln hörte. In seinem Kopf war eine beruhigende, gähnende Leere. Nur schwach spürte er das Leben in seinen Adern pulsieren. Aber der Hals kratzte vor Trockenheit und mit jedem Atemzug stach es über seinem Herzen. Vorsichtig tastete Sams rechte Hand über die Bettdecke zur Brust um den Verband zu befühlen.
      Ein Warnton vom EKG.
      Panik flackerte plötzlich in Sams Augen als er Dean erneut ansah. Überwältigt von schrecklichen Erinnerungen entwich ihm ein heiserer Schrei. Sam biss sich auf die Lippe und drehte seinen Kopf ruckartig zu Seite. Ihm wurde speiübel. Nur knapp konnte er verhindern sich zu übergeben. Heftige Luftstöße entwichen pfeifend seiner Lunge und jede seiner Muskeln spannte sich an – wie bei einem Tier das flüchten wollte.
      Sam erinnerte sich an ihre Schreie an ihre berstenden Knochen und an ihre Augen die ihn flehend angesehen hatten. Er fühlte wie ihr warmer Körper in seine blutigen Hände sank.
      Sein schneller werdendes Herz ließ die Kurve auf dem EKG erneut heftig ausschlagen und das rhythmische Piepsen wurde wieder zum schrillen Pfeifen.
      „He, he Sammy – es ist alles ok.“ Mit leisen Worten sprach Dean auf seinen Bruder ein. Die Finger, die Sams Handgelenke hielten lösten sich und glitten über seine Wange. „Du hast es überstanden Tiger.“ Er griff mit beiden Händen nach Sams Kopf und sah ihm in die Augen. „Sammy? Du bist nicht allein. Verstehst du mich?“ Deans Finger strichen behutsam durch das braune, verschwitzte Haar. „Es wird alles gut!“
      Sam wollte sich aufrichten. Mühsam stemmte er sich gegen Deans Hände, die ihn daran hinderten. Er wollte Schreien, doch nur ein pfeifendes Keuchen durchbrach seine zusammengepressten Lippen. Flehend sah er Dean an.
      „Es ist ok Sam. Bleib liegen!“
      Sam hatte Tränen in den Augen als er erschöpft zurück ins Kissen sank. Für einen Moment schloss er die Lider. Aber die schreckliche Erinnerung verschwand nicht.
      Schließlich suchte sein Blick erneut Deans Gesicht. Er schluckte heftig, bevor ein erstes Wort den Weg über seine Lippen fand.
      „Dean!“ Das Flüstern war kratzig. Verzweifelte Augen irrten durch den Raum. Sams Brust bebte in schmerzhaft, heller Aufruhr als er schließlich den Mut aufbrachte um zu beichten.
      Aber Dean legte seinen Finger auf Sams Lippen. „Sch … sch … Nicht jetzt, Sam“, flüsterte er. „Sammy – Mann … ich bin einfach nur glücklich, dass du noch lebst.“ Er strich dem Jüngeren mit zitternden Fingern behutsam einige Haarfransen von der Stirn. „Wir können später darüber reden. Ruh dich aus. Ich kann warten.“ Explosionsartig sprudelten Tränen über sein Gesicht. „Wie konntest du dir nur sowas antun? Ich schwöre dir wenn du das noch einmal machst – dann bring ich dich um“, schluchzte Dean. Dann schluckte er abrupt und sah in Sams Augen, die sich für eine Sekunde schlossen als könne er den Anblick nicht ertragen. „Ich ... ich muss …“ flüsterte er mit schwerer Zunge.
      Dean unterbrach Sam erneut: „Ja - Du bist mir einer Erklärung schuldig. Aber nicht jetzt – nicht heute…“
      Als Sam die Augen wieder öffnete sah er Dean gequält an. „Ich bin …“, wisperte er mit erstickender Stimme. Doch schon verschwanden Sams Gedanken im Nebel der Psychopharmaka und kraftlos sank sein Kopf in Deans Hände, die ihn behutsam zur Seite gleiten ließen. Dann nahm er seine Hand. „Du bist hier Sam und du lebst, nur das zählt.“
      Sam nickte noch einmal kurz bevor sein Bewusstsein nicht enden wollender Müdigkeit erlag und sich seine schweren Lider schlossen.

      „Sammy?“, flüsterte Dean, noch immer seine Hand haltend. „Ich weiß nicht was du getan hast. Aber glaub mir. Nichts ist so schlimm, dass du es mir nicht erzählen könntest. Denn ich bin dein Bruder.“



      *** Fortsetzung folgt ***
    • Huhu ... Rabenmutter,
      natürlich bekommst du deine Fortsetzung :love:
      Vielen Dank für deinen Kommi *:)*

      GLG und ein schönes Wochenende, dat Shadow




      *** Es ***

      10 Stunden später …

      Das Krankenhaus von Bethel war kein Ort für lange Aufenthalte. Schon gar nicht wenn man Winchester hieß. Während Dean die langen Flure entlang eilte, dachte er an Sam. Noch immer kannte er nicht den Grund für seinen Suizidversuch. Er überlegte, ob es nicht besser für ihn sei, in einem eigenen Bett zu genesen, mit dem eigenen Geruch als Begleiter. Dieser Desinfektionsgestank konnte den Hauch menschlichen Leids nie vollständig abdecken, die summenden Neonröhren das verhaltene Schluchzen nie komplett übertönen. Dean fürchtete, dass sich Sams Depressionen dadurch nur verstärken könnten.
      Tausend Dinge schossen ihm durch den Kopf. Warren war misstrauisch geworden und saß ihm im Nacken. Ein unbekanntes Wesen trieb sich in der Gegend herum und der gesamte Ort wimmelte plötzlich von CIA und FBI-Agenten.
      Dean stöhnte. Er musste dringend Bobby anrufen und um Hilfe bitten. Ihr Motelzimmer schien auch nicht geeignet für die nächsten Wochen. Sie benötigten eine sauberes Unterkunft, gute Betten und jemanden der täglich die Wäsche wechselte. Aber am meisten hatte Dean Angst. Da war etwas in Sams Augen. Etwas, dass nichts zu tun hatte mit den vergangen Monaten. Unweigerlich erinnerte er sich an Friggs letzte Worte:

      << Ich werde dich zurückholen Krieger >> , hatte sie gesagt, << … zusammen mit all den dunklen Geheimnissen in deiner Seele, dem dämonischen Blut in deinen Adern und den fremden Wesen die dich bereits berührt haben und ein Teil von dir sind. Dein Weg wird steinig und entbehrungsreich sein und deine eigene Hand wird eines Tages das absolut Böse aus deiner Brust reißen und dein Leben im Kampf gegen dich selbst beenden. >>

      *

      Nachdem Sam zu sich gekommen war, hatte man ihn in ein normales Zimmer verlegt. Sein Körper erholte sich überraschend schnell. Nur Dean kannte den Grund und vielleicht ein paar Jäger, die aufgeben hatten ihnen nachzustellen. Als Sam sich langsam stabilisierte, meldete der eigene Körper um so intensiver seine Rechte an. Dean musste essen, duschen und vor allem schlafen.
      Eine kleine braune Tüte knisterte in seiner Hand bei jedem hastigen Schritt. Da das Nachtpersonal zuverlässig war hatte er es gewagt Sam allein zu lassen. Oder war er geflüchtet vor dem was immer noch unausgesprochen auf Sams Seele brannte?
      Grelles Licht im menschenleeren Korridor blendete seine geröteten Augen und Dean glaubte selbst die weißen Wände jammern zu hören, als hätten sie sich über die Jahrzehnte mit Tränen vollgesogen.
      Doch diese Laute kamen nicht aus dem alten Gemäuer. Erregtes Stimmengewirr drang aus Sams Zimmer. Schlagartig beschleunigte er seinen Schritt und drückte die Tür auf.

      „Was ist hier los?“ Deans prüfender Blick eilte durch den Raum.
      Die Nachtschwester stand am Bett und hatte sich halb über Sam gebeugt. Dieser hielt verbissen ihr Handgelenk fest. Es sah aus als würden die Beiden einen Zweikampf austragen.
      Dean schob sich durch den Türspalt. „Was tun Sie hier?“, seine Stimme donnerte bedrohlich als er näher trat.
      „Es .. es tut mir leid … es ist nur“, stotterte die Schwester als sie über ihre Schulter zu Dean sah. Sie schluckte betroffen.
      Sam ließ ihre Hand los. Er neigte sich etwas zur Seite und lugte an ihr vorbei. Seine Haare standen völlig zerzaust in alle Richtungen, es wirkte als ständen sie ihm regelrecht zu Berge. Sein Brustkorb bebte heftig auf und ab. Über das blasse Gesicht hatte sich ein Rotschimmer gelegt und Schweißperlen glitten seinen Hals herab in den Ausschnitt der lindgrünen OP-Bekleidung.
      Die Schwester richtete sich auf. Sie schuppste ihre verrutschte Haube zurecht und ordnete die Haare. „Ich … es“, murmelte sie und sah verlegen zu Boden. „Ihr Bruder hat so lange geschlafen … es ist … er muss …ich wollte doch nur!“ Überfordert seufzte sie.
      Dean runzelte die Stirn als sie ihre Schultern hob und ihn errötend ansah. „Er darf … doch … noch nicht …“ sie verstummte.
      „Deeeean …“, flötete Sam verzweifelt im Hintergrund. „Ich … ich kann das nicht“, sein Gesicht wurde glutrot: „Bitte …“, murmelte er verlegen: „nicht … nicht vor ihr!“ Wie ein verschreckter Welpe sah er seinen Bruder hilfesuchend an.
      Als Dean den Gegenstand in ihrer Hand erkannte, riss er den Kopf in den Nacken und schnaufte erleichtert. „Ich verstehe“, sagte er. Ein Grinsen huschte über sein Gesicht. Dann hüstelte er verlegen in seine Faust und ging auf die verwirrte Schwester zu: „Sie dürfen das nicht persönlich nehmen. Mein Bruder ist etwas schüchtern.“
      Zügig stellte Dean die Tüte auf den Tisch und griff nach der Ente. „Ich denke wir kriegen das allein geregelt.“
      Ihren protestierenden Blick ignorierend, schob er sie aus der Tür. Dann drehte er sich zu Sam und sah ihn vorwurfsvoll an. „Mann, Sammy. Kaum bist du wach …“ Verlegen kratzte sich Dean am Hinterkopf.
      „Deeean …“, unterbrach ihn Sam quengelnd.
      „Schon gut. Hier!“ Er reichte Sam das Gefäß. „Ich dreh mich auch um …“, fügte er bissig hinzu.
      „Dean … bitte. Ich möchte ins Bad“, stöhnte der Jüngere.
      Erstaunt drehte sich Dean wieder. „Klappt das?“
      „Ich denke schon“, keuchte Sam gequält. Er hatte bereits die Beine aus dem Bett geschoben und sah auf seine Füße. „Hilft du mir?“
      „Sam! Ich glaube du bist noch stoned.“
      Dean wollte es nicht glauben, aber dieser Dickschädel hatte wirklich die Absicht aufzustehen. Es war sicher - er würde es tun und dann zu Boden stürzen. Das wollte Dean nicht riskieren. Hastig griff er nach Sams Oberarm um ihn zu stützen.
      „Aber die Tür bleibt offen!“ Knurrend begleitete er ihn die wenigen Meter zur Toilette. Er spürte wie Sam zitterte und wankte. Doch es machte keinen Sinn zu debattieren. Sam würde sich nur aufregen und das wollte Dean in seinem Zustand auf jeden Fall vermeiden. Mit langsamen Schritten schlurften sie in die kleine Zelle. Dean inspizierte konzentriert jeden Winkel. Kalte weiße Fliesen, kein Fenster, nur eine behindertengerechte Dusche, eine Toilette und ein Waschbecken mit Spiegel. Keine Rasierklingen – keine Gefahr.
      Sam brummte missmutig als er schwankend vor der Toilette stand.
      „Okay, okay“, murmelte Dean. „Nicht umfallen ja?“ Er verließ das Bad und lehnte sich erschöpft, neben der geöffneten Tür, an die Wand. Seufzend zog er den Kopf in den Nacken. Das Zittern in seinen Knien wurde immer heftiger. Er war körperlich am Ende. Die alptraumhaften Ereignisse, tagelanges Wachen an Sams Bett, keine Nahrung, kein Schlaf und unablässig nagende Angst Sam zu verlieren, hatten seine Reserven verbraucht.
      Langsam gaben Deans Knie nach und er rutschte zu Boden. Klamme Finger suchten in seiner Hosentasche nach dem Handy.
      Rasch hatte er eine Nummer gewählt – er kannte sie auswendig. Seine Beine dicht an den Körper gezogen hockte er an der Wand als jemand am anderen Ende den Hörer abnahm: „Bobby?“ flüsterte Dean mit tränenerstickter Stimme.

      *

      Sam zog erleichtert den Kopf in den Nacken. Dann drückte er auf die Spülung. Noch ein paar Minuten länger und er wäre mit Sicherheit geplatzt. Er hasste Krankenhäuser.
      Als er sich zum Waschbecken drehte, begegnete er seinen eignen Zügen im Spiegel. Es waren müde Blicke, die ihn streiften. Sam drehte den Hahn voll auf. Kühles Nass würde das Summen hinter seinen Schläfen mildern und die Müdigkeit verscheuchen.
      Als er das Gesicht in die mit Wasser gefüllten Hände tauchte hörte er ein leises Seufzen.
      Er drehte den Wasserhahn zu und richtete sich auf. Glitzernde Perlen tropften ihm von Kinn und Wimpern, Wasser gurgelte den Abfluss hinunter.
      Hart schlug ihm das Herz gegen die Rippen. Angstallarm löste Adrenalinschübe aus. Mit äußerster Sorgfalt destillierten Sams Sinne die Umgebung.
      < Du lebst in der Wirklichkeit >, sagte sein Verstand als er erneut in den Spiegel sah. Seine Hände legten sich auf den Rand des Waschbeckens, die Finger umklammerten ihn haltsuchend. Zu schwer wurde sein Körper. Die beißende Helligkeit der weißen Fliesen, die kalten Tröpfchen in seinem Gesicht, der aufdringliche Geruch von Desinfektionsmitteln – alles Wahrnehmungen, die sein Bewusstsein jetzt zurückdrängte. „Wer ist da?“, flüsterte er und hoffte verzweifelt keine Antwort zu erhalten.
      Sein Spiegelbild neigte den Kopf. Ein Hauch von Bitterkeit lag auf seinem Gesicht. „Wir werden eine Narbe bekommen“, seufzte es schwermütig.
      Sam sah entsetzt an seinem Körper herab. Er hatte einen OP-Kittel an und ein Verband verdeckte seine Brust. Aber das Spiegelbild war völlig nackt.
      Sam taumelte rückwärts.
      Die Tür flog zu, sperrte die Wärme weg und Dean aus. Es wurde kälter, viel kälter als zu dem Zeitpunkt als er das Bad betreten hatte.
      Ängstlich späte Sam in den Spiegel. Sein Abbild schwebte und wankte leicht, als sei die glasige Oberfläche Wasser.
      Die Vision streckte ihre Hand aus und fuhr mit ihrem Finger über Sams Verband. Dann bestimmte sie an ihrem eigenen Körper den Platz, an dem sich die Narbe befinden sollte und übertrug die Berührung. Es war exakt die Stelle an der Sam das Messer durch sein Fleisch gezogen hatte. Unter ihren Fingern öffnete sich die Haut. Blut quoll hervor, doch nur einen Augenblick später schloss sich die klaffende Wunde und eine Narbe blieb zurück.

      „Warum hast du versucht uns zu töten?“, flüsterte es. „Das ist wirklich traurig“, es sprach mit seiner Stimme.
      Sams Brust hob und senkte sich unter wachsender Panik. Er schüttelte verzweifelt den Kopf. Krampfhaft kniff er die Augen zu und seine Finger vergruben sich in sein Haar. Sie zerrten daran als würde dieser Schmerz ihn zurück holen können. Zurück in die Realität. Er wollte nicht wahrhaben was er sah. Sam war sich sicher: Später würde er tausend Gründe finden, diese Situation nicht akzeptieren zu müssen. Er würde es den Medikamenten zuschreiben und seinem betäubten Verstand.
      „Das Mädchen?“
      Noch eh Sam seine Frage in Worte formulieren konnte, antworte das Ebenbild.
      „Sie wirkte so unschuldig – diese Schlampe!“ fauchte es. Dann legte sich ein Lächeln auf sein Gesicht. „Aber ihr Schmerz und ihre Angst war berauschend. Sie hat uns doch gerufen. Wir brauchten ihre Qual!“
      Die Luft explodierte in Sams Lunge als er dem Spiegelbild entgegen schrie: „Wer bist du?“
      Erschrocken zuckte es zurück. Es musterte Sam.
      Er war wunderschön. Natürlich hatte es viele schöne Menschen gesehen. Aber sie alle wirkten neben ihm wie unvollendet. Sie erinnerten ehr an die unfertige Arbeit eines Bildhauers – roh und skizzenhaft. Er hingegen war vollkommen durchgestaltet. Alles Machbare war restlos bis zur Perfektion ausgeführt. Es bestaunte ihn – war überwältigt von der Genkollision die ihn hervorgebracht hatte. Es musste vorsichtig sein, denn nun galt es diese Vollkommenheit zu bewahren.
      „Ich bin ein Ding, für das die Erklärung fehlt“, murmelte es. „Ich kenne niemanden wie mich.“ Es senkte traurig den Kopf. „Vielleicht… bin ich die eiternde Wunde auf der Seele der Menschheit.“ Zögernd erhob es sein Gesicht und sah in Sams Augen. „Ich brauche den Schmerz um zu überleben. Ich gedeihe darin.“ Seine Augen flammten hoffnungsvoll auf: „Aber ich bin auch der Freund, den du dir als Kind immer herbeigesehnt hast. Der Freund, der deine Hand nimmt, dir sagt wie schön du bist und der deine Geheimnisse mit dir teilt.“ Es neigte den Kopf. „Das bin ich doch? … Oder, oder?“ fast flehend sah es ihn an.
      Sam erstarrte. Woher kannte es die Träume seiner Kindheit? Woher wusste es von seinem einsamen Weg auf unzähligen Straßen quer durch das Land?
      Aufmerksam betrachtete Sam dieses Bild im Spiegel. Es hatte seine plastische Schönheit, von seinen wohldefinierten Muskeln bis hin zum letzten Muttermal. Sein breiter Brustkorb hob und senkte sich langsam. Die makellosen Hände hatte es jetzt auf der Brust gekreuzt. „Ich bin du“, raunte es und verbeugte sich ehrfürchtig. Eine winzige Träne glitzerte in seinem Auge. Als es sich wieder aufrichtete schloss es die Lider seufzte selig: „Endlich bist du zurück gekehrt. Du hast mich nie vergessen.“ Seine Iris blitzte stahlblau. „Du bist zurückgekehrt und hast all das Leid mitgebracht, das wir brauchen um lebendig zu werden. Damals warst du noch nicht stark genug – aber jetzt und an diesem Ort werden wir erwachen.“
      Es streckte seine Hand aus und berührte Sams Wange um sie zärtlich zu liebkosen. „Ich habe all die Jahre nach dir gesucht.“
      Entsetzt wich Sam der Berührung aus.
      „Du kannst nicht ich sein!“ stieß er keuchend hervor. „Das Mädchen! So etwas hätte ich nie getan“, beschwor er.
      „Wirklich nicht?“, konterte es.
      Sam schloss die Augen. Ruckartig zog er den Kopf in den Nacken. Er presste die Hände auf seine Ohren, in dem verzweifelten Versuch auszusperren, was es ihm ins Gesicht sagte.
      „Es war deine Stimme Sam, die sie ansprach. Er war dein Körper, der sie verführte und der gewaltsam in ihren eindrang. Es waren deine Hände die ihren Brustkorb zerfetzten. Es war dein unstillbarer Hunger nach Schmerz, der ihre Seele verschlang.“
      Außer sich vor Wut schlug Sam mit der Faust gegen das Glas und sein Spiegelbild zersplitterte.
      „Ich such dich wieder auf“, wisperte seine Stimme. „Inzwischen würde ich, wenn ich du wäre, hier verschwinden!“ es lachte.
      „Ich werde dich töten“, schrie Sam. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. „Ich werde dich aus meiner Seele reißen, du Ausgeburt der Hölle.“
      „Nein Sam, das wirst du nicht“, flüsterte es. „Du wirst mich nähren und beschützen. Viel zu sehr liebst du deinen Schmerz. Und diese Qual in dir wird mich wachsen lassen, sicher und geborgen wie ein Kind im Mutterleib. - Bis ich so wie du den Wind auf meiner Haut fühle.
      Bis ich so wie du die Erde unter meinen nackten Füßen spüre, bis die Sonne meine Haut erwärmt damit der Regen sie abkühlen kann - bis ich atme - so wie du.
      Du wirst an mir festhalten bis zum Ende - bis deine Seele ein blutüberströmtes Schlachthaus ist und von deinem Körper nichts übrig bleibt außer dampfendes Fleisch.
      Und dann … werde ich deinen Platz einnehmen!“



      *** Menschliche Überreste ***

      Dean spürte noch den Luftzug der Tür wie eine mahnende Berührung auf seiner Wange, als sie auch schon laut krachend ins Schloss fiel. Eisige Kälte eroberte jeden Zentimeter seiner Haut. Sein fiebriger Blick hastete durch den Raum. Schmerzhaftes Reißen in seinen Knien und die Müdigkeit seiner Muskeln ignorierend, trieb ihn blanke Panik in die Höhe.
      Deans Fäuste trommelten gegen das Holz. Sein Atem hetzte. „Sam öffne die Tür!“
      Es verging nur ein Augenblick und er hörte die Stimme seines Bruders. Schrill und angstverzerrt überschlug sie sich hinter dem Gemäuer. Die Worte durchbohrten ihn wie eine Lanze. „Ich werde dich töten. Ich werde dich aus meiner Seele reißen, du Ausgeburt der Hölle.“
      Einem gewaltigen Faustschlag folgte das Scheppern zu Boden stürzenden Glases und schließlich das bedrohliche Klirren tanzender Scherben. Dean wehrte sich gegen den Gedanken der ihn überrollte. Er stand gelähmt vor der Tür und war sich der verheerenden Tatsache bewusst nicht eingreifen zu können. Hundert Glasscherben - rasiermesserscharf und genau so effizient wie jede Klinge.
      Kalter Schweiß rann ihm von den Schläfen obwohl er zitterte wie Espenlaub. Seine Hand, nur noch das hektische Werkzeug blanker Panik rüttelte und zerrte an der Klinke. Sein Körper wurde taub vor Angst, seine Stimme ein erstickendes Betteln – dahinsiechend wie seine Kraft. Die letzten Tage hatten Dean ausgelaugt wie ein nicht abzuschüttelnder Parasit. Wie ein Alp hockte die Angst auf seiner Seele und ließ ihn nun Taumeln. „Sam öffne die Tür! Bitte…“
      Viel zu schnell wurde es still im Bad.
      Verstrichen Sekunden oder Minuten? Dean wusste es nicht. Er trat gegen die Tür. Sie war ein Bollwerk, dass sich zwischen ihn und Sam schob. Als er seinen Körper verzweifelt dagegen warf, krachte seine Schulter. Aber diese verdammte Tür vibrierte nicht einmal. Wie aufgemalt leuchtete sie in blendendem Weiß an der Wand und Dean begriff langsam: Sie war eine Nachahmung der Realität, nur das Wirken einer subtilen Verschwörung, die sich in ganz Bethel ausbreitete. Ein brillantes Schauspiel – zweifelsohne – aber letztendlich eine simple Täuschung.
      Und nach all seinen Bemühungen, seinem Bitten und Flehen, gab dieses Bollwerk nach und die Tür öffnete sich wie zum Hohn. Sie schob sich Dean entgegen, drängte ihn sogar beiseite. Jetzt, da er besiegt am Boden lag, gestatte „Es“ ihm den Blick auf eine Hölle die er sich selbst erschaffen hatte.
      Nur zwei Schritte brauchte der Jäger. Unsicher und wankend, begleitet von einem rasenden Herzen schleppten ihn seine Beine ins Bad.

      Wie angekettet hing Geruch von Blut und Tränen in der Luft. Das helle Licht der Lampe brach sich in unzähligen Glasscherben auf dem Boden. Kaltes Weiß schien die Grenzen des Zimmers aufzulösen, wären da nicht purpurne Sprenkel, die das Knirschen unter seinen Schritten dämpften.
      Sam kauerte, sein Gesicht in den Händen vergraben, am Boden. Seine bebenden Schultern ließen immer wieder einige Tropfen Blut den Halt verlieren. Lautlos fielen sie von seinen Fingerknöcheln.
      Dean ging langsam in die Hocke. Vorsichtig als hätte er Angst, dass selbst tanzende Staubkörnchen in der Lage sein könnten Sam durch bloße Berührung zu verletzen, hielt er den Atem an. Während eine seiner Hände sich behutsam auf Sams Schulter legte, grub sich die andere fest in sein verschwitztes Nackenhaar um den Kopf anzuheben.
      „Sammy?“, raunte Dean.
      Langsam erhob Sam das Gesicht und stützte sich mit den Händen am Boden ab. Dean konnte ihm in die Augen sehen. Von ihnen ging eine Kälte aus, die seinen Atem sichtbar machte. Eine Kälte, die Eiszapfen an Deans Herzen bildete.
      „Warum hast du mich nicht sterben lassen?“ flüsterte Sam. „Warum?“, schrie er und sah auf die Scherben. Tausendfach blitzte ihm sein Antlitz vom Boden entgegen.
      „Sammy, was ist passiert?“ Deans Finger vergruben sich in Sams Schulter.
      Der Kopf des Jüngsten schnippte unkontrolliert in die Höhe.
      „Ich habe sie getötet“ stieß er heraus. Zwischen seinen Fingern knirschte Glas. Sam senkte die Lider, als eine Welle eisiger Schauer ihn durchflutete. Er hatte alles zu verantworten, denn er hatte die Wahl gehabt. Seine Atmung beschleunigte sich. Aus Entsetzen wurde rasender Zorn. Es war als riss etwas von seiner Seele, als verstoße sein Herz diese ekelhafte Seite um sie nicht mehr ertragen zu müssen – oder war es umgekehrt?
      „Ich habe sie in den Schatten gezogen, sie gegen die Wand geschleudert und geschlagen bis sie schwieg“, flüsterte er mit geschlossenen Augen. „Ich habe sie gewaltsam genommen - aber ihr Körper gab mir nicht das was ich suchte.“ Sam riss den Kopf nach oben und starrte auf die flackernde Lampe. „Doch das wusste ich nicht“, raunte er. Kleine Fältchen kräuselten sich auf seiner Stirn, als eine Motte seine Aufmerksamkeit auf sich zog. „Alles Ratten“, flüsterte Sam und beobachtete die Motte. Einige Male gelang es ihr dem verlockenden Licht der Glühbirne zu entkommen. Aber der Raum war zu eng und das Verlangen zu groß um der Versuchung zu widerstehen. Sie verbrannte zischend.
      Sam wandte sich ab und murmelte: „Es ist alles viel simpler!“ Lächelnd begegnete er Deans entsetztem Blick. „Weißt du wie schnell Knochen brechen - Dean? Jeder kleine Windstoß könnte sie bersten lassen.“ Sams Augen formten sich zu Schlitzen. „Wirklich, Dean! Wenn du erst mal Haut und Fleisch aufgebrochen hast, ist es ganz einfach. Es macht nicht einmal Lärm – nur ein kurzes Knirschen.“ Sam riss den Kopf in den Nacken. Sein Mund öffnete sich als er tief Luft holte. Dann sah er erneut in Deans starres Gesicht.
      „Das wirklich Komische ist nur“, Sam grinste, „wie lange das Herz schlägt … nachdem du es aus seinem Gefängnis befreit hast!“ Wie ein Stoß entwich ihm der nächste Atemzug. Sein Gesicht verschwand jetzt fast unter braunen Fransen die einen dunklen Schatten über seine flackernden Pupillen warfen: „Du starrst und starrst in den pulsierenden Abgrund und denkst es müsste doch müde werden – dieses Herz – meine ich!“ Sam schnaufte und schüttelte heftig mit dem Kopf: „Aber nein! Selbst in deinen Händen schlägt und pulsiert es weiter…es wärmt - noch eine lange, lange Zeit ...“ Nach einem kurzen Seufzen verstummte er abrupt und senkte die Schultern.
      Als er erneut zu Dean aufsah, glänzten seine Wangen nass.
      „Ich bin ein Monster - Und deshalb muss ich sterben - Dean …!“ In dieser Stimme lag Entschlossenheit, die langsam in Form von Verzweiflung jede Ader im Körper der Älteren durchströmte.
      Plötzlich fing Sam an zu lachen. Er riss den Kopf in den Nacken und lachte lauthals. Seine Stimme überschlug sich schallend im Bad. Tränen kullerten über Sams Wangen aber sein Körper wurde vom Gelächter geschüttelt. „Sie hatte Recht Dean“, jauchzte Sam. „Ich bin ein Schlächter und verschlinge unzählige Herzen.“ Gurgelnde Geräusche mischten allmählich sich unter seine Lachsalven bis markerschütternde Schreie über seine Lippen stießen, als wüsste er bereits, dass selbst der Tod unfähig war seine Qualen zu beenden. „Sie hatte Recht … Dean!“
      Sams Augen irrten durch den Raum. Geweitete Pupillen in tiefem Schwarz, auf der Flucht vor dem eigenen Ich. Sonnenlicht war für Sam nur noch Erinnerung. Sein Herz schien überhaupt nicht mehr zu schlagen und sein Atem stolperte in angstverstörten Stößen über seine Lippen.
      Aber auf irgendeine Weise war Frieden in ihn eingekehrt als er ohnmächtig in Deans Arme sank.

      Dean konnte nicht mehr klar denken.
      Alle Wärme, die er hätte aufbieten können, wurde von maßlosem Entsetzten und den Trümmern der letzten Minuten vernichtet.

      *** Fortsetzung folgt ***
    • Wenn Dean nicht die Kälte ebenfalls spüren würde,
      würde ich bei Sam mal vorsichtig auf eine akute schizo-affektive Störung in depressiver Phase oder auf eine schizotype Störung tippen *;)*
      Könnte genauso zusätzlich ein "Folie à deux" sein - bloß dann wäre es ja nicht mehr Supernatural,
      *;)*
      sondern "nur noch" die "offizielle" Erklärung, welche die Behörden im Nachhinein für die Sams Erleben & Verhalten und die Ereignisse im allgemeinen und besonderen finden würden...

      Ich bin wirklich gespannt, wie es mit den Beiden weitergeht, wobei das Ende ja eigentlich schon vorgegeben ist

      *thumps*
      [IMG:http://farm6.static.flickr.com/5147/5580719812_364587aa41.jpg]

      Yes, I am able to talk about things other than Supernatural.
      I just choose not to.
    • *shock* *shock* *shock* Mein lieber Scholli ! RABENMUTTER!!! *shock* *shock* *shock*

      also jetzt hast du mich ja mit Fachbegriffen zugeschüttet. *;)*
      Aber ich muss zugeben, du bist echt guuuuut *gp*

      "Folie à deux" *?(* das musste ich erst mal selber googeln *:D*

      Zur Zeit arbeite ich ja schon am Finale ... aber bis dahin wird es noch ein bisschen dauern ....
      Natürlich hast du mich jetzt mit deiner außergewöhnlich tiefgründigen Antwort verleitet noch ein Pitelchen zu posten :love:
      Ich hoffe, es wird nicht zu viel .... *bäh*

      Also ein riesiges *danke*



      *** Sein und Schein ***


      Vorsichtig öffnete Inspektor Warren die Tür und betrat den kühlen Raum. Aus einem kratzenden Lausprecher, irgendwo an der Decke, lärmten die Rolling Stones. Leichter Fäulnisgestank schwebte in phenolgetränker Luft. Unter Reihen flimmernder Leuchtstoffröhren stand Svann am einzigen Obduktionstisch. Inmitten von weißer Keramik und blitzendem Edelstahl wirkte er verloren, zumal sein schmächtiger Körper von einem schweren Lederschurz erdrückt zu werden schien. Um ihn herum am Boden stapelten sich große, gelbe Plastikbehälter, deren Inhalt Warren gar nicht sehen wollte.
      Der Gerichtsmediziner sah von der Leiche auf. Sein Gesicht verbarg er hinter einer Schutzbrille. Er winkte Warren kurz zu und setzte seine Arbeit fort.
      Als Svann das Skalpell ansetzte, entwich dem aufgedunsenen Körper vor ihm ein zischendes Geräusch.
      Beißender Gestank, der Warren augenblicklich entgegenschlug, veranlasste ihn reflexartig den Arm vor die Nase zu halten. Sein Atem stockte, als sich die zersetzten Innereien des Toten über den Tisch ergossen. Hätte Warren nicht ein beharrliches Ziel vor Augen gehabt, würde er auf dem Absatz kehrt machen.
      Stattdessen ging er zu Svann herüber. Dieser beobachtete ihn aus dem Augenwinkel. „Der ist schon überreif“, bemerkte er. Ein leichtes Grinsen umspielte seine Mundwinkel beim Anblick der ungesunden Gesichtsfarbe des Inspektors. Warren konnte über den Witz nicht lachen und beobachtete angewidert mit welcher Begeisterung Svann das Innenleben einer Leiche begutachtete. Auf dem Rand des Tisches lag ein Berichtsblatt. Es las sich wie die Aufbauanleitung eines bei IKEA gekauften Möbelstückes – allerdings von hinten nach vorn. Anstatt zu erklären, welche Teile zusammengebaut werden sollten, hatte Svann minutiös alle Teile aufgelistet, die bereits entfernt wurden.
      Nach einer Weile zog Svann seine Hände aus dem geöffneten Bauchraum. Er murmelte: „Ich vermute mal, dass Sie nicht wegen diesem Opfer hier sind.“ Mit wenigen Schritten ging er um den Tisch. Auf dem Weg streifte er sich klebriges Blut an seiner Lederschürze ab, entfernte den Gesichtsschutz und ergriff ein Diktiergerät vom Rollwagen, auf dem einige furchteinflößende Instrumente verteilt waren. Svann begann mit der Sprachaufzeichnung: „Männlich, Alter 52, 1,86m, Gewicht 89 kg – recht gut in Schuss … wenn er nicht tot wäre.“ Er nahm ein zylinderförmiges Probeprojektil vom Wagen und hielt es gegen das Licht. „Kaliber 45“, plauderte er in sein Diktiergerät. Dann wies er auf die kreisrunde Verletzung in der Brust des Mannes und spähte kurz in das schwarze Auge einer Kamera über seinem Arbeitsplatz, um sich zu vergewissern, dass auch die Bildaufzeichnung lief. Langsam kreiste sein Zeigefinger um das Einschussloch. „Deutliche Schmauchspuren - wurde aus kürzester Distanz erschossen. Ich denke damit ist der Fall erledigt.“ Svann beendete die Aufnahme.
      Den ungläubigen Augen des Inspektors begegnete er schnaufend. „Es war seine Frau“, Svanns Blick streifte in Richtung Kühlwand. „Sie lag - noch die Waffe in der Hand, neben ihm. Jetzt liegt sie dort …“
      Sein Gesicht wurde nachdenklich. „Durch die verdammte Hitze scheint jeder Mensch in der Gegend langsam dem Wahnsinn zu verfallen!“ Svanns Kopf neigte sich auf einen imaginären Himmelspunkt jenseits des vergitterten Fensters als er weiter sprach: „Es waren Touristen. Man fand sie am Silver Lake. Haben schon ne Weile im Campingwagen gelegen.“ Ruckartig streifte er seine Handschuhe ab und warf sie in einen der Behälter, um den Inspektor aufzufordern ihm zu folgen. „Ich nehme an, die CIA hat Ihr Büro nicht über diesen Fund informiert?“
      „Die können mich mal …“, knurrte Warren.
      „Stan..., Sie sind wie immer ein charmantes Plappermaul“, bemerkte Svann sarkastisch, bevor er flüsterte: „Das ist ziemlich merkwürdig …“ kurz unterbrach er den Satz um zu überlegen, „ …aber nicht so merkwürdig wie das hier.“ Er räusperte sich: „Die CIA hat mir den Fall übrigens auch entzogen. Mit der Begründung, dass die Notwendigkeit einer Obduktion nicht bestünde.“ Svann tippe sich mit dem Zeigefinger gegen die Stirn. Sein allgegenwärtiges Grinsen verbreiterte sich und entblößte seine kleine Zähne. „Zu dumm nur, dass ich immer so übereifrig bin!“ Er kramte auf einem zweiten Rollwagen nach einer Akte, die gut versteckt unter einem sich auftürmenden Ordnerstapel lag. „Sie wissen schon dass wir hier gegen die Dienstvorschriften verstoßen?“, bemerkte er beiläufig.
      Warren ignorierte den letzten Satz. „Was hat Ihnen die tote Miss Holm verraten?“ fragte er und sah neugierig über Svanns Schulter.
      „Nicht viel … uns Beiden fehlte leider die Zeit, sich näher kennen zu lernen“, antwortete Svann zynisch. „Aber einige Ungereimtheiten sprangen mir sofort ins Auge!“ Er drehte sich um, öffnete einen Kühlschrank und fingerte zwischen aufgereihten Proben.
      Warren hob die Brauen als Svann ihm ein Röhrchen entgegenhielt. „Ist das sein Sperma?“
      Svann nickte und hüstelte sich gegen den Handrücken. „Könnte man so sagen.“
      „Was meinen Sie damit?“
      „Nun …“ Svann holte tief Luft. „Was Sie hier sehen ist blanke Samenflüssigkeit – nicht ein einziges Spermium und somit keine DNA!“
      Warrens Augen weiteten sich erstaunt: „ War der Täter sterilisiert?“
      „Kann ich nicht mit Sicherheit bestätigen … es ist irgendwie …“, wieder schien Svann zu grübeln. Er legte das Glasröhrchen auf den Tisch und wühlte in der Akte. „Sehen Sie das hier!“ Mit leicht zitternder Hand streckte er dem Inspektor ein Foto entgegen.
      „Ein Fingerabdruck!“
      Svann nickte. „Die Leiche war übersät davon. Aber fällt Ihnen etwas auf?“
      „Mhhh … Kein Muster. Es fehlen die Papillarlinien!“ Warren überlegte: „Möglicherweise trug er Handschuhe?“
      „Nein“ entgegnete Svann. „Ich habe Epidermis und Blut in der Wunde und auf den Abrisskanten der Rippen gefunden!“
      „Er könnte sich die Finger verätzt haben, damit man ihn nicht verfolgen kann!“
      Svann kratzte sich am Hinterkopf. „Gute Idee Stan - aber dann hätten wir Narbengewebe!“ Er sah Warren in die Augen. „Glauben Sie mir, diese Fingerkuppen sind so glatt wie ein Kinderpopo – und das ist eigentlich unmöglich!“
      „Seine Hautschüppchen?“ Hoffnungsvoll erwiderte Warren den Blick des Gerichtsmediziners.
      „Keine DNA – Stan …!“ Svann hob bedauernd die Schultern. „Da ist Nichts was eine Authentifizierung mit vorhandenen Referenzdaten ermöglicht – weder im Blut noch im Speichel oder sonst irgendwo.“
      Warren zog enttäuscht den Kopf in den Nacken. „Sind die Proben verunreinigt worden?“, schnaufte er.
      Svann riss entrüstet die Augen auf. „Bei mir? Ein oder zwei Proben könnten vor Ort verunreinigen - aber alle?“ Er schüttelte heftig den Kopf. „Nein Stan - Es wirkt alles irgendwie … unfertig!“ Nachdenklich folgte Svann dem Blick des Inspektors und sah auf die vergitterten Leuchtstoffröhren.
      „Wie bei einem …“, unterbrach Svann die Stille. Dann holte er tief Luft. „Dieser Täter hat keine biologisch nachweisbare Identität – Es gibt ihn gar nicht! Es dürfte ihn noch gar nicht geben, denn … denn er befindet sich im Entwicklungsstadium eines … naja … ähm … man könnte ihn mit einem … Embryo vergleichen – also DNA-technisch.“ Svann hob Brauen und Schultern als Warrens entgeisterter Blick ihn traf.
      „Wie bitte?“
      „Fragen Sie mich nicht wie das möglich ist. Ich halte mich nur an die Fakten und die zeigen mir Zellen ohne Zellkern – leere Hüllen … und das in Hülle und Fülle!“ Svann machte hektisch eine Handbewegung als ließe er eine Seifenblase platzten. Dann griff er nach Warrens Oberarm. „Hier stinkt etwas gewaltig zum Himmel“, kurz sah er über seine Schulter, „und es ist nicht dieser Kerl auf meinem Tisch!“ Er zog die Stirn in Falten. „Ich frage mich schon die ganze Zeit was die CIA hier macht. Sie sollten vorsichtig sein Stan, denn so schnell wie Miss Holms Leiche verschwand, könnten Sie auch verschwinden.“
      „Danke für den Tipp“, murmelte Warren. Er schlug Svann freundschaftlich auf die Schulter und drehte sich in Richtung Ausgang.
      „Was haben Sie jetzt vor?“ wollte Svann wissen.
      Der Inspektor schnaufte: „Ich werde jemanden besuchen, der diesen Wahnsinn überlebt hat!“

      *** *** ***

      Migräne war keine Erfindung ihrer Patienten um mal einen Tag blau zu machen. Das spürte Tasha heute wieder mit aller Konsequenz. Sie saß hinter ihrem Schreibtisch und hatte die Brille bis zur Nasenspitze herunter gezogen.
      Als es klopfte sah sie auf: „Ja bitte!“
      Rasch schlug sie die Patientenakte zu und blinzelte zur Tür. Sie hasste es im Alltag eine Brille zu tragen und benutzte sie nur wenn das Gewitter in ihrem Kopf keine Ruhe geben wollte. Sie war der Meinung mit jeder Brille unvorteilhaft auszusehen – egal ob sie von Gucci, Dior oder nur von einer Tankstelle war.

      Schüchtern schob sich Dean in das Zimmer.
      Tasha lächelte: „Es ist gut dass Sie meinen Rat befolgen Dean. Sie haben Ihrer Schulter einen ziemlichen Schlag verpasst.“
      Ihr Satz zwang ein verlegenes Lächeln auf das Gesicht des Jägers. „Es ist nichts!“ nuschelte Dean und sah zu Boden. Der Gedanke, dass jemand anderes als Sam seine Verletzung behandeln wollte, beunruhigte ihn.
      „Wie geht es Sam?“ fragte Tasha als sie aufstand.
      „Er schläft und … aber … ich habe nicht viel Zeit … ich muss ... zurück!“ Schon war Dean im Begriff das Zimmer fluchtartig zu verlassen.
      Im Laufe ihrer Tätigkeit hatte Tasha gelernt, dass bei den meisten Patienten der Puls ein wenig schneller wurde wenn sie ein Behandlungszimmer betraten. Das lag einfach an der Autorität die Ärzte genossen. Vielen Menschen war ihre Macht über Leben und Tod immer noch unheimlich. Allerdings schien diesem Mann ärztliche Gegenwart geradezu Furcht einzuflößen.
      „Es ist ok – Ihr Bruder ist unter Beobachtung. Es kann nichts geschehen.“ Tasha seufzte: „Kommen Sie mal zur Ruhe Dean!“
      Zwischen ihre geschwungen Brauen schoben sich einige Fältchen: „Darf ich mir das mal ansehen?“, fragte sie leise und nickte auf seine rechte Schulter. Besorgt musterte sie Dean, der ihrem Blick beharrlich auswich. Seine Haut war aschfahl, die Augen eingefallen und die Wangenknochen viel zu deutlich sichtbar. Spröde Lippen verrieten einen hohen Flüssigkeitsverlust. Mühsam versuchte er Haltung zu bewahren, konnte aber ein leichtes Schwanken seines Körpers nicht vermeiden.
      „Sie sollten etwas Vernünftiges essen und mehr trinken - und außerdem fehlt ihnen eine tüchtige Portion Schlaf.“
      Tasha nutzte die Autorität ihres weißen Kittels und wies auf einen Stuhl. Dean setzte sich gehorsam. Zögernd öffnete er das Hemd und ließ es über seine Schultern gleiten. Als er sich das darunter befindliche Shirt über den Kopf zog, konnte er einen Schmerzenslaut nicht unterdrücken.
      „Sie scheinen Ärzten nicht besonders zu vertrauen“, sprach Tasha mit möglichst unverfänglicher Stimme, denn ihr Patient war sichtlich angespannt.
      Mit geübten Augen taxierte sie die Schulter. Diese hatte sich mittlerweile von kräftigem Rot in dunkles Blau verfärbt. Als ihre Finger prüfend darüber strichen, zuckte Dean zurück.
      „Ist okay - bleiben Sie einfach sitzen – es geht schon“, flüsterte Tasha. Sie schritt langsam um den Stuhl. Während sie vorsichtig das verletzte Schulterblatt betastete, verschaffte sie sich sekundenschnell einen Eindruck über die körperliche Verfassung des Mannes, der nach Leibeskräften bemüht war, gesund zu wirken. Sein Zustand war besorgniserregend.
      „Sie haben eine heftige Prellung und sind am verhungern. Ich werde Ihnen etwas gegen die Schmerzen und Vitamine verschreiben“, sagte Tasha nachdem sie den Stuhl umrundet hatte und Dean erneut in die Augen sah.
      Er nickte nur.
      „Wie konnte das bloß passieren“, fragte sie.
      „Die Tür hat geklemmt.“
      Tasha ging hinter ihren Schreibtisch und setzte sich auf den Stuhl. Sie versuchte etwas Abstand zwischen sich und Dean zu bringen, denn bei dem was ihr auf dem Herzen brannte, war Abstand nötig. Sie ahnte schon, dass es nicht einfach werden würde.
      „Sie machen sich sehr viele Sorgen um ihnen Bruder“, stellte Tasha fest und bemerkte wie sich Dean unbeholfen anzog. Jede Bewegung fiel ihm schwer.
      Sie nickte in Richtung seiner Brust. „Das Tatoo - hat es eine Bedeutung?“
      Dean schüttelte den Kopf. „War bloß`n Jugendstreich“, murmelte er während seine Finger rasch die Knöpfe des Hemdes schlossen.
      „Ihr Bruder hat auch so Eins.“ Tasha beugte sich nach vorn und seufzte: „Dean – was machen Sie wirklich?“
      „Sagte ich doch!“
      Sie lehnte sich zurück. „Ja Rodeo reiten … ich weiß.“ Tasha lächelte bitter: „Das spricht für einige ihrer Narben, aber längst nicht für alle.“ Ihre Lippen pressten sich kurz aufeinander. „Schon gar nicht für die verheilte Schusswunde an ihrem Oberarm.“
      Dean war aufgestanden. Er sah mit müden Augen auf die Ärztin. „Tasha, ich bin Ihnen wirklich dankbar dass Sie Sam das Leben gerettet haben … aber“, er verstummte.
      „Sam – richtig“, flüsterte sie. „Sie haben eine sehr starke Bindung an ihren Bruder.“
      „Es gibt nur noch uns!“ antwortete Dean leise.
      Tasha nickte: „Verstehe … Dean hören Sie mir zu – ihr Bruder braucht Hilfe.“ Angespannt zog sie ihren Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Diese verdammte Migräne dröhnte hinter ihrer Stirn wie eine ins Tal stürzende Lawine. Als sie sich wieder nach vorn beugte, genoss sie Deans volle Aufmerksamkeit.
      „Hat ihr Bruder das öfter? Diese Anfälle von Gewalt … meine ich.“
      „Sammy ist ausgesprochen sensibel“, rechtfertigte ihn Dean.
      Auf Tashas Gesicht lag Besorgnis. „Dean! Er hat den Spiegel zertrümmert. Er hat wieder damit gedroht sich zu töten! – Halt!“ Tasha hielt kurz inne, als müsste sie überlegen. „Falsch - er wollte sein Spiegelbild töten weil es zu ihm gesprochen hat. Sam ist der festen Überzeugung ein Monster zu sein.“
      Dean senkte den Kopf. „Er hat viel durchgemacht. Aber wir bekommen das Geregelt!“ Er wandte sich ab um zur Tür zu gehen.
      „Dean – bitte!“ Tasha war aufgesprungen. „Setzten Sie sich – nur einen Moment“, flüsterte sie.
      Zögernd machte Dean kehrt und sank zurück auf den Stuhl.
      Nervös glitten Tashas Finger durch die Patientenakte. Sie setzte sich ebenfalls. „Sam leidet unter extremen, religiösen Wahnvorstellungen und akustischen Halluzinationen. Er glaubt von Etwas oder Jemanden verfolgt zu werden.“ Tasha verstummte und sah Dean bedrückt an. „Ich dachte zunächst es sei eine Depression“, fuhr sie fort: „– aber …“
      „Was aber!“ Deans Stimme wurde kalt.
      „Ich weiß nicht was Sie wirklich machen“, Tasha seufzte. Sie rieb sich die Schläfen. „Aber auf keinen Fall reiten Sie Rodeo.“ Zwischen ihren Fingern kreiste mittlerweile ein Kugelschreiber. „Möglicherweise hat Ihre … Ihre Tätigkeit das Maß an Stress überschritten, das ihr Bruder bewältigen kann.“ Tasha legte den Kuli zurück. Schließlich flüsterte sie: „Ich befürchte Sam ist sehr, sehr krank.“
      Auf Deans Stirn bildeten sich Schweißperlen. Langsam glitten sie an seinen Schläfen herab. „Was wollen Sie mir damit sagen!“
      Tashas Stimme wurde tiefer: „Hatten Sie eine schwierige Kindheit? Sind Sie viel umgezogen oder waren sie oft allein? Gab es in Ihrer Familie jemals Fälle von geistiger Verwirrtheit?“
      Dean sprang heftig atmend auf. Als er ins Straucheln geriet, klammerten sich seine Finger so fest um die Stuhllehne, dass sie sich blau verfärbten.
      „Wollen Sie mir etwa weiß machen dass mein Bruder verrückt ist“, stieß er hervor. Plötzliche Hitze schoss ihm durch die Adern und verwandelte sich hinter seiner Stirn in dumpfes Rauschen. Das Herz schlug ihm bis zum Hals.
      Vorsichtig sprach Tasha weiter: „Dean – Ihr Bruder ist hoch gebildet. Wenn Sam klar ist, bedient er sich einer sehr gewählten Sprache“, erklärte sie. „Ich habe die Bücher gesehen die er liest.“ Sie holte tief Luft: „Es gibt heute vielversprechende Behandlungsmethoden bei Schizophrenie. Ihr Bruder hat auf Grund seiner Primärpersönlichkeit, seinem Ausbildungsniveau und seiner guten soziale Anpassung eine echte Chance auf Heilung. – Ich kann ihnen helfen!“
      Deans Körper bebte vor Zorn: „Schizophrenie!“ Seine Stimme überschlug sich. „Sie meinen also mein Bruder ist schizophren!“ Er schüttelte heftig mit dem Kopf. „Sam ist nicht verrückt“, schrie er völlig außer sich.
      „Dean – seien Sie doch ehrlich zu sich selbst“, bat Tasha inständig. „Sie haben seine Ausbrüche erlebt. Sie können ihn nicht ständig bewachen.“ Vorwurfsvoll betrachtete sie den Jäger. „Sehen Sie sich doch mal an! Es macht sie kaputt!“
      Deans eisiger Blick schlug ihr ins Gesicht. „Sie haben keine Ahnung Tasha.“ Er schluckte und schloss kurz die Augen: „Sie wissen gar nichts“, flüsterte er.
      „Dann sagen Sie es mir“, forderte Tasha.
      Dean wandte sich ab um zu gehen. „Sie würden es nicht verstehen.“
      Bevor er die Tür öffnete, verharrte er einen Moment und sah über seine Schulter. „Danke für die Tabletten, Tasha“, murmelte er mit rauer Stimme.
      Sie nickte lächelnd: „Ich lass Ihnen ein Bett in das Zimmer bringen“, rief sie ihm nach. Die zuschlagende Tür ließ Tasha zusammen zucken. Seufzend vergrub sie das Gesicht in ihren Händen. Dieses schmerzhafte Stechen hinter den Augen wollte nicht weichen und der Zorn auf sich selbst, machte es keinesfalls besser. „Verdammter Dickschädel“, zischte sie.

      *** Fortsetzung folgt ***
    • *** Moloch Angst ***

      Bobby war fassungslos. Blankes Entsetzten fesselte ihn auf dem kleinen Stuhl. Der alte Jäger wusste nicht, ob ihm Deans furchtbarer Anblick, oder die Geschichte, die er soeben gehört hatte, mehr Angst einjagte. Ihm wurde speiübel. Nach Atem ringend, zog er den Kopf in den Nacken und stöhnte. „Mein Gott, Dean“, sein Blick senkte sich auf das Gesicht des jungen Jägers. In sich zusammen gesunken saß ihm Dean gegenüber und starrte auf den Boden. Seine Hände, die sich im Stoff der Jeans verkrampften, zitterten unablässig.
      „Bobby …“, Deans Stimme war nur noch ein Wispern. Sie taumelte ihm über die Lippen, wie ein sterbendes Blatt, das der Wind mit sich nahm. „Ich weiß nicht mehr was ich machen soll.“ Bevor er das Gesicht hob, verrieb er die Tränen auf seinen Wangen. In Deans Augen reflektierte sich Angst und Verzweiflung als er mit rauer Stimme weitersprach: „Ich glaube Sam wird wahnsinnig …!“

      Bobbys Brustkorb pumpte so hektisch, dass ihm schwindlig wurde. Heiß und kalt schoss ihm das Blut durch die Adern als die Erinnerung an Sams katatonischen Zustand bei ihrem letzten Treffen aufflammte. Trotz seiner Bitte hatte Dean nichts von ihrer Jagd preisgegeben. Nur vage Andeutungen konnte ihm der alte Jäger damals entlocken. In gewisser Weise war Bobby einfach nur froh, als sich Sams Zustand besserte und so entschied er, diese Entwicklung als erledigt hinzunehmen.
      Ein Fehler!
      Denn nun musste er feststellen, dass seine Vorstellung von den Ereignissen in Grafton nicht annähernd die Wirklichkeit getroffen hatte. Bobbys Blick flehte Dean an, diese Geschichte zu widerrufen. Aber jede Faser im Körper des älteren Winchesters bezeugte die Wahrheit.
      Der alte Jäger fand kaum Worte. „Ich … ich habe von solchen Legenden gehört … aber!“ Stöhnend vergrub er das Gesicht in seinen Händen und murmelte. „Ich … hätte niemals gedacht … doch nicht so …!“ Wieder riss Bobby den Kopf in die Höhe. Entsetzen schnürte ihm den Hals zu. „Ein lebendes Buch? … Wie … wie konnte Sam das überleben? Wie konntet ihr das durchstehen?“
      Dean fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. „Ich glaube nicht mehr, dass Sam es überlebt hat!“ Sein Blick wich dem Alten aus. Er flüsterte: „Sam ist daran zerbrochen.“ Plötzlich bebten Deans Schultern. „Bobby…“, schluchzte er. „Es war so furchtbar. Alle diese Geschichten“, seine Stimme stolperte ihm über die Lippen: „Tagelang haben sie …!“ Dean rutsche vom Stuhl und kauerte am Boden. „Ich, ich konnte es nicht verhindern …!“ Verzweifelt riss er den Kopf in den Nacken und kämpfte gegen Tränen. Er gluckste und gurgelte mit erstickender Stimme. „Ich konnte Sam nicht helfen … ich kann … diese … Bilder … niemals vergessen!“ Seine zitternden Finger vergruben sich in das kurze Haar. Dean schloss die Augen. „Sams Schreie, diese Ketten … diese … diese abscheulichen …!“ Dean schlug mehrmals mit der Faust auf den Boden. „Du kannst dir nicht vorstellen was sie ihm antaten!“ Abrupt stoppte er und sah ängstlich über seine Schulter zum Bett.
      Sam schlief. Sein Gesicht war bleich, ein feuchter Film aus Schweiß schimmerte auf seiner Haut. Nach seinem erneuten Ausbruch hatte Tasha die Dosis des Sedativums erhöhen lassen. Stoffgurte fixierten die Hand- und Fußgelenke. Seine Augen zuckten unter geschlossenen Lidern.
      Dean wandte sich wieder an Bobby und flüsterte weiter: „Ich war glücklich, dass Sam es vergessen hatte Bobby! Ich habe geglaubt er hat es überstanden!“
      Der Alte schüttelte den Kopf. Tränen glitzerten in seinem grauen Bart.
      „Ich habe mich geirrt, denn … Sam kann weder mit noch ohne dieser Erinnerung leben. Sein Körper erinnert sich an jedes Wort.“ Dean schluckte. Seine Pupillen flackerten. „Es … ist … als wolle Sams Seele jede einzelne dieser Geschichten ans Licht holen!“
      Bobby sah entsetzt auf den älteren Winchester, der auf dem Boden kniete und sich verzweifelt die Haare raufte. „Er hat sich verletzt – monatelang – ohne dass ich es bemerkt habe. Er hat versucht sich das Herz heraus zu schneiden. Bobby! Was soll ich nur tun?“ Deans Kinn sank schwer auf seine Brust und er schloss die Augen. Seine Stimme konnte der Alte kaum noch verstehen und doch rissen die folgenden Worte eine Kluft in sein Herz: „Sam hat einen Menschen getötet … “, stieß Dean heraus. Als sich sein Blick erneut auf das Gesicht des alten Jägers heftete, war er leer und kalt.
      Bobbys Augen weiteten sich. „Niemals – das kann ich nicht glauben.“ Er packte Dean und zerrte ihn zurück auf den Stuhl. Dann holte er tief Luft. „Wahrlich - in Sam schlummert eine dunkle Seite… - Junge“, er spähte an Deans Schulter vorbei auf Sam. „Aber es steckt auch so viel Gutes in ihm!“ Bobbys Hände vergruben sich hart in Deans Schultern um ihn zu rütteln. Sein Atem explodierte: „Du darfst Sam nicht aufgeben Dean“, spie er ihm ins Gesicht.
      Dean lächelte bitter, als er dem alten Jäger in die Augen sah. „Als Sam an dem Morgen nach Hause …“, er räusperte sich „ins Motel kam, hatte er tiefe Kratzer auf seinen Armen. Seine Kleidung war zerrissen, überall war Blut und er war völlig verstört.“ Dean flüsterte weiter: „Ich weiß was ich gesehen habe – und Sam … er hat es mir gebeichtet.“
      Bobby sprang auf und schüttelte den Kopf. „Dean“, schrie er. „Das nimmst du doch nicht etwa so hin!“ Bobby rieb sich die Schläfen als versuche er einen klaren Gedanken aus seinem Gehirn zu massieren. „Verdammt - Wir müssen was tun!“ Er sah Dean fragend an. „Hat man eine Leiche gefunden?“

      „Das wird man noch…“, kam es kühl aus dem Hintergrund.
      Sofort drehten sich Bobby und Dean zum Bett.
      Sam hatte die Augen geöffnet. Seine Lippen zuckten und in seinen geweiteten Pupillen spiegelte sich das Licht der Sonne als sie durch den Raum irrten. „Ich bin ein Mörder und es wird Zeit, es zu beenden!“ Die Gurte hinderten ihn sich zu erheben. Er zog und zerrte vergebens daran. Schließlich trommelten seine Finger ungeduldig auf dem Bettlaken.
      „Sam!“ Bobby schluckte betroffen. Langsam ging er auf den Jüngeren zu. „Was ist passiert?“
      Sam neigte den Kopf zur Seite. Er wollte nicht in Bobbys Augen sehen.
      „Es war in dieser Bar.“ Seine Stimme bebte. Heftig atmete Sam ein. „Sie hat uns angesprochen.“ Ein Seufzer stieß über seine schmalen Lippen, als er mit tonloser Stimme berichtete. „Sie war so schön und jung!“ Sams flackernde Augen irrten suchend durch die geöffnete Tür in das Bad. „Es war erregend“, hauchte er. „Wir haben es versucht – ehrlich – aber wir konnten nicht widerstehen. All diese tanzenden, fiebrigen Leiber – überall diese nackte Haut, diese blutroten, weichen Lippen und der heiße Atem der über sie stieß. Wir haben ihre Gier gespürt mit jeder Faser unseres Fleisches – ihre Blicke versprachen alles was wir suchten... Es … es war wie in einem ----“
      „Rausch“, vervollständigte Bobby den Satz und sein Körper erstarrte zur Salzsäule.
      Sam nickte.
      Dean betrachtete seinen Bruder sprachlos. Diese Kälte, die von ihm ausging ließ ihn fast erfrieren.
      „Sie hat uns doch gerufen“, krächzte Sam mit rauer Stimme. Tränen erstickten die Worte in seinem Hals.
      „Wer ist wir?“ Bobby ergriff Sams Arm. „Sam! Wer ist wir?“
      „Ich weiß nicht …“, flüsterte der Jüngere. Sein Blick heftete sich sehnsüchtig auf die kahle Wand über dem Waschbecken. Sam biss sich auf die Unterlippe als er feststellte dass der Spiegel fehlte. „Ich glaube ich habe es verärgert“, kicherte er und riss schlagartig den Kopf in Bobbys Richtung. „Aber es wird wieder kommen. Das hat es mir versprochen!“ Sams Brauen schoben sich bedeutungsvoll in die Höhe als er dem alten Jäger zunickte.

      Bobby sah fassungslos auf Dean. Ihn beschlich eine schreckliche Ahnung. „Mein Gott, es hat ihn gefunden … hätte ich nur gewusst was damals geschehen ist!“ Der Alte griff sich ächzend an die Stirn. „Diese vielen Selbstmorde … ich hätte es ahnen müssen.“
      „Ist Sam verrückt – oder besessen?“ Deans Worte waren so unsicher, dass sie beinahe auf seiner Zunge zerbrachen. Bobby schüttelte mit dem Kopf. Er sah Dean zornig an: „Ihr hättest es mir sagen müssen.“ Sein Blick wechselte zu Sam als er flüsterte. „Ich befürchte es ist viel schlimmer!“
      Verwirrt streiften Sams Augen über Bobbys Gesicht. Dann legte sich ein Lächeln auf seine Lippen. „Hab keine Angst Bobby! Es ist nicht schlimm. Bald wird alles gut“, hauchte er. „Es‘ macht, dass die Stimmen in meinem Kopf aufhören.“ Wieder versuchte sich Sam zu erheben. Halbherzig zog er an den Gurten. Schließlich riss er den Kopf in den Nacken und knirschte mit den Zähnen. Die Sehnen an seinen Gelenken spannten sich und zerrten ihm die Finger auseinander. „Ich will, dass es bei mir bleibt“, keuchte Sam. Dann schlossen sich seine Lider abrupt und er verlor sich in seinen Gedanken.
      < Ich werde deinen Platz einnehmen >, hatte „Es“ gesagt. Sam lächelte vor sich hin, denn allmählich sah er in dieser Kreatur kein Monster mehr. Sollte „Es“ doch an seine Stelle treten. Was machte es schon, wenn ihm das Leben gestohlen wurde. Wenn jemand anderes, oder etwas ihm derart ähnliches, in Gänze seinen Platz übernahm. So lange er denken konnte wurde er durch ein Leben geschubst das er nicht wollte. Jeden Menschen, der ihm nahe stand hatte er verloren und er führte einen Kampf, der aussichtslos war. Alles was er sich jemals erträumte, wofür es sich gelohnt hätte zu Leben war in Flammen aufgegangen. Nicht einmal Dean hatte seine Not bemerkt.
      Sam kicherte leise. Vielleicht war es schon immer so gewesen? Vielleicht war dieses „Es“ er. Vielleicht war dieses beinahe „Ich“ der Körper – und er – Sam Winchester nur der Schatten. Seine Angst wich einer Art Unbekümmertheit, seine Qual einem Vergnügen. Dieser Gedanke gefiel ihm. Endlich konnte er sich schlafen legen, mit dem Bewusstsein jemand anderes würde jeden Morgen mit dieser Last aufstehen müssen um sein verhasstes Leben zu führen und seine Verantwortung zu übernehmen. Unbemerkt könnte er im Nebel des Vergessens verschwinden und niemand würde ihn vermissen – fast so als hätte er nie existiert.
      ---- Ein wundervoller Gedanke ----

      Bobby ließ das kühle Handgelenk des Jüngsten los und war mit einem Schritt bei Dean um ihn an den Schultern zu packen. „Dean! Sam muss sofort von den Betäubungsmitteln runter!“ Panisch sah er ihn an. „Sam muss clean werden – sonst wird er keine Chance haben. Beobachte ihn - Lass ihn nicht aus den Augen. Sam ist in großer Gefahr – wir alle sind in großer Gefahr.“
      Bobby sank schnaufend zurück auf den Stuhl. „Ich muss meine Bücher holen und dann werde diese Bar besuchen um herauszufinden was passiert ist.“ Er sah fragend zu Sam. „Sam, welche Bar war es?“
      Der Jüngste betrachtete die Zimmerdecke und summte leise vor sich hin.
      „Sam!“ schrie Bobby. Seine Stimme ließ Dean zusammen zucken.
      Sam stöhnte abwesend: „Weberei … ich glaube sie hieß: Alte Weberei“, seine Zunge wurde schwer. Brummend schloss er die Augen und sein Kopf taumelte zur Seite.
      Bobbys Innerstes krampfte sich zusammen. Er beobachtete die Brüder, die ihn so sehr ans Herz gewachsen waren und wollte nicht glauben was er sah. Sam und Dean waren weiter voneinander entfernt als sie es jemals sein durften.
      Beide hatten diese eine Jagd nie beendet – nie verarbeitet und waren in ihren Alpträumen gefangen. Das machte sie verwundbarer denn je. Ihr Mut und ihre Entschlossenheit waren zerschellt an den zerklüfteten Narben die dieses unmenschliche Ritual auf ihren Seelen zurückgelassen hatte. Sie schienen dem Wahnsinn näher zu sein als der Realität.
      Bobby schnaufte: Realität – welch ein spöttisches Wort für das Leben eines Jägers. Der Alte wusste Sam und Dean benötigten Zeit. Doch gerade die hatten sie nicht. Wenn Irgendetwas einen Weg zu den gequälten Geistern, die Sam in seinem Inneren verschloss finden sollte, würde entfesselter Zorn diese Welt in ein Tollhaus verwandeln.
      Sam und Dean mussten zurück finden um kämpfen zu können. Verstand und Kraft mussten sich wieder vereinen.


      *** Der Versucher ***


      In der überfüllten Kantine der Klinik sah sich Tasha nach einem freien Platz um. Sie ging an einen Tisch nachdem einige Schwestern aufgestanden waren und dachte an Dean, Sam und den alten Mann. Sicher, sie hatte in ihrem Leben einige Workaholics kennengelernt und wusste es waren schwierige Patienten. Aber dieses Trio kam ihr mehr als seltsam vor. Zunächst erfreut, als der bärtige Alte auftauchte, schien es doch als genieße er Deans Vertrauen und sei in der Lage ihn zur Vernunft zu bringen, änderte sich ihr aufkeimender Optimismus rasend schnell ins Gegenteil. Denn plötzlich verwandelte dieser Mister Bobby Singer das Krankenzimmer in eine Mischung aus antiker Bibliothek und dezentralem Organisationsbüro - und verlangte obendrein die Absetzung der beruhigenden Medikamente die Sam dringend benötigte.
      Lustlos stocherte Tasha in ihrem Salat und entschloss sich schließlich doch das Sandwich in Angriff zu nehmen. In ihren Gedanken vertieft, bemerkte sie die herannahende Schwester nicht. „Doktor Horn?“
      Erst als Tasha angesprochen wurde sah sie nach oben. Lächelnd verkündete die Schwester den Besuch eines Inspektor Warrens, der in mehreren Mordfällen ermittelte und dringend mit Sam Winchester sprechen wollte.
      Tasha ließ ihr Sandwich sausen. Sie erhob sich, strich fahrig über ihren Kittel und folgte der Schwester wortlos durch den schmalen Korridor zum Aufzug. Wut stieg in ihr auf. Einem Verhör konnte sie zum jetzigen Zeitpunkt beim besten Willen nicht zustimmen. Es war Seltsam. Plötzlich schien sich alles gegen sie zu wenden. Nervös nestelte sie an ihrer Haarspange und vernahm das hektische Rascheln eines Schwesternkleides an ihrer Seite. Der Schall ihrer Schritte wurde von weichem Linoleum verschluckt.
      Warum hatte sie nur so unbeherrscht reagiert? Gerade sie sollte verstehen warum Menschen manchmal schwiegen. Aber trotz aller Vorsicht war ihr zweites Gespräch mit Dean gründlich danebengegangen. Dabei war ein Streit das Letzte was Tasha wollte.
      „Soll ich Sie begleiten Frau Doktor?“, die Frage riss Tasha aus ihren Gedanken.
      Sie lächelte und überflog das Namenschild ihrer Kollegin: „Ist okay Schwester Anna. Ich denke, mit dem Inspektor komme ich klar.“
      Anna warf ihr einen besorgten Blick zu. „Sie sehen sehr müde aus.“
      Tasha winkte ab. „Diese Doppelschichten bringen mich noch ins Grab!“
      „Sie sind von der Notaufnahme nicht wahr?“ Tasha nickte schweigend. Trotz zwei Schlaftabletten hatte sie in der letzten Nacht kaum ein Auge geschlossen. Aber das wollte sie an dieser Stelle nicht diskutieren.
      „Wem sagen sie das“, um Schwester Annas Lippen zuckte ein Lächeln, bevor sie sich abwandte um auf ihre Station zu eilen.
      Tasha wartete vor dem Fahrstuhl. Sie beobachtete die nach oben springende Kontrollanzeige bis sich die Flügel der Tür mit einem Fauchen öffneten. Das Läuten der Klingel erschrak sie.
      < Verdammt … bleib ruhig > murmelte Tasha und dachte wieder an Dean. Dieser Mann war sturer als ein Rindvieh. Ihr blieb nichts anderes übrig als sich seiner Entscheidung zu beugen und die Medikamente abzusetzen. Aus welchem Grund verweigerte er seinem Bruder eine vernünftige Behandlung? Warum sprach er nicht über seine Vergangenheit. Egal welches Geheimnis die Brüder teilten, es rechtfertigte auf keinen Fall ein derart verantwortungsloses Verhalten. Trotz der bösen Worte die zwischen ihnen gefallen waren, verspürte Tasha immer noch das Bedürfnis zu helfen.
      Sie betrat den Fahrstuhl. Leise summte die Klimaanlage. Der Luftzug verursachte ein Kältegefühl auf ihrer Haut. Als sich die Tür geschlossen hatte, lehnte Tasha erschöpft an der Metallwand und spürte wie der Aufzug während der Abwärtsfahrt vibrierte.
      Seufzend umschlang sie mit den Armen ihren fröstelnden Körper und schloss die Augen. Warum setzte sie voraus, dass es Dean leichter als ihr fiel über unerwünschte Erinnerungen zu reden? Tasha wusste wie grausam manche Geheimisse waren. Wie Ungeheuer lauerten sie im Hinterhalt auf eine Chance an die Oberfläche zu brechen. Von manchen Ereignissen wurde man ein Leben lang verfolgt und ständig spürte man ihren bedrohlichen Atem im Rücken.
      Tasha kannte dieses Gefühl. Sie fürchtete die Dunkelheit, denn in der Nacht begann eine Erinnerung, von der sie lange geglaubt hatte, sie verdrängt zu haben, wieder in ihre Träume zu schleichen und keine verschlossene Tür vermochte sie aufzuhalten.

      *** *** ***

      24 Stunden später
      „Sam? Bist du okay?“ Bobby musterte den Jüngsten mit einem Seitenblick als er das Zimmer betrat. Sam saß aufrecht im Bett und nickte kurz. Dann schob er den Laptop auf seine Knie. Sein Blick wechselte von Bobby auf Dean. Der Ältere saß auf dem zweiten Bett und rieb sich den Schlaf aus den Augen. „Sammy? Bist du es?“
      „Ja, Dean – ich bin es und es geht mir gut.“
      Dean sah erleichtert auf den alten Jäger.
      „Was hast du heraus gefunden Bobby?“ flüsterte Sam mit vibrierender Stimme. Die letzten Tage waren an ihm vorbei gerauscht wie ein LSD Trip. Er war froh nicht mehr das lähmende Kribbeln in seinen Adern zu spüren. Nur ein Stechen unter seiner Brust und dieser Verband erinnerten ihn bei jeder Bewegung daran, dass seine Erlebnisse kein Traum gewesen sein konnten.
      Bobby sank auf einen Besucherstuhl und lehnte sich zurück.
      „Du warst in dieser Bar. Der Barkeeper hat dich wiedererkannt“, begann der Alte zu berichten.
      Dean richtete sich auf. Sein Blick streifte kurz Sam.
      „Aber er beschwört, dass du die Alte Weberei allein verlassen hast.“ Bobby räusperte sich in die Faust. Ungläubig starrte Sam auf den Alten. „Aber, aber … ich habe sie doch gesehen. Sie hat mich angesprochen …“ Sein Brustkorb hob und senkte sich erregt.
      „Möglicherweise hast du was gesehen Sam …“, Bobby stockte. „Du hast eine Zeitlang an der Bar gesessen und geistesabwesend auf die Tanzfläche gestarrt.“ Der Alte grinste: „Du scheinst viele Blicke auf dich gezogen zu haben – nicht nur von Frauen. Einer der Gründe warum sich der Barkeeper genau erinnert.“ Kurz räusperte sich Bobby: „Aber plötzlich bist du vom Hocker gestürzt und hast dich am Boden gekrümmt. Erst wollten sie den Notarzt rufen, weil sie dachten du hättest einen Anfall oder sowas. Aber …“
      Bobby machte eine Pause: „Jedenfalls hat dich der Sicherheitsdienst rausgeschmissen.“
      „Was?“ Sams Augen weiteten sich.
      „Naja, du bist ziemlich gewalttätig geworden als man versuchte dir zu helfen. Sie dachten du ständest unter Drogen. Es waren mehrere Leute nötig um dich zu überwältigen.“
      „Sam!“, fiel Dean in die Rede des Alten. „Das ist eine gute Nachricht. Es erklärt deine Abwehrverletzungen!“ Er sah hoffnungsvoll auf Sam. Sein Lächeln war immer noch müde.
      Sam schüttelte ungläubig den Kopf. „Was habe ich gesagt?“, wollte er wissen.
      „Keine Ahnung … wirres Zeug“, Bobby schnaufte. „Irgendwelche Fantasieworte, Buchstabenreihen. Irgendwas wie … Ultra … oder so. Jedenfalls behauptet das der Barkeeper.“
      „Vielleicht war es eine Vision?“, warf Dean erleichtert ein und stand auf. Er ging zu Sam herüber um sich auf sein Bett zu setzten.
      „Dean!“ raunte Sam als er seinen Bruder ansah. Nach einem Moment senkte er den Kopf und flüsterte. „Ich … ich habe sie getötet … das war echt!“
      „Jetzt beruhige dich Sam – es gibt keine Leiche! Ich habe das überprüft“, erklärte der alte Jäger.
      Sams Schultern bebten: „Begreift es doch! Ich bin ein Mörder!“, beschwor er und ließ seine Schultern sinken. „Ihr solltet mich wegsperren, bevor ich noch Amok laufe.“
      „Hör auf damit … du verdammter Mistkerl!“ Bobby war aufgesprungen. Kleine Speicheltröpfchen glitzerten in seinem Bart. Er stürmte zum Bett und packte Sam an der Schulter um ihn zu rütteln. „Du wirst gefälligst dieses Gejaule unterlassen. Solange wir nichts Genaueres wissen bleibt es eine Vermutung! Ist das klar?“ Bobbys Herz schlug bis zum Hals als er den Jüngsten anschrie: „Wenn du glaubst, dich wegen deines Alptraumes einfach so aus dem Leben und der Verantwortung, die du übernommen hast, schleichen zu können, dann sag es laut und ich schwöre dir, ich werde mir ein Messer nehmen um dir eigenhändig dein verdammtes Herz heraus zu schneiden! Verstanden?“ Hart vergruben sich Bobbys Finger in Sams Schulter.
      Erschrocken sahen die Winchester den Alten an.
      „Wir werden uns jetzt auf die Fakten konzentrieren und Schritt für Schritt entscheiden was zu tun ist.“ Bobby ließ von Sam ab um zu verschnaufen. Er ging zum Fenster und sah hinaus auf den Parkplatz. Die Sonne brannte erbarmungslos. Unter flimmernder Luft schmolz der Teer auf den Straßen. Kein Baum spendete mehr Schatten. Jedes Blatt war verdorrt zu Boden getaumelt. Zurück blieben kahle, trockene Äste, deren einzige Bewohner Krähen waren, die stumm nebeneinander in den Zweigen hockten.
      Der Alte schnaufte gegen das Glas und drehte sich abrupt um. „Ich weiß, ihr habt viel durch gemacht“, sprach er leise weiter. „Aber es ist nicht der richtige Zeitpunkt um sich im Selbstmittleid zu suhlen.“ Seine zitternden Hände stützten sich auf die Fensterbank als wollten sie ihn mit einem kräftigen Schups beschleunigen, bevor er auf die Brüder zuging.
      „Also … ihr wolltet meinen Rat? Bitte hier ist er!“ Bedrohlich baute sich Bobby vor den Brüdern auf. „Reißt euch verdammt noch mal zusammen und macht euren Job! Ihr seid Jäger!“
      Verdattert starrten Sam und Dean auf Bobby. Ihre Gesichter waren blass und ausgelaugt. „Zu Befehl“, schoss es unweigerlich über ihre Lippen.
      Bobby massierte seine Stirn und stöhnte. Es tat ihm unendlich leid, seine Jungs so anzuschreien aber ihm war klar geworden, dass Schuldgefühle und Kummer in Bethel tödlich sein konnten. „Also Sam, was hast du über die Opfer herausgefunden?“ Bobbys Stimme nahm wieder den vertraut warmen Tonfall an, als er zurück zum Stuhl ging.
      Sam hatte den Laptop ergriffen. Der Computer zitterte leicht in seinen Händen als er das Verdeck öffnete. „Diese …“, Sam räusperte sich. Eingeschüchtert beobachtete er den Alten durch seine zerzausten Haarfransen. „… Mordserie beginnt im Sommer 1969 und scheint sich in heißen Jahren fortzusetzten. Die Opfer stammen aus unterschiedlichen Gegenden und Gesellschaftskreisen. Ich konnte kein Auswahlchema erkennen. Sie sind von unterschiedlichem Geschlecht und Alter. Einige zogen zu und andere wurden hier geboren. Offensichtlich haben die meisten Selbstmord begangen oder starben unter merkwürdigen Umständen.“ Sam strich sich durchs Haar. Er stöhnte leise. „Bis auf eins …“, flüsterte er und sah Bobby in die Augen.
      Der Alte hob die Brauen.
      „Es ist mir gelungen bei Einigen auf Grund ihrer Sozialversicherungsnummer den Lebenslauf etwas genauer zu rekonstruieren.“ Sam lächelte triumphierend.
      „Und …du Genie, was hast du heraus gefunden?“, platzte es aus Dean heraus. Seine Augen hefteten sich erwartungsvoll auf Sams Lippen. Dieser holte tief Luft und griff nach der Akte, die Warren ihnen überlassen hatte. Er warf sie auf die Bettdecke. „Ethan Brown … der Mähdrescherunfall! - Er musste als Kind mit ansehen wie sein kleiner Bruder von einem Mähdrescher überrollt wurde. Dieser Pope vom Schrottplatz…!“
      „Der Typ in der Stahlpresse …“, fiel ihm Dean ins Wort.
      Sam nickte: „Er hat vor einigen Jahren Frau und Tochter verloren. Sie wurden bei einem schweren Verkehrsunfall in ihrem Wagen regelrecht zerquetscht.“ Nach einer Pause berichtete Sam weiter: „Vor drei Jahren ereigneten sich weitere Unfälle in dieser Gegend.“ Er schlug die Akte auf und tippte mit dem Finger auf einen Bericht. „Diese Frau starb bei einem Grillunfall. Die Gasflasche explodierte. Sie stand sofort in Flammen. Jahre zuvor verbrannte ihre Mutter im Bett, weil sie mit einer Zigarette in der Hand eingeschlafen war.“
      „Ich sags doch…“, bemerkte Dean. „Rauchen ist gesundheitsschädlich!“
      Sam schluckte betroffen. „Und so geht es weiter. Das Unfallopfer einer Klettertour vor drei Jahren wurde Zeuge einer ... einer der furchtbarsten Katastrophen unserer Zeit.“ Sam schob den Rechner zur Seite und legte für einen Moment das Gesicht in die Hände. Schließlich sah er Dean an: „Sein Arbeitskollege stürzte am 11 September 2001 aus dem Fenster des World Trade Centers als die Türme Anschlagsziel der Terrororganisation al-Qaida wurden. Sie hatten an diesem Tag die Schicht getauscht. Eigentlich wäre er unter den Opfern gewesen.“
      Sam zog den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. „Soweit ich herausfinden konnte, waren sämtliche Opfer in psychiatrischer Behandlung weil sie ein schweres Trauma erlitten. Sie wurden Zeugen von Ereignissen, an denen sie sich selbst die Schuld gaben.“
      Dean sah ungläubig auf Sam. „Du meinst der Typ sieht seinen Kollegen aus dem Fenster fliegen und stürzt sich Jahre später selbst von einer Klippe?“
      Sam nickte. „Alle Opfer litten unter schweren Selbstvorwürfen.“
      „Was soll das heißen? Ist das ein Rachegeist oder eine Art himmlische Rechtsprechung?“ Dean sah fragend auf Bobby.
      „Das glaube ich nicht“, bemerkte Sam und schüttelte heftig den Kopf. Er schien einen Moment zu überlegen. „‘Es‘ sagte: Zu sehr liebst du deinen Schmerz …“
      „Was?“ Dean riss seine Augen auf.
      Sam musterte seinen Bruder eindringlich. „Als ‘Es‘ zu mir sprach sagte ‘Es‘: Ich brauche den Schmerz um zu wachsen.“ Langsam wandte er sich an Bobby und sah ihn fragend an.
      Der Alte nickte: „Ihm hungert nach Schmerz und Angst. Es sucht nach dem, was wir vor unseren Mitmenschen verbergen - nach unseren dunkelsten Geheimnissen. Es findet unsere Alpträume – unsere schlimmsten Erinnerungen und führt sie uns wieder und wieder vor Augen, bis wir daran zerbrechen.“
      Bobby richtete sich auf und sah die Brüder an. „Es ist ein hungriger Geist*.“ Seine Augen formten sich zu Schlitzen als er fragte: „Sam? Was ist dein größter Alptraum?“
      Dem Jüngsten wich alle Farbe aus dem Gesicht. Sein Herz raste. Ein Schweißfilm legte sich auf seine Haut. Sam war kaum noch Herr seiner Stimme. „Das … das … die dunkle Seite in mir siegt“, stotterte er. „Das diese Prophezeiung eintrifft und ich ein Schlächter werde … und … und … unzählige Herzen verschlinge!“ Sam riss den Kopf in den Nacken. „Ich habe dem Mädchen das Herz … oh mein Gott“, krächzte er.
      „Sam …!“ Bobbys war aufgestanden und sprach leise weiter. „Ich glaube nicht, dass du so etwas Schreckliches getan hast. Du hast deine Angst durchlebt … wie in einem Rausch. Junge - du darfst ihr nicht nachgeben! Du musst dich von deinen Schuldgefühlen befreien und lass dir die Sinne nicht vernebeln, denn sonst wird ‘Es‘ dich seelisch ausweiden!“
      Sam verstand. Er nickte leicht: „…bis deine Seele ein blutiges Schlachthaus ist und von deinem Körper nichts mehr übrig bleibt außer dampfendes Fleisch …“, vervollständigte er den Satz und presste seinen Oberkörper gegen die aufgerichtete Betthälfte in seinem Rücken.
      „Hungrige Geister … hast du noch mehr Infos?“ Die Stimme des älteren Winchester war leise als er Bobby ansah.
      Dieser nahm ein altes Buch und blätterte darin. „Einem von ihnen seid ihr schon einmal begegnet“, murmelte er.
      „Echt?“ Dean stand auf und ging zu Bobby. „Wann?“ Neugierig lugte er in sein Buch.
      „Dieser Clown, damals im Zirkus. Es war ein relativ harmloser Rakshasa**, den ihr erledigt habt. Und er gehört zu dieser Kategorie.“
      „Relativ harmlos? Spinnst du Bobby?“ Dean riss den Kopf in den Nacken.
      „Es gibt also mehrere Kategorien hungriger Geister?“, wollte Sam wissen. Seine Finger flogen bereits über die Tastatur auf der Suche nach mehr Informationen. „Ich wusste nicht, dass Geister Hunger haben“, murmelte er in der Recherche vertieft. „… Und ich hasse Clowns!“
      Dean musste grinsen.
      Bobby holte tief Luft: „Ich befürchte diese Geister hungern sehr … und nicht nur nach Rache.“ Er kniff die Augen etwas zusammen um besser lesen zu können. „Auf dem Lebensrad, welches in sechs Daseinsbereiche unterteilt ist, wird das Reich der hungrigen Geister im Buddhismus bildlich dargestellt. Im ‘Dritten Kreis‘ sieht man die hungrigen Geister der Verstorbenen mit übergroßen Bäuchen, dick und aufgebläht. Auch in China kennt man hungrige Geister. Einige Chinesen glauben, dass die Geister ihrer Vorfahren zu einer bestimmten Zeit des Jahres zu ihren Häusern zurückkehren, hungrig und bereit zu essen. In Japan kennt man als menschenfressende, hungrige Geister die Gaki, Jikininki oder eben die Rakshasa. Oft leiden sie schrecklich unter ihrem Hunger, können aber mit bestimmten Ritualen besänftigt, oder recht einfach getötet werden!“
      „Einfach…?“, knurrte Dean kopfschüttelnd. „Dieser Clown war ein verdammtes Miststück!“
      Bobby sah kurz auf und räusperte sich: „Aber manchmal sind sie geistige Wesen voll Eifersucht und Habsucht, die als Bestrafung für ihre Sünden mit einem unersättlichen Hunger für eine bestimmte Substanz verflucht worden sind.“
      „Also ist der Hunger als Metapher zu betrachten?“, schlussfolgerte Sam.
      Bobby nickte. „Ja, das Aussehen und die Lebensweise dieser Geister ist durch die Missetaten bestimmt, die sie in vorherigen Leben begangen haben. Ihr Hunger kann sich auf alles Mögliche beziehen wie zum Beispiel Fleisch, Drogen oder Sex. Eine Legende behauptet, dass der gefährlichste unter ihnen gar kein Geist ist. Er wird oft mit einem Dämon der Perser assoziiert, welcher gerufen wird, um einem Anderen zu schaden. Akatash*** auch genannt ‘der Versucher‘ oder der, ‘Der Böses schafft‘, verführt die Menschen zu bösen Taten. Und als hungernder Deava**** kann Akatash unbewusst von einem Medium gerufen werden, wenn dieses gedemütigt oder gequält wird, um Rache zu nehmen. Akatash giert es, einmal entfesselt, nach menschlichem Leid und er wird mit jeder schrecklichen Erinnerung die er verschlingt stärker - bis er in der Lage ist in unsere Welt zu brechen.“
      Dean war blass geworden. Er starrte auf Bobby. „Wie können wir ihn töten?“
      Der alter Jäger schnaufte: „Wir müssen das Medium ausfindig machen, welches ihn beschworen hat. Nur dieses Medium kann ihn zurück schicken.“ Auf Bobbys Stirn zeigten sich Kummerfalten. „Hier steht auch, dass Akatash nach fleischlicher Existenz strebt indem er einen Menschen erobert und seinen Platz einnimmt. Er kann dabei sehr kreativ und verführerisch sein.
      Sam wurde kreidebleich.
      Bobby betrachtete Sam betrübt und flüsterte: „Könnt ihr euch vorstellen wie mächtig Akatash wird, wenn er einen Menschen findet der das Leid unzähliger Seelen und ihre Geschichten in seinem Innersten verbirgt?“

      *** Fortsetzung folgt ***



      Anmerkungen des Autors:

      Quellen und Einzelnachweise zu den nachfolgenden Legenden:
      Internet: wikipedia (was sonst)
      Bücher: Thailand 1982, ISBN 0-89581-153-7 / Das alte Persien - Die Iranische Welt vor Mohammed 1978, ISBN 3-7031-0461-9

      * Hungrige Geister
      Hungergeister sind Geister von Verstorbenen, die in einigen Religionen, traditioneller regionaler Folklore und in der Mythologie ostasiatischen Ursprungs unmittelbar mit dem Begriff „Hunger“ verbunden sind.

      ** Rakshasa
      Auf einen Rakshasa trafen Sam und Dean in der 2. Folge der 2. Staffel „Alle lieben Clowns“.
      Auch hier weicht die Darstellung etwas von den Überlieferungen ab. Ich nenne das künstlerische Freiheit und es ist bei mir nichts anderes man muss ja seine Monster etwas trainieren ^^!
      Rakshasa wohnen in einer eigenen Welt und bilden sogar ganze Staaten, doch oft brechen sie in die Menschenwelt ein und dies in verschiedensten Formen. Sie werden oft als Tiere, z. B. Geier, Hunde oder Tiger oder als besonders hässliche Menschen dargestellt. Oft haben sie in diesen Darstellungen große, blutige Fangzähne. Die weibliche Form dieser Dämonen sind die Rakshasi. Man sagt ihnen nach, dass sie starre Augen ohne Lidschlag haben und dass sie keinen Schatten werfen. Sie fressen Menschenfleisch und stellen Frauen lüsternerweise nach, die Rakshasi sollen jedoch für Schwangere gefährlich sein und Seuchen verbreiten. Den entscheidenden Querverweis zu hungrigen Geistern fand ich in der buddhistischen Religionslehre, die diese Thematik sehr gründlich behandelt.
      Übrigens kann ich die Aussage, dass Rakshasa auf einem Bett aus toten Insekten schlafen nicht bestätigen. Ihre Schlafgewohnheiten waren in diesem Buch nicht beschrieben ;o)

      *** Akatash auch aka Tash
      Persisch: „Der Böses schafft“ ist in der persischen Mythologie einer der Daeva oder Erzdämonen. Er ist der „Versucher“ und sucht die Menschen zu bösen Taten zu bewegen. Den Querverweis zu hungrigen Geistern fand ich in der buddhistischen Religionslehre. Bilder sind im Internet schwer zu finden. Hier eins aus dem Buch.

      Bild: s7.directupload.net/images/101027/h6t5k83o.jpg

      **** Deava
      Mit einigen Deava hatten Sam und Dean in der Folge 16 „Tödliche Schatten“ aus Staffel 1 zu tun.
      Sie wurden als beschwörbare animalische Dämonen der Dunkelheit definiert. Einige Eigenschaften und wichtige Querverweise wurden allerdings nicht aufgegriffen und sind zugegeben auch schwer zu finden. Auch Wikipedia bietet, außer einer Auflistung kaum Infos zu diesen Dämonen. Die Informationen fand ich in der buddhistischen Religion unter der Thematik „hungrige Geister“.

      Nun^^ - fühlen wir meinen kleinen „Monstern“ doch mal etwas genauer auf den Zahn.
      Viel Spaß mit den folgenden Kapiteln, Eure Shadow