Sherlock Halloween-Special: Die Nacht der Killer

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    • Sherlock Halloween-Special: Die Nacht der Killer

      Für alle Sherlock-Fans meiner FF, die drei Fälle bisher beinhaltet, habe ich mir für Zwischendurch eine Halloween-Kurzgeschichte ausgedacht. Ganz viel Spaß! *;)*

      Rating: 16
      Genre: Krimi/Horror
      Die Story gehört mir. Ich verdiene keine Geld damit. Die Figuren sind von Sir Arthur Conan Doyle und der BBC-Serie Sherlock geborgt, sowie von diversen Horrorfilmen (Halloween und Nightmare on Elm Street)
      .
      Achtung! Spoiler zur Halloween-Reihe!

      Die Nacht der Killer [IMG:http://www.iconpot.com/icon/preview/halloween-smiley-emoticon.jpg]

      „Wer zum Teufel ist Michael Myers?“
      Sherlock schaute fast schon interessiert von seiner Zeitung auf, die er in den Händen hielt. Ein Feuer prasselte im Kamin fröhlich vor sich hin, das eine wärmende Behaglichkeit im Zimmer verströmte. Er saß mit John Tee trinkend an diesem Vormittag des 31. Oktober in der gemeinsamen Wohnung der Baker Street 221 B. Sherlock trug seinen Morgenmantel, wobei John schon vollständig angekleidet war.
      „Ein Psychopath“, wiederholte John, trank einen Schluck Tee, verbrühte sich fast die Zunge, weil dieser so heiß war und verzog theatralisch den Mund.
      „Was Sie alles kennen“, sinnierte Sherlock und wandte sich wieder dem Artikel über den neuen Bakterienstamm zu, der kürzlich entdeckt wurde.
      „Sagen Sie bloß, dass Sie nicht diese Halloween-Reihe kennen! Mit Jamie Lee Curtis? Die ist doch Kult!“
      John hüstelte und klappte seinen Laptop auf.
      „Aus den Staaten?“ Sherlock hob eine Augenbraue; John nickte bekräftigend.
      Er drehte den Laptop um und deutete auf ein Bild, das einen großen Mann zeigte, der eine weiße Maske trug.
      „Er spricht niemals“, plauderte er weiter.
      „Erstaunlich!“
      „Das ist er. Er versucht sogar, seine eigene Familie umzubringen.“
      Argwöhnisch betrachtete Sherlock das Foto. „Manche hegen eben diesen Wunsch, völlig verständlich.“
      „Also wissen Sie . . . „, begann John, aber das Klingeln des Telefons unterbrach ihn.
      Er würde wohl Sherlock mit seinen Ansichten nie richtig verstehen. John widmete sich dem Anrufer, während sein Mitbewohner sich den Laptop herübernahm und etwas zu suchen schien.
      „In Ordnung, ich werde ihn fragen und rufe zurück“, verabschiedete sich John und legte auf.
      „Lestrade?“
      „Woher wissen Sie das?“
      „Nun, Sie haben eine ganz besondere Art, mit ihm zu reden. Soll ich es erklären?“
      „Nicht nötig. Er hat gefragt, ob wir heute Abend zu der Party kommen. Nun überwinden Sie sich, Sherlock, es wird eine nette Abwechslung sein.“
      „Ich habe diesen Tag noch nie gefeiert. Wissen Sie überhaupt, worum es bei Halloween geht? Es werden Kerzen angezündet, um die Geister fernzuhalten. Als würden die Toten aus den Gräbern steigen. Lächerlich!“
      John setzte sich wieder in den Sessel.
      „Sie sind eben Realist, das ist keine Neuigkeit. Ich werde auf jeden Fall hingehen.“
      Die Zeitung knisterte. „Und als was? Als Hexe?“
      „Sie haben schon bessere Witze gerissen. Dabei fällt mir ein, ich wollte noch zum Kostümverleih. Ich habe nichts reservieren lassen, Mist!“
      John sprang auf, nahm sich seinen Mantel von der Garderobe und lief im Eiltempo die Treppe hinab. Kopfschüttelnd vertiefte sich Sherlock wieder in der Zeitung.

      „Ich habe ein wenig über diesen Killer recherchiert, wenn man ihn so nennen kann. Im Prinzip geht es darum, dass er seine Schwester umbringen will, was ihm irgendwann auch gelingt. Worin liegt der Sinn? Was veranlasst ihn dazu?“
      „Haben solche Filme überhaupt Sinn? Wie ist es mit echten Verbrechern? Suchen Sie da nach einem Sinn?“
      John war wieder zurück, trug einen schwarzen Kleidersack in der einen Hand und in der anderen eine prall gefüllte Tasche. Sherlock wollte sich mit Johns Ansichten nicht zufrieden geben, aber er war abgelenkt.
      „Was haben Sie gekauft?“ Er hatte sich mittlerweile eine dunkle Hose und ein hellblaues Hemd angezogen und saß in der Küche vor dem Mikroskop.
      „Nicht gekauft, sondern ausgeliehen. Das war das letzte Vampir-Kostüm. Ich hatte wirklich Glück. Dazu ein Cape, Schuhe, eine Packung Zähne und etwas rote Farbe.“
      „Klingt ja sehr Dracula-mäßig. Und wen werden Sie beißen?“
      „Mal sehen, wer mir da so begegnet“, scherzte John und packte die Sachen aus.
      „Kommen Sie nun mit?“
      „Ich denke nicht, dass ich meine Meinung in zwei Stunden geändert hätte, also nein.“
      „In Ordnung, dann mache ich uns etwas zu essen. Stella wird mich übrigens begleiten. Sie will mich mit ihrem Kostüm überraschen.“
      Sherlock verkniff sich eine Bemerkung und wandte sich wieder seinen Untersuchungen zu.
      „Ich habe Lestrade gesagt, dass Sie nicht kommen, habe ihn von unterwegs aus angerufen. Er fand es sehr bedauerlich.“
      John erwärmte eine große Pfanne und schlug ein paar Eier hinein.
      „Wie wäre es mit Ei und French Toast?“ Er holte eine Packung Toastbrot aus dem Schrank und machte sich daran, diese zu öffnen.
      „Sie sind doch schon dabei. Vermutlich wollen Sie nicht allzu viel essen, weil es heute Abend ein riesiges Buffet geben wird.“
      „Damit liegen Sie richtig“, bestätigte John und widmete sich der Milch, die er für das Toastbrot brauchte. „Und ich werden schlemmen, bis der Arzt kommt.“
      Der Gag zündete nicht bei Sherlock, denn John war selbst ausgebildeter Mediziner, und bevor Sherlock über diesen Scherz lachte, verwandelte sich London in eine Wüste.
      Schweigend aßen die beiden in der Küche, wobei Sherlock es nicht lassen konnte, mehrmals sein Mikroskop zu beäugen.
      „Woran arbeiten Sie?“, fragte John interessiert.
      Er räumte das Geschirr ab. Sherlock hatte es nicht einmal für nötig befunden, ein kleines Dankeschön auszusprechen oder verlauten zu lassen, ob es ihm geschmeckt hatte. So kannte er seinen Mitbewohner, dem es mehr als schwer fiel, wenigstens eine Andeutung zu machen. Ständig schien er in seiner Welt zu sein, nachzudenken und irgendwie ganz weit wegzudriften mit seinen Gedanken.
      „An einer neuen Studie, sehr kompliziert.“
      Er hatte sich schon wieder seinen Notizen hingegeben und war mehr als einsilbig.
      „Nun gut“, gab sich John geschlagen. „Ich halte ein kleines Mittagsschläfchen.“
      Damit verließ er die Küche.

      Um Punkt 19:30 Uhr stand John als Vampir verkleidet vor Sherlock, dem ein eigenartiges Schmunzeln über die Lippen lief. Es war kein anerkennendes oder nettes Lächeln, sondern eher eine kleine Grimasse, die zeigte, wie absurd er dessen Verkleidung fand.
      „Sehr hübsch. Besonders ihr roter Mund ist feminin.“
      „Das ist Blut und kein Lippenstift. Ich gehe jetzt und wünsche Ihnen viel Spaß beim Zuhause hocken.“
      „Viel Vergnügen“, rief Sherlock John hinterher, der fast schon aus der Tür war.
      „Sie haben Besuch“, rief John herauf.
      „Schicken Sie ihn weg“, rief Sherlock herunter.
      „Süßes oder Saures!“, kreischten Kinderstimmen, die an der offenen Tür warteten.
      Genervt erhob sich Sherlock und eilte nach unten.

      Laute Musik und Stimmengewirr vermischten sich mit dem Lachen der Kinder, dem Hupen der Autos und dem Geräusch des leichten Nieselregens, wenn er auf das abgefallene bunte Laub traf, das sich über Londons Straßen verteilt hatte. Vereinzelt klammerte sich noch ein verirrtes Blatt an einen Zweig, würde aber den kühlen Winden, die die Stadt bereits gefangen nahmen, nicht mehr lange trotzen. Raschelnd bahnte sich Sherlock durch das Wirr der Blätter seinen Weg zu Lestrades Haus. Er hörte Mollys lautes, hohes Lachen nach draußen schallen, und klingelte.
      Ein Kerl, ganz in Schwarz gekleidet und mit Scream-Maske öffnete ihm. Es sah albern aus, wie er den Kopf drehte, um darauf zu warten, dass Sherlock sich vorstellte.
      „Findet hier diese unglaubliche Halloween-Party statt?“, witzelte Sherlock und trat an ihm vorbei. „Für Lestrade sind Sie ein paar Zentimeter zu groß.“
      „Ich bin Harry, ein Freund von ihm. Gehen Sie dorthin, woher die Musik kommt. Ich hole noch Bier.“
      Mit großen Schritten ging Harry in die Küche. Sherlock zog seinen Mantel aus und schob die eben gekaufte Maske auf sein Gesicht. Nun denn, wenn er sich schon lächerlich machte, dann wenigstens nicht allein.

      Das Speisezimmer erinnerte an ein Kellergewölbe, mit all dem schummrigen Licht und den dunklen Kerzen. Überall saßen künstliche Spinnen. Papierhexen stachen von der Decke und Kürbisse mit flackernden Windlichtern trugen zur mysteriösen Szenerie bei, genau wie die Skelette, die an den Wänden hingen. Lestrade hatte sich reichlich Mühe gegeben.
      Das duftende Buffet türmte sich auf einer langen Tafel. Von Salaten, verschiedenen Kuchen bis zu drapierten Würstchen, die aussahen, wie abgesägte Finger, die in einer Ketchup-Lache schwammen, war alles da, was das Horror-Herz begehrte.
      Sherlock erblickte Lestrade, der auch als Vampir mehr oder weniger verkleidet war. Er trug ein fast identisches Kostüm wie John und sprach mit John und Molly, die sich für ein violettes Hexenkostüm mit Spitzhut und Warze entschieden hatte.
      Einige Gäste liefen ebenfalls mit Masken herum, Sherlock erkannte auch ein paar Gerichtsmediziner und Kollegen von Lestrade. Stella sah aus wie eine Piratin, jedenfalls deutete die Augenklappe darauf hin, die sie passend zu einem Kopftuch trug. Die Kniehosen verschwanden in groben Stiefeln und der Gürtel, der das rote Hemd umspielte, zierte ein langes Plastikschwert. Lestrades Frau mixte gerade in einem Latexoutfit eine Bowle, bei dem sich Sherlock nicht sicher war, was es bedeuten sollte. Domina-Vampirin? Bevor er weiter mutmaßte, stellte er sich zu der kleinen Gruppe. Überrascht schauten ihn alle unter ihren geschminkten Gesichtern an.
      „Überraschung!“, rief Sherlock in die Runde.
      „Sind Sie es wirklich?“, fragte John ungläubig. „Ich denke, Sie halten nichts von Halloween!“
      „Es gibt auch einen wichtigen Grund, warum ich hier bin. Zu Hause habe ich es keine Minute länger ausgehalten.“
      „Ich hole Ihnen erst einmal etwas zu trinken“, lachte Lestrade und klopfte Sherlock auf die Schulter. „Schicke Maske übrigens.“
      „Ich habe ihm heute von Michael Myers erzählt, er muss ihn tief beeindruckt haben“, sagte John überrascht.
      Molly kicherte, dabei hüpfte ihre künstliche Warze auf und ab.
      „Unsinn“, widersprach Sherlock, „das war die letzte Maske, die es gab.“
      Lestrade war wieder zurück und reichte Sherlock ein Glas Bowle.
      „Und warum wollten Sie nicht zu Hause bleiben?“
      „Die Kinder! Pausenlos geklingelt. Und ich hatte nichts da, keine Süßigkeiten. Die haben die Tür mit Eiern beworfen. John, Sie müssen da morgen ran und sie saubermachen.“
      John stieß die Luft aus.
      „Das werde ich ganz sicher nicht, Sherlock. Wenn Sie hierher gekommen sind, um uns den Abend zu verderben, wird das heute nichts. Wir wollen uns amüsieren.“
      Alle nickten eifrig. Der Song „Ghostbusters“ fing gerade an aus den Boxen zu dröhnen, woraufhin Stella John auf die Tanzfläche zog und Lestrade lauthals anfing, mitzusingen.
      Vielleicht hätte Sherlock doch zu Hause bleiben sollen.

      „Wollen Sie nicht tanzen?“, rief Molly Sherlock zu, die beide am Rand standen und das Treiben beobachteten. Da tanzten Monster miteinander, Mr Scream trank einen Schluck Bowle und musste dafür die Maske heben, ein paar Hexen tuschelten miteinander und schauten zu Sherlock herüber, der ungerührt und verkleidet, jedenfalls im Gesicht, dastand und beobachtete.
      „Warum sind Sie heute hier?“
      Natürlich gab er keine Antwort auf Mollys Frage, sondern stellte ihr selbst eine.
      „Und was gefällt Ihnen an dieser Zusammenkunft?“
      „Warum ich hier bin?“ Sie schien verwirrt und überlegte kurz. „Weil ich schon zum dritten Mal bei der Party dabei bin und es Spaß macht. Man vergisst den Alltag und erlebt etwas anderes.“
      „Alltagsflucht also“, sinnierte Sherlock unter seiner Maske.
      „Können Sie nicht mal das Ding abnehmen?“, fragte Molly genervt.
      „Geht nicht, ich habe da eine widerliche Warze drunter.“
      „Sehr witzig.“ Etwas gekränkt holte sich ein neues Glas Bowle.
      Natürlich hatte er sie gemeint. Was wollte er überhaupt hier? Wenn sie auch nur geahnt hätte, dass er aufkreuzen würde, hätte sie ein anderes Outfit gewählt, um eben nicht wie eine böse, hässliche Hexe auszusehen. Doch nun war es zu spät. Sein überhebliches Grinsen war hinter der weißen Maske des Serienkillers versteckt, nur die blauen Augen hoben sich wie zwei tiefe, klare Seen ab. Sie würde sie überall erkennen.

      „Nun amüsieren Sie sich wenigstens ein bisschen“, ermunterte Lestrade Sherlock, der sich an einen Tisch gesetzt hatte und das Treiben beobachtete.
      „Wenn Sie mir ein Mikroskop besorgen, komme ich ihrem Vorschlag umgehend nach“, antwortete Sherlock.
      Er hatte inzwischen die Maske abgelegt und schaute immer wieder auf den Plasma-Fernseher, der den Film „Nightmare on Elm Street“ zeigte. Vorhin war ihm ein Gast aufgefallen, der dem Hauptdarsteller im rot-schwarzen Ringelshirt und mit merkwürdig bestückten Händen verdammt ähnlich sah. Wahrscheinlich war es praktisch, einen Dosenöffner stets griffbereit zu haben, aber der echte Freddy Krüger trug weitaus schlimmere Waffen an seinen Fingern als die billige Kopie, die fast die gesamte Bowle allein getrunken hatte.
      Er hatte Hilfe gebraucht, um sein Glas nachzufüllen und dann mit einem Strohhalm versucht, die Flüssigkeit zu schlürfen. Nun lag er abseits auf zwei zusammen geschobenen Stühlen und schlief, obwohl die Musik ihn eigentlich daran hindern musste.
      „So etwas habe ich nicht im Haus. Warum unterhalten Sie sich nicht ein bisschen mit Molly über die Leichenstarre oder sonstiges, was Sie in diese Richtung interessiert.“
      Lestrade setzte sich neben Sherlock.
      „Ganz einfach, weil sie mir seit über einer Stunde aus dem Weg geht. Entweder fühlt sie sich unsagbar hässlich in ihrem Kostüm, denn die Warze ist auf wundersame Weise verschwunden, oder sie hat aus einem unerfindlichen Grund keine Lust, sich mit mir zu unterhalten. Stattdessen hat sie mit jedem Mann auf dieser Party getanzt, außer mit mir und Freddy, der sich einen Hut voll Schlaf gönnt.“
      Der Blick von Lestrade glitt hinüber zu dem besagten Schläfer, und er musste schmunzeln, weil er sein Hut vom Stuhl gerutscht war.
      „Eifersüchtig?“
      Sherlocks Blick ließ Lestrade kurz verstummen.
      „Hat wohl zu viel getrunken“, meinte er dann und wandte sich ab.
      „Und wenn er tot ist?“
      Plötzlich schien Sherlock hellwach. Er starrte auf den Brustkorb des Freddy-Doubles, wartete, ob sich die Brust hob und senkte.
      „Er atmet nicht.“
      Sherlock sprang auf.
      „Herr Gott, Sie wollen ja förmlich einen Mordfall hier haben. So langweilig ist doch die Party gar nicht.“
      Lestrade schüttelte unwillig den Kopf und folgte ihm. Sherlock nahm eine Lakritzstange zu Hilfe, mit der er Freddy antippte. Erst zaghaft, dann immer stärker gegen die Brust. Er hämmerte fast auf ihn ein, aber der Mann rührte sich nicht.
      „Lassen Sie mich mal“, mischte sich Lestrade ein und schob sich an Sherlock vorbei.
      „Peter“, rief er und rüttelte an den Schultern. „Peter, hörst du mich?“
      Die anderen Tanzenden wurden aufmerksam, John machte die Musik leiser.
      „Was ist denn?“, fragte er.
      „Er bewegt sich nicht.“ Lestrade legte das Ohr auf das Herz und lauschte. „Ich glaube, er ist tot. John, kommen Sie her.“
      Sofort untersuchte John das Freddy-Double.
      „Sie haben recht“, bestätigte John nach einer Weile und versuchte noch eine Herzmassage, aber es war zu spät. Der Mann war tot.
      „Rufen wir einen Krankenwagen. Ich vermute einen Herzschlag.“
      „Moment, wer sagt, dass es kein Verbrechen war?“
      Alle Augen glitten zu Sherlock, der durch das helle Licht, das nun eingeschaltet worden war, wie der Engel des Todes über Freddy Krüger wachte.
      „Keine Gewaltanwendung, Sherlock“, sagte John. „Ich habe ihn eingehend untersucht.“
      „Und was ist mit Gift?“
      „Sie sind noch in ihren letzten Fall vertieft, der eine Weile her ist. Wer sollte ihn hier vergiften, wo es so viele Zeugen gibt? Außerdem haben wir alle von der Bowle getrunken.“
      „Vielleicht deshalb, damit es nach einem Herzanfall aussieht.“
      Die Polizisten wurden unruhig und warfen Sherlock drohend vor, sie mit Verbrechern zu vergleichen. Das wollte niemand der Gesetzeshüter auf sich sitzen lassen.
      „Was wollen Sie damit sagen?“
      „Wen wollen Sie hier verdächtigen?“
      Die verkleideten Männer kamen bedrohlich näher. Sherlock wich einen Schritt zurück, als sich Freddy Krüger mit einem Ruck aufrichtete und zu ihm mit kratziger Stimme sagte:
      „Ich werde dich in deinen Träumen besuchen!“
      Daraufhin brachen alle in Lachen aus. Ungläubig sah Sherlock von einem zum anderen.
      „Das war gar nicht echt? Er ist nicht tot?“
      „Nein, Sherlock, er erfreut sich bester Gesundheit.“ Auch John konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
      „Und warum das Ganze?“
      „Damit Sie merken, dass es nicht immer um Todesfälle geht. Lachen Sie mit, machen Sie sich von allem frei.“
      Sherlock kam sich wie in einer Sekte vor. Als würden alle ihrem Anführer huldigen und ihm nachplappern, was er in seiner geistigen Erleuchtung von sich gab. Und dieser Wahnsinnige hieß Lestrade.
      „Ich denke, ich muss gehen“, sagte Sherlock kurz angebunden. „John, wir sehen uns.“
      Unter heftigem Protest verließ Sherlock die Party. Er schnappte sich seinen Mantel, warf Molly einen vielsagenden Blick zu, die ihren daraufhin abwandte und verschwand in die kühle Oktoberluft.

      Draußen atmete er ein paar Mal tief durch. Obwohl es weit nach zehn Uhr abends war, liefen noch viele kostümierte Kinder auf den Straßen herum, die aber größtenteils von ihren Eltern begleitet wurden. Ohne festes Ziel ging Sherlock spazieren, bis er abrupt stehenblieb. Ein Schild erregte seine Aufmerksamkeit.
      „Interessant.“
      Er entschied sich kurzfristig, die Friedhofswanderung mitzumachen, die groß angepriesen wurde.
      Der Highgate Cemetery war mit seinen Mausoleen wie geschaffen dafür. Die Laternen beschienen sanft die Wege, tauchten die Grabsteine in schemenhaftes Licht und verliehen dem Ort des Todes etwas Besänftigendes, aber auch Mysteriöses.

      Die Veranstaltung war gut besucht. Sherlock hatte Glück und bekam eine der letzten Karten. Es nieselte leicht, während sie sich in Bewegung setzten.
      Ein Mann mittleren Alters in einen alten Trenchcoat gekleidet, erzählte über die lange Geschichte des berühmten Friedhofs, zeigte auf bekannte Persönlichkeiten, die hier begraben waren und leuchtete mit seiner Taschenlampe wild umher. Auch die Besucher hatten jeder eine bekommen. Das Ganze sollte vermutlich noch mehr zur geheimnisvollen Atmosphäre beitragen.
      Sherlock schlug den Kragen seines Mantels hoch und dachte über die eigenartige Party nach. Er verstand einfach nicht, was daran witzig sein sollte, wenn sich jemand tot stellte. Welche Botschaft wollten sie ihm senden? Sie konnten schließlich froh sein, dass er eine so große Hilfe bei der Lösung undurchsichtiger Fälle war. Warum machten sie sich über ihn lustig? Und John? Hatte er ihm den Spruch mit dem Lippenstift so übel genommen?
      Natürlich war ihm bewusst, dass Arbeit eben nicht alles im Leben ist. Das stand jedenfalls auf irgendwelchen T-Shirts und Kissen. Sprüche wie „Alles wird gut“ oder „Scheiße passiert“ waren ihm geläufig. Aber stimmte das wirklich? Niemals würde alles gut werden, aber Scheiße passierte tatsächlich oft. Bevor er weiter grübeln konnte, gesellte sich ein Mann zu ihm.
      „Na, wie gefällt es Ihnen?“, fragte er.
      Sherlock ließ seinen Scannerblick über ihn gleiten. Eine unordentliche Frisur, Schweiß auf der Stirn, schmutzige Jacke und schlammige Stiefel. Er schätzte ihn auf Ende zwanzig. Immer wieder schaute er sich nervös um.
      „Kann einem so etwas überhaupt gefallen?“, fragte Sherlock wachsam.
      Der andere kicherte verhalten.
      „Wahrscheinlich nicht. Sagen Sie mal, kennen Sie sich hier aus?“
      „Was suchen Sie denn?“
      „Osten.“
      „Sie meinen die Windrichtung?“
      Eifrig nickte der Mann. Sherlock drehte sich um, bis alle anderen an ihm vorbeigegangen waren. Er zeigte hinter sich.
      „Wir sind dort hineingekommen. Also müsste Osten dort sein.“
      Er zeigte nach rechts und hob eine Augenbraue.
      „Da sollen so viele berühmte Gräber sein“, meinte der Mann, und seine Augen leuchteten im Schein der Laterne auf.
      Die beiden schlossen sich wieder der Gruppe an. Nach ein paar Minuten entfernte sich der Mann, der Sherlock eben noch angesprochen hatte, bis er ganz aus seinem Blickfeld verschwunden war. Doch Sherlock, angetrieben von Neugier, folgte ihm. Wie er es sich gedacht hatte, schlich sich er sich Richtung Osten davon.
      Entweder wollte er sich wirklich die Beerdigungsstätten ansehen, was Sherlock bezweifelte, oder er war der dümmste Verbrecher, dem er je begegnet war. Letzteres traf wohl eher zu. Fast lautlos war Sherlock ihm gefolgt.
      Seine dunkle Kleidung und die Erfahrungen der vielen Jahre, in denen er sich mit dubiosen Gestalten abgeben musste, hatten ihn geprägt. Wie ein Unsichtbarer hing er an dem Mann, der sich immer wieder umsah, doch er erblickte nur Bäume, mit denen Sherlock wie ein Schatten verschmolz.
      Was hatte er vor? Immer tiefer gingen sie auf den Friedhof. Der Mond schien grell zwischen den knochigen Zweigen hindurch. Wenn Sherlock nicht so ein Realist gewesen wäre, hätte ihm die Stimmung durchaus Furcht vermittelt.

      Mehrere Gestalten kamen wie aus dem Nichts auf den Mann zu, und sie sprachen nicht gerade leise.
      „Und? Wo müssen wir suchen?“
      „Wir sind hier richtig, das ist Osten.“
      Verständnislos schauten sie ihn an.
      „So schlau waren wir auch schon, aber wo ist das Grab? Hast du nicht gefragt?“
      „Glaubt ihr, dass ich so blöd bin? Da hätte ich doch gleich die Bullen mitbringen können! Woher soll jemand, der sie nicht kannte, wissen wo es ist.“
      Das leuchtete den anderen ein.
      Sherlock verzog den Mund. Er hatte sich geirrt. Er war nicht auf einen dummen Verbrecher gestoßen, sondern gleich auf eine ganze Horde. Es waren vier Männer, die ein Grab suchten. Aber was war daran so interessant? Hatte sich jemand mit einem Schatz beerdigen lassen? Die anderen drei schienen jünger zu sein, den Stimmen nach zu urteilen.
      „Dann suchen wir weiter, aber schnell! Die haben heute so eine Führung durch den Friedhof. Ist zwar eine hübsche Ablenkung, aber entdecken müssen sie uns nicht.“
      Die drei brummten zustimmend und leuchteten jeden Grabstein an, liefen weiter, und taten wieder dasselbe. Sherlock nahm sein Smartphone aus dem Mantel und wählte Johns Nummer. Es würde ihn nicht wundern, wenn er es nicht hörte. So wie der heute in Feierlaune war. Und tatsächlich verhielt es sich auch so, woraufhin Sherlock die Polizei anrief. Niemand würde auf der Party sein Telefon checken, nicht einmal Lestrade, der Urlaub hatte und an nichts anderes als Bowle und Karaoke dachte.
      Sherlock erklärte, was er gesehen hatte und dichtete dazu, dass die Männer bereits einige Gräber schändeten, weil es so klang, als würden nicht genug Hinweise für ein Verbrechen vorliegen. Er beschrieb, wo er war und erklärte es so gut es ging, dann folgte er den undurchsichtigen Individuen.

      Nach kurzer Zeit fand er sie schon und sah, dass sie vor einem Mausoleum standen.
      „Sieh mal, Barry, hier ist es“, staunte einer von ihnen. „Kein gewöhnliches Grab, sondern ein begehbares!“
      Sherlock schnaubte verächtlich, daraufhin stob eine Krähe von einer Tanne und schimpfte. Die Männer hielten inne und lauschten.
      „Ist da wer?“, fragte einer.
      Am liebsten wollte Sherlock: „Ja, hier drüben, ihr Dumpfnasen!“, rufen, aber er verhielt sich ruhig und wartete auf seine Freunde von der Polizei.
      Drei von den Kerlen gingen hinein, der vierte stand Schmiere. Sherlock ärgerte sich, dass er nicht erkennen konnte, um welche Grabstätte es sich handelte. Er wühlte in seinen Gedanken die Beerdigungsanzeigen durch, aber ihm fiel niemand Berühmtes ein, der in den vergangenen Wochen das Zeitliche gesegnet hatte. Keiner der vier hatten Schaufeln dabei. Schon komisch, dachte Sherlock und wartete ab.

      Das Mausoleum wirkte alt und verwittert. Aber das musste nichts heißen, denn oft wurden sämtliche Familienmitglieder an einem Ort bestattet, über Jahrzehnte hinweg.
      Es dauerte ein Weile, bis sie wieder herauskamen. In der Finsternis konnte Sherlock nicht erkennen, ob sie etwas gestohlen hatten. Einer Eingebung folgend, holte er die Myers-Maske aus dem Mantel und setzte sie auf. Schnellen Schrittes kam er hinter dem Baum hervor und stellte sich ihnen in den Weg. Erschrocken wichen sie einen Moment zurück und lachten dann lauthals über ihn.
      „Und? Hast du schon deine Schwester erwischt, Michael?“, johlte einer von ihnen.
      „Wer ist heute dran? Und wieso trägst du einen Mantel. Ist der Overall in der Wäsche?“
      Die vier bogen sich vor lachen.
      Lichtblitze tanzten plötzlich um sie herum. Zwei Polizeibeamte schälten sich aus der Dunkelheit.
      „Was machen Sie hier? Uns wurden Grabschändungen gemeldet“, sagte ein Officer.

      „Und was ist dann passiert?“, gähnte John.
      „Wenn ich Sie langweile, dann sagen Sie es mir“, forderte Sherlock mit schmalen Augen.
      „Nein, nur zu. Es war nur ein langer Tag.“
      Die Uhr zeigte weit nach der Geisterstunde, Halloween war vorbei. Die beiden saßen vor dem prasselnden Kamin und waren erst vor ein paar Minuten heimgekehrt.
      „Man verdächtigte mich, das müssen Sie sich vorstellen! Ich musste die Maske abnehmen und alles erklären. Zuerst glaubte man mir gar nichts. Als ich dann alles berichtete, was ich gesehen habe, redeten die vier endlich.“
      „Und?“
      „Es war eine Mutprobe. Sie wollten eigentlich die Leiche der Großmutter von diesem Barry ausgraben, um sie anzusehen. Er wusste nicht einmal, wo das Grab war, geschweige denn, dass sie in einem Mausoleum lag. Das war der, der mich nach Osten gefragt hat. Aber dann konnten sie es doch nicht. Sie hatten Angst wegen Halloween und den Geistern, die nach ihnen trachten könnten! Hinzu kam noch, dass der Steinsarg im Mausoleum fest verschlossen war, und so wollten sie gerade los, aber ich habe sie aufgehalten.“
      „Beeindruckend!“ John gähnte wieder. „Also liegt kein Verbrechen vor. Alles ist wieder gut.“
      „John, alles kann niemals gut sein.“
      „Sie ärgern sich immer noch, dass wir Sie aufs Glatteis geführt haben, völlig verständlich. Damit wollten wir Ihnen nur zeigen, dass Sie ruhig auch einmal abschalten können, um sich zu vergnügen. Nicht immer muss etwas geschehen, dass Ihre Fähigkeiten auf den Plan ruft. Sogar auf dem Friedhof war am Ende alles ganz anders. Es tut gut, sich mal fallen zu lassen. Plaudern, tanzen, lachen. Verstehen Sie?“
      „Es ist mir durchaus bewusst, was Sie mir damit sagen wollten, aber ich fand es trotzdem daneben. Mit dem Leben spielt man nicht.“
      „Sie haben recht und ich gebe mich geschlagen. Wie klingt das?“
      „Unehrlich“, sagte Sherlock und erhob sich.
      „Ich werde auch mal. Übrigens, Freddy hat nach Ihnen gefragt.“
      „Er soll sich mit den anderen Killern anfreunden.“
      Sherlock nahm die Myers-Maske und schmiss sie ins Feuer. Knisternd fraßen sich die Flammen durch das Plastik, während er sich schwor, niemals wieder zu einer Halloween-Party zu gehen und John, dass er nicht mehr so viel Bowle trinken wollte.

      ENDE
    • *thumps* Danke für diese Story. Genauso würde sich Sherlock zu Halloween verhalten, klasse eingefangen. *lach*
      "A life is like a garden. Perfect moments can be had, but not preserved, except in memory.LLAP"
      “Don’t you dare think there is anything, past or present, that I would put in front of you.”


      *rose* Sig by angelinchains
    • Lucy, ich hab laut gelacht! *lach1* Das war wirklich herzerfrischend komisch, was John und Co da mit Sherlock gemacht haben. *thumps* Kein Wunder, dass Sherlock tödlich beleidigt war. Aber dass er dann auf dem Friedhof gleich noch mal daneben langt, und ganz umsonst die Polizei auf den Plan ruft, brachte wohl das Fass zum überlaufen. *lach*

      Wäre ich an seiner Stelle, ich würde auch einen großen Bogen um Parties und ähnliches Gedöns machen. *nein*

      Dankeschön für diese nette, lustige Story, das Lesen hat mir Spaß gemacht. *umarm*
      *tea*